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Full text of "Die Agricultur-Chemie nach dem heutigen Standpunkte der Wissenschaft und Erfahrung;"



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THE LIBRARY 




THE ÜNIVERSITY 

OF 
NORTH CAROLINA 

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THE LIBRARY OF THE 

ÜNIVERSITY OF 

NORTH CAROLINA 

AT CHAPEL HILL 




ENDOWED BY THE 

DIALECTIC AND PHILANTHROPIC 

SOCIETIES 

WtItOA Annex 



S585 
.G64 

V. 1 



UNIVERSITY OF NC. AT CHAPEL HILL 



00041339907 



This BOOK may be kept out f^f'^SBS^ 
ONLY, and is subject to a fine of FIVE 

CENTS a day thereafter. It was taken out on 
the day indicated below: 



Digitized by the Internet Archive 

in 2012 with funding from 

University of North Carolina at Chapel Hill 



http://archive.org/details/dieagriculturche01gohr 



Die 



Agricultur-Cliemie 

» 

nach dem heutigen Standpunkte 

der 

Wissenschaft und Erfahrung. 



Von 



Dr. Theodor von Goliren^ 

Director der landwirtlischaftliclien Lehranstalt Francisco - JosepMEum 
in Mödling bei Wien. 



In ZAvei Tlieilen. 

I. Theil. 

Die natiirgesetzliclien Grundlagen 

des Pflaiizenl)anes. 

IL Thell. 

Die Naturgesetze der Ftltteruiig 

der landwirthschaftliclien Nutzthiere. 



Wilson Annex 






Die 



iiatiirgesetzliclieii Gniiidlageiu 

des 

Pflanzenbaues. 



Yon 



Dr. Theodor ron Goliren, 

Director der landwirthschaftlichen Lehranstalt Francisco - Josephinum 
in Mödling- bei Wien. 



Dritte gänzlicli umgearbeitete Auflage 
des ursprünglichen AVerkes 

theoretisch-praktisclie Ackerbau- Chemie 

von 

Prof. Dr. ßol)ert Hoffmann. 



Mit 41 in den Text eüagedruckten Holzsctaitten. 2 colorirten Tafeln 
und zahlreichen Tabellen. 



Leipzi 

Verlag von C. L. 

1S77. 




Vorwort ziu' dritten Auflage. 



Indem ich den iirsprünglicli von meinem Freunde und 
Collegen, dem leider zu früh verstorbenen Prof. Dr. Kobert 
Hoff manu, verfassteu ersten Theil*) einer von uns beiden 
nach gemeinsamem Plane herauszugebenden „Agricultur- 
chemie" in neuer Bearbeitung der Oeffentlichkeit übergebe, 
kann ich nur den Wunsch hegen, dass diese neue Auflage sich 
bei meinen Fachgenossen, sowie in den Kreisen der practischen 
Landwirthe einer gleich freundlichen Aufnahme zu erfreuen 
haben möge, wie die beiden ersten. 

Ich war bemüht, das Werk dem heuj;igen Stande der 
Wissenschaft und Erfahrung gemäss umzuarbeiten. Was zu 
diesem Zwecke geschehen musste, bitte ich den geehrten Leser 
bei einem Vergleich der früheren Auflagen mit der dritten selbst 
zu beurtheilen. 

Meinem verehrten Collegen, Herrn Professor Theodor 
Langer, welcher die Güte gehabt hat, die Bearbeitung des 
C^ Capitels: „Die Atmosphäre" (S. 133 — 198) zu übernehmen 
vi 



'^^ *) Den zweiten Theil bildet das Werk : „Die Naturgesetze der Fütterung 

^ der landmrtlischaftliclien Nutzthiere". 



TI Vorwort zur dritten Auflage. 

und dadurcli gewiss den Wertli des Buches zu erhöhen , sage 
ich auch an dieser Stelle wärmsten Dank. 

Möge denn das Buch von Neuem seinen Weg antreten, 
die alten Freunde sich erhalten, neue erwerben und nützen, so 
viel es vermag! 

Mödling, im Juli 1877. 

Dr. TOii Grohreii. 



InhaltsYerzeicliniss. 



Der Boden s^^,, 

I. Die Bildung des Bodens 1 

1. Das Material zur Bodenbildung 4 

A. Krystallinisclie Gesteine 5 

a. einfache krystaUinische Gesteine 5 

b. zusammengesetzte krystallinische Gesteine 12 

B. Elastische Gesteine 15 

2. Die Ursachen der Zertrümmerung und Yerwitte- 

rung der Gesteine 18 

3. Die Pro ducte der Verwitterung der Gesteine . . 25 

A. Yerwitterungs -Producte der einfachen krystaUinischen Ge- 

steine 25 

B. Verwitterungs - Producte . der zusammengesetzten krystaUini- 

schen Gesteine ■ 26 

C. Verwitterungs-Producte der klastischen Gesteine .... 29 

4. Die Formbes tandtheile der Gesteinstrümmer und 

Verwitterungs-Producte 30 

A. Der Steinschutt 31 

B. Der Erdschutt 33 

5. Die Beziehungen der Organismen zur Bodenbii düng 38 

H. Die Bodenarten, ihre Eintheilung und Ablagerungsver- 
hältnisse . 49 

1. Die Bo denarten nach ihren Gemengtheilen . ... 49 

A. Die Mineral- oder Rohbodenaiten 49 

B. Die Humusbodenarten 56 

2. Die Bodenarten nach ihren Ablagerungs Verhält- 

nissen 58 

A. Die sedentären Bodenarten 59 

B. Die sedimentären Bodenarten 63 

3. Die Bodenarten nach ihrer Benutzungsart ... 73 

m. Die Lage des Bodens "5 

1. Die Höhe der Bodenfläche über den Meeresspiegel 75 

2. Die Lage des Bodens gegen die'Himmelsgegend . . 77 

3. Die Laa:e des Bodens searen dem Horizont 78 



VIII Inhal tsverzeichniss. 

Seite 

IV. Die Eigenschaften des Bodens 79 

Allgemeines 79 

1. Die physikalischen Eigenschaften des Bodens . Sü 

A. Das absolute und specifische Gewicht des Bodens ... 80 

B. Die Farbe des Bodens 81 

C. Das Gefüge und die Structur des Bodens 81 

D. Das Verhalten des Bodens gegen Wasser 85 

a. Die Wassercapacität 85 

b. Die capülare Wasserleitung . .■ 88 

c. Die Durchlässigkeit 90 

d. Das Austrocknungsvemiögen 90 

e. Das Condensationsvermögen 92 

E. Das Verhalten des Bodens gegen Wärme 92 

a. Die Wärmequellen 92 

b. Die Erwärmungsfähigkeit 94 

F. Der Boden und die Elektricität 102 

2. Die chemischen Eigenschaften des Bodens .... i03 

A. Die chemischen Bestandtheüe des Bodens 103 

B. Die Bodenlösungen 110 

C. Die Bodengase 114 

D. Die Absorption 116 

a. Die Absorption von Gasen 117 

b. Die Absorption fester Substanzen aus Lösungen . . . 119 

E. Die Untersuchung des Bodens 123 

a. Die mechanische Analj^se 124 

b. Die chemische Analyse 126 

V. Eeiehthum und Kraft des Bodens, Werthsehätzung (Boni- 

tirung) 129 

Die Afiuospliäre 

(bearbeitet von Prof. Th. Langer) 133 

I. Eigenschaften und Zusammensetzung der Luft (Atmo- 

Bphärologie) 133 

U. Die Erscheinungen in der Atmosphäre und deren all- 
gemeine Ursachen (Meteorologie) 136 

1. Das Licht 137 

2. Die Wärme und ihre Vertheilung auf der Erdober- 

fläche . 139 

A. Erwäi-mung und Abkühlung der Luft 142 

B. Abnahme der Lufttemperatur mit der Höhe 144 

C. Täglicher und jährlicher Gang der Lufttemperatur . . . 146 

D. Tägliche und jährliche Schwankung der Lufttemperatur . 148 

E. Nichtperiodische Aenderungen der Lufttemperatur . . . 149 

F. Temperatur der Waldluft gegenüber der freien Luft . . 150 

G. Isothermen und Isanomalen 154 

3. Der Luftdruck 156 

4. Die Luftströmungen oder Winde 158 

A. Windverhältnisse der gemässigten Zonen 161 

B. Drehstürme (Cyclonen) _ . . 164 

C. Einfluss der Winde auf Temperatur und Feuchtigkeit der 

Luft 167 



Inhaltsverzeichniss. IX 

Seite 

5. Der Wasserdampf der Atmosphäre ....... 16S 

FeucMigkeitsverhältnisse der Waldluft 170 

6. Atmosphärische oSTiederschläge (Hydrometeore) . . . 172 

A. Thau und Eeif 172 

B. Xebel und Wolken 17-i 

C. Regen und Schnee 17B 

a. Jährliche Regenmenge eines Ortes und die sie beein- 

flussenden Factoren 177 

«. Geographische Lage 17'^ 

ß. W^inde 179 

/. Gebiro'e 179 

8. AYakr ISO 

£. Häufigkeit der Niederschläge, deren Dauer und Mäch- 
tigkeit ISl 

b. Vertheilung des Regens auf die Jahi'eszeiteu .... 184 

D. Graupeln und Hagelkörner ISB 

7. Meeresströmungen 1S7 

S. Die Luftelektricität und die Gewitter 1S9 

m. Der durehschnittlielie Verlaiif der atmosphärischen Er- 
scheinungen innerhalb kleinerer Gebiete der Erdober- 
fläche und die ihn bedingenden Umstände (Klimatologie) 192 
Ermittelung des Klimas eines kleinei'en Gebietes oder des Stand- 
oites. Meteoroprognose 194 

Die Pflanze 199 

I. Die Pflanze nach ihren Formbestandtheilen 200 

1. Die Pflanzenzelle 200 

2. Der Aufbau der Pflanzen aus Zellen 20.3 

3. Die Pflanze in ihrer äusseren Gliederung .... 207 

A. Die Ernährungsorgane der Pflanzen 207 

a. Die Wurzel 207 

b. Der Stengel 213 

c. Die Knospe 213 

d. Die Blätter 214 

B. Die Fortpflanzungsorgane der Pflanze 215 

a. Die Blüthe 21-5 

b. Die Frucht 216 

n. Die Pflanze nach ihren chemischen Eestandtheilen . . 21S 

1. Die unorganischen (mineralischen, Aschen-) Bestand- 

theile der Pflanzen 218 

2. Die organischen Bestandtheile der Pflanzen. . . 235 

A. Die stickstofiYreien organischen Bestandtheüe der Pflanzen 250 

a. Die Kohlehydrate 250 

b. Die Fette 254 

c. Die Harze, Kautschukkörper und ätherischen Oele . . 256 

d. Die Farbstofte, Bitterstofie und Glucoside 256 

e. Die Pectinstoffe 258 

f. Die Pflanzensäuren 258 

B. Die stickstofiTialtigen Bestandtheile der Pflanzen .... 259 
a. Die Protemstofi:e -59 



X Inhaltsverzeichniss. 

Seite 

b. Die pflanzlicilen Fermente 261 

c. Die Pflanzen-Alkalo'ide 261 

m. Das Leben der Pflanze 262 

1. Allgemeine Lebensbedingungen 262 

A. Das Licht 262 

B. Die -Wärme 265 

C. Die Elektricität 267 

D. Die Scbwei-kraft 268 

2. Das Keimen 269 

3. Die Periode des Vfacbsens 281 

A. Art, Quelle und Form der Pfianzen-Nährstofi'e .... 282 

B. Das Bildungsleben 285 

a. Die Aufnahme und AVanderung der Nährstoffe . . . 285 

b. Die Assimilation der Nährstoffe, der Stoffwechsel und 

die Production von Pfianzenstoffen 294 

4. Die Fortpflanzung 300 

5. Die Pflanzenkrankheiten und ihre Ursachen . . . 304 

6. Lebensdauer und T od der Pflanze 306 

Praktische Abtheilung. 

Die Culturpflauzen und ihre Ernährung .... 307 

I. Arten der Culturpflanzen 310 

A. Eiutheüung nach der Benutzung 311 

B. Eintheilung nach den Bestandtheilen 311 

C. Eüitheilung nach Pflanzentheilen und deren nutzbaren Be- 

standtheileu 312 

n. Vertheilung der Culturpflanzen nach den Klimaten . . 314 

m. Die Ernährung der Culturpflanzen 317 

1. Welche Nährstoffe müssen den Culturpflanzen 

künstlich zugeführt werden? 318 

2. Welche Nährstoffe der Culturpflanzen sind für den 

Landwirth die werthvollsten ? 320 

3. Wie nehmen die Nährstoffe indirect günstigen 

Einfluss auf die Ernährung und das Gedeihen 

der Culturpflanzen? 321 

4. In w^elchen Verbindungen müssen die Nährstoffe 

den Culturpflanzen zugeführt werden ? .... 322 

5. In welchen Mengen sind die einzelnen Nährstoffe 

den Culturpflanzen zu bieten? 323 

(Tabelle über cUe durch die Ernten dem Boden entzogenen 

Mengen anorganischer Bestandtheile) 325 

IV. Äussere Einflüsse auf die Vegetation 334 

Der Düng-er und seine richtige Anwendung . . . 347 

Die Düngei'anwendung im Allgemeinen 355 

A. Allgemeine Düngerarten 360 

1. Stalldünger (Stallmistl 360 

a. Die Entleerungen (Ausscheidungen) der iandw. Nutzthiere 360 



Inhaltsverzeichniss. XI 

Seite 

b. Die Einstreu 369 

c. Bereitung und Aufbewahrung des Stalldüngers .... 37.3 

d. Berechnung der Menge, der Kosten und des Geldwerthes 

des Stallmistes 3S2 

e. Eigenschaften des Stalldüngers und dessen Veränderungen 

beim Liegen 385 

f. Rationelle Anwendung des Stalldüngers 391 

2. Der Pferchdünger (Hordendünger) 398 

3. Die menschlichen Entleerungen (Excremente. Excrete) 

und der aus denselben bereitete Dünger (Pou- 

drette, Urate) 399 

a. Zusammensetzung und Werth 399 

b. Ansammlung, Behandlung und Verwerthung der mensch- 

lichen Excrete 402 

4. Stickstoff- Guano (Peruguano) 410 

a. Vorkommen, Zusammensetzung, Eigenschaften und Wir- 

kung des Guano 410 

b. Die Anwendung des. Guano 415 

c. Dem Peruguano verwandte, künstliche Guanosorten . . 417 

5. Thierische Abfälle 420 

6. Frische Pflanzen (Gründüngung) 426 

7. Oelkuchen und andere als Abfälle sich ergebende 

Pflanzensubstanzen 427 

8. Der Torf 432 

9. Erde (Schlamm. Thon, Koth u. s. w.) als Dünger . . . 433 

10. Das Wasser als Düngemittel (Wiesenbewässerung) . . 437 

11. Flüssiger Dünger (Kloakenwasser u. s. w.) 440 

12. Mengedünger (Compost) 445 

B. Speeielle Düngerarten 448 

13. Kalireiche Düngemittel 448 

a. Die Stassfurter und Kaluszer Salze 448 

b. Die Asche 452 

c. Melasse, Melassenschlempe und Elutionsflüssigkeit . . 454 

d. Kalihaltige Gesteine 455 

14. Phosphorsäurer eiche Düngemittel 456 

a. Die Knochen ~. 456 

b. Phosphatguanos 463 

c. Mineralische Phosphate . 464 

d. Phosphorsäurehaltige Abfälle 468 

15. Stickstoffreiche Düngemittel 467 

16. Kalkreiche Düngemittel 470 

17. Schwefelsäurereriche Düngemittel (Sulphate) . . . 475 
IS. Chlor- und natriumhaltige Düngemittel .... 478 

Die Bodenlbearbeitnng und Eeg-ulirnng der Yeg-etationsfactoren 

des Bodens 4S0 

I. Die Urbarmachung 481 

H. Die Bearbeitung des Culturbodens 482 

A. Die mechanischen Acte der Bodenbearbeitung 483 

1. Die Spatencultur 483 



XII Inhaltsverzeichniss. 

Seite 

2. Die Acker im g 484 

3. Das Eggen 490 

4. Das Walzen . 491 

5. Die Tiefcultur 492 

H. Die Erdmischung 497 

B. Die Regulirung der physikalischen nnd chemischen Vegeta- 
tionsfactoren des Bodens 49S 

1. Die Entwässerung des Bodens 498 

Ursachen der zu grossen Nässe 500 

Ableitung des Tagewassers 501 

Ableitung des QueU- und Stauwassers 502 

Nutzen und Wirkung der Drainage 506 

2. Die Bewässerung des Bodens 514 

3. Das Bodenbrennen . . . . . 515 

4. Die Brache 518 

5. Der Pflanzenwechsel (die Fruchtfolgej 519 

Die ivirthscliaftliclie Systemisirung des Pflanzenbaues . 525 

I. Charakteristik der einzelnen Wirthschaftssystenie . . . 525 

1. Die ungeschmälerte Weide- und Graswirthschaft 527 

2. Die wilde Feldgraswirthschaft 527 

3. Die geregelte Feldgraswirthschaft 528 

4. Die vervollkommnete und geregelte Feldgraswirth- 

schaft " . ." .530 

5. Die Körner wir thschaft 530 

6. Die verbesserte Körnerwirthschaft 532 

7. Die Fruchtwechselwirthschaft 532 

S. Das industrielle System (die landwirthschaftliche In- 

dustriewirthschaft) 534 

9. Das Speculationssystem (die freie Wirthschaft) . . . 535 

n. Die Wirthsehaftssysteme mit Rücksicht auf die Boden- 
erschöpfung und den Ersatz 537 

Register 555 



Der Boden. 



,,Le sol c'est la patrie, meliorer Tun c'est 
servir Tautre." 

( Ueber der Eingangspforte der Ackerhau- 
schule in Grignon.) 



Der Boden ist die oberste Schicht der Erdrinde. Ist diese 
Schicht für Ackerbau und Waldbau nutzbar, nennt man sie Cultur- 
boden. Der Culturboden liefert den Culturpflanzen die Boden- 
nahrung, sowie den mechanischen Halt und regelt das Zusammen- 
wirken jener Bedingungen, welche sich vereinigen müssen, um 
vollkommene Pflanzen zu erziehen. 

Der Culturboden besteht im Allgemeinen aus grösseren und 
kleineren Gesteinstrümmern , aus zu lockerer Erde zerfallenen 
Gesteinen und aus grösseren oder geringeren Mengen pflanzlicher 
und thierischer Reste. 

Die Kenntniss des Bodens ist für den Landwirth um so noth- 
wendiger, als er auf Fruchtbarkeit oder Dürftigkeit seines Bodens 
Einfluss zu nehmen im Stande ist, nicht aber, oder doch nur in 
sehr beschränktem Maasse auf die eigentlichen Producenten pflanz- 
licher Materie, Licht und Wärme. 

Die Bildung, Entstehung und Eigenschaften des Bodens ohne 
Rücksicht auf dessen landwirthschaftliche Nutzung lehrt die Pedo- 
1 g i e , mit Bezug auf die landwirthschaftliche Nutzung die A g r o - 
logie. 



I. Die Bildung des Bodens. 

Die Frage nach der Bildung des Bodens führt uns zu der 
Entwickelungsgeschichte der Erde. Während man früher die An- 
sicht hegte , dass die jetzige Oberflächengestaltung unserer Erde 
durch gewaltsame Revolutionen hervorgerufen worden sei, hat man 
jetzt die Erklärung für die mannigfaltigen Veränderungen in und 
auf der Erdrinde in dem Gesetze der allmäligen Entwickelung durch 

V. Gohren, Ackerbauchetnie. 1 



2 Die Bildung des Bodens. 

stete Siimmimng der Einzel Wirkungen gefunden. Man denkt sich 
den Entwickelungsgang der Erde bis zu ihrer gegenwärtigen Gestalt 
kurz folgendermassen : 

Die gesammte Erdmasse war anfänglich ein den Gesetzen der 
Gravitation folgender Gasball mit ungeheuerer Temperatur. Durch 
Wärmeausstrahlung in den kalten Weltenraum ging ein Theil der 
gasförmigen Stoffe in den flüssigen Aggregatzustand über und es 
bildete sich ein flüssiger, von einer Gashülle umgebener Erdkern. 
Bei fortschreitender Abkühlung erstarrte der oberste Theil des 
flüssigen Kerns zu einer festen Gesteinskruste. Durch die Be- 
wegung des feurig flüssigen Kerns in Folge der Anziehung durch 
Sonne und Mond stellten sich Berstungen der erstarrten Kruste ein 
und in die gebildeten Spalten trat feurig flüssige Masse, ein Vorgang^ 
der sich von nun an wiederholt und die Ursache der eruptiven 
Gesteinsbildung wird. Endlich ist die Erdoberfläche so weit 
erkaltet, dass Wasser bildung möglich wird und von diesem Zeit- 
punkt an tritt ein neuer und sehr wichtiger Factor für die Umformung 
der Erdoberfläche und die Bildung von Gesteinen auf. Durch 
mechanische Ab- und Anschwemmungen, durch chemische Auf- 
lösungen, Verbindungen und Niederschläge entstehen die sedi- 
mentären Ablagerungen. Noch aber gab es keine organische 
Materie. 

Wie zuerst Leben auf der Erde entstanden ist, darüber lassen 
sich nur Hypothesen aufstellen. Möglich ist es, dass aus unor- 
ganischen Stoffen durch Urzeugung Organismen entstanden sind, 
möglich ist es ebenso, dass die Keime aller Organismen, gleich den 
unorganischen Atomen ewig, im geeigneten Zeitpunkt aus dem 
Weltenraum auf die Erde gelangt und folgend dem Gesetze der 
allmäligen Entwickelung, sich von der einfachsten Form bis zu den 
höchst complicirten Organismen der Gegenwart entwickelt haben. 
Mit dem Eintreten des organischen Lebens in den Process der Ober- 
flächengestaltung der Erde war ein bis auf die Jetztzeit ununter- 
brochen wirkender Factor für Neubildungen und Metamorphosen 
gegeben. Allmälig gestattete die fortdauernde Abkühlung und die 
dadurch zur Wirkung kommenden Wärmeunterschiede der Sonnen- 
bestrahlung das Entstehen von Wärmezonen und endlich auch die 
Bildung von Eis und Gletschern. Wie folgenreich die Eis Wir- 
kung auf die Gesteinsbewegungen und Formationen gewesen ist 
und noch ist, wird später noch besprochen werden. So kam 
denn endlich durch die Wechselwirkung vorgenannter Factoren der 
Zeitpunkt, wo der Mensch auf der Erde zu leben vermochte und 
mit dem Auftreten des Menschen der tiefein greifen de Einfluss geisti- 
ger Functionen auf die Vorgänge in der Natur. Noch steht aber 



Die Bildung des Bodens. 3 

die Entwickelung der Erde und ihrer Organismen nicht still, noch 
wirken physikalische und chemische Processe im Grossen wie im 
Kleinen zum ewigen Kreislauf alles Seienden und wie der Anfang 
in ewiges Dunkel gehüllt bleiben wird, so auch das Ende unseres 
Planeten. 

Dass es unmöglich ist, das absolute Alter der in den ver- 
schiedenen Perioden entstandenen Bildungen zu bestimmen, ist be- 
greiflich, wohl aber lässt sich das relative Alter der einzelnen 
Gesteinsformationen feststellen, indem man annimmt, dass die unter 
einer anderen liegende Schicht immer älter sein muss, als die auf- 
gelagerte und dass bei durchgreifender Lagerung das durchgreifende 
Gebirgsglied jünger ist, als alle Gebirgsglieder, welche durchsetzt 
werden. Die gleichzeitig und gleichartig gebildeten Formationen 
stellen somit einen besonderen Zeitabschnitt in der Entwickelungs- 
geschichte der festen Erdkruste dar und eine Gruppe von For- 
mationen eine Periode. Folgende Tabelle gibt ein Bild der Auf- 
einanderfolge dieser Formationen und Perioden. 

A. Sediment-Formationen. 



Weltalter 

oder 
Perioden 



Formationen 



Anthropozoische 

Periode 

oder Jetztzeit 

IV. 

Kaenozoische 

Periode 
oder Neuzeit 

III. 

Mesozoische 

Periode 

oder Mittelalter 

II. 
Palaeozoische 

Periode 
oder Alterthum 



Prozoische Zeit 
oder Urzeit 



!12. Quartär-Forma-i...^ 
Quartare \ tion (Alluvmm u. xugj.gg 
Diluvium) 



Tertiäre 



11. Neogen-F. 
10. Eocän-F. 



9. Kreide-F. 
Secun- 8. Jura-F. 
däre \l. Ehätische F. 
[6. Trias-F. 

5. Dyas-F. 

4. Steinkohlen-F. 



Primäre 



3. Devonische F. 
2. Silurische F. 

11. Primitive F. 



aufge- 
schwemmtes 
Gebirge 



jüngeres \ Braunkohlen- 
iälteres f Gebirge 

i 

jQuadersandstein-Geb. 
Oolith-Gebirge 
[Dolomit- Gebirge 
Salz-Gebirge 

Kupfer-Gebirge 
Steinkohlen-Gebirge 

Iüebergangs- 
gebirge oder 
Grauwacken- 
Gebirge 

Urgebirge oder krystal- 
linisches Schiefer -Ge- 
birge. 



Das Material zur Bodenbildung:. 



B. Eruptiv-Formationen. 



Perioden 



Formationen 



Gesteine 



III. 

Känolithische 

Periode 



II. 

Mesolithische 
Periode 



Palaeolithische 
Periode 



7. Jüngere Trachj^t- und 
Basalt-Formation 



6. Jüngere Porphja- - For- 
mation oder ältere Tra- 
chyt- u Basalt-Formation 



Basaltlaven 
Rhyolithlaven 
Traclaytlaven 
Andesitlaven 

Dolerit und Basalt 

Trachj^t 

Piopylit 



5. Jüngere Grünstein-For- Gabbro, Olivinfels, Ser- 
pentin 

Banatit 

Protogin 

Alpengranit 

Melaphyr, Augitporphyr 
Felsitporphyr, Porphyrit 

Diabas und Gabbro 
Diorit, Glimmerdiorit 

Syenit 
Granit. 



mation 
4. Jüngere Granit-Format. 



3. Aeltere Porphyr -For- 
mation 

2. Aeltere Grünstein-For- 
mation 

1. Aeltere Granit -Format. 



1. Das Material zur BodenbiUking. 

Jeder Bodeu, also auch jeder Culturboden, entstammt festem 
Gestein. Die Gesteine, welche ihrer räumlichen Ausdehnung nach 
wesentliche Theile der festen Erdrinde, Gebirgsglieder darstellen, 
sind bisweilen aus einem einzigen Mineral gebildet, gewöhnlich aber 
enthalten sie verschiedene Mineralien in mehr oder weniger inniger 
Mischung; man unterscheidet demgemäss einfache Gesteine 
und zusammengesetzte Gesteine. 

Dem Ursprünge nach unterscheidet man: vulcanische Ge- 
steine, sedimentäre Gesteine und metamorphische 
Gesteine. 

Die vulcanische n Gesteine sind entstanden durch Erstarren 
aus feurig-flüssigem Zustand, die sedimentären Gesteine ver- 
danken ihren Ursprung dem Wasser, d. h. ihr Material ist aus 
dem Wasser in Form von Schlamm, Sand oder Kies niedergeschlagen 
worden und diese losen Sedimente haben sich später verkittet. Die 
metamorphischen Gesteine sollen durch Einfluss hoher Tem- 



Einfache krystallinische Gesteine. 5 

peraturen auf sedimentäre Gesteine entstanden sein. Die vulcanischen 
und metamorphischen Gesteine fasst man wohl auch mit dem Namen 
krystallinische Gesteine zusammen. 

Aus dem festen Gestein entsteht der Gebirgssehutt , welcher 
bald in Form von Felsblöcken, bald als Gerolle, Kies, Sand oder 
Erde auftritt. Die Umwandlung selbst geschieht durch mechanische, 
chemische und physiologische Einwirkungen. Will man die Be- 
schaffenheit des Gebirgsschuttes kennen lernen, so muss man unbe- 
dingt zu dem anfänglichen Bildungsmateriale , den k r y s t a 1 1 i n i - 
sehen Gesteinen zurückgreifen, denn die unter den sedimentären 
Formationen auftretenden sogenannten klastischen Gesteine 
(Breccien, Conglomerate, Sandsteine, Schieferthone, Mergel u. s, w.) 
sind selbst nur fest zusammengekitteter Gebirgssehutt und unter- 
scheiden sich von dem gegenwärtig existirenden Gesteinsschutte nur 
durch den grösseren Zusammenhalt ihrer Massen. Sie sind ebenso 
wie in neuerer Zeit entstandener Schutt auch erst aus der Ver- 
witterung krystallini scher Felsarten hervorgegangen. 

A. Äj'i/stallimsche Gesteine. 

a) Einfache krystallinische Gesteine. 

Quarz. Die Quarzgesteine gehören zu den verbreitetsten Ge- 
steinen. Sie kommen nicht nur in fast allen Felsarten als Gemengtheil 
vor, sondern auch im isolirten Zustande in Form von Quarzfels, 
Quarzit, Kieselschiefer, Feuerstein (Flint) als Gebirge 
bildendes Gestein. Als Geschiebe bildet der Quarz den allbekannten 
„ Kieselstein ". Wir finden Quarz in gröberen oder feineren Körnern 
als Quarzsand in jedem Ackerboden, als Hauptbestandtheil sedimen- 
tärer Ablagerungen, des Wüsten- und Dünensandes, des Sandes in 
den Flussbetten. Quarz ist ferner ein Hauptbestandtheil der Sand- 
steine und Conglomerate. In reinem Zustand, z. B. als Bergkrystall, 
besteht der Quarz aus in Wasser vollkommen unlöslicher Kiesel- 
säure. Der Quarz ist ungemein hart. Die Quarzgesteine enthalten 
in der Regel fremde Beimengungen, besonders Oxyde des Eisens. 

Feldspat h. Die Feldspathe sind weisse, grünliche, gelbliche, 
röthliche, rothbraune, graue, graubraune, seltener farblose, wasser- 
lose, ziemlich harte (H = 6) Verbindungen von Kieselsäure mit 
Thonerde und mit mehr oder weniger Alkalien oder Kalk. Man 
unterscheidet den Orthoklas oder Feldspath schlechtweg, den 
Oligoklas und den Labrador. Der Orthoklas enthält neben 
Kieselsäure und Thonerde namentlich Kali, der Oligoklas Kali, 
Natron und Kalkerde und der Labrador Natron und Kalkerde. Eine 
Varietät des Orthoklas ist der Sanidin, ausgezeichnet durch seinen 



6 Einfache krystalliiiische Gesteine. 

Glasglanz und die rissige Beschaffenheit. Die Feldspathe sind einer- 
seits sehr wichtig als Gemengtheile der verschiedenen zusammen- 
gesetzten Gesteine, andererseits als das Bildungsmaterial für Kaolin, 
Thon, Lehm u. s. w. und machen in ihren Trümmern sehr häufig 
die Bestandtheile des Sandes aus. 

Z e 1 i t h. Die Zeolithe sind den Feldspathen sehr nahestehende, 
entweder farblose oder weisse , weissgraue , gelbe oder röthliche, 
wasserhaltige Silicate von Thonerde und Kalk oder Alkalien. 
Bemerkenswerth ist die Leichtigkeit, mit welcher sie sich unter 
Einfluss leichter Säuren zersetzen. Man unterscheidet Strahlfaser- 
zeolithe, Strahlblätterzeolithe , Säulenzeolithe und Würfelzeolithe. 

Augit- und Amphibolgruppe. Statt der Thonerde und 
der Alkalien treten in dieser Gruppe zum Unterschied von der 
Feldspathgruppe Magnesia, Kalk, Eisen- und Manganoxydul hervor. 
Die bemerkenswerth esten Repräsentanten sind: der Augit, Dial lag, 
Hypersthen und Amphibol. Der Augit ist meist schwarz 
und glasartig, von Säuren wird er gar nicht oder nur wenig an- 
gegriffen. Im Allgemeinen ist er eine Verbindung von kieselsaurer 
Kalkerde mit kieselsaurer Magnesia und kieselsaurem Eisenoxydul, 
in welcher jedoch die Kalkerde vorherrscht, die Thonerde und 
Eisenoxyd nicht ganz fehlen, Alkalien aber fast vollständig ver- 
schwinden. Bemerkenswerth ist der oft bedeutende Gehalt an 
Phosphorsäure. Der Diallag ist nelkenbraun bis broncefarbig 
oder graugrünlich, mit starkem halbmetallischen Perlmutterglanze, 
in seiner chemischen Zusammensetzung steht er den Augiten sehr 
nahe. Der Hypersthen ist härter als Augit und Amphibol, 
schwarz oder dunkelbraun und unterscheidet sich durch seinen 
starken Magnesia- und Eisenoxydulgehalt und durch seinen geringen, 
manchmal ganz verschwindenden Kalkgehalt von dem Amphibol und 
Augit. Der Amphibol (Hornblende) ist bald Thonmagnesiahorn- 
blende, bald Thonkalkhornblende. Erstere ist schwarz oder schwarz- 
grün , und besteht aus kieselsaurer Magnesia und kieselsaurem 
Eisenoxydul mit thonerdesaurem Kali und Natron nebst kleinen 
Mengen von Fluor und Titansäure. Letztere, pech- bis bräunlich- 
schwarz, durch Salzsäure theilweise zersetzbar, hat einen geringeren 
Kieselsäure- und Kalkgehalt, jedoch einen grösseren Gehalt an 
Magnesia und Eisenoxyd. Fluor enthält sie nie. 

Glimmergruppe. Die Glimmer zählen zu den verbreitetsten 
Mineralien, da es kaum eine Felsart giebt, in der nicht eine Glimmer- 
art als wesentlicher oder unwesentlicher Bestandtheil vorkommt. 
Ihre Farbe ist silberweiss, grau- bis blaugrün, messinggelb, braun 
bis schwarz ; charakteristisch ist ihre Spaltbarkeit in äusserst dünne 
Blättchen. Man unterscheidet Kali- und Magnesiaglimmer. 



Einfache krystallinische Gesteine. 7 

Der Kaliglimmer enthält neben kieselsaurer Kali-Thonerde Eisen- 
oxyd, Magnesia, zuweilen auch noch geringe Mengen von Natron 
und Kalk. Der Magnesiaglimmer, welcher härter als der Kali- 
glimmer und meist schwarzbraun oder schwarz gefärbt ist, enthält 
weniger Kieselsäure und Kali, hingegen mehr Magnesia und Eisen, 
als der Kaliglimmer. 

Talk ist ein wasserhaltiges Magnesia-Silicat , bisweilen etwas 
Eisenoxydul oder Thonerde enthaltend, fettig anzufühlen und vom 
Nagel leicht ritzbar. Als Felsbildungsmittel hat er nur einen unter- 
geordneten Werth (Talkschiefer, Speckstein). 

Serpentin besitzt dieselbe Zusammensetzung wie der Talk, 
nur ist die Magnesia zuweilen durch Eisenoxydul vertreten. Als 
wesentlicher Gemengtheil zusammengesetzter Gesteine findet er sich 
nicht, wohl aber kommt er als felsenbildendes Gestein zuweilen vor. 

Olivin tritt in rundlichen, grünen oder grüngelben Körnern 
als Gemengtheil des Gabbro und Basalt auf und besteht aus kiesel- 
saurer Magnesia. Zuweilen vertritt Eisenoxydul die Magnesia in 
unbestimmten Mengen. 

Nephelin. Eine weisslich-grau oder gelblich-grau gefärbte, 
auf dem Bruch Fettglanz zeigende Verbindung von Kieselsäure, 
Thonerde und Natron. Salzsäure zersetzt den Nephelin vollständig, 
unter Ausscheidung von gallertartiger Kieselsäure. 

Leucit erscheint als wesentlicher Gemengtheil der Leucito- 
phyre und Leucitbasalte. Seine Farbe ist meist schmutzig gelblich 
oder graulich-weiss , er besteht aus kieselsaurem Kali und kiesel- 
saurer Thonerde. 

Die Granaten sind kieselsaure Verbindungen, an deren Zu- 
sammensetzung insbesondere Thonerde und Kalkerde theilnehmen, 
welche aber sehr häufig, erstere durch Eisenoxyd und letztere durch 
Eisenoxydul oder Talkerde vertreten werden. Granaten finden sich 
beigemengt dem Gneiss-, Talk-, Chlorit-, Hornblendeschiefer, dem 
Granit und Granulit, dem körnigen Kalk, Serpentin, den Basalten 
und Trachyten. 

Turmalin. Die chemische Zusammensetzung der Turmaline 
ist sehr schwankend. Man unterscheidet lithionhaltige und lithion- 
freie Turmaline. Mit Quarz bildet der Turmalin den Turmalinfels 
und den Turmalinschiefer, accessorisch ist er in vielen anderen 
Gesteinen verbreitet. 

Eisenverbindungen. Von Mineralien, welche im Wesent- 
lichen aus Eisenverbindungen bestehen und als Gemengtheile in 
sehr vielen Gebirgsgesteinen oder in Lagern vorkommen, immer 
aber eine sehr wichtige Rolle bei der Zersetzung der Gesteinsmassen 
und der Bodenbildung spielen, sind zu nennen: Eisenspath 



8 Einfache krystallinische Gesteine. 

(kohlensaures Eisenoxydul), Rotheisenstein (Eisenoxyd), Braun- 
eisenstein (Eisenoxydhydrat), Rasen eisen stein und Schwe- 
felkies (Schwefeleisen). Der Raseneisenstein führt auch den 
Namen Wiesen-, Quell-, Morast-, Sumpf-, See-Erz , ferner Ortstein, 
Limonit. Er umfasst im Allgemeinen alle die unter verschiedenen 
Formen auftretenden Eisengebilde, welche sich noch fortwährend, 
theils im Boden der Aecker und Wiesen, theils auf dem Grund von 
Sümpfen und Mooren erzeugen und vorherrschend aus Eisenoxyd- 
hydrat oder aus einem Gemenge von diesem und phosphorsaurem 
Eisenoxyd, Sand, Thon und Humusstoffen bestehen. Der Eisenkies, 
dieses allbekannte Mineral von messinggelber Farbe, findet sich in 
sehr vielen Gesteinen eingesprengt. In Folge seiner leichten Zer- 
setzbarkeit trägt er zur Verwitterung der Gesteine, wie sich dies 
später zeigen wird, sehr wesentlich bei. 

Der Apatit gehört zu den verbreitetsten Gemengtheilen von 
Gesteinen, ohne doch wesentlicher Gemengtheil zu sein. Er besteht 
aus Phosphorsäure und Kalk mit etwas Fluor oder Chlor. Die 
derbe, dichte und erdige Varietät des Apatits, der Phosphorit, 
bildet als solcher selbstständige Gebirgsglieder. Weniger Mächtigkeit 
als der Phosphorit haben der Wawellit und Vi vi an it. 

Calci t besteht in reinem Zustande aus Kohlensäure und Kalk, 
doch finden sich sehr häufige Beimischungen von Magnesia, Eisen- 
oxydul, Manganoxydul, Baryterde u. s. w. und Beimengungen von 
Kieselerde, Thon, Eisenoxyd u. s. w. Als Gebirgsart ist der Calcit 
ein sehr stark verbreitetes Mineral, kommt aber auch häufig als 
Bestandtheil anderer Gesteine vor. Er bildet meilenweite Gebirgs- 
züge, von welchen viele Alpenketten die grossartigsten Beispiele 
liefern. Durch seine ausgedehnte Verbreitung als Gebirgsgestein 
und seine Löslichkeit in kohlensaurem Wasser erklärt sich das all- 
gemeine Vorkommen des kohlensauren Kalkes in den Ackerböden, 
den Thon- und Lehmablagerungen. Die wichtigsten Abarten des 
Calcits sind : der Arragonit, Kalkspath, Marmor, Faserkalk, dichter 
und erdiger Kalk , poröser und röhriger Kalk , der Kalksinter, 
Rogen- und Erbsenstein, der Stinkkalk, bituminöser Kalk, der Eisen- 
kalkstein, Mergelkalkstein, Grobkalk und dolomitischer Kalkstein. 

üebergiesst man Calcit mit einer Säure, so tritt letztere an die 
Kalkerde, die Kohlensäure des Kalksteins wird frei und entwickelt 
sich unter Brausen. Wenn auch alle kohlensauren Salze, also nicht 
blos jene der Kalkerde allein, mit Säuren aufbrausen, so ist doch 
der kohlensaure Kalk das einzige in so grosser Menge im Boden 
und als Gestein vorkommende Carbonat und in sofern kann man 
bei derlei Versuchen aus dem Aufbrausen eines Gesteines oder einer 
Erde in der Regel auf das Vorhandensein von Kalk schliessen. 



Einfache krystallinische Gesteine. 9 

Der Dolomit bildet tlieils gewaltige Felsmassen, die sich durch 
das Schroffe, Zerrissene und Unfruchtbare charakterisiren , theils 
tritt er als Gemengtheil hornblende-, diallag- und augithaltiger 
Felsarten auf. Im gleichmässigen Gemenge mit Thon bildet er die 
dolomitischen Mergel. In reinem Zustande besteht er aus 
kohlensaurem Kalk und kohlensaurer Magnesia, häufig ist ihm aber 
Eisenoxydul oder auch Manganoxydul beigemischt. Als mecha- 
nischer Gemengtheil findet sich sehr häufig noch kohlensaurer Kalk, 
z. B. in den sogenannten Rauhkalken. 

Gleich dem Dolomit bildet der Gyps zuweilen sehr ausgedehnte 
Gebirgszüge und zwar namentlich in jenen Formationen, welche 
Steinsalzlager haben; nie tritt Gyps als Gemengtheil einer krystal- 
linischen Felsart auf. Gelöst findet man ihn in den meisten Boden- 
und Quellwässern und seine Bildung dauert gegenwärtig tiberall 
da fort, wo kalkerdehaltige Minerale oder Bodenarten in irgend 
einer Verbindung mit Eisenkiesen stehen. In reinem Zustande be- 
steht der Gyps aus Schwefelsäure, Kalkerde und Wasser. Man 
unterscheidet späthigen Gyps, körnigen Gyps (Alabaster), Fasergyps 
und dichten oder gemeinen Gyps. 

Steinsalz, ein wichtiges, in Wasser sehr leicht lösliches 
Mineral, aus Chlor und Natrium zusammengesetzt, bildet gewaltige 
Lager, namentlich im Gebiete der Zechstein-, Buntsandstein-, Muschel- 
kalk- und Keupersandsteinformationen , ist aber in geringer Menge 
Bestandtheil fast aller Gesteine und der meisten Gewässer, in be- 
deutender Menge findet es sich im Meerwasser gelöst. 



10 Chemische Zusammensetzung der wichtigsten 


jinfachen Gesteine. 




Tabelle über die 


chemische Zusammensetzung der wichtigsten einfachenl 


Namen 














der 


Kali 


Natron 


Magnesia 


Kalkerde 


Mangan- 
oxyd 


Eisenoxydul 


Mineralien 












Quarz SiO^ 





. 


. 








===^^== 


Kalifeidspath (Orthol<las, Sani- 
din) (KNa)2AliSi«0'a 


7,9—12,8 


2,0—5,0 


Spur— 0,9 


Spur— 1,5 





— 


Natronfeldspatli (Albit, Oligoldas) 
]Na2A12SiS0i6 


0—4,3 


5,9-9,99 


0,48—0,80 


1,1—3,5 


— 





Kalkfeldspatli (Labrador, Anor- 
tliit) Ca-Al*SiiOiö 


0,3—1,5 


1,4-5,0 


Spur— 0,9 


8,6—13,1 


— 





Kaliglimmer KH*Al*Si*0'6 oder 
K^H2(MgFe)Aiasi30'6 


3,0—12,4 


0-4,1 


0,3—3,0 


0—2,6 


— 


— 


Magnesiaglimmer 
{R'2R")6Si3üi2und Al*Si3üi2 


5,6—8,9 




15,7—23,8 


— 


0-0,6 


— : 


Ampiiibol 
(MgFe)CaSi206 


0—2,9 


0—12,4 


5,8—24,7 


Spur_13,9 


0—2,0 


1,4—33,1 


Augit (Pyroxen) 
MgCaSi^O« 


0—2,5 


0—3,1 


6,8-21,3 


3,1—25,8 


0—3,7 


1,9—30,4 


Chlorit 
H8(MgFe)5(AlFeCr)2Si30'8 




— 


12,8—25,5 


— 


1,15 


15,0-28,?i 


Kaolin 


— 


— 


0—0,6 


0,5—3,1 


— 


— 


Talk 
H2Mg3Si*0'a 


— 


— 


27,4—32,5 


0—5,8 


— 


1-11,1 


Serpentin 


— 


— 


39,2—42,8 


— 


— 


Spur— 8,0 


Zeolithe 


0—4,9 


0—15,4 


Spur— 8 


0,4—32,8 
48—56 


: 




Caicit 
CaC03 


Spur- 


—0,3 


Dolomit 

(CaMg)CÜ3 


— 


— 


21,8 


30,4 


Spuren 


Spuren 


Gyps 
CaS0<4-2aq 


— 


— 


— 


32,6 


— 


— 


Phosphorit (Apatit) 
3Ca3p208+Ca(ClFl)2 


0—0,2 


0—0,3 


0-0,2 


41,0—53,8 


— 


— 


Diallag 
(CaMgFeiVIn)Si03 


— 


— 


13,0—32,6 


0—21,8 


0—1,0 


1,0— 13,E 


Hypersthen 
(MgFe)Si03 


— 


— 


11,0—25,8 


0—20,0 


0—6,3 


10,9- 


Olivin 

(MgFe}2Si0i 


— 


0—3,0 


3,0—50,6 


— 


0,1—8,3 


8,0—54,' 


Nephelin 
(NaK)2A12Si208 


6,5 


17,0 


— 


— 


— 


— 


Skapolith (Wernerit) 
Ca6A18Si9036 


0,1-1,3 


0,7—8,9 


0—3,0 


15,0-24,3 


0—0,8 


0—5,1 


Leucit 
K2A12Sii0i2 


0,2—20,5 


0,09—0,6 




0—11,9 


— 


— 


Granat 
R3R2Si30i2 


— 


— 


0—13,4 


0—37,2 


0—43,3 


0—42,; 


Epidot 
H2Ca4(AlFe)6Sifi026 


0,2 


0,3 


0,2 


22,6 


— 


— 


Turmalin 
<MgFeH2K2Na2)A12ß2Si402o 


0,3—0,7 


1,2—2,6 


0,7—14,8 


0—1,6 


0—1,5 


0—9,5 


Magneteisen 
FeÖ+FeaOa 


— 


— 


— 


— 


— 


27,8—28,1 


Steinsalz 


— 


40,0(Na) 


— 


— 


— 


— 



Chemische Zusammensetzung der wichtigsten einfachen Gesteine. 



11 



lineralien, welche 


als Gebirgs 


gesteine oder deren Gemeng 


theile vor 


kommen. 


üisenoxyd 


Thonerde 


Kieselsäure 


Phosplior- 

säure 
(nach An- 
gaben 
A. Stöck- 
hardt's) 


II 


1 




Wasser 




— 


— 


100 


— 


— 


— 


— 


— 




,18-1,6 


16,5—20,9 


64,23—67,20 


1,70 


— 


— 


— 


0,24 




0—2,5 


21,2—23,9 


61,55—66,86 


— 


— 


— 


— 


0,3—0,5 




0,3—3,5 


26,6—29,8 


52,2-54,7 


— 


— 


— 


— 


0,4 




0,4—8,8 


30,1—36,2 


43,4—51,7 


— 


— 


— 


— 


0,9—6,2 




5,4—19,0 


12,6—18,5 


39,6—40,9 


— 


— 


— 


— 


— 




— 


0,4—16,4 


40,3—58,7 


— 


— 


- 


— 


0,3—3,0 




0-0,4 


0,4—15,3 


39.3—56,8 


— 


— 




— 


0,1—9 




4,6 


20,1—21,8 


24,6—26,3 


— 


— 


— 


— 


10.5—12,0 




— 


36,8—39,8 


45,9—48,7 


— 


— 


— 


— 


12,4—14,0 




— 


0—5,3 


62,6—63,0 


— 


— 


— 


— 


4,3—5,8 




— 


— 


44,0—44,3 


— 


— 


— 


— 


12,8-13,5 




0—1,5 


Spur-29,4 


36,8—57,6 

0—9,2 


Spur— 0,8 


0-0,2 


38-44 





2,9—19,2 




0,5—5,8 




— 


— 


— 


— 


— 


47,8 


— 


— 




— 


— 


— 


— 


46,5 




— 


20,9 




0—0,3 


0—1,8 


0—1.0 


36,7—44,1 


Spur 


0—4,2 


Spur 


0—1,4 






0—6.6 
0—4,0 


47.1—58,4 
46,1-58,2 


— 


— 




— 


0—6,5 
0—1,0 




ä,9 




— 


0—0,1 


29,3—40,4 


— 


— 


— 


— 


— 




— 


35,3 


41,2 


— 


— 


— 


— 


— 




0—3,7 


24,5—32,8 


39,9—57,6 


— 


— 


— 


— 


0—1,7 




22,3—25,0 


53,3—57.1 


— 


— 


— 


— 


— 




0—30,5 
15,5 
i 0—11,0 


0—22,4 
19,2 
30,8—43,1 


36,0—42,4 

37,9 
36,5—38,8 


— 


— 




— 


2,5 


Fluor 
1 1,6—2,5 

Borsäure 
l 4,8—9,0 


19,8-71,8 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 




— 




— 


^ 


— 


1 — 


60,0 


— 





12 Zusammengesetzte krystallinische Gesteine. 

b) Zusammengesetzte krystallinische Gesteine. 

Die gemengten krystallinischen Massengesteine, welche auch 
das Material für die Bildung der klastischen Felsarten oder Trümmer- 
gesteine geliefert haben, können mannigfaltig gruppirt werden. Der 
chemischen Zusammensetzung nach unterscheidet man eine kiesel- 
säurereiche und eine kieselsäurearme Gruppe, erstere umfasst die 
kiesel- thon- alkalischen Gesteine (Acidite), letztere die kiesel- 
eisen- kalkigen Gesteine (Basite). Der mineralogischen Zusammen- 
setzung nach gruppirt man sie in feldspathreiche , glimmerreiche, 
hornblendereiche und augitreiche Gesteine. Folgen wir letzterer 
Eintheilung. 

Feldspathreiche Gresteine. Der Granit ist ein grob- bis 
feinkörniges Gemenge entweder von Orthoklas, Quarz und Kali- 
glimmer oder von Oligoklas, Quarz und Magnesiaglimmer. Die 
Zahl der im Granit accessorisch auftretenden Mineralien ist sehr 
gross, die bemerkenswerthesten sind: Turmalin, Granat, Andalusit, 
Beryll, Pinit, Titanit, Topas, Gold u. s. w. Der Granit ist ein 
durchaus massives Gestein und seine Verbreitung eine ausser- 
ordentlich grosse. 

Syenit ist ein körnig-krystallinisches Gemenge aus Orthoklas, 
Oligoklas und Hornblende oder an deren Stelle Glimmer oder Augit. 
Man unterscheidet demgemäss Hornblendesyenit, Augitsyenit und 
Glimmersyenit. Accessorisch finden sich Apatit, Magnetit, Eisenkies 
und Epidot. Die Syenite gehen leicht in andere Gesteine über, so 
in Granite durch Aufnahme von Quarz, durch Zurücktreten des 
Orthoklas und Hervortreten des Oligoklas in Diorite und Diabase. 

Der Gneiss unterscheidet sich nur durch seine schieferige 
Structur vom Granit, die constituirenden Gemengtheile sind für 
beide Gesteine dieselben. Man unterscheidet kieselsäurereiche und 
kieselsäurearme, graue und rothe Gneisse. An accessorischen Ge- 
mengtheilen ist der Gneiss ärmer als der Granit; die häufigsten 
Gemengtheile sind: Granat, Turmalin, Saphir, Apatit. Petrefakten 
sind bisher in dem Gneiss nicht gefunden worden. Seine Ver- 
breitung ist eine sehr grosse; die Bergformen zeigen meist ein- 
förmige, flache, runde Kuppen, sehr oft von tiefen und scharfen 
Felsenthälern durchschnittene Bergmassen mit steilen Hängen, scharfen 
Kämmen und spitz emporragenden Kegeln. 

Granu lit ist Granit oder Gneiss ohne Glimmer, er ist schiefrig, 
fein- bis mittelkörnig und enthält viele kleine Granaten eingestreut; 
sonst ist der Granulit an accessorischen Gemengtheilen arm. 

Die Felsitporphyre zeigen eine dichte Grundmasse, in 
welcher Orthoklas allein oder Orthoklas und Quarz eingebettet 



Zusammengesetzte krrstallinisclie Gesteine. 13 

liegen. In ersterem Falle kann die Grundmasse Quarz enthalten, 
oder auch nicht. Demgemäss unterscheidet man Quarzporphyre, 
eigentliche Felsitporphyre und quarzfreie Orthoklasporphyre. Ein- 
lagerungen sind nicht sehr häufig ; im Allgemeinen wären zu nennen : 
Eisenkies, Magnetit, Granat, Turmalin, Chlorit, Pinit, Kalkspath. 
Die Porphyre sind durchaus massige Gesteine und ihre charak- 
teristische Lagerungsform sind Gänge. 

Die Trachyte bestehen aus einer meist rauhen, porösen, fein- 
krystallinischen oder dichten Grundmasse, in der grössere Krystalle 
von Sanidin, Hornblende und Glimmer porphyrisch ausgeschieden 
liegen. Die Farbe der Grundmasse ist verschieden, jedoch herrschen 
hellere gelbe, graue und röthliche Farben vor. Es sind massige 
Gesteine, die häufig eine Absonderung in Platten und Bänken zeigen 
und sehr gewöhnlich die glocken- oder domförmigen Berge der 
neueren und neuesten Vulcane zusammensetzen. 

DiePhonolite sind zusammengesetzt aus einer dichten, klein- 
krystallinischen , compacten oder auch rauh porösen Grundmasse 
und in dieser ausgeschieden liegenden Krystallen von Sanidin, Horn- 
blende, Nosean oder Magnetitkörnchen. Die Grundmasse besteht 
aus einem innigen Gemenge des in Salzsäure nicht löslichen Feld- 
spathes, des Sanidins, und einer in Salzsäure zersetzbaren Substanz, 
des Nephelins, noch mit einer aus der Zersetzung des Nephelins 
entstandenen zeolithischen Substanz gemengt. Die Farbe der Grund- 
masse ist vorherrschend gelbgrau oder grüngrau. In den Hohl- 
räumen erscheinen häufig schöne Zeolithe, Kalkspath und Arragonit. 
Der Phonolith lässt sich bei seiner grossen Neigung zu schiefriger, 
dünnplattiger Absonderung leicht in schöne Tafeln spalten, die hell 
klingen, wenn man sie mit dem Hammer trifft (Klingstein) ; er zeigt 
zuweilen ausgezeichnete, säulenförmige Absonderung, meist sehr 
regelmässige, kegelförmige Kuppen mit steilen Abhängen und zackigen, 
klippigen Felsformen. 

(xlimmerreiclie Cresteiue. Der Glimmerschiefer ist ein 
Gemenge von Quarz und Glimmer, die in abwechselnden Lagen 
geordnet sind. Das Mengenverhältniss zwischen Quarz und Glimmer 
wechselt ausserordentlich , an accessorischen Gemengtheilen ist der 
Glimmerschiefer sehr reich, die bemerkenswerthesten sind : Granat, 
Feldspath, Hornblende, Turmalin, Smaragd, Chlorit, Apatit, Graphit, 
Eisenkies. Die Drusenräume sind erfüllt von schönen krystallisirten 
Mineralien, besonders Zeolithen. Der Glimmerschiefer erscheint 
in gewaltiger Verbreitung und mächtigen Gebirgsmassen als das 
wesentlichste Glied der altkrystallinischen Schieferformation. 

Der weiche, lauchgrüne Ohio ritschiefer ist meist sehr 
schön ebenflächig geschichtet und tritt auf Lagern und Stöcken 



14 Zusammengesetzte krystallinische Gesteine. 

zusammen mit Talkschiefern, Gneiss, Glimmer- und Thonschiefern 
auf. Ausser Chlorit enthält er meist Quarz, auch Feldspath, Glimmer 
und Talk, Er ist reich an accessorischen Gemengtheilen, namentlich 
tritt Magnetit, Bitterspath, Turmalin, Granat, Hornblende, Eisenkies, 
Kupferkies u. s. w, auf. 

Thonschiefer ist ein Gestein von feiner Textur, dessen 
krystallinische Beschaffenheit oft für das Auge nicht sichtbar ist; 
er ist von matter oder nur schwach glänzender Oberfläche und 
wenn auch in vielerlei Farben vorkommend, doch meist schwarz. 
Seine Bestandtheile sind Thon, gemengt mit mehr oder weniger 
Quarz und feinen Glimmerschtippchen. Manche Thonschiefer sind 
sehr reich an Carbonaten, die meisten enthalten wohlerhaltene Reste 
von Organismen. Die bemerkenswerthesten Varietäten des Thon- 
schiefers sind: Dachschiefer, Griffelschiefer, Wetzschiefer, Alaun- 
schiefer, Kohlenschiefer und Schieferthon. 

HornWendereiche oder dioritische Oesteine. Der Diorit ist 
ein krystallinisch-körniges Gemenge aus Feldspath und Hornblende. 
Man unterscheidet Diorite, in welchen kalkarme, aber magnesia- 
reiche Hornblende mit Oligoklas und solche, in welchen Kalk und 
meist auch eisenreiche Hornblende mit kalkreichen Feldspathen ver- 
bunden ist. Accessorisch treten auf: Granat, Pistacit, Titanit, 
Magnetit und Eisenkies. Die Diorite erscheinen als massiges Ge- 
stein und am häufigsten in Gängen, ihre Verbreitung ist keine sehr 
grosse ; sie finden sich in den Gebieten der krystallinischen Schiefer, 
der Granite und der älteren Formationen. 

Aug-itreiche (Jesteine. Die Melaphyre sind meist fein- 
körnige bis dichte, stets quarzfreie Gesteine, welche aus einem 
Gemenge von vorwaltendem Feldspath, Augit, Olivin, Magnetit oder 
titanhaltigem Magnetit und einem grünen , wasserhaltigen Eisen- 
oxydulsilicat bestehen. Ihre Farbe ist eine dunkle. Die Melaphyre 
sind stets massige, ungeschichtete Gesteine, plattenförmige Lager 
von ihnen finden sich zuweilen in gewaltiger Ausdehnung und 
Mächtigkeit zwischen den Schichten der Steinkohlenformation und 
der Dyas. 

Gabbro ist ein granitisch -körniges Gemenge von Labi'ador 
und Diallag. Zwischen den Gemengtheilen erscheint keine Zwischen- 
masse. Der Labrador ist meist weiss und ziemlich glänzend; der 
Diallag grau, braun, olivengrün und in undeutlichen tafelartigen 
Kry stallen. Ein charakteristischer Bestandtheil vieler Gabbros ist 
der Olivin, accessorisch kommen Hornblende, Augit, Granat, Ser- 
pentin, Magnetit, selten Quarz vor. Sie sind massige, unregelmässig 
zerklüftete Gesteine, oft mit unvollkommen schiefriger Structur und 
bilden mächtige Stücken in Graniten, Gneissen und Glimmerschiefern. 



Klastische Gesteine. 15 

Der Hyp erit (Hypersthenit) ist ein granitisch-körniges Gemenge 
aus Labrador mit Hypersthen. Accessorisch erscheint Hornblende, 
Magnetit, Eisenkies, Granat, Glimmer und zuweilen Apatit. Die 
Hyperite sind massige, stets ungeschichtete Gesteine von nicht grosser 
Verbreitung. 

Diabas ist ein krystallinisch-körniges Gemenge von Feldspath 
mit Augit und Chlorit und Titankiesen. Die eigentlichen Diabase 
sind quarzfrei, die quarzhaltigen nennt man Quarzdiabase. Calcit 
fehlt den Diabasen fast nie, sie sind massige Gesteine ohne jede 
Spur von Schichtung und zeigen eine weit grössere Verbreitung 
als die Diorite, namentlich in der sogenannten Uebergangsformation. 

Die Basalte sind dunkelgefärbte Gesteine, als deren wesent- 
liche Gemengtheile Augit und Magnetit oder Titaneisen auftreten 
und die als charakteristischen accessorischen Gemengtheil Olivin 
enthalten. Ausserdem finden sich in den verschiedenen Basalt- 
varietäten: Feldspath, Nephelin, Leucit und Glimmer. Die mittel- 
bis grobkörnigen Basalte nennt man Dolerite, die zwar noch 
körnigen, aber in den einzelnen Gemengtheilen nicht mehr unter- 
scheidbar ausgebildeten: Anamesite, die dem blossen Auge homogen 
erscheinenden: Basalt ite. Die Basalte erscheinen stets massig, 
ungeschichtet. Basaltische Gänge finden sich in den Gesteinen aller 
Formationen. Bezeichnend für die Basalte ist die Absonderung 
ihrer Felsmassen in oft sehr regelmässige, 5 — Tseitige Säulen, 
Platten, Kugeln und Knollen von oft gewaltiger Grösse. 

B. Klastische Gesteine. 

Wie schon oben ausgesprochen wurde, versteht man unter 
klastischen Gesteinen solche, welche aus den Zerstörungs- 
producten krystallinischer Gesteine dadurch entstanden sind, dass 
Wasser die lose unter und zwischen einander liegenden grösseren 
oder kleineren Trümmer entweder durch sich allein oder durch 
Substanzen, welche es gelöst oder geschlämmt enthält, ver- 
kittet. Der Grösse der verkitteten Trümmer nach unterscheidet man 
Conglomeräte und Breccien (Trümmer mindestens von der 
Grösse einer Haselnussj und Sandsteine (Trümmer höchstens von 
der Grösse einer Erbse j; der Art der verkitteten Trümmer nach: 
einfache Conglomeräte und zusammengesetzte Con- 
glomeräte; nach der Art des Bindemittels: ganz klastische 
Gesteine (Bindemittel erdiger Natur) und halb klastische 
Gesteine (Bindemittel aus einem krystallinischen Minerale bestehend 
und aus einer wässrigen Lösung ausgeschieden). Das Bindemittel 
der ganz klastischen Gesteine ist entweder die nur mechanisch zer- 



16 



Klastische Gesteine. 



kleinerte Masse von den in ihr vorhandenenen Felsartentrümmern 
(z. B. die vulcanischen Tuffe) oder der unlösliche Zersetzungsrück- 
stand von gänzlich verwitterten Gesteinen (z. B. die Kaolin-, Thon-, 
Mergel- und Eisensandsteine). Die halb klastischen Gesteine (eigent- 
liche Tuffe) unterscheidet man nach der mineralischen Beschaffenheit 



ihres Bindemittels, so gibt es z. 
Kieseltuffe. 



B. Kalk-, Gyps-, Eisenspath, 





Tabelle über die < 


ihemische 


Zusammensetzung 


Name n 

der 

Gesteine 


Kali 


Natron 


Magnesia 


Kallverde 


Mangan- 
oxydul 


Granit 


0,4—8,1 


0,04—6,3 


0—4,3 


0,4—7,5 


0—1,4 


Gneiss 


0,6—5,3 


0,5—4,0 


0,1—2,6 


0,2—5,6 


0—0,6 


Glimmerschiefer 


0,8—5,5 


0,3—4,0 


0,2—10,9 


0—4,9 


— 


Thonschiefer 


0,2—6,1 


Spur— 5,9 


Spur -11,7 


0—13,7 


0—0,5 


Syenit 


0,8—6,5 


0—6,2 


0,5—4,3 


0,5—10,0 


0-0,9' 


Granulit 


1,5—7,7 


0—7,0 


0—4,2 


0,9—5,0 


Spur— 2,3 


Felsit - Porphyr 


0—13,6 


0—7,5 


0—3,5 


0—4,4 


0-0,9 


Trachyt 


0,05—8,8 


2,1—9,7 


0,08—5,4 


0,1—10,8 


— 


Diorit 


0,1—3,2 


0,5—7,9 


2,0—9,7 


5,4—9,5 


0—0,5 


Hyperit 


0,2—3,3 


1,2—5,2 


2,7—10,0 


5,7—14,9 


0,5-1,1 


Melaphyr 


0,6—3,7 


2,0—6,9 


0,5—8,4 


1,8—10,5 


Spur— 0,1 


Dolerit 


0,2—3,6 


1,0-4,2 


0,5—9,5 


5,1 — 14,6 


Spur— 2,9 


Basalt 


Spur— 4,3 


Spur— 7,3 


0,2—11,8 


4,0—16,0 


0,01—1,84 


Gabbro 


0,2—2,5 


0,8—3,7 


1,5—11,5 


3,5—13,1 


0—0,3 


Diabas 


1,1—7,6 


0,6—6,1 


0,9—6,4 


4,7—8,8 


— 


Phonolith 


1,1—9,5 


2,5—11,4 


0—3,0 


0,03—14,8 


0—1,4 


Alaun- und Brandschiefer 


0—4,5 


0—0,4 


1,0—2,1 


0,1—1,0 


— 


Schieferthon 


1,4-3,2 


0,3—0,8 


0.6-0,9 


0—0,1 


— 


Chloritschiefer 


Spuren 


Spuren 


12,0—41,5 


0—1,0 


0—0,5 


Hornblendeschiefer 


0,5-1,2 


0,§-3,4 


1,2—4,7 


0,5—11,9 


0—0,4 


Pechstein 


0,5—4,1 


1,3—7,1 


0—1,6 


Spur— 4,6 


0—2,1 


Sandsteine 


0—1,1 
(in scliwedis 


clien Sanden 


0—1,5 


0—14,0 


— 




fand A. Miill 


3r bis 3,ü50/o| 








Kali u. bis 2 


470/0 Natron) 









Die klastischen Gesteine. 



17 



Die aus der Verkittung der nur erdigen Verwitterungsrück- 
stände, vor allen des dazu geeigneten Thones, hervorgegangenen 
klastischen Gesteine heissen je nach dem Hauptmaterial, aus dem 
sie gebildet -wurden: Schieferthon, Mergelschiefer und 
Lettenschiefer. Sie sind in der Regel reich an organischer 
Substanz (Bitumen), aus diesem Grund dunkel gefärbt und erscheinen 
meist in Verbindung mit Conglomeraten und Sandsteinen. 

der wichtigsten zusammengesetzten Gesteine. 











Pliosplior- 


, 






Eisen- 
oxydul 


Eisenoxyd 


Tlionerde 


Kieselerde 


säure 
nach Anga- 
ben A. 

Stöclihardt's 
u. iNesslers 


s2 p 

> 5 

V. 


'S 'S 


Wasser 


0—7,0 0—9,4 


7,0—20,0 
10,8—21,1 


55,2—81,7 
58,9—76,5 


0,58 
0.25—0,78 


— 


— 


0—1,8 


0,8—9,5 


0—4,1 


0—6,5 1 0—19,7 


6,0—26,7 
9,7—36,0 


48,7—82,4 
46,5—78,0 


— 


: 


— 


0,5—5,2 


2,6—14,0 


1,0—5,5 


0—14,3 


0—11,1 


10,1—20,7 


49,4—72,2 


0,18 


— 


— 


0—1,8 


0—6,7 


0,4—7,0 


8,3—15,3 


53,6—73,7 


0,63 


— 


— 


0-0,4 


0—14,8 


0—5,5 


8,2—20,3 
7,7—22,6 


54,8-81,0 

52,8—78,9 


0,21 
0,36—0,66 


— 


— 


0—3,6 


1,3—15,6 


0—2,7 


0— 16,2| 0—10,0 
4,8—16,8 


12,7—22,1 
12,5—18,0 


46,2—63,4 
45,2—56,2 


— 


— 


— 


0,4—1,9 

0,7—2,7 


3,9-14,6 


10,5—23,7 


51,2—62,7 


0,30 


— 


— 


0,8—2,8 


8,3—18,0 


6,1—26,1 


41,6—57,9 


0—1,10 


— 


— 


0—4,7 


5,5—23,3 


10,3—28,6 


36,6—55,8 


1,11 


— 


— 


0,5—7,4 


5,8—17,8 


8,9—21,4 


43,5—54,5 


— 


— 


— 


0,2—5,8 


10,0—17,8 


13,2—20,5 


42,8—58,7 


— 


— 


— 


1,5—5,8 


0—9,0 

0,8-10,1 

Schwefelkies 


0—5,4 

0,5—5,8 


15,1—24,0 
10,7—21,6 
16,7—21,7 


50,0—62,6 
50,1—65,4 
61,9—72,9 


0,16—0,24 


— 


— 


0,6—8,3 
0—6,9 


4,7—5,6 


— 


0—26,8 


0—10,1 


3,5—19,8 


31,5—42,0 


— 


— 


— 


9,2—11,2 


0—14,3 


0—27,5 


13,3—26,3 


48,6—54,7 


— 


— 


— 


0-1,8 


0—3,8 


0-5,6 


9,2—12,7 


63,5—75,7 


— 


— 


— 


5,9—8,0 




0,5—7,7 


0—4,9 


60,3—98,5 











V. G Ohren, Ackerbaiichemie. 



18 Ursachen der Zertrümmerung und Verwitterung der Gesteine. 

2. Die Ursachen der Zertrümmerung und Verwitterung der Gesteine. 

Die erste Veranlassung zur Zertrümmerung und Verwitterung 
der Gesteine können entweder für sich oder vereint sein; Der 
Wechsel der Temperatur, die Bewegung des Wassers 
oder Eises, die chemische Wirkung des Wassers und 
der Luft und vegetabilisches und thierisches Leben. 
Im Verlaufe des Processes treten dann noch andere Ursachen hinzu, 
die namentlich in der gegenseitigen Einwirkung von gewissen Ver- 
bindungen, welche sich bilden, zu suchen sind. 

Der Wechsel der Temperatur. Schon durch die all- 
mälige Abkühlung des Erdballes und die dadurch bewirkte Berstung 
der festen Kruste werden Brüche und Gliederungen hervorgerufen, 
die die erste Veranlassung des Zusammenbrechens der Felsen werden 
können. Die verschiedenartige Zusammensetzung der krystallinischen 
Gesteine und die dadurch bedingte verschiedenartige Ausdehnung 
und Zusammenziehung, welche sie durch Abwechselung von Hitze 
und Kälte erleiden, dann auch die ungleiche Ausdehnung und Zu- 
sammenziehung desselben Krystalles nach verschiedenen Axen sind 
weitere Ursachen der Zertrümmerung, Ganz besonders wirksam 
wird aber die Temperaturerniedrigung bei Gegenwart von Wasser. 
Eine mit Wasser gefüllte verstopfte Flasche zerspringt, wenn man 
das Wasser gefrieren lässt, weil das Eis einen grösseren Raum ein- 
nimmt, als das Wasser. Die Kraft, welche sich durch die Raum- 
ausdehnung des Eises äussert, ist eine ungeheure und vermag die 
grössten Felsblöcke zu sprengen, ebenso wie sie in weniger sicht- 
barer aber nicht minder wichtiger Weise auf die Oberfläche von 
Steinen einwirkt und Körnchen für Körnchen ablöst. Anfänglich 
nur schwache Felsenrisse, in denen angesammeltes Wasser gefriert, 
werden zu immer breiter klatfenden Spalten. 

Bewegung durch Wasser und Eis. Zunächst wirkt das 
Wasser durch seine mechanische Kraft auf die Zertheilung der 
Massen , sei es , indem atmosphärische Niederschläge mit höchster 
Kraft und in anhaltender Menge sich ergiessen und die Fluthen 
über die mannigfachen Höhenabstufungen der Gebirge herabstürzen, 
sei es, dass die durch Stürme aufgeregten Wogen des Meeres, der 
Ströme und Flüsse gegen die Ufer anprallen, deren Felsen aus- 
höhlen, untergraben und zerbröckeln und die abgelösten Stücke 
fortrollen, die dann ihrerseits die Felsen und Gesteine, über welche 
sie dahin geführt werden , abschleifen und so allmälig tiefe 
Rinnsale in die härtesten Felsen schneiden. Nicht nur als das vor- 
nehmste, sondern auch als das stärkste und furchtbarste Element be- 
zeichnet schon Pin dar das Wasser. Eines der schönsten und 



Ursachen der Zertrümmerung und Ver'W'itterung der Gesteine. 19 

grossartigsten Beispiele von der zerstörenden Kraft des Wassers 
ist die Nordseeinsel Helgoland — noch einige Jahrhunderte und 
von der kühnen Felseninsel ist vielleicht nichts mehr übrig als der 
Name/) Das Elbethal zwischen Bodenbach und Dresden, das 
Donauthal zwischen Passau und Krems, die Canons des Colorado 
des Green River in Californien , der Niagarafall geben weitere in- 
structive Belege von der gewaltigen Kraft und Arbeit, mit welcher 
das Wasser die festesten Gesteine zerreibt und zertrümmert. Aber 
auch der einzelne Wassertropfen, fortwährend auf das Gestein 
fallend, höhlt dieses im Laufe der Jahrhunderte aus und selbst 
ganz ruhig fliessendes Wasser bewirkt an seinen noch so festen 
Ufergesteinen ähnliche Erscheinungen. 

Unter die mechanischen Wirkungen des Wassers ist auch sein 
Erweichungsvermögen zu zählen. Das Wasser erweicht namentlich 
den Thon der Thongesteine und Gesteine mit thonigem Bindemittel, 
bedingt deren Zerfallen in kleinere Gesteinsmassen und kann so 
die furchtbarsten Bergstürze und Bergschlüpfe veranlassen. 

Die Wirkungen, welche das flüssige Wasser bei seinem raschen 
Herabfliessen an den Bergabhängen auf die Felsgesteine hervorruft, 
werden nicht minder bemerkbar bei den Eisströmen, welche man 
Gletscher nennt. Die Gletscher bewegen sich zwar nur lang- 
sam fort, aber durch die Gewalt ihrer Massen üben sie grossen 
Einfluss auf die Zertrümmerung des Felsgesteins. Die durch das 
Gewicht des anhängenden Eises von den höheren Berggipfeln ab- 
gebrochenen Felstrümmer, welche auf die Ränder des Gletschers 
fallen, werden selbst Theile des letzteren und folgen seinen Be- 
wegungen. Bei der Fortbewegung wird das Eis auf sich selbst 
gerieben und geschoben und die eingebetteten Steine zerbrechen 
und zermalen sich gegenseitig in kleinere Trümmer und Staub. 
Das felsige Bett des Gletschers wird gebrochen und gefurcht 
durch die in seine Seite und in seine Grundfläche eingefrore- 
nen Steine. Gelangt der Gletscher bis zur Stelle , wo das Eis 
schmilzt und löst er sich in Bäche und Ströme auf, so ist deren 
Wasser stets stark mit Erde beladen und deren Lauf auf viele 
Meilen mit abgeriebenem Steingerölle übersäet. Welche Massen von 
Steinen und Erde die Flüsse und Ströme mit sich führen können, 
mögen einige Zahlen belegen. Der Rhein setzt oberhalb Germers- 
heim bei einer Wassermenge von 1200 Ctibikmeter pr. See. auf 
1 laufenden Meter Flusslänge 1000 Cubikmeter Kies in Bewegung 
und führt diese Menge jährlich um 275 Meter weiter flussabwärts. 
Die Menge des bei Hochwasser mitgeführten Schlammes beträgt 



1) Andere Beispiele siehe Fallou, Pedologie S. 44. 



20 Ursachen der Zertrümmerung und Verwitterung der Gesteine. 

jährlich 1944000 Cubikmeter. In ähnlicher Weise hat man be- 
rechnet, dass der Ob, der Jenissei und die Lena, die drei grössten 
Flüsse des nördlichen Asiens, in 500 Jahren 7,4 Cubikmeilen Land 
ins Eismeer tragen , und dass der Mississippi dem mexicanischen 
Golf jährlich 3702758400 Cubikfuss fester Stoffe zuführt, eine 
Masse, welche eine englische Quadratmeile 268 Fuss tief bedecken 
würde. Die Masse, welche der Ganges jährlich in den bengalischen 
Meerbusen führt, wurde auf 636S000000 Cubikfuss berechnet. Die 
Rhone, welche vorzugsweise von den Gletschern der Alpen gespeist 
wird, führt solche Massen Erdtheile mit sich, dass ihr schlammiges 
Wasser 6 — 7 englische Meilen, nachdem es sich in das Mittelländische 
Meer ergossen, noch wahrgenommen wird. 

Die chemische Wirkung von Wasser und Luft, Auf 
chemische Art wirkt das Wasser durch seine Lösungen und Ver- 
bindungen. Indem es in die feinsten Ritzen der Gesteine dringt, 
und daselbst alle durch Wasser löslichen Stoffe aufnimmt, be- 
wirkt es ein Zerfallen oder allmäliges Erweichen der Gesteine in 
lockere, erdige Massen. Die lösende Kraft des Wassers wird be- 
deutend erhöht, wenn es, wie gewöhnlich, Kohlensäure, Sauerstoff 
und gewisse Salze aufgelöst enthält. Die Kohlensäure insbesondere 
wirkt lösend auf die in reinem Wasser ganz unlöslichen kohlen- 
sauren Salze der Kalkerde, Talkerde, des Eisen- und Manganoxyduls 
und es erklärt sich hieraus auch die im Laufe der Zeiten erfolgende 
Auflösung ganzer Kalkfelsen. Der Vorgang hierbei ist der, dass 
der unlösliche , einfach kohlensaure Kalk , aus dem der Kalkstein 
besteht, durch die Kohlensäure des Wassers in doppeltkohlensauren 
Kalk umgewandelt wird, der in Wasser löslich ist. Kocht man 
solches Wasser, das nun doppelt kohlensauren Kalk aufgelöst ent- 
hält, so verflüchtigt sich wieder ein Theil der aufgenommenen 
Kohlensäure und es entsteht wieder einfach kohlensaurer 
Kalk, der sich als unlösliches weisses Pulver ausscheidet, wie es 
oft beim Kochen von Brunnenwasser beobachtet werden kann; 
eine gleiche Abscheidung erfolgt durch Entweichung eines Theiles 
der Kohlensäure auch bei gewöhnlicher Temperatur. Lösend wirkt 
ferner die im Wasser gelöste Kohlensäure auf phosphorsaure Kalk- 
erdC;, phosphorsaure Magnesia und phosphorsaures Eisenoxyd, kiesel- 
saures Eisenoxyd, kieselsaures Kali und Natron, kieselsaure Magnesia, 
Kalkerde und kieselsaures EisenoxyduL Sind diese Stoffe in Ge- 
steinen enthalten, so werden sie durch kohlensäurehaltiges Wasser 
aus ihnen ausgezogen; verdunstet dann die Kohlensäure, so schlagen 
sich diese Stoffe wieder nieder. 

Wir haben oben gesehen, dass sich die Kohlensäure des Wassers 
mit einem Bestandtheil des Gesteines *zu einer neuen Verbindung 



Ursachen der Zertrümmerung und Verwitterung der Gesteine. 21 

vereinigen kann (doppelt kohlensaure Kalkerde). Auch das Wasser 
selbst j wie der vom Wasser absorbirte Sauerstoff, kann sich mit 
Bestandtheilen der Gesteine direct verbinden. So entsteht durch 
Einwirkung von Sauerstoff und Wasser aus dem Eisenoxydul der 
kieselsauren Verbindung : Eisenoxydhydrat. 

Die neu entstandenen Verbindungen sind in reinem oder kohlen- 
säurehaltigem Wasser löslich oder auch unlöslich und erleiden even- 
tuell noch weitere Umsetzungen durch das kohlensäurehaltige Wasser 
jedenfalls erfolgt aber eine Umbildung der ursprünglichen Gestein- 
substanz. So sehen wir denn, dass das Wasser, wie es in der Xatur 
vorkommt, namentlich durch seinen Kohlensäuregehalt selbst Silicate 
zersetzen kann. Es muss auf die Wirkung der Kohlensäure als eines 
der wichtigsten Zersetzungsmittel der Gesteine sonach ganz besonders 
hingewiesen werden. 

Die Luft wirkt auf die Verwitterung der Gesteine haupt- 
sächlich durch zwei ihrer Bestandtheile , nämlich die Kohlensäure 
und den Sauerstoff. Ueber den Einfluss der Kohlensäure ist das 
Wichtigste eben mitgetheilt worden. Die Wirkung, welche der 
Sauerstoff bei der Verwitterung ausübt, beruht auf seiner Eigen- 
schaft, die niederen Oxydationsstufen des Eisens und Mangans in 
Verbindungen mit mehr Sauerstoff, Eisen- und Manganoxydul in 
Eisen- und Manganoxyd umzuwandeln. Diese Oxydation bewirkt eine 
Raumausdehnung genannter Verbindungen und es müssen schon 
dadurch Sprünge und Risse im Gesteine erfolgen; der Zusammenhang 
wird unterbrochen und endlich das Zerfallen herbeigeführt. Un- 
gemein wichtig und sehr viele anderweitige Umsetzungen hervor- 
rufend ist die oxydirende Wirkung des Sauerstoffs auf Eisenkies, 
der unter Zutritt von Wasser in Eisenvitriol und freie Schwefelsäure 
sich umsetzt. Durch diese im Bodenwasser gelösten Oxydations- 
producte werden umgewandelt : kohlensaurer Kalk in Gyps, Dolomit 
in Bittersalz (schwefelsaure Magnesia), Kochsalz in Glaubersalz 
(schwefelsaures Natron), Chlorit und Talk in Bittersalz und Kiesel- 
säure, Thon in schwefelsaure Thonerde und Kieselsäure, unlöslicher 
dreibasisch phosphorsaurer Kalk in Gyps und löslichen phosphor- 
sauren Kalk u. s. w. Wie bedeutend alle diese Vorgänge auf die 
Zersetzung der Felsmassen wirken müssen, ist wohl unschwer ein- 
zusehen. 

Nebst den hier aufgezählten, in erster Reihe stehenden Ver- 
witterungsursachen wären noch viele andere anzuführen, doch möge 
es hier genügen hervorzuheben , dass alle jene Salzlösungen , die 
sich im Bodenwasser finden, und die Lösungen jener Stoffe, die wir 
als Dünger dem Boden einverleiben, auf unlösliche Verbindungen 
der Kieselsäure, namentlich die mit Alkalien lösend wirken, so alle 



22 Ursachen der Zertrümmerung und Verwitterung der Gesteine. 

Ammoniaksalze, Kali- und Natronsalpeter, Kochsalz, Chlorcalcium, 
Gyps u. s. w. Sehr wichtig ist auch die energische Wirkung des 
gebrannten Kalkes, er entbindet aus alkalischen Silicaten (Feldspath, 
Glimmer, Leucit u. s. w.) Kali und Natron. 

Natürlich bedingt die Art der chemischen Zusammensetzung, 
die grössere oder geringere Härte, wie die Vereinigungsart der 
einzelnen Bestandtheile der Gesteine, deren Widerstand gegen die 
Factoren der Zerstörung. 

So wird in Folge seiner mechanischen Zusammensetzung ein 
grobkörniger Granit leichter zerfallen, als der dichte Basalt. Ge- 
steine mit glatter Oberfläche widerstehen leichter der Verwitterung 
als poröse. Wie verschieden die Verwitterungswirkung au einem 
und demselben Gesteine ist, zeigt sich deutlich beim Granit, dessen 
Feldspath oft zu einem feinen weissen Thon schon verwittert ist, 
während sein Glimmer- und Quarzantheil sich noch unzersetzt im 
Thone vorfinden. 

Die Verwitterung der Felsmassen nimmt naturgemäss an deren 
Aussenflächen den Anfang und verbreitet sich dann um so tiefer 
in das Innere, je rauher und rissiger die Oberfläche geworden ist. 
Es blättert die oberste Schichte ab oder wird vom Regen abge- 
schwemmt und eine neue Lage wird der Verwitterung blossgelegt. 
Die Tiefe, bis zu welcher die Verwitterung eindringt, wird nach 
dem Vorbemerkten auch sehr verschieden sein müssen. So soll 
z. B, der Gneiss in der Nähe von Rio Janeiro und Bahia bis zu 
100 Fuss Tiefe verwittert sein; viele der Granilfelsen von Macao 
sind an ihren Höhen derart verwittert, dass sie wie mit Schnee 
bedeckt erscheinen. 

Um ein Beispiel von der chemischen Zusammensetzung der 
einzelnen Verwitteruugsstadien eines Gesteines zu geben, seien die 
von Wolff ausgeführten Analysen des bunten Sandsteines und des 
Liaskalksteines citirt: 



Verwitterunffsstadien. 



23 



Bunter Sandstein. 



1. 



9. 



Wasser und organische 
Substanz .... 

Kieselsäure . . . . , 

Thonerde .... 

Eisenoxyd .... 

Manganoxyduloxj-d 

Kohlensaurer Kalk 

Kalk 

Magnesia 

Schwefelsäure . . . . 

Phosphorsäure . . . . 

Kali 

Natron 

Gesammt-Kalkmenge . . 



feinkörniger, 








hellröthlich 


Steine 


Feinerde 


Feinerde 

der 

Ackerkrume 


gefärbter un- 


des 


des 


verwitter- 
ter Sand- 


Unter- 
grundes 


Unter- 
grundes 


stein 








Procent 


Procent 


Procent 


Procent 


0,6236 


2,6190 


4,6637 


10,9642 


91,7348 


81,8463 


78,8766 


73,0505 


3,7425 


7,6152 


9,6989 


9,1640 


1,4S9l 


3,7450 


3,0253 


2,5463 


0,0167 


0,5078 


0,1450 


0,2083 


0,0854 


0,0988 


0,1050 


0,2300 


0,0949 


0,0S76 


0,0745 


0,1158 


0,1114 


0,2555 


0,1616 


0,2167 


0,0095 


0,009.i 


0,0080 


0,0304 


0,0249 


0,0457 


0,0498 


0,0940 


1,8925 


2,7S47 


2,6499 


2,7214 


0,0825 


0,4420 


0,3728 


0,3859 


99,9078 


100,0569 


99,8311 


99,7275 


0,1427 


0,1430 


0,1333 


0,2446 



Grobsandiger Liaskalkstein. 



Wasser und Glühverlust 
Kieselsäure, unlöslich 
„ löslich . 

Thonerde, löslich . . 
„ unlöslich . 
Eisenoxyd .... 
Kohlens. Eisenoxydul 
Manganoxyduloxyd . 
Kohlensaurer Kalk . 
Kohlensaure Magnesia 
Kalk . . . 
Magnesia 
Phosphorsäure 
Schwefelsäure 
Kali . . . 
Natron . . 



1. 

Unverwit- 
terter, aber 
schon stark 
zerklüfteter 
Kalkstein 

Procent 
1,2010 

15,0913 
1,0439 
0,6199 
0,1301 
0,0920 
2,8463 
0,3633 

77,1607 
1,0437 
0,0134 
0,0148 
0,1963 
0,0166 
0,1487 
0,0632 



2. 

Auf dem un- 
verwitterten 
Kalkstein lose 
aufliegende 
Gesteins- 
bröckel 
Procent 

3,6580 
40,l--20 
1,6629 
1,1633 
0,1026 
8,7048 

0,6017 
43,1071 
0,7210 
0,0255 
0,0371 
0,5304 
0,0175 
0,1641 
0,0579 



Unter- 
grund des 
Cultur- 
bodens 

Procent 
7,6970 
54,5304 
11,2359 
7,2517 
0,8073 
9,3935 

0,7600 
6,2362 
0,3717 
0,1027 
0,3884 
0,4833 
0,0493 
1,2151 
0,2408 



4. 

Acker- 
krume des 
Cultur- 
bodens 

Procent 
8,9362 
55,4569 
11,7193 
7,9043 
1,0710 
8,1769 

0,6600 
2,6400 
0,3927 
0,1515 
0,3740 
0,4650 
0,0583 
1,5473 
0,3429 



100,0452 100,7660 100,7633 



99,8963 



24 



Verwitterungsdauer und Verwitterunffssrrösse. 



Versuche über die relative Verwitterungsdauer und 
Verwitterungsgrösse sind bis nun sehr vereinzelt gemacht 
worden. Pf äff, der mit Platten von Jurakalk und Syenit operirte, 
berechnete, dass um von diesen Gesteinen eine Schicht von der 
Dicke eines Meters abzulösen, 

beim Jurakalk 72800 Jahre, 
„ Syenit 731400 „ 
die Einwirkung der Atmosphäre (incl. Regen) nöthig sein würde. 

Dietrich prüfte die relative Verwitterungsfähigkeit von Bunt- 
sandstein, Muschelkalk, Basalt und Roth und erhielt nachstehende 
Resultate : 



1/2 Kubikfuss (0,012 Kubikmeter) der gleich grossen Gesteinsbrocken 
(ausgeschieden durch 2 Siebe von 8 und 10 Mm. weiten Löchern) 
lieferten bei 1 Quadrat-F. (0,083 Quadrat-M.) Oberfläche innerhalb 

4 Jahren 



1. Feinerde (unter '/s Mm. Durchm.) 

2. Kies (Sieb 1 „ 

3. „ ( „ 2 „ 

4. „ ( „ 4 „ 

5. „ ( „ 4—7 „ 

6. „ (über 7 „ „ 
In Procenten des Gewichtes der Steine 

hatten sich gebildet: 

Feinerde (1) 

Sand (2—4) 

in ursprünglicher Grösse blieben(5 u. 6) 

Auf einem Qu. - Meter Fläche (bei 
^/2 Fuss = 0,144 Meter Tiefe wür- 
den sich gebildet haben (in runden 
Zahlen) : 

Feinerde 

Dieselbe würde eine Erdschicht aus- 
machen von 



J5uni- 
sand- 


Muschel- 
kalk 


Basalt 


Roth 


stein 








506,2 


272 


106 


580 Grm. 


94 


38 


52 


270 „ 


231,5 


276 


121 


2200 „ 


520 


650 


396 


6700 „ 


4050 


6040 


6370 


6200 „ 


19400 


12500 


15420 


2600 „ 


2,61 


1,38 


0,47 


3,12 Procent. 


4,32 


4,87 


2,52 


49,44 „ 


93,07 


93,75 


97,01 


4'7,44 



6,1 3,3 

4,95 2,23 



1,3 7 Klgrm. 

1,09 6.04 Mm. Höhe. 



Den vereinigten Einfluss des Wassers, der Kohlensäure, des 
Sauerstoffes und der von dem atmosphärischen Wasser gelösten 
Salze auf die Gesteine bezeichnet man als „Verwitterung". 

Bevor wir den Einfluss der vegetabilischen und thie- 
rischen Organismen und deren Reste auf die Gesteine und 
deren Verwitterungsproducte besprechen, seien zunächst die letztem 
kurz skizzirt. 



Verwitterungsproducte der einfachen krystallinischen Gesteine. 



3. Die Producte der Verwitterung der Gesteine. 

a) Verwitterungs-Prodiicte der einfachen iirystal- 
11 n Ischen Gesteine. 

Quarz. Der Quarz widersteht vollkommen den Verwltterungs- 
agentlen. Nur durch Temperaturwechsel, gefrierendes Wasser kann 
er zertrümmert und durch fliessendes Wasser nach und nach zu 
Pulver zermalmt werden. Verwittern Felsarten, in denen er als 
Gemengtheil enthalten ist, so bleibt er als Gruss oder Sand der 
thonigen Masse beigemischt, in welche sich die mit ihm verbunden 
gewesenen Mineralien zerlegten. 

Feldspath. Je nach ihrer Zusammensetzung zeigen die Feld- 
spathe eine sehr verschiedene Verwitterbarkeit. Im Verlaufe der 
Zeit wird ihnen durch kohlensäurehaltiges Wasser Kali , Natron, 
Kalkerde und auch ein Theil der Kieselsäure in der Art entzogen, 
dass zuletzt von ihren Bestandtheilen nur kieselsaure Thonerde oder 
ein Gemisch von kieselsaurer Thonerde und kohlensaurer Kalkerde 
mit geringen Mengen von kieselsaurem Kali und Natron als erdig- 
krümlige Masse übrig bleibt. Diese Verwitterungsproducte heissen 
Kaolin, Thon, Letten, Lehm, Mergel. 

Der Orthoklas verwittert von allen Feldspathen am schwersten 
und zwar um so schwerer, je weniger er Natron und Eisenoxydul 
enthält. Viel leichter verwittert in Folge seines Kalkgehaltes der 
Oligoklas und noch leichter als der Oligoklas der Labrador. 

Zeolith. Die Zeolithe verwittern in Folge ihres grossen Ge- 
haltes von Alkalien und alkalischen Erden sehr rasch. Die kohlen- 
säurehaltigen Meteorwasser lösen letztere auf und führen sie fort 
und es bleibt eine weisse, etwas an der Zunge klebende, fettig oder 
seifig anzufühlende, weiche Masse, der Seifenthon oder das Stein- 
mark, zurück. Für die Bodenbildung sind die Zeolithe deshalb 
so wichtig, weil sie die Verwitterung derjenigen Felsarten, in denen 
sie sehr häufig auftreten (Phonolith, Basalt u. s. w.j, durch ihre 
eigene leichte Zersetzbarkeit befördern. 

Die Augit- und Hornblendegruppe verwittert je nach 
dem grösseren oder geringeren Gehalt ihrer einzelnen Glieder an 
Kalk und Eisenoxydul leichter oder schwerer. Da die Thonerde 
in ihnen zurücktritt, so liefern sie keinen eigentlichen Thon, son- 
dern nur Eisenthon, Walkerde oder Lehm. Reichlich treten in den 
Verwitterungsproducten Eisenverbindungen, kohlensaurer Kalk, Do- 
lomit und kieselsaure Magnesia auf. Augit liefert eine durch Eisen- 
oxyd leder- oder rothbraun gefärbte und gewöhnlich mit kohlen- 
saurem Kalk und oft auch kieselsaurer Magnesia untermengte 



26 Verwitterungsproducte der einfachen krystallinischen Gesteine. 

kieselsäurereiche Thonsubstanz ; Diallag ein kalkloses Magnesiasilicat ; 
Hypersthen Eisenverbindungen (Magneteisenerz, Brauneisenerz); 
Amphibol eisenschüssigen Thon, Walkerde, Grünerde, Speckstein 
und Eisenerze. 

Die Glimmer verwittern meist sehr schwer und dann in der 
Regel von innen nach aussen. Die chemische Zusammensetzung 
hat selbstverständlich den grössten Einfluss auf den Gang der Ver- 
witterung und zwar in der Weise, dass, je mehr das Natron zurück- 
tritt, die Zersetzung um so schwieriger ist, ebenso verwittern die 
eisenoxydarmen und thonerdereichen Glimmer langsamer als die 
eisenoxydreichen , rascher verwittern die eisenoxyduloxydhaltigen 
Glimmer. Die kalireichen Glimmer verwittern schwerer als die 
kaliarmen und magnesiareichen. Je mehr in dem Magnesiaglimmer 
die Magnesia zurückgeht und das Eisenoxydul zunimmt, um so 
leichter ist die Verwitterung. Der am schwierigsten verwitternde Kali- 
glimmer liefert schliesslich einen durch Eisenoxydhydrat ockergelb 
gefärbten und mit unzähligen, noch nicht ganz zersetzten Glimmer- 
schüppchen untermengten Thon ; der Magnesiaglimmer einen schmie- 
rigen, Spuren von kohlensaurer Magnesia und Kalkerde enthaltenden, 
mit zahlreichen rothen Glimmerschüppchen durchsetzten rothbraunen 
Thon. 

Der Talk scheint vollständig unzersetzbar zu sein, ebenso 
der Serpentin. Wo Serpentinfelsen zu Tage ausgehen, ist „todtes 
Gebirge ", wie der Alpenbewohner sagt, sie sehen öde und kahl aus, 
keine Vegetation schmückt sie, denn es fehlt die Erdkrume. 

Calci t zerfällt beim Verwittern nicht nur in kleine Trümmer 
und endlich in Kalksand, sondern fast immer findet auch eine Auf- 
lösung desselben durch kohlensäurehaltiges Wasser statt. 

Der Dolomit verwittert sehr schwer und nur da, wo er 
kohlensauren Kalk oder auch Eisenoxydul beigemengt enthält, sonst 
"werden seine Felsmassen nur durch Frost in ein wildes Chaos von 
Felstrümmern zersprengt. Der aus Dolomit entstehende Sand ähnelt 
in seinen Eigenschaften sehr dem Quarzsand. In kohlensäurehaltigem 
Wasser ist der Dolomit viel schwerer löslich als der kohlensaure 
Kalk. 

Gyps hat als Bodenbildungsmittel nur vorübergehenden Werth, 
da er sich bald im Wasser des Bodens auflöst, wohl hat er aber 
in anderer Beziehung, wie sich dies später zeigen wird, hohen Werth 
für die Landwirthschaft. 

b) Verwitterungs-Producte der zusammengesetzten 
krystallinischen Gesteine. 

Granit liefert mit Granitgruss, Feldspathstücken, Quarz- 



Verwitterungsproducte der zusammengesetzten krystallinischen Gesteine. 27 

körnern und Glimmerblättchen mehr oder weniger reichlich unter- 
mengten Thon. 

Syenit ocker- bis helUedergelben, beim Austrocknen wenig 
berstenden, leicht zu Pulver zerfallenden, zuweilen mit Hornblende- 
splittern und Chloritblättchen durchzogenen Thon. 

Gneiss einen durch verwitternden Glimmer ockergelb oder 
rothbraun gefärbten , mit Quarzkörnern , Gneissschieferchen , Feld- 
spathsplitterchen und Glimmerschüppchen untermengten Thon. Glim- 
merreicher und feldspatharmer Gneiss liefert eine magere , beim 
Austrocknen zuerst berstende und dann sich blätternde, gewöhnlich 
braune, von unzähligen Glimmerblättchen erfüllte Lettenthonmasse. 

Granu lit verwittert langsamer als alle vorgenannten Gesteine 
und liefert einen zuweilen ganz reinen, mit Quarztrümmern unter- 
mengten Kaolin. 

Die Verwitterung der Porphyre ist je nach der Zusammen- 
setzung der Grundmasse , nach dem Gefüge , nach der Menge und 
Art der eingewachsenen Feldspathkrystalle und nach der Zer- 
klüftungsweise der Felsmassen verschieden, im Allgemeinen liefern 
sie eine mit Quarzkörnern , Felsitsplittern und kaolinisirten Feld- 
spathkrystallen untermengte, unrein lederbraune Thonkrume, welche, 
wenn der sie producirende Porphyr Kalkoligoklas enthielt, manch- 
mal 2 — 6 Proc. kohlensauren Kalk besitzt. 

Die Trachyte liefern einen blassgraulichgelben oder auch 
weisslichen, dem Kaolin sehr nahe stehenden Thon. Je nach der 
Feldspathart, welche in dem verwitternden Trachyte der herrschende 
Gemengtheil ist, sowie nach den mit dieser Feldspathart verbun- 
denen anderen Mineralarten ist jedoch das Verwitteruugsproduct 
verschieden. 

Die Phonolithe geben eine unreine weisse oder weissgraue, 
mergelartige Krume, welche mit Wasser meist schlammig wird, 
beim Austrocknen aber nicht berstet, sondern eine krümliche Masse 
bildet, die an trockner Luft allmälig erhärtet und dann sehr 
fest wird. Bei feuchter Lage zeigt diese Krume Anlage zur Ver- 
sumpfung; an mehr trockenen, aber schattigen Orten bildet sie da- 
gegen einen fruchtbaren, 2 — 5 Proc. kohlensauren Kalk und 
5 — 10 Proc. Natronsalz enthaltenden Boden. 

Die Glimmerschiefer verwittern, wenn der vorhandene 
Glimmer Kaliglimmer ist, zu mit wenig Quarzsand gemischtem, ocker- 
gelbem Lehm, welchem gewöhnlich Kieselmehl, Eisenoxydhydrat 
und unzersetzter Glimmer beigemengt ist; bei Gegenwart von Magne- 
siaglimmer zu Quarzsand und rothbraunem, mit viel Eisenoxyd und 
häufig mit Schuppen von Chlorit , Talk oder Knollen von Speck- 
stein untermischtem Lehm. 



28 Verwitterungsproducte der zusammengesetzten krystallinischen Gesteine. 

Der unlösliche Rückstand von der Verwitterung des Chlorit- 
s Chief ers ist wenig Quarzsand und eine magere, viel Eisenoxyd- 
hydrat und Magnesiasilicat beigemengt enthaltende, grünlichgraue 
oder ockergelbe Lettenkrume, in welcher oft auch Chloritblätter 
und Speckstein vorkommen. 

Die Thonschiefer hinterlassen eine wenig Quarzsand ent- 
haltende, aber mit Glimmer-, Chlorit-, Hornblende- oder auch Graphit- 
theilchen untermengte und je nach ihrem grösseren oder kleineren 
Gehalte von Feldspath bald fettere, bald magere, unreine dunkel- 
grünlichgraue, schwarzgraue, oder auch ockergelbe bis rothbraune 
Thonkrume. 

Die Diorite geben je nach ihrer Zusammensetzung verschie- 
dene Verwitterungsrückstände. Die ächten Diorite d. h. die Horn- 
blendefelsarten, in welchen kalkarme aber magnesiareiche Hornblende 
mit Oligoklas verbunden ist, verwittern nur sehr langsam und hinter- 
lassen eine ziemlich fette Lehmkrume, welcher Hornblende- und 
Oligoklas-, bisweilen auch Glimmer-, Chlorit-, Talk- und Grünerde- 
schüppchen, aber keine Quarzkörner beigemengt sind. Die Kalk- 
diorite, in welchen Kalk- und gewöhnlich auch eisenreiche Horn- 
blende mit kalkreichem Feldspath gemischt ist, verwittern rascher, 
als die ächten Diorite und liefern eine ockergelbe, 5 — 10 Proc. 
Kalk haltende Thonkrume, welche im ausgetrockneten Zustande 
mürbe bis pulverig-krümelig ist und neben ihrem Kalkgehalte oft 
auch mehrere Procente kohlensaure Magnesia enthält. 

Die Melaphyre verwittern äusserst langsam, ihr Verwit- 
terungsrückstand ist ein intensiv rothbrauner Thon, welcher den 
Sonnenstrahlen ausgesetzt, sich sehr stark erhitzt, darum auch stark 
verdunstet und zu einer pulverigen Krume zerfällt. An feuchten 
Orten ist diese Krume stark bindig und enthält an Stellen, an 
denen sie nicht ausgelaugt werden kann, oft bis 10 Proc. kohlen- 
sauren Kalk. 

Die Hy perlte geben eine schmutzig-rauchbraune, eisenschüs- 
sige, mit Säuren mehr oder weniger stark aufbrausende, 2 — 5 Proc. 
kohlensauren Kalk, aber nur Spuren von Natron und Kali haltende 
Lehmkrume, welche 16 — 28 Proc. abschlämmbare Hypersthenkörner 
enthält. 

Das Verwitterungsproduct der Diabase ist ein unrein bräun- 
lichgrünlicher, magerer mergeliger Thon. 

Die Basalte liefern eine schmutzig grünlichbräunliche, Eisen- 
oxydkörnchen und Augitreste, oft aber auch Grünerde, Chlorit und 
Speckstein beigemengt enthaltende und mit 3—15 Proc. kohlen- 
saurem Kalk innig vermischte Lehmmergelkrume. 

Fassen wir das über die Verwitterungsproducte der krystalli- 



Verwitterungsproducte der klastischen Gesteine. 29 

nischen Gesteine noch einmal kurz zusammen. — Weder die ein- 
fachen noch die gemengten krystallinischen Gesteine liefern reinen 
Thon oder Kaolin, sondern immer Gemenge von Thon und anderen 
Verwitterungsproducten wie Eisenoxyd, Magnesiasalzen, Calciten, 
Kieselerde u. s. w. Wo reine Kaolin- und Thonlager sich finden, 
sind sie immer durch Schlämmung und Auslaugung von ihren Bei- 
mischungen gereinigt worden. Im Allgemeinen sind die orthoklas- 
oder lig kl asr eichen Gesteine als die Haupterzeuger des 
Kaolins, fetten Thones, des Quarzsandes und der meisten Kalisalze; 
die hornblende-,hypersthen-, diallag- und augitreichen 
Gesteine als die Haupterzeuger des mageren, eisenreichen Thones, 
Lehms und Mergels , sowie der Calcite , Specksteine , Chlorite und 
Eisensteine anzusehen, die glimmerreichen Schiefergesteine 
nähern sich, je nachdem sie Kali- oder Magnesiaglimmer enthalten, 
rücksichtlich der Verwitterungsproducte bald der einen, bald der 
andern der vorgenannten beiden Gruppen. 

c) Verwitterungsproducte der klastischen 
Gesteine. 

Die klastischen Gesteine haben jedenfalls vor Zeiten ebenso wie 
der noch gegenwärtig entstehende Verwitterungsschutt den Grund 
und Boden gebildet, auf welchem die Pflanzenwelt ihren Sitz hatte, 
und es ist andererseits wahrscheinlich, dass alle unsere in der 
Gegenwart vorhandenen Bodenarten, Sand-, Thon- und Lehmablage- 
rungen, künftig Conglomerate, Sandsteine und Schieferthone bilden 
werden. Daher genügen auch mechanische Einwirkungen wie Wasser 
und Frost, um wenigstens die ganz klastischen Gesteine in Erde zu 
verwandeln. Ist das Bindemittel der letzteren Thon, so werden 
sie durch die fortwährende Einwirkung von Wasser in ein Gemenge 
von thoniger oder lehmiger Erdkrume und Gerolle, Gruss und Sand 
umgewandelt. Sind weiter verwitterbare Mineralien vorhanden, so 
hängt von der Natur dieser Gesteine die Fruchtbarkeit des gebil- 
deten Bodens ab, da in der Regel das thonige Bindemittel der 
klastischen Gesteine durch sein Fortschlämmen im Wasser alle lös- 
lichen Substanzen verloren hat und nichts weiter enthält, als kiesel- 
saure Thonerde, Eisenoxyd, Kieselsäure und hier und da etwas 
kieselsaure Magnesia. So sind die Sandsteine der älteren For- 
mationen fruchtbarer, als die der jüngeren Formationen, weil letztere 
mehr Quarz und weniger zersetzbaren Orthoklas, Oligoklas und 
Hornblende enthalten , als erstere. Die ganz klastischen Gesteine 
mit mergeligem Bindemittel zerfallen bald in Folge Auslaugung 
des kalkhaltenden Bindemittels in einen Schutt von mergelig-thoniger 



30 Die Formbestandtheile der Gesteinstrümmer und Verwitterungsproducte. 

Krume und Gerollen oder Sand. Enthalten sie ausserdem Eisen- 
kiese, so gellt durch die Umwandlung dieser in Gyps der Zerfall 
noch rascher vor sich, ebenso wenn stickstoffhaltige Organismen- 
reste vorhanden sind, die dann salpetersauren Kalk liefern. 

Die vulkanischen Tuffe verwittern in ganz gleicher Weise, 
wie die krystallinischen Gesteine, aus denen sie entstanden sind, 
nur rascher und massenhafter. Die aus ihnen gebildete Erdkrume 
ist daher auch der Verwitterungskrume der Basalte, Phonolithe und 
Trachyte sehr ähnlich, aber reicher an feiner Erdkrume, an kohlen- 
sauren und Natronsalzen, Charakteristisch für diese Tuffe ist, dass 
sie während ihrer Verwitterung auf ihren Klüften und Blasen- 
räumen eine Menge von zeolithischen und thonartigen Mineralien, 
wie Steinmark, Bergseife, Neolith, sowie von Calcit, Arragonit, 
Apatit u. s. w, absetzen. 

Die eigentlichen Tuffe mit vorwiegend calcitischem und 
dolomitischem Bindemittel verlieren letzteres durch den Einfluss 
kohlensäurehaltiger Meteorwasser und liefern so ein loses Gehäufe 
von Gerollen oder Sand, welches, wenn es aus zersetzbaren Ge- 
steinen besteht, allmälig weiter verwittert, ähnlich den krystallini- 
schen Gesteinen. 

4. Die Formbestandtheile der Gesteinstrümmer und Verwitterungsproducte. 

Den durch die früher geschilderten Einflüsse aus dem festen 
Gestein entstandenen Gebirgsschutt theilt man ein in Steinschutt, 
Erdschutt und gemischten Gebirgsschutt. 

Der Stein Schutt umfasst alle festen Steinmassen, welche 
nicht mehr in Verwachsung mit denjenigen Erdrindmassen stehen, 
denen sie ihrer mineralischen Zusammensetzung nach angehören, 
welche also lose auf der Erdoberfläche oder in dem Erdboden ein- 
gesenkt oder auf dem Grund der Gewässer umherliegen. Man 
unterscheidet groben Steinschutt, zu welchem alle Steintrümmer 
von wenigstens Haselnussgrösse gehören, und feinen Steinschutt, 
zu welchem alle Steintrümmer, welche kleiner als eine Haselnuss 
sind, gehören. Der äusseren Form nach unterscheidet man: Blöcke, 
Ge rolle, Geschiebe, Gruss und Sand. 

Mit Erdschutt bezeichnet man alle diejenigen massiv auf- 
tretenden, staubig pulverigen oder erdigen Mineralaggregate, welche 
das bleibende und unter den gewöhnlichen Verhältnissen in seiner 
wesentlichen Masse nicht veränderliche Bildungsmaterial derjenigen 
Erdrindmassen darstellen, aus denen der gegenwärtige, pflanzen- 
tragende und ernährende Erdboden besteht. 

Der gemischte Gebirgsschutt, welcher die verschiedenen 



Der Steinschutt. 31 

pflanzentTageiiden Bodenarten umfasst, ist entweder nur aus Mineral- 
schutt zusammengesetzt und heisst dann Mineral- oder Roh- 
boden, oder besteht aus einem Gemenge von Mineralschutt und 
sich zersetzenden organischen Massen und heisst dann Humus- 
boden oder Culturboden. 

Der Steinschutt. 

Die Lagerungsgebiete des Steinschuttes sind entweder primäre, 
wenn er noch in der nächsten Umgebung seines Muttergesteines 
lagert, oder secundäre, wenn er an Orten lagert, w'elche sich 
mehr oder weniger entfernt von seiner Bildungsstätte befinden und 
nicht aus denjenigen Felsarten bestehen, aus deren Zertrümmerung 
er gebildet worden ist. 

Den groben Steinschutt, zu welchem alle Steintrümmer von 
wenigstens Haselnussgrösse gehören, theilt Senft nach seinem 
äusseren Ansehen und seiner Bildung in schlackigen Schutt, 
welcher aus vulkanischen Auswürflingen besteht und äusserlich 
mehr oder weniger angeschmolzen, glasig, schlackig oder schwam- 
mig aussieht; frischen oder Sprengschutt, welcher durch ge- 
waltsame Sprengung von Felsmassen , sei es durch gefrierendes 
Wasser oder durch Bergschlüpfe entstanden ist und äusserlich frisch 
und scharfkantig aussieht; Bröckel- oder Verwitterungs- 
schutt, welcher aus losgebröckelten Felstrümmern besteht und 
äusserlich matt und verwittert aussieht, und Schliff- oder Schwemm- 
schutt, welcher vom Wasser angefluthet ist und äusserlich mehr 
oder weniger abgerundet, glatt und oft scheinbar ganz frisch aussieht. 

Die wichtigsten Repräsentanten des , groben Steinschuttes sind 
die erratischen Blöcke der norddeutschen Ebene, welche aus 
Granit, Gneiss, Syenit, Grünstein, Basalt, Glimmerschiefer, Felsit- 
porphyr, Conglomeraten , Kalksteinen oder Feuersteinen bestehen. 

In der Regel ist der Verwitterungsgang dieses Schuttes gleich, 
dem seines Muttergesteines, häufig aber auch in Folge der Ein- 
flüsse, denen es bei seiner Wanderung ausgesetzt war, verschie- 
den, so dass er dann ein anderes Verhalten zur Bildung und Frucht- 
barkeit des Bodens zeigt, als dem ursprünglichen Gesteinscharakter 
entsprechen würde. 

Der theils auf mechanische Weise, theils durch chemische Ein- 
wirkungen entstandene feine Stein schuft umfasst alle Gesteins- 
trümmer von der Grösse eines Kirschkerns bis herab zu mehlähn- 
lichem Staub. Er wird repräsentirt durch den körnigen und mehligen 
Sand. 

Der Sand bildet lose, in erdfreiem Zustande selbst nicht bei' 
Durchfeuchtung an einander haftende Zusammenhäufungen von 



32 Der Steinschutt. 

erbsengrossen bis staubfeinen, eckig- oder abgerundet-körnigen oder 
auch schuppenförmigen, seltener krystallinischen Trümmern von Fels- 
arten der verschiedensten Art, ja bisweilen auch von Conchylien- 
gehäusen , Corallen oder Versteinerungen. Ist der vorwiegende 
Bestandtheil wohl immer Quarz, so ist doch die Ansicht des ge- 
wöhnlichen Lebens, der Sand bestehe eben nur und immer aus 
Quarzkörnern, eine entschieden zu berichtigende. 

Man unterscheidet nach den Arten seiner Hauptgemengtheile 
quarz reichen, kalk reichen und Lava -Sand. Der quarz- 
r ei che Sand enthält in der Regel noch 2 — 25 Proc. anderer 
Mineraltrtimmer, je nach der Natur der letzteren hat man feldspath- 
haltigen, glimmerhaltigen , kalkhaltigen und eisenschüssigen Quarz- 
sand. Der kalkreiche Sand enthält 80 — 95 Proc. kohlensauren 
Kalkes und hinterlässt bei seiner Lösung in Salzsäure 5 — 10 Proc. 
Quarz- oder andere Mineralkörner, oder auch 2 — 10 Proc. Thon. 
Der kalkreiche Sand findet sich an den Gehängen kahler Kalkberge 
und ist dann vorherrschend eckig und grobkörnig oder er besteht 
aus Conchylienresten und heisst dann Muschelsand, oder er zeigt 
sich auf dem Grund von Wiesenmooren (Wiesenmergel) als mehl- 
artige Masse. Der Lava-Sand und die Lava-Asche sind in 
ihrem mineralischen und chemischen Bestand verschieden nach den 
einzelnen sie producirenden Vulcanen sowie auch nach den in ver- 
schiedenen Zeiträumen erfolgten Eruptionen von einem und dem- 
selben Vulcane. Im Allgemeinen sind seine Hauptbestandtheile thon- 
erdehaltiger Augit, Kalkhornblende, natronreicher Sanidin, Labrador 
oder Leucit, öfter auch Anorthit oder Nephelin. 

Nach der Grösse seiner Körner unterscheidet man beim Sand : 

1. Kies, Grand und Gruss; erbsen- bis hirsekorngrosse, 
eckige oder abgerundete Körner. 

2. P e r 1 s a n d : hanf korngrosse, eckige oder abgerundete, Perlen 
oft nicht unähnliche Körner. 

3. Grober Sand; hirsekorngrosse Körner. 

4. Feiner Sand: mohnsamengrosse, meist ganz abgerundete 
und glänzende Körner. 

5. Mehl-, Staub- oder Flugsand und Asche: pulver- bis 
staubförmig, leicht vom Winde beweglich. 

Die bemerkenswerthesten physikalischen Eigenschaften 
des Sandes sind etwa folgende: Je gröber der Sand ist, um so 
weniger besitzt er im durchfeuchteten Zustande Cohärenz, wesent- 
lich beeinflusst wird seine Bindigkeit durch seine Beimengungen, be- 
sonders durch die thonigen und humosen. Die Sonnenstrahlen 
absorbirt der Sand sehr stark und erhitzt sich in Folge dessen sehr 
bald, strahlt aber auch die aufgenommene Wärme sehr bald wieder 



Der Erdschutt. 33 

aus. üebrigens variirt diese Eigenschaft nach den Sandsorten. 
Grobkörniger oder dunkelgefärbter Sand besitzt eine stärkere Ab- 
sorption und Ausstrahlung der Wärme als feinkörniger oder hell- 
gefärbter; ein an Kalkkörnern reicher Sand eine weit langsamere 
Wärmeaufnahme, aber auch eine geringere Wärmeausstrahlung, als 
Quarzsand; ein eisenoxydhydratreicher Sand erhitzt sich stark und 
bleibt auch lange warm; ein thonreicher Sand erhitzt sich nur 
langsam, kühlt sich aber auch nur allmälig ab; ein mit kohligen 
Theilen gemengter Sand erwärmt sich sehr schnell und stark und 
hält die Wärme lange zurück. 

Die Wärme leitet Sand nur schlecht, aber auch bezüglich 
dieser Eigenschaft verhält sich nicht aller Sand gleich. Je weniger 
ein Sand erdige oder humose Bestandtheile enthält, um so weniger 
leitet er die Wärme und um so wärmer hält er daher seinen Unter- 
grund im Winter und um so kühler im Sommer; am besten in 
dieser Beziehung ist der dunkelgefärbte Basalt-, Lava- und Melaphyr- 
sand, weniger gut Kalksand. 

Charakteristisch ist das Verhalten des Sandes gegen 
flüssiges und gasförmiges Wasser. Reiner Sand zieht aus 
der Atmosphäre keine Feuchtigkeit an, wohl aber wenn er Bei- 
mengungen von thonigen, kohligen und humosen Substanzen enthält. 
Flüssiges Wasser vermag feuchter Sand aus dem Untergrund um 
so mehr in sich aufzusaugen , je feinkörniger sein Gemenge ist. 
Wasser in sich festzuhalten vermag Sand um so weniger, je frischer 
und grobkörniger seine Gemengtheile sind und je weniger er thonige 
und humose Bestandtheile besitzt. 

Die Sandablagerungen sind übrigens keineswegs etwas Stabiles. 
Sie können in ihren Massen auf mechanischem Wege durch Zu- 
führung von Gemengtheilen , durch Wegschlämmen durch Wasser 
oder durch Wegwehen oder Zuwehen von Bestandtheileu durch 
die- Luftströmungen, — auf chemischem Wege durch Lösung, 
Auslaugung und Zersetzung verändert werden. 

Der Erdschutt, 

Die eigentlichen Repräsentanten des Erdschuttes, d. h. aller 
derjenigen massig auftretenden , staubig pulverigen oder erdigen 
Mineralaggregate, welche das bleibende und unter den gewöhnlichen 
Verhältnissen in seiner wesentlichen Masse nicht veränderliche 
Bildungsmaterial derjenigen Erdrindeglieder darstellen, aus denen 
der gegenwärtige. Pflanzen tragende und ernährende Erdboden be- 
steht, sind die Thon Substanzen, die, wie wir oben gesehen haben, 
letzten, nicht weiter durch kohlensäurehaltiges Wasser zersetzbaren 
Verwitterungsrückstände tlionerdehaltiger Silicate. 

V. Gohcen, Ackerbauchemie. 3 



34 Der Erdschutt. 

Der Thon bildet im trockenen Zustande theils zusammenhängende, 
theils pulvrig-erdige Mineralmassen, die sich, wenn der Thon rein 
ist, mager, aber bei geringen Beimengungen von Magnesia und 
Eisenoxyd fettig anfühlen. Die Farbe ist sehr verschieden, weiss, 
gelb, bläulich, grau, gelbroth, roth, rothbraun u. s. w. Beim An- 
hauchen wird ein eigenthümlicher Geruch (Thongeruch) wahrnehmbar. 
Der Thon saugt das Wasser begierig ein und klebt stark an der 
feuchten Zunge. Im durchfeuchteten Zustande ist er schlüpfrig, 
knet- und formbar (plastisch) ; mit mehr Wasser bildet er einen 
dicken Brei — Thonbrei, der beim Austrocknen sich zusammen- 
ziehend (schwindend) allen Gegenständen fest anhaftet, so auch den 
Pflanzenwurzeln, die er mit einer für Wasser undurchlässigen Schichte 
umgibt; mit sehr viel Wasser endlich bildet er eine durch die fein 
vertheilten Thontheilchen trübe Flüssigkeit, er ist demnach schlämm- 
bar. Befeuchtet man einen ganz ausgetrockneten Thon nur ober- 
flächlich, wie dies z. B. durch einen schwachen Regenschauer ge- 
schieht, so zerfällt er beim Trocknen in einzelne eckige Stückchen, 
Aehnliches zeigt sich, wenn sein Austrocknen sehr rasch von Aussen 
her vor sich geht. Es bildet sich eine trockene Kruste, die in 
lauter eckige Schalenstücke zerberstet, weil die unten noch feuchte 
Lage ein grösseres Volumen hat und in Folge ihres Anhaftens 
an die oben ausgetrocknete Lage das gleichmässige und regel- 
mässige Zusammenziehen derselben nicht gestattet. Diese Eigen- 
schaften des Thones sind für sein Verhalten als Bodenbestand- 
theil eben nicht sehr günstig. Zu Brei gewordener Thon schliesst 
die Pflanzenwurzeln vollkommen von der Luft ab ; trocknet er voll- 
kommen aus, so sind die Wurzeln mit einer steinharten, für sie 
tödtlichen Rinde umgeben , während der ungleichmässig austrock- 
nende Thon dieselben zerreisst und zerquetscht. 

In feuchtem Zustande von einander getrennte Thonmassen 
bilden nach dem Austrocknen .steinartige, sehr harte Klumpen, die 
sehr schwer zerfallen. Daher darf auch ein Thonboden in zu 
feuchtem Zustande nicht bearbeitet werden, wenn man nicht das 
Feld voll Schollen" haben will. 

Gefriert nasser Thon, so zerfällt die ganze Masse in krümliche 
Erde, indem ihre Theilchen durch das beim Gefrieren sich aus- 
dehnende Wasser auseinander getrieben werden. Tritt allmälig 
Thauwetter ein, so behält der Boden seine krümliche Beschaff'enheit, 
erscheint aber das Thauwetter plötzlich mit viel Nässe, so wird 
der gefrorene Thon in Brei verwandelt. Der Frost ist in der That 
das beste Mittel, um schweren Thonboden aufzulockern. Durch 
schwaches Brennen sowie durch Einwirkung von gebranntem Kalk 
wird er ebenfalls gelockert und weniger zähe, theilweise wohl 



Der Erdschutt. 35 

auch aufgeschlossen, d. h. einzelne seiner Bestandtheile löslich 
gemacht. 

Wie der Thon ein bedeutendes Vermögen besitzt, Wasser auf- 
zusaugen, so besitzt er auch die Fähigkeit, Lösungen von Stoßen 
(Salzlösungen) in grossen Mengen aufzunehmen und die gelösten 
Stoffe zurückzuhalten. Auch gegen Gase besitzt er ein grosses 
Absorptionsvermögen, wie wir dies schon durch den Thongeruch 
wahrnehmen, der nur von absorbirten Gasen (vorzüglich Ammoniak) 
herrührt. Wir kommen auf dieses Verhalten, wie auch auf das 
gegen Wärme, Wasser, Luft, Licht u. s. w. noch bei den allge- 
meinen Eigenschaften der Ackererde zurück, hier sei nur hervor- 
gehoben, dass gerade durch das Vermögen, Gase und gelöste Sub- 
stanzen, die den Ptianzen als Nahrung dienen, in sich aufzusaugen, 
der Thon eine sehr hohe Wichtigkeit als Bodengemeugtheil erhält, 
denn reiner Thon kann als im Wasser ganz unlöslich den Pflanzen 
nur einen Standort bieten, sie aber nicht ernähren; er wird aber 
zu einer Sparkasse für die Nahrungsstoffe der Pflanzen , indem er 
dem den Boden durchsickernden Wasser die gelösten Nahrungsstoffe 
entzieht, sie festhält und der Pflanze darbietet, wenn sie dieselben 
benöthigt. 

Theils durch die aufgesaugten und im Thon festgehaltenen 
Salzlösungen, theils durch mechanische Beimengungen wird der Thon 
sowohl in seinen chemischen , wie in seinen physikalischen Eigen- 
schaften verändert und bildet in Folge dessen eine ganze Reihe 
von Abarten. 

Den reinen, weissen Thon nennt man Kaolin. 

Der Kaolin iPorzellanerde, Porzellauthonj ist namentlich ent- 
standen durch Verwitterung von Feldspath. Er bildet derbe, harte 
oder auch krümlich-erdige Massen von weisser bis gelblichweisser 
Farbe. Oft ist er verunreinigt durch diejenigen Mineralmassen, 
aus denen er entstanden ist. 

Steinmark ist dem Kaolin sehr ähnlich, enthält aber immer 
Eisenoxyd. 

Die Beimengungen sind entweder kalklose, nicht mit Säuren 
aufbrausende, oder kalkhaltige. Von den kalklosen Thon- 
substanzen rechnet man zu den fetten Thonen: den Pfeifenthon, 
gemeinen Thon, Eisenthon und bituminösen Thon. 

Der Pfeifenthon (Walker-, Koller- oder Wascherde) ist 
eine fettig anzufühlende , groberdige , im Schnitte glänzende Masse 
von graulich-, bläulich- oder gelblichweisser Farbe, mit Wasser 
einen sehr plastischen Teig bildend. Er findet sich namentlich im 
Gebiete der Braunkohlenformationen. 

Gemeiner Thon (Töpferthon, fetter Thon, Klay) ist als 

3* 



36 Der Erdschutt. 

kein unmittelbares Verwitterungsproduct anzusehen, sondern er ist 
aus der Wegschlämmung und Vermischung des ursprünglichen Ver- 
witterungsthones mit den gegenwärtig seiner Masse beigemengten 
Substanzen entstanden. Solche Substanzen sind Eisenverbindungen, 
kieselsaure und kohlensaure Alkalien, kieselsaure Magnesia, kohlen- 
saurer und schwefelsaurer Kalk, Kochsalz, Bittersalz, Glaubersalz, 
Alaun, sowie organische Stoffe. Die Qualität und Quantität seiner 
Bestandtheile ist überhaupt eine sehr verschiedene , je nach dem 
Orte seiner Ablagerung und der Art der in seiner Masse einge- 
betteten Mineraltrümmer und organischen Stoffe. Seine beträcht- 
lichsten Ablagerungen befinden sich in von fliessenden Gewässern 
durchzogenen Ebenen, Auen und Thälern, sowie auch am Strande 
des Meeres. Aber auch in den verschiedenen Sandstein- und Kalk-^ 
formationen der Erdrinde tritt er in mehr oder minder mächtigen 
Zwischenablagerungen auf. 

Steigt der Gehalt an organischen StoflPen bedeutend, so nennt 
man den Thon: bituminösen Thon (humoser schiefriger Töpfer- 
thon, Schieferthon, Schieferletten, Letten). Er ist von organischen 
Stoffen ganz durchzogen, bläulich bis schwarzgrau, im durchfeuch- 
teten Zustand zähe und schmierig. Beim Austrocknen zieht er sich 
bedeutend zusammen und wird sehr fest. Der Sand, den er enthält, 
ist sehr fein. Das Eisenoxydul, welches in ihm vorkommt, wird 
an der Luft zu Eisenoxydhydrat, was ein Röthlichwerden des Lettens 
bedingt. Er kommt namentlich am Grunde von alten Fluss- und 
Seebetten vor. Frisch aus dem Grunde von Gewässern oder Mooren 
genommen, reagirt er sauer von Humussäuren und ist in diesem 
Zustande sehr unfruchtbar. Liegt er dann längere Zeit an der 
Luft, so zerfällt er, besonders durch Einwirkung des Frostes, in ein 
krümliches Pulver. 

Der Thon wird durch Aufnahme von Kochsalz zu Salzthon, 
durch Alaun oder Eisenvitriol zu Alaun- oder Vitriolthon, 
durch viel Eisenoxyd (5 — 20 Proc.) zu eisenschüssigem Thon. 

Der eisenschüssige Thon bildet sehr häufig das Bindemittel von 
Conglomeraten und Sandsteinen, z. B. des Rothliegenden, oder auch 
selbstständige, oft sehr mächtige Ablagerungen in den Formationen 
des Rothliegenden und Buntsandsteines. Dem eisenschüssigen Thon 
steht der glimm er ige Thon sehr nahe. 

Wie erwähnt, gehören alle diese Thonarten zu den sogenannten 
fetten Thonen, die mit Wasser durchfeuchtet sehr plastisch, 
klebrig und teigartig sind , mit dem Fingernagel in trockenem Zu- 
stande gerieben sich stark glätten und dann spiegelnd werden. 

Durch Aufnahme von Sand wird der Thon aber mager, d. h. 
weniger plastisch, weniger fettig sich anfühlend und weniger an der 



Der Erdschutt. 37 

Zunge haftend, auch lässt er sich mit dem Fingernagel nur wenig 
glätten. Zu diesen mageren Thonarten gehört: 

Der Eisenthon. Derselbe ist ein dem eisenschüssigen Thone 
sehr ähnlicher, meist intensiv ockergelb, lederbraun oder braunroth 
gefärbter Thon, welcher 15 — 20 Proc. nur durch Säuren auszieh- 
bares Eisenoxydhydrat enthält, zuweilen aber auch geradezu eine 
chemische Verbindung von kieselsaurem Eisenoxyd und kieselsaurer 
Thonerde ist. 

Der Lehm (Lehmthon). Er ist ein Verwitterungsproduct der 
glimmer-, hornblende- und augitreichen krystallinischen Felsarten 
und findet sich in den Thälern und Mulden meist untermengt mit 
Fragmenten der Gesteine , aus denen er entstanden ist. Er ist 
ockergelb bis lederbraun, zeigt die allgemeinen Eigenschaften einer 
mageren Thonart, lässt sich mit Wasser durchfeuchtet wohl kneten, 
aber nie so vollkommen, wie der reine Thon und wird durch Nässe 
nie so schmierig und zähe wie dieser. Er enthält immer 5 — 10 Proc. 
Eisenoxydul oder Eisenoxyd (wird beim Brennen demnach rothj und 
etwa 30 Proc. Sand. Die Gesteinstrümmer, welche den Sand bilden, 
sind sehr mannigfaltig, Quarz und Glimmer spielen jedoch die 
Hauptrolle. Enthält der Thon neben Sand noch grössere oder ge- 
ringere Quantitäten von kohlensaurer Kalkerde, so wird er zu 
kalkhaltigem Thon oder Mergel. 

Die Mergel charakterisiren sich dadurch, dass sich die kohlen- 
saure Kalkerde von dem Thone nicht durch Schlämmen entfernen 
lässt, weil letzterer vom kohlensauren Kalke gleichmässig durch- 
drungen ist. Durch dieses Merkmal unterscheidet sich der Mergel vom 
„kalkigen Thon" oder „Kalkthon". Mergelmassen können daher 
nur da entstehen, wo Lösungen von doppelt kohlensaurem Kalk in 
Thon- oder Lehmablagerungen einsintern. Dem wechselnden Ein- 
flüsse der Witterung ausgesetzt, verlieren die Mergel ihren Zusam- 
menhang und zerfallen in ein lockeres Haufwerk von eckigen 
Stückchen und endlich in eine krümelige Erdmasse. 

Je nach den Mengenverhältnissen des Thones und Kalkes unter- 
scheidet man folgende Abarten: 

1. Mergeliger Thon mit 5 — 10 Proc. Kalk und 90 — 95 Proc. 
Thon. 

2. Thonmergelmit 15— 25 Proc. Kalk und 75— 85 Proc. Thon. 

3. Gemeiner Mergel mit 25 — 30 Proc. Kalk, 50 — 80 Proc. 
Thon und zuweilen auch 5 — 10 Proc. kohlensaurer Magnesia. 

4. Lehmmergel mit 15 — 25 Proc. Kalk, 20—50 Proc. 
Thon und 25 — 75 Proc. Kieselmehl und feinen Sand. 

5. Kalkmergel mit 50—90 Proc. Kalk und 10—50 Proc. 
Thon nebst Kieselmehl. 



38 Beziehungen der Organismen zur Bodenbildung. 

6. Magnesiakalkmergel mit 10 — 30 Proc. Kalk, 20 bis 
50 Proc. Tbon und 10 — 40 Proc. Magnesia. 

Nach ihren Structurverhältnissen oder den Formationen , in 
welchen sie vorkommen , bezeichnet man die Mergelarten als : 
dichten Mergel , Schiefermergel , Kreidemergel , Liasmergel u. s. w. 

Mergelablagerungen finden sich hauptsächlich in der Zechstein-, 
Buntsandstein-, Muschelkalk-, Keuper-, Lias- und Kreideformation, 
doch bilden sie sich auch jetzt noch oft in thonreichen Boden, 
welche am Fusse bewaldeter Kalkberge liegen. 

Dem Landwirthe, für den die Mergellager einen grossen Werth 
besitzen, ist das Aufbrausen einer erdig-thonigen Masse bei Zusatz 
einiger Tropfen Säuren ein Fingerzeig für das Vorhandensein von 
Mergel. 



5. Die Beziehungen der Organismen zur ßodenbildung. 

Pflanzliche und thierische Organismen tragen direct und indirect 
zur Bodenbildung bei. Die ausgedehnten Kohlenlager, die Torf- 
moore, die Infusorienerde, die Kalktuffe sind Beispiele phyto- 
gen er, die gewaltigen Kalk- und Kreidefelsen, die Koralleninseln 
und Muschelbänke solche zoogener Bodenbildungen. 

Die Art und Weise, wie Pflanzenstoffe zu Kohle werden können, 
lässt sich noch heut zu Tage an der Bildung der Torfmoore 
erkennen. Nicht in allen Gegenden der Erde bilden sich Torf- 
moore. Zwischen den Wendekreisen und in den Polargegenden 
finden sich keine Torfmoore, dort nicht, weil die hohe Temperatur 
die Fäulniss der organischen Materie beschleunigt, hier nicht, weil 
die niedere Temperatur massenhafte Bildung organischer Materie 
verhindert. Wasser und niedrige Temperatur sind die Vorbeding- 
ungen ihres Entstehens. Ist der Boden, in dessen Vertiefung sich 
aus irgend welchem Grunde stehendes Wasser angesammelt hat, 
einigermassen fruchtbar, so zeigen sich am Rande Rohr und Schilf, 
die , allmälig in das Wasser hineinwachsend , durch stärkere Be- 
schattung die Verdunstung des Wassers verhindern und die Moor- 
bildung so günstig beeinflussen ; nach ihnen stellen sich eine ganze 
Reihe anderer Wasserpflanzen, vor Allen die Wasserlinsen, ein, die 
ihr Domicil im Wasser selbst nehmen. Die abgestorbenen Pflanzen 
sinken im Wasser unter, neue Generationen folgen ihnen nach und 
allmälig hebt sich dadurch der Boden , bis er der Wasserober- 
fläche nahe kommt. Ist der Boden für Rohr, Schilf, Wollgräser 
und Riedgräser u. s. w. zu arm, so zeigt sich eine Moosvegetation 
(Sphagnum), welche allmälig das ganze Wasserbassin ausfüllt. Wäh- 



Beziehungen der Organismen zur Bodenbildung. 39 

rend sich aber Moos auf Moos im jährlichem Wechsel schichtenweis 
absetzt, wandeln chemische Processe von der untersten Schicht an- 
fangend die Ablagerungsmassen in jene braunschwarze Substanz 
um, die wir Torf nennen. In jedem mächtigeren Torflager lassen 
sich die üebergänge von der frischen Pflanzenfaser bis zum Pech- 
torf verfolgen. An der Oberfläche wachsen die Pflanzen noch fort, 
je tiefer nach unten, um so weiter ist die Veränderung vorgeschritten, 
die Torfmasse wird dichter, homogener, und die Pflanzenfaser immer 
unkenntlicher. Der Pechtorf in den tiefsten Partien des Lagers 
stellt im getrockneten Zustande schon eine ganz homogene Masse 
dar, fast wie Pechkohle. In den Niederungen der grossen nord- 
europäischen Ebene, zwischen der Scheide und Newa, wie in den 
Niederlanden, Hannover, Mecklenburg, Pommern und Brandenburg 
bilden die Torfmoore unabsehbare Flächen. 

Die Infusorienerde oder Kieseiguhr ist eine magere, 
weisse oder gelbliche Erde in bisweilen mehrere Fuss dicken 
Schichten. Sie entsteht dadurch, dass die Diatomeen oder Spalt- 
algen, deren mikroskopisch kleine, aber sehr mannigfaltige Formen 
sich fast in allen süssen und salzigen Gewässern finden, aus der 
in sehr geringer Menge im Wasser gelösten Kieselsäure ihre zier- 
lichen Kieselpanzer bilden und da sich diese Organismen durch 
Theilung in ganz ungeheurer Menge vermehren, so erklärt sich das 
massenhafte Auftreten der Kieseiguhr. Derartige Ablagerungen 
finden sich z. B. in den Miueralmooren bei Franzensbad in Böhmen, 
in der LTmgegend Berlins, auf der Lüneburger Haide u. v. a. Orten. 
Auch der Polirschiefer von Biliu, der eine 1 4 Fuss mächtige Ablage- 
rung bildet, besteht der Hauptsache nach aus Diatomeen, ebenso 
die gelbe magere Erde von Tripolis, der sogenannte Tripel. 

Durch kalkabsondernde Wasserpflanzen, die NuUiporen und 
Corallineu sind in den Tertiärablagerungen die Nullipo renkalke 
gebildet worden und ebenso entstehen durch Vermittlung von Moosen, 
Charen u. s. w. mächtige Kalktuflfbildungen. 

Fast noch bedeutender als die phytogenen Bildungen sind die 
zoogenen. Die meisten Kalkgebirge verdanken ihren Ursprung den 
kalkigen Skeletten der in ungeheurer Individuenzahl im Meerwasser 
lebenden niederen Thiere, der Mollusken, Echinodermen, Anthozoen 
und Rhizopoden. Der kalkhaltige, protoplastische Meeresschlamm, 
von Huxley Bathybius genannt, liefert neben den Globigerinen und 
Textilien das Material für die Kreidefelsen. Die Korallenthiere 
schaffen ausgedehnte Inseln, die zahlreichen Arten von Echinoder- 
men und Mollusken werden die Veranlassung zu Muschelbänken 
und zur Bildung von mergeligen und kalkigen Sandsteinen. 

Die Einwirkung der Organismen auf die Gesteine und den 



40 Beziehungen der Organismen zur Bodenbildung. 

Gesteinsschutt ist theils eine mechanische, theils eine chemisch- 
physiologische. Ganz besonders kommt hierbei die Pflanzenwelt 
in Betracht. Mechanisch wirken die Wurzeln der Pflanzen als 
Felsensprenger. Indem sie sich im Boden verzweigen und in die 
Ritzen und Spalten der noch unvollkommen zertrümmerten Fels- 
unterlage eindringen , treiben sie in Folge ihres Dickenwachsthums 
das Gestein auseinander, wirken also ähnlich wie das gefrierende 
Wasser und indem sie die Felsstücken in ihrem Zusammenhang 
lockern, machen sie dieselben den anderen Verwitterungsfactoren 
zugänglicher. 

Dass die Pflanzen selbst thätigen Antheil an der Zersetzung 
der Gesteine nehmen und zwar verschiedene Pflanzen in verschie- 
denem Maasse, davon liefern die in Wiesen sich häufig findenden 
glatten Kalksteine den Beleg, deren Oberfläche durch die darauf 
liegenden Wurzelfasern mit feinen Furchen netzartig bedeckt ist. 
An Thonschiefern und Graniten kommen ähnliche Erscheinungen 
vor, die Sachs übrigens auch künstlich hervorgerufen hat. 

Nach Versuchen von Dietrich wurden löslich durch 
Einwirkung ii^ Buntsandstein im Basalt 

von 3 Lupinen Pflanzen 0,6080 Grm., 0^492 Grm. Mineralst. 

3 Erbsen „ 0,4807 „ 0,7132 „ „ 

„ 20 Spörgel „ 0,2678 „ 0,3649 „ „ 

_ 10 Buchweizen „ 0,2322 „ 0,3274 „ „ 

,j 4 Wicken „ 0,2212 „ 0,2514 „ „ 

„ 8 Weizen „ 0,0272 „ 0,1958 „ „ 

„ 8 Roggen „ 0,0137 „ 0,1316 „ 

Durch eine andere Versuchsreihe constatirte Dietrich, dass 
unter dem Einfluss vegetirender Erbsen und Lupinen von den Ge- 
steinsbestandtheilen mehr löslich geworden war, als durch den Ver- 
witterungsprocess und durch das angewandte Wasser allein. Inner- 
halb einer Vegetationsperiode wurden aus einem Topfe mit Bunt- 
sandsteinsand (5100 Grm. enthaltend) löslich: 

Kali Kalk Magnesia ..^ 

° saure 

durch den Verwitterungsprocess 0,0388 0,4516 0,0892 0,0356 

desgl. und den Einfluss vegeti- 
render Erbsen 0,0684 0,5218 0,1230 0,0868 

desgl. und den Einfluss vegeti- 
render Lupinen 0,0920 0,4625 0,1332 0,0971. 

Die Beobachtung lehrt ferner, wie die meisten Felsenwände 
sich mit Moosen und Flechten bedecken (deren Keime von der Luft 
zugeführt werden), die dem unbewaff'neten Auge wie Staubüberztige 



Beziehungen der Organismen zur Bodenbildung. 41 

erscheinen, demungeachtet aber wohlbekannte Pflänzchen sind (Wand- 
flechten, Schürf- und Krätzflechten, Blätterflechten u. dgl.). Und 
zwar setzen sich die Flechten namentlich in Folge ihres Bedarfes 
an Kalkerde sehr gern an Kalkgesteinen an.') Durch das Ab- 
sterben dieser Vegetation sondert sich über der rauhgewordenen 
Fläche der Felsen eine schwache Schichte von lockerer Erde ab, 
in welcher gleichwohl Samen, vom Winde oder durch Vögel herbei 
getragen, einen haltbaren Boden zum Keimen und Wachsen finden. 
Jährlich absterbend, bereichern diese Vegetationen die Bodenschichte. 
Letztere aber wird gleichzeitig auch durch aufgelöste Mineral- 
theile des Gesteines vermehrt und so bildet sich nach und nach 
eine immer mächtiger werdende Erdschichte , welche dann schon 
krautartigen Gewächsen und Sträuchern und endlich selbst Bäumen 
zum Halt und zur Nahrung dienen kann, und wo Waldbäume ihre 
stolzen Gipfel nun gegen den Himmel erheben, da überzogen einst 
kaum sichtbare Pflänzchen den erdelosen nackten Felsen. 

Von fast noch höherem Einfluss auf die Verwitterung der Ge- 
steine und die Bodenbildung als die lebenden Organismen sind aber 
die dem Boden verbleibenden und einverleibten Reste der abge- 
storbenen Organismen. 

Alle Pflanzen, welche im Boden wurzeln, seien sie klein oder 
gross , sterben alljährlich ganz oder theilweise ab , und geben die 
in ihnen enthalten gewesenen Bestandtheile in kürzerer oder längerer 
Zeit an diesen Boden wieder zurück und noch weit mehr , als sie 
von ihm empfangen hatten, nämlich viele organische Substanzen, 
die sich während ihres Wachsthums aus Bestandtheilen der Luft 
bildeten. So fallen z. B. die Blätter der meisten ausdauernden 



1) Viele der alten griechischen Marmordenkmäler sind mit oxalsaurem 
Kalk überzogen , der von der Verwesung von Flechten, welche auf ihrer Über- 
fläche gewachsen waren, zurückgeblieben ist. Nach Göppert ist das harte, 
feinkörnige Gestein des Zobtenberges in Schlesien an allen den Stellen an der 
Oberfläche gelockert, wo dieselben mit Flechten (Acarospora smaragdula, Imbri- 
caria olivacea etc.) bedeckt ist, während der nahe anliegende Fels so hart ist, 
dass er dem Messer widersteht. Auf dem Schwalbenstein bei Glatz ist in einer 
Höhe von 4500' der Granit unter einer Decke von Flechten zersetzt, der Feld- 
spath ist in Kaolin verwandelt oder weggewaschen, nur die Quarzkörner und 
Glimmerblättchen' bleiben unverändert. Selbst auf Quarz verweigern die 
Flechten nicht zu wachsen. Johnson berichtet, dass die weissen Quarzhügel 
von Berkshire, Massachusetts, auf grossen Strecken der feuchteren nördlichen 
Abhänge mit einer lederartigen Flechte bedeckt sind, welche so fest an dem 
Felsen haftet, dass, wenn sie mit Gewalt weggenommen wird, Theile des Gesteins 
selbst mit losgelöst werden. Unter den höheren Pflanzen sind solche „Pionniere 
der Pflanzenwelt auf unwirthlichem Terrain" u. A. die Krüppelföhre, der Ginster, 
Heidekraut. „Uebrigens machen die meisten Waldbäume wenig Ansprüche an 
pflanzliche Ueberreste im Boden, weshalb zweckmässig bis dahin wüste Lände- 
reien durch vorübergehende Waldcultur in Besitz genommen werden". 



42 Beziehungen der Organismen zur Bodenbildung. • 

Pflanzen alljährlich ab; die Wurzeln fast aller Pflanzen, auch die 
der meisten Culturpflanzen, die jährlich absterbenden Würmer und 
andere Thiere, die unter der Erde Nahrung suchen, bleiben im 
Boden, und so sammelt sich daselbst, abgesehen von vielen anderen 
organischen Resten pflanzlichen und thierischen Ursprunges, die 
dem Boden in Form von Dünger jährlich zugeführt werden, eine 
solche Menge von organischen Stoffen an, dass sie jeder Landwirth 
in seinen Ackerfurchen leicht wahrnehmen kann. 

Alle diese Stoffe aber verbleiben nicht lange in ihrer ursprüng- 
lichen Form und Farbe; sie sind von nun an einer langsamen aber 
stetig fortschreitenden Veränderung unterworfen; die Formen ver- 
lieren sich, die Farben werden dunkler und unter steter Aufnahme 
von Sauerstoff aus der Luft entwickeln sich flüchtige Gase bei 
gleichzeitiger Bildung fester Producte, die sich aber zuletzt gleich- 
falls in gasförmige Stoffe auflösen, indem die chemischen Kräfte 
auf die ihrer ursprünglichen Bildungsstätte entrückten Stoffe un- 
bevormundet ihre Wirkung geltend machen können. Dieser Vor- 
gang der Zersetzung organischer Stoffe ist die Verwesung. Das 
was die Verwitterung für die unorganischen (mineralischen) Stoffe, 
das ist die Verwesung für die organischen (pflanzlichen und thie- 
rischen) Körper. Die Substanzen, welche sich bei der Verwesung 
bilden, heissen Verwesungsproducte, und zwar werden ihre 
noch festen Theile im Allgemeinen Humus Stoffe oder kurzweg 
„Humus" genannt. Der Begriff „Humus", bezüglich dessen in 
Büchern noch immer grosse Verwirrung herrscht, ist vor allem 
seiner wissenschaftlich begründeten Bedeutung nach richtig dahin 
aufzufassen, dass lediglich die aus verschiedenen Zersetzungsstadien 
organischer Reste hervorgegangenen, aber noch im festen Zustande 
befindlichen Producte mit dem Ausdrucke Humus zu bezeichnen 
sind. Humus ist demnach eine sich zersetzende organische Substanz, 
und weil die in Zersetzung befindlichen organischen Reste im We- 
sentlichen aus einem Stoffe bestehen, den man Holzfaser nennt, so 
bezeichnen manche Chemiker den Humus als „in Zersetzung be- 
findliche Holzfaser. " 

Da organische Reste nicht auf einmal, sondern nach und nach 
dem Acker zugeführt werden, sie also auch nicht gleichzeitig die 
Stadien der Verwesung durchmachen, so werden sie den Natur- 
gesetzen gemäss zwar alle der fortschreitenden Auflösung anheim- 
fallen, immer aber in verschiedenen Stadien derselben befindlich 
sein, und sie müssten endlich alle aus dem Ackerboden schwinden, 
wenn die Zufuhr von neuen organischen Stoffen für längere Zeit 
ganz aufhörte und auch alle sonstigen Bedingungen der Verwesung 
erfüllt wären. 



Beziehungen der Organismen zur Bodenbildung. 43 

Die Bedingungen für die Verwesung organischer 
Stoffe sind: genügender Luftzutritt, .massige Feuchtigkeit und 
Wärme. Der Luftzutritt ist wegen des Sauerstoffes nothwendig, 
weil letzterer bei der Verwesung Verbindungen mit den Stoffen des 
sich zersetzenden Körpers eingeht. Auch hier also , wie bei der 
Verwitterung, wirkt der Sauerstoff oxydirend, auch hier ist er vor- 
züglich der Störenfried für die bestehenden Verbindungen. Wo 
der Luftzutritt gehindert ist, z. B. unter Wasser oder im Unter- 
grund des Bodens, entsteht ein von der Verwesung etwas verschie- 
dener Zersetzungsprocess, die Vermoderung, dem u. a. die Bil- 
dung der Stein- und Braunkohle zugeschrieben wird. 

Massige Feuchtigkeit und Wärme befördern den Verwesungs- 
process. In trockenem Boden geht die Zersetzung rascher vor sich 
als in zu feuchtem, im Sommer zersetzt sich der eingeackerte 
Dünger bei weitem schneller, als im Winter. Im wärmeren Boden 
und in warmen Klimaten wird demnach unter übrigens gleichen Ver- 
hältnissen die Ansammlung von Humusstoffen wegen beschleunigter 
Zersetzung auch eine geringere sein als in kälteren Gegenden. 

Befördernd auf die Zersetzung organischer Stoffe wirkt be- 
sonders der gebrannte Kalk, sowie alle alkalischen Stoffe. Man 
kann das leicht bei Kalkböden im Vergleiche zu anderen Böden, 
sowie bei Mergelungen , beobachten. Der kohlensaure Kalk wirkt 
indirect auch noch dadurch, dass er gewisse, bei der Verwesung 
entstehende Säuren, welche der fortschreitenden Zersetzung hinder- 
lich wären, bindet (neutralisirt). 

Enthalten die organischen Stoffe Proteinverbindungen thierischen 
oder pflanzlichen Ursprunges, so nimmt ihre Zersetzung bei gehin- 
dertem Luftzutritt einen andern Charakter an, es entwickeln sich neben 
den früher erwähnten Producten der Verwesung noch eigenthümliche, 
sehr unangenehm riechende Gase. Man bezeichnet diese Art der 
Zersetzung mit dem Namen Fäulniss oder faulige Gährung. 
Ueberall, wo sich stickstoffhaltige organische Stoffe, wie Fleisch, 
Käse, Blut, Excremente, Urin, Jauche u. dgl. angesammelt finden, 
tritt unter begünstigenden Umständen Fäulniss ein, welche durch 
winzige thierische Organismen, die Bakterien, eingeleitet wird, 
und namentlich bei stehenden Wassern, Sümpfen, Schlamm in 
Teichen u. s. w., durch die hierbei sich entwickelnden Gase ganze 
Landstriche verpestet. Die übelriechenden Gase rühren von den 
Verbindungen des Wasserstoffes mit Stickstoff, Kohlenstoff, Phosphor 
oder Schwefel her, weil diese stickstoffhaltigen organischen Stoffe 
meist auch noch etwas Schwefel und Phosphor enthalten. Das 
Schwefelwasserstoffgas namentlich ist durch seinen Geruch nach 



44 Beziehungen der Organismen zur Bodenbildung. 

faulenden Eiern (wie man zu sagen pflegt) kenntlich, d. h. faulende 
Eier riechen nach diesem Gase. 

Das Hauptproduct der Verwesung ist neben Wasser, das in Gas- 
form auftritt, die Kohlensäure, welche sich immer in bedeutender 
Menge als Gas^) entwickelt und für die Pflanzenernährung und die 
Verwitterung, wie wir gesehen, von höchster Wichtigkeit ist. 

Enthalten die sich zersetzenden organischen Stoffe auch noch 
Stickstoffverbindungen, so bildet sich neben der Kohlensäure noch 
ein zweites sehr wichtiges Pflanzennahrungsmittel, nämlich das aus 
den Elementen Wasserstoff und Stickstoff bestehende leichtflüchtige 
Ammoniak, das an Aborten und Pissoirs durch seinen stechenden 
Geruch oft nur zu lästig wahrnehmbar ist. 

Im Haushalte der Natur ist aber dafür gesorgt, dass sich dieses 
flüchtige Ammoniak unter gewissen Verhältnissen (Gegenwart von 
alkalischen Basen und einer gewissen Temperatur) in einen andern 
nichtflüchtigen Körper von ganz entgegengesetzten Eigenschaften 
verwandeln kann, nämlich in Salpetersäure, in welcher der 
Stickstoff nicht an Wasserstoff, wie bei Ammoniak, sondern an 
Sauerstoff gebunden ist. 

Die mit Hinzuziehung des Sauerstoffes der Luft aus dem 
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff der organischen 
Substanz in Folge des Verwesungsprocesses sich entwickelnden gas- 
förmigen Stoffe : Kohlensäure, Wasser und Ammoniak sind dieselben 
Producte , welche entstehen , wenn man Holz im Ofen verbrennt. 
In beiden Fällen bleibt in der Regel Asche zurück. Der Unter- 
schied ist nur der, dass die Verwesung langsamer und ohne Feuer- 
erscheinung vor sich geht. Die Rückgabe der organischen Aschen- 
bestandtheile an den Boden ist für die Pflanzenernährung von um 
so höherer Bedeutung, als jene Mineralstoffe in einer Form sind, 
in welcher sie von den Pflanzen leicht aufgenommen werden. Nicht 
minder beachtenswerth ist, dass durch die Humificirung der Pflanzen- 
reste in den oberen Schichten des Bodens die anorganischen Nähr- 
stoffe der Pflanzen aus der tieferen Schichte dort gesammelt und 
angehäuft werden. 

Dass bei dem Verwesungsprocess wie bei der Verbrennung 
Wärme frei wird, die dem Boden gleichfalls zu Gute kommt, ist 
selbstverständlich. Bevor sich aber bei der Verwesung die orga- 



1) lieber den Gehalt der Bodenluft an Kohlensäure geben Johnson (Wie 
die FeldfrUchte sich nähren. Braunscbweig 1872. S. 146) und Fleck in seinen 
Berichten der Station für öffentliche Gesundheitspflege in Dresden Zahlen- 
material, aus welchem hervorgeht, dass der Gehalt der Bodenluft an Kohlen- 
säure schwanken kann, je nach dem grösseren oder geringeren Humusgehalt 
des Bodens, zwischen 38—1413 Th. pr. 10000 Theile. 



Beziehungen der Organismen zur Bodenbildung. 45 

nischen Körper völlig in Kohlensäure , Wasserdampf und etwas 
Ammoniak verwandeln, bildet sich noch eine Reihe von festen 
Substanzen verschiedener Eigenschaften, die unter unausgesetzter 
Kohlensäureentwicklung in einander übergehen und, vereint gedacht, 
dasjenige in sich begreifen, was wir oben mit dem Ausdrucke 
Humus bezeichneten. Aber weder wissenschaftlich noch praktisch 
ist man über das Wesen und die Bedeutung dieser Wandlungen im 
Klaren. 

Im Allgemeinen kann man annehmen, dass die Producte der 
Humification bei fortschreitender Zersetzung immer reicher an Asche, 
indem sie immer mehr Wasser und Kohlensäure verlieren, ferner 
stickstoffreicher und reicher an Kohlenstoff, aber ärmer au Wasser- 
stoff und Sauerstoff werden , und dass in den tieferen Schichten 
die Zersetzung langsamer fortschreitet, weil dort die Luft, eine 
der wichtigsten Bedingungen der Humification, nicht mehr in so 
reichlicher Menge vorhanden ist. Während der Stickstoff der orga- 
nischen Materie bei genügendem Luftzutritt in Ammoniak, resp. 
Salpetersäure übergeht, scheint er bei gehindertem Luftzutritt in dem 
Humus eine ausserordentlich schwer zugängliche Form anzunehmen, 
„Gelingt es durch im Grossen ausführbare Manipulationen diesen 
Stickstoff der Humussubstanzen der Pflanzenernährung zugänglich 
zu machen , so stehen ganz ungeheure Mengen dieses theuersten 
aller Düngemittel nicht blos in den Ackererden selbst, sondern auch 
in unseren grossen Torflagern für die Pflauzencultur zu Gebote", 
(Mayer,) 

Die bisherigen Forschungen beziehen sich fast ausschliesslich 
nur auf die Zersetzungsproducte der Holzfaser. Mulder lieferte 
über die Verwesungsstoffe die eingehendsten Arbeiten, nach denen 
wir ülmin und ülminsäure. Humin und Huminsäure, Quellsatz- und 
Quellsäure zu unterscheiden haben. Die genannten Säuren be- 
zeichnet man im Allgemeinen als Verwesungssäuren. Ihre 
bedeutende Empfänglichkeit zur Aufnahme von Ammoniak und ihr 
Vermögen, dieses festzuhalten, macht ihre Gegenwart im Boden 
höchst wichtig. Nach Simon 's Untersuchungen kommt der Humus- 
säure die noch viel wichtigere Function zu, den atmosphärischen 
Stickstoff zu absorbiren und Ammoniak aus demselben zu bilden, 
wir hätten also in dem Humus des Bodens einen sehr beachtens- 
werthen Stickstoff lieferanten für die Pflanzen. Nützlich werden 
sie ferner auch noch dadurch, dass sie mit gewissen für die Pflanzen- 
ernährung wichtigen Basen salzähnliche Verbindungen einzugehen, 
sie im Boden festzuhalten und so den Pflanzen aufzubewahren 
vermögen, um sie an diese unter günstigen Umständen wieder ab- 
zugeben. 



46 Beziehungen der Organismen zur Bodenbildung. 

Humin und ülmin hingegen haben nicht wie die gleichnamigen 
Säuren die Eigenschaft, mit Basen chemische Verbindungen ein- 
zugehen, sie sind als ganz neutrale organische Körper, wie es die 
Holzfaser, der Zucker u. dgl. sind, anzusehen. 

Die ersten Stoffe, welche sich bei der Zersetzung organischer 
Körper bilden, sind die Ulminstofife (Ulmin und ülminsäure), aus 
diesen entstehen die Huminstotfe (Humin- und Huminsäure). Die 
Ulminstoffe sind braun, die Huminstoffe schwarz. Sowohl aus ülmin- 
wie Huminstoffen können sich unter günstigen Verhältnissen Quell- 
satzsäure, welche braun ist und aus letzterer Quellsäure, welche 
farblos ist, bilden. Man sieht diese Umwandlung im Boden ganz 
deutlich, wenn kein neuer Vorrath von organischen Resten dem- 
selben zugeführt wird ; die braunen Humusmassen werden unter 
Luftzutritt immer heller und zum Schlüsse grau und weiss. Lässt 
man den braunen, wässerigen Auszug einer humosen Erde an der 
Luft stehen, so wird er unter Schimmelbildung endlich farblos, 
indem sich Quellsäure bildet. Die im Boden meist vorkommenden 
Verbindungen der Verwesungssäuren mit Basen sind im Allgemeinen 
im Wasser schwer löslich, am leichtesten löslich sind jene mit Kali, 
Natron und Ammoniak; für sich allein im Wasser löslich ist nur 
die Quell- und Quellsatzsäure. Von alkalischen Erden werden die 
Humussäuren nicht gelöst, hingegen leicht von Alkalien und kohlen- 
sauren Alkalien. Daher kommt es auch, wie Mayer bemerkt, 
dass die alkalireichen Wässer, welche von kalk- und magnesiaarmen 
Gebirgsarten abziehen, leicht braun gefärbt sind, ebenso die stagni- 
renden Moorwässer kalkarmer Gegenden, während die harten Quell- 
wässer nahezu farblos erscheinen. Wichtig ist das Verhalten der 
Humussäure zu phosphorsaurem Ammoniak und anderen phosphor- 
sauren Salzen. Nach Simon existiren nämlich Doppelverbindungen 
der Humussubstanz des Bodens mit der Phosphorsäure. Die Humus- 
säure zersetzt den phosphorsauren Kalk und macht die Phosphor- 
säure der Phosphate für Wasser, Ammoniak und Essigsäure löslich') 
und während Humussäure und humussaures Ammoniak nicht dia- 
lysiren , thun dies die Doppelverbindungen von Phosphorsäure mit 
Humussäure. 

Endlich sind die humussauren Salze auch deshalb von Be- 
deutung, weil sie im feuchten Zustande viel leichter oxydiren , als 
die Humusstoffe für sich. 

Humin und Ulmin sind weder in Wasser noch in Alkalien 
löslich. 



1) Man vergleiche übrigens die älteren und eingehenderen Beobachtungen 
Senft's (Der Steinschutt und Erdboden. Berlin 1867. S. 309). 



Beziehungen der Organismen zur Eodenbildung. 47 

Der Humus, als Complex vorgeschilderter Bestandtheile, häuft 
sich nur da in grösserer Menge an, wo bei fortdauernder Material- 
zufuhr, aber gehindertem Luftzutritt die Zersetzung und voll- 
ständige Verwesung der organischen Stoffe gehindert wird. In 
Wäldern findet sich oft eine viele Fuss tiefe Humusschicht, während 
in Ackerböden solche Humusanhäufungen nur als Ausnahmen vor- 
kommen. Knop bezeichnet Böden mit einem 

Humusgehalt von — 3 Proc. als humusarme, 
„ 3 — 5 „ „ humushaltige, 

„ 5 — 10 „ „ humose, 

„ 10 — 15 „ „ humusreiche, 

„ 15 u. darüber „ humusüberreiche. 

Aber nicht blos die Menge, auch die Qualität des Humus ist 
im Boden sehr verschieden, je nach der Natur der Stoffe, welchem 
er entstammte oder den Umständen, welche bei seiner Bildung statt- 
fanden, oder den Stadien der Umsetzungen. 

So hat man besonders in der landwirthschaftlichen Praxis, also 
weniger auf Grund wissenschaftlicher Forschungen, verschiedene 
Arten Humus unterschieden. Obschon bei dieser Eintheilung von 
einer strengen Scheidung und Charakterisirung selbst bezüglich 
äusserer Merkmale keine Rede sein kann, so darf sie doch ihrer 
allgemeinen Verbreitung wegen nicht übergangen werden. 

Die Landwirthe unterscheiden in der Praxis einen „sauren, 
milden, verkohlten und harzigen" Humus. Der saure 
Humus war lange Zeit ganz besonders ein Steckenpferd selbst von 
Agronomen und in ihren Schriften füllte er immer seitenlange Ab- 
handlungen; man bezeichnete damit einen Humus, welcher blaues 
Lakmuspapier röthete. Als Ursache der „Säure" im Humus be- 
trachtete man zwar immer die „Humussäure", ohne aber eigentlich 
zu wissen, welche von den Säuren des Humus gemeint sei. Erst 
die Forschungen der Neuzeit lehrten, dass die „ Säure " eines Humus, 
wenn sie von Vervvesungssäuren stammt, nur von der Quell- und 
Quellsatzsäure herrühren kann, weil ja unter allen Verwesungs- 
säuren nur diese allein im Wasser löslich sind. Unter Umständen 
kann die Säure des Humus wohl auch dem Einflüsse der im Pflanzen- 
reiche so verbreiteten Gerbsäure (Gerbstoff, Tannin) zugeschrieben 
werden, und in diesem Falle spricht man in der Praxis von „ Heide- " 
oder „ adstringirendem Humus". 

Freie Säure kann im Humus überhaupt nur dann vorhanden 
sein, wenn es an Basen fehlt, sie zu neutralisiren. In den meisten 
Fällen liefert der sich zersetzende organische Stoff diese Base, 
nämlich das Ammoniak, welches sich immer bei der Zersetzung von 
organischen Stoffen bildet, die Stickstoff enthalten. Nur an Stick- 



48 Beziehungen der Organismen zur Bodenbildung. 

stoflF sehr arme organische Stoffe, z. B. Holz, können demnach 
Humus mit freier Säure liefern. 

Der Landwirth aber sucht gewöhnlich in der „Säure", ohne 
zu wissen, ob eine solche überhaupt vorhanden ist, die Unfrucht- 
barkeit seines Bodens. Leidet irgend ein Boden an übergrosser 
Nässe, z. B. durch stehendes Wasser, ist man gleich mit der Ursache 
des Uebels im Reinen, indem man sagt, der Boden ist „ver säuert", 
ohne zu erwägen, dass da auch andere Ursachen der Unfruchtbarkeit 
vorhanden sein können. Glaubt der Landwirth aber mit Grund 
annehmen zu dürfen, sein Boden sei versäuert, so muss er ihn durch 
Auffuhr von an Kalkerde oder au Alkalien reichem Dünger, also 
durch Kalk, Mergel, Holzasche u. dgl. verbessern. Ist der Boden 
hingegen ein zugleich nasser, so entwässere er ihn vorerst, was in 
den meisten Fällen schon ausreichen wird. 

Man kennt ferner auch eine „saure Flora", Pflanzen nämlich, 
welche nur auf saurem Boden vorkommen. Es lässt sich hierüber 
Bestimmtes nicht sagen, weil überhaupt die Frage bezüglich des 
„sauren" Humus bisher noch zu wenig erforscht ist und sich also 
auch nicht darüber absprechen lässt, ob das Gerathen oder Nicht- 
gerathen dieser oder jener Pflanze thatsächlich durch die Gegenwart 
oder Abwesenheit des „sauren" Humus bedingt ist. 

„Mild" nennen Praktiker jene Beschaffenheit des Humus, in 
der er im fruchtbaren Ackerlande gewöhnlich vorkommt. 

Unter „ kohleartigem " oder „ verkohltem Humus " verstehen sie 
einen mit kohleähnlichem Aussehen, der geringe Mengen von in 
Wasser löslichen Stoffen enthält. 

Unter „harzigem Humus" endlich begreifen sie jenen, der sich 
durch eine schwere Zersetzbarkeit kennzeichnet und wahrscheinlich 
aus an Harz reichen Stoffen entstanden ist. 

Was die übrigen hier in Betracht kommenden Eigenschaften 
des Humus anlangt, sind es kurz folgende: Wegen seiner mehr 
oder weniger dunklen Färbung wird er von den Sonnenstrahlen 
stärker als hellere Bodenbestandtheile erwärmt. Freilich wird die 
Erwärmung langsam erfolgen, da die specifische Wärme des Humus 
eine sehr hohe ist, dafür wird aber bei einer Abkühlung der Luft- 
temperatur die aufgenommene Wärme auch nur sehr allmälig an 
die kältere Atmosphäre abgegeben. Der Erwärmungsfähigkeit des 
Humus steht seine grosse „wasserhaltende Kraft" entgegen. Wird 
die „wasserhaltende Kraft" des Sandes = 1 gesetzt, so ist die des 
Torfes = 9,38. Gross ist auch die Hygroscopicität des Humus, 
sowie sein schon oben erwähntes Vermögen, Ammoniak zu absorbiren. 
Aus Lösungen gefällte dunkle Humussäuren und humussaure Salze 
sind sehr klebrig und bilden beim Austrocknen feste, spröde Massen. 



Die Bodenarten nach ihren Gemengtheilen. 49 

Kommt ganz fein vertbeilter Humus mit feinem Thonschlamm in 
Berührung, so vereinigen sich beide aufs innigste und bilden ein 
grauschwarzes Gemisch, welches beim allmäligen Austrocknen eine 
feinkrümelige, stets feuchte, mürbe Bodenmasse darstellt, in welcher 
der Humus viele Jahre hindurch unverändert bleibt. 



IL Die Bodenarten, ilire Eiiitlieiliiiig und 
AblagernngSTerliältnisse. 

A. Die Bodenarten nach ihren Gemengtheilen. 

Wir haben in dem Abschnitt über die Bildung des Bodens die 
Gesteinstrümmer und Verwitterungsproducte einerseits und die Orga- 
nismenreste andererseits als die wichtigsten Bildungsglieder für den 
Boden als Träger, Ernährer und Erhalter der Pflanzenwelt kennen 
gelernt. 

Mit Rücksicht auf dieses Bildungsmaterial lassen sich die Pflan- 
zen tragenden Bodenarten zunächst eintheilen 

1. in solche, die nur aus Gesteinstrümmern und anorganischen Ver- 
witterungsproducten bestehen (Mineral- oder Rohboden) und 

2. in solche, welche aus einem Gemenge von mineralischen Be- 
standtheilen und Organismenresten bestehen (Humus- oder 
Culturboden). 

1. Die Mineral- oder Rohbodenarten. 

In der Regel sind die Mineral- oder Rohbodenarten Gemenge aus 
dreierlei Gruppen mineralischer Bestandtheile und zwar unterschei- 
det man 

d) solche, welche die Hauptmasse einer Bodenkrume bilden und 
ihr sowohl einen bestimmten mineralischen Charakter, wie auch ge- 
wisse ihr speciell eigenthümliche physikalische Eigenschaften erthei- 
len; man nennt sie das wesentliche Bildungsmaterial einer 
Bodenart. Sie sind in reinem Wasser unlöslich, können aber 
durch Kohlensäure haltendes Wasser wenigstens theilweise gelöst wer- 
den. Bleibende wesentliche Bodenbestandtheile sind z. B. Thon 
und Quarzsand, verschwindende Dolomit und Gyps. 

1)) solche, welche in einer Bodenart fehlen können, ohne dass 
dadurch der mineralische Charakter der letzteren aufgehoben wird, 
wenn sie auch, besonders bei reichlichem Auftreten, einen mehr oder 

V. Goliren, Ackerbauchemie. 4 



50 Die Mineral- oder Rohbodenarten. 

minder grossen Einfluss auf die Umänderung der physikalischen 
Eigenschaften und die Fruchtbarkeit der betreffenden Bodenart aus- 
üben. Diese unwesentlichen Bestandtheile, dem Boden, als 
Blöcke, Gerolle, Gruss oder grober Sand, in der Regel ungleich- 
massig beigemengt und ihn steinig machend, können wie die wesent- 
lichen veränderlich oder unveränderlich sein. 

c) solche, welche in dem Wasser des Bodens gelöst, die Zer- 
setzung und Umwandlung der steinigen Beimengungen des Bodens 
befördern und mit wenigen Ausnahmen die eigentlichen Nährstoffe 
für die Pflanzen sind. In einzelnen Fällen können diese gelösten 
Stoffe selbst den mineralischen Charakter des Bodens vorübergehend 
oder bleibend ändern (Ausscheidung von Kieselsäure, Umwandlung 
des Eisenspathes in Raseneisenstein u. s. w.). Auf diese dritte 
Gruppe, die „Bodensalze", werden wir später eingehender zurück- 
kommen müssen. 

Die Combinationen der beiden ersten Gruppen tragen je nach 
dem Vorherrschen oder Zurücktreten eines oder des anderen Gemeng- 
theiles einen so verschiedenen Charakter und besitzen eine so ver- 
schiedene Fruchtbarkeit, dass eine schärfere Eintheilung und Unter- 
scheidung nothwendig wird. Thon, Sand und Kalk können die 
wesenthchen Glieder einer Bodenmasse bilden, deren physikalische 
und chemische Eigenschaften durch die unwesentlichen Gemengtheile 
allerlei Modificationen erfahren. 

Am übersichtlichsten theilt man daher, Senft folgend, die Mi- 
neralbodenarten ein in 

1. Sandreiche Bodenarten, 

2. Thonreiche Bodenarten, 

a) kalklose, 

b) kalkhaltige, 

3. Lehrareiche Bodenarten, 

a) kalklose, 

b) kalkhaltige, 

4. Kalkreiche Bodenarten, 

a) Mergelboden, 

b) Kalkthonboden. 

Die sandreichen Bodenarten sind ein körniges bis staubiges, 
fast bindungsloses Gemenge, welches beim Abschlämmen höchstens 
20 Proc. thoniger Substanz und wenigstens 80 Proc. Sand von ver- 
schiedenen Mineralien , aber nichts von kohlensaurem Kalk , enthält. 
Der Sand dieser Bodenarten kann entweder ganz oder theilweise in 
Folge weiterer Zersetzungen verschwinden (gewisse Verwitterungs- 
bodenarten der gemengten krystallinischen Gesteine) oder er bildet 
bei vollständiger Entwickelung des Bodens mindestens 60 Proc. als 



Die Mineral- oder Rohbodenarten. - 51 

stabiler Quarzsand. Diese letzteren, die eigentlichen Sand- 
bodenarten, bezeichnet man je nach ihren erdigen Beimengungen 
als thonigen, lehmigen, eisenschüssigen, kalkigen, 
humosen Sandboden; nach ihrem Sandgehalte als quarz- 
r eiche oder silicatarme (bis 5 Proc. veränderhcher SiMcate), 
silicathaltige (bis höchstens 10 Proc. veränderhchen Sihcatsan- 
des) und silicatreiche (über 10 — 25 Proc. veränderhchen Sihcat- 
sandes) Sandboden. 

Ganz reiner Sand ist unfruchtbar, aber durch Beimengungen 
selbst nur geringer Mengen von Thon, Humus und Kalk wird er 
bei günstiger Lage und guter Cultur fruchtbar. Der Sandboden lässt 
das Regen Wasser rasch durchsickern, trocknet in Folge dessen rasch 
aus und benöthigt einen feuchten oder undurchlassenden Untergrund. 
Von allen Bodenarten besitzt er das stärkste Wärmeausstrahlungs- 
vermögen und in Folge davon in freien, offenen Lagen die stärkste 
Bethauungsfähigkeit. Wegen seiner leichten Erhitzbarkeit am Tage 
und starken Abkühlung in der Nacht erfrieren im Frühling leicht 
die auf ihm stehenden Pflanzen. Da das Wasser in Sandboden zwar 
leichter gefriert aber im Frühling auch rascher aufthaut, so erwacht 
auf ihm die Frühhngs-Flora auch früher. 

Der Sandboden zeichnet sich durch seine Lockerheit aus, er lässt 
sich jederzeit leicht bearbeiten, doch ist dabei Vorsicht nöthig, um 
ihn nicht zu viel zu lockern ; er bedarf oft iind viel Dünger, da letz- 
terer in ihm rasch zersetzt wird. Bei ausgiebiger Düngung und gün- 
stiger Lage hefert er sehr gute Ernten. An organischen Stoffen reiche 
Dünger sind ihm sehr zuträglich. Die Früchte reifen in feuchten 
Jahrgängen frühzeitig, in trockenen Jahren aber verdorren sie nicht 
selten. 

Den Sandboden charakterisirende (bodenstäte) Pflanzen sind: 
Bocksbart, Grauschmiele, Sandhaargras, Sandrohr, Taube Trespe, 
Sandriedgras, Ackerspark, Sandnelke, Sandwegerich, Hungerblüm- 
chen, kleiner Sauerampfer, Nelkenhafer u. A. Hafer, Gerste, Roggen, 
Buchweizen, Spörgel, Lupine, Hirse, Bohnen, Kartoffeln, ja selbst 
Weizen und Rüben, wie fast auch alle anderen Culturpflanzen , ge- 
deihen ganz gut, wenn die Felder so vorzüglich cultivirt werden, 
wie z. B. in Belgien und Holland, wo der Sandboden als vortreff- 
licher Wiesenboden benutzt ist und durch zweckmässige Bewässerung 
und Düngung meilenweite Sandanschwemmungen in die üppigsten 
Wiesen umgewandelt wurden. Von Holzgewächsen gedeihen beson- 
ders gut die Kirsche, Pappel, Akazie; Obstbäume weniger. 

Die thonreichen Bodenarten sind bindige, im feuchten Zustande 
mehr oder weniger zähe und anklebende, im trockenen Zustande 
aber mehr oder weniger fest und rissig werdende Gemenge von 

4* 



52 Die Mineral- oder Eolibodenarten. 

wenigstens 60 Proc. gemeinen Tliones und höchstens 40 Proc. San- 
des, welche ausserdem 2 — 7 Proc. in Alkalien lösliche Kieselerde 
und 4 — 5 Proc. Eisenoxyd, sowie eine grössere oder geringere Menge 
von Steintriimmern beigemischt enthalten. Die Thonbodenarten sind 
entweder kalklos oder kalkhaltig. Die kalk losen bezeichnet man 
als gemeinen oder zähen Thonboden, wenn er höchstens 
30 — 35 Proc. sehr feinen, nur beim Schlämmen mit warmem Wasser 
ganz hervortretenden Sand enthält; als sandig-thonigen Boden, 
wenn er ein ungleichmässiges Gemenge von Thon mit 40 — 50 Proc. 
gröberen und feineren, schon beim Reiben des Bodens in der Hand 
fühlbaren Sandes; als eisenschüssigen t honigen Boden, wenn 
der mit mehr oder weniger, kleineren oder grösseren Körnern, Stück- 
chen und Blättchen von verchiedenen Mineralien und Gesteinen, be- 
sonders von Porphyr, Kieselschiefer, GHmmerschiefer, Hornblende 
und Melaphyr, ungleichmässig gemengte Thon von Eisenoxydhydrat 
oder Eisenoxyd ganz durchdrungen, intensiv ockergelb oder roth- 
braun gefärbt ist. Der kalklose, salzigeThonboden findet sich 
meist nur an Meeresküsten; er ist reich an Kochsalz, Bittersalz 
und anderen Salzen des Meerwassers (Schlick). Zuweilen findet sich 
auch ein an Kochsalz reicher Boden in der Nähe von Salzquellen 
oder Steinsalzlagern, wie z. B, in den Salzsteppen Russlands. Auch 
der an Soda (kohlensaurem Natron) reiche Boden in einigen Theilen 
Ungarns und Siebenbürgens gehört hierher. Es ist ein im nassen 
Zustande meist unfruchtbarer Boden, der aber durch zweckmässig 
angelegte Abzugsgräben sehr verbessert werden kann und sich dann 
gut zum Gras wuchs eignet. 

Die kalkhaltigen thonigen Bodenarten werden repräsentirt 
durch den gemeinen Kalkt honboden, in welchem dem Thon 
6 — 10 Proc. grösserer und kleinerer, schon durch blosses Sieben 
oder Abschlämmen eatfernbarer Stücke und Körner von Kalk un- 
gleichmässig beigemengt sind, und den mergeligen Thonboden 
(Cley), einen gemeinen Thon, welcher mit 4 — 10 Proc. feinen staub- 
förmigen Kalkes so innig vermischt ist, dass sich der Kalk nur durch 
Behandlung mit Salzsäure vollständig vom Thone trennen lässt, wo- 
her es kommt, dass die abgeschlämmten Theile dieses Bodens ge- 
wöhnlich in ihrer ganzen Masse mit Säuren gleichmässig aufbrausen. 
Die Eigenschaften des Thonbodens sind im Allgemeinen folgende: 
Er erwärmt sich langsam, hält sich lange feucht, erfordert trockenes 
Klima und trockenen, durchlassenden Untergrund. Nasse Jahrgänge, 
nördliche Lage sind ihm schädlich, er lässt sich dann schwer bear- 
beiten und nur bei nicht zu hohem Feuchtigkeitszustande gut pflü- 
gen. Er hat ein grosses Absorptionsvermögen für Pflanzennährstoffe. 
Die Wurzelentwickelung der Culturpflauzen ist wegen seiner grossen 



Die Mineral- oder Eohbodenarten. 53 

Bindigkeit gehemmt. Bei starkem Regen schliesst sich seine Ober- 
fläche leicht, wodurch die Verdunstung noch mehr gehindert wird 
und die Wurzeln von Saaten (Raps), ferner die Saatkartoffeln leicht 
faulen. Andererseits werden beim raschen Austrocknen die Wurzeln, 
namentlich der Getreidearten, durch die sich in der festen Kruste 
bildenden Sprünge entblösst und zerrissen. 

Verbesserungsmittel des schweren Thonbodens sind: Entwässe- 
rung, Brennen, Mischung mit Kalk und Sand, gute Bearbeitung, J^in- 
wirkung des Frostes. Er erfordert viel und auflockernden Dünger, 
namentlich Strohdünger; Kunstdünger ist seltener angezeigt. 

Den streng thonigen Boden charakterisirende bodenstäte 
Pflanzen sind: Die Wollgräser, Riedgräser, Simsen, das Rohrschilf, 
die Riesentrespe, Ackergäusedistel, Pestilenzwurzel, Huflattich, Acker- 
und Sumpfziest, Ackerehrenpreis, Ackerlabkraut, Acker- und Sumpf- 
schachtelhalm u. A.; den etwas lockeren, kalkhaltigen 
Thonboden: scharfer Hahnenfuss, Bastardklee, Knollen-Platterbse, 
Gänserich, Rasenschmiele, Wiesenhafer u. A. 

An Holz pflanzen eignen sich besonders Wachholder, Hain- 
oder Weissbuche, Rothbuche, Stein- und Stieleiche, 

Unter den Culturpflanzen gedeihen auf ihm namenthch Weizen, 
Hafer, Gerste, Klee, Wicken, Bohnen und Raps, weniger Roggen, 
Kartofifeln und Rüben. Für den Obstbau ist der Thonboden nicht 
besonders günstig. 

Die lehmreichen Bodenarten sind gleichmässige Gemenge von 
krümeligem Lehm (siehe S. 37) mit 35 — 60 Proc. gröberen und fei- 
neren, schon durch das blosse Gefühl oder Gesicht bemerkbaren 
und durch Schlämmen abscheidbaren Sandes, häufig enthalten sie 
auch einige Procente kohlensauren Kalkes. Die Lehmboden gehören 
zu den ergiebigsten Bodenarten. 

Man unterscheidet sandigen, kalkigen und mergeligen 
Lehmboden. Der sandige enthält 21 — 30 Proc. abschlämmbare 
Theile. Da er leicht trocken wird und seine Bindigkeit verliert, 
darf er nicht zu viel gelockert und nicht zu tief bearbeitet werden. 
Der kalkige Lehmboden ist mit grösseren oder kleineren Kalk- 
trümmern untermengt und braust mit Säuren nur ungleichmässig auf; 
der mergelige enthält 4 — 10 Proc. kohlensauren Kalk innig und 
gleichmässig beigemischt und in der Regel auch bis 25 Proc. zum 
Theil veränderlichen und abschlämmbaren Sandes , so dass er meist 
reich an alkalischen Salzen ist; er trocknet leichter als der kalkige 
Lehmboden aus und zerfällt dabei in eine pulverige Krume; im All- 
gemeinen ist es ein vortrefi'licher Boden. 

Den guten, fruchtbaren Lehmboden charakterisiren als 
bodenstäte Pflanzen: Wiesenfuchsschwanz, Timotheusgras , Rasen- 



54 Die Mineral- oder Eolibodenarten. 

Schmiele, Franz. Ryegras, gemeines Rispengras, Knäuelgras, Kamm- 
gras, Hochschwingel, Roggentrespe, Erdrauch, Ackergauchheil, Augen- 
trost, Frtihlingsehrenpreis , Ackervvinde, Ackerschachtelhalm u. A.; 
den sandigen Lehmboden: Gemeiner Windhalm, Wiesenrispen- 
gras, Ruchgras, Zittergras, weiche Trespe, Ackertrespe, Quecke, 
Engl. Ryegras, Ackerwindhalm, Schwarzkümmel, Rittersporn, Acker- 
wachtelweizen u. A. 

Die kalkreiclien Bodenarten sind gleichmässige oder ungleich- 
massige Gemenge von höchstens 75 Proc. gemeinen Thones mit 
wenigstens 15 Proc. theils abschlämmbaren, theils nur durch Salz- 
säure entfernbaren Kalkcarbonates. Ausserdem enthalten diese Boden- 
arten oft grössere oder gei'ingere Quantitäten feinsten bis gröberen 
Quarzsandes, Eisenoxyd, Magnesiacarbonat und Beimengungen von 
Kalkphosphat und Kalksulphat. 

Man unterscheidet die eigentlichen Mergelbodenarten 
und die Kalkthonbodeu arten. 

Unter den eigentlichen Mergelbodenarten, gleichmäs- 
sigen und innigen Mischungen von wenigstens 15 Proc. Kalk und 
höchstens 75 Proc. Thon, unterscheidet man den Thonmergel- 
boden (15 — 50 Proc. Kalk, 50 — 75 Proc. Thon, höchstens 25 Proc. 
abschlämmbaren Sand; ausserdem häufig 2 — 6 Proc. Eisenoxyd, bis 
10 Proc. Magnesiacarbonat und Spuren Gyps), den Lehmmergel- 
boden (15—25 Proc. Kalk, 20—50 Proc. Thon und 25— 50 Proc. 
Sand), den dolomitischen Mergelboden (Thon-, Lehm- oder 
Kalkmergel mit 5 — 20 Proc. Magnesiacarbonat und meist mehreren 
Procenten Saud, sowie Eisenoxyd), den Sandmergelboden (Mergel 
mit 40 — 50 Proc. feineren und gröberen, abschlämmbaren Sandes) 
und den Kalkmergelboden (50 — 75 Proc. Kalk, 20 — 50 Proc. 
Thon und höchstens 5 Proc. Sand. 

Die Mergelbodenarten zeigen die mannichfaltigsten Uebergänge. 

Der Thon mergelb öden findet sich am häufigsten im Gebiete 
des bunten Sandsteines, im oberen Gebiete des Keupers und an den 
unteren Gehängen der Kalkformationen, es dauert lange bis er durch 
Einfluss von Dünger und Cultur in eine fruchtbare Krume umge- 
wandelt wird und dann muss mit langhalmigem Mist und starkwur- 
zelnden Gewächsen das Wiederfestwerden und Bersten verhindert 
werden. Er erfordert, auch bei sonst günstiger Lage, eine massig 
feuchte, warme Witterung. 

Der Lehmmergelboden kommt besonders im' Gebiete des 
Lias- und Quadersandsteines, des Keupermergels und der Kreide 
vor. In sonnigen, luftigen Lagen bedarf er häufiger und starker 
Düngungen und muss bisweilen tief umgearbeitet werden. 

Den dolomitischen Mergelboden bezeichnet Senft als 



Die Mineral- oder Rohbodenarten. 55 

eioen merkwürdigen Boden, weil er in einer und derselben Lage 
bald sehr pflauzenreicb und fruchtbar, bald^sehr dürftig und öde er- 
scheint. Senft sieht die Hauptursache dieser Doppeluatur einerseits 
in der Grösse seines Kalk-, Magnesia- und Sandgehaltes, und an- 
dererseits in der Jahreswitterung. Das Hauptgebiet dieses Bodens 
sind die Muldenthäler der bunten Keupermergel und der Juradolomite. 

Die Sandmergelboden, entstanden aus Sandsteinen mit 
magerem, mergeligem Bindemittel, aus sandigen Mergeln der Kreide- 
formation und manchen Arten Grobkalkes, sind heisse, schnell aus- 
trocknende und daher äusserst lockere und leicht auslaugbare Boden, 
die nur bei wiederholter, guter Düngung und bei feuchter Lage ent- 
sprechende Erträge liefern. 

Die Proüuctionsfähigkeit des bisweilen an den sonnigen Abhän- 
gen der Kalkberge verschiedener Formationen lagernden Kalk- 
mergelbodens ist meist sehr kümmerlich. 

Die Kalkthonbodenarten sind ungleichmässige Mischungen 
von wenigstens 75 Proc. Kalk, höchstens 30 Proc. Thon, meist auch 
bis 2 Proc, Magnesiacarbonat und ausserdem grössern oder kleinern 
Mengen von Kalksand, seltener von Quarzsaud. Diese hell gefärb- 
ten, leicht sich erwärmenden und lange warm bleibenden Bodenarten 
zersetzen bei etwas feuchter Lage den Dünger von allen Bodenarten 
am schnellsten und bedürfen deshalb vieler und reichUcher Düngung 
sowie wegen der grossen Wärmecapacität viel Feuchtigkeit. Man 
unterscheidet steinigen, saudigen, lehmigen und thon igen 
Kalkboden. 

Im Allgemeinen bedingen Lage und Feuchtigkeit, namentlich 
aber der Untergrund, den Werth der kalkreichen Bodenarten. Ist 
der Untergrund durchlassend, besteht er z. B. aus Wasser stark ein- 
saugender Kreide oder anderem Kalkgestein, so werden sie mitunter 
so steril, dass sie nicht einmal eine kümmerliche Grasvegetation her- 
vorzubringen vermögen. Wir sehen dies an dem Kreideboden Eng- 
lands am deutlichsten, trotzdem sich das Klima dieses Landes durch 
Feuchtigkeit auszeichnet. Trockenheit ist überhaupt der Hauptfehler 
der Kalkbodenarten, ganz besonders wenn sie an Südabhängen 
lagern. 

Die die Kalkboden charakterisirenden bodenstäten Pflanzen sind 
zahlreich und meist durch lebhafte Blüthenfarbe ausgezeichnet. Zu 
nennen sind: Esparsette, Waldplatterbse, Vogelwicke, Grossblumige 
Prunelle, Habichtskraut, Flockenblume, krause Distel, Becherblume, 
Himbeere, Brombeere, Ackerscherardie, Roggentrespe, Kammschmiele, 
niederes Riedgras, blaugrüues Riedgras, die Ginsterarten, Wundklee, 
Hopfenschneckenklee, Honigklee, gehörnter Schotenklee. Auf den 
besseren Arten des Kalkbodens gedeihen fast alle Culturpflanzen, 



56 Die Humusbodenarten. 

namentlich Hülsenfrüchte, Krapp, Kleearten, Luzerne, Esparsette und 
Futtergräser, die eine vorzügliche Schaf weide liefern. In 
etwas feuchtem Kalkboden , besonders wenn er etwas Kali enthält, 
gedeihen Wein, Kirschen und Laubhölzer sehr gut; in trockenem 
hingegen Nadelhölzer. 

2. Die Humusbodeiiaiten. 

Was unter Humus zu verstehen ist, wurde oben erläutert. In 
den Gemengen des Mineralbodens mit HumussubstaDzen herrscht ent- 
weder ersterer weit über den Humusgehalt vor, oder die Humussub- 
stanz überwiegt und die Mineralsubstanz tritt mehr oder weniger 
zurück, in ersterem Falle spricht man von humosem Boden, in 
letzterem von Humusboden. 

Der humose Boden, eine innige Mischung von Miueralboden mit 
5 — 20 Proc. Humus, ist um so dunkler gefärbt, je mehr er Humus 
enthält, er ist feucht und dabei warm. Da das Meer bedeutend mehr 
Pflanzen und Thiere enthält als die Gewässer des Festlandes, so sind 
die vom Meere abgesetzten Strandboden sehr reich au Humus. Durch 
Bearbeitung und die Einflüsse der Atmosphäre verschwindet der Humus 
allmälig, was ganz besonders rasch bei den an kohlensaurem Kalk 
reichen humosen Kalkthon- (Klei-) und Mergelbodenarten der Fall ist. 
Widerstandsfähiger ist der Humus in den lehm- und thonreichen 
Schlickablagerungen der Meeres- und Flussmarschen. Diese Boden- 
arten sind die wahre Heimath aller grasartigen Gewächse und die 
fettesten Grasfluren. Freilich kommen aber auch hier und da in 
ihren tieferen Schichten für die Pflauzenvegetation sehr schädliche 
Ablagerungen vor, der Knick, welcher dadurch entsteht, dass das 
Eisenoxyd des Lehmes bei Abschluss der Luft durch die organische 
Substanz zu Eisenoxydul reducirt wird, das sich mit der Quellsäure 
zu quellsaurem Eisenoxydul verbindet. Das sich überall hin ver- 
breitende quellsaure Eisenoxydul oxydirt sich allmälig wieder, ver- 
kittet als Eisen Oxydhydrat alle Bodentheile fest und bildet den ver- 
rufenen Ortstein. Es ist daher wohl darauf zu achten, dass beim 
Umackern nicht die Kuicklage mit der über ihr lagernden guten 
Schlicklage untermengt wird. 

Dem humosen Lehme steht der Letten nahe. Er ist ein Ge- 
menge von feinsandigem Thon oder Lehm mit 4 — 10 Proc. zarten 
Humuskohlenhäutchen, welche so mit dem Thon oder Lehm gemischt 
sind, dass sie mehr oder minder deutlich hervortretende Lamellen 
in der Masse des letzteren bilden und bei der Austrocknung die 
ganze Bodenmasse in Schieferblättertheile (Schieferletten) zertheilen. 

Den humosen Sandboden findet man häufig in den Marsch- 



Die Humusbodecarten. 57 

läüdereien ; im nassen Zustande sieht er fast schlammig aus und be- 
steht aus einem innigen Gemenge von sehr zartem, fast mehlartigem 
Sand und fein vertheilter, in Natronlauge löslicher Humussubstanz, 
welche die einzelnen Sandkörner umhüllt. Unter Haidewäldern findet 
man einen humosen Sand , dessen einzelne Körner mit einer zarten, 
blei- oder schwarzgrauen Haut von wachshaltigem Humus überzogen 
sind, welche nicht verwest. Fruchtbar wird diese Bodenart nur bei 
Anwendung von Kalk und Asche und bei viel Feuchtigkeit, der un- 
fruchtbare Bleisand ist ein Hauptrepräsentant, dieses Bodens. Ausser- 
dem kommt in Haidewäldern ein humoser Sandboden vor, der 90 bis 
95 Proc. Sand und 5 — 10 Proc. Humus enthält und in feuchten 
Lagen ziemlich fruchtbar ist. 

Der Humus1)oden enthält mehr als 20 Proc. Humus. Er ist 
von bedeutender Lockerheit und dunkler Farbe, lässt sich jederzeit 
und gut bearbeiten, benöthigt aber eine entschieden trockene Lage. 
Wenn er Thon und Kalk enthält, kann er sehr fruchtbar sein; zu- 
träglich ist ihm die Düngung mit Kalk, Mergel, Asche oder ähn- 
lichem an Mineralstoffen reichen Dünger, nicht empfehlenswerth ist 
für Humusboden die Düngung mit Stallmist. Der Humusboden eignet 
sich vorzüglich als Wiesenland, weniger — wegen seiner Lockerheit 
— zum Getreidebau. Ein Fehler desselben ist die leichte Auswin- 
terung der Saaten. 

Bei den Humusboden unterscheidet man: Wald-, Haide-, 
Moor- und Torfhumusboden. 

Waldhumusboden findet sich in Wäldern und an Orten, wo 
Ansammlungen organischer Stoffe stattfinden, die, wie z. B. in Mist- 
haufen, Mistbeeten, Laub, Holz und dergleichen Anhäufungen der 
Verwesung anheimfallen ; er ist ein reicher, vortrefflicher Boden, der 
sich für Tabak, Hanf- und Gemüsebau vortrefflich eignet. Haide- 
humusboden bildet sich auf trockenen Haiden , enthält neben be- 
deutenden Mengen Sandes meist unzersetzte Pflanzenreste und eignet 
sich nur zur Holzzucht. Der Torfboden bildet die oberste, leichte, 
lockere, fast nur aus organischen Stoffen bestehende Schicht von 
Torflagern. Er erwärmt sich rasch und trocknet auch leicht aus, 
setzt überhaupt die Pflanzen allen Einflüssen der Witterung aus. Zu- 
weilen ist der Torfboden ganz unfruchtbar^ oft leidet er in Folge 
stagnirenden Wassers an zu grosser Nässe, wie dies bei Torf- 
mooren der Fall ist, die auch unter den Namen Moor-, Moos- 
oder Bruchboden bekannt und erst nach vollkommener Entwässe- 
rung als Feld oder Wiese benutzbar sind. Dann eignen sie sich 
vortreffhch zur Pflanzencultur, wie dies die grossen urbar gemachten 
Torfmoore Schottlands und die Rimpau'schen Torfculturen in Nord- 
deutschland beweisen. 



58 Die Bodenarten nach ihren Ablagerungsverhältnissen. 

Die diesem Boden eigenthümlichen bodenstäten Pflanzen sind 
— für den trockenen Humusboden: scharfer, wolliger und 
Acker-Hahnenfuss, Schöllkraut, Erdrauch, Ackerhanf, Hedderich, 
Tageslichtnelke, Kornrade, blaue Luzerne, gem. Kreuzkraut, Rain- 
kohl, Zaunwinde, schwarzer Nachtschatten, rothe Taubnessel, Sumpf- 
ziest, Kammgras — für den nassen Humusboden (Torf-Moor- 
boden): die Riedgräser, Wollgräser, Simsen, Läusekraut, Sumpf- 
knabenkraut, bittere Kresse,^ Sumpfborst, Weiderich, Wasser- und 
Waldmüoze, Sumpfampfer, 

B. Die BodeyiaHen nach ihren Ablagerimgsverhält7iissen. 

Jede Bodenart ist als ein vollendetes oder in der Entwickelung 
begriffenes ßildungs- oder FormationsgUed der Erdrinde anzusehen 
und als solches steht sie nicht nur in gewissen Beziehungen zu den 
anderen Erdrindemassen, sondern nimmt auch sowohl in horizontaler 
als verticaler Richtung einen gewissen Raum ein. 

Was ÖLen ersten Punkt anlangt, können die anderen Erdrinde- 
massen die Unterlage (Sohle) oder Decke einer Bodenart bilden oder 
verschiedene Bodenarten können durch mehrfach wiederholte Wechsel- 
lagerung in Verbindung mit einander stehen. 

Die Sohle, auf welcher eine Bodenart lagert, besteht entweder 
aus derselben Felsart, aus welcher die auflagernde Bodenart entstan- 
den ist oder sie wird aus einer Gesteins- oder Steinschuttmasse ge- 
bildet, welche ganz verschieden ist von dem auf ihr ruhenden Boden. 
Ersteres ist der Fall bei den sogenannten angestammten, seden- 
tären oder Verwitterungsboden oder, wie Fallou sie nennt, 
Grundschuttgeländen; letzteres bei den angeschwemmten, 
alluvialen, sedimentären Boden oder Fluthschuttgeländen. 

Die unterscheidenden Merkmale der sedentären und sedimentären 
Bodenarten sind kurz folgende: Der sedentäre Boden enthält nur 
Trümmer seines in der Regel in geringer Tiefe anstehenden Grund- 
gesteins, bei den sedimentären Bodenarten ist die Herkunft des 
Muttergesteins meist unbekannt, sie sind Gemenge sehr verschiedener 
zersetzter und unzersetzter Gesteine und Mineralien, die mit dem 
Grundgebirge der Bodenart nichts gemein haben. Erstere zeigen 
meist scharfkantige Splitter und Brocken des Grundgesteins, letztere 
abgeschliffene und abgerundete Körner, Gerolle und Geschiebe ver- 
schiedener Gesteine; erstere werden nur durch eine unmittelbar auf 
dem Grundgestein aufliegende Bodenart i-epräsentirt , letztere stellen 
meist mehrere Schichten verschiedener Bodenarten über einander dar 
(Geröllschutt, Mergel, Lehm, Sand, Marsch-Thonmoorbodenj ; erstere 
zeigen keine scharfe Grenze zwischen Grund und Boden, letztere 



Die sedentären Bodenarten. 59 

sind geschichtet und zeigen — mit Ausnahme des Lössraergels — 
bandartige Streifung. 

1. Die sedentären (Verwitterungs-, pi'imitive, angestammte) 
Bodenarten. 

Die sedentären Bodenarten liegen entweder unmittelbar auf ihrem 
festen Muttergestein auf oder sie ruhen auf aus dem Muttergestein 
hervorgegangenem Steinschutt. Im ersteren Fall sind sie meist weni- 
ger mächtig und weniger fruchtbar. Haben sich auf dem Verwitte- 
rungsboden Pflanzen angesiedelt und zur Bildung von Humus Ver- 
anlassung gegeben, so bilden sich verschiedene Schichten, die Senft 
folgendermassen beschreibt : Zu oberst als Decke : abgestorbene, noch 
in der Humification begriffene Pflauzenreste , darunter eine dunkel- 
braun erdige, moderig riechende, feuchtwarme Lage von Humus, dar- 
unter der eigentliche Verwitterungsboden, aber in seiner 
obersten Lage untermischt mit feinzertheiltem Humus ; in seiner mitt- 
leren Lage untermischt mit noch in Vermoderung begriffenen Wurzel- 
abfällen ; in seiner untersten Lage nur Mineralboden ; zu unterst end- 
lich Felsgerölle oder festes Gestein. 

Fallou 1) theilt die sedentären Bodenarten folgendermassen ein: 
I. Bodenarten der Quarzgesteine. 

1. Bodenarten der Quarzfelsgesteine (Quarzitboden, Kieselschiefer- 
boden). 

2. Boden der Quarzconglomeratgesteine (rother Quarzconglome- 
ratboden, grauer Quarzconglomeratboden). 

3. Boden der Quarzsaudgesteiue (Quadersandsteinboden, Grau- 
wackensandsteinboden, Keupersandsteinboden, Rothsandsteinboden). 

H. Bodenarten der Thongesteine. 
1. Thonstein- oder Porphyrtuffboden. 2. Thonschieferboden. 
3. Grauwackenschieferboden. 4. Thonmergelschieferboden. 
HL Bodenarten der Ghmmergesteine. 
1. Ghmmerschieferboden. 2. Gueisboden, 3. Kalkglimmerschie- 
ferboden. 4. Chloritschieferboden. 

IV. Bodenarten der Feldspathgesteine. 

1. Granitbodeu. 2. Granulitbodeu. 3. Syenitboden. 4. Por- 
phyrboden. 5. Trachytboden. 6. Phonolithboden. 

V. Bodenarten der Kalk- und Kalktalkgesteine. 

1. Jura- und Muschelkalkboden. 2. Juradolomitboden. 

VI. Bodenarten der Augit- und Hornbleudegesteine. 
1. Basaltboden. 2. Grünsteinboden. 3. Serpentinboden. 



1) F. A. Fallou, Pedologie. Dresden. G. Scliönfeld's Buchhandlung. 



60 Die sedentären Bodenarten. 

Die mineralogische Charakteristik dieser sedentären Bodenarten 
ist bereits oben bei Besprechung der Verwitterungsproducte gegeben 
worden, hier seien nur noch kurz die wichtigsten dieser Bodenarten 
in ihrer Beziehung zur Vegetation und zum iandwirthschaftlichen Be- 
trieb geschildert. 

Der Quarzitboden ist kein culturfähiger Ackerboden, nicht 
einmal der Waldbaum gedeiht auf ihm, so lange sich nicht eine 
Moderschicht, durch eine feuchte Moosdecke geschützt, darauf ge- 
bildet hat. Auch der Kieselschieferboden ist dem Landwirthe 
nicht günstig und lohnt kaum die beschwerliche und kostspielige 
Bearbeitung. 

Der rot he Quarzconglomeratboden eignet sich nur für 
den Waldbau, er zersetzt vermöge seiner Wärme und seines bedeu- 
tenden Eisenoxydgehaltes den Dünger leicht; der graue Quarz- 
conglomeratboden ist dem Quarzitboden ganz ähnlich. 

Der Quadersandsteinboden ist flachgründig, gehaltlos und 
unfruchtbar, sehr locker, durchlässig und zum Feldbau nicht geeignet, 
Fichte und Kiefer gedeihen. Der graulichweisse, meist zugleich gelb 
oder braun gefleckte Grauwackensandsteinboden ist bindig, 
im feuchten Zustande zäh und klebrig, trocken wird er rissig und 
splittrig, eine schwache filzige Kasennarbe und dürftige Vegetation 
bezeugen seine Unfruchtbarkeit, als Ackerboden steht er in gleichem 
Range mit dem Quadersandsteinboden. Der Keupe r Sandstein - 
boden, vorherrschend iichtrölhlich- oder bläulichgrau gefärbt, ist 
meist bindig, wiewohl locker und krümlich; in seiner Varietät als 
Buntsandsteinboden ist er roth und zeigt in Thalgründen einen 
schönen Rasenteppich, auf den flachen Gebirgsrücken ist er nicht 
zum Feldbau geeignet, weil er fahl, gehaltlos und sehr durchlässig 
ist, es gedeihen nur Kiefern. Der Rothsandsteinboden ist der 
erdreichste Boden aller Sandgesteine und ein guter Ackerboden. 

Der Thon Steinboden ist nicht sehr verbreitet "und landwirth- 
schaftlich mit dem Quarzitboden gleich zu stellen, von einer bindigen 
Ackererde ist bei ihm selten etwas zu sehen, er trägt daher auch nur 
verkrüppeltes Strauchwerk und Haidekraut, hingegen ist der Thon- 
schieferboden viel verbreiteter und auch anbauwürdiger. In der 
Regel bläulichgrau, im Untergrunde graulich- oder ockergelb, zeigt er 
sich der Waldvegetation, besonders der Fichte und Buche günstig. 
Der Grau wackenschief er boden ist flachgründig und nur mit 
sehr dürftigem Pflanzen wuchs bedeckt, er eignet sich mehr zum 
Waldbau (Tannen und Fichten), als für den Feldbau. Der Thon- 
mergelschieferboden ist feucht ein zäher, schhffiger Teig, 
ausgetrocknet wird er rissig und zerspringt in lauter unregelmäs- 
sige eckige Stücke. Im Ganzen ist er ein fruchtbarer Boden und 



Die sedentären Bodenarten 61 

trägt hier und da (z. B. auf den Höhen des Neckargebirges) auch 
Wein. 

Der Glimmerschiefe rboden gehört von Natur aus nicht 
zu den fruchtbaren Ackerboden ; flachgründig ist er zwar leicht und 
gut zu bearbeiten, leidet aber oft an zu grosser Lockerheit in Folge 
des nur schwer verwitterbaren GUmmers und Quarzes, welche Ge- 
steine zu Sand zerfallen. An Abhängen guter Lage eignet er sich 
sehr gut zum Weinbau und im Gebirge zum Kartoffelbau, verlangt 
aber viel Dünger. Der Gneissboden ist ein loser, nur im Ober- 
grunde und nur im feuchten Zustande locker gebundener Schutt von 
zersetztem und unzersetztem Gestein und in seiner Beschaffenheit 
wenig vom Ghmmerschieferboden verschieden. Der in den salzbur- 
ger, tyroler und kärntener Alpen vorkommende Kalkglimme r - 
schiefe rboden ist selten tiefgründig, verUert seine Kalk- und 
Talkerde durch Auslaugen sehr bald und stellt dann einen losen, 
staubigen Schieferschutt dar, welcher die Mühe des Anbaues nicht 
lohnt und schon vermöge der Lage lediglich der Flora des Waldes 
übeylassen bleiben muss. Der Chloritschiefe rboden zeigt an 
Thalgehängen einen schwachen Rasenteppich, den man zur Weide 
benutzt, weiter oben im Gebirge aber wird er ein ganz wüstes Ge- 
trümmer, welches nur noch durch das Wurzelgeflecht der Haide und 
Alpenrosen zusammengehalten wird. 

Auf dem Granitboden hoch gelegener Gegenden ist von 
Ackerbau wenig zu spüren. An südhchen Gehängen zeigt sich wohl 
hin und wieder ein Flachs-, Hafer- und Kartoffelfeld, auch von Som- 
merkorn, auf welchem man die schwachen, kurzährigen Halme zäh- 
len kann, aber der grösste Theil dieses Bodens ist von hohem Nadel- 
wald bedeckt. Besonders gedeiht die Fichte auf Granitboden. 

Ganz anders ist der Boden in den Gesenken und Thalgründen. 
Hier, wo der von allem Anfang her durch Verwitterung entstandene 
Boden auf seinem Lagergrunde sitzen blieb und noch ausserdem einen 
ansehnlichen Zuwachs erhielt durch den von den nahen Anhöhen 
abgeschwemmten Erdschutt, ist er ein bindiger und sehr fruchtbarer 
Boden. Wo er zuweilen Mangel an Kalk hat, zeigt sich eine Kal- 
kung überaus vortheilhaft. 

Der Granulitboden ist gleich dem Granitboden ein je nach 
der Lage mehr oder weniger fruchtbarer Boden, der Syenitboden 
gilt als sehr fruchtbar, ist kalkreich und zählt zu den bindigen 
Bodenarten, besonders wenn er nur wenig unzersetztes Gestein mehr 
enthält. 

Der Porphyrboden ist meist viel lockerer als der Granit- 
und Gneissboden, weil er immer viel zu Gruss zerfallenen Porphyr 
enthält. Geringe Mengen von Kalk fehlen selten, von Natur ist er 



62 Die sedentären Bodenarten. 

fruchtbar. Trachytboden ist in Deutschland selten, sein Werth 
als Ackerboden wird wesentlich von seinem Gehalt an Kalk- und 
Talk-Carbonaten bedingt. In den Thalmulden ist der zusammenge- 
schlämmte Trachytboden äusserst fruchtbar. Der Phonolithboden 
ist wegen der Steilheit seines Grundgebirges sehr selten tiefgx'ündig ; 
wo er bebaut wird, ist er bräunlichgrau, im Untergrund weiss und 
ockergelb. Würde er sich in mächtigeren Ablagerungen finden, wäre 
er einer der fruchtbarsten Bodenarten, so aber gehört er zu den un- 
fruchtbarsten. 

Der Jura- und Mus ch elkalkb öden zeigt selten über 1 Mtr. 
Verwitterungsschichten , zur Noth pflügbar ist er nur bis Vs Mtr.; 
seine Farbe ist bräunlichgelb, die Krume des angebauten Bodens 
gelbgraulichbraun. Er ist trotz seiner Flachgründigkeit überall an- 
gebaut und keineswegs unfruchtbar, besonders in Thalwellen, wo er 
durch Auflagerung der von den angrenzenden Anhöhen abgespülten 
Stauberde mächtigere Schichten bildet. Der reine Kreideboden 
ist ein steriler Boden, der Plänerkalkboden wäre keineswegs so 
schlecht, doch kommt das Gestein selten in einer Lage und Höhe 
vor, dass es seinen Einfluss auf den Boden geltend machen könnte. 
Wo dies der Fall ist, trägt er (z. B. im Teutoburger Walde) schönes 
Laubholz. 

Der Dolomitboden kann sich, da die Dolomitgebirge schroff 
in die Höhe steigen, nur auf terrassenförmigen Vorsprüngen, Mulden 
und Höhlungen der Thalgehänge erhalten ; er ist wenig fruchtbar 
und trägt nur schwache Moos- und Rasendecke, eine verkrüppelte 
Fichte oder einen niederen Wachholderstrauch. 

Die durchschnittliche Mächtigkeit des angestammten Basalt- 
bodens ist nicht höher als 2/3 Mtr. Seine Fruchtbarkeit ist sehr ver- 
schieden, je nachdem er auf Höhen und Gehängen oder am Fusse der 
Basaltberge lagert. Nur im letzteren Falle ist er als bauwürdiger Acker- 
boden zu betrachten. Er ist im Allgemeinen gelbhch- oder grauhchbraun, 
feucht schwarzbraun, sehr bindig und äusserst zäh, trocken dagegen 
wie Stein, so dass er kaum zu pflügen ist. Frisch aufgerissen, zeigt 
er stets schliffige und glänzende Schollen. Trotzdem ist er eine sehr 
ergiebige Bodenart, denn er hält sich sehr lange feucht und zugleich 
auch warm. Der seichte Basaltschuttboden der Höhen und Gehänge 
trägt bei günstiger Lage schönes Laubholz, besonders Eichen und 
Buchen und bei zunehmender Steile und Höhe noch Fichten und 
Kiefern. 

Der Grünsteinboden ist bindig, übrigens bröcklich, auf der 
Bruchfläche grobkörnig, meist gelb- oder graulichbraun, bisweilen 
ockergelb, weiss und braungefleckt. Trotz seiner Flachgründigkeit 



Die sedimentären Bodenarten. 63 

gebührt ihm in landwirthschaftlicher Hinsicht der Vorzug vor dem 
Thon- und Grauwackenschieferboden, von welchem er fast allerwärts 
begrenzt und eingeschlossen wird. 

Der Serpentinboden ist in Folge der chemischen Zusammen- 
setzung seines Muttergesteines, das keinen Thon liefert, nicht bindig 
und stellt einen leichten, losen Staub dar, der leicht abgespült oder 
vom .Winde weggetragen wird. Er ist sehr durchlässig und trocknet 
leicht aus. „Man erkennt die Serpentinberge, wenn sie nicht mit 
Wald bewachsen sind, schon aus der Ferne an ihrer verbrannten 
und abgestorbenen Rasendecke, es sind öde, dürre Horste, wie alte 
Schlackenhalden. Das frische Grün, womit sie sich im Frühjahre 
überziehen, ist nach wenig warmen Tagen schon wieder verschwun- 
den, die schwache Rasennavbe ist zerrissen, man sieht nur noch ein- 
zelne Fetzen mit verdorrtem, struppigem Gras bedeckt." Von Wald- 
bäumen gedeiht nur die Kiefer. 

2. Die sedimentären (alluvialen, angeschwemmten) 
Bodenarten. 

Die sedimentären oder alluvialen Bodenarten sind die wahre 
Heimath des Ackerbaues, AUuvionen können durch Wasser 
oder durch Luft bewirkt werden, letztere freilich kann nur die leich- 
testen Stoffe fortführen. Das Froduct der Alluvion setzt nothwendig 
eine ebene oder flachgeneigte Lage voraus, wo es haften und lagern 
kann und, da bei den hier am meisten in Betracht kommenden 
Wasserströmungen die Bewegung nach abwärts geht, zugleich eine 
tiefer liegende Fläche. Alluviale Boden können sich nur da finden, 
wo Bäche, Flüsse oder Meere sind oder gewesen sind. Da das Ge- 
birgsland nirgends höher als bis 366 Meter vom Meere überspült 
wurde und die Meeresalluvionen die wichtigsten und ausgebreitetsten 
Terrains für den Ackerbau bilden, so reicht im Allgemeinen von 
367 Meter aufwärts bis auf Höhen, wo es überhaupt keinen cultur- 
fähigen Boden giebt, der Grundschutt, der Fluthschutt von 367 Meter 
abwärts bis zur Küste des Meeres, wo sich der für den Ackerbau 
nutzbare Boden gleichfalls verliert. Uebrigens giebt es in beschränk- 
ter Ausdehnung in der Region des Grundschuttes angeschwemmten 
Boden, wie es in der Region des Fluthschuttes angestammten Boden 
giebt, zum ersten Falle gehören die Flussalluvionen in den Thal- 
mulden, zu letzterem Fall, der sehr vereinzelt ist, wären z. B. die 
Verwitterungsproducte der erratischen Geschiebe zu nennen. 

Am besten studirt ist das Schwemmland der grossen norddeut- 
schen Ebene. 



64 Die sedimentären Bodenarten. 

Nach Ortli^) enthält das Schwemmland der norddeutschen Ebene 
Absätze aus den Epochen der Braunkohlenformation, des Diluviums 
und Alluviums. Obwohl die tertiären Massen oberflächlich wenig 
zu Tage treten, wiegen sie doch quantitativ vor. Die Hauptmasse 
ist Sand, meist ein reiner Quarzsand, nach unten hin gröber, nach 
oben feiner werdend, dazwischen vereinzelt sandiger Thon und Letten 
sowie Braunkohlen. Während das Material der Tertiärformation 
mehr auf das südlich vorliegende Festland hinweist, stammen die 
Bestandtheile des Diluviums grossentheils aus dem Norden. Das 
Diluvium besteht gleich den tertiären Massen grösstentheils aus Sand, 
Thon und Mergel, der Sand hat aber in ersterem ein gröberes 
Korn und enthält unzersetzte Mineral- und Gesteinsfragmente. Der 
feine Tertiärsand ist weiss oder wasserhell, scharfkantig und splittrig 
und besteht nur aus Quarz , die diluvialen Quarzkörner sind zum 
grössten Theil abgerundet, weisslicbgrau bis gelb, zugleich findet 
man zwischen ihnen durchgehends kleine rothe Feldspathfragmente 
und Bryozoenreste, kleine löcherige Korallenzweige mit einem Kalk- 
skelett, in Folge dessen dieser Sand mit Säuren schwach aufbraust. 
Nach oben hin wird er begrenzt durch Mergel, oberhalb in kalk- 
freien Lehm übergehend und schliesslich häufig von Sand überdeckt. 
Die oberen Schichten des Diluviums, der Diluvialmergel und Lehm, 
sind durch Geschiebe und die sogenannten erratischen Blöcke cha- 
rakterisirt, der Geschiebmergel ist ein Gemenge von viel gro- 
bem und feinem Sand mit Quarzstaub, Thon, Eisenoxydhj^drat und 
kohlensaurem Kalk. Oft ist dieser Mergel in zwei Abtheilungen ab- 
gesetzt, welche unmittelbar über einander lagern oder durch eine 
Diluvialsandschicht getrennt sind. Der obere Mergel ist meist ohne 
Schichtung oder eine besondere Structur und von hellerer Färbung, 
der untere dagegen mehr verhärtet und besitzt eine eigenthümliche 
transversale Schieferung, wodurch er beim Austrocknen in zollgrosse 
und scharfkantige Stückchen sich abtrennt. 

Der Diluviallehm unterscheidet sich von dem Diluvialmergel 
durch die dunklere gelbbraune bis röthlichbraune Farbe, anderes Ge- 
füge und den Mangel an Kalkcarbonat. Der auf grosse Strecken 
den Diluviallehm in einer Mächtigkeit von 1 — 10 Fuss überlagernde 
Sand unterscheidet sich von dem unteren Diluvialsand durch ein weit 
ungleicheres Korn, durch die Trübung, die er, mit Wasser geschüttelt, 
hervorruft und durch den Mangel an Kalk. An der oberen Grenze 
des Diluviums enthält der Sand zuweilen auch Humus und bildet so 
den Uebergang zu einer höheren Cultur, was freilich längere Zeit in 
Anspruch nimmt. 

1) A. Orth, Die geognostisch - agronomische Kartirung. Berlin. Ernst u. 
Korn. 1875. 



Die sedimentären Bodenarten. 65 

Auch in den Gebieten des Alluviums finden sich, wenn auch 
local und von veränderter Beschaffenheit, sandige, thonige und selbst 
mergelige Absätze. Bei inniger Mengung des Lehms mit vegetabi- 
lischem und thierischem Humus und kohlensaurem Kalk entstehen die 
fruchtbarsten Bodenarten, bei vollständiger Sonderung von Sand und 
Geröll die unfruchtbarsten. 

Fallou^) sieht von einer Trennung der Diluvial- und Alluvial- 
gebilde ab und theilt die Alluviouen dem Alter, dem Wesen und 
Bestände nach ein in 

A. Wasser-Alluvionen. 

a. Meeres-Alluvionen 

1. der Gerolle und Geschiebe (Molassegeschiebe, Driftgeschiebe), 

2. der Mergel (Lössmergelboden, Sand- und Grandmergelboden), 

3. der Lehme (Glimmerlehmboden, Thonlehmboden, Grand- und 
Sandlehmboden), 

4. Sande (Lehmsandboden, Grandlehmsandboden, Moorsand- 
boden, Haidesandboden), 

5. Marschen (Flussmarschboden, Seemarschboden). 

b. Fluss-Alluvioneu (besitzen keine grosse Verbreitung). 

1. Fiussgeschiebe, 

2. Flusssande, 

3. Flusslehme. 

B. Luft-AUuvionen (besitzen keine grosse Verbreitung). 

1. Flug- und Dünensande, 

2. Schlackensande, 

3. Trachyttuffe. 

C. Accessionen des Bodens (Bruch-, Torf- und Haidemoorboden, 
Kalktuff, Raseneisenstein). 

Die Gerolle und Geschiebe bestehen aus Trümmern des 
Grundgebirges, die ihre ursprüngliche eckige und scharfkantige 
Gestalt durch das Fortbewegen unter strömenden Gewässern auf 
felsigem Grund verloren haben und in eine abgerundete und abge- 
schliffene Form übergegangen sind ; sie liegen als die erste Ablagerung 
aller geschwemmten Bodenarten zunächst auf der Grundfeste der Erde. 
Sie sind meist in der Grösse von Tauben- bis Hühnereiern; Geschiebe, 
welche einen grösseren Durchmesser als 1^3 Meter haben, nennt 
man Blöcke. GeröUe und Geschiebe unterscheidet man in so weit, 
als erstere aus Trümmern von Gesteinen mit dichtem und körnigem 
Gefüge und massiger Structur entstehen und mehr gerollt^, daher 



1) F. A. Fallou, die Hauptbodenarten der Nord- und Ostsee-Länder des 
Deutschen Reiches. Dresden 1875. 

V. Goliren, Ackerbauchemie. , 5 



66 Die sedimentären Bodenarten. 

kugelförmig werden. Die Geschiebe, welche von Trümmern schief- 
riger, blättriger oder plattenförmiger Structur stammen, werden mehr 
geschoben als gerollt und erhalten so eine flache, elliptische Form. 

Die Molassengeschiebe bestehen nur aus weissen, dichten 
und undurchsichtigen Quarz- und grauen oder schwarzen Kiesel- 
schiefertrümmern, vermengt mit einem grobkörnigen Sande dieser 
Gebirgsarten. Zum Feldbau können sie nicht benutzt werden, ver- 
dienen aber die grösste Beachtung, wenn sie in angemessener Mäch- 
tigkeit von einem zähen, lettenartigen Lehme oder Mergel überlagert 
werden, weil sie dann einen durchlassenden Untergrund für den 
auflagernden bindigen Obergrund bilden. 

Die Driftgeschiebe bestehen nicht blos aus Quarz, sondern 
aus einem Gemenge der verschiedenartigsten Gebirgsarten. Sie 
finden sich niemals unter der Braunkohle und sind unzweifelhaft 
nordischen Ursprunges. In landwirthschaftlicher Beziehung gilt für 
die Driftgeschiebe so ziemlich dasselbe wie für die Molassengeschiebe, 
nur sind erstere in so fern wichtiger als sie oft leicht zersetzbare 
Gesteine enthalten, auf deren Verwitterungsproducten Kiefern, Bir- 
ken und Espen gedeihen. 

Der Lössmergelboden ist ziemlich verbreitet, er bildet ein 
inniges feinerdiges, scheinbar gleichartiges Gemenge von Tlion-, 
Kalk-, Glimmer- und Kieselstaub, ist bindig, aber meist sehr locker, 
so dass er mehlig abfärbt und sich leicht zu Pulver zerreiben lässt. 
Die Farbe ist licht, graulich- bis ockergelb, hie und da braun ge- 
streift. Unter Wasser zerweicht er zu einem feinen Schlamm, mit 
Säuren braust er stark auf. Ueber die Bildung des Lössmergels 
giebt es verschiedene Ansichten. Agassiz meint, derselbe sei nichts 
anderes als Gletscherschlamm, Andere sagen, er sei zersetzter Lias- 
mergelschiefer, wieder Andere, er sei blos Lehm, dessen untere 
Schichten ihren kohlensauren Kalk durch einsickerndes Regenwasser 
erhalten hätten. Fallou ist der Ansicht, dass sich der Lössmergel, 
entsprechend seiner Lagerung, lediglich durch Niederschlagung in 
ruhigem Wasser gebildet habe. Charakteristisch für den Lössmergel 
ist, dass in ihm keine Schichtung zu beobachten und dass er in 
senkrecht abgestochenen Lagern von oben bis unten eine einzige, 
dichtgeschlossene, gleichfarbige und gleichartige Masse bildet. Seine 
Mächtigkeit beträgt gewöhnlich 3 — 7 Meter, bisweilen auch bis 20 
Meter. 

Der zu Tage liegende oder Vs — "^/s Meter von Lehm über- 
deckte Lössmergelboden ist eine ganz vorzügliche Bodenart. Ganz 
besonders gut gedeihen auf ihm Obst und Getreide, speciell Weizen. 
Auch die Futterkräuter, z. B. Klee, gerathen sehr gut, nur für die 
Qualität der Kartoffeln ist er nicht günstig. Für gartenmässige Cul- 



Die sedimentären Bodenarten. 67 

turen ist er sehr geeignet. Der Lössmergel lässt sich sehr leicht 
bearbeiten. 

Der Sand- und Grandmergelboden. Ersterer, welcher 
in der Krume bräunlichgrau, im Untergrund gelblichgrau, bindig, 
aber locker und krümlich ist, sich leicht zerbröckeln und zerreiben 
lässt und etwa 10 — 20 Proc. kohlensauren Kalk enthält, steht hin- 
sichtlich seiner landwirthschaftlichen Benutzung dem Lössmergelboden 
nach, liefert aber bei entsprechender Witterung nicht nur alle Ge- 
treidearten, sondern auch vorzüglich Klee, Wicken, Luzerne, Espar- 
sette, Bohnen, Mohn und in manchen Gegenden (Neutomysl in Posen) 
auch Hopfen. Der Grandmergel liegt in der Regel unter dem Sand- 
mergel, enthält nur etwa 30 — 40 Proc. Reinerde iucl. 18 — 24 Proc. 
Kalkcarbonat. Das Auftreten von Klatschrosen in tiberwiegender 
Menge ist ein Fingerzeig für sein Vorhandensein. 

Der Glimme rlehmboden überlagert gewöhnlich den Löss- 
mergel, enthält aber gar keinen kohlensauren Kalk und überhaupt 
ganz andere Mineralbestandtheile und zwar neben Quarzsand und 
Glimmer kleine Splitter von Porphyr, Kieselschiefer, Feldspath und 
Feuerstein. Als Ackerboden steht er hinter dem Lössmergel, ist 
aber wegen seiner Lockerheit, seines beträchtlichen Gehaltes an 
Reinerde und seiner niederen, flachwelligen Lage eine sehr gute 
und fruchtbare Bodenart. Die Bearbeitung ist, trotzdem er im 
nassen Zustande etwas an den Ackerwerkzeugen klebt, keine schwie- 
rige. Seine Hauptfrüchte sind Weizen, Gerste und Hafer, Rüben und 
besonders Klee. *'' 

Der sehr verbreitete Thonlehmboden (fetter Lehm, ge- 
schiebefreier Lehm, Ziegellehm) hat bindiges, ziemlich festes Gefüge, 
er bildet eine dichte, feinerdige Substanz, die sich wohl bröckeln, 
aber nicht krümeln lässt, und lagert theils auf dem Glimmerlehm, 
theils auf Geröllschutt, bisweilen auf dem Thone der Braunkohle 
oder dem festen Gestein des Grundgebirges. Er enthält zwischen 
75 — 95 Proc. abschwemmbare Theile; charakteristisch für ihn ist, 
dass er in der Regel von 1 Meter abwärts 2 — 10, selbst bis 15 Proc. 
Reinerde mehr enthält, als der Obergrund in Vs Meter Tiefe. Für 
die Vegetation ist er wegen seiner Tiefgründigkeit, seiner Zusammen- 
setzung, seines grossen Gehaltes an Reinerde, seiner physikalischen 
Eigenschaften sehr günstig ; besonders gut gedeihen Weizen, Gerste, 
Hafer, auch Roggen, Oelfrüchte und selbst Zuckerrüben geben gute 
Ernten. 

Der Sandlehmboden enthält weniger Reiuerde als der Thon- 
lehmboden (50 — 7 5 Proc.) und steht in landwirthschaftlicher Be- 
ziehung hinter dem Sandmergelboden zurück, wohl aber vor dem 
Grandlehm. Er gehört jedenfalls noch zu den besseren Bodenarten 



68 Die sedimentären Bodenarten. 

und trägt besonders Roggen, Gerste und Hafer, gut gedeihen auch 
Rothklee, Kartoffeln, Rüben, Bohnen, Luzerne, Lupinen und Gemüse. 
Zum Obstbau ist er weniger geeignet. 

Der Unterschied zwischen Grandlehmboden und dem Sand- 
lehm besteht nur in der Form der beigemengten unzersetzten Mi- 
neralien. Wegen des Gerölles und schüttigen Untergrundes nutzt 
der Grandlehm die Acker Werkzeuge stärker ab (Ruchadlo), ausser- 
dem verlangt er mehr Dünger, im Allgemeinen ist er aber doch 
noch zu den guten Bodenarten zu rechnen. 

Der Lehmsandboden enthält 20 — 30 Proc. Reinerde, ist 
bindig, aber meist locker und krümlich. Sein Werth für den Acker- 
bau wird durch seine Mächtigkeit bedingt. Wo er genügende Tief- 
gründigkeit besitzt, trägt er Roggen, Gerste, Buchweizen, Hafer, 
Lupine und Sandluzerne, auch hie und da Meerrettig, Gurken und 
Kohl. Der Grandlehmsandboden ist meist nur zu Waldbau 
geeignet, der Moor Sandboden gehört, wenn der Untergrund nicht 
an Nässe leidet, zu den besseren Sandbodenarten, er lässt sich leicht 
bearbeiten und trägt besonders Roggen, Buchweizen, Hafer, Hirse, 
Kartoffeln und Runkeln. Der lose Kiesel- oder Haidesand- 
boden, in Norddeutschland sehr verbreitet, ist die durchlässigste 
aller Bodenarten, gewöhnlich trägt er nur Haidekraut, Borstengras, 
Bocksbart und Schafschwingel, von Bäumen Wachholder, Lärche 
und besonders Kiefer. Trotzdem dieser Boden viele schlechte 
Eigenschaften besitzt, lässt er sich doch bei geeigneter Cultur noch 
recht nutzbar machen (Brabanter Campine, Teltow). 

Der Flu ssmarschb öden ist ein scheinbar gleichartiges Ge- 
menge von Thon, feinkörnigem Quarzsand und organischen Stoffen, 
häufig enthält er auch kohlensauren Kalk. In Folge des hohen 
Humusgehaltes (6 — 8 Proc.) ist er schwärzlich-braun gefärbt; er ist 
bindig, ziemlich fest, bröcklich, aber nicht krümlich und schwillt 
unter Wasser stark auf. Er gehört zu den in landwirthschaftlicher 
Beziehung vorzüglichsten Bodenarten, namentlich wenn er auf Mer- 
gel lagert. Weizen, Zuckerrübe gerathen ausgezeichnet, aber auch 
die anderen Culturpflanzen gedeihen in bester Quantität und Quali- 
tät. Die Wiesen liefern auf diesem Boden Heu und Grummet von 
vortrefflicher Beschaffenheit. Die Gerste wird besonders von den 
Brauereien gesucht und oft weit ausgeführt. Der Seemarsch- 
boden*) (Klei, Polderboden) an der Nordsee-Küste ist ein uner- 
schöpflich fruchtbarer Boden, äusserlich eine völlig gleichartige 
Thonmasse mit wenigen silberweissen Glimmerblättchen, beträgt sein 



1) Ueber die Entstehung des Seemarsclibodens siehe Fallou, Pedologie 
1862, S. 415. 



Die sedimentären 'Bodenarten. 69 

Keinerdegehalt 90 — 95 Proc. In sich alle zur Pflanzennalirimg 
nothwendigen Stoffe vereinigend, günstig gelegen, trägt er ohne 
Düngung die reichsten und besten Ernten. Getreide, Futter, Wiesen 
gedeihen gleich vorzüglich, nur für Luzerne, Esparsette ist er nicht 
geeignet, weil er in der Tiefe zu feucht und salzreich ist. 

Die durch die Flüsse aus höheren Lagen herabgeschwemmten 
Flussgeschiebe dienen den durch Flussalluvionen entstandenen 
Ackerboden als Lagergrund und haben nur in dieser Beziehung für 
den Landwirth Bedeutung. Der Flusssandboden ist je nach 
dem Muttergestein, aus dem er entstanden ist, verschieden ; da, wo 
er nicht mehr von den Flüssen erreicht, sondern nur bei Hoch- 
wasser überfluthet wird, ist er ein brauchbarer Acker- und Wiesen- 
boden und enthält 30 — 40 Proc. ßeinerde. Der Flusslehm- 
boden (Danziger Niederung) erzeugt alle Culturge wachse in grösster 
Menge und Güte. Gerste, Hafer und Oelgewächse sind die beson- 
ders angebauten Pflanzen. Sein Untergrund enthält in der Regel 
einige Procente mehr Reinerde als die obersten Schichten. 

Der Flug- und Dünensand ist anfangs die schlechteste und 
unfruchtbarste, kaum des Anbaues werthe Bodenart. Allmälig aber 
siedeln sich an geschützten Stellen doch Pflanzen (Bocksbart, Sand- 
hafer, Sandriedgras) auf ihm an und durch Cultur, durch Bindig- 
machung und Bewässerung kann er zum Waldbau, ja hie und da 
selbst zum Feldbau tauglich gemacht werden. Der Schlacken- 
sandboden kommt nur vereinzelt vor. In Folge vulkanischer 
Eruptionen entstanden, stellt er ein loses, schüttiges, sand- und 
staubartiges Gemenge von vulkanischer Asche und Schlacken grus 
dar. Wenn er nicht im Laufe langer Zeit verwittert ist, in welchem 
Falle er Buchen trägt und selbst als Feld benutzt wird, steht er 
in landwirthschaftlicher Beziehung noch unter dem Haidesandboden. 
Der dem Schlackensandboden in Bezug seiner Entstehung 
verwandte Tr a ch ytt uff b öden steht als Ackerboden im Werthe 
über ersterem. 

Die eben geschilderten sedimentären Bodenarten bilden selten 
für sich allein ein ganzes Bodengebiet. Schon die Art ihrer Bildung 
macht eine schichtenartige Wechsellagerung begreiflich. Je nach 
den verschiedenen Witterungsverhältnissen, je nach der Intensität 
der Strömung, je nach der Schwere und Beschaffenheit des trans- 
portirten Materials werden sich verschiedene Steinschutt- und Erd- 
bodenlagen über einander lagern. Nachfolgende Hebungen und 
Senkungen des Lagergrundes werden ihrerseits wieder zur Störung 
der normalen horizontalen Lagerung beitragen. Diese über einan- 
der lagernden, häufig sogar in einander fliessenden Glieder der 
Bodenschichten stehen unter einander in steter Wechselwirkung und 



70 



Die sedimentären Bodenarten. 



ihre Kenntniss und Berücksichtigung ist daher auch für den Land- 
wirth von der grössten Bedeutung. Die Entwicklung des Wurzel- 
systems, die Grundfeuchtigkeitsverhältnisse, die Wärmeleitung, die 
Bodenmelioration hängen in erster Linie von der Art und Mächtig- 
keit der einzelnen Bodenschichten ab. 

Die Mächtigkeit der Schichten wie die Qualität derselben 
hängt zunächst von den Witterungsverhältnissen, sodann aber auch 
von der Beschaffenheit des Landesgebietes ab, welches Gewässer 
durchfliessen. Mächtige Bodenablagerungen können nur entstehen 
in Schluchten, Buchten und Kesselthälern von Gebirgsländern oder 
auch im ebenen unmittelbaren Vorlande eines Gebirges, im Unterlaufs- 
und besonders im Mündungsgebiet von fast wagerecht liegenden 
Flachländern, welche von langsam fliessenden Strömen durchzogen 
werden, in den ausgefüllten Becken von ehemaligen Seeen und 
Meeren und endlich da, wo stark angeschwollene Gewässer auf einem 
und demselben Bodengrund zuerst eine grosse Menge losen Stein- 
schuttes und später feingeschlämmten Erdschutt auf der Schuttunter- 
lage absetzten, welche feine Erdtheile dann durch die ganze Masse 
gleichmässig hindurchsinterten. Ob eine lehmige Oberkrume 12 oder 
24 oder 48 Ctm., ob eine Sandunterlage 12 oder 60 Ctm., eine 
Mergelschicht 32 Ctm. oder 40 — 50 Meter hat, ist für den Cultur- 
werth des Bodens selbstverständlich von wesentlicher Bedeutung, 
weshalb das Studium der Boden-Profile den Landwirthen nicht drin- 
gend genug empfohlen werden kann. Nachstehendes Schema erläutert 
die Lagerung der Schwemmlaudsglieder der norddeutschen Ebene. 



Profil der Schwemmlandsglieder der 
Ebene nach r t h : 



norddeutschen 



Alluvium. 

Gleichzeitige 

Bildungen. 



Diluvium. 



1. Milder Humus, saurer Humus, harziger Humus, 
staubiger Humus; 

2. Torf, Moor; 

3. Raseneisenstein, Ortstein; 

4. Wiesenkalk, Kalktuff, Wiesenmergel; 

5. AUuvialthon, Auelehm, Marschboden; 

6. Dünensand; 

7. Flusssand, Grand und Gerolle, Meeressand. 

Oberes Diluvium. 

8. Oberer Diluvialsand; 

9. Geschiebeführeuder Lehm (gelbbraun, ohne 
Kreidekalk) ; 

10. Oberer geschiebeführender Mergel (Lehmmergel, 
gelblichgrau, unterhalb oft dunkler). 



Die sedimentären Bodenarten. 



71 



Unteres Diluvium. 

11. Unterer Geschiebe führender Mergel (oft mit 
kleinen Braunkohlenstückchen) ; 

12. Diluvialsand (meist mächtig); 
Diluvium. { 13. Heller Diluvialglimmersand (zuweilen mergelig); 

14. Brauner Diluvialglimmersand; 

15. Diluvialthonmergel ; 

1 6. Unterer Diluvialsand (mit fleischrothem Feldspath 
und Bryozoen). 

Obere Abtheilung. 

17. Quarzsand (vereinzelt mit Braunkohlen); 

18. Septarienthon. 

Untere Abtheilung. 

Braunkohlen- l^' Formsand (Glimmersand) ; 
/ 20. Dunkler Braunkohlensand; 
formation. | 21. Alaunthon und Alaunschiefer; 

22. Braunkohlen; 

23. Braunkohlenthon und Letten; 

24. Feiner weisser Quarzsand (sehr mächtig, mit 
weissem Glimmer); 

25. Grober Quarzsand (frei von Feldspath). 

Als Culturland betrachtet, theilt man die Bodenschichten in 
Obergrund und Untergrund, die oberste Erdschichte, welche 
durch Ackerger äthe bearbeitet wird, nennt man „Ackerkrume". 
Die Mächtigkeit des ackerbaren Bodens ist je nach örtlichen 
Verhältnissen eine sehr verschiedene ; während in einer Gegend die 
Erde den felsigen Grund kaum bedeckt, finden wir in andern Ge- 
genden Erdlagen von ^4 bis zu mehreren 100 Meter Tiefe. Je 
nach seiner Mächtigkeit und der Art der zu bauenden Culturpflanzen 
wird auch die Ackerkrume in entsprechender Tiefe meist von Vi 
bis zu ^2 Meter bearbeitet. Die Ackerkrume heisst nach ihrer 
Mächtigkeit : 

bei 2 — 6 Ctm. Tiefe sehr flachgründig, 
„ 6— 12 „ „ flachgründig, 

„ 12 — 18 „ „ ziemlich tiefgründig, 

„ 18—24 „ „ tiefgründig, 

„ über 24 „ „ sehr tiefgründig. 

Je tiefer die Ackerkrume ist, desto tiefer können die Pflanzen- 
wurzeln eindringen, desto mehr Nahrung können sie dem Boden ent- 
ziehen und sich aneignen. Bei jeder Pflanze steht die Entwicklung 
der Wurzel in einem bestimmten Verhältnisse zur Natur der Pflanze. 



72 Die sedimentären Bodenarten. 

Eine Beschränkung dieser Entwicklung durch zu seichte Ackerkrume 
muss demnach von unausbleiblichem Nachtheile für die Entwicklung 
der Pflanzen selber sein. 

Die Schichte der tragbaren Erde, welche unmittelbar unter der 
in Cultur genommenen Ackerkrume liegt, ist der, der letzteren fast 
gleichartige, ruhende Boden; er unterscheidet sich von jener 
dadurch , dass er in der Regel nicht gepflügt und gewendet wird ; 
in der Farbe zeigt er sich lichter, als die Ackerkrume. 

Die Erdschichte überhaupt, bis zu welcher die Pflanzenwurzeln 
reichen, heisst „Vegetationskrume". Nicht immer findet sich 
aber unter der Ackerkrume noch tragbarer Boden, oft lagert erstere 
unmittelbar auf Felsengrund, Thonlagern, Sand, GeröUe, Geschieben 
u. dgl. Man nennt eine solche Schichte, welche entweder unmittel- 
bar unter der Ackerkrume oder unter dem ruhenden Boden lagert 
und eine von diesen ganz abweichende Beschaffenheit zeigt, den 
U n t e r g r u n d. 

Die Beschaffenheit des Untergrundes ist von grosser Wichtigkeit 
für die Fruchtbarkeit der Krume und erfordert die volle Aufmerk- 
samkeit der Landwirthe. Es fragt sich zunächst, ob er das durch die 
Krume sickernde Wasser durchlässt oder nicht? Besteht der Unter- 
grund aus Thon oder Felsen, so wird er das Wasser nicht durch- 
lassen, und S'olcher undurchlassende Untergrund bewirkt Anhäufung 
von Feuchtigkeit in der Ackerkrume, oft Versumpfung derselben^ 
wenn er nicht etwa eine geneigte Fläche bildet, an der das Wasser 
ablaufen kann. 

Besteht der Untergrund aus Sand, GeröUe, Geschieben u. dgl., 
so kann das Wasser ungehindert durchlaufen, und er heisst dann 
durchlässiger Untergrund. Zwischen durchlassendem und undurch- 
lassendem Untergrund giebt es natürlich viele Abstufungen. 

Wie nachtheilig ein undurchlässiger Untergrund auf die obern 
Schichten wirken kann, zeigt die Versumpfung und die oft grosse 
Verschiedenheit im Ertrage von Aeckern, welche nahe bei einander 
liegen, aber verschiedenen Untergrund haben. Bodenarten, die durch 
undurchlassenden Untergrund leiden und zu viel Wasser halten, sind 
immer kälter als wasserärmere, man nennt demnach den undurch- 
lässigen Untergrund auch kalten Untergrund im Gegensatze zum 
warmen Untergrund (durchlässigen Untergrund). Wie schädlich aber 
auch ein ganz undurchlässiger Untergrund für die Ackerkrume wer- 
den kann, eben so nachtheilig wird ein ganz durchlässiger Unter- 
grund wirken, indem die oberen Bodenschichten zu schnell austrock- 
nen und in Folge dessen oft, zumal in regenarmen Jahren, die Cul- 
turpflanzen eingehen. 

Berücksichtigungswerth ist noch, ob der Untergrund das 



T. Gohren, Äckerbauchemie , Taf. I 

1 !" 



Kicdersachswerfen 

(ZoTgethal). 



Oderthal 

bei Breslau. 



Stlwach 


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Sand n. Kies. 


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(meist 




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trocltea). 




1-9 
20 
2-1 

2-3 
2-4 
2-5 
2-6 
2-7 
2-8 
2-9 
3-0 



Das Profil giebt ein typisches 
Bild der sogenannten Stein- 
felder der Flüsse am Aus- 
gange aus den Gebirgen oder 
innerhalb derselben, charae- 
terisirt durch grosse Trocken- 
heit, zuweilen unterbrochen 
dnrch hohen Wasserstand. 







Ol 






o-?, 


Leimiiger 




0-3 


Sand. 




0-4 
0-5 






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Sand. 




1-6 


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1-7 


(meist 




'i-s 


trocken). 




1-9 
2-0| 
21 
2-2 
2-3 
2-4 
2-5 

2-7 
2-s! 
2-9 
"3-0! 



AUuvialprofil, 

L Werthe durch den Grund- 

waaserstand wesentlich 

beeinflnsst. 



Roseuau 

(Schlesien). 





^^^^■U'l 




^^^^1 0-2 


Lelim. 


^^^^H 0-3 




^^^^■0-4 




^^^^Ho'ä 






0-6 






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l-l 






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1-4 






1-5 


Sand 




1-6 


nnd Kies. 




1-7 


Diluvium 




1-8 


trocken. 




1-9 
2-0 
2-1 
2-2 
2-3 
2-4 
'2-5 
2-6 
2-7 
2-8 
2-9 
3-0 



Diluvialprofil ic 


it einer 


seil wachmächti gen 


Bedeckung 


von gut gemengt 


em Lehm 


über Kios und Sand, 


Die Feuchtigkeit ist von der 


klimatischen Lage 


und dem 


Wetter wesentlich 


abhängig. 



Biesdorf 

(Brandenburg). 



Rüdersdorf. 



^^^^^H 


Ol 
0-2 
0-3 


AUuTium. ^^^^H 


0-4 

O'o 




^^^^■| 


(!■() 
0-7 




^^^^^^ 






0-8 
0-9 






1-0 






11 
1-2 






1-3 

1-4 


Sand. 




1-.5 
1-6 


Alluvium 
(nass). 




1-8 
1=« 
2-0 
2-1 
2-2 
2-3 
2-4 
2-5 
2-6 
2-7 
28 
2-9 
3-0 



Wegen Grunduässe eignet 
sich das Profil nur für Wiese, 
Wald und Sommercultur, ist 
bei Kajolen und starker Düng- 
ung gegen Gemüsebau dank- 
bar. Durch Anlage Rimpau- 
scher Dämme mit Regulining 
des Wasserstandes werden 

alle Culturarten möglich. 



Saud. 




0-1 
0-2 
0-3 
0-4 
0-5 
ü-6 
0-7 
08 
(1-9 

Tu 


Geschiebe- 
Lehm. 

Diluvium 
sandig. 


■ 


1-1 

T2 
1-3 
1-4 


Geschiebe- 
Mergel. 

Diluvium 
sandig. 


1 


*l-5 
1-6 
1-7 
1-8 
1-9 
2-0 
2-1 
T2l 
2-3 
2-4 
2-5 
20 
2-7 
2-8 
2-9 
3 



Die 


wechselnde Höhe des 


Sandes auf dem Lehm und 


Mergel beweist deutlich, von 


welcher Wichtigkeit das 


Bode 


iprofil bis zu grösserer 


Tiefe 


und die Mächtigkeit für 


de 


u Bodenwerth sind. 



Friedrichsfelde 

bei Berlin. 



Der Boden ist durch receute 
Flugsand-Autlagerung um 
3 Classen im Werthe ver- 
schlechtert und zeigt das Ge- 
meinschädliche des norddeut- 
schen Plugsandes in ersehrek- 

kendei- Weise, nicht selten 
durch Aufreissen und Bestel- 
len noch erheblich vermehrt. 



Gr. Mohnau 

(Schlesien). 







o--i| 






1» •'! 


Sandiger 




¥3! 


Lehm. 




¥4! 
0-5 






0«; 






0-7i 






0-S! 






0-9, 






1-0 


Kies 




l-ll 


und Sand. 




1-2 


Diluvium. 




1-3 
1-4 

1-5 
10 
1-7 

Ts 








^^^^^H 


1-9| 




^^^^H 


2'Oj 




^^^^H 


2-lj 




^^^^^ 


2-2 




^^^^H 


2-3 


Plastischer 


^^^^H 


2-4 


Tlion. 


1 


2-5 

2-6: 

2-7 

2-8 
2-9 
3'0; 



Profil eines unmittelbar unter 
der Oberkrume durchlässigen, 
in grösserer Tiefe undurch- 
lässigen Bodens. 



Berlin 

(Diluvialplatei 



Lehmiger 
Sand. 




Ol 
0-2 
0-3 
0-4 
0-5 
0-6 


Geschiebe- 
Lehm. 
Diluvium 
sandig. 




0-7 
0-8 
0-9 


Geschiebe- 
Mergel. 

Diluvium 
sandig. 




1-0 
l-l 
1-2| 
1-3 
1-4 
1-5 
1-6 
1-7 
1-8 
1-9 
2-0 
•21 
2-2; 
2-3! 

Ti\ 

2-5i 
2-6, 

¥81 
2-9 
3-0 





Normalprofil von vielen der 
besseren märkischen Dilüvial- 
böden. Der Bodenwerth 
wird durch den Lehm- und 
Mergel Untergrund grossten- 
theils bedingt. 



V. G Ohren, Äckerbauchemie , Taf. ü. 



Beberbeck 

bei CisseL 



' Feinkörni- 
ger sandiger 




Lehm. 






ii-s 


FeinkMi- 


1-1 
1-2 


niger 


1^, 


thonig-r 


l-.i 


San.L 


ri; 


Eisen- 


yi\ 


•sciüssig 


l-^ 


und 


\-'.l\ 


schwer 


- " 


durch- 




lassend 


-■_- 


(fenchti. 


"21 




^il 




2!l 



Beispiel einer Drainage 
bedürftigen, vereSaerten and 
ei seilschlissigen Bodengrnnd- 
Uge. Die geringe Durch- 
lässigkeit ist groBBentheile 
durch das feine Korn des San- 
des nnd Quarzmehls bedingt. 
Setzt hohe Caltnr voraus, ist 
dagegen nicht immer dankbar. 



Malkwitz 

(Schlesien). 



G erlebock 

bei Gröbzing. 



WKttKM 


0-1 


^^^^^^^1 


0-2 


stark ^^^^^1 


ü-3 


Kehanden. ^^^^^^^^| 


0-4 


^^^^^1 


Ü-5 


^^^^^1 


0-6 


^^^^H 


0-7 


^^^^H 


0-8 


^^^^H 


0-9 


^^^^H 


l-O 


^^^^^1 


M 


^^^^^^1 


1-i 


^^^^H 


1 3 


^^^^H 


1-4 


^^^H 


1-5 


Plastischer ^^^^^^^| 


1-b 








1-8 


Tertiär. ^^^^^^H 


l-9[ 


^^^^H 


2-0 


^^^^H 


2-1 


^^^^^1 


22 


^^^^H 


2-3 


^^^^H 


2-4 




2-5 


^^^^H 


2-6 


^^^^H 


2-7 


^^H 


2-8 




2-9 


^^^m 


3-0 



Profil eines schwer zu bear- 
beitenden Bodens mit fast 
undurchlässigem Untergründe. 
Zeit und Art der Bearbeitung 
sind aufs Sorgfältigste 
wahrzunehmen. 



Milder 
humoser 

Lehm, 

Kalk 

fahrend. 




0-1 
0-2 
0-3 
0-4 
0-.5 


Mergel. 
Diluvium 
lössartig, 

milde. 




OB 
0-7 

ITs 

0-9 


Sand. 

Ditoium, 

Kalk 
führend. 




1-0 
1-1 
1-2 
1-3 
1-4 
1-5 
1-6 
1-7 
1-8 
1-9 
20 
2-1 
2-2 
2-3 
2-4 
2-5 
2-6 
2-7 
2-8 
2-9 
30 



Profil für beste 

Rübenqualität bei geringer 

Quantität des Ertrages. 



Schwarz- 
erde. 

Milder 
humoser 
Lehm. 


■ 


0-1 
0-2 
0-3 
0-4 
0-5 
0-6 


Mergel. 

Diluvium, 
lössartig 
milde. 


i 


0-1 
0-9 

Po 

VI 
1-2 
13 
1-4 
1-5 
1-ti 


Sand. 

Diluvium, 

Kalk 
führend. 




1-7 
1-8 
1-9 
2(1 
21 
2-2 
T3 
2-4 
25 
2-6 
2-7 
2-8 
2-9 
3-0 



Characteristisches deutsches 
Schwarzerde-Profil. Thätig- 
keit, Bindung, Durchlässigkeit 
und waaserhaltende Kraft sind 
in vorzüglichem Grade ver- 
einigt. Der Boden lohnt 
Cultur durch gute Erträge und 
hohen Zuckergehalt. 




Profil 
ten Zuckerrüben- 
bodens. 



Profil 

für sehr hohe Rübenerträge, 

bei noch guter Qualität. 



Scbwarzerdeprofil aus 
Südrassland. Sehwarzerde 

und Diluvial-Mergel sind in 
der preussischen Provinz 

Sachsen vielfach von gleichei 
Farbe und Beschaffenheit. 



Die Höhe des Grundwasser- 
standes ist anf Ertrag und 
Zuckergehalt von dem gröss- 
ten Einfluss. Die quantitativ 
oft sehr hohen Rübenernten 
zeigen meist einen geringen 
Zuckergehalt. 



Die Bodenarten nach ihrer Benutzungsart. 73 

Wachsthum von Culturpflanzen, deren Wurzeln sich tief versenken, 
wie z. B. bei Lnzernklee, gestattet. 

Ein felsiger Untergrund wirkt für die auf ihm lagernde 
Bodenart günstig, wenn er aus mürben, verwitternden Gesteinen 
besteht; ungünstige wenn er eisenkiesreiche Gesteine enthält, von 
vielen senkrechten Rissen und Spalten durchzogen ist, eine beeken- 
förmige zusammenhängende Oberfläche bildet oder wenn das feste 
Gestein eine zu stark geneigte Fläche besitzt. Ein sandiger oder 
erdiger Untergrund ist günstig für die Oberkrume, wenn er 
frei ist von das Pflanzenwachsthum schädigenden Bestandtheilen, 
wie Eisenoxydulsalzen, Raseneisenstein, freien Säuren u. s. w. und 
wenn er im Allgemeinen die entgegengesetzten physikalischen Eigen- 
schaften der Erdkrume besitzt. Ist die Ackerkrume kalt, nass und 
fest, so soll der Untergrund warm, durchlassend und locker, ist erstere 
sehr trocken , leicht sich erhitzend , so soll letzterer kühl und die 
Feuchtigkeit festhaltend sein. Eine sandige, kalkreiche oder sehr 
flache Ackerkrume wird noch werthloser durch einen grandigen, 
steinigen oder sandigen Untergrund, während ein solcher für eine 
thonige oder zu humose Ackerkrume sehr wünschenswerth erscheint. 

Um ein Bild von der Rückwirkung des Untergrundes auf den 
Werth des Ackerbodens zu geben, mögen nebenstehende Pro- 
file \) dienen. 

C. Die Bodenarten nach ihrer Benut:zungsart. 

Es liegt nahe bei der Eintheilung der Bodenarten nach ihrer 
Benutzung die vier wichtigsten Culturpflanzeu : Weizen, Roggen, 
Gerste und Hafer als Grundlage der Classification zu wählen. Ein- 
hof und Thaer unterscheiden auch noch Garten- und Wiesenland. 

Diese Eintheilung des Bodens nach seiner Verwendbarkeit 
kann uns aber nie einen richtigen Begriff" über seine Natur und 
Beschaffenheit geben ; denn ein Acker, dem Weizen zugedacht wird, 
muss z. B. keineswegs immer Thonboden haben. In Belgien z. B. 
gedeiht in Folge hoher Cultur auf Sandboden ganz vortrefflicher 
Weizen. Ebenso können uns die von S-chwerz gebrauchten Be- 
nennungen Garten-, Feld-, Wiesen- und Holzland nur einen bei- 
läufigen Begriff" von der Bodenbeschaöenheit geben; denn in der Praxis 
hat es sich gewiss nicht selten gezeigt, dass das von Schwerz 
als „schlechtester" Boden angesehene -Holzland" nach dem Abtreiben 
den besten Weizenboden lieferte. Es scheinen überhaupt alle der- 
gleichen Eintheilungsversuche zu sehr von subjectiven Standpunkten 

1) Mit Genehmigung des Hrn. Prof. Dr. Orth und der Yerlagstirma in 
verkleinertem Maassstab nach Orth 's "Wandtafeln für Bodenkunde dargestellt. 



74 Die Bodenarten nach ihrer Benutzungsart. 

abhängig, und können als nur sehr relative Annahmen auf wissen- 
schaftlichen Werth wenig Anspruch haben. Dies vorausgeschickt, 
führen wir hier nur das Wesentliche über die einzelnen Klassen 
der ökonomischen Eintheilung vor und wählen als Grundlage das 
System, nach welchem in den meisten civilisirten Staaten die Grund- 
steuer erhoben wird. Man unterscheidet hiernach folgende 7 Klassen : 

Gartenboden, Ackerboden, Wiese nb öden, Weide- 
boden, Obstboden, Weinboden und Waldboden. 

Crartenboden (Gartenland), ein sorgfältig bebauter und gepfleg- 
ter Boden, enthält die vorzüglichste und fruchtbarste Erde mit allen 
Pflanzennahrungsmitteln in genügender Menge. 

Ackerboden wird seiner Verschiedenartigkeit wegen nach den 
Früchten, für die er vorzugsweise geeignet ist, in Weizen-, 
Roggen-, Hafer- und Kleeboden eingetheilt. 

Weizenboden muss ein kräftiger Boden sein und nament- 
lich die nöthigen Mengen von Phosphorsäure enthalten; bindige, 
feuchte, massig warme Bodenarten sind die entsprechendsten, dem- 
nach Thon- und Lehmboden wie auch thoniger Sandboden die ge- 
eignetsten. 

Roggen boden bedarf der Wärme und kann auch eher 
trocken sein als Weizenboden; folglich werden besserer Sandboden, 
sandiger Lehm- und Thonboden, trockener Moorboden für ihn die 
geeigneten Bodenarten sein. Man rechnet Roggenboden zu den 
mittelkräftigen Bodenarten. 

Gersteboden erfordert mittlere Bindigkeit, Feuchtigkeit, 
„Kraft" und Wärme, er ist also ein Boden mittlerer Beschaffenheit 
(Mittelboden). 

Hafer boden zählt zu den geringsten Bodenarten, da Hafer 
fast mit jedem Acker sich begnügt, auf dem sich keine andere 
Frucht besser lohnt. Sand- und Moorboden, Neuland, selbst nasse 
Bodenarten gehören hierher. Irrig ist aber zu glauben, dass Hafer 
nicht auf besserem Boden auch lohnende Erträge liefere; nur seiner 
geringen Ansprüche halber weist man ihm gewöhnlich den schlechte- 
sten Boden zu. 

Kleeboden. Als solcher kann nur jener gelten, der tief- 
gründig, „kräftig" und namentlich an Kalk reich ist. 

Wiesen- und Weideboden. Wiesenland beansprucht warmen, 
massig bindigen , kräftigen , kalkhaltigen Boden in ebener Lage. 
Weideland findet sich meist nur an Abhängen, die eine anderweitige 
Verwendung nicht mehr lohnen. 

Obstboden soll tiefgründig (mindestens 3 Fuss), nicht zu bindig 
und kräftig sein, nebstdem in warmer, vor kaltem Winde geschützter 
sonniger Lage sich befinden. Als Obstboden eignen sich humoser, 



Die Höhe der Bodenüäclie. 75 

kalkhaltiger, lockerer Boden, namentlich kalkhaltiger und humoser 
Lehmboden. 

Weinboden erfordert eine noch wärmere und geschütztere Lage 
als Obstboden ; er darf weder zu nass noch zu humushaltig sein. 
Gelockerter, alkalireicher Verwitterungsboden an sanften Abhängen 
ist der Rebe am zuträglichsten. 

Waldboden wird gewöhnlich als ärmster Boden bezeichnet, doch 
können dem Walde alle Bodenarten entsprechen, mit Ausnahme von 
Thon, der zum Holzwuchs am wenigsten geeignet ist. Waldboden 
kann unbedingt jeder sein, der sich weder zu Wiese, noch Acker- 
land oder Weide eignet. 



in. Die Lage des Bodens. 

Ä. Die Höhe de?' Bodenfläche. 

Die Höhe des Bodens über dem Meeresspiegel ist für die 
Culturpflanzen von grosser Wichtigkeit, denn ihr Anbau darf ge- 
wisse Grenzen nicht überschreiten , wenn sie überhaupt noch ge- 
deihen sollen. Diese Höhen-Grenzen, über welche hinaus die Pflanzen 
nicht mehr gedeihen, sind verschieden nach der Art der letzteren 
und nach der geographischen Lage des Ortes. Mit zunehmender 
Höhe vermindert sich die Temperatur, mit jeder bedeutenderen 
Höhenabstufung ändert daher auch die Vegetation zugleich ihren 
Charakter. Die Culturpflanzen unseres Klimas z. B. hören bereits 
dort auf zu reifen, wo noch die üppigsten Laubwälder gedeihen, 
doch müssen auch diese bald den Nadelhölzern weichen, deren 
Wuchs aber immer gedrungener wird, je höher wir steigen, bis 
nur noch die Kiefer zum kriechenden Gebüsche verkümmert (Knie- 
holz) erscheint und die Waldregion abschliesst. Diese Höhenstufe 
ist es, auf deren Plateaux die Alpenpflanzen verbreitet sind, wo 
aber auch schon die nackten Felsmassen abwechselnd mit dem 
ewigen Schnee beginnen. Mit dieser Grenze wird die Temperatur 
schon eine so niedrige, dass der Schnee und die Eisgletscher dauernd 
bleiben, daher die Benennung Schneegrenze oder Schneelinie. Die 
Schneegrenze beginnt natürlich in den von unseren Breitegraden nörd- 
lich oder südlich sich entfernenden Zonen auch in sehr verschiedenen 
Höhenstufen. Je mehr wir uns dem Aequator nähern, in um so be- 
deutenderer Höhe liegt die Schneelinie, am Aequator z. B. erst bei 
5300 Meter; je mehr man sich den Polen nähert, um so niedriger 



76 Die Höhe der Bodenüäche. 

ist sie, so dass sie z. B. bei 80 o nördlicher Breite schon dem Meeres- 
spiegel gleich wird. 

Die gleichen Pflanzenarten finden folglich in verschiedenen Orts- 
lagen verschiedene Höhen-Grenzen, weil die Höhe der Schneelinie 
vom Aequator an in nördlicher oder südlicher Richtung immer mehr 
sinkt. In den südlicheren Theilen Schwedens reift das Getreide 
nur bis zu einer Höhe von 100 Meter; in den Aequator-Gegenden 
aber bis 400 Meter. Bei 2300 Meter Höhe herrscht auf den Pla- 
teaux des Staates Mexico ewiger Frühling, in den Bergen Islands 
aber schon bei 700 Meter ewiger Winter. 

Für das bayerische Hochgebirge unterscheidet Sendtner fol- 
gende 10 Höhenregionen: 

1. Die untere Ebenenregion oder die Region des Weinstockes 
(300—400 Meter). 

2. Die obere Ebenenregion oder die Region der Wallnuss 
(400—570 Meter). 

3. Die untere Bergregion (Eiche) (570 — 840 Meter). 

4. Die obere Bergregion (Buche) (840 — 1440 Meter). 

5. Die Voralpenregion (Fichte) (1440 — 1770 Meter). 

6. Die untere Alpenregion (Krummholz) (1770 — 2040 Meter). 

7. Die obere Alpenregion (Haidesträucher, Alpenrosen) (2040 
bis 2340 Meter). 

8 . Die untere Schneeregion (Alpenkräuter )(2340 — 2670 Meter). 

9. Die obere Schneeregion (höchste Gefässpflanzen) (2670 — 
2870 Meter). 

10. Die Kryptogamenregion (nur Moose und Flechten) (über 
2870 Meter). 

In Europa giebt es zwischen 48 und 60 ^ nördlicher Breite, 
also im mittleren Europa, kein sich bis zur Schneelinie erhebendes 
Land , daher auch der Ackerbau da vorwiegend betrieben wird. 
Doch reicht der hierzu verwendbare Boden nur bis 1000, höchstens 
1200 Meter Höhe, und darüber hinaus nimmt auch schon die Mäch- 
tigkeit der Ackerkrume immer mehr ab. Von den 6000 Quadrat- 
meilen Norwegens liegt die Hälfte öde, da sich ihr Boden meist 
über die Schneegrenze erhebt und fast nur aus nackten Felsen be- 
steht. Festland, das in gleicher Höhe mit dem Meere liegt, oder 
sich bis zu 170 Meter über dem Meeresspiegel erhebt, bezeichnet 
man als Tiefland, weit ausgedehnte Flächen Tieflandes als Tief- 
ebene, so die libysche Ebene, die sich bis Holland und Belgien 
erstreckende norddeutsche Ebene u. a. 

Erhebt sich das Festland über 170 Meter, so nennt man es 
Hochland. Es ist meist Gebirge, welches jedoch ebene Flächen 
einscliliessen kann, die man Hochebenen nennt, dahin gehören 



Die Lage des Bodens gegen die Himmelsgegend. 77 

z. B. die grosse Bucharei und Tibet in Asien, die gobische Steppe 
u. a. Meeresniederungen sind an einer Seite vom Meere be- 
begrenzte Ebenen (holländische Niederung); Flussniederungen 
sind von einem Flusse umspülte ausgedehnte Ebenen (Nilniederungen). 
Je höher der Boden gelegen, desto feuchter und kälter ist er 
unter sonst gleichen Umständen. Sandige, das Wasser nicht zu 
stark zurückhaltende Bodenarten sind da die besten. Je höher der 
Boden gelegen, desto langsamer geht endlich auch Verwitterung und 
Verwesung vor sich. 

B. Die Lage (Richtung) des Bodens gegen die Himrnelsgegend. 

Das Wort Lage wird auch noch in dem Sinne gebraucht, dass 
man damit die Richtung eines Feldabhanges gegen die Himmelsgegend 
bezeichnet, und die Lage nach den vier Haupt- und den acht Neben- 
richtungen benennt. Jedenfalls ist in dem vorgedachten Sinne die 
Lage von grosser Bedeutung für die Wärme-, wie für die Vege- 
tationsverhältnisse des Bodens. 

Südliche und südöstliche Abdachungen kennzeichnen sich 
bei uns durch raschen Witterungswechsel, höhere Temperatur, frühe- 
res Entwickeln, aber auch häufigeres Verdorren der Pflanzen; über- 
dies sind solche Abdachungen mehr den Frühjahrsfrösten ausgesetzt ; 
sie eignen sich besonders zum Anbau jener Pflanzen, welche viel 
Wärme zu ihrem Gedeihen erfordern. Die südliche Lage hat den 
trockenen Südost- und Süd- und den feuchten Südwest-, nebst dem 
feuchten nicht warmen Westwinde, während sie vor den rauhen 
Nordwinden geschützt ist. Diese Lage hat demnach günstige Tem- 
peratur- und Vegetatiousverhältnisse. Zu heftige Austrocknung, 
durch welche auch wahrscheinlich die schwierige Bildung einer 
Bodendecke veranlasst wird, ist wohl der Hauptübelstand südlicher 
Abdachungen. Die grossen, berühmten Waldungen des südlichen 
Frankreichs sind verschwunden und die südlichen Abhänge der dor- 
tigen Berge bleiben ganz baumlos — das Schicksal aller südlichen 
Abdachungen, sagt der Forstmann. Die Wissenschaft sagt ihm aber : 
es ist deine Schuld; hättest du die vorhandenen Bestände nicht 
unvorsichtig niedergelegt, den steilen südlichen Abhang mit einem 
Male seiner Schatten spendenden Bäume nicht beraubt, so wäre der 
Boden nicht ausgetrocknet und hätte dann vom Winde und Regen 
nicht weggeführt werden können. 

Nördliche Abdachungen lassen nur ein späteres Wachsthum 
bei kürzerer Dauer zu, sie sind kälter und feuchter, aber den so 
verheerenden Frühfrösten viel weniger ausgesetzt. Sie eignen sich 
namentlich zum Wiesen- und Waldbau. Der kalte trockene Nordwind 
ist für sie der herrschende. 



78 



Die Lage des Bodens gegen den Horizont. 



Ostabdachungen trocknen am raschesten aus, indem der Boden 
schon von der Morgensonne getroffen wird; die Pflanzen spriessen 
bald empor. Nachtfröste schaden in dieser Lage weniger, weil die 
Sonne am Morgen noch mit geringerer Kraft wirkt und den ge- 
frorenen Boden demnach nicht plötzlich zum Aufthauen bringt. Die 
Feuchtigkeit des Bodens verdunstet rasch, namentlich in Folge der 
austrocknenden Morgenwinde, weshalb ein zur Trockenheit geneig- 
ter Boden ungünstig ist. 

Westliche Lagen bleiben des Morgens lange im Schatten; 
berücksichtigt man ferner noch die feuchten Westwinde, so begreift 
man, dass hier selbst zum Austrocknen geneigte Bodenarten sich 
feucht erhalten und Gewächse in ihnen gedeihen, die in südlichen 
und östlichen Abdachungen zu Grunde gegangen wären. 



C. Die Lage des Bodens gegen den Horizont. 

Liegt eine Fläche derart, dass das Senkblei mit ihr einen 
Winkel von 90 Grad bildet, so heisst sie horizontal, eine solche, 
die mit dem Senkblei zusammenfällt, hingegen senkrecht. Jede 
Fläche, die zwischen die senkrechte und horizontale Richtung fällt, 
bezeichnet man als gegen den Horizont geneigt oder abgedacht und 
man unterscheidet demnach in dieser Beziehung Ebene und Ab- 
dachung (Neigung), wie dies folgende Figur zeigt. 



Ebene 



9ü° 




Horizontal 

Die Lage eines Bodens bei einer Neigung gegen den Hori- 
zont von 1 — 10 Grad heisst flachgeneigt (lehnig), 



10—20 
20—30 
30—40 
40—50 
50—90 



abhängig, 

abschüssig, 

steil, 

prallig, 

schroff. 



Bei 1 — 2 Grad Neigung eignet sich der Boden gewöhnlich sehr 
gut zum Ackerbau, von 3 Grad an immer schwieriger; 10 Grad 
ist schon als äusserster Grad für Gespannarbeit anzusehen. 



Die Eigenschaften des Bodens. Allgemeines. 79 

Ueber 30 — 40 Grad Neigung werden die Boden meist nur 
noch zu Weiden und Wiesen benutzt und lassen sich, wo an höher 
gelegenen Punkten Quellen vorkommen, Rieselwiesen anlegen, wie 
sich solche mit ihrem, dem Auge so wohlthuenden Grün z. B. im 
Spessart finden. Bei südlichen Abhängen dienen sie mit Hilfe von 
Etagen zum Obst- und Weinbau. Ueber 40 Grad eignet sich der 
Boden nur noch zum Waldbau. Alle Ackerboden auf geneigten Flächen 
sind der so schädlichen Wirkung heftiger Regengüsse ausgesetzt, am 
meisten findet sich dieser Uebelstand natürlich bei lockerem, leichtem 
Boden; so wird der lockere Schiefergebirgsboden an den Abhängen 
des Rheingaus, den im Sommer das breite Laub der Rebe deckt 
und den der unermüdliche Fleiss des Rheingauers zum Standort der 
edelsten Reben gemacht, durch Regengüsse oft arg verwüstet. 

Ein Ackerboden mit bedeutender Neigung ist selten nass und 
ist demnach für thonige und lehmige Bodenarten diese Lage nicht 
ungünstig. Bei leichterem Boden aber tritt nicht selten, namentlich 
wenn er austrocknenden Winden ausgesetzt ist, zu grosse Trocken- 
heit ein. 

In der Regel sind Flächen zwischen 40 — 50 Grad Neigung 
von Erde schon fast entblösst; sie bestehen entweder aus kahlen 
Felsenwänden, deren Spalten nur noch einzelnen Gesträuchen Halt 
gewähren, oder aus Gerolle, zwischen dem noch einzelne Pflanzen- 
arten gedeihen. Sind solche steile Flächen aber mit Waldung, also 
auch mit Erdreich versehen, so hüte man sich, sie zu liebten oder 
gar abzutreiben, denn dann würde die Erde bald abgeschwemmt 
und der Boden ganz unfruchtbar werden ; die Abholzung des Karstes 
bietet uns ein warnendes Beispiel. 



IV. Die EigeüscliafteiL des Bodens. 

Allgemeines. 

Man unterscheidet an jedem Boden zunächst zweierlei, jedoch 
nicht vollkommen scharf von einander zu trennende Gruppen von 
Eigenschaften, nämlich seine physikalischen und seine che- 
mischen Eigenschaften. 

Unter die ersteren zählt man jene, die sich durch äusserlich 
wahrnehmbare Erscheinungen erkennen lassen ; z. B. bedarf es nicht 
erst der chemischen Untersuchung, um zu entscheiden, ob ein Boden 
bindig oder locker sei, sondern es genügt der blosse Anblick; da- 



80 Die physikalischen Eigenschaften des Bodens. 

gegen kann nur eine chemische Untersuchung darüber Aufschluss 
geben, ob er Kali und wie viel, und ob er noch andere Bestand- 
theile enthalte. 

Die physikalischen Eigenschaften beziehen sich demnach auf 
die äusserliche Beschaffenheit, die chemischen auf den inneren Ge- 
halt des Bodens. 



A. Die pkj/sikalischen Eigenschaften. 

Bei der Beurtheilung der äusserlichen Beschaffenheit eines 
Bodens kommt ausser seiner Lage, Untergrund und Mächtigkeit, 
seine Lockerheit, Bindigkeit, Nässe, Kälte etc. zunächst in Frage, 
und ist die Kenntniss dieser Eigenschaften vom grössten Einfluss auf 
die Cultur der Feldfrüchte. Ihre Wichtigkeit ergab sich aus der 
landwirthschaftlichen Praxis und führte im Verlaufe der Zeit zur 
Nothwendigkeit einer rationellen Bearbeitung des Bodens. Der Land- 
wirth schätzt und bestimmt nach jenen Eigenschaften in den meisten 
Fällen den Werth und die Güte des Bodens, ohne sich erst viel 
um die Art oder Menge der in dem Boden vorhandenen Pflanzen- 
nahrungsmittel zu kümmern. 

1. Das absolute und specifische Gewicht des Bodens. 

In den meisten Lehrbüchern der Agriculturchemie findet sich 
das specifische und absolute Gewicht des Bodens als wichtige Eigen- 
schaft hervorgehoben und sehr eingehend behandelt. Thatsächlich 
lassen sich aber weder aus dem einen noch dem andern Gewichte 
Schlüsse auf die Gemengtheile und den Werth des Bodens ziehen; 
es wird hier die Angabe genügen, dass das specifische Gewicht des 
Bodens in der Lockerheit, wie er sich meist im freien Felde findet, 
mit 1,2 und das absolute Gewicht eines österreichischen Cubikfusses 
(0,0316 Cubikmeter) lufttrockener, nicht eingedrückter Erde mit 
75 Zollpfund angenommen werden kann. 

Das wissenschaftlich richtige specifische Gewicht der Erde, 
dieselbe als compacte, unporöse Masse gedacht, ist jedoch ein viel 
höheres. Nach Schöne schwankt es zwischen 2,53 und 2,7L Die 
erstere Dichtigkeit ist die einer humusreichen Erde aus Orenburg, 
die letztere eines Kalkbodens von Jena. Die Dichtigkeit von humus- 
freiem Sand- und Thonboden ist 2,65 — 2,69. Dies stimmt mit dem 
specifischen Gewicht derjenigen Mineralien überein , die die Masse 
der meisten Bodenarten ausmachen. Es ist nämlich das specifische 
Gewicht von 



Quarz 


2,66 




Orthoklas 


2,55 




Oligoklas 


2,65 




Labrador 


2,7 




Glimmer 


2,8- 


3,1 


Augit 


2,9- 


-3,5 



Die Farbe des Bodens. 81 

Hornblende 2,9—3,4 
Kalkspath 2,7 
Dolomit 2,8—2,9 

Thon (1000 getr.) 2,5 
Kaolin 2,2 

Gyps 2,26—2,4. 

Das absolute Gewicht eines österr. Cubikfusses (0,0316 C.-Mtr.) 
wasserfreier Erde, wenn sie ohne Zwischenräume dieses Maass aus- 
füllt, kann man mit 158 Zollpfund annehmen. 

2. Die Farbe des Bodens. 

Die Farbe des Bodens ist bedingt von dessen Bestandtheilen ; so 
rührt von Eisenoxyd eine rothe, von Humusstoffen eine dunkle Färbung 
her u. s. f. Die Farbe ist namentlich von Einfluss auf die Er- 
wärmungsfähigkeit des Bodens und wird bei Besprechung der letz- 
teren näher zu erörtern sein. Im Allgemeinen bleiben braun und 
gelb die zwei Hauptfarben des Bodens, wiewohl sie in den ver- 
schiedensten Schattirungen und üebergängen auftreten. Reines 
Weiss und Schwarz finden sich selten, bei eigentlichem Ackerboden 
nie. Ersterer Farbe stehen die Kaolin-, Kreide- und Plänermergel- 
boden, letzterer der Torfboden am nächsten. Glanz zeigen nur 
wenige Bodenarten und dann nur in nassem Zustande beim scharfen 
Durchschneiden mit dem Pflug, solche Boden sind der Schiefer-, 
Letten-, Basalt- und Thonmergelboden. Eine ziemlich constante und 
daher auch charakteristische Farbe haben 
der Basaltboden — dunkelbraun, 
„ Dolomitboden — dunkelgelblichbraun, 
„ ßothsandsteinboden — rothbraun, 
„ Buntsandsteinboden — röthlichgrau, 
„ Quadersandsteinboden — lichtgraulichgelb, 
„ Schieferlettenboden — blut- oder ziegelroth. 
Der Glimmerschieferboden ist durch das Geflimmer der zahlreich 
beigemengten Glimmerblättchen kenntlich. 

3. Das Gefüge und die Structur des Bodens. 

Unter Gefüge eines Bodens ist die Art und Weise zu ver- 
stehen, wie die einzelnen Bodengemengtheile an einander gelagert 
sind. Immer bleiben jedoch fürs freie Auge ganz unsichtbare 
Zwischenräume, welche die „Porosität" des Bodens bedingen, die, 
wie es sich zeigen wird, in vielfacher Beziehung von grosser Wich- 
tigkeit für denselben ist. Liegen die Bodentheilchen nur lose neben 

V. Gohren, Ackerbauchemie. 6 



82 Das Gefüge und die Structur des Bodens. 

einander, demnach ohne Bindigkeit, so heisst das Gefüge locker 
oder Schutt ig. Haben sie aber einen engeren Zusammenhang 
untereinander, so ist es ein „dichtes" oder „bindiges" Gefüge. 
Die Grade von Lockerheit oder Bindigkeit sind natürlich sehr ver- 
schieden, aber der mittlere Grad von Bindigkeit (Cohärenz) ist der 
für die Cultur geeignetste; denn er gestattet die Ausbreitung der 
Wurzeln, den Zutritt von Luft und Wasser und befördert hierdurch 
auch den Verwesungs-, Keimungs- und Wachsthumsprocess. Im 
Allgemeinen wächst mit der Zunahme der Feinheit der mechanischen 
Structur des Bodens auch der Grad seiner Cohärenz, er steigt mit 
zunehmender Abtrocknung und mindert sich mit grösserem Wasser- 
gehalte. 

Auf die Verringerung einer zu starken Bindigkeit wirken u. A. 
auch der Frost, denn durch das Gefrieren des im Boden befind- 
lichen Wassers dehnen sich die compacten Schollen aus, sie werden 
lockerer, und es erklärt sich hieraus der günstige Einfluss, den das 
Ueberwintern schwerer Thonboden nach dem Umbrechen in rauhe 
Furchen ausübt. Zusatz von Moorerde und Humus mindern die 
Bindigkeit eines Bodens bedeutend herab. Ebenso üben gewisse 
Salze auf die Lockerheit des Bodens einen Einfluss aus, vor allem 
der zweifach kohlensaure Kalk. Das Kalken und Mergeln des 
Bodens bietet demnach ausser den anderen bekannten Vortheilen 
auch den, die zur „Coagulirung des Thons" (Schlösing) unent- 
behrliche Bildung einer Lösung von doppeltkohlensaurem Kalk zu 
veranlassen. Durch die noch nicht erklärte „ Coagulation des Thones " 
wird das Zusammenschlämmen des Bodens verhindert. Den direc- 
testen Einfluss auf die richtige Mitte der Consistenz aber nimmt 
die rationelle Behandlungsweise, denn vorzüglich durch fleissiges 
und aufmerksames Bearbeiten kann jedem zu bindigen Boden die 
gehörige Lockerung verliehen werden, wenn auch dabei anfänglich 
viel Zugkraft nöthig ist. 

Von der grösseren oder geringeren Consistenz eines Bodens, 
ferner von seinem Vermögen an den Ackerwerkzeugen mehr oder 
weniger stark zu haften (Adhäsion'), ist zunächst seine Bearbei- 
tungsfähigkeit, d. h. das Vermögen, den Ackerwerkzeugen 
einen grösseren oder geringeren Widerstand entgegenzusetzen, be- 
dingt. Um diese Bearbeitungsfähigkeit genauer zu ermitteln, bedient 
man sich verschiedener Kraftmesser, allein alle solche Versuche 
können nur sehr bedingt annähernde Resultate liefern. 

1) Von den Bodenbestandtheilen hat der Sand die kleinste, Thon die 
grösste Adhäsion, die Mitte hält Humus, u. z. ist die Adhäsion an Eisen (po- 
lirtem) immer bedeutend geringer als an Holz ; demnach verlangen auch eiserne 
Agriculturwerkzeuge weniger Zugkraft als hölzerne. 



Das Gefüge und die Structur des Bodens. 83 

Der Praktiker beurtheilt die Bindigkeit des Bodens aus dessen 
Verhalten bei der Bearbeitung und drückt die verschiedenen Grade 
durch besondere Benennungen aus : „Schwer" nennt er den Boden, 
der den Ackerwerkzeugen den stärksten Widerstand entgegensetzt, 
sich nur äusserst mühsam bearbeiten lässt und dabei grosse Schollen 
liefert; in diesem Sinne sind der Thon-, Marsch-, See- und Fluss- 
marsch- und Lehm-Boden mit sehr feinem Saudkorn, „schwere" 
Boden. 

Noch schwieriger zu bearbeiten ist der „strenge" Boden, den 
der Praktiker auch wohl „zähe" oder „widerspenstig" nennt; er 
erweicht durch Wasser und setzt im trockenen Zustande den Acker- 
werkzeugen den grössten Widerstand entgegen. Gewöhnlich sind 
es sehr humusarme Thon- und Lettenboden, die zu den „strengen" 
zählen. 

„Leicht", „schüttig", „lose" nennt der Praktiker jenen 
Boden, der die entgegengesetzten Eigenschaften vom schweren und 
strengen Boden hat. Solcher Boden lässt sich leicht bearbeiten, 
klebt selbst im nassen Zustande nicht an die Ackerwerkzeuge und 
zerkrümelt vollständig, ohne Schollen zu bilden. Hierzu muss der 
Sandboden in seinen verschiedeneu Modificationen gerechnet werden. 

„Locker" heisst in der Praxis jener Boden, der sich zwar 
ebenfalls gut bearbeiten lässt, beim Ackern jedoch nicht so zusam- 
menfällt — zusammensackt — wie z. B. der reine Sandboden. Er 
quillt bei der Bearbeitung gleichsam auf, ohne alle Schollenbildung. 
Humusreiche Bodenarten, wie Moorerde, Gartenerde u. dgl. gehören 
zu den „lockeren" Bodenarten. 

„Bindig" („geschlossen") nennt der Landwirth jene Boden- 
arten, die zwar schon einen bedeutenden Zusammenhang besitzen, 
aber doch noch vollkommen zerkrümeln. Im Allgemeinen gehören 
hierher Lehm-, sehr humusreicher Thon-, humusreicher Mergel- und 
Kreideboden. 

Die gute Structur der Ackerkrume wird bedingt im Wesent- 
lichen durch zwei Systeme von Lücken, erstens das System der 
grösseren Lücken zwischen Bröckchen und Krümeln und zweitens 
das System der feinsten Lücken — Poren — in den Bröckchen 
und Krümeln selbst. Eine Ackerkrume von guter Structur wird 
bis zum Untergrund durch ein System von Räumen durchsetzt, in 
welchen sich die Spitzen der Wurzeln ohne Schwierigkeit weiter 
entwickeln können und dazu auch die nöthige Luft finden. Bei 
schlechter Structur, dichtem und geschlossenem Gefüge wird die 
Ausbreitung der Wurzeln nur eine kümmerliche sein können. Ganz 
gleichmässig wird übrigens die Structur nie sein, immer werden hier 
und da grössere Brocken zwischen kleineren vorkommen ; gewinnen 



84 Das Gefüge und die Structur des Bodens. 

die grösseren das Uebergewicht, so ist der Boden grobbrockig be- 
arbeitet und seine Structur eine fehlerhafte ; wird der Boden so be- 
arbeitet, dass die Erde mehr oder weniger eine staubförmige Masse 
bildet, so ist dies noch weit schlimmer. Der Hauptfeind einer durch 
rationelle Bearbeitung und Düngung hergestellten guten Structur ist 
der Regen, ganz besonders der starke Regen, weil er den Boden 
aufweicht, die feinen Erdtheilchen zusammenschlämmt und die Acker- 
krume verdichtet und schliesst. Im Allgemeinen kann man anneh- 
men, dass letzteres um so leichter der Fall ist, je feinkörniger und 
namentlich je reicher an Staubstand und Kieselmehl und je ärmer 
an gröberem Sand, Grus und Humus ein Boden ist. In trockenen 
Jahren erhält sich daher die Lockerung der Ackerkrume oft auch 
ausgezeichnet, während bei viel Nässe oft die Regen eines Früh- 
jahres oder Sommers genügen, die Structur der Ackerkrume bis 
zum Untergrunde wieder zu verdichten. 

Die gute Structur wird ferner um so haltbarer sein, je grösser 
die Tiefe der Ackerkrume ist; denn ist der Regen nicht gar zu 
massenhaft, so wird sich das Wasser rasch nach unten bewegen, 
ohne die Erde zu übersättigen und aufzuweichen, ist er aber massen- 
haft, so wird eine tiefe Ackerkrume jedenfalls bedeutend mehr Wasser 
fassen können, ehe sie übersättigt wird und aufweicht, als eine 
seichte. Darin liegt einer der wesentlichsten Vortheile der Tief- 
cultur. Dieselbe ist daher auch um so nöthiger, je feinkörniger 
der Boden ist, je leicher sich derselbe verdichtet und je undurch- 
lässiger der Untergrund ist, um die Haltbarkeit der Structur einiger- 
massen zu ermöglichen. Einen ausserordentlichen Einfluss auf die 
Erhaltung und Herstellung einer guten Structur haben ferner: die 
Bedeckung des Bodens durch Pflanzen, indem letztere die Macht 
des Regens abschwächen und theilweise verhindern, die Ernterück- 
stände, endlich die Mistdüngung. Pflanzen, welche stärkere Wurzeln 
in die unteren Schichten der Ackerkrume hinabsenden und hier 
stärkere Wurzelfasern entwickeln, wie Raps, Hülsenfrüchte, hinter- 
lassen in diesen Schichten nach der Verwesung der Wurzeln zahl- 
reiche Gänge, in welchen die Wurzeln der nachfolgenden Saat sich 
leicht verbreiten können und durch welche auch eine bessere Durch- 
lüftung stattfindet, es ist dies um so bedeutsamer, als abgesehen von 
der Krustenbildung an der Oberfläche die tieferen Schichten sich 
am raschesten und leichtesten verdichten. In ähnlicher Weise wie 
die Pflanzenreste wirkt eine Strohmistdüngung. 

Bezüglich der rechtzeitigen Bodenbearbeitung zur Herstellung 
einer guten Structur ist in erster Linie das Feuchtigkeitsverhältniss 
des betrefl'enden Bodens zu beachten. Für jeden Boden giebt es 
einen bestimmten Grad der Feuchte, in welchem er sich mit der 



Das Verhalten des Bodens gegen Wasser. 85 

geringsten Anstrengung und am vollständigsten krümelt und lockert. 
Haberlandt empfiehlt Bestimmung des Wassergehaltes des Bodens 
vorzunehmen, um den richtigen Zeitpunkt der Bearbeitung zu nor- 
miren. 

4. Das Verhalten des Bodens gegen Wasser. 

a. Die Wassercapacität („ wasserhaltende Kraft ", capillare 

Sättigungscapacität). 

Die Wassercapacität eines Bodens ist sein Vermögen, eine be- 
stimmte Menge Wasser in sich aufzunehmen, ohne es tropfenweise 
von sich abzugeben. Sie ist abhängig von dem Volumen der im 
Boden vorhandenen Hohlräume, die mit Wasser gefüllt werden 
können. Je nachdem man alle Hohlräume sich mit Wasser erfüllen 
lässt, wie das z. B. der Fall ist, wenn man das Wasser oben auf- 
giesst, oder nur die capillaren Hohlräume, wie es der Fall ist, wenn 
man das Wasser capillar von unten aufsteigen lässt, unterscheidet 
man die volle oder grösste Capacität und die absolute 
oder kleinste Capacität. Zieht man das absolute Gewicht der 
Erde zugleich mit der absoluten Wassercapacität von dem Gewichte 
der Volumeinheit der nassen Erde ab, so erhält man eine Zahl, 
welche die Cubikcentimeter Luft angiebt, die in der Volumein- 
heit Boden im Minimum nach einer vollkommenen Anfeuchtung noch 
vorhanden sind und die Mayer die kleinste Luft capacität 
zu nennen vorschlägt. Die volle Capacität lässt sich berechnen 
oder empirisch bestimmen. Die Berechnung geschieht einfach nach 
der Formel 

C = G^ — G _ _G 
G' ~ G^ 

in welcher Formel C die Wassercapacität, G das scheinbare speci- 
fische Gewicht des Bodens, G' das wirkliche der Bodenelemente 
bedeutet. Der gefundene mathematische Ausdruck mit 100 mul- 
tiplicirt giebt die Wassercapacität in Procenten, Die berechneten 
und empirisch bestimmten Zahlen werden aber selten stimmen, eines- 
theils wegen der Fehlerquellen, welche an den empirischen Be- 
stimmungsmethoden selbst hängen und dann weil einzelne Erdtheile, 
z. B. Humus, selbst quellungsfähig sind. 

Aus den über die Wassercapacität der verschiedenen Boden- 
arten vorliegenden Untersuchungen ergiebt sich, dass dieselbe zu- 
nächst von der Menge der Feinerde abhängt, aber nicht in dem- 
selben Verhältnisse wächst, wie die Zunahme der letzteren. Je 
mehr Humus im Boden, desto grösser ist die Sättigungscapacität. 



86 Die Wassercapacität. 

Thon fördert die wasserfassende Kraft mehr als feinster Sandstaub, 
rauhe und eckige Körner sind günstiger als glatte und runde. Die 
chemischen Eigenschaften scheinen keinen Einfluss zu haben, die 
chemischen Bestandtheile wirken nur durch die Art ihrer Vertheilung. 
Wärme vermindert die wasserhaltende Kraft. Haberlandt fand, 
dass von kochendem Wasser um 6,9 Proc. weniger aufgenommen 
wurden als von solchem, das 15^0. zeigte. 

Einen bedeutenden Einfluss übt die lockere oder dichtere La- 
gerung der Erde auf ihre Wassercapacität aus. Eine Ackerde, die 
locker eingefüllt 59 Proc. Wasser aufnahm, fasste, wie Haber- 
landt berichtet, eingerüttelt 45,8 Proc. und eingestampft 37,9 Proc. ; 
je lockerer also die Erde, desto grösser die Wasseraufnahme, je 
fester, desto geringer. 

Einige Zahlen über die Wassercapacität verschiedener Boden- 
arten mögen noch Platz finden. 
Nach Meister fasst 

Sandboden (82 Proc. Sand) 45,4 Proc. Vol. Wasser, 
Quarzsandboden .... 46,4 „ „ „ 

Kreideboden 49, 5„ „ „ 

Thonboden 50,0 „ „ „ 

Gypsboden 52,4 „ „ „ 

Kalkboden 54,9 „ „ „ 

Lehmboden 60,1 „ „ „ 

Torfboden 63,7 „ 

Sandboden (64 Proc. Sand) 65,2 „ „ „ 

Gartenerde 69,0 „ „ „ 

Humusboden') 70,3 „ „ „ 

Liebe nberg untersuchte eine grosse Anzahl Boden auf ihre 
Wassercapacität. Einige seiner Resultate sind nachstehende : 

Berechnet Durch Aufgiessen Durch Aufsaugen 

1. 2. 1. 2. 

Grober Diluvialsand . . . 21,8 18 16,12 19 12,43 

Mittelfeiner Tertiär-Sand . 23,6 22 24,25 22 19,81 

Feiner Tertiär-Sand . . . 32,1 31,5 34,9 33 31,55 

Feiner Diluvialsand . . . 25,6 21,5 25,5 23 21,24 

Grober Tertiärsand ... 18,6 12 13,2 16 13,64 

Porphyr -Verwitterungsboden 36,0 29,5 31,12 27 25,95 

Diluviallehm ..... 33,4 27 29,82 25 23,95 

Diluvialmergel 33,4 26 27,45 24 25,85 

Porphyr-Conglomerat . . . 37,1 30,5 31,60 32 26,98 



1) Haberlandt fand für Moorerde je nach dem Grad ihrer Feinheit und 
Lockerheit eine Wassercapacität von 132,7 Proc. bis 221,6 Proc. 



Die "Wassercapacität. 87 

Berechnet Durch Aufgiessen Durch Aufsaugen 
1. 2. 1. 2. 

Granitboden 56,5 43,5 45,8 43 39,69 

Lössmergel 37,6 36 33,6 36 30,97 

Lösslelim 38 38 36,5 36 33,2 

Muschelkalk 42 35 36,5 35 32,2 

Basaltboden 56,1 43 44,57 43 39,02 

Humoser Lösslelim . . . 43,9 33 40,5 38 37,11 

Röthboden 38,5 36 37,55 36 32^04 

Melmmergel 40,8 30 32 ■ 32 29,41 

Auelehm (Untergrund) . . 48,4 37 36,85 33 31,91 

Melmlehm 40,9 36,5 36,9 35 31,09 

Auelehm (Krume) .... 44,8 34,5 40,12 39 26,17 

Tertiär-Thon 48 50 — 49 — 

Sandmoorboden 65,9 61 58,26 58 59,69 

Die volle oder grösste Wassercapacität hat für die Praxis 
weniger Bedeutung, da die Ackererden selten voll mit Wasser ge- 
tränkt sind. Freilich steht mit ihr das Erweichen eines Bodens 
im Zusammenhange. Ist nämlich die wasserfassende Kraft eine sehr 
bedeutende, so wird der Boden durch das Wasser, welches er ein- 
gesogen hat, gleichsam auseinandergetrieben, indem die Bodeutheil- 
chen nachgeben. Hierdurch erweicht der Boden je nach seiner 
Beschaffenheit in kürzerer oder längerer Zeit. Dem Thon- und 
Letten-, weniger dem Lehmboden, ist dieses Erweichen eigenthüm- 
lich. Es kann dieses Erweichen oder Zergehen eines Bodens da- 
durch nützlich werden, dass die Verdunstung des überschüssigen 
Wassers befördert wird und die Luft mehr Zutritt zum Boden er- 
hält; nachtheilig hingegen dadurch, dass die Wurzeln der Pflanzen 
blossgelegt werden können, was oft das „ Auswintern der Saat " zur 
Folge hat. 

Mayer hat die absolute Wassercapacität mehrerer 
Körper bestimmt und sie mit deren vollen Capacität verglichen. Es 
ergab sich für eine Korngrösse von 0,3 — 0,9 Mm. 
"Wassercapacität. Quarz. Thonstein. Holz. Kalkspath. 

voll 49,0 Proc. 46,8 Proc. 76,4 Proc. 39,2 Proc. 

absolut 13,7 „ 24,5 „ 45,6 „ 11,7 „ 

Die absolute Capacität ist also sehr beträchtlich kleiner, als 
die volle; ferner fand Mayer, dass die erstere bei verschieden 
feinen und verschieden porösen Bodentheilchen ausserordentlich ver- 
schieden ist. Einzig die weitere Zertrümmerung des Quarzes ver- 
mag ihm die sechsfache absolute Wassercapacität (Korngrösse 0,9 
bis 27 Mm. 7,0 Proc. — Korngrösse unter 0,3 Mm. 44,6 Proc.) 
zu verschaffen. 



88 Die capillare "Wasserleitung. 

Jedenfalls entsprechen die Zahlen für die absoluten Wasser- 
capacitäten den praktischen Erfahrungen der Landwirthe über die 
Beschaffenheit der einzelnen Bodenarten besser als die für die volle 
Wassercapacität. 

Eine grosse Wassercapacität des Bodens kann günstig und uach- 
theilig sein. Für wärmere Gegenden mit einer geringeren mittleren 
Regenmenge sind Bodenarten mit einer grösseren wasserfassenden 
Kraft günstiger, während dagegen Bodenarten mit geringerer wasser- 
fassenden Kraft für Gegenden mit grösseren Regenmengen vortheil- 
hafter sind. Im Allgemeinen eignen sich Bodenarten mit geringer 
wasserfassender Kraft am besten für Nadelholzwälder und Reben. 
Die bedeutendste wasserfassende Kraft des Bodens vertragen Wiesen. 

b. Die capillare Wasserleitung („ wasseraufsaugende Kraft "). 

Die Fähigkeit des Bodens in den capillaren Hohlräumen Wasser 
aus den tieferen Schichten in die höheren zu führen ist bisher viel- 
fach überschätzt worden. Sie wird überhaupt nur da zur Geltung 
kommen können, wo durch irgend eine äussere Ursache eine Ver- 
ßchiedenheit in dem Wassergehalt der einzelnen Bodenschichten ein- 
tritt, und zwar wird in den meisten Fällen der Anlass von oben, 
sei es durch Regen, sei es durch Austrocknen, kommen. Von unten 
wird ein Austrocknen wohl nie, ein Durchfeuchten im Ganzen sel- 
tener stattfinden. Liebenberg, welcher die Capillarität verschie- 
dener Bodenarten studirte, gelangte zu folgenden Schlussfolgerungen : 
Capillarität findet nur in den kleinen Hohlräumen, nicht in den 
grösseren statt. Sie ist hervorgerufen durch Zusammenwirken des 
Aufsteigens des Wassers in gefüllten Hohlräumen und der Fortbe- 
wegung desselben durch Flächenattraction in Verbindung mit der 
an den Berührungspunkten wirkenden Capillarität und zwar nimmt 
je höher die Steighöhe der Antheil der ersten Art der Bewegung 
ab und der der zweiten zu. Je mehr Feinerde, besonders je mehr 
Thon und Humus im Boden vorhanden ist, um so höher steigt das 
Wasser, freilich wird die Aufsteigung durch letztgenannte Substanzen 
verlangsamt, durch Sand beschleunigt; überhaupt steigt im Allge- 
meinen das Wasser in einem Boden um so weniger hoch, je schneller 
es im Anfang aufgesogen wird. Die Vertheiluug der Feuchtigkeit 
in der vom Wasser durchsetzten Schichte ist eine abnehmende von 
unten nach oben, und zwar ist die Abnahme um so rapider, je mehr 
Sand, um so allmäliger, je mehr Thon und Humus im Boden vor- 
handen ist. In einer schon theilweise mit aufgesogenem Wasser 
gefüllten Bodenschichte kann das Wasser noch höher steigen, wenn 
auch keines mehr von unten zugeführt wird. Hat das Wasser ver- 



Die capillare "Wasserleitung. 



89 



schiedene Bodenschichten zu durchsetzen, so ändert sich die Steig- 
höhe und zwar entziehen feinerdigere Boden den gröberen viel 
leichter Wasser als umgekehrt; dabei hängt die Feuchtigkeit in den 
einzelnen Schichten ab von der Verschiedenheit der auf einander 
folgenden Boden und von der Entfernung der üebergangsstelle vom 
Wasserniveau. 

Was das Eindringen der Feuchtigkeit von oben nach unten 
betrifft, so ist die Tiefe desselben bedingt durch den Feinerdegehalt 
des Bodens und deren Zusammensetzung, demgemäss auch von der 
Wassercapacität. Je grösser die Wassercapacität, je mehr Thon 
und Humus vorhanden ist, desto weniger tief und desto langsamer 
dringt das Wasser ein, die Feuchtigkeit ist in diesem Falle, wenn die 
Verdunstung von den oberen Schichten gehindert ist, eine von oben 
nach unten abnehmende und um so schneller abnehmende, je mehr 
Sand und je weniger Thon und Humus im Boden vorhanden ist. 

Haberlandt gelangte zu analogen Resultaten. Er erhielt 
folgende Zahlen: 





Grobe Erde. 


Mittelfeine Erde. 


Feine 


Erde. 


Zeitpunkt 












4 Cent. 


•2 Cent. 


4 Cent. 2 Cent, 


4 Cent. 


2 Cent. 


der 


■weites 


weites 


weites weites 


weites 


weites 


Ablesung. 


Glasrohr. 


Glasrohr. 


Glasrohr, j Glasrohr. 


Glasrohr. 


Glasrohr. 






Steighöhe 


des Wassers in Millimetern. 




Nach 0,25 Stunden 


44 


47 


68 


74 


88 


105 


V 0,5 


56 


53 


77 


S2 


IIb 


135 


„ 1,0 


66 


62 


86 


92 


158 


174 


" 3,0 


76 


71 


97 


103 


205 


223 


. 4,0 


90 


83 


111 


117 


266 


279 


„ 8,0 


125 


114 


144 


14S 


403 


409 


V l Tag 


141 


IbO 


159 


153 


456 


453 


2 Tagen 


157 


146 


177 


177 


50S 


506 


V 3 „ 


162 


150 


181 


181 


522 


524 


" 6 „ 


172 


159 


190 


188 


550 


543 


» 12 „ 


188 


172 


207 


209 


593 


5S0 


» 18 „ 


202 


184 


226 


226 


619 


606 


„ 24 „ 


217 


193 


240 


240 


639 


628 


» 32 „ 


224 


200 


253 


252 


659 


652 


„ 53 „ 


^45 


225 


285 


283 


720 


720 


» 84 „ 


272 


250 


318 


312 


792 


S17 


„ 143 „ 


310 


280 


365 i 355 


S95 


950 


„ 203 „ 


325 


300 


387 


376 


940 


1000 



Aus diesen Zahlen ist zu ersehen, wie wenig die capillare 
Wasserhebung im Boden für die Versorgung der Pflanzenwurzeln 
mit Wasser in Betracht kommt, wenn deren Verbreitungsgebiet noch 



90 Die Durchlässigkeit. 

um ein Beträchtliches über dem Spiegel des Grundwassers liegt. 
In manchen Fällen freilich kann die Capillarität wieder grossen 
Vortheil gewähren. Ueberall, wo lockere Erde auf nassem Unter- 
gründe auflagert oder mit Grundwasser in Berührung ist, hilft das 
aus letzterem aufsteigende Wasser bei anhaltender Dürre theilweise 
der Trockenheit in den oberen Schichten ab ; so z. B. scheint die 
nogaische Steppe im Gouvernement Taurien in Russland nur dem 
Umstand ihre Fruchtbarkeit zu verdanken, dass die etwa 45 Ctm. 
mächtige, aus trockenem Boden bestehende Ackerkrume ihre Feuch- 
tigkeit aus dem thonigen und feuchten Untergrunde durch Aufsaugen 
des Wassers bezieht; denn der spärliche Regenfall jener Gegend 
würde nicht ausreichen, dem Boden die nöthige Wassermenge zu 
liefern. (Griesebach.) 

c. Die Durchlässigkeit. 

Eine der Capillarität des Bodens entgegengesetzte Eigenschaft 
ist die Durchlässigkeit des Bodens (das Wasser durch- 
lassende Vermögen). Sie bezeichnet, wie schon der Name angiebt, 
die Fähigkeit des Bodens, Wasser mehr oder weniger leicht durch- 
sickern zu lassen, und man unterscheidet in dieser Beziehung 
zwischen leicht durchlässigem (Sandboden), durchlässigem 
(Lehmboden, Mergelboden), schwer durchlässigem (Moorboden, 
Thonboden) und undurchlässigem Boden (Thon). 

Die Durchlässigkeit ist eine um so geringere, je mehr Feinerde 
und je mehr Thon und Humus im Boden vorhanden ist, ausgenom- 
men den Melm und Löss, bei dem der Quarzstaub die Rolle des 
Thones übernimmt. Die Ursache, wie es kommt, dass der Thon 
sich über seine Wassercapacität hinaus mit Wasser zu sättigen ver- 
mag, ist noch nicht erklärt, Mayer vermuthet, dass sogar chemische 
Kräfte mit im Spiele seien, worauf auch die praktisch wichtige That- 
sache hindeute, dass ein Zusatz von wenig Kalk häufig die Undurch- 
lässigkeit sehr auffallend vermindere. Uebrigens lässt sich durch 
Bodenmischung und Bearbeitung die Durchlässigkeit nicht unwesent- 
lich modificiren. Den Bodenarten mit undurchlässigem Untergrund 
stehen bezüglich der Rückwirkung auf die Vegetation jene gleich, 
in deren Krume das Niveau des Grundwassers fällt. 

d. Das Austrocknungs-Ver mögen. 

In naher Beziehung mit der wasserfassenden Kraft und der 
Capillarität steht das Vermögen der Erde, das aufgenommene Wasser 
längere oder kürzere Zeit vor der Ausdunstung zurückzuhalten. 



Das Austrocknungs-Vermögen. 91 

lieber die Versuche, welche hierüber mit den Hauptbestand- 
theilen des Bodens unternommen wurden, sei nur erwähnt, dass 
Quarzsand binnen einer bestimmten Zeit die grösste Quantität Wasser 
abgab ; Thon , Humus und erdiger Kalk aber das Wasser länger 
zurückhielten. Ueberdies nimmt noch Eintiuss der Wassergehalt 
der Luft, der Wind, die Temperatur und die Grösse der verdunsten- 
den Oberfläche. Eine je grössere Oberfläche wir dem Boden dem- 
nach durch Lockerung geben, desto mehr Wasser wird verdunsten, 
und je geschlossener wir ihn machen, desto weniger. Da beim 
Verdunsten des Wassers immer Wärme dem Boden entzogen wird, 
so muss auch die Temperatur desselben um so niedriger sein, je 
mehr Wasser aus demselben verdunstet, und daraus ergiebt sich 
auch, dass einem warmen Boden , der eine grosse wasserfassende 
Kraft hat, durch die Verdunstung des aufgenommenen Wassers viel 
Wärme entzogen wird. 

Trocknet ein Boden durch Verdunstung des Wassers aus, so 
muss nothwendig eine Volumenveränderung, eine Zusammenziehung 
erfolgen, und wenn auch durch den vermehrten Luftzutritt zum 
Boden eine nützliche Wirkung denkbar ist, so kann unter Umständen 
doch durch Risse im Boden eine Beschädigung der Pflanzenwurzeln 
vorkommen. Bei dem Thone nennt man bekanntlich diese Raum- 
veränderung das „Schwinden", welches jedoch durch Sand- oder 
Kalkzusatz verringert wird. Viel bedeutender als der Thon schwindet 
der Humus beim Austrocknen und dehnt sich beim Nasswerden 
wieder aus; ohne Zweifel tragen diese oftmaligen Ausdehnungen 
viel zur Auflockerung des Bodens bei. Zur Bestimmung des 
Verhaltens der Erde beim Austrocknen reicht es für die Praxis 
vollkommen aus , wenn man etwas durchgenässte Erde unter mög- 
lichst gleichen Verhältnissen, wie auf dem Felde, dem sie entnom- 
men ist, austrocknen lässt und das Verhalten beim Austrocknen 
beobachtet. 

Der Praktiker nennt den Boden „nass", wenn das Regenwasser 
lange im Boden bleibt, ohne zu verdunsten. Wird ein solcher Boden 
mit der Hand zusammengedrückt, so tropft Wasser ab. Ist der 
Boden in Folge eines undurchlässigen Untergrundes oder sich an- 
sammelnden Quellen wassers nass, so bezeichnet man ihn als „nass- 
g allig" und „quellig". Nasser Boden findet sich meist nur bei 
Thonboden in Niederungen oder im Gebirge bei undurchlässigem 
Untergrunde. Enthält der Boden stehendes Wasser, so heisst er 
sumpfig oder wassersüchtig. 

Dürre ist dem Praktiker ein Boden, der das Regenwasser 
gar nicht zurückhält und schnell austrocknet, wie es bei reinem 
Sandboden ohne Humus und mit durchlässigem Untergrund der Fall 



92 Das Condensations-Vermögen. 

ist. Zwischen nass und dürre unterscheidet er noch einen „feuch- 
ten" und „trockenen" Boden. 

Auf die Feuchtigkeitsverhältnisse eines Bodens übt die Pflanzen- 
decke grossen Einfluss. Ein mit Pflanzen bestandener und beschat- 
teter Boden zeigt mit Ausschluss einer oberen sehr dünnen Schichte 
einen geringeren Wassergehalt als ein gleicher, aber unbedeckter 
Boden. Es erklärt sich dieser Umstand aus der sehr starken Wasser- 
verdunstung der Pflanzen. 

e. Das Condensations-Vermögen („ wasseranziehende Kraft ", | 
Hygroskopicität). " 

Lange hat man der Hygroskopicität des Bodens hohe Bedeutung 
zugeschrieben, weil man glaubte, der Regenfall reiche nicht aus 
den Feuchtigkeitsbedarf der Pflanzen zu decken. Es lässt sich auch 
nicht leugnen, dass poröse Körper, wie die Ackerden, ziemlich viel 
Feuchtigkeit aus der Luft anziehen, welche sich gerade so wie die 
capillar aufgenommene verhält und daher auch von den Pflanzen- 
wurzeln verwerthet werden kann. Man muss aber berücksichtigen, 
dass nur trockene Bodenarten ihre ganze hygroskopische Kraft zur 
Aufnahme der Feuchtigkeit anwenden und dass nach den Unter- 
suchungen May er's die Pflanzen dann schon viel zu weit herunter- 
gekommen sind, um von der condensirten Feuchtigkeit Nutzen ziehen 
zu können. „ Es steht damit wie mit einer wohlthätigen Sammlung 
zur Zeit einer Hungersnoth, nachdem dieselbe schon ihre Opfer 
gefordert hat. Was helfen die in Wahrheit vorhandenen wohl- 
thätigen Bestrebungen, wenn sie naturgesetzlich erst post festum 
sich regen?" 

5. Das Verhalten des Bodens gegen Wärme. 



o"-©^ 



a. Die Wärmequellen. 

Die mächtigste Wirkung der Wärme auf den Boden geht von 
der Sonne aus. Wenn auch die innere Erdwärme und verschiedene 
chemische Processe in der Erde, z. B. der Verwesungsprocess, Wärme 
liefern, so bleibt doch immer die Sonne die allein zu berücksichti- 
gende Quelle der Wärme. 

Wichtig für die Erwärmung eines Bodens ist der Grad seiner 
Neigung gegen den Horizont ; denn hierdurch sind die Verschieden- 
heiten des Winkels bedingt, unter dem die Sonnenstrahlen ein- 
fallen , also auch deren verschiedene Wärmeäusserung. Je senk- 
rechter die Strahlen den Boden treffen, mit desto höherer Tempe- 



Die Wärmequellen. 



93 



ratur wirken sie auf den Boden ein, desto mehr muss auch der 
Boden erwärmt werden, denn fallen die Wärmestrahlen schräge auf, 
so vertheilt sich dieselbe Menge Wärme (Wärmestrahlen) auf eine 
grössere Fläche, wie dies beistehende Figur versinnlicht. 




Auf die Fläche xyvw fallen die Sonnenstrahlen senkrecht ein, 
nehmen wir die Fläche vxyw weg, so fallen die Strahlen auf die 
Fläche schräge ein, da sich dieselbe Anzahl Wärmestrahlen in letz- 
terem Falle auf einer grösseren Fläche vertheilt, so muss auch diese 
Fläche weniger erwärmt werden , als erstere ; denn die von den 
Sonnenstrahlen senkrecht getroffene Fläche xyvw ist kleiner als 
die von denselben Sonnenstrahlen schräge getroffene Fläche wvmn. 




94 Die Wärmequellen. 

Unsere Felder in der nördlichen gemässigten Zone können von 
den Sonnenstrahlen in der Regel nur in schiefer Linie und nur 
dann auch senkrecht getroffen werden, wenn die Bodenfläche einer 
gegen Ost, Süd oder West geneigten Abdachung angehört, aus 
Gründen, die sich beim folgenden Abschnitte (die Luft) ergeben 
werden. Steht bei uns die Sonne z, B. 60 ^ über dem Horizont, 
so können die Strahlen senkrecht nur auf eine Fläche c von 30 ^ 
Neigung auffallen, nicht aber auf eine mehr geneigte b oder a, wie 
dies die vorstehende Zeichnung zeigt. Wenn hierdurch und bei 
gegen Süd gelegener Abdachung die Bodenerwärmung am stärksten 
werden muss, so lässt dieselbe bei östlicher und westlicher Ab- 
dachung schon bedeutend nach, weil der Boden da nicht so lange 
von den am intensivsten wirkenden Strahlen getroffen werden kann, 
und ist auf einer nur gegen Nord geneigten Abdachung fast Null. 

Die zweite Quelle der Wärme im Boden sind die in der Erde 
vorgehenden chemischen Processe. Diesbezüglich kommen nur die 
organischen Stoffe in Betracht. Sie liefern Wärme entweder durch 
Oxydation, also durch eigentliche Verbrennung, oder durch Umla- 
gerung der organischen Substanzen ohne Sauerstoffzutritt von aussen, 
nach Analogie der Gährungserscheinungen. Die Bedeutung dieser 
Wärmequelle ist aber eine untergeordnete, denn einmal treten diese 
Processe nicht ein, wenn von Haus aus schon eine höhere Tempe- 
ratur im Boden vorhanden ist, sie reguliren also nicht die Tempe- 
raturverhältnisse, sondern verschärfen nur die Extreme, dann aber 
vertheilt sich die frei werdende Wärme bei der langsamen Zer- 
setzung der organischen Stoffe auf eine so grosse Masse und auf 
eine so lange Zeit, dass von einer erheblichen Temperaturerhöhung 
nicht die Rede sein kann. (Ausnahmen sind Mistbeete, Compost- 
haufen und derartige grössere Anhäufungen sich zersetzender or- 
ganischer Stoffe.) 

Die innere Erdwärme kommt als Quelle für die Bodentemperatur 
wenig in Betracht. (Ausnahmen sind brennende Koblenflötze, über 
welchen zuweilen sehr intensive Culturen betrieben werden können.) 



b. Die Erwärmungsfähigkeit. 

Die Erwärmungsfähigkeit des Bodens ist abhängig von der 
Farbe des Bodens, dessen specifischer Wärme, dem Verbrauch von 
Wärme durch Leistung von Arbeiten in der Ackerkrume und der 
Wärmeleitung. 

Die Farbe des Bodens ist für dessen Wärme-Absorptionsver- 
mögen von hoher Bedeutung. 



Die Er-wärmungsfähigkeit. 95 

Dunkle Körper erwärmen sich leichter als helle ; durch Humus 
oder Basaltsand dunkelfarbig gewordene Boden werden sich dem- 
nach auch mehr erwärmen als hellere Kalkboden, der Unter- 
schied kann hierbei viele Grade betragen. Nach einem Versuche 
erwärmte sich z, B. schwarzgefärbter Sand auf 50^, der weisse 
Quarzsand hingegen nur auf 41 o bei einer Lufttemperatur von 
-j-22 im Schatten. Humboldt fand auf der canarischen Insel 
Graziosa unmittelbar nebeneinander einen weissen und schwarzen 
Sand, der erste zeigte eine Temperatur von 40 o, der letztere von 
54,2 0, Hellfarbige Erden, dem Sonnenlichte noch so lange Zeit 
ausgesetzt, bleiben bei sonst gleichen Umständen stets kühler als 
dunkle Erden. Es erklären sich aus diesem Verhalten auch viele 
Erscheinungen des täglichen Lebens; so sehen wir den mit Russ 
oder mit Kohlenstaub bestreuten Schnee viel rascher schmelzen, 
Obstfrüchte an dunklen Felsenlehnen eher als andere reifen, daher 
man auch Mauern hinter Obstbäumen mit Recht schwarz anzu- 
streichen pflegt. 

Lampadius konnte im kühlsten Sommer in Freiberg (Sachsen) 
Melonen zur Reife bringen, wenn er auf die Oberfläche des Bodens 
eine zollhohe Schicht Kohlenpulver streute. In Belgien und am 
Rhein zeitigt die Traube am besten, wenn der Boden mit Stücken 
eines schwarzen Thonschiefers bedeckt ist. Gir ardin fand in 
einer Reihe von Versuchen über die Kartoffelcultur, dass die Zeit 
des Reifwerdens je nach der Farbe des Bodens 8 bis 14 Tage 
schwankte. So Hessen sich noch zahlreiche Beispiele anführen, die 
den Einfluss der Farbe auf die Erwärmungsfähigkeit des Bodens 
beweisen. 

e m 1 e r fand folgende Zahlen : 

Benennung der Erden. Beobachteter Grad. Procent. Verhalten 

unter einander. 

Moorerde 24,4 « R. 100,0 

Humus 23,2 o R. 95,3 

Sandiger Humus 22,7 o R. 93,2 

Durch Eisenoxyd dunkelbraun 

gefärbter Boden .... 22,6 » R. 92,9 

Humoser Lehmboden . . . 22,1 o R. 90,6 

Humoser Thonboden . . . . 21,4 o R. 87,7 

Reiner Lehm 21,0 o R. 86,1 

Reiner Thon 20,,0 o R. 82,0 

Feiner Sand 20,7 « R. 85,0 

Grober Sand 20,5 o R. 84,0 

Blaueisenerde 20,7 o R. - 84,8 

Wiesenkalk 19,0 o R. 77,9 



96 



Die Erwärmungsfähigkeit. 



Je geringer die speci fische Wärme ist, um so leichter er- 
wärmen sich die Boden. Da die specifische Wärme der Bodenarten 
schwankt zwischen 0,20 bis 0,25 und die des Wassers = 1, also 
4 bis 5 mal so gross ist, so wird die Wärmecapacität eines Bodens 
wesentlich von dessen Feuchtigkeitsverhältnissen bedingt sein, ja 
letztere werden sogar noch maassgebender sein als die Farbe. Ein 
nasser dunkler Boden erwärmt sich in der Sonne nicht so rasch als 
ein trockener heller, obschon er grössere Wärmemengen absorbirt. 

Bestimmungen über die specifische Wärme der Bodenarten 
wurden von Pfaundler, Platter, Oemler, Liebenberg, 
u. A. gemacht. 

Platter fand unter Anderem, dass für die Gegend von Innsbruck 
alle Boden mit einer geringeren Wärmecapacität als 0,22 unfrucht- 
bar sind. 

K n p fühi't folgende Zahlen für die specifischen Wärmen der 
an der Erdoberfläche verbreitetsten Mineralkörper an : 

Die spec. Wärme von: Für gleiches Gewicht. Für gleiches Volumen. 



Wasser 

Schwefelsaurem Kalk . . 
der Kalkerde 



Carbonat 

Kieselsäure 
in sauren 
Silicaten 

In basischen 

Silicaten 



. der Talkerde 
Kieselsäure . 
Kalifeldspath 
Natronfeldspath 
Labrador . 
Diopsid . . 
Basalt, Augit 
Tremolit . . 

. Strahlstein 



1,0000 
0,2046 
0.2176 
0,2728 
0,1894 
0,1861 
0,1967 
0,1926 
0,1906 
0,1938 
0,2070 
0,2046 



1,0000 
0,5555 
0,6356 
0,6302 
0,5025 
0,4760 
0,5124 
0,5296 
0,6252 
0,6589 
0,6405 
0,6547 



Liebenberg erhielt für die spec. Wärme der von ihm unter- 
suchten Bodenarten folgende Zahlen: 

Boden bei 100" getrocknet Für Gewicht. 



Grober Tertiärsand 
Feiner Tertiärsand 
Grober Diluvialsand 
Feiner Diluvialsand 
Kalksand 
Diluviallehm 
Diluvialmergel 
Lösslehm 
Lössmergel . 
Humoser Lösslehm 



0,268 
0,275 
0,191 
0,160 
0,188 
0,220 
0,249 
0,259 
0,284 
0,310 



Für Volumen. 
0,464 
0,454 
0,344 
0,266 
0,218 
0,315 
0,349 
0,321 
0,389 
0,359 



Die Erwärmungsfäliigkeit. . 97 



en bei 100° getrocknet. 


Für Ge-^vicht. 


Für Volumen. 


Auelehm . . . 


0,299 


0,3S3 


Porphyr- Verwitterung 


0,209 


0,291 


Granitboden . . 


0,380 


0,437 


Basaltboden . . 


0,301 


0,346 


Muschelkalkboden , 


0,339 


0,434 


Sandmoorboden 


0,261 


0^303 


Haideerde . . . 


0,310 


0,136 


Eiseumoorboden » 


0,122 


0,081 


Tertiärthon . . . 


0,161 


0,192 



Der Wärme verbrauch zur Arbeitsleistung im Boden 
bezieht sich vornehmlich auf die durch Verdunstung des Wassers 
latent werdende Wärme. 

Der Einfluss, den die Feuchtigkeit eines Bodens auf dessen Er- 
wärmungsfähigkeit übt, regulirt auch zugleich letztere ; je mehr ver- 
dunstbares Wasser im Boden enthalteu ist, desto schwerer wird er 
sich erwärmen. Wie nach dem Baden das Wasser am menschlichen 
Körper, wenn man ihn nicht gleich abtrocknet, schnell verdunstet 
und dadurch dem Körper Wärme entzieht, so dass man selbst im 
Sommer vor Kälte zu zittern beginnt ; eben so kühlt auch das Wasser, 
wenn es verdunstet, den Boden ab, indem es, um aus der flüssigen 
in die Dampfform übergehen zu können, Wärme nöthig hat, die es 
dem Boden entzieht und dadurch dessen Temperatur erniedrigt ; diese 
Verdunstung entzieht ihm um so mehr Wärme, je niedriger die 
Temperatur des vorhandenen Wassers ist, dem zu Folge in kälteren 
Jahreszeiten und Klimaten auch mehr Wärme gebunden werden 
muss. Es kann also die Temperatur eines Bodens, der viel Wasser 
enthält, um mehrere Grade niedriger werden als jene der ihn um- 
gebenden Luft ; solcher Boden erwärmt sich daher schlecht und man 
nennt ihn kalten Boden.') 

Wie bedeutend der Einfluss des Wassergehaltes auf die Tem- 
peratur des Bodens ist, erhellt aus den von Parkes beobachteten 
Temperaturen von drainirtem und nicht drainirtem Boden. In dem 
nicht drainirten Theile eines Torfmoores zeigte das Thermometer 
bei 12 — 30 Zoll Tiefe das ganze Jahr hindurch -f- 6,25 o, in dem 
drainirten Theile hingegen bei 30 Zoll Tiefe zwischen -|-6,24 
und -^-7 0, bei 25 Zoll zwischen + 6,7 o und 8°, bei 19 Zoll zwischen 

1) Nach den Beobachtungen von Dickensons, die durch S Jahre fort- 
gesetzt wurden, verdampften von dem Z'wischen I.April und 14. October gefalle- 
nen Wasser von der Oberfläche des Bodens 90 Proc. und nur 10 Proc. fanden 
ihren Weg in die 3 — 4 Fuss tief gelegten Drains. Die gesamnite Wassermenge, 
die während dieser Zeit fiel, betrug ungefähr 290{)000 Pfund pr. Acre (0.405 
Hectare) ; von diesen verdunsteten mehr als 2600000 Pfd. Um diese Wasser- 
masse zu verdampfen, würden 1.500 Ctr. Kohlen verbraucht werden müssen. 
V. Gohren, Ackerbaucheraie. T 



98 Die Wärmeleitung im Boden. 

+ 7,3 und + 9 o, bei 13 Zoll zwischen + 8 o und + 11,5 » und 
bei 7 Zoll sogar + 9 o bis + 1 5 o. 

Das Wasser wirkt also auf die Bodentemperatur einmal dadurch 
ungünstig, dass es eine grössere specifische Wärme besitzt und dann 
dadurch, dass durch seine Verdunstung grosse Mengen Wärme ge- 
bunden und entführt werden. 

Die Wärme kann im Boden und in der Atmosphäre weiter 
geleitet werden. 

Die von der Sonne dem Boden mitgetheilte Wärme pflanzt sich 
im Innern des Bodens bis zu einer Tiefe fort, wo die Temperatur 
in allen Jahreszeiten eine unverändert gleiche bleibt. Diese Tiefe 
liegt in unseren Breitegraden zwischen 60 und 70 Fuss, wo die 
Temperatur gleich ist der mittleren Jahreswärme des Ortes. (Siehe 
diese bei der Lufttemperatur.) Von hier an gegen den Mittelpunkt 
der Erde zu findet aber wieder Wärmezunahme statt. In dem Bohr- 
loche zu Neusalzwerk in Westphalen fand man in einer Tiefe von 
2050 Fuss eine Temperatur von 32 o C., wogegen in dem artesi- 
schen Brunnen zu Grenelle, bei 1650 Fuss Tiefe, nur 27,7 ^ C. 
Im Durchschnitt entspricht einem Tiefergehen von 90 — 100 Fuss 
1 C. Man nimmt an, dass diese Temperaturverhältnisse von dem 
feuerflüssigen Kern der Erde bedingt sind. 

Ob eine hohe Wärmeleitungsfähigkeit oder eine niedere für den 
Pflanzenbau im Allgemeinen nützlich ist, lässt sich bei der Complicirt- 
heit der obwaltenden Verhältnisse nicht entscheiden. Littrow und 
Haberlandt kamen bei ihren Untersuchungen der Wärmeleitungs- 
fähigkeit verschiedener Bodenarten etwa zu folgenden Resultaten : 

Die petrographische und chemische Zusammensetzung scheint 
nur insofern von Belang zu sein, als der Gehalt an Kalk und 
Magnesia sich in einer geringeren Wärmeleitungsfähigkeit manifestirt. 
Hoher Gehalt an Eisenverbindungen hat absolut keinen erkennbaren 
Einfluss auf dieselbe gezeigt. Ein Gehalt an organischer Substanz 
verringert sie jedoch entschieden. Wasser leitet die Wärme mehr 
als selbst der bestleitende der untersuchten Böden (im trockenen 
Zustande) und erhöht die Fähigkeit, Wärme zu leiten, schon bei ge- 
ringen Feuchtigkeitsgraden. 

Die meisten Boden leiten die Wärme im feuchten Zustande besser 
als das Wasser, folglich sind die den Boden bildenden Materialien, 
mit Ausnahme von sehr leichtem Humus, bessere Leiter als Wasser. 

Trockene Boden werden sich auf grössere Tiefen langsamer 
erwärmen als feuchte und in gelockertem Zustande hinwiederum 
langsamer, als wenn sie dichter gelagert sind. Beimischung von 
Humus wird die Fähigkeit der Wärmeleitung im geraden Verhältniss 
zu seiner Menge herabstimmen, Mangel an Humus wird sie erhöhen. 



Die "Wärmeleitung im Boden. 99 

Es ist daher unriclitig, Humusboden als warme Boden zu bezeichnen, 
der Einfluss ihrer dunkleren Farbe macht sich nur an ihrer obersten 
Schichte geltend. Je grösser ferner die einzelnen Mineralpartikel- 
chen eines Bodens sind und je dichter diese aneinander schliessen, 
desto mehr nähert er sich hinsichtlich seiner Wärmeleitungsfähigkeit; 
den Gesteinen, welche in dieser Beziehung sämmtliche Bodenarten 
weit übertreffen. Je kleiner die Bodenpartikelchen sind, um so 
mehr Luft schliessen sie zwischen sich ein und in demselben Grade 
nimmt auch das Vermögen, die Wärme zu leiten, ab. 

emier fand (1873) in einem humos- lehmigen Gartenboden 
folgende Temperaturschwankungen : 

Temperatur des Bodens in einer Tiefe von: 
2,6 Cm. 14,42 Cm. 28.84 Cm. 43,26 Cm. 57,68 Cm. 





Januar 


3,7 C. 


4,2 


C. 4,0 


C. 3,5 c. 


3,1 C. 




Felbruar 


0,4 


1,2 


1,3 


1,4 


1,4 




März 


4,0 


3,2 


3,1 


2,7 


2,4 




April 


11,5 


7,6 


6,3 


5,6 


4,8 




Mai 


8,7 


6,2 


5,7 


5,2 


4,9 




Juni 


11,8 


10,0 


9,0 


8,5 


7,5 




Juli 


15,0 


12,9 


12,0 


11,3 


10,9 




August 


16,0 


15,1 


14,7 


14,1 


13,5 




September 


13,5 


12,0 


11,2 


11,2 


11,0 




October 


10,0 


9,5 


9,7 


9,7 


9,3 




November 


8,0 


7,3 


6,2 


6,1 


6,1 




December 


6,5 


6,3 


5,5 


5,3 


5,1 




Maximum 


16,0 


15,1 


14,7 


14,1 


13,5 




Minimum 


0,4 


1,2 


1,3 


1,4 


1,4 



Schwankung 15,6 OC. 13,9 »C. 13,4 0C. 12,7 o C. 12,1 •> C. 
Die Temperaturschwankungen nehmen, wie oben erwähnt, mit 
der Tiefe des Bodens ab. In Brüssel betrugen sie bei einer Tiefe 
von 7,79 Metern nur noch 1,420 C. ') 

Die Abgabe der Bodenwärme an die Atmosphäre, das Wärme- 
ausstrahlungs-Vermögen und die durch dasselbe bedingte 



1) Nach Beobachtungen der beiden Becquerel ergaben sich in Paris im 
Jahre 1875 folgende Boden-Temperaturen: 



Tiefe. 


Winter. 


Frühling. 


Sommer. 


Herbst. 


1 Meter 


6,95° 


7,49° 


13,92° 


14.43° 


6 


12,59 


10,96 


11,34 


12,63 


11 


11,96 


11,78 


11,92 


12,05 


16 „ 


12,01 


11,97 


12,19 


12,23 


21 


12,17 


12,10 


12,13 


12,15 


26 „ 


12,26 


12.40 


12,61 


12,49 


31 


12,33 


12,36 


12,34 


12,37 


36 „ 


12,47 


12.47 


12,47 


12,47 
7* 



100 



Die Wärmeausstrahluiift- des Bodens. 



Abkühlung steht in genauer Relation zu dem Wärme-Absorptions- 
vermögen des Bodens. Zwei Körper von gleichem Absorptions- 
vermögen besitzen auch ein gleiches Ausstrahlungsvermögen, voraus- 
gesetzt, dass die Strahlen von gleicher Temperatur sind. Man 
sollte demgemäss annehmen, dass die durch die Sonne am raschesten 
sich erwärmenden Bodenarten sich auch am raschesten abkühlen. 

In der That verhält sich die Sache aber etwas anders, denn 
die Strahlen der Sonne sind verschiedener Art, es gibt leuchtende 
und Wärmestrahlen. Manche Stoffe, z. B. Kienruss, absorbiren 
Strahlen aller möglichen Temperaturen und emittiren dieselben auch 
vollkommen, andere wieder, z. B. Bleiweiss, verhalten sich passiv 
gegen die leuchtenden Strahlen, absorbiren aber mit grosser Begierde 
Strahlen von 100*^. Schnee scheint sich in dieser Hinsicht ähnlich 
dem Bleiweiss zu verhalten. Eine Erde von analogen Eigenschaften 
würde am Tage die Sonnenstrahlen nur sehr wenig absorbiren. 
Nachts aber eine möglichst hohe Wärmeausstrahlung zeigen, weil 
es sich da nur um dunkle Wärmestrahlen handelt. 

Die meisten Versuche , welche bisher über das Ausstrahlungs- 
vermögen verschiedener Bodenarten angestellt wurden, bezogen sich 
fast lediglich auf die Erkaltungsgeschwindigkeit von in 
Eisen- oder andern Gefässen gefüllten und erwärmten Erden. Dabei 
spielen aber neben dem Ausstrahlungsvermögen, die specifische 
Wärme , das Leitungsvermögen und das specifische Gewicht der 
Erden eine Rolle. Der Vorgang wird dadurch sehr complicirt und 
gestattet keinen Schluss auf das eigentliche Strahlungsvermögen. 
Haberlandt fand für die Abkühlung verschiedener Bodenarten 
folgende Zahleuverhältnisse : 



Bezeichnung der 


Die grösste Abkühlun 


g erfolgte in 


Stunden 


Bodenproben und des 
Thermometerabstandes 


trocken 


feucht 


von der Wärmequelle. 


locker. 


fest gestampft. 


locker. 


fest gestampft. 


Sand 15 Ctm. 


6 


20 


23 


24 


30 „ 


6 


22 


23 


24 


45 


, 


5 


21 


23 


24 


Ackererde 15 


j 


7 


21 


22 


24 


30 


, 


7 


21 


24 


24 


45 


j 


7 


22 


23 


24 


Compos erde 15 
30 


' 


5 

4 


21 
21 


21 
21 


24 
24 


45 


, 


4 


20 


21 


24 


Moorerde 15 


j 


8 


21 


20 


24 


30 


, 


5 


22 


20 


24 


45 


) 


7 


22 


20 


24 



Die Wärmeausstrahlung des Bodens. 101 

Im Allgemeinen gilt, je grösser die Wärmecapacität und das 
Leitungsvermögen bei den Böden ist, um so grösser ist ihr Wärme- 
verlust. Nach Liebenberg's zahlreichen Versuchen zeigten die 
Tertiärsande den grössten, die Haideerde, Eisenmoorboden und der 
Thon den geringsten Verlust. Bei den nicht extremen Bodenarten 
ist der Gehalt an organischer Substanz für die Abkühlung mass- 
gebend, die Farbe hat auf dieselbe keinen Einfluss. 

Exacte Versuche über die Wärmeausstrahlung der Boden- 
arten hat bisher lediglich Liebenberg ^) mit dem bekannten Mel- 
loni' sehen Apparat vorgenommen und dabei das überraschende Re- 
sultat erhalten, dass alle lufttrockenen Bodenarten eine gleiche Aus- 
strahlung besitzen und eine Verschiedenheit sich nur höchstens bei 
Boden, die bei lOO^ getrocknet wurden, geltend macht, Lieben- 
berg erklärt diesen auffallenden Umstand damit, dass er meint, alle 
lufttrockenen Erden seien von einer hygroskopischen Wasserschicht 
umkleidet und daher strahle nicht der Boden die Wärme aus, sondern 
die Wasserhüllen, die ihn überziehen. 

Die Ausstrahlung, resp. die Abkühlung des Bodens wird aber 
wesentlich modificirt durch seine Decke und durch die Beschaffenheit 
der Atmosphäre. In erster Beziehung kommen die Schneedecke 
und die Vegetationsdecke, in letzterer die natürliche oder 
künstliche Wolkenbildung in Betracht. 

Der Schnee ist ein sehr schlechter Wärmeleiter und verhindert 
deshalb die Abkühlung, gleichwie ein dicker Rock die Ausstrahlung 
des Körpers verhindert. Wintersaaten erfrieren deshalb unter einer 
Schneedecke nicht. 

Ein mit Pflanzen bestandener Boden ist im Sommer kühler als 
ein gleicher brachliegender oder nicht bewachsener. Dies erklärt 
sich durch die Beschattung, d. h. durch Abhaltung der directen 
Sonnenbestrahlung, dann durch den grossen Wärmeconsum, welcher 
durch die Transpiration der Pflanzen und die damit zusammen- 
hängende Wasserverdunstung bedingt wird. Im Winter dagegen 
ist ein mit Pflanzen bestandener Boden wärmer, als ein brachliegen- 
der unbedeckter Boden. Becquerel fand (1874 — 1875), dass bei 
Lufttemperaturen zwischen und — 12'^ die Temperatur unter dem 
bewachsenen Boden (Rasen) bis zu einer Tiefe von 0,5 Meter nie- 
mals bis auf ^ sank, während unter dem kahlen Boden bei gleicher 
Tiefe sie bis auf — 5^ sank.^) Es ergiebt sich hieraus die praktische 



1) Liebenberg, Unters, üb. d. Bodenwärme. Habilitationsschr. Halle 1875. 

2) Die Differenz zwischen dem kältesten Monat, Februar, und dem wärm- 
sten, August, betrug in 0,05 M. 0,10 M. 0,20 M. 0,30 M. 0,60 M. 

Im bewachsenen Boden 18,93° 18,60° 18,10° 17,73° 16,38° 
Im nackten Boden . . 19,81 19,41 18,73 18,17 16,66 



102 Der Boden und die Elektricität. 

Regel, dass man, falls Knollen oder andere Produete, welche den 
Frost zu fürchten haben, über Winter in der Erde aufbewahrt wer- 
den sollen oder man Pflanzen bekommen will, deren Wurzeln durch 
den Frost geschädigt werden können, man den Boden mit Rasen 
ansäen muss. 

lieber die Wärmeverhältnisse des Waldbodens gegen- 
über dem unbewaldeten Boden hat Ebermayer') comparative 
Beobachtungen angestellt. Der Temperaturunterschied zwischen bei- 
den ist an ihren Oberflächen am grössten und zwar im Frühjahr 
durchschnittlich 2,55" C; im Sommer 4,02» C; im Herbst 1,55« C. 
Im Winter zeigen beide Boden bis 1,3 Meter Tiefe gleiche Tem- 
peraturen. Die Temperaturdifferenz zwischen Oberfläche und tiefer 
liegenden Schichten ist beim Waldboden geringer als bei unbewal- 
detem Boden, ebenso die täglichen Temperaturschwankungen, die 
im Waldboden schon bei 0,6 Meter ganz aufhören. 

Die Beschaffenheit der Atmosphäre ist insofern für die 
Wärmeverhältnisse des Bodens von grosser Bedeutung, als während 
der Nacht bei klarem Himmel der Boden seine Wärme ungehindert 
ausstrahlen kann, während, wenn der Himmel mit Wolken bedeckt 
ist, diese wie ein Ofenschirm wirken, die Wärmestrahlen dem Boden 
zurückwerfen, und so seine Abkühlung verhindern. Auf künstliche 
Weise rufen die Gärtner, Weinzüchter und Landwirthe denselben 
Erfolg durch Bedecken der Pflanzen mit Stroh, Brettern u. dgl. 
oder durch Einhüllen ihrer Culturen mit mächtigen Rauchwolken 
hervor. 

6. [ler Boden und die Elektricität. 

Dass der Boden reich an Elektricität ist, darüber kann kein 
Zweifel sein, wenn man die zahlreichen chemischen und physika- 
lischen Bewegungserscheinungen ermisst, die in ihm vorgehen. 
Regulirt werden die elektrischen Vorgänge im Boden durch das 
Wasser, besonders das Grundwasser. Aber auch die Atmosphäre 
ist ein wichtiger Factor für die Bodenelektricität. Die Reibung der 
Luft an der Bodenoberfläche als Wind und die meteorischen Wasser 
führen dem Boden beträchtliche Quantitäten Elektricität zu. Dass 
dieselbe für Boden wie Pflanzen keineswegs unwesentlich ist, ergiebt 
sich aus der von Jedermann zu beobachtenden günstigen Rückwir- 
kung eines Gewitterregens auf die Vegetation, sowie aus den di- 
recten Versuchen Fichtner's, welcher fand, dass durch den Boden 
gehende elektrische Strömungen die Löslichmachung pflanzlicher 



1) Ebermayer, die physikalischen Einwirkungen des Waldes auf Luft 
und Boden. Aschaifenburg 1873. 



i 



Die chemischen Eigenschaften des Bodens. 103 

Nährstoffe fördern. Nach den Fichtner'schen Versuchen soll be- 
sonders der Humus bemerkbare elektrische Strömungen zwischen 
den einzelnen Bodenbestandtheilen hervorrufen. 



B. Die chemischen Eigenschaften des Bodens. 

1. Die chemischen Bestandtheile des Bodens. 

Im Boden müssen vorzüglich die Bestandtheile der Gesteine 
sich finden, aus denen er entstanden, nebstdem jene Stoffe, welche 
durch Düngung oder auf eine andere Art in denselben gekommen 
sind; zu den letzteren zählen auch jene, welche ihm aus der Luft 
zugeführt werden. 

Bei Aufzählung der zur Bildung des Bodens beitragenden Ge- 
steine wurde auch der chemischen Stoffe erwähnt, welche sich in 
ihnen finden, und zwar sind es besonders : Kali, Natron, Talkerde, 
Kalkerde, Thonerde, Eisen- und Manganoxyde, Schwefelsäure, Phos- 
phorsäure, Kieselsäure, Kohlensäure und Chlor, die in verschieden- 
artigen Mengen im Boden vorkommen, und denen wir noch Ammo- 
niak, Salpetersäure, Wasser und die Verwesungsproducte, nämlich 
die verschiedenen stickstoffhaltigen und stickstofffreien Zersetzungs- 
producte der organischen Beste, die wir unter den Humusstoffen kennen 
gelernt haben, hinzufügen müssen. Man nennt alle diese Stoffe die 
chemischen Bestandtheile des Bodens. 

Es ist vor Allem nöthig, auf das specielle Vorkommen dieser 
Stoffe, welche theils einzeln, theils in Verbindung untereinander das 
bilden, was wir als Boden bezeichneten, näher einzugehen, nachdem 
wir auf den Ursprung derselben bei der Bodenbildung hingewiesen. 

Kali und Natron kommen im Boden nie im freien Zustande 
vor, sondern beide sind immer an Säuren gebunden und zwar meist 
an Kieselsäure, unter Umständen auch an die anderen genannten 
Säuren. Natrium ist ausserdem sehr häufig an Chlor gebunden als 
sogenanntes Kochsalz im Boden vorhanden. Alle Verbindungen der 
Alkalien, mit Ausnahme einiger mit Kieselsäure, sind in Wasser 
leicht löslich; der Gehalt des Bodens an Alkalien ist meist nur ein 
sehr geringer und erreicht selten 3 — 4 Procent, wovon aber der 
grösste Theil als unlösliche Verbindung mit Kieselsäure zugegen ist, 

Ammoniak findet sich im Boden in äusserst geringer Menge. 
Nach neueren Bestimmungen (Knop) schwankt der Gehalt zwischen 
0,00014 — 0,001 Proc. Das Ammoniak ist entweder an Kohlensäure 
und Salpetersäure oder auch an Verwesungssäuren gebunden. Alle 
Ammoniaksalze sind in Wasser leicht löslich. 

Als Quelle der Ammoniakbildung sind theils die im Boden sich 



104 Die chemischen Bestandtheile des Bodens. 

zersetzenden organischen stickstoffhaltigen Reste anzusehen; theils 
absorbirt der Boden vermöge seiner Porosität Ammoniakgas aus der 
Luft, von dem aber ein Theil sich beim Austrocknen des Bodens 
wieder verflüchtigt. 

Die Kalkerde oder Kalk findet sich in sehr veränderlichen 
Mengen im Boden, die von kaum nachweisbaren Spuren bis zu 20 
bis 30 Proc. (Kalkboden) wechseln. Sie kommt im Boden nur aus- 
nahmsweise im freien Zustande vor, nämlich unmittelbar nach einer 
Düngung mit gebranntem Kalk. Gewöhnlich aber findet sie sich 
im Boden an Kohlensäure gebunden, als kohlensaurer, mitunter 
auch als schwefelsaurer und phosphorsaurer Kalk. In reinem Wasser 
ist nur die Verbindung des Kalkes mit Quellsäure, Schwefelsäure 
und Salpetersäure löslich. Schwefelsaurer Kalk ist jedoch im Wasser 
sehr schwer löslich (1 Theil in 333 Theilen Wasser) — kohlensaurer 
und .phosphorsaurer Kalk hingegen sind in reinem Wasser gar nicht, 
sondern nur dann löslich, wenn das Wasser freie Kohlensäure ent- 
hält. Durch Brennen verliert der kohlensaure Kalk die Kohlen- 
säure und wird zu gebranntem Kalk; kommt dieser mit Wasser in 
Berührung, so nimmt er unter Erwärmung dieses auf — er löscht 
sich und man bezeichnet ihn dann als gelöschten Kalk, der im 
breiigen Zustande zur Mörtelbereitung Verwendung findet. Neben 
obigen Kalksalzen findet sich in vielen Bodenarten auch Kalkerde 
an Kieselsäure gebunden, aber in ganz unlöslicher Form. Der Kalk 
ist ein sehr wichtiger Bodenbestandtheil, indem er nicht nur als 
Pflanzennährstofi" dient, sondern auch auf die physikalischen Eigen- 
schaften des Bodens erfolgreich einwirkt. 

Talkerde (Magnesia, Bittererde) ist die getreue Begleiterin 
des Kalkes, obwohl sie in viel geringerer Menge als jener im Boden 
vorkommt ; kohlensaure Talkerde ist ebenfalls in kohlensäurehaltigem 
Wasser löslich, wenn auch schwerer als kohlensaure Kalkerde, in 
reinem Wasser ist sie jedoch unlöslich. 

Thonerde kommt meistens mit Kieselsäure vereinigt in Form 
von Thon als einer der häufigsten Bodenbestandtheile vor; man 
schätzt ihre Verbreitung auf Ve der gesammten Erdrinde. Im Boden 
hat der Thon den hauptsächlichsten Einfluss auf dessen physikalische 
Eigenschaften. Nebstdem findet sich auch Thonerde in Verbindung 
mit Wasser als in Wasser unlösliches Thonerdehydrat, zuweilen wohl 
auch als in Wasser lösliche schwefelsaure Thonerde. Die Mengen 
Thonerde, welche sich im Boden durch Wasser auflösen, sind in den 
meisten Fällen kaum zu bestimmen. Die Gesammtmenge der Thon- 
erde in Thonboden beträgt bis 20 Proc. 

Eisen ist ein nicht minder wichtiger Bodenbestandtheil, aber 
sowohl das Mengenverhältniss als auch die Form, in welcher es im 



Die chemischen Bestandtheile des Bodens. 105 

Boden vorkommt, sind äussert verschieden. Gewöhnlich findet sich ein 
Eisenoxydgehalt von 1/2 — 5 Proc, Kalk- oder Mergelboden besitzt 
aber in der Regel den geringsten Eisengehalt. Deshalb braucht man 
sich aber der Sorge nicht hinzugeben, dass ein Boden aus Mangel 
an Eisen unfruchtbar werden könnte. Bei einem Gehalt von mehr 
als 5 Proc. Eisenoxyd nennt man den Boden eisenschüssig oder 
ockerig. Der Eisenoxyd gehalt kann in solchem Boden bis zu 
30 Proc. steigen. 

Bezüglich der Form, in welcher Eisen im Boden vorkommt, ist 
wohl zu unterscheiden, ob es als Oxyd oder Oxydul vorhandem ist. 
Eisenoxydhydrat, Eisenoxyd und dessen Verbindungen mit Säuren 
werden wir da antreffen, wo die Luft ungehindert Zutritt hat; in 
Erdlagen aber, wo dies nicht der Fall ist, kann das Eisen nur in 
Verbindung mit weniger Sauerstoff als das Oxyd hat, vorkommen, 
nämlich als Eisenoxydul, welches sich aber nie in freiem Zustande, 
sondern immer an Säuren gebunden findet. Der Grund dieses üeber- 
gehens einer höheren Sauerstoffverbindung des Eisens in eine nie- 
dere ist darin zu suchen, dass die im Boden befindlichen organischen 
Stoffe bei ihrer Zersetzung fortwährend Sauerstoff verbrauchen und 
diesen auch dem Eisenoxyde entziehen — es „reduciren" und 
dadurch in Eisenoxydul umwandeln, in welcher Form das Eisen nun 
so lange im Boden bleibt, bis es mit der Luft wieder in Berührung 
kommt, wo es dann wieder Sauerstoff aufnimmt — sich „oxydirt" 
und unter Wasseraufnahme zu Eisenoxydhydrat wird, welches im 
wesentlichen den allbekannten Eisenrost bildet. Dieser Vorgang 
lässt sich wie folgt versinnlichen : 



Im Boden findet statt: 

Redudion, wenn hei Luft- 

abschluss und Gegenwart 

von organischen Stoffen, 

dem Eisenosyd 

. ^^ , < 

ein Theil Sauerstofl' ent- 
zogen wird durch sich 
zersetzende organische 
Stoffe und es 



Oxydation 

hei Luftzutritt; es wird 
vom Eisenosjdul 



Sauerstoff und Wasser | § £ 
aufgenouiuien und 



Sehr häufig hat wohl der Landwirth Gelegenheit, diese Um- 
wandlung von Eisenoxydul, das als doppelt kohlensaures Eisenoxydul 
im Wasser gelöst ist, an versumpften und an organischen Stoffen 
reichen Stellen seiner Wiesen oder Wälder zu beobachten, deren 
Wasserfläche regenbogenfarbig schillernd oder mitunter gelb gefärbt 
und getrübt erscheint, während sich am Boden eine ockergelbe 
Schlammschicht, im Wesentlichen aus Eisenoxydhydrat bestehend, 
ablagert. In der Ackerkrume, wo jedes Bodentheilchen mit der 



106 Die chemischen Bestandtheile des Bodens. 

Luft in Berührung ist, werden wir gewöhnlich nur Eisenoxyd, im 
Untergrunde aber, wohin der Luftzutritt schon ein sehr mangelhafter 
ist, meist Eisenoxydul finden. Desgleichen an Orten, wo der Luft- 
zutritt durch stehendes Wasser abgehalten ist, in Sümpfen und 
ähnlichen Orten, wie dies z. B, beim Boden des Haarlemer Meeres 
der Fall ist. In der Ackerkrume kann sich allerdings auch ein 
Minimum Oxydul vorfinden, ja, unter Umständen ist die Bildung 
von grösseren Mengen möglich, z. B. bei nassem compacten Boden, 
in dessen Inneres der Luftzutritt gehindert ist. Da Eisenoxydul- 
verbindungen für die Vegetation schädlich sind (deshalb ist auch 
wahrscheinlich der angeführte eisenoxydulhaltige Boden des Haar- 
lemer Meeres unfruchtbar), so ist bei Vertiefungen der Ackerkrume, 
bei Aufführung von frischem Torfe, Letten, Schlamm, Mergel und 
überhaupt bei Vermengung der Ackerkrume mit Stoffen, die Eisen- 
oxydulverbindungen enthalten können, immer grosse Vorsicht zu 
beobachten. Um Oxydulsalze in Oxyd umzuwandeln, sind die besten 
Mittel das Entwässern, gute Bearbeitung, Luftzutritt, Aufführen von 
Aetzkalk oder Brennen des betreffenden Bodens ; es ist also auch ganz 
richtig, wenn frisch ausgeführter Teichschlamm längere Zeit unter 
öfterem Umstechen an der Luft bleibt, ehe er auf das Feld kommt. 

Das Eisenoxydul findet sich im Boden an Schwefelsäure, Koh- 
lensäure, Quellsäure oder Phosphorsäure gebunden als schwefel- 
saures, einfach kohlensaures, quellsaures oder phosphorsaures Eisen- 
oxydul vor. In reinem Wasser ist nur das schwefelsaure Eisen- 
oxydul löslich ; im Wasser des Bodens, das immer etwas Kohlensäure 
aufgelöst enthält, löst sich auch das einfach kohlensaure Eisenoxydul. 
Wo Bodenwasser mit Eisenoxydul in Verbindung kommt, nimmt es 
demnach auch viel Eisen auf, es bekommt dadurch den eigenthüm- 
lichen Tintengeschmack. 

Das Mangan, wie es im Boden vorkommt, ist dem Eisen in 
seinem Verhalten ziemlich ähnlich, spielt aber im Ganzen, was 
Menge und Wirkung anbelangt, eine untergeordnete Rolle. Koh- 
lensaures Manganoxydul ist ebenfalls nur in Wasser, das Kohlen- 
säure enthält, löslich. 

Die Kieselsäure bildet in jedem Boden den Hauptbestand- 
theil und man nimmt an, dass die Erdrinde, soweit sie der Beob- 
achtung zugänglich ist, zu -/s aus Kieselsäure besteht. Sie kommt 
als Quarz in Form von grösseren Steinchen oder als Sand, ferner 
in Verbindung mit verschiedenen Stoffen als kieselsaure Salze im 
Boden vor und bildet, wie schon aus Früherem ersichtlich, den 
Hauptbestandtheil der meisten Gebirgsgesteine. Da der Quarz voll- 
ständig der Verwitterung widersteht, so kann man ihn bei seinem 
so verbreiteten Vorkommen in der Ackererde als das Widerstands- 



Die chemisclieu Bestandtheile des Bodens. 107 

fähige, unveränderliche Skelet derselben ansehen. Quarz sowie die 
Silicate sind in Wasser ganz unlöslich, nur Verbindungen der Kiesel- 
säure mit Kali oder Natron (Wasserglas) machen eine Ausnahme. 
Diese löslichen Silicate der Kieselsäure mit Alkalien bilden sich bei 
der Verwitterung der Alkali enthaltenden Kieselgesteine. Kiesel- 
säure selber ist in Wasser nur im Momente ihres Ausscheidens aus 
Verbindungen überhaupt etwas löslich. Die Menge der im Boden- 
Wasser löslichen Kieselsäure ist eine nur sehr unbedeutende, sie be- 
trägt meist nur einige Milliontel vom Gewichte des Bodens, während 
die Gesammtmenge der Kieselsäure z. B. in Sandboden bis über 
90 Proc. reichen kann. 

Phosphorsäure ist eine der wichtigsten und werthvollsten 
Säuren im Boden, findet sich meist aber nur in geringen Mengen in 
demselben. Ihre Gesammtmenge beträgt selten mehr als i/io Proc, 
meist nur 0,05 — 0,1 Proc.^j üeber die Verbindungen, in welchen 
die Phosphorsäure im Boden vorkommt, sei nur hervorgehoben, 
dass sie sich an Kalkerde, Talkerde, Eisenoxyd, Thonerde gebunden 
finden kann, alle diese Verbindungen sind in reinem Wasser un- 
löslich, löslich aber (mit Ausnahme der phosphorsauren Thonerde) 
in kohlensäurehaltigem Bodenwasser. 

Schwefelsäure ist ebenfalls nur in unbedeutenden Mengen 
im Boden enthalten. Bei gewöhnlichem Boden beträgt diese Menge 
selten einige Zehntel Procent, nur bei Gypsboden erreicht sie mehrere 
Procent; die Schwefelsäure ist meist an Kalk gebunden. 

Kohlensäure. Sie findet sich im Boden theils in Verbindung 
mit Basen, namentlich als kohlensaurer Kalk, theils im freien Zu- 
stande vom Boden absorbirt, in der Bodenluft, oder im Wasser des 
Bodens aufgelöst. Jede Erde, die, mit einer Säure betropft, auf- 
braust, enthält Kohlensäure. Im Bodenwasser aufgelöst bildet sie, 
wie schon vielfältig gezeigt, ein Lösungsmittel für sehr viele in 
reinem Wasser unlösliche Bodenbestandtheile. 

Chlor kommt an Natrium gebunden, als Kochsalz, im Boden 
vor, nebstdem zuweilen auch als Chlormagnesium oder Chlorkalium; 
alle diese Verbindungen sind in Wasser löslich. Die Menge des 
Chlor im Boden ist nur eine sehr geringe, zwischen einigen Hundert- 
stel und Tausendstel Procenten schwankend. 

Salpetersäure. Es ist mit Sicherheit nachgewiesen, dass 
sich Salpetersäure an Kali, Natron, Ammoniak oder Kalk gebunden 
im Boden findet; ob dies aber in jedem Boden unserer Klimate der 
Fall ist, lässt sich bis zur Stunde noch nicht mit Gewissheit be- 



1) Nach Petzholdt enthielt gedüngte Tschernojzem 0,54, ungedüngte 
0,18 Proc. Phosphorsäure. 



108 Die chemischen Bestandtheile des Bodens. 

haupten. Selbst aber im Ackerboden, in welchem man sie nach- 
weisen konnte, war die Menge meist nur eine sehr geringe, nach 
Bestimmungen von W. Wolf schwankte ihr Gehalt zwischen 0,0006 
bis 0,03 Proc. (Erstere Erde war eine Schwarzerde, letztere eine 
Moorerde.) Dem ungeachtet ist es geboten, bei dieser Säure und 
ihrer Bildung etwas länger zu verweilen, indem durch die For- 
schungen der Neuzeit ziemlich erwiesen scheint, dass die Salpeter- 
säure bei der Pflanzenernährung eine sehr bedeutende Rolle spielt. 

Die im Boden sich findende Salpetersäure wird nur zum geringen 
Theile durch das Regenwasser als salpetersaures Ammoniak zuge- 
führt. Meist bildet sich die Salpetersäure als in Wasser leicht lös- 
liche Verbindung erst im Boden, wo sie entweder an Kali, Natron 
oder Kalk gebunden vorkommt. Diese Salze nennt man Kali-, 
Natron- oder Kalksalpeter und demgemäss die Bildung der Salpeter- 
säure im Boden schlechtweg Salpeterbildung. Hier müssen 
wir, an früher schon Erörtertes anknüpfend, wiederholt erinnern, 
dass bei Zersetzung organischer stickstoffhaltiger Körper im Boden 
sich Ammoniak entwickelt. Dieses Ammoniak kann sich, wie schon 
erwähnt, bei ausreichenden Mengen von Sauerstoff und Gegenwart 
von Kali, Natron oder Kalk und einer bestimmten nicht zu niedrigen 
Temperatur in Salpetersäure umwandeln. Die Porosität der Erde 
beschleunigt diese Umwandlung. Das Ammoniak besteht aus Stick- 
stoff und Wasserstoff, die Salpetersäure aus Stickstoff und Sauerstoff. 
Bei der Salpetersäure ist daher der Stickstoff an Sauerstoff und bei 
Ammoniak an Wasserstoff gebunden. Ueberall, wo stickstoffhaltige, 
namentlich thierische Stoffe in Zersetzung begriffen sind, wo warme 
Luft Zutritt hat und einer der basischen Stoffe (Kali, Natron, Kalk) 
gegenwärtig ist, findet Salpeterbildung statt. So in der Erde unter 
öffentlichen Pissoirs, unter Stallungen, Jauchengruben oder in Mauern, 
die von Jauche durchdrungen sind. Die Salpetersäure, welche sich in 
derartigen Mauern bildet, ist meist an Kalk gebunden, und bildet den 
salpetersauren Kalk, den wir als weisse Efflorescenz an solchen Mauern 
oft sehen und der unter dem Namen Mauersalpeter bekannt 
und gefürchtet ist, weil er die Zerstörung der Mauern veranlasst. 
In manchen Erdgegenden wird durch besondere locale Verhältnisse 
die Salpeterbildung begünstigt, so in den regenlosen Landstrichen 
von Chili, in welchen Lager von Natronsalpeter in meilenweiter 
Ausdehnung das Land bedecken und von wo jährlich Hundert- 
tausende von Centnern dieses Salzes ausgeführt werden. 

Eine höchst interessante Erscheinung ist, dass unter günstigen 
Umständen die aus Ammoniak gebildete Salpetersäure sich wieder 
zu Ammoniak umwandeln kann, sobald bei gehindertem Luftzutritt, 
also bei Mangel an Sauerstoff, salpetersaure Salze mit in Zersetzung 



Die chemischen Bestandtheile des Bodens. 109 

begriffenen organischen Stoffen in Berührung kommen. "Wo also 
ein Ueberschuss von organischen sich zersetzenden Stoffen vorhanden 
ist, welche allen vorhandenen Sauerstoff zu ihrer Zersetzung ver- 
brauchen, können sich keine salpetersauren Salze mehr bilden und 
aus den etwa schon gebildeten werden wieder Ammoniaksalze. 

Bringen wir in eine Lösung von faulenden organischen Stoffen 
z. B. in faulende Jauche, ein salpetersaures Salz, so finden wir 
von letzterem nach einiger Zeit keine Spur mehr. Es erklärt sich 
aus diesem Grunde, warum sich in mit Jauche getränkten Dünger- 
haufen, in faulenden Excrementen und vielen anderen Stoffen keine 
oder nur höchst unbedeutende Mengen von salpetersauren Salzen 
finden, und es scheint, dass sich auch nur in der äussersten am 
meisten gelockerten Schichte der Ackerkrume, unter sonst günstigen 
Umständen, Salpeter bilden kann. Werden salpetersaure Salze, 
durch Regenwasser gelöst, in die tieferen Schichten geführt, wohin 
der Luftzutritt gehemmt ist und wo sich zersetzende organische 
Stoffe sich vorfinden, so wandeln sich jene Salze in Ammoniaksalze um. 

Die stickstoffhaltigen organischen Stoffe'), welche fast 
immer neben den stickstofi'freien organischen Stoffen im Boden 
vorhanden sind, stellen uns die dritte Form dar, in welcher sich 
der Stickstoff im Boden findet. Diese drei Formen sind demnach: 

1. Organische Verbindungen mit den Elementen Sauerstoff, 
Wasserstoff, Kohlenstoff' und Stickstoff; 

2. Ammoniak; 

3. Salpetersäure. 

Die Gesammtmenge des Stickstoffes, wie er in allen drei Formen 
im Boden vorkommt, schwankt in gewöhnlichem Ackerboden zwischen 
Vio — ^/lo Proc. der Erde. 

Ueber die organischen Stoffe und ihre Zersetzungsproducte 
wurde schon das Nöthige bei der Verwesung (S. 43) mitgetheilt. 



]) Boussingault (Ber. d. deutsch, ehem. Ges. 1876, Nr. 5, S. 44-5) 
hat neuerdings den Einüuss studirt, welchen die Ackererde auf die Salpeter- 
säurebildung aus den als Dünger gebrauchten stickstoffhaltigen organischen 
Stoffen ausübt. Angewendet wurde vergleichsweise gewaschener und geglühter 
Sand von Fontainebleau, gewaschene Kreide von Meudon und Ackererde unter 
Zusatz von Stroh, Eapspresskuchen, Knochenpulver, Hornabfällen, Wollenlappen, 
Pferdefleisch und Pferdeblut. Die befeuchteten Gemenge wurden b Jahre lang 
bei Lichtzutritt in Flaschen, deren -Inneres nur durch ein sehr enges Rohr mit 
der Atmosphäre in Verbindung stand, sich selbst überlassen. In dem Sande 
haben die stickstoffhaltigen organischen Substanzen nur Spuren Salpetersäure 
oder Ammoniak geliefert, dasselbe wurde bei der Kreide beobachtet, nur war 
die Ammoniakmenge etwas grösser. In der Ackererde wurde die grösste Menge 
Salpetersäure und am wenigsten Ammoniak gebildet. 100 Theile der stickstoff- 
haltigen Substanz haben im Mittel 21,6 Proc. Salpetersäure (= 5,6 N.) geliefert, 
ungefähr die Hälfte des Totalstickstoffgehaltes. 



110 Die Boclenlösungen. 

Das Wasser kommt im Boden ebenfalls als chemischer Be- 
standtheil vor, so in Verbindung mit Eisenoxyd, Thonerde als 
Eisenoxydhydrat und Thonerdehydrat n. s. w., nebstdem findet es 
sich aber noeh in tropfbarflüssigem Zustande (Bodenwasser) und 
als Wassergas vom Boden mechanisch gebunden. Es hat sich schon 
bei Betrachtung der Verwitterungsursachen (S. 20) und der physi- 
kalischen Eigenschaften des Bodens (S. 85) gezeigt, welche unge- 
mein wichtige Rolle namentlich das tropfbarflüssige Wasser in dieser 
Beziehung spielt ; dies wird aber in dem Folgenden noch mehr her- 
vortreten. Vorerst sei hier nur mit einigen Worten des Ursprunges 
des tropfbarflüssigen und gasförmigen Wassers im Boden gedacht, 
wenn dieses auch immerhin nicht zu den chemischen Bestandtheilen 
desselben zählt. Das Wasser als Gas wird von der Erde aus der 
Luft absorbirt. Das tropfbarflüssige Wasser erhält der Boden direct 
durch Regen, Schnee, Thau u. s. w. und indirect aus diesen atmo- 
sphärischen Niederschlägen als Grundwasser, Tagewasser 
und St au Wasser. 

Das Wasser, welches als atmosphärischer Niederschlag (Regen, 
Thau, Schnee u. s. w.) auf den Boden fällt, verdunstet theilweise, 
theilweise versickert es, bis es auf eine undurchlässige Schichte 
(Stein, Thon u. s. w.) kommt, lieber derselben bleibt es stehen, 
wenn sie nicht etwa geneigt ist, in welchem Falle es an ihr ab- 
wärts sickert und als Quelle am geeigneten Orte zu Tage tritt. 
Bevor dasselbe als Quelle zu Tage tritt, heisst es Grundwasser. 
Der Stand desselben im Boden, der ein sehr verschiedener sein 
kann, heisst Grundwasserspiegel.^) 

Liegt der Grundwasserspiegel nicht zu tief, so kann durch 
Wasseraufsaugung die Krume von unten aus feucht erhalten werden, 
wodurch auf sie ein günstiger oder auch nachtheiliger Einfluss aus- 
geübt wird. 

Tagewasser ist das als Quelle zu Tage tretende Grund- 
wasser. 

Das S tau was s er ist das Wasser, das im Boden von an- 
grenzenden Flüssen, Seeen oder Teichen und anderen Wasseransamm- 
lungen eindringt. 

2. Die Bodenlösungen. 

Wir haben im Vorhergehenden die Bestandtheile kennen gelernt, 
welche sich in jedem guten Ackerboden finden sollen. Laugt man 



1) Er liegt in trockenen Jahren tiefer, in nassen Jahren, nach anhaltend 
regnerischem Wetter, Abgehen des Schnees u. s. w. höher und erreicht dann 
erst mitunter die Ackerkrume. 



Die Bodenlösungen. 111 

Ackererde mit destillirtem Wasser aus, so löst sich darin ein wenn 
auch geringer Theil der Stoffe und man nennt eine solche Lösung 
den wässerigen Erdauszug. Er enthält bei fruchtbarem 
Boden alle jene Mineralstoffe, welche diePflanzen zu 
ihrer Nahrung benöthigen. Es ist dies eine Thatsache von 
sehr grosser Wichtigkeit, auf die ich schon mehrmals, auf Unter- 
suchungen gestützt, hingewiesen^), und die sich nach den hierüber 
angestellten Versuchen von Grouven, Anderson, Stöckhardt, 
Riesler, Verdeil, Eichhorn, E. Wolff, AI. Cossa u. A. 
nicht umstossen lässt, und noch mehr an Wichtigkeit gewinnt, wenn 
man berücksichtigt, dass man in dieser Lösung die Pflanzennähr- 
stoffe meist in weit grösserer Menge findet, als sie für eine oder 
mehrere Ernten nöthig sind. Es widerlegt dies Liebig's Ansicht, 
„dass das Wasser keine Spur von Kali, von Kieselsäure, von Am- 
moniak, von Phosphorsäure auflöst, und dass die Erde von allen 
den Pflanzennährstoffen, die sie enthält, kein Theilchen an Wasser 
abgiebt.^) 

Bei zwanzigerlei von Ho ff mann untersuchten Bodenarten aus 
Böhmen schwankte die Menge der im Wasser löslichen Bestandtheile 
zwischen 0,242 und 0,0205 Procent der trockenen Erde. Hiervon 
betrug die Menge der organischen Stoffe 0,194 — 0,0137 Procent, 
demnach überwiegend mehr, als mineralische Stoffe. 

Diese wässerigen Erdauszüge geben uns aber keinen rich- 
tigen Aufschluss über die Zusammensetzung der Lösung von Boden- 
bestandtheilen, wie sie im Boden vorkommen, über die Zusammen- 
setzung des „Boden Wassers" (Bodenflüssigkeit), auch nicht über 
die Stoffmenge, die durch dieses den Pflanzen im Momente zugäng- 
lich ist. Denn einestheils lässt sich kein Boden vollkommen mit 
Wasser erschöpfen und andererseits ist das Wasser, dessen sich 
die Natur zum Lösen der Bodenbestandtheile bedient, kein chemisch 
reines Wasser und endlich ist die Pflanze selbst durch ihre Wurzeln 
bei der Löslichmachung von Bodenbestandtheilen thätig. Alles Wasser, 
das im Boden vorgefunden wird, ist kein reines Wasser, es enthält 
immer Kohlensäure, Ammoniaksalze, meist auch salpetersaure Salze 
(salpetersaures Ammoniak) und andere Stoffe, und wird natürlich 
weit mehr Bodenbestandtheile auflösen, als ganz reines Wasser. 

Noch weniger kann man aus einem wässerigen Extract der 
Erde entnehmen, wie gross die Stoffmengen sind, die während einer 
Vegetationsdauer irgend einer Culturpflanze dem Boden in Lösung 



1) Hoffmann's Jahresbericht über die Fortschritte der Agriculturchehiie. 
Bd. VI. S. 7. 

2) Chemische Briefe Bd. II. S. -26 1. 



112 



Die Bodenlösungen. 



geboten werden können, denn theils werden unausgesetzt durch 
Verwitterung Stoffe löslich, theils ist die Summe der im Wasser 
löslichen Stoffe in der Ackerkrume eine viel zu unconstante Grösse, 
die sich mit jedem Regen, mit jedem Temperaturwechsel ändern 
muss. Starke Regenmengen führen durch Versickerung des Wassers 
diese Stoffe theilweise in tiefere Schichten, von wo sie unter günsti- 
gen Umständen, vermöge der „ wassersaugenden Kraft " des Bodens, 
wieder emporgehoben werden können. Es muss ferner erwähnt 
werden, dass bei der Austrocknung der Ackerkrume alle schwer- 
löslichen Stoffe, wie z.B. der Gyps, dann solche, welche, wie 
kohlensaurer Kalk und kohlensaure Magnesia in kohlensäurehaltigem 
Wasser gelöst waren, unlöslich werden. 

Um ein Bild zu geben, wie viel von einem Boden in Wasser 
gelöst werden kann, möge folgende Zusammenstellung dienen: 

Von 100000 Theilen Erde wurden von Wasser gelöst: 







cä 






, 






tri 


T3 "TS 


&4 

Ol 


1 


Bezeichnung der Bodenart. 




a> 






o 


o --^ 




o 


P3 

s 


H % 
sä 

• fH ETI 


o 


Sa 


Sehr reiclier Boden (aus- 
























gezeichnet kleefähig), mit 
























der 6 fachen Menge kalten 
























Wassers behandelt . . . 


18 


2 


13 


8 


2 


— 


5 


11 


5 


53 


134 


Sehr guter Rübenboden 
























(Klee nicht tragend) mit 
























der 5 fachen Wassermenge 
























behandelt 


5 


2,5 


3 


5,5 


Spur 


Spur 


Spur 


4,5 


6,5 


24 


51 


Guter Weizenboden 
























(5 fache Wassermenge) . 


6 


1 


4 


4 


— 


Spur 




2 


2 


28 


43 


Geringer Weizenboden 
























(5 fache Wassermenge) . 


10 


Spur 


l 


2 


— 


Spur 




11 


3 


18 


46 


Gartenerde (Sfache Wasser- 
























menge) 


23 


1,5 


7 


4,5 


1,5 


1,5 




38 


2 


30 


UO 


Armer Sandboden (Sfache 
























Wassermenge) .... 


8 


0,5 


0,5 


3,5 


Spur 


1 


1,5 


20 


— 


10 


45 


Thonboden (ßübenfeld, 
























9,6 fache Wassermenge) . 


33 


3,5 


4,5 


9 


5 


3,5 


18 


Spur 


— 


70 


147 


Torfboden (16 fache 
























Wassermenge) .... 


164 


U 


47 


12 


Spur 


33 


302 


Spur 


77 


449 


1095 


Torfiger Wiesenboden 
























(Sfache Wassermenge) . 


92 


44 


21 


24 


Spur 


Spur 


11 


1 


2 


230 


425 


Sandwiesen . . . . . 


79 


43 


16 


476 


— 


407 


144 


58 


— 


170 


1393 


Ausgezeichnet. Rübenboden 


79 


3 


3 


5 


1 


4 


4 


20 


3 


88 


150 


Armer Rübenboden . . . 


26 


5 


3 


4 


1 


5 


3 


15 


2 


83 


147 



Die Bodenlösunsren. 



113 



Einen weiteren Aufscbliiss über die Beschaffenheit der Boden- 
lösungen gestatten die Lysimeterwässer und Drainwässer. 
Es mögen daher einige analytische Daten über deren Zusammen- 
setzung Platz finden. Die eingehendsten Untersuchungen über Lysi- 
meterwässer hat wohl Zoll er in den Jahren 1857 — 1S60 ausge- 
führt. Er fand z. B. in der Zeit vom 16. November 1859 bis zum 
12. April 1860 in 6 mit Gras bewachsenen Bodenarten (je 1 Quadrat- 
fuss Erde von 12 Zoll Tiefe), die bereits in dem Voi'jahre zu Lysi- 
meterversuchen gedient hatten: 



Ungedüng- 
ter 
Alluvial- 
kalkboden. 



II. 



Derselbe 
Boden, 



IIL 



DersellDe 
BodeiL, 



gedüngt mit Dünguug : 

17, S Grm. | 14,5 Grm. 

Salpeters. ; Schwefels. 

Kali. Kali. 



lY. 

Derselbe Boden, 
Düngung: 
1T,S Grm. 

Salpeters. Kali 

und 3,66 Grm. 
Phosphorit. 

aufgeschlossen 
mit "2 Grm. 

Schwefelsäure. 



Y. 

Derselbe 

Boden, 

Düngung : 

15,4 Grm. 
schwefeis. 

Kali und 
Phosphorit 
wie in IV. 



YI. 



Derselbe 

Boden, 

Düngung : 

12,3 Grm. 

kohlens. 

Kali. 



lurch den Boden ge- 
gangene Wassermenge 
ester Rückstand der- 
selben bei 100° C. . 
sehe des festen Rück- 
standes. . . . 



20201 
4,5631 
3.192 



144ST 

11,4272 

8,S61 



2034S 
15.1967 
13.644 



17491 
13.6805 
10.681 



23205 

20,784 
17,668 



22488 CG. 
5,5878 Gm 
4,614 „ 



atron 
[ali . 



[agnesia 

;alk . 

isenoxyd 

hier 

hosphorsäure 

chwefelsäure 

alpetersäure 

ieselsäure 

and . • 



0.044 
0,024 
0,253 
1,530 
0.072 
0,035 
Reaction 
0,289 
1,125 
0.178 
0,044 



0,069 
0.166 
0,302 
3,483 
0,057 
0,080 
Reaction 
0,205 
5,913 
0,271 
0,021 



0.0S3 
0,205 
0,296 
5,360 
0,072 
0,202 
Reaction 
6,527 
1.301 
0,208 
0,036 



0,030 
0,231 
0,285 
4,838 
0.084 
0,132 
Reaction 
2,104 
5,248 
0,230 
0,025 



0,085 
0,244 
0,320 
7,112 
0,088 
0,283 
Reaction 
9,124 
1,401 
0,280 
0,056 



0,038 Grm 
0,112 „ 
0,117 „ 
1,963 „ 
0,053 ., 
0,127 „ 
Reaction 
1,524 „ 
1.390 ,. 
0,269 „ 
0.097 „ 



Summa 

b das dem Chlor ent- 
sprechende Aequivalent 
Sauerstoff 



3,594 



0,007 



10,567 



0,018 



14,290 



0,045 



13,201 



0,029 



18.993 



0,063 



4.690 Grm 



0,028 



Summa i 3,587 10,549 14,245 I 13,178 
lühverlust u. Kohlens. I 0,9761 ! 0,8782 ' 0.9517 < 0,5025 



18,930 14,662 Grm 
1,854 '0,9258 „ 



Summa 4,5631 ! 11,4372 ! 15,1961 



13,6805 



20.784 5.5S78Gm 



1) Liebig, die Chemie und ihre Anwendung auf Agricultur und Physio- 
logie. 9. Aufl. von Zoll er. Braunsch-weig 1875, S. 464 u. ff. 
V. Gohren, Ackerbauchemie. 8 



114 



Die Bodengase. 



Von den zahlreichen Drainwässer-Analysen von Way, Kroker., 
Völcker, Schlösing u. A. seien als Beispiel die von Kroker 
gefundenen Zahlen angeführt. 



In 100,000 Theilen 
sind: 



Tlioniger 

Boden 
mit Italk- 
hiiltigem 

Untergrund. 

1. April ges. 



II. 



Derselbe 

Boden 

■wie 1. zu 

einer andern 

Zeit. 

1. Mai ges. 



III. 


IV. 


Derselbe 


Anderer 


Boden wie I, 


Boden 


gemischt 


mit kalk- 


mit 


haltigem 


humosem 


Untergrund. 


Tbonboden, 


Drains 


daneben 


fortw. 


liegend. 


laufend. 



VI. 



Aus den Wasserfurch 

eines 
schweren Thonboden: 



Organische Substanz . . 2,5 

Kohlensaurer Kalk ... 8,4 

Schwefelsaurer Kalk . . | 20,8 

Salpetersaurer Kalk ... 0,2 

Kohlensaurfe Magnesia . . 7,0 

Kohlensaur. Eisenoxydul . 0,4 

Kali : 0,2 

Natron ' 1,1 

Chlornatrium 0,8 

Kieselsäure 0,7 




1,6 
12,7 
11,4 
0,1 
4,7 
0,4 
0,2 
1,3 
0,7 
0,6 



0,6 


6,3 


7,9 


7,1 


1.7 


7,7 


0,2 


0,2 


2,7 


2,7 


0,2 


0,2 


0,2 


0.4 


1,0 


0,5 


0,3 


0,1 


0,5 


0,6 


15,3 


25,8 



5,6 

8,4 
7,2 
0,2 
1,6 
0,1 
0,6 
0,4 
0,1 
0,5 



Gesammtmenge 42,1 



42,5 



33,7 



24,7 



Spuren von Phosphorsäure wurden in sämmtlichen Drainwässern 
gefunden. 

Alle diese Analysen können aber nur sehr bedingten Werth 
für die Beurtheilung des Gehaltes und Werthes der Bodenlösungen 
beanspruchen, denn die Beschaffenheit der Drainwässer ist unend- 
lich abhängig von den gleich zu besprechenden Absorptionsverhält- 
nissen der Böden und sie sind in ihrer Qualität keineswegs den Boden- 
lösungen gleichzustellen. 



3. Die Bodengase. 

Zwischen der Luft in den Hohlräumen des Bodens und der 
Atmosphäre findet stete Diffusion statt und es würde die Beschaffen- 
heit beider gleich sein, wenn nicht im Boden Verbrauch, sowie Neu- 
bildung von Gasen stattfände. 

Der Verbrauch von Gasen wird bedingt einerseits durch phy- 
sikalische Bindung (Absorption) derselben durch einzelne Bodenbe- 
standtheile, eine Eigenschaft, von welcher wir gleich eingehender 
zu sprechen haben werden, dann durch die chemischen Processe im 
Boden selbst (Oxydationen) und endlich durch die Aufnahme einzel- 



Die Bodengase. 115 

ner Gase durch die Pflanzenwurzeln. Die Neubildung von Gasen 
ist abhängig von den Zersetzungsprocessen der organischen Boden- 
bestandtheile. 

Die hier in Frage kommenden Gasarten sind Sauerstoff, Kohlen- 
säure, Stickstofl', Ammoniak und gasförmiges Wasser. Eingehendere 
Untersuchungen über die Bodenluft verdanken wir Pettenkofer, 
Fleck, Fodor u. A. Der Sauerstoffgehalt der Luft im Boden 
ist geringer als der der freien Luft, er wird zu den Oxydations- 
vorgängen im Boden und von den Pflanzen, besonders während des 
Keimens derselben, consumirt.') Der Kohlensäuregehalt ist meist 
grösser als der der Luft und steht in naher Beziehung zu den or- 
ganischen Bestandtheilen des Bodens, sowohl rücksichtlich deren 
Menge als der Intensität des Verwesungsprocesses. Fodor fand 
in 1000 Theilen Bodenluft im Durchschnitt 107,5 Theile Kohlen- 
säure, während Pettenkofer und Fleck nur die Hälfte resp. 
den vierten Theil der Kohlensäure antrafen. Im Allgemeinen nimmt 
die Kohlensäuremenge der Bodenluft mit der Tiefe zu, ferner in- 
fluiren auf den Kohlensäuregehalt das Gefüge des Bodens, 
dichtere Boden haben eine kohlensäurereichere Luft als lockere, 
die Bodentemperatur^), die Bodenfeuchtigkeit und der 
Luftdruck. 

Der freie Stickstoff der Bodenluft hat höchstens insoweit 
Bedeutung, als er von den Humuskörpern zur Bildung von Ammoniak 
verwendet wird. (Siehe S. 46.) 

Ammoniak kommt in der Bodenluft, also nicht absorbirt, 
wohl nur selten in bestimmbarer Menge und dann als Carbonat vor. 
Boussingault und Levy fanden in mit Stallmist frisch gedüng- 
tem Boden bei einer Tiefe von 14 Zoll in einer Million Theile Luft 
32 Theile Ammoniak. Fünf Tage später, nach regnerischem Wetter, 
nur 13 Theile. 

Von dem Verhalten des gasförmigen Wassers im Boden 
ist schon S. 92 die Rede gewesen. Im Allgemeinen kann man an- 
nehmen, dass in Tiefen von 2 — 6 Meter die Bodenluft mit Feuch- 
tigkeit gesättigt ist. 



1) Fodor fand im Durchschnitt von 19 Analysen einen Gehalt von 
18,33 Proc. Sauerstoff, in manchen Fällen sank er sogar bis 7,46 Proc. 

2) Nach Fleck's Beobachtungen (3. Jahresbericht d. ehem. Centralstelle. 
Dresden 1S74, S. 18) bestehen nur untergeordnete Beziehungen zwischen Boden- 
■wärme und VerwesungsYorgang im Boden, wie aus folgenden Zahlen ersichtlich ist. 

Maximum des Kohlensäuregehaltes 
Maximum der Bodentemperatur . 
Minimum des Kohlensäuregehaltes 
Minimum der Bodentemperatur 

8* 



6 Mtr. tief. 


4 Mtr. tief. 


2 Mtr. tief. 


7. Oct. 


7. Oct. 


25. Juli. 


21. „ 


16. Sept. 


3. Sept. 


18. Febr. 


1'^. Febr. 


11. Febr. 


22. April. 


25. März. 


25. „ 



116 



Die Bodens;ase. 



Folgende Tabelle (nacli Boussingault und L e v y) ') gibt 
einen Ueberblick über die Beschaffenheit der Luft in verschiedenen 
Bodenarten. 



Bezeichnung des Bodens. 



Cubikfuss Luft 
im Acre auf eine 
Tiefe von 14 ZoU 
lZon=,2,<iCtm. 

1 Cubikfuss = 

32 Cubikdecim. 
1 Acre ^ 

0,405 Hectare. 



Cubikfuss 
Kohlensäure 
im Acre auf 

eine Tiefe 
von 14 Zoll. 



Zusammensetzung der 

Luft im Boden in 100 

Volumtheilen. 



Kohlen- 
säure . 



Sauer- 
stoff. 



Stick- 
stoff. 



Sandiger Untergrund eines 
Waldes 

Lehmiger Untergrund eines 
Waldes 

Obergrund eines Waldes 

Thoniger Boden eines Arti- 
schockenfeldes ... 

Boden eines Spargellandes 
ein Jahr nicht gedüngt 

Boden eines Spargellandes 
frisch gedüngt ... 

Sandiger Boden, 6 Tage nach 
der Düngung und nach 3 
Tagen Regen 

Sandiger Boden, 10 Tage 
nach der Düngung . . 

Vegetabil. Modercompost 



4416 

3530 
5891 

10310 

11182 

11182 

11783 

11783 
21049 



14 

28 
57 

71 

86 

172 

257 

1144 

712 



0,24 — 



0,79 
0,87 

0,66 

0,74 

1,54 



2,21 — 



19.66 
19,61 

19,99 

19,02 

18,80 



9,74 
3,64 



10,35 
16,45 



79,55 

79,52 

79,35 

80,24 
79,66 



79,91 
79,91 



Cubikfuss Luft über 
einem Acre auf 14 Zoll 
Höhe 



50820 



12 



0,025 



20,945 



79,030 



Welche grosse Bedeutung eine Durchlüftung des Bodens für 
dessen chemische und physikalische Beschaffenheit, sowie für das 
Pflanzenwachsthum hat, weiss jeder Praktiker. Der praktische Theil 
dieses Buches wird Gelegenheit bieten, auf dieses Kapitel zurück 
zu kommen. 

4. Die Absorption. 

Das Vermögen der Holz- und Knochenkohle, nicht nur Farb- 
stoffe und Gase, sondern auch in Lösung befindliche unorganische 

1) Man vergleiche die eingehenden Untersuchungen Fleck's in dem 
2. und 3. Jahresbericht der ehem. Centralstelle für öffentliche Gesundheitspflege. 
Dresden. Zahn's Verlag. 



Die Absorption von Gasen. 117 

Verbindungen festzuhalten, war schon lange bekannt, aber auch, 
dass die Ackererde ein ganz ähnliches Verhalten zeigt, ist nicht 
eine Entdeckung der neuesten Zeit. Vor Gazzeri (1819) und 
Bronner (1836) hatten Bacon, Stephan Haies, Berzelius 
und Matteucci die Eigenschaft der Erde, organische und un- 
organische Stoffe zurückzuhalten, gekannt und beschrieben. Thom- 
son, Huxtable und besonders Way waren aber die ersten, 
welche specieller das Absorptions-Vermögen der Ackererde ins Auge 
fassten, eingehendere Untersuchungen über dasselbe durchführten 
und eine Erklärung dieser wichtigen Erscheinung versuchten. In 
Deutschland gebührt Lieb ig das Verdienst, auf die Beobachtungen 
Way 's und deren Tragweite für die Pflanzenvegetation aufmerksam 
gemacht und sie durch neue Versuchsreihen und Erläuterungen er- 
gänzt zu haben. In neuester Zeit haben besonders Knop und 
dessen Schüler die Absorptions-Erscheinungen auf das sorgfältigste 
studirt. 

Vollständig sind die Vorgänge bisher aber nicht erklärt worden. 
Physikalische und chemische Processe sind dabei im Spiel, wenn 
man auch einräumen muss, dass letztere überwiegen. Oft hat man 
wohl das Absorptionsvermögen der Erde als eine Art „Polizei" für 
die den Pflanzen zuträglichen und nicht zuträglichen Nährstoffe 
dargestellt, das ist aber nicht richtig, denn viele den Pflanzen 
schädliche Bestandtheile, z. B. das Kupfer, werden von der Erde 
absorbirt, andere nützliche, wie z. B. die Salpetersäure, dagegen 
nicht. Mit Recht kann man dagegen wohl annehmen, dass das Ab- 
sorptionsvermögen als Regulator für die Concentration der Nährstoff- 
lösnno'en im Boden wirkt. 



a. Die Absorption von Gasen. 

Schon oben haben wir gesehen, dass die Bodenluft selten die 
Zusammensetzung der Atmosphäre hat. Eingehendere Untersuchungen 
über die Condensation der Gase durch Erden verdanken wirReichardt 
und Blumtritt, Döbrich und Scheermesser. Döbrich, 
welcher sehr viele natürliche Bodenarten untersuchte, fand im 
Durchschnitt 

Sandboden. 
100 Grm. der Böden gaben 

Cubikcentimeter Gas . . 29,4 
100 Volumina der Böden gaben 

Volumina Gas .... 39,9 



Kalkboden. 


Thonboden. 


41,16 


32,2 


58,37 


46,1 



118 Die Absorption vor Gasen. 

Das Gas bestand ans : Sandboden. Kalkboden. Thonboden. 

Kohleusäure 16,5 38,8 26,4 

Sauerstoff 15,0 10,2 13,3 

Stickstoff 68,5 51,0 60,3 

Verliältniss des Sauerstoffs zu 

Stickstoff = 1 : . . . . 4,6 5,0 ' 4,5 

Mit Berücksichtigung der anderen Untersuchungen lässt sich 
kurz resumiren: Kohlensäure findet sich, obgleich sie manchmal 
ganz fehlt, gewöhnlich reichlich in den absorbirten Gasen; der 
Sauerstoff fehlt öfters beinahe oder ganz; der Stickstoff ist meist 
in grösserem Verhältniss absorbirt, als er in der Atmosphäre auf- 
tritt, auch ist er in einigen Fällen sehr stark verdichtet, z. B. beim 
Torf, dem Eisenoxydhydrat und der kohlensauren Magnesia. Das 
Verhältniss des Sauerstoffs zum Stickstoff wird durch Befeuchten 
zu Gunsten des letzteren abgeändert. Bei Bodenarten, welche ver- 
wesende organische Substanzen enthalten, ist ein Theil der Kohlen- 
säure öfters durch Kohlenoxyd ersetzt. Der Kohlensäuregehalt der 
Bodenarten steigt proportional dem Gehalt derselben an Eisenoxyd- 
hydrat; durch Einwirkung der Sonnenwärme, wie überhaupt durch 
die höhere Tagestemperatur, wird ein grosser Theil der absorbirten 
Kohlensäure ausgetrieben, aber während der Nacht wieder ersetzt. 
Stets ist der Gehalt derselben am Morgen grösser als gegen Abend. 
Feuchte Erdmischungen verlieren ihre Kohlensäure unter Einwirkung 
der Sonnenstrahlen viel leichter als trockene. Wichtig für das 
Pflanzenwachsthum ist besonders das Verhalten des Eisenoxydrates, 
welches bei Gegenwart von Wasser und kohlensaurem Kalk die 
absorbirte Kohlensäure abgibt und den kohlensauren Kalk löst. 

Das Eisenoxyd übt aber auch dadurch günstige Rückwirkungen 
auf die Culturpflanzen, dass es, wie Bretschneider nachgewiesen 
hat, ganz beträchtliche Mengen von Stickstoff in Form von Ammo- 
niak aus der Luft absorbirt. Für die Fähigkeit der einzelnen Boden- 
constituenten, Stickstoff in Form von Ammoniak aus der Atmosphäre 
aufzunehmen, fand Bretschneider folgende Zahlen pro Hectar: 

Kilo. 
1. Ein Gemisch aus reinem Quarz und 5proc. ülmin 46,041 

•^•n n n n n r> " n n 24,o(J2 

"•a n n n n r> ^ r> n 7,UUo 

4. Ulmin 6,495 

5. Eisenoxyd 12,495 

6. Kohlensaurer Kalk 3,286 

7. Gyps 0,295 

8. Quarz 1,619 

9. Ruhiger Wasserspiegel 0,814. 



Die Absorption fester Substanzen aus Lösungen. 119 

Die Meng;e des physikalisch von den einzelnen Bodenarten ab- 
sorbirten Ammoniaks wechselt sehr, sie wird nach Brust lein 's 
Untersuchungen durch Regen und Thau, sowie durch Düngen ver- 
mehrt und durch Verdunstung des Wassers vermindert. Im Allge- 
meinen ist die wirklich physikalisch absorbirte Menge des Ammoniaks 
äusserst gering. Von dem im Boden chemisch gebundenen Ammoniak 
wird gleich die Rede sein. 

b. Die Absorption fester Substanzen aus Lösungen. 

Die ersten diesbezüglichen Versuche wurden mit Mistjauche 
gemacht. Man überzeugte sich, dass, wenn stinkende missfarbige 
Mistjauche durch eine genügende Erdschichte hindurch filtrirte, sie 
entfärbt, hell und geruchlos ablief. Durch quantitative Bestimmun- 
gen fand man, dass nicht allein die Farbstoffe und die übelriechen- 
den , sich zersetzenden organischen Substanzen , sondern auch ein 
Theil der unorganischen Stoffe in der Erde zurückgehalten wurden, 
gleichzeitig wurde aber auch ein Austausch zwischen Bestandtheilen 
der Lösungen und des Bodens constatirt. 

Einen überzeugenden Beleg liefert uns Völcker, Er übergoss 
300 Gewichtstheile Ackererde mit 4000 Gewichtstheilen Mistjauche, 
verdünnt durch ebenso viel Wasser. Die Jauche enthielt in einer 
gleichen Menge (1 Gallon = 7000 Grain) 

Yor der Berübrung Nach der Berührung 
mit Erde mit Erde 

Ammoniak 19,68 Grain , 6,91 Grain 

Organische Substanz .... 184,05 „ 118,50 „ 

Kieselsäure 0,75 „ 2,38 „ 

Phosphorsauren Kalk und Eisen- 
oxyd 7,90 „ 1,54 „ 

Kohlensauren Kalk .... 17,46 „ 79,72 „ 

Schwefelsauren Kalk ... 2,18 „ 7,92 „ 

Kohlensaure Talkerde ... 12,83 „ 6,16 „ 

Kochsalz 22,85 „ 18,90 „ 

Chlorkalium 35,25 „ 26,44 „ 

Kohlensaures Kali .... 85,27 „ 4,29 „ 

338,22 Grain 282,76^ Grain 

Wir sehen, dass hier namentlich organische Stoffe, Ammoniak 
und kohlensaures Kali von der Erde festgehalten, kohlensaurer 
Kalk, schwefelsaurer Kalk und Kieselsäure hingegen ausgeschieden 
wurden. 

Während man früher, dem Vorgange Liebig's folgend, diese 
Absorptionserscheinungen lediglich als physikalische Vorgänge, als 



120 Die Absorption fester Substanzen aus Lösungen, 

mechanische Flächenattraction zu erklären geneigt war, drängen die 
zahlreichen neueren Untersuchungen mehr und mehr zu der Gewiss- 
heit, dass wenigstens die Absorption der unorganischen Verbindun- 
gen ein rein chemischer Vorgang sei, als welchen ihn schon 
Way aufgefasst hatte. Die Farbstoffe und die organischen Riech- 
stoffe, Körper, die einen ganz specifischen Charakter und zumeist 
ein hohes Moleculargewicht besitzen, scheinen hingegen nur mecha- 
nisch gebunden zu werden. Was nach dem jetzigen Standpunkte 
unseres Wissens über die Absorption der für die Pflanzen wichtigen 
Salze, Säuren und Basen eruirt wurde, sei im Nachfolgenden nach 
Knop^) kurz zusammengefasst. 

Absorbirt werden von pflanzlichen Nährstoffen die Basen: 
Ammoniak, Kali, Natron, Kalk und Magnesia; die Säuren: Kiesel- 
säure und Phosphorsäure. Salzsäure, Schwefelsäure und Salpeter- 
säure werden nicht absorbirt. 

Zunächst verdienen besondere Beachtung die Absorptionsverhält- 
nisse des Ammoniaks, des Kalis und der Phosphorsäure aus Lösun- 
gen derselben oder eines ihrer Salze. Bei allen dreien sind sowohl 
die Substanzen, welche die Absorption bewerkstelligen, als die Ur- 
sachen, warum diese absorbiren, verschieden. 

Die Phosphor säure wird lediglich deshalb der Boden- 
flüssigkeit entzogen, weil sie mit den im Boden vorhandenen Basen 
aus der Reihe der Erden und schweren Metalle in Wasser unlös- 
liche Verbindungen eingeht. Bringt man ein Superphosphat als 
Dünger in die Erde, so bildet sich binnen wenigen Tagen vorzugs- 
weise unlösliche phosphorsaure Kalk- und Talkerde und in geringe- 
ren Mengen phosphorsaures Eisenoxyd und phosphorsaure Thonerde. 
Mit der Zeit mag dann der phosphorsaure Kalk seine Säure an 
Eisenoxyd und Thonerde ganz und gar abgeben und damit unwirk- 
samer werden. Von den Bestandtheilen des Bodens können also 
die Carbonate der Kalkerde und Talkerde ohne Weiteres die Auf- 
nahme der Phosphorsäure erhöhen und ebenso diejenigen Silicate, 
welche bei der Verwitterung Thonerdehydrat und Eisenoxydhydrat 
liefern, wie die Sesquioxydsilicate , sowie auch diejenigen, unter 
deren Monoxyden Kalkerde, Talkerde und Eisenoxydul erscheinen. 
Die Phosphate der Alkalien sind in Wasser leicht löslich. Mit Gyps 
können sich lösliche Phosphate nach und nach in der Weise 
umsetzen, dass die Phosphorsäure an den Kalk tritt und dafür die 
Schwefelsäure aus demselben frei wird. Man sieht, die Absorption 
der Phosphorsäure beruht lediglich auf chemischer Bindung. 

Was das Kali anbetrifft, so ist wohl nicht daran zu zweifeln, 



1) Siebe Knop, die Eonitirung der Ackererde. 2. Ausgabe. Leipzig 1872. 



Die Absorption fester Substanzen aus Lösungen. 121 

dass es aus einer Lösung von Aetzkali und kohlensaurem Kali ohne 
Weiteres chemische Verbindungen mit gewissen Gemengtheilen der 
Ackererde eingehen kann. Die Thatsache aber, dass die Erden die 
stärksten Säuren, wie Schwefelsäure, Salzsäure, Salpetersäure vom 
Kali (auch vom Ammoniak) abspalten, verbunden mit der Erschei- 
nung, dass die Erden aus concentrirten Lösungen mehr von den 
Basen aufnehmen, wenn man sie mit grösseren Mengen Lösung des- 
selben Salzgehaltes tibergiesst '), widerstreitet den Regeln der Chemie. 
Aus diesem Grunde schreibt Knop den Erden ein „Dissocia- 
tions vermögen" zu-), welches die Trennung der Basen von den 
Säuren bewerkstelligt, worauf dann die chemische Verbindung er- 
folgt. 

Sehr viel Kali wird absorbirt, wenn in einer Erde wasser- 
haltige Silicate und zugleich Eisenoxydhydrat und Thonerdehydrat 
reichlicher enthalten sind, ferner von freier amorpher Kieselsäure 
und fein vertheilten wasserfreien Silicaten, sowie von kohlensaurer 
Ammoniakthonerde, phosphorsaurer Thonerde und phosphorsaurem 
Eisenoxyd. Wenig oder gar kein Kali wird von folgenden Consti- 
tuenten der Ackererde absorbirt: von Eisenoxydhydrat oder Thon- 
erdehydrat, wenn diese allein sind, von den Aluminaten der Mon- 
oxyde, von humussauren Salzen, von den Carbonaten der Kalk- 
und Talkerde. 

Das Ammoniak wird nicht gebunden von freier Kieselsäure, 
wenig von eisenfreien sauren und schlecht verwitterten Silicaten, 
stärker und stark von gutverwitterten sauren und besonders von 
basischen Silicaten, seien diese wasserfrei oder wasserhaltig. Es 
wird nicht gebunden von Silicaten in dichtem, gefrittetem oder gla- 
sigem und krystallinischem Zustand. Das Silicat muss erdig zer- 
fallen oder doch porös, von erdigem Bruch sein. Es wird ferner 
nicht absorbirt von den Carbonaten der alkalischen Erden und nicht 
von Gyps. 

Phosphorsaure Talkerde, Thonerdehydrat und Eisenoxydhydrat 
binden etwas Ammoniak, die beiden letztgenannten verlieren aber 
das Vermögen durch Glühen. Humussaurer Kalk absorbirt das 
Ammoniak stark. 

Im Ganzen sind also die Bodenconstituenten, welche Ammoniak 



1) Mayer formulirt die bedenklichen Momente in folgenden Sätzen : „Aus 
verdünnten Lösungen wird regelmässig weniger absorbirt als aus concentrirteren." 
„Die absorbirten Stoffe können durcb Auswaschen mit vielem "Wasser theilweise 
wieder der Erde entzogen werden." „Aus einer grösseren jNIenge Lösung wird 
mehr absorbirt als aus einer kleineren Menge von derselben Concentration." 

2) Mayer erklärt diese Vorgänge durch chemische Massenwirkung und 
führt ähnliche Beispiele bei unleugbar rein chemischen Processen an. 



122 Die Absorption fester Substanzen aus Lösungen. 

binden, fast dieselben, welche Kali absorbiren. Beiderlei Absorp- 
tionen sind aber darin von einander verschieden, dass das Kali 
von freier Kieselsäure und sauren Silicaten, sowie von phosphor- 
saurer Thonerde und phosphorsaurera Eisenoxyd gebunden wird und 
nicht von phosphorsaurer Talkerde und humussaurem Kalk, während 
das Ammoniak nicht gebunden Avird von freier Kieselsäure, we- 
niger von sauren als von basischen Silicaten und entschieden von 
phosphorsaurer Talkerde und humussaurem Kalk. 

Im Allgemeinen steigt die Absorption der Bodenarten mit der 
Höhe der aufgeschlossenen Silicatbasen , mit der des Glühverlustes 
und mit der Zunahme der Sesquioxyde im Silicat, wenn mit diesen 
letzteren zugleich die Menge der aufgeschlossenen Silicatbasen sich zu 
höheren Procentsätzen erhebt. Es ist also das Absorptionsvermögen 
vorzugsweise eine Folge der Verwitterung der Sesquioxydsilicate. 

Temperaturen, die nicht weiter als innerhalb 12— 20 ^ schwan- 
ken, haben keinen Einfluss auf die Grösse der Absorption, 

Bei Vergleichung der Kali- und Ammoniak-Absorptionen stellt 
sich die Relation heraus, dass im Ganzen den niedrigen Ammoniak- 
absorptionen niedrige Kaliabsorptionen und den höheren Ammoniak- 
absorptionen höhere beim Kali entsprechen. 

Welchen Werth haben aber die Absorptionsverhältnisse für den 
Landwirth ? Stehen dieselben mit dem Grade der Fruchtbarkeit in 
nachweisbarem Verhältniss? 

Aus den zahlreichen Untersuchungen, die Knop und seine 
Schüler zur Lösung dieser Fragen angestellt haben, folgert Knop, 
dass Erden, welche eine Absorption von nur — 1 besitzen, völlig 
unfruchtbar sind. Eine Absorption von 8 — 10 ist schon genügend, 
um einen Boden für bauwürdig zu erklären, die von 15 ist gut, 
und fruchtbare Boden , wie z. B. die Lössarten , zeigen eine Ab- 
sorption von 20 — 25. Die Absorption steigt noch viel höher bei 
Boden ersten Ranges, Absorptionen von 50 — 100 sind häufig, der 
Nilschlamm (siehe Tab. S. 129) zeigt sogar eine solche von 135.') 

Zwischen der Absorption der Krume und der des Untergrundes 
lassen sich keine bestimmten Beziehungen ableiten, ebenso bedingen 
verschiedene Fruchtfolgen und Düngungen keinerlei bestimmbare 
Verschiedenheiten. 

Fassen wir nochmals die Rückwirkungen der Absorptionser- 
scheinungen auf die Vegetation zusammen, so sind es folgende : die 
Absorption regulirt die Bodenlösungen in ihrem Substanzgehalt, sie 



1) Die Zahlen drücken die Menge Stickgas von 0** bei 760 Millim. Baro- 
meterstand aus, welche das von der Erde absorbirte Ammoniak geben würde, 
wenn man es durch unterbromigsaures Natron zersetzte. 



Die üntersuclumg des Bodens. 123 

hält nützliche Bodenbestandtheile zurück, sie bringt eine Anzahl 
von wichtigen Nährstoffen in unlösliche, aber mechanisch und che- 
misch ausserordentlich zugängliche Form. 

Behandlung d er Erden behufs der Absorptionsbestimmungen 
nach Knop. Man mischt, je nachdem man den Versuch mit 50 oder 100 Grm. 
Feinerde anstellt, 50 Grm. derselben mit 5 Grm. Kreidepulver oder 100 Grm. 
Feinerde mit 10 Grm. Kreide und dem doppelten Gewicht (100 — 200 C.-C.) 
einer Ammoniaksalzlosung von bekanntem Ammoniakgehalt. Als Ammoniaksalz 
wählt man den Salmiak und bereitet davon eine Losung genau von der Con- 
centration, dass das iVmmoniak bei seiner Zersetzung für jeden G.-C. Flüssigkeit 
gerade 1 C.-C. Stickgas liefert. Zu dieser Bereitung ist zu merken, dass 1 Grm. 
Salmiak 0,2616 Grm. Stickstoff enthält, welche bei 0° Temperatur und 2S Zoll 
Barometerstand 20S C -C. einnehmen. Man hat also in je 20S C.-C. Wasser 
1 Grm. Salmiak zu lösen. Am besten bereitet man sich eine zehnfach concen- 
trirtere Lösung und füllt diese erst beim Gebrauch auf das erforderliche Volum 
mit Wasser auf. 

Man lässt unter öfterem Umschütteln die Erden 4S Stunden mit dieser 
Losung in Berührung. Darauf filtrirt man 20 oder 40 C.-C. Flüssigkeit durch 
ein trockenes Filter ab, bestimmt darin den Stickstoff (mit unterbromigsaurem 
Natron, S. Fresenius, Zeitschr. f. analyt, Chemie. 1S70. S. 225) und berech- 
net darnach den Verlust Stickstoff', den die ganze Menge (200 C.-C.) Flüssigkeit 
bei Berührung mit 100 Grm. Feinerde erlitten hat. 

Diese Zahl, die Menge Stickstoff' in C.-C. angegeben, welche 100 Grm. 
Erde in Form von Ammoniak absorbirt haben, nennt man die Absorptionsgrösse. 

Hat man es nicht mit sedimentären, sondern mit Verwitterungs-Boden zu 
thun, so müssen, da die Körner und Brocken letzterer sehr zerklüftet sind und 
auch mehr oder weniger absorbiren, zwei Bestimmungen vorgenommen werden, 
die eine mit der Feinerde, die zweite mit dem Rückstand, der auf dem Feinsiebe 
zurückbleibt. 

5. Die Untersuchung des Bodens (mechanische und chemische Analyse). 

Zur Zeit, als man überhaupt anfing, Agriculturchemie zu be- 
treiben, wurde die Analyse des Bodens, speciell die chemische Boden- 
analyse in ihrem Werth für die pralitische Landwirthschaft weit 
überschätzt. Man analysirte flott darauf los, ohne sich viel um die 
Form, in welcher die Bestandtheile im Boden sich befinden, zu 
kümmern. Der Rückschlag blieb nicht aus und es ist noch gar 
nicht so lange her, dass von hervorragenden Agriculturchemikern 
der Werth der Bodenanalysen gänzlich negirt wurde. Die Gegen- 
wart lenkt in die rechte Mitte ein und weist der Analyse für die 
Beurtheilung des Reichthumes und der Fruchtbarkeit eines Bodens 
jene Giltigkeit zu, die sie ganz besonders seit der Zeit mit Recht 
beanspruchen darf, als man der mechanischen Untersuchung grössere 
Bedeutung einräumte und die mechanisch-physikalische Prüfung mit 
der chemischen in causalen Zusammenhang brachte. Freilich gibt 
es gerade auf dem Gebiete der Bodenanalyse noch viel Gelegenheit 
zu eingehenden Studien, besonders zur Vereinfachung der bisher 



124 Die mechanische Analyse. 

eingehaltenen Methoden, noch sind die physikalischen Eigenschaften 
in ihrem Zusammenhang und ihrer Abhängigkeit von den chemischen 
Constituenten des Bodens sehr mangelhaft erforscht, noch vermag 
man die einzelnen Bodenbestandtheile rticksichtlich des Grades ihrer 
Disponibilität für die Pflanzen nicht scharf zu trennen, noch kennt 
man nicht genau die Art der Verbindung, in welcher die organischen 
Substrate des Bodens zu den anorganischen stehen, — aber trotz 
alledem ist die Boden-Analyse ein geradezu unentbehrliches Hilfs- 
mittel für die Werthbestimmung eines Bodens, wenn man die Trag- 
weite der Methoden und Ziffern richtig zu deuten versteht und nicht 
mehr von ihr verlangt, als sie leisten kann. 

a. Die mechanische Analyse/) 

Die Ackererde besteht aus gröberen und feineren Gesteins- 
partikeln, welche keineswegs gleichwerthig sind. Die feinsten Be- 
standtheile sind die Hauptträger der für die Vegetation in Betracht 
kommenden physikalischen und chemischen Eigenschaften, der 
grössere oder geringere Gehalt an Feinerde gegenüber den 
gröberen Bestandtheilen , dem Boden skelett, ist daher für den 
Werth eines Bodens bestimmend. Zur Trennung der Feinerde von 
dem Bodenskelett bedient man sich des Schlämmens oder des Siebens 
oder vereinigt beides. Die gebräuchlichen Schlämmapparate kann 
man mitKnop eintheilen in Sedimentir- und Spülapparate. 
Bei ersteren ruht das Wasser und die einzelnen Erdpartien setzen 
sich je nach ihrem specifischen Gewicht rascher oder langsamer zu 
Boden, bei letzteren ist das Wasser in Bewegung und spült die 
specifisch leichteren Theile weiter als die specifisch schwereren. 

F. Schulze, welcher zuerst einen entsprechenden Schlämm- 
apparat constroirte, v/endete hydraulischen Druck und konische 
Schlämmbehälter an, B e n i n g s e n - F ö r d e r wählte zu dem Schlämm- 
raum einen Cylinder mit vier seitlichen Oeffnungen zum Abfluss. 
Nobel setzte seinen Apparat aus vier conischen Gefässen zusammen, 
deren volumetrisches Verhältniss untereinander sich verhält wie 
13= 1 . 23=8 : 33 = 27 : 43= 64. 

Das erste kleinste Gefäss steht mit dem längeren Arm eines 
Hebers in Verbindung, dessen kürzerer Arm in ein erhöht stehen- 
des grosses, mit Wasser gefülltes Gefäss taucht. Der Abfluss ist 



1) Die sich für die Details der mechanischen Analyse Interessirenden ver- 
weise ich auf: v. Gohren, Anleitung zu chemischen Untersuchungen mit be- 
sonderer Beziehung auf Landwirthschaft und landwirthschaftliche Industrie. 
Leipzig, C. L. Hirschfeld; Wolff, Anleitung zu chemischen Untersuchungen. 
Berlin, und Knop, die Bonitirung der Ackererde. Leipzig, H. Hassel. 



Die mechanische Analyse. 125 

SO zu reguliren, dass in 40 Minuten 9 Liter Wasser den Apparat 
passiren. Von der zu prüfenden Erde , die man vorher mittelst 
Sieben von den Steinchen befreit hat, bringt man 30 Grm. in den 
zweiten Trichter , füllt sämmtliche Behälter mit Wasser und lässt 
nun das Wasser durchziehen. Die einzelnen Feinheitsgrade können 
nach den Nummern der Schlämmtrichter oder auch durch folgende 
Benennungen unterschieden werden : 

Inhalt Nr. 1. kleine Gebirgstrümmer, Steinchen u. s. w., 
„ „2. grober Sand, 
„ r, S. feiner Sand, 
„ s 4. thoniger Sand, 
„ n 5. feinste (thonige) Substanz. 

Da das Resultat sehr different ist je nach der Geschwindigkeit 
des Wassers und die conische Form in dieser Beziehung keine 
Gleichmässigkeit gestattet, verbesserte Schöne den Schlämmapparat 
durch Verbindung des conischen mit dem cylindrischen Schlämm- 
raum und Anwendung eines „ Piezometers ", welcher die Druckhöhen 
angibt, unter denen das Wasser ausströmt. Der Schöne 'sehe 
Apparat gestattet wohl genaue Trennung der Gemengtheile des 
Bodens nach der Feinheit des Kornes, jedoch erfordert die ganze 
Operation sehr viel Zeit. 

Knop wendet als Sedimentirapparat einen Glascylinder mit 
vier Tubulaturen an. Die unterste Tubulatur soll so hoch über 
dem Boden stehen, dass sie frei bleibt, wenn man 50 Grm. Erde 
in den Cylinder gibt ; die anderen Tubulaturen sind in Entfernungen 
von je 1 Decimeter angebracht. Bei der Ausführung rührt man 
50 Grm. Erde in einer Schale mit Wasser au und lässt einen Tag 
lang stehen, darauf bringt man den Inhalt auf ein feinstes Messing- 
drahtsieb, wäscht mittelst eines Borstenpinsels die Feiuerde aus, füllt 
das trübe Wasser in den Schlämmcylinder und gibt Wasser bis zu 
einer Höhe von 1 Decimeter über dem obersten Hahn zu. Nach 
Umschütteln lässt man von 5 zu 5 Minuten das trübe Wasser aus 
den 3 oberen Tubulaturen ausfliessen. Das gesammelte feinste 
Pulver der Erde bezeichnet man als Staub, den Rückstand, der 
beim Schlämmen im Cylinder bleibt, als Feinsand. Den trocke- 
nen Rückstand auf dem Feinsiebe zerlegt man darauf mit einem 
gröberen Siebe in Kiese und Grobsand. Die Kiese mit Hilfe 
von drei Durchschlägen in dreierlei Unterabtheilungen : Feinkies, 
vom Korn des Rübsamens, M i 1 1 e 1 k i e s , vom Korn des Coriander- 
samens, und Grob kies, vom Kaliber der Erbse. Alles Gröbere 
sondert man als grobes Gestein aus. Für Zwecke eingehenderer 
Bonitirung wendet Knop das Schlämmen nicht an, sondern benutzt 
lediglich Siebe verschiedener Feinheit. 



126 Die chemische Analyse. 

Die beste Methode, die einzelnen Bodenbestandtheile von ein- 
ander zu trennen, dürfte aber die mechaniscli- chemische Schlö- 
sings sein. Man versetzt die in Wasser suspendirte Feinerde mit 
Salpetersäure bis zur schwach saueren Reaction, beliandelt das Ge- 
menge von Thon und staubfeinem Sand oder Gestein so lange mit 
Wasser, bis der Thon seine colloidale Beschaffenheit wieder erlangt 
hat, hierauf digerirt man die vom Filter heruntergenommene 
Mischung eine Stunde lang mit Ammoniak, lässt 24 Stunden stehen 
und decantirt sodann den in der Flüssigkeit suspendirten Thon vom 
Sandstaub und Grandstaub , welcher für sich getrocknet und ge- 
wogen wird. Die abgegossene Flüssigkeit, welche Thon, Humus, 
Eisenoxyd und Thonerde enthält, wird abermals mit verdünnter 
Salpetersäure (oder Chlorammonium) versetzt, wodurch der Thon 
„coagulirt" und niederfällt. Man decantirt nach dem Absetzen und 
wägt nach wiederholtem Auswaschen und Trocknen den zurück- 
bleibenden Thon. 

Bei all diesen Bestimmungen soll zur besseren Informirung das 
Mikroskop fleissig benutzt werden. 

Um die mechanischen Bestandthcile zu veranschaulichen, empfiehlt sich die 
Anfertigung von Bodenkarten. Zu dem Ende schneidet man in gerader 
verticaler Linie und in gleichem Abstand vjn einander 6 rechteckige Felder 
von 2 — 3 Finger Breite in Blech aus. Man legt diese Schablonen auf ein Blatt 
starkes Papier und bestreicht die P' eider mit Leim, übersiebt das oberste mit 
der Feinerde, das zweite mit der geglühten Feinerde, das dritte mit dem Sand, 
das vierte mit Feinkies, das fünfte mit Mittclkies und klebt endlich auf das 
sechste eine Anzahl Körner des Grobkieses auf. 

b. Die chemische Analyse. 

Es kann unmöglich die Aufgabe dieses Buches sein, eingehend 
die verschiedenen Methoden der chemischen Analyse des Bodens zu 
besprechen. Bezüglich der Details der chemischen Bodenanalyse 
verweise ich auf die oben in der Anmerkung angegebenen Werke. 
Hier handelt es sich nur um die Hauptgesichtspunkte und die all- 
gemeinsten Umrisse des Verfahrens. Die chemischen Bestandtheile 
des Bodens treten in zwei Formen auf, sie sind entweder für die 
Pflanzen sofort disponibel und assimilirbar oder sie sind noch in 
einer für die Pflanzen unzugänglichen, wenigstens nicht sofort ver- 
werthbaren Form. Für den Landwirth ist die Kenntniss der erst 
genannten Gruppe von Bestandtheilen von höherem Werth, denn 
er will wissen, welches Boden-Betriebs-Capital ihm für seine Cultur- 
pflanzen sofort zur Verfügung steht und erst in zweiter Linie 
interessirt ihn der in künftigen Zeiten flüssig werdende Vorrath. 
Leider gestatten die bisherigen Untersuchungsmethoden (Ausziehen 
mit kalter Salzsäure, mit Essigsäure, mit kohlensäurehaltigem oder 



Die chemische Analyse. 1 27 

reinem Wasser) nicht die beiden Gruppen scharf zu trennen. Aber 
gewonnen hat man für die Vergleichbarkeit der einzelnen Analysen 
doch wesentlich in sofern, als die Agriculturchemiker jetzt nicht 
wie früher die Gesammterde, sondern nur die Fein erde der 
chemischen Analyse unterziehen und als auf die Gewinnung einer 
ordentlichen Durchschnittsprobe grössere Sorgfalt verwendet wird. 
Selten wohl wird ein Landwirth in die Lage kommen, selbst eine 
chemische Bodenanalyse vorzunehmen, öfter aber wird er Veran- 
lassung haben, Erdproben seinen Feldern zum Zweck einer chemi- 
schen Analyse zu entnehmen und deshalb möge kurz bemerkt sein, 
wie er bei der Probeentnahme vorzugehen hat. Es muss dabei 
alle erforderliche Vorsicht beobachtet werden, je nachdem man von 
einer grösseren Fläche des Feldes eine mittlere Probe sich ver- 
schaffen oder nur von einer einzigen Stelle, wo vielleicht be- 
sondere Erscheinungen in dem Wachsthum der Pflanzen sich darbieten, 
den Boden einer Untersuchung unterwerfen will , — je nachdem 
man die Ackerkrume oder den Untergrund bis zu einer grösseren 
oder geringeren Tiefe hinsichtlich der Bodenbeschaffenheit zu prüfen 
beabsichtigt. 

Man lässt ein viereckiges Loch von etwa 30 — 50 Centimeter 
im Quadrat mit senkrechten Seitenwänden und möglichst horizontaler 
Bodenfläche graben und nimmt sodann von der einen Seitenwand 
einen senkrechten, überall gleichmächtigen Abstich als Bodenprobe. 
Es muss die Tiefe angegeben werden, bis zu welcher der senkrechte 
Abstich gemacht worden ist. Im Allgemeinen genügen zu einer voll- 
ständigen Untersuchung des Bodens 5 Kilogr. Erde. Möglichst sorg- 
fältige Angaben sind zu sammeln über den geognostischen Ursprung 
des Bodens; die Beschaffenheit der tieferen Schichten, wenigstens 
bis zu einer Tiefe von 1\2 bis 2 Meter; die klimatischen Verhält- 
nisse nach allgemeiner Erfahrung, wenn nicht sorgfältige und lang- 
jährige Beobachtungen vorliegen; die Seehöhe des Feldes; die Art 
der Bestellung und Fruchtfolge in den vorhergehenden Jahren; die 
Menge und Art der stattgehabten Düngung; die in den zunächst 
vorausgehenden Jahren wirklich erzielten Ernteerträge und womög- 
lich auch die Durchschnittserträge des betreffenden Feldes bei dem 
Anbau der wichtigeren Culturpflanzen. 

Bei der eigentlichen chemischen Analyse lässt man, wie schon 
erwähnt, successive verschieden kräftig wirkende Lösungsmittel auf 
den Boden einwirken und zwar a. kaltes destillirtes Wasser, bis zu 
1/4 mit reiner Kohlensäure gesättigt ; b. verdünnte Essigsäure (H. v. 
Liebig); c. kalte concentrirte Salzsäure von 1,15 specifischem Gew. ; 
d. kochende concentrirte Salzsäure von gleichem Gehalt; e. heisse 
concentrirte Schwefelsäure; f. Fluorwasserstoffsäure. 



128 Die chemische Analyse. 

Ausser diesen Auszügen werden noch folgende einzelne Be- 
standtheile des Bodens quantitativ untersucht: 1, Das hygroskopisch 
und mechanisch absorbirte Wasser; 2. Der Gesammt - Glühverlust ; 
3. Der Kohlenstoff in organischer Verbindung — wasserfreier Hu- 
mus — chemisch gebundenes Wasser; 4. Die Kohlensäure; 5. Die 
Gesammtmenge des Stickstoffs; 6. Die Menge des fertig gebildet 
vorhandenen Ammoniaks; 7. Die Salpetersäure; 8. Das Chlor; 

9. Die Gesammtmenge des Schwefels und der Schwefelsäure; 

10. Die Gesammtmenge des vorhandenen Eisenoxydhydrates und 
Eisenoxyduls. Es ist einleuchtend, dass alle diese Bestimmungen 
viel Zeit erfordern und nur von Fachchemikern zu wissenschaftlichen 
Zwecken in dieser Ausdehnung vorgenommen werden können. Ge- 
lingt es, einfachere Methoden für die Beurtheilung der chemischen 
Potenz des Bodens zu finden, so wäre damit für die praktische 
Verwerthung der Bodenanalyse viel gewonnen. 

Auch auf diesem Gebiete verdanken wir W. Knop die Initiative. 
Soll die chemische Analyse der Ackerde Nutzen haben, so, meint er 
mit Recht, ist nothwendig, die Fragen nach den Nährstoffen, seien 
diese flüssige (in der Bodenflüssigkeit gelöste) oder feste (von der Fein- 
erde absorbirte), von der Frage nach dem Vorrathsmagazin und der 
Wohnung der Pflanzen zu trennen. Und da die wichtigsten physika- 
lischen Eigenschaften einer Ackererde an der Feinerde haften, so muss 
diese quantitativ genau untersucht werden, aber in der Weise, dass 
die Analyse die Frage beantwortet; wie weit nehmen an der Mischung 
der Feinerde Kieselsubstanz und Silicate, die Carbonate der Kalk- 
erde und Talkerde und in besonderen Fällen die Sulphate der Kalk- 
erde und, hätte man es zufällig mit einem Salzboden zu thun, noch 
Chloride als schädliche Bestandtheile, sowie endlich Wassergehalt 
und Humus Theil? Es muss ferner mit Rücksicht auf die Absorp- 
tion bestimmt werden, ob die Silicate zum grösseren Theil Sesqui- 
oxydsilicate (thongebende) oder Monoxydsilicate und ob beide gut 
oder schlecht verwittert sind. Von den absorbirten Mineralbasen 
und Mineralsäuren wird abgesehen, da deren Menge selbst in der 
fruchtbarsten, vollgedüngten Erde kaum 1 Procent beträgt. Das 
Schema, welches Knop mit Rücksicht auf vorstehende Momente für 
die chemischen Glieder der Feinerde aufgestellt hat, ist folgendes : 

In 100 Gewichtstheilen Feinerde : 

/ a. Hygroskopisches Wasser. 

I, Glühverlust < b. Gebundenes Wasser. 

\ c. Humus. 

100 — (a + b-f-c)- Feinboden 

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Mechanische und chemische Zusammensetzung yerschiedener Ackererden. Unteisncht nach W. Knop's Methode. 







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der bei 100° getrockneten 






























































Erde sind enthalten: 






























































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— 


1,15 


— 


— 




9,87 


— 


— 


11,25 


— 


13,15 


12,78 


1,43 


— 


1,95 


— 


— 




1,12 


2,20 


— 


1,27 


_ 


0,27 


7,24 





Skelett /Grobsand .... 


— 


— 


— 


— 


— 


5,20 


— 


— 




7,81 


— 


— 


5,69 


— 


5,20 


3,96 


3,65 


— 


2,15 


— 


— 




1,85 


4,07 





2,03 





0,44 


2,98 





\ Feinsand .... 


— 


— 


— 


— 


— 


33,10 


— 


— 




35,44 


— 


— 


11,80 


— 


14,33 


5,88 


4,79 


— 


4,94 


— 


— 




3,57 


10,73 





4,15 





0,76 


4,40 





; Feinster Sand . . . 


— 


— 


— 


— 


— 


56,34 


— 


— 




32,20 


— 


— 


57,96 


— 


58,08 


71,60 


63,27 


— 


70,87 


— 


— 




76,23 


69,79 





54,36 





41,83 


59,91 





Feinerde < Thon 


— 


— 


— 


— 


— 


4,12 


— 


— 




11,08 


— 


— 


12,94 


— 


7,09 


5,27 


12,20 


— 


18,33 


— 


— 




15,66 


12,40 





27,51 





35,07 


22,23 





,Kalk-u.TaIkcarbonat 


— 


— 


— 


— 


— 


0,09 


— 


— 




0,60 


— 


— 


0,36 


— 


2,15 


0,51 


14,66 


— 


1,76 


— 


— 




1,57 


0,81 


— 


10,68 


— 


21,63 


3,24 


- 


In 100 Gewichtstheilen 












100,00 








100,00 






100,00 




100,00 


100,00 


100,00 




100,00 








100,00 


100,00 




100,00 




100,00 


100,00 




lufttrockener Feinerde 






























































sind enthalten : 






























































Hygroskopisches Wasser . . 


0,79 


1,20 


1,50 


1,50 


0,78 


0,84 


1,38 


1,80 




0,26 


1,40 


3,12 


1,57 


3,91 


1,75 


1,84 


1,78 


6,80 


2,72 


5,80 


3,91 




2,52 


2,40 


4,06 


3,21 


0,40 


4,03 


4,37 


5,70 


Gebundenes Wasser . . . 


0,24 


0,50 


0,10 


5,00 


3,09 


2,04 


1,52 


3,47 




4,08 


0,60 


4,54 


2,40 


2,27, 


2,28 


1,80 


3,02 


1,00 


4,03 


2,00 


4,74 




4,75 


4,92 


7,81 


8,31 


12,43 


8,64 


5,72 


7,63 


Humus 


0,93 


2,10 


2,40 


0,00 


0,16 


1,24 


1,41 


1,35 




1,06 


1,20 


3,82 


1,27 


12,81 


1,34 


1,86 


0,08 


6,80 


1,65 


6,20 


1,75 




1,96 


1,44 


t,92 


2,25 


0,77 


2,13 


1,71 


1,17 


Glühverlust . . 


1,96 


3,80 


4,00 


6.50 


4,03 


4,12 


4,31 


6,62 




5,40 


3,20 


11,48 


5,24 


18,99 


5,37 


5,50 


4,88 


14,60 


8,40 


14,00 


10,40 




9,23 


8,76 


13,79 


13,77 


13,60 


14,80 


11.80 


14,50 


Feinboden . . 


98,04 


96,20 


96,00 


93,50 


95,97 


95,88 


95,09 


93,38 




94,60 


96,80 


88,52 


94,76 


81,01 


94,63 


94,50 


95,12 


85,40 


91,60 


86,00 


89,60 




90,77 


91,24 


86,21 


86,23 


86,40 


85,20 


88,20 


85,50 


In 100 Gewichtstheilen 






























































Feinboden sind enthalten: 






























































Chlor 


— 


— 


— 


— 


— 


_ 


_ 


_ 




_ 


_ 





0,01 


— 


Spur 


0,02 


— 


— 


Spur 


— 


— 




0,06 


Spur 


— 


0,04 


— 


0,06 


0,06 


_ 


Sulphate (Gyps) 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 


— 




Spur 


— 


— 


Spur 


— 




Spur 


Spur 


0,10 


0,04 


— 






Spur 


0,08 


— 


0,07 


— 


0,28 


Spur 


1,30 


Kalkcarbonat 


0,05 


0,30 


0,06 


0,00 


26,10 


0,13 


0,52 


0,00 




0,69 


0,04 


0,69 


0,49 


2,90 


1,87 


0,65 


15,15 


4,90 


1.78 


0,60 


1,16 




1,86 


1,01 


18,98 


10,69 


\ 1,20 


23,23 


3,27 


4,00 


Talkcarbonat 


0,00 


0,10 


0,04 


0,00 


3,84 


Spur 


0,10 


0,69 




0,43 


0,12 


0,66 


Spur 


0,30 


0,38 


Spur 


1,68 


0,40 


0,16 


0,S0 


0,91 




Spur 


0,06 


0,72 


2,48 


1,45 


0,64 


0,28 


Summe der Carbonate 


0,05 


0,40 


0,10 


Spur 


29,94 


0,13 


0,62 


0,69 




1,12 


0,16 


1,35 


0,49 


3,20 


2,25 


0,65 


16,83 


5,30 


1,94 


1.40 


2,07 




1,86 


1,07 


19,70 


13,17 


1,20 


24,68 


3,91 


4,28 


Kieselsäure . . 


92,18 


95,30 


79,90 


65,00 


57,00 


89,15 


91,35 


82,17 




80,63 


87,10 


72,45 


84,87 


78,67 


79,36 


80,47 


64,54 


79,30 


76,14 


69,30 


68,32 




76,47 


77,65 


63,57 


55,46 


46,00 


46,82 


61,91 


57,00 


Thonerde . . . 
Kieselsäure Eisenoxyd . . . 


> 6,20 


\ 3,50 


> 16,40 


[33,50 


12,65 


5,37 
3,22 


) ,,« 


1 14,06 




11,70 
3,72 


\ 9,00 


|20,79 


9,48 
3,18 


i 17,23 


9,94 
4,71 


11,73 

4,77 


9,76 
5.18 


[ 14,00 


12,32 
5,05 


128,00 
1 


122,99 
1 




13,21 
6,26 


11,72 
6,57 


ll6,61 


14.92 

8,52 


i 19,60 


11,76 
7,95 


16,66 
10,43 


l35,20 


und Basen Calciumoxyd . . 


1 


1 




1 




0,49 


1 


1 




0,14 


1 


1 


0,67 


i 0,90 

1 


1,94 


0,84 


0,98 




1,32 




0,25 


0,94 


1 


3,74 


1 


4,90 


2,81 


1 


der Silicate Magnesia . . . 

Natron . . . 

l^ Kali 


1.51 


0,80 


3,60 


1,50 


0,41 


0,75 
[ 0,89 


0,82 


3,08 




0,23 
0,45 
2,01 


3,70 


\ 5,41 


0,41 
\ 0,89 


0,67 
} 1,13 


0,51 
} 1,01 


0,53 
\ 2,18 


1,30 


1,15 
} 2,04 


1 1,30 


1 6>62 




0,66 
[ 1,23 


0,84 
l 1,13 


\ 0,12 


1,18 
0,48 
2,42 


133,20 


1,23 
l 2,.?2 


1.78 
0,65 
1,80 


l 2,22 


Summa der Kieselsäure und 




























































SUicatbasen 


99,95 


99,60 


99,90 


100,00 


70,06 


99,87 


99,38 


99,31 




98,88 


99,84 


98,65 


99,50 


96,80 


97,75 


99,33 


83,17 


94,60 


98,02 


9S,60 


07,93 




98,08 


98,85 80,30 


86,72 


98,80 


74,98 


96,04 


94,42 


Kieselsäure-Thon .... 


97,31 


97,80 


97,90 


96,20 


62,66 


97,62 


96,61 


94,50 




93,53 


95,10 


91,77 


92,02 


74,28 


92,89 


90,01 


72,23 


85,50 


84,21 


87,10 


89,94 




86,92 


88,28 66,58 


70,23 


72,00 


60,24 


79,29 


81,00 


Aufgeschlossene Basen 


2,64 


1,80 


2,00 


3,80 


7,40 


2,25 


2,77 


4,81 




5,35 


4,74 


6,88 


7,48 


22,51 


4.86 


9,32 


10,94 


9,20 


13,81 


11,50 


7.99 




11,16 


10,57 13,72 


16,49 


26,80 


14,74 


16,75 


13,42 


Absorption der Feinerde 


1 


8 


8 


22 


21 


30 


31 


3C 




46 


46 


49 


60 


66 


67 


72 


75 


75 


78 


78 


80 




80 


84 


88 


98 


104 


U2 


118 


135 



Eeichthum und Kraft des Bodens. "Werthschätzung. 129 

In 100 Gewichtstheilen Feinerde sind ferner enthalten: 
II. Sesquioxydhydrate und Ses- f von Aluminium, 
quioxyde ... • • l von Eisen. 

III, Wasserhaltige Silicate . . Zeolithartige Verbindungen etc. 
100 Gewichtstheile Feinboden (wasserfrei berechnet) enthalten: 

IV. Sulphate d. von Kalkerde. 

„ ^ , , / c. von Kalkerde. 

V. Carbonate i d. von Talkerde. 

ig. Kieselsäure, 
h. Sesquioxyde. 
i. Monoxyde. 
Summe der Silicate S = (g + h -j- i). 

VII. Kieselsäure-Thon ... k. 
Aufgeschlossene Basen folglich . (S — kj -= 1. 

VIII. Feinkorn m. 

Nach diesem Schema sind die Analysen in beistehender Tabelle 
zusammengestellt. 



Y. Eeichthum und „Kraft" des Bodens. 
Wertlischätzung. (Bonitirung.) 

Die Gesammtsumme aller Bestandtheile in der Ackerkrume be- 
dingt den Reicht hum, die Menge dieser Bodenbestandtheile in 
einer für die Pflanzenwurzeln aufnehmbaren Form die „Kraft" des 
Bodens. 

Der Reichthum eines Bodens wird demnach auch immer auf 
dessen Fruchtbarkeit von Einfluss sein, also auch bei seiner Beur- 
theilung in Frage kommen; denn er repräsentirt gleichsam das 
Stammcapital an Pflanzennahrungsmitteln im Boden. Den Reichthum 
des Bodens kann man nur durch eine quantitative chemische Analyse 
bestimmen. Aus der mitgetheilten Zusammenstellung (siehe die Tab.) 
verschiedener derartiger Analysen ist der Reichthum der betreffen- 
den Bodenarten ersichtlich. 

Die „ Kraft " des Bodens bildet den in Umlauf befindlichen Theil 
des Stammcapitals an Pflanzennahrungsmitteln. Wenn auch der 
„ Kraft "zustand immerhin von sehr grosser Bedeutung für die Frucht- 

V. Gohren, Ackerbauchemie. 9 



130 Reiclithum und Kraft des Bodens. Wcrthschätzung. 

barkeit des Bodens bleibt, so kann er doch allein eben so wenig 
wie der Reichthnm des Bodens allein schon einen unbedingten Schluss 
auf des letzteren grössere oder geringere Fruchtbarkeit zulassen, 
indem bezüglich dieser noch viele andere Einflüsse zu berücksich- 
tigen sind. Die „Kraft" des Bodens lässt sich bestimmen: 

1. Durch vergleichende Düngungsversuche, indem man anneh- 
men kann, dass die Bestandtheile jenes Düngemittels, welches den 
besten Erfolg hat , im Boden fehlten. Dieser Weg ist zwar ein 
sehr langsam, aber sicher zum Ziele führender, denn man erfährt 
dabei, ob die durch den Dünger gebotene Boden„ kraft" der Pflanze 
unter den gegebenen Umständen in der That zu Gute kommt, die 
Pflanze beantwortet selber die Frage, was ihr im Boden gemangelt hat. 

2. Aus dem Gedeihen oder Nichtgedeihen von Pflanzen unter 
sonst für sie günstigen Verhältnissen. Daher lässt sich auch aus 
dem mehr oder minder üppigen Wachsthum „bodenbeständiger" 
Pflanzen, welche dauernd auf einem Boden vorkommen, ein in vielen 
Fällen für die Praxis genügendes Urtheil über den „ Kraft "zustand 
solchen Bodens fällen ; denn eine Pflanze kann sich nur da üppig 
entwickeln, wo unter sonst günstigen Umständen alle zu ihrer 
Ernährung nöthigen Stoffe in ausreichender Menge und Form vor- 
handen sind. 

3. Durch die directe Untersuchung und Bestimmung der in 
Wasser löslichen Bodenbestandtheile, also mittelst eines wässrigen 
Auszuges der Erde, jedoch, wie früher schon erörtert, immer nur 
sehr annähernd.*) 

Begreiflich führten die eben erörterten Begriffe von Reich- 
thum und „Kraft" des Bodens in der Praxis zu verschieden- 
artigen Bezeichnungen; der Praktiker nennt: 

Arm, unfruchtbar oder steril jene Bodenarten, welche 
in Folge ihrer geringen Menge an nöthigen Pflanzennahrungsmitteln 
nur mit Hilfe von in grossen Mengen zugeführten Düngemitteln 
einigen Ertrag liefern. Solche Böden kennzeichnen sich durch 
gänzliche oder theilweise Verödung oder durch eine sehr kümmer- 
liche Vegetation. 

Dürftig und mager den etwas besseren Boden, der aber 
immer noch eine bedeutende Menge von künstlich zugeführten 
Pflanzennahrungsmitteln bedarf. 

Fruchtbar oder kräftig den Boden, der auch ohne Nach- 
hilfe durch einige Jahre einen angemessenen Ertrag liefern kann. 

Sehr kräftig und reich endlich jenen Boden, der ohne 
Ersatz an Pflanzennahrungsmitteln die besten Ernten liefert, wie 



1) Vergl. Fr. Schulze in Landw. Yers.-Stat. YI. S. 409. 



Eeichthum und Kraft des Bodens. Werthschätzung. 131 

z. B. die Tschernojzem in Russland und viele Gegenden an der 
Theiss in Ungarn; doch ist solcher Boden immer als eine seltene 
Ausnahme zu betrachten. 

Hervorgehoben muss werden, dass man Boden„ kraft" und 
Bodenreichthum nicht mit der Bodenfruchtbarkeit verwechseln 
darf. Diese letztere beruht ausser auf einem bestimmten Nährstoff- 
gehalt und auf dem Zustande dieser Nährstoffe im Boden (grössere 
oder geringere Löslichkeit, Form derselben u. s. w.), überhaupt auf 
allen oben abgehandelten chemischen und physikalischen Eigenschaften 
des Bodens. Der Begriff* Bodenfruchtbarkeit ist demnach ein Col- 
lectivbegriff und findet seinen Maassstab in dem Bodener- 
trage. 

Der Bodenertrag ist der naturgemässeste Werthmesser für den 
Boden. Der Bodenwerth, die Güte des Bodens, die 
„Bonität" ist zu verschiedenen Zeiten und von den verschiedenen 
Autoren von sehr verschiedenen Gesichtspunkten aus beurtheilt 
worden, bald waren es die mechanischen Gemengtheile , bald die 
Hauptfrüchte, bald der Reinertrag, bald die wildwachsenden Pflanzen, 
bald die chemischen Eigenschaften (Absorptiousverhältnisse) , die 
man der Methode der Bonitirung zu Grunde legte. Bis heute sind 
alle Versuche, eine unanfechtbare Basis zu gewinnen, mangelhaft 
geblieben, es wirken eben zu viele Factoren auf den Bodenertrag 
ein, die sich mit der Zeit ändern: Cultur, Intelligenz, Preis der 
Arbeit, des Capitals, der verschiedenen landwirthschaftlichen Pro- 
ducte u. s. w. „Es ist speciell die Kenntniss der gegenseitigen 
naturgesetzlichen Beziehungen in ihrer Totalität, welche hier nicht 
entbehrt werden kann, und wir würden in dem Verständniss dieser 
Verhältnisse viel weiter sein, wenn nicht vielfach und lückenhaft 
dies und jenes für die Untersuchung herausgegriffen wäre, ohne 
die richtige Disposition und ohne den grossen Zusammenhang ein- 
heitlich dabei zu berücksichtigen." (Orth.) Die Methode der Bo- 
nitirung soll uns lehren, inwiefern der eine Boden von Natur 
fähiger ist als der andere, unter Hinzuziehung aller Hilfsmittel der 
mechanischen Bearbeitung, Düngung und Fruchtfolge, hohe Ernte- 
erträge zu liefern. 

Demgemäss muss man die constanten oder wenig ver- 
änderlichen Factoren des Bodenwerthes trennen von den 
veränderlichen. Zu ersteren gehören die geologischen 
Grundlagen und das Klima. Das Klima ändert sich auf grossen 
Flächen wenig. Die geologischen Profile mit den durch sie, sowie 
durch die Boden- und Terrainconfiguration, bedingten Feuchtigkeits- 
verhältnissen haben auf die Cultur sowie die Möglichkeit des Cultur- 
fortschrittes und der Bodenmelioration den allerentscheidendsten Ein- 



132 Eeichthum und Kraft des Bodens. Werthscliätzung. 

fluss. Der Mensch hat auf diese der Gegenwart überlieferten con- 
stanten (untereinander allerdings sehr verschiedenen) Factoren des 
Bodenwerthes, abgesehen von Entwässerung und Bewässerung, meist 
keine oder eine verhältnissmässig geringe Einwirkung und er hat 
hier mit denjenigen gegebenen Grössen zu rechnen, wie sie die 
Natur bietet. (Orth.) Aus diesen Momenten resultirt die Wichtig- 
keit der Agricultur-Geognosie und der geognostisch-agronomischen 
Kartirung. *) 

Die veränderlichen Factoren des Bodenwerthes sind in 
ihren Resultaten abhängig und mehr oder weniger bedingt von den 
Constanten, es sind diejenigen, welche der Mensch mehr oder weniger 
zu beherrschen vermag und bei deren Benutzung und Kräftigung die 
Tüchtigkeit, die Energie und Intelligenz des Landwirthes ganz be- 
sonders in Frage kommt; die aber nur dann — wie schon erwähnt 
— voll zur Geltung gebracht werden können, wenn die durch die 
Natur gebotenen Bodengrundlagen genau bekannt und durchforscht 
sein werden. Leider ist aber dies gerade das vernachlässigtste Gebiet 
unserer Landwirthschafts-Wissenschaft, trotzdem, um Orth's Worte 
zu citiren, „ in der Landwirthschaft und Forstwirthschaft kein wich- 
tigeres Capitel als dasjenige existirt, welches vom Grund und Boden 
handelt, worauf sich die Wirthschaft überhaupt bezieht, trotzdem 
es unleugbar ist, dass die Lücken, welche in der Kenntniss und 
Beurtheilung der Bodengrundlagen vorhanden sind, zu den schlimm- 
sten gehören, welche in der Wissenschaft und im practischen Be- 
triebe vorkommen können, trotzdem die Ausfüllung dieser Kluft, 
das Eintreten in die Bresche, die üeberwindung der auf diesem 
Gebiete so häufig vorhandenen Indifferenz und Gleichgiltigkeit zu 
den wichtigsten Aufgaben der Zeit und des Wirthschaftslebens der 
Nation gehört, von welchem die Land- und Forstwirthschaft den 
bedeutendsten Theil ausmacht und stets ausmachen wird". 



1) Ueber die Methode bei geognostisch-agronomischen Kartirungen ver- 
gleiclie man Lorenz, Grundsätze für die Aufnahme und Darstellung von iand- 
wirthschaftlichen Bodenkarten. Wien 1868. — Orth, die geognostisch-agrono- 
mische Kartirung. Berlin 1874. — VI. Jahresbericht der landw. Lehranstalt 
Francisco-Josephinum in Mödling. "Wien 1875. (Aufsatz von Prof. Langer 
über landwirthschaftliche Bodenkarten.) 



Die Atmosphäre. ) 

„Yom Himmel hommt es. 
Zum Himmel steigt es, 
Und wieder nieder 
Znr Erde mnss es. 
Ewig wechselnd". — 

Goethe, 

I. Eigenschaften nnd Zusammensetzung der Luft. 
(AtmospMrologie.) 

Unsere Erdkugel ist von einem Luftoceane eingehüllt. Diese 
Lufthülle wird durch die Schwerkraft an die Erde angedrückt und 
desshalb führt sie mit der Erde die der letzteren eigenthümliche 
rotirende und zugleich auf der Erdbahn fortschreitende Bewegung 
aus. Die Schwerkraft wirkt hier auf ein Medium, das im hohen 
Grade elastisch ist, demgmäss kann dasselbe, da der Druck mit 
der Höhe der aufliegenden Luftsäule wächst, nicht überall gleiche 
Dichte zeigen. Die unmittelbar auf dem Erdboden aufliegenden 
Luftschichten erscheinen am meisten gedrückt und haben desshalb 
die grösste Dichte. 

lieber die Höhe der Atmosphäre gehen die Ansichten der 
Physiker weit auseinander, einige setzen die Luftgrenze in eine 
Höhe von 8, andere von 27 geographischen Meilen, wieder andere 
behaupten, die Luft breite sich in äusserst verdünntem Zustande 
im ganzen Welträume aus, sie habe also gar keine Grenze. Ein 
genaues Studium des Verhaltens der Gase unter sehr geringem 
Drucke wird hier noch am ehesten Klarheit bringen. Die atmosphä- 
rischen Erscheinungen, die die Meteorologie in den Kreis der 
Besprechung zieht, spielen sich in Höhen von 2 — 3 Meilen ab. 

Einen mächtigen Einfluss auf die Beschaffenheit der Atmosphäre 
übt die Sonne aus. Etwa V4 <ier einfallenden Wärmestrahlen wird 
direct aufgenommen (absorbirt) , der grösste Theil der Luftwärme 
der unteren Schichten rührt jedoch von einer iudirecten Wärme- 



1) Von Prof. Th. Langer. 



134 Eigenscliaften und Zusammensetzung der Luft. 

quelle her, von dem durch die Sonne erhitzten Erdboden, der Wärme 
an die Luft ausstrahlt. Es bildet sich somit eine Abnahme der 
Lufttemperatur von unten nach oben heraus, die durch die in höhe- 
ren Luftschichten erfolgende Condensation des Wasserdampfes etwas 
verlangsamt wird. Für je 100 Meter Erhebung sinkt die Tempe- 
ratur durchschnittlich um 0,5 — 0,6 o C. 

Uebrigens darf nicht vergessen werden, dass die Verdichtung 
der tiefer liegenden Luftschichten in Folge der Action der Schwer- 
kraft für sich allein schon eine Temperatursabnahme in der Luft 
von unten nach oben bedingen musste, die nach den Gesetzen der 
mechanischen Wärmetheorie zu 1 '^ C. für je 100 Meter gefunden 
wird^), vorausgesetzt, dass die Luft keinen Wasserdampf enthielte, 
der durch die bei seiner Condensation frei werdende Wärme mo- 
dificirend einwirkt, und die Sonne nicht Wärme der Luft spendete. 
Eben wegen der beiden letztgenannten Einflüsse wird die Tempe- 
ratursabnahme in der Luft von 1 ^ C. auf 0,6 — 05, o C. herabge- 
drückt. 

Die Sonnenwärme bewirkt ferner, dass die Luft in ihren un- 
teren Schichten stets in Bewegung begriffen ist. Die ungleich 
kräftige Lisolation unter verschiedenen Breitegraden verursacht 
Temperatursdifferenzen und diese Druckdifferenzen, es muss nach 
dem niedrigeren Luftdrucke hin eine Bewegung der kälteren 
(dichteren) Luft eintreten; local erwärmte und dadurch dünner ge- 
wordene Luft steigt in Folge des Auftriebes der in gleicher Höhe 
befindlichen, aber kälteren Luft der Umgebung auf, an ihre Stelle 
drängt sich in horizontaler Richtung die dichtere Luft. 

Die in Bewegung versetzte Luft wird während ihrer Wanderung 
von ihrer Richtung durch die Rotation der Erde abgelenkt, nach 
dem Buys Bailot' sehen Gesetze auf der nördlichen Hemisphäre 
nach rechts, auf der südlichen nach links. 

Die Luft ist ein mechanisches Gemenge von Stickstoff, 
Sauerstoff, Wasserdampf, Kohlensäure, Ammoniak, 
Wasserstoff und Ozon. Stickstoff und Sauerstoff wiegen bedeutend 
vor, Ammoniak, Wasserstoff und Ozon finden sich nur in sehr ge- 
ringen Mengen. Ganz reine Luft, die durch geeignete Mittel von 
Wasserdampf und Kohlensäure befreit wurde, zeigt folgendes Zu- 
sammensetzungsverhältniss : 78,96 Volumprocente Stickstoff und 
21,04 Volumprocente Sauerstoff. Trotz der zahlreichen Verbren- 
nungsprocesse, die in der Luft vor sich gehen, trotz des Athmens 
so vieler Organismen ist der Sauerstoffgehalt der Luft nicht in Ab- 



1) Hann's Abhandlung in der Zeitschrift der österr. Gesellschaft für Me- 
teorologie. Bd. X, 1874. 

V 



Eigenschaften und Zusammensetzung der Luft. 135 

nähme begriffen. Durch den Vegetationsprocess der Pflanzen wird 
Sauerstoff der Luft zurückgegeben. Andererseits kann der Gehalt 
der Luft an Kohlensäure nicht merklich steigen, da die Pflanze 
bei ihrer Ernährung dieses Gas der Luft entnimmt und Sauerstoff 
aus ihm entbindet. 

Frei circulirende Luft zeigt überall, im Thale wie auf Bergen, 
über dem Aequator und in der Nähe der Pole, über Meer und über 
Land dieselbe Anzahl Volumprocente Sauerstoff, wenn die der Ana- 
lyse unterzogene Luft getrocknet und entkohlensäuert angewendet 
wurde. ') 

Kohlensäuregas kommt in Mengen von 0,025 — 0,042 Volum- 
procenten in der atmosphärischen Luft vor^), in geschlossenen, be- 
wohnten Räumen, ebenso in der Grundluft steigt der Kohlensäure- 
gehalt beträchtlich. In der freien Luft nimmt nach Untersuchungen 
von Truchot (Naturforscher 1873, Nr. 45) der Gehalt an Kohlen- 
säure mit der Höhe ab, auch Tissandier fand im März 1876 in 
Höhen von 890 — 1000 Metern die Luft ärmer an Kohlensäure. 
Pettenkofer gibt für die Luft von Schlafzimmern in Kasernen, 
von Hörsälen und Gastwirthschaften 0,3 — 0,7 Volumprocente Kohlen- 
säure an, woraus die Nothwendigkeit einer zweckmässigen Ventilation 
erhellt, da 0,1 Volumprocent Kohlensäure in der zu athmenden Luft 
bereits belästigend wirkt. Die Pflanzen werden nach Untersuchungen 
von J. Böhm in einer Atmosphäre, die bei unverändertem Sauerstoff- 
gehalte 30 Volumprocente Kohlensäure enthält, in ihrem Wachsthum 
nachtheilig beeinflusst und sterben ab (Naturforscher 1873, Nr. 50). 

Ein nie fehlender Bestandtheil der Atmosphäre ist der Wasser- 
dampf, dessen Menge von der Temperatur des Luftraumes abhängig 
ist. Zur Sommer- und Tageszeit enthält die Luft mehr Wasserdampf 
als zur Winters- und Nachtszeit, Ein Sinken der Temperatur unter 
eine gewisse Grenze (Thaupunkt) hat eine Ausscheidung von Dampf 
in Form der bekannten Hydrometeore: Thau, Nebel, Wolken, 
Regen u. s. w. zur Folge. 



1) Niclit ganz ohne Einfluss auf das Mengungsverhältniss der die Luft 
zusammensetzenden Gase scheint die Erhebung über den Meeresspiegel zu sein. 
Miller findet durch genaue Analysen der durch Welsh geschöpften Luft aus 
Höhen von 13 — ISOOO engl. Fuss eine Abnahme des Sauerstofigehaltes mit der 
Höhe (Phüos. Trans. 18.53. Welsh: Account of Met. Obs. in four Ballon Ascents). 
Hann konmit durch theoretische Betrachtungen, für ■^'elche das Dalton'sche 
und Mariotte'sche Gesetz als Grundlage dienen, zu demselben Schlüsse (Zeit- 
schrift der österr. Geseilschaft für Meteorologie. Bd. X, 1ST5. S. 2-5). 

2) Fittbogen findet nach Schluss einer einjährigen Versuchsreihe (1874 
bis 1875) als Maximalwerth 0,0417 Proc, als Minimum 0,027 Proc, im Mittel 
ergibt sich daher aus 347 Einzelbeobachtungen ein Kohlensäuregehalt der At- 
nwsphäre von 0,0334 Proc. 



136 Die Erscheinungen in der Atmosphäre und deren allgemeine Ursachen. 

Die Gegenwart des Ammoniaks (im Mittel 0,ü0212 Volumproc.) 
ist durch die Zersetzung organischer stickstoffhaltiger Körper be- 
dingt, die Kohlensäure und die Stickstoffsäuren der Luft (Salpeter- 
säure und salpetrige Säure) führen es gar bald in den gebundenen 
Zustand über. 

Es ist ferner nach den Untersuchungen von Boussingault 
Wasserstoff in der Atmosphäre, und zwar fand dieser Forscher 
0,0002 — 0,0008 Gewichtsprocente in der Luft von Paris im April 
und Mai. 

Das Ozon, welches besonders energisch oxydirend wirkt und 
daher „activer" Sauerstoff genannt wird, findet sich nur in sehr 
geringen Mengen in der Luft. Auf freiem Felde und im Walde ist 
die Luft ozonreicher als in nächster Nähe bewohnter Städte. Zur 
quantitativen Bestimmung des Ozons in der Luft dient das Ozo- 
n m e t e r von Schönbein, das auf der Ausscheidung von Jod aus 
Jodkalium und Bläuung von Stärke basirt. Da es aber ausser Ozon 
auch noch andere jodausscheidende Factoren in der Luft gibt, so 
ist der Werth derartiger Bestimmungen, so wichtig diese für Medicin 
und öffentliche Gesundheitspflege wären, doch ein mehr oder minder 
problematischer. 

Ausser den, erwähnten , die Luft zusammensetzenden Gasen sind 
daselbst in äusserst fein vertheiltem Zustande feste Körper schwe- 
bend enthalten, die den sogenannten Luft staub ausmachen. Der- 
selbe ist theils organischen (Sporen, Pollenkörner, Kohlenstaub etc.), 
theils anorganischen Ursprunges (Mineral- und Gesteinsreste, Meteor- 
staub).') 



IL Die Erscheiniiiigen in der Atmospliäre und deren 
allgemeine ürsaclien. (Meteorologie.) 

Die bekannten meteorologischen Erscheinungen, als Wind, Regen, 
Gewitter u. s. w., sind durch nachfolgende Factoren (meteorologische 
Elemente) bedingt: Licht, Wärme, Luftdruck, Luftfeuch- 
tigkeit und Elektricität. Es sollen im Nachfolgenden diese 
Factoren der Reihe nach abgehandelt, und ihre gegenseitigen Be- 



1) Nach Untersuchungen von G. Tissandier schwankt die Menge des 
Luftstaubes in einem Cubikmeter Luft von Paris zwischen 6 — 23 Milligramm, 
was auf die über Paris liegende Atmosphäre übertragen einige Hundert Kilo- 
gramme ausmacht (Naturforscher 1874, S. 485). 



Das Licht. 137 

Ziehungen möglichst klar gestellt werden, erst dann ist ein richtiges 
Verständniss des täglichen und jährlichen Ganges dieser Elemente 
für einen bestimmten Ort möglich. Das Zusammenspiel der meteo- 
rologischen Elemente findet für einen gegebenen Ort und Tag in 
durch unmittelbare Beobachtung mittelst Instrumente erhaltenen 
Zahlen seinen Ausdruck (tägliche Witterung). Im Laufe der 
Jahre häuft sich das Zahlenmaterial und gestattet, für Temperatur, 
Feuchtigkeit etc. gewisse Durchschnittswerthe zu berechnen , die 
dann für den gegebenen Ort das ausdrücken, was man sein Klima 
nennt. Während die Meteorologie sich mit der Erörterung der 
mehr allgemeinen, das Luftmeer beherrschenden Gesetze beschäftiget, 
behandelt die Klimatologie von Fall zu Fall die Bedingungen 
und modificirenden Einflüsse, die diese oder jene Species von Klima 
zu Stande bringen. Die Beschreibung der verschiedenen Klimate 
des Erdballes wird Klimatographie genannt. 

1. Das Licht 

Das Licht der Sonne ruft in der Atmosphäre allerlei Farben- 
erscheinungen hervor, die bei der Beurtheilung des Witterungs- 
ganges von Wesenheit sind, als Morgen- und Abendröthe, Blau des 
Himmels u. s. w. Schon darum, und weil das Licht bei der Stoff- 
bildung der Pflanzen unmittelbar betheiligt ist, erscheint eine kurze 
Erörterung über das Wesen und die Wirkungen des Lichtes nicht 
unerwünscht. 

Das Licht ist eine schwingende Bewegung eines unsicht- 
baren, äusserst feinen, materiellen Mediums, das sich im Welträume 
und zwischen den Molecülen aller darin befindlichen Körper aus- 
breitet. Dieses Medium führt den Namen Aether, es ist der 
Träger von Licht und Wärme. Der Aether ist im hohen Grade 
elastisch, und für äussere Impulse sehr empfänglich, die sich in 
ihm in Form von nach allen Richtungen fortschreitenden Weilen 
mit einer Geschwindigkeit von 42000 Meilen fortpflanzen. Die 
Molecüle eines leuchtenden Körpers befinden sich in steter oscilli- 
render, bei Gasen fortschreitender Bewegung. Diese überträgt sich 
auf den sie umgebenden Aether, die Lichtwelle erreicht das Auge 
und den in ihm verbreiteten Aether, der mit in die Bewegung hinein- 
gezogen wird, damit ist jener Reiz des Sehnerven gegeben, der in uns 
die Empfindung des Sehens hervorbringt. So sehen wir die Sonne, 
die Fixsterne und irdische Lichtquellen. Dunkle Körper werden 
dadurch sichtbar, dass ein Theil des von der Lichtquelle auffallen- 
den Lichtes zurückgeworfen (reflectirt) wird ; der andere Theil wird 
beim durchsichtigen Körper durchgelassen (transmittirt), beim un- 



138 Das Licht. 

durchsichtigen verschluckt (absorbirt). Das durchtretende Licht 
erleidet eine Ablenkung von seiner ursprünglichen Richtung, die 
Brechung des Lichtes genannt wird. Mit der Brechung des 
Sonnenlichtes ist eine Zerlegung desselben in farbige Bestandtheile 
verknüpft (Farbenzerstreuung, Spectrum). Das Sonnenspectrum 
enthält die bekannten Regenbogenfarben: roth, orange, gelb, 
grün, blau, dunkelblau, violett, ausserdem aber auch 
Wärme strahlen und chemisch wirkende Strahlen. Die Farbe 
des Lichtes ist durch die Zahl der in der Secunde ausgeführten 
Aetherschwingungen gegeben. Das rothe Licht führt deren 
400 Billionen, das violette Licht 800 Billionen Schwingungen in 
der Zeiteinheit aus. Die Körperfarbe dagegen hängt von der Farbe 
ab, die von dem bestrahlten Körper zurückgeworfen wird; ent- 
spricht sie dem grün, so erscheint der Körper grün u. s. w. 
Werden alle auffallenden Strahlen reflectirt, so ist der reflectirende 
Körper weiss, werden sie dagegen alle absorbirt, so erscheint er 
schwarz. Die Körperfarbe ist aber auch abhängig von der Farbe 
der Lichtquelle selbst; wenn diese z. B. nur gelb aussendet, so 
erscheint der bestrahlte Körper gelb, falls er nicht die gelben 
Strahlen absorbirt. 

Ausser der Farbe des Lichtes kann auch noch dessen Inten- 
sität verschieden sein. Es hängt damit die grössere oder geringere 
Helligkeit einer beleuchteten Fläche zusammen, Sonnenlicht, 
elektrisches Licht, Magnesiumlicht sind sehr intensive Lichtquellen, 
sie vermögen eine exponirte Fläche grell zu beleuchten; wogegen 
das Licht unserer Lampen und Kerzenlicht geringe Beleuchtungs- 
effecte hervorbringen. Die Helligkeit einer Fläche ist aber auch 
noch abhängig von der Beschaffenheit derselben und ihrer 
Lage und Entfernung von der Lichtquelle. Flächen, die alle 
Schwingungszahlen des Sonnenlichtes zurückwerfen, also weiss ge- 
färbt sind, und solche, die senkrecht von den Lichtstrahlen getroffen 
werden, erscheinen besonders hell. Die Entfernung der Lichtquelle 
hat insofern Eiufluss, als das auf die Fläche auftauende Lichtquantum 
desto geringer wird, je weiter man die Fläche von der Lichtquelle 
entfernt, und zwar sinkt die Helligkeit auf ein Viertel, Neuntel 
u. s, f. , wenn die Entfernung zwei-, dreimal u. s w. grösser wird. 
Aus dem Gesagten lässt sich entnehmen, dass die Intensität der 
Beleuchtung oder Helligkeit vom Aequator gegen die Pole hin ab- 
nimmt, und für unsere Breiten im Laufe des Tages und Jahres sich 
ändert. Beim höchsten Stande der Sonne (Mittag und Sommer) 
erreicht die Helligkeit ihr Maximum, üebrigens wird durch die 
Atmosphäre das Licht der Sonne zum Theil absorbirt und desto 
mehr, je dicker und trüber die zu durchwandernde Luftschichte ist. 



, Dis Wärme und ihre Vertheiluug auf der Erdoberfläehe. 139 

Von 1000 Lichtstrahlen der Sonne gelangen am Aequator 378 an 
die Erdoberfläche, unter 45 Grad Breite nur mehr 228; innerhalb 
des Polarkreises nur noch 110 Strahlen. 

Morgen- und Abend röthe entstehen dadurch, dass die von 
der unter dem Horizonte oder nahe über demselben befindlichen 
Sonne ausgehenden Lichtstrahlen eine Luftschichte von reichlichem 
Dampfgehalte zu durchwandern haben, was eine Absorption der 
grünen, blauen und violetten Farben verursacht, es gehen deshalb 
nur die rothen, orangefarbigen und gelben Strahlen durch. So klar 
in diesem Falle die Sache liegt, so wenig übereinstimmend sind die 
Ansichten über die Ursache für das Blau des Firmamentes. 
Das Licht, welches die wolkenfreie Himmelsdecke der Erde zu- 
sendet, ist nicht blaues, sondern weisses Licht, das von den in 
der Luft nie fehlenden kleinen Staubtheilchen und Nebelbläschen 
reflectirt wird. Dies zeigt sich darin, dass die vom Luftlichte be- 
leuchteten Gegenstände weisses Licht reflectiren, während sie bei 
Morgen- und Abendröthe roth bis gelb erscheinen, und damit, dass 
das Spectrum des Luftlichtes nicht allein blau, sondern alle Farben- 
felder des Sonnenspectrums enthält. Das Weiss des Luftlichtes 
wird erst in unserem Auge in Blau verwandelt, und zwar dadurch, 
dass wir weiss bei dunklem Hintergrunde blau sehen. Das Blau 
des Himmels ist daher keine Körperfarbe, sondern eine subjec- 
tive Farbe, der dunkle Hintergrund ist der lichtlose Weltraum. 
Die Bläue verschwindet, wenn der dunkle Hintergrund durch 
Wolken verdeckt wird. ') 

Das Gedeihen einer Pflanze hängt nicht allein von der jährlich 
gespendeten Wärmesumme ab, sondern auch die disponible Licht- 
quantität hat wesentlichen Einfluss auf die Ausbildung der Pflanze 
und zunächst ihrer Elementarorgane. In manchen Fällen kann das 
Licht durch Wärme ersetzt werden. Auch die Farbe des Lichtes 
ist von Bedeutung für die Pflanze. 



2. Die Wärme und ihre Yertheilung auf der Erdoberfläclie. 

Die Sonne spendet uns ausser Licht auch Wärme. Licht- 
und Wärmestrahlen sind ihrem Wesen nach identisch, beide sind 
eine schwingende Bewegung des Aethers, hervorgerufen durch die 
schwingende Bewegung der Sounenmolecüle , nur äussern sie auf 



1) Nach Brücke entsteht das Blau des Himmels durch Interferenz der 
von den Vorder- und Hinterwänden der mikroskopisch kleinen in der Luft 
schwebenden Nebelbläschen reflectirten Lichtwellen; ähnlich spricht sich Clau- 
sius aus. 



140 Die Wärme und ihre Vertheilung auf der Erdoberfläche. 

unsere Sinne verschiedene Wirkung. Die Wärmestrahlen zeigen 
nämlich eine geringere Anzahl von Schwingungen in der Secunde 
(100 — 400 Bill.) als die Lichtstrahlen, diese Zahl der Impulse reizt die 
Netzhaut nicht, daher Wärmestrahlen kein Sehen veranlassen, dafür 
aber afficiren sie die Organe des Tastsinnes und verursachen die 
Empfindung der Wärme. Auch Wärmestrahlen werden von den 
Körpern reflectirt, transmittirt und absorbirt. Bei der Absorption 
geht die den schwingenden Aethertheilchen innewohnende lebendige 
Kraft auf die Molecüle des Körpers, der bestrahlt wird, über, wo- 
durch diese intensiver schwingen, oder, was dasselbe sagt, der 
Körper erhöht seine Temperatur. Die Sonnenstrahlen erwärmen, 
sie steigern durch Ueberführung von strahlender Wärme in Körper- 
wärme die Temperatur der Erdoberfläche und damit der Luft. 

Die Grösse der Steigerung der Körpertemperatur durch Be- 
strahlung der Sonne (Insolation) ist von verschiedenen Factoren 
abhängig, und zwar: 

1. Von der specifischen Wärme des bestrahlten Körpers. 
Je grösser diese, desto geringer unter sonst gleichen Umständen 
die Temperaturserhöhung. ') Unter den drei Körpern : Wasser, 
Luft und Boden hat das Wasser entschieden die grösste specifische 
Wärme, Wasser = 1, Luft (bei constantem Druck) = 0,2375, 
Boden = 0,19—0,5. (Siehe S. 96.) 

2. Von der Oberflächenbeschaffenheit. Je rauher diese, desto 
grösser die Absorption. Boden und Wasser. 

3. Von der Farbe des bestrahlten Körpers. Je dunkler die 
Farbe, desto grösser die Absorption. 

4. Von der Lage und Entfernung der bestrahlten Fläche gegen- 
über der Wärmequelle. Je näher der Einfallswinkel der Strahlen 
dem rechten Winkel kommt, desto intensiver wärmen sie, je weiter 
die Wärmequelle vom Körper entfernt ist, desto geringer ist die 
Intensität der Erwärmung, letztere nimmt im quadratischen Ver- 
hältnisse mit der Entfernung ab. 

5. Von der Dauer der Insolation. 

Die zwei letzten Punkte sollen vorerst näher ins Auge gefasst 
werden. Bekanntlich ändert sich wegen der schiefen Stellung der 
Erdaxe zur Erdbahn jahrüber für einen bestimmten Ort die tägliche 
Dauer der Insolation, nur für den Bewohner des Aequators ist 
das ganze Jahr hindurch Tag und Nacht gleich lang. Die Folge 



1) Unter specifischer "Wärme verstellt man die Wärmequantität in 
Wärmeeinheiten ausgedrückt, die die Gewichtseinheit eines Körpers braucht, um 
Ton U° auf 1° C. erwärmt zu werden. Als Wärmeeinheit (Calorie) dient die 
Wärmemenge, die l Kilo Wasser zu dieser Temperaturserhöhung braucht. Die 
spec. Wärme des Wasser ist = 1. 



Die Wärme und ihre Vertheilun» auf der Erdoberfläehe. 



141 



davon ist, dass die Temperatursverhältnisse für einen Ort über oder 
unter dem Aequator Tag für Tag andere werden. Dazu kommt 
noch, dass sich aus gleichem Grunde für einen bestimmten Ort der 




Erdoberfläche der Hohen st and der Sonne und damit der Winkel 
der emfallenden Strahlen im Laufe des Jahres ändert, während des 




einen Halbjahres (Frühling und Sommer) zunimmt, im anderen 
(Herbst und Winter) abnimmt. Dies hat ebenfalls eine Zu- und 
Abnahme der Temperatur auf den Hemisphären zur Folge und es 



142 Erwärmung und Abkühlung der Luft. 

ist die nördliche Hemisphäre begünstigt, wenn die südliche Hemi- 
sphäre kurze Tage und niedrigen Sonnenstand hat. Und drittens 
ändert sich im Laufe des Jahres die Entfernung der Sonne 
von der Erde in Folge der Excentricität der elliptischen Erdbahn 
= 667000 Meilen; die Wärmemenge, die die Erde in unserem 
Winter, wo sie der Sonne näher ist (Perihel) empfängt, ist grösser 
als zur Sommerszeit, wo sich die Erde weiter von der Sonne ent- 
fernt (Aphelium). Diese beiden Wärmemengen verhalten sich wie 
1,034 : 0,967, der Einfluss dieses Verhältnisses auf die Temperaturs- 
verhältnisse der Erdoberfläche ist jedoch gegenüber anderen, vor 
allem gegenüber der Vertheilung von Wasser und Festland, gering. 

Die ungleiche Dauer des Tages und die Veränderlichkeit der 
Höhe des Sonnenstandes während des Jahres rufen auf der Erde 
den Wechsel der Jahreszeiten hervor. Während am 21, März 
(Frühlingsanfang) und 23. September (Herbstanfang) Tag und Nacht 
auf der ganzen Erde gleich lang sind (Aequinoctien) und die Sonne 
ihre Strahlen senkrecht auf den Aequator wirft (siehe Zeichnung), 
ist am 21. Juni (Sommeranfang) der Hitzegürtel auf die nördliche 
Hemisphäre gerückt, und hier der Tag länger als 12 Stunden, die 
Sonne steht über dem Wendekreis des Krebses im Zenith (siehe 
Zeichnung). Am 21. December (Winteranfang) hat unsere Hemi- 
sphäre den kürzesten Tag und niedrigsten Sonnenstand, dafür die 
südliche Halbkugel ihren Sommeranfang, die Sonne steht über dem 
Wendekreis des Steinbockes im Zenith. 

Es bilden sich auf der Erdoberfläche durch die ungleich er- 
wärmende Wirkung der Sonnenstrahlen unter verschiedenen Breiten 
Zonen von ungleichen Temperatursverhältnissen aus, und zwar: 

1. Die heisse Zone oder der Tropengürtel, zu beiden Seiten 
des Aequators bis zu den Wendekreisen reichend. Die Sonne kommt 
jährlich zweimal in das Zenith, über den Wendekreisen selbst 
aber nur einmal im Jahre, zur Zeit der Solstitien am 21. Juni 
auf unserer, am 21. December auf der südlichen Hemisphäre. 

2. Die beiden gemässigten Zonen, eine nördliche und 
eine südliche, zwischen Wendekreis und Polarkreis liegend. Die 
Sonne kommt niemals in das Zenith, 

3. Die beiden Polarzonen innerhalb der Polarkreise. Der 
Nordpol hat 186 Tage hindurch die Sonne theils am Horizonte, 
theils über demselben, darauf folgt die 179 Tage dauernde Nacht. 

A. Erwärmung und Abkühlung der Luft. 

Die von der Sonne gespendete Wärme kommt der Erdoberfläche 
und den unteren Schichten der Lufthülle zu gute, ohne sie würde 



Er-vrarmung und Abkühlung der Luft. 143 

die Temperatur beider auf die Temperatur des Weltraumes sinken, 
die sich nacli den Untersuchungen von Pouillet auf — 142 o C. 
stellt. Die innere Erdwärme übt einen geringen Eiufluss auf die 
Temperatur ihrer Oberfläche aus, ohne sie wäre die mittlere Tem- 
peratur der letzteren etwa um 1,30 — V4ü ^ C. geringer. 

Die jährlich zugestrahlte Sonnenwärme beträgt nach den 
Messungen P u i 1 1 e t s V4 Million Calorien per D Centimeter Erd- 
oberfläche, was auf eine sehr hohe Temperatur der Sonne schliessen 
lässt. Nach Berechnungen von Secchi soll diese Temperatur 
5801846 c. gein, dabei Avird die Photosphäre der Sonne als wärme- 
durchlassend (diathermau) vorausgesetzt. 

Es handelt sich nun zunächst darum, alle die wärmenden Ein- 
flüsse anzugeben, durch welche die Luft zu der ihr eigenthümlichen 
Temperatur gelangt, und die Factoren nachzuweisen, w'elche anderer- 
seits auch die stetigen Wärmeverluste der Luft bedingen. Die Luft 
erwärmt sich: 

1. Durch theilweise Absorption der sie durchschreitenden 
Wärmestrahlen; in sehr nebelreicher Luft wird etwa 1/3, in ganz 
klarer Atmosphäre etwa V0 der einfallenden Strahlen absorbirt. 

2. Durch die vom erhitzten Erdboden zurückgestrahlte Wärme. 

3. Durch Fortpflanzung der Bodenwärme duj-ch Leitung. 

Die Luft ist für directe Wärmestrahlen, die von selbst- 
leuchtenden Körpern, wie die Sonne, ausgehen, viel weniger 
empfänglich, als für solche, welche indirect erwärmend wirken; 
deshalb ist die unter 2. aufgeführte Wärmequelle die ausgiebigere, 
und besonders die auf dem Boden aufliegenden, unteren Schichten 
werden am intensivsten durchwärmt. Höher gelegene Atmosphäre- 
schichten sind bezüglich ihrer Erwärmung hauptsächlich auf feuchte, 
aufsteigende Luftströmungen angewiesen, deren Wasserdampf die 
rasche Temperatursabnahme der Luft nach oben durch die bei dessen 
Condensation freiwerdende Wärme mässigt. Der unmittelbare Ueber- 
gang von Bodenwärme durch Leitung an die aufliegende Luft ist 
bei dem geringen Wärmeleitungsvermögen der Luft von keiner 
grossen Bedeutung. 

Die Erdoberfläche kann nicht alle von der Sonne gespendete 
Wärme behalten, ist sie doch vom kalten Weltraum umgeben, dessen 
Temperatur niedriger ist, als die des kältesten Erdstriches im Winter 
( — 60 C). Die Erdoberfläche strahlt Wärme gegen den Weltraum 
aus, ihre Temperatur ist die Picsultirende der Einstrahlung 
(Insolation) und Ausstrahlung (Emission). 

Die über der Erde befindliche Luft kühlt mit ihrer Unterlage 
ab, indem sie gegen dieselbe Wärme ausstrahlt und ausserdem 
noch gegen den Weltraum hin Wärme durch Strahlung abgibt. 



144 Abnalime der Lufttemperatur mit der Höhe. 

Während des Tages und der Nacht, zu jeder Zeit, finden diese 
Wärmeverluste der Luft statt, und wieder ist es die Unterlage, die 
hiebei den grössteu Einfluss ausübt. 

Ein grosser Theil der Erdoberfläche ist nun nicht Festland, 
sondern Wasser. Die specifischen Wärmen beider sind verschieden 
gross (Wasser = 1, Festland 0,35 im Mittel), und deshalb muss 
der wärmende Einfluss derselben auf die Luft sich ungleich mächtig 
gestalten. Festland erwärmt sich tagsüber schneller und höher als 
Wasser, kühlt aber dafür zur Nachtszeit rascher und ergiebiger 
aus. Daraus folgt, dass die aufliegende Luft über Festland ein 
relativ höheres Maximum der Temperatur einerseits und ein 
tiefer liegendes Minimum andererseits erreichen wird als über einer 
Wasserfläche. Landluft ist im Sommer heisser als Seeluft, im Winter 
kälter als letztere. Die Temperatursextreme des Jahres liegen für 
Orte von ausgesprochen continen taler Lage weiter auseinander, 
als für Orte an der Küste oder auf Inseln mit oceanischer Lage. 



B. Abnahme der Lujttemperatu?^ mit der Höhe. 

Die Temperatur der Luft nimmt mit der Höhe ab, jedoch ist 
diese Abnahme nach Zeit und Ort verschieden. Sie ist z. B. im 
Winter geringer als im Sommer, weil zur kalten Jahreszeit die 
Erwärmung der unmittelbar auf den Boden aufliegenden Luft- 
schichten weniger weit gedeiht, ja es zeigt sich in gebirgigen 
Gegenden im Spätherbste und zur Winterszeit das Gegentheil, näm- 
lich, dass die Temperatur der Luft in geringer Höhe über dem 
Boden höher ist, als an der Thalsohle. Hier nimmt die Tempe- 
ratur von unten nach oben z u , um weiter oben wieder abzunehmen. 
Dies hat Prettner für Kärnthen, Simony für die Alpenthäler 
Oberösterreichs und neuestens Kern er für Tirol') nachgewiesen, 
und es erklärt sich damit die auffällige Erscheinung, dass die Be- 
wohner der genannten 'Länder ihre Behausungen nicht auf der 
Thalsohle, sondern lieber an den unteren Gehängen der Berge an- 
bringen. Eine Temperaturszunahme der Luft von unten nach oben 
tritt auch auf ebenem Lande dann ein, wenn eine grössere Boden- 
fläche durch ungehinderte Wärmeausstrahlung bedeutend erkaltet, 
wenn sich eine sogenannte Kälteinsel (mit hohem Luftdrucke) aus- 
bildet. 

Im Sommer dagegen wird der Boden und mit ihm die auf- 
liegende Luft stark erwärmt, wodurch sich eine rasche Temperaturs- 



1) Oesterr. Zeitsclir. f. Met. XI. Bd. 1876, S. 1, 



Abnahme der Lufttemperatur mit der Höhe. 145 

abnalime nach den oberen Schicliten zu entwickelt, besonders dann, 
wenn die Witterung anhaltend heiter und sonnig ist. Die Erhitzung 
der untersten Luftschichten geht oft so weit, dass das Gleich- 
gewicht derselben ein labiles wird, und sie sich mit grosser Ge- 
schwindigkeit von unten nach oben und plötzlich erheben müssen, 
was Gewitter und Hagelbildung bedingt. 

Die Temperatursabnahme nach oben ist aber auch abhängig 
von dem grösseren oder geringeren Feuchtigkeitsgehalte 
der unteren Luftschichten, sie erfolgt in trockener Luft rascher als 
in feuchter. Dies wird durch die Beobachtungen Glaisher's bei 
seinen Ballonfahrten und durch die Ergebnisse der auf Mont 
Washington (1915 M.j in New-Hampshire im Mai 1S72 im Ver- 
gleiche mit der Thalsohle angestellten Versuche bestätigt. Bei 
heiterem Wetter wird die aufsteigende trockene Luft bedeutendere 
Höhen erreichen können, bevor sie durch die Condensatiouswärme 
des in ihr enthaltenen Wasserdampfes erwärmend auf die Emgebung 
einwirkt, als wenn sie feucht ist, wodurch die Temperatursabnahme 
nach oben in trockener Luft zu raschem Verlaufe kommt. 

Es ist ausserdem auch die Stärke der in höheren Luft- 
schichten herrschenden Winde von Einfluss, da starke Winde ein 
Ansaugen der unteren Luftschichten nach oben bewirken, was ein 
rasches Emporsteigen und Abkühlen der letzteren zur unmittelbaren 
Folge hat. 

Es ist bei einer Messung der Temperatursabnahme der Luft 
nach oben nicht gleichgiltig, ob man diese Messung im aufsteigen- 
den Luftballone oder längs eines Berggeländes ausführt ; man wird 
im letzteren Falle wegen des wärmenden Festbodens anfänglich 
eine geringere Abnahme der Lufttemperatur finden als in freier Luft. 

Ein Gesetz für die Abnahme der Temperatur mit der Höhe 
ist noch nicht abgeleitet, jedoch lässt sich, wie Hann gezeigt hat*), 
aus dem in Metern ausgedrückten Höhenabstand einer Luftschichte 
vom Meeresspiegel und der an demselben herrschenden Temperatur 
die der hochgelegenen Luftschichte berechnen. Und umgekehrt ge- 
stattet die aufgestellte Formel die Ermittelung der Temperatur, die 
ein Ort von n Meter Höhe zeigen würde, wenn er nach dem 
Meeresniveau herabgesetzt würde. Führt man eine solche Eeduc- 
tion der mittleren Jahrestemperatur auf Seeniveau 
für Wien aus, so steigt dessen Jahresmittel von 10 auf 11 ^ C, da 
Wien 19S Meter über dem Spiegel der Adria liegt und für je 
100 Meter 0,5 — 0,6^-^ C. in Rechnung zu stellen sind. 



1) Zeitschr. d. österr. Gesellsch. f. Met. Bd. Vi. ISTl, S. 316. 
Gohren, Ackerbauchemie. 10 



146 Täglicher und jährlicher Gang der Lufttemperatur. 

Es ist die Amiahme gestattet, dass in einer Höhe von II/2 
deutschen Meilen die Luft Sommer und Winter gleiche Tempe- 
ratur besitzt. 



C. Täglicher und jährlicher Gang der Lvfttemperatur. 

Verfolgt man mittelst eines auf dem von der Sonne direct be- 
strahlten Boden aufliegenden Thermometers den Gang der Tempe- 
ratur der obersten Bodenschichte, so zeigt sich, dass kurz nach dem 
Aufgange der Sonne die Temperatur zu steigen beginnt. Im Ver- 
laufe des Vormittags dauert bei zunehmendem Höhenstande der 
Sonne die Steigung fort, bis endlich mit dem Zenithstande das 
Maximum der Temperatur eintritt. Im Verlaufe des Nachmittags 
und noch mehr nach dem Untergange der Sonne wird durch die 
nun allein wirksame Ausstrahlung ein fortwährendes Sinken der 
Temperatur der obersten Bodenschichte eintreten, bis das Mini- 
mum am Sonnenaufgange erreicht ist. 

Es wurde bereits gesagt, dass die Luft die Wärme zum grössten 
Theile durch Rückstrahlung von der Erde aus empfängt, folglich 
muss sie, sowie der Boden, auf dem sie liegt, tagsüber ein Maxi- 
mum und Minimum der Temperatur zeigen. Man nennt diese Be- 
wegung der Temperatur während 24 Stunden den täglichen 
Gang und den Abstand der höchsten und niedrigsten Temperatur 
während dieser Spanne Zeit tägliche Schwankung der Luft- 
temperatur. Directe Beobachtungen mittelst entsprechend situirter 
Thermometer lassen den Gang der Temperatur Tag für Tag das 
ganze Jahr hindurch finden. Wegen des sich ändernden Sonnen- 
standes und der davon abhängigen Länge des Tagebogens und 
vieler erst später zu erörternder Gründe ist dieser tägliche Gang im 
Laufe des Jahres verschieden. Ebenso wird der monatliche Gang, 
gegeben durch die aus täglich dreimaliger {1^ 2^ 'd^ oder 6li 2^ 9h) 
Ablesung gebildeten TagesmitteP), und der jährliche Gang 
der Temperatur eine periodische Zu- und Abnahme derselben auf- 
weisen. So wird z. B. während des Monates Juni ein Steigen in 
den Tagesmitteln, im Dezember dagegen ein Fallen bemerkbar sein. 
Die Monatsmittel der Temperatur, erhalten durch Addition der 
30 (31) Tagesmittel und Division der Summe durch die Anzahl der 



l) Die aus dreimaliger Ablesung gerechneten Tagesniittel sind noch nicht 
wahre Mittel, diese werden durch stündliche Ablesung erhalten. Um erstere 
Mittel auf wahre zurückzuführen, ist eine für jeden Beobachtungsort speciell 
auszuniittelnde Correction nöthig. 





Winter 






Frühling 




Dec. 


Jan. 


Felr. 


März 


April 


Mai 


0,2 


— 1,6 
Sommer 


+0,7 


4,4 


10,2 

Herbst 


15,7 


Juni 


Juli 


Aug. 


Sept. 


Oct. 


XOY. 


18,9 


20,6 


20,1 


15,8 


10,4 


4,3 



Täglicher und jährlicher Gang der Lufttemperatur. 147 

Tage, werden vom Jänner ab ein Steigen, vom Juli ab ein Fallen 
der Mittelwerthe aufweisen (jährlicher Gang der Temperatur). 
Das arithmetische Mittel der 12 Monatstemperaturen gibt die 
mittlere Jahrestemperatur eines Ortes. 

Liegen viele Beobachtungsjahre vor, so lässt sich für jeden 
Tag des Jahres aus den für diesen Tag erhaltenen Mitteln ein 
einziges Mittel bilden, das dann das normale Mittel dieses Tages 
genannt wird. So ergibt sich aus den neunzigjährigen Aufzeich- 
nungen in Wien für den 1. Jänner — l,ö^ C. als normales Mittel. 
Aehnlich entstehen normale Monatsmittel und das normale 
Jahresmittel. Normale Monatsmittel für Wien in o C. : 



Jahr 
10,0 



Es wird später gezeigt werden, dass in der Regel der tägliche 
Gang der Temperatur vermöge der vielen störenden Einflüsse von 
dem normalen abweicht und mit ihm das Tagesmittel, was weiter 
eine Abweichung der Monatsmittel und eine abnormale mittlere 
Jahrestemperatur bedingt. 

Fassen wir nun zunächst den täglichen Gang der Temperatur 
näher ins Auge. Ein Tag der Beobachtung genügt, um uns zu 
überzeugen, dass die Temperatursextreme (Maximum und Minimum) 
im Boden und in der Luft nicht zu gleicher Zeit eintreten. Es 
liegt in der Art der Erwärmung der Luft, dass diese Extreme in 
ihr später auftreten. Die Wärme der Sonne muss erst den Boden 
erhitzen und dieser erwärmt dann die Luft. Durch diesen Umweg 
verspätet sich das Maximum in der Luft. Die Winkel der ein- 
fallenden Sonnenstrahlen nehmen gegen Mittag an Grösse zu, und 
damit ihre durchwärmende Wirkung; der Wärmeverlust, den die 
Erde durch Ausstrahlung zu jeder Zeit erleidet, erscheint mehr als 
gedeckt. Von Mittag ab senkt sich die Sonne, aber trotzdem ver- 
bleibt die Temperatur im Steigen, bis endlich einige Stunden nach 
Mittag bei niedrigerer Sonnenstellung Insolation und Emission sich 
das Gleichgewicht halten und in diesem Augenblicke ist das 
Temperatursmaximum erreicht. Von da ab bis zum Sonnenauf- 
gange kühlt die Luft ab. Zum späteren Eintreten des Temperaturs- 
maximums mag wol auch das Aufsteigen der erwärmten und Herab- 
sinken der kälteren Luftschichten beitragen, sodass erst allmälig 
die unteren Schichten eine höhere Temperatur annehmen können. 

10* 



148 Tägliche und jährliclie Schwankung der Lufttemperatur. 

Täglicher Gang der Lufttemperatur für Wien in verschiedenen 
Jahreszeiten : 

Maximum um Minimum um 

Januar 2^ 5^ Nachm. 6^ 1 Im Früh. 
April 3h 8m „ 4li 5 2m „ 

Juni 35i 35m ,, 4h 20m ^^ 

October 2^ 15m „ 5b 39m ^ 

Je länger der Tagebogen, desto später der Eintritt des Tem- 
peratursmaximums. Die Zeit für den Eintritt des Minimums ist 
durch die Stunde des Sonnenaufganges bestimmt. 

Sowie im Laufe des Tages das Maximum der Lufttemperatur 
erst nach dem höchsten Sonnenstande eintritt, so erfolgt auch jahr- 
über die intensivste Erwärmung der Luft nicht zur Zeit des höchsten 
Sonnenstandes, sondern erst später, auf unserer Hemisphäre und in 
der gemässigten Zone gegen Ende Juli, auf der südlichen im Januar. 
Das Temperatursminimum fällt nicht auf den Dezember (Juni), 
sondern gegen Ende Januar (Juli). 

Am Aequator kommen kurz nach den zwei Zenithständeu der 
Sonne (März und September) die höchsten Temperaturen zum Vor- 
scheine und zwar im April und October, die niedrigsten im Juli 
und Januar, zu welcher Zeit die Gegend der Wendekreise am 
meisten begünstigt ist. 

Das Meer erwärmt sich langsamer als das Festland, es kühlt 
auch langsamer ab, daher verzögert sich der Eintritt der Extreme 
in der Luft über den Meeren gegenüber Landluft. Das Tempe- 
ratursmaximum der Seeluft fällt in den August, selbst in den Sep- 
tember, das Minimum auf Februar bis März (vergl. St. Helena mit 
Capstadt auf der Temperaturtafel pag. 153). 



D. Tägliche wid jährliche Schwmikung der Liifttemperatur. 

Die tägliche Temperatursschwankung ändert sich nach Ort 
und Zeit, Sie ist im Winter geringer als im Sommer, am Aequator 
grösser als in höheren Breiten. Am Aequator findet während des 
12 stündigen Tages eine ausgiebige Erwärmung statt, jedoch eine 
ebenso lange Zeit gehört der Abkühlung, die, der grossen Tempe- 
ratursdifferenz entsprechend, sehr ergiebig wird. Darum hat man 
die Nacht unter den Tropen den Winter der Tropen genannt. 
In den Polargegenden kann bei dem niedrigen Sonnenstande die 
Temperatur tagsüber sich nur ganz wenig erheben, die tägliche 
Schwankung ist daher gering, am geringsten ist sie während der 
24 stündigen Nacht oder des 24 stüudigen Tages. 



Nicht periodisclie Aenderungen der Lufttemperatur. 149 

Die Erhebung über den Meeresspiegel verringert den Abstand 
der Extreme, ebenso die Gegenwart grösserer Wasserflächen. Die 
grosse Wärmecapacität des Wassers lasst kein bedeutendes Ansteigen 
der Temperatur zur Tages- und Sommerszeit zu und verlangsamt 
die Abkühlung der Luft zur Nachts- und Winterszeit. Orte an der 
Meeresküste haben kühle Sommer und milde Winter, der Abstand 
zwischen Juli- und Jännermittel, d. i. die jährliche Tempe- 
raturs seh wankung ist geringer als für Orte von ausgesprochen 
continentaler Lage. Diese Thatsache macht ein wesentliches 
Merkmal des Klima's aus, man bezeichnet das Klima der an der 
Meeresküste gelegenen Orte als oceanisches oder Seeklima im 
Gegensatze zu Continental- oder Festlandklima. Letzteres wird 
Vi^egen der grossen jährlichen Temperatursschwankung „excessiv" 
genannt. 

Während die tägliche Schwankung vom Aequator gegen die 
Pole hin abnimmt, nimmt die jährliche gegen die Pole hin zu, 
sie wächst mit der geographischen Breite. Cayenne unter 4*^ 56' 
nördlicher Breite zeigt nur 1,3'^ C. unterschied zwischen heissestem 
und kältestem Monat, dagegen weist Rensselaerhafen an der West- 
küste Grönlands unter 78^ 37' nördl. Br. eine jährliche Schwan- 
kung von 41,4° C. auf. Die Ursache dieser Erscheinung liegt 
in dem Unterschiede der Tagesdauer, welche für Orte innerhalb 
des Polarkreises — 24 Stunden beträgt, wodurch im Sommer 
doch Temperaturen weit über "^ C. zu Stande kommen können, 
dafür aber im Winter intensive Erkaltung folgt.') Am Aequator 
ist jahrüber Tag und Nacht gleich lang, der Höhenstand der Sonne 
wejjjg verschieden, womit die Thatsache, dass der Unterschied 
zwischen wärmstem und weniger warmem Monat kleiner ist als die 
tägliche Schwankung, ihre naturgemässe Erklärung findet. 



E. Nicht periodische Aenderungen der Lufttemperatur. 

Geographische Breite, Höhenlage und Lage zu Gewässern haben 
den entschiedensten Einfluss auf die Temperatursverhältnisse eines 
Ortes ; diese drei Factoren sind für denselben Ort constant, und doch 
erfolgt an demselben der tägliche und jährliche Gang der Luft- 
temperatur nicht Jahr für Jahr in gleicher Weise, es zeigt die Er- 
fahrung, dass der normale Gang, d. h. der aus vielen Beobachtungs- 



1) Julius Payer zeichnete bei der österr.-ungar. Xordpolexpedition in den 
Jahren 1S72 — 1874 — 50,6° C. als niedrigste Temperatur unter 80° 2u' nördl. 
Breite über Festland auf. 



150 Temperatur der "Waldluft gegenüber freier Luft. 

reiheu abgeleitete, zu den Ausnalimen, Abweichungen davon zur 
Regel gehören. Die Ursachen zur Entstehung des nicht periodischen 
(abnormalen) Ganges sind mannigfaltige, in erster Linie sind es die 
Winde. Kalte Winde aus höheren Breiten und von hartnäckiger 
Dauer drücken Tages- und Monatsmittel um ein Beträchtliches unter 
die normalen Mittel herab, andererseits bringen warme Winde höhere 
Mittel und eine Reihe anderer den täglichen Gang störender Er- 
scheinungen hervor, wie Bewölkung, Nebel, Regen. Dichte Be- 
wölkung hat zur Folge, dass das Temperatursmaximum weit hinter 
dem zu erwartenden zurückbleibt und eintretender Nebel oder Regen 
lässt manchmal ein solches zu ganz unerwarteter Zeit zu Stande 
kommen. 

Als Beispiel für die grosse Schwankung in den Tagesmitteln 
diene der 1. Januar für Wien. Derselbe hat als normales Mittel 
der Temperatur — 1,5^ C, im Jahre 1849 stellte sich das Tages- 
mittel auf— 140 c., im Jahre 1860 auf + 11« C. Die Schwankung 
der Monatsmittel ist nicht mehr so bedeutend (in den Wintermonateu 
grösser als in den Sommermonaten), sie erreicht noch 15^ C. in 
Wien ; am geringsten ist die Schwankung in den Jahresmitteln 
(4,520 c. für Wien). 

Derartige Anomalien erstrecken sich oft auf weite Gebiete, 
während ein Gebiet in positiver Anomalie sich befindet, ist das 
hartangrenzende zu kalt und in negativer Anomalie. 

Eine auffallende Erscheinung ist das consequente Zurückfallen 
der Temperatur in Mitteleuropa im Mai (12. und 13. Mai, Pancra- 
tius und Servatius, die Eismänner und am 25. Mai, Urbanus). 
D V e sucht die Ursache in einem im Frühjahre im Innern Sibiriens 
aufsteigenden warmen Luftstrome, der ein Aspiriren von Luft über 
den atlantischen Ocean zur Folge hat. Die angesaugte Luft ist 
wegen der von Grönland bis Neufoundland treibenden Eisberge 
kalt und bedingt das Rückfallen der Temperatur im Mai, und den 
Eintritt der Regenzeit im Juni. 

F. Temperatur der Waldluft gegenüber freier Luft. ' 

Ein abweichendes Verhalten in dem Gange der Lufttemperatur, 
das volle Berücksichtigung verdient, zeigt Waldluft gegenüber der 
freien Luft. Gleiche Lagen vorausgesetzt, bleibt das Jahresmittel 
der Waldluft hinter dem der Luft im Freien nach den E b e r m a y e r'- 
schen Untersuchungen ^j um 0,98 o C. durchschnittlich zurück. Diese 



1) Ebermayer, die physikalischen Einwirkungen des Waldes auf Luft 
und Boden. Asciiaffenburg 1S73. 



Temperatur der "Waldluft gegenüber freier Luft. 151 

Differenz steigt in hochgelegenen ertlichkeiten bis zu 1,4^ C. Ver- 
folgt man die Temperatursunterschiede in den einzelnen Jahreszeiten, 
so bleibt zur Sommerszeit die Temperatur der Waldluft am weitesten 
zurück (um 2,1 o C. im Mittel), aber auch im Winter, entgegen 
der gewöhnlichen Anschauung, ist die Luft am Tage im Walde 
kälter als im Freien, wenn auch nur um einige Zehntel Grade. In 
der Nacht ist zu allen Jahreszeiten die Waldluft wärmer. Daraus 
folgt, dass die tägliche Schwankung der Temperatur in der 
Waldluft geringer ist als auf freiem Felde. Das Jahresmaximum 
ist im Walde um 5,2*^ C. im Mittel niedriger, das Minimum um 
2,50 C. (aber nur an 2 Stationen Bayerns) höher. Weil der Wald 
die Temperatursextreme näher rückt, so muss eine grössere Ent- 
waldung das Klima excessiver machen, heissere Sommer 
und kältere Winter veranlassen, und zwar wird die Steigerung 
der Sommerhitze für uns fühlbarer sein als die der Winterkälte. 
Ausserdem würde eine ergiebige Austrocknung des Waldbodeus 
damit verbunden sein, was Nachtheile in Bezug der Feuchtigkeits- 
verhältnisse der Nachbarschaft nach sich ziehen muss. 

Zur Ermittelung der Lufttemperatur dient das Thermometer, das 
über dem Boden in freier Luft so aufgehängt sein soll, dass es nicht direct von 
den Sonnenstrahlen getroffen wird, und auch vor seitlichen "Wärmereflexen (er- 
hitzte Wände von Gebäuden) geschützt ist. Es eignet sich in Ermangelung 
eines passenden hölzernen Häuschens, dessen offene Seite nach Norden gerichtet 
ist, diejenige "Wand eines Gebäudes, die nach Norden liegt, an welcher das 
Thermometer 0,5 Meter von der Mauer entferut aufgehängt wird. Der Abstand 
von der Bodenfläche ist nicht gleichgültig für die Temperatursangaben , die 
Distanz von l Meter vrird häufig angetroffen, jedenfalls darf zwischen Thermo- 
meterkugel und Boden keine Bretterwand oder sonst ein dessen Wärmeaus- 
strahlung nach abwärts hindernder Körper sein. 

IJm die Extreme der Temperatur während eines bestimmten Zeitraumes, 
z. B. 24 Stunden, zu finden, bedient man sich des Maximum- Mini mum- 
thermometers , dessen zwei Stifte bei Casella's Maximum-Minimumthermometer 
durch die thermometrische Substanz (Alkohol) gestellt werden. Der eine Stift 
lässt das Maximum, der andere das Minimum der Temperatur erkennen. Die 
eisernen, federnden Stifte werden mit einem Magnete eingestellt. 

Die hier angefügte Temperaturtafel soll die Vertheilung der 
Wärme über die Erdoberfläche zur Anschauung bringen.^) 



1) Die Daten zu dieser Tafel sind dem empfehlenswerthen meteorologischen 
Abschnitte aus der „Allgemeinen Erdkunde" von Hann, Hochs tetter und 
Pokorny (Prag, Tempsky 1S72) entnommen. 



152 



Temperaturtafel. 



Temper aturtafel. 



Ort. 



O pq 



Temperatur Celsius 



Jahr 



kältester | wärmster 
Monat 



Tägliche 

Wärme- 

sch wankung 



Mittel Max, 



Eeusselaerliafen . . . 
Jakutsk (Ost-Sibirien) . 
Theodulpass (Wallis.Alp.) 
Sanct Bernhard . . . 
Tobolsk ...... 

Hammerfest 

Petersburg 

Moskau 

Eeykiavig (Island) . . 
Sitka (N.-AV.-Amerika) . 
Königsberg ..... 
Bergen ...... 

Klagenfurth 

München 

Lemberg 

Innsbruck 

Hermannstadt .... 

Berlin 

Graz ....... 

Prag 

Astrachan 

Wien ....... 

Köln 

Dublin ...... 

Strassburg 

London 

Paris 

Ofen 

Meran 

Panscova 

Mailand 



7S° 37' 
62° 1' 
45° 56' 
45° 50' 
580 11' 
70° 40' 
59" 56' 
55« 46' 
64° S' 
5503' 
540 43' 
60° 24' 
46° 37' 
48° 9' 

490 50' 
470 lg; 

450 47f 

52° 31' 
4704' 
5005' 
46° 21' 
48° 13' 
50° 56' 
53° 21' 
48° 35' 
51° 29' 
48° 50' 
47° 31' 
46° 40' 
44° 50' 
45° 28' 



— 


—19,5 


— 38,0März 


87 


—10,9 


— 40,8Jan. 


3333 


—6,6 


— 13,4 „ 


2478 


—1,8 


—9,0 „ 


108 


—0,3 


—19,8 „ 


— 


+ 1,8 


—5,1 „ 


— 


+3,6 


-9,4 „ 


168 


+4,1 


—10,9 „ 


— 


+4,1 


—2,0 Feb. 


— 


+ 6,2 


0,0 Jan. 


— 


+ 6,7 


—3,7 „ 


— 


+ 6,9 


0.0 Feb. 


441 


+7,4 


—6,3 Jan, 


526 


+7,5 


—3,0 „ 


259 


+8,0 


—3,8 „ 


574 


+ S,2 


-3,0 „ 


408 


+8,8 


—3,9 „ 


39 


+ 8,9 


-0,9 „ 


371 


+9,2 


—2,6 „ 


201 


+9,4 


-1,6 „ 


— 


+9,5 


-6,4 „ 


194 


+10,0 


-1,6 „ 


44 


+ 10,1 


+ 1,6 „ 


— 


+ 10,1 


+5,1 „ 


144 


+ 10,4 


+ 1,0 „ 


48 


+ 10,4 


+3,0 „ 


— 


+ 10,8 


+1,9 „ 


128 


+ 10,9 


—1,4 „ 


310 


+ 11,7 


+ 0,3 „ 


68 


+ 11,8 


—0,8 „ 


147 


+ 11,9 j 


+0,5 „ 



3,4 Juli 41,4 



17,4 

1,0 

6,2 
19,1 
11,3 
17,5 
19,2 
13,4 
13,2Aug. 
17,2 Juli 
14,4 
18,8 
17,3 
19,5 
17,4 
19,5 
18,5 
19,7 
19,8 
24,5 
20,6 
18,5 
15,8 
19,5 
17,8 
18,7 
22,4 
21,8 
23,2 
22,9 



58,2 

14,4 

15,2 

38,9 

16,4 

26,9 

30,1 

15,4 

13,2 

20,9 

14,4 

25,1 

20,3 

23,3 

20,4 

23,4 

19,4 

22,3 

21,4 

30,9 

22,3 

16,9 

10,7 

18,5 

14,8 

16,8 

23,8 

21,5 

24,0 

22,4 



Temperaturtafel. 



153 



Ort. 




Temperatur Celsius 



SS 



kältester wärmster 



Jahr 



Monat 



Tägliclio 

Wärme- 

sc]i-ivanl:ur!3 

■ ■ 

itittel: Max. 



Washington (Sternwarte) 

Peking 

San Francisco .... 
Saint Louis (jST.-Amerika) 

Triest 

Melbourne (Australien) . 

Valparaiso 

Auckland (Neuseeland) . 

Eom 

Quito (Süd-Amerika) 

Lissabon 

Sanct Helena .... 

Mexico 

Capstadt 

Sydney 

Buenos Ayres .... 

Jerusalem 

Funchal (Madeira) . . 

Algier 

New- Orleans .... 

Suez 

Bagdad 

Eio Janeiro .... 

Havannah 

Multan (Pendschab) . . 

Cayenne 

Calcutta 

Colombo (Ceylon) . . 

Singapore 

Gondokoro 

Kouka (Sudan) . . . 



38° 54' 


24 


39° 54' 


— 


370 4S' 


46 


38° 37' 


137 


450 39' 


— 


370 49' S. 


39 


33° 2' S. 


— 


36°50'S. 


— 


41° 54' 


52 


0° 14' S. 


2914 


38° 43' 


— 


15° 55' S. 


536 


19° 26' 


2272 


33°56'S. 


— 


330 52' S. 


47 


34° 37' S. 


31 


31° 47' 


762 


32° 44' 


— 


36° 47' 


— 


29° 57' 


— 


29° 58' 


— 


33° 21' 


— 


22° 54' S. 


64 


23° 9' 


— 


31° 11' 




4° 56' 


— 


22° 33' 


— 


7° 56' 


— 


1°17' 


— 


4° 49' 


487 


13° 10' 


276 



12,3 
12,6 
12,7 
13,1 
14,2 
14,4 
14,5 
15,3 
15,4 
15,6 
15,6 
16,3 
16,6 
16,7 
17,2 
17,3 
17,4 
18,8 
19,4 
19,8 
20,8 
23,3 
23,8 
25,0 
25,0 
26,1 
26,2 
26,8 
26,9 
28,4 
28,7 



+ 0,4 Jan. {24,1 Juli 
—3,4 „ 26,6 „ 
+9,8 „ 14,6 Sept. 
+0,1 „ 25,9 Jiüi 
+4,3 „ 24,2 „ 
+ S,7 Juli 19,9 Jan. 
+ 12,2 Aug. 17,2 Feb. 
+ 11,0 Juli 19,9 „ 
+7.3 Jan. 23,9 Juli 
+ 14,8 Juli; 16,3 März 
+ 10,0 Jau.i21,5 Juli 
+ 13,9 Sept.' 19,0 März 
+12,3 Jan. 19,7 Juni 
+ 12,5 Julil20,9 Jan. 
+ 11,3 „ 22,2 „ 
+ 10,1 „ 124,3 „ 
+ 8,5 Jan. |24,6 Aug. 
+ 16,0 März! 22,6 „ 



:+13,2 Jan. 
i+12,4 „ 
j+13,1 Feb. 
+ 9,7 Jan. 
+ 19,5 Juli 
+ 21.9 Jan. 
+ 12,5 „ 
1+25,5 Feb. 
1+19,8 Jan. 
+ 25,8 „ 
+ 25,7 „ 
+ 25,3 Feb. 



26,4 „ 
26,9 Xuli 

28.4 „ 

34,9 „ 

26.6 Feb. 

27.5 Aug. 
36,3 Juli 
26,8 Sept. 
30,0 Mai 

27.7 April 

27.6 Juli 

32.8 Aug. 



1+22.2 Dec.:33,5 April 



23,7 

30,0 

4,8 

25,8 

19,9 

11,2 

5,0 

8,9 

16,6 

1,5 

11,5 

5,1 

7,4 

8,4 

10,9 

14,2 

16,1 

6,6 

13,2 

14,5 

15,3 

25,2 

7,1 

5,6 

23,8 

1,3 

10,2 

1,9 

1,9 

7,5 

11,3 



8,4 j 10,2 
8,4 I 10,7 



4,3 .5,7 

9.9 I 12,8 

4,6 I 5,9 

9,9 I 11,6 

8,0 ■ 10,4 



6.3 
3,1 



7,9 
3,7 



5,9 7,1 

8.3 I 10,1 

' j 

I 

10,4 [ 12,6 

4,7 ' 5,a 



11,7 : 14,3 
13.3 

3,3 

6,2 
17,2 

5,7 

7,1 

4,2 



6,2 



16,4 
4,1 
7,8 

21,9 
6,9 

10,5 
5,9 

10,2 



154 Isothermen und Isanomalen. 



G. Isothermen und Isanomalen. 



Aus der Temperaturtafel (S. 152 f.), in welcher die Orte nach 
steigender mittlerer Jahrestemperatur geordnet sind, geht zunächst 
der Einfluss der drei wichtigsten Modificatoren der Temperatur her- 
vor^ nämlich der geographischen Breite, der oceanischen 
oder Continentallage und der Erhebung über das Meeres- 
niveau, So zeigt Singapore unter 1^ 17' ein Jahresmittel von 
26;90 C, Jakutsk unter 62 *> 1 ' nur — 10,9« C. Wie hervor- 
tretend ist die wärmebewahrende Wirkung des Meerwassers im 
Winter, welche im Januarsmittel sich ausspricht, und andererseits 
seine abkühlende Wirkung im Sommer (siehe Julimittel). So haben 
bei nahezu gleicher Breite und Höhenlage F u n c h a 1 auf Madeira und 
Bagdad als niedrigstes Januarsmittel 16 ^ C. resp. 9,7 o C.; der 
Juli ist in Bagdad mit 34,9 o C. unerträglich, auf Madeira nicht 
viel heisser als der von Pest -Ofen (22,6 o C). Weitere Belege in 
diesem Sinne liefert der Vergleich von Lissabon und Madrid, 
London und Moskau u, s. f. 

Die Abnahme der Temperatur mit der Höhe zeigt sich im 
Jahresmittel der Bergstadt Quito. 

Von grosser Bedeutung ist die tägliche und jährliche 
Schwankung der Temperatur. Erstere ist am Aequator (Cayenne) 
und in continentalen Lagen (Moskau) grösser als in höheren 
Breiten (Valparaiso) und an der Meeresküste (Hammerfest), 
ferner an der Thalsohle bedeutender als auf hohen Bergen (Graz 
— St. Bernhard). 

Die jährliche Schwankung^) nimmt mit der Breite und con- 
tinentalen Lage zu (Singapore-Jakutsk und London-Mos- 
kau), dagegen verringert sie sich mit der Höhe, freie Berggipfel 
dabei vorausgesetzt (Quito). Das Klima freier Höhen nähert 
sich dem Seeklima. 

Wie bereits erwähnt, kann man mittelst einer Formel die 
Jahresmittel auf Meeresniveau reduciren, wodurch gewonnen wird, 
dass Orte unter einerlei Breite miteinander in Bezug ihrer Tempe- 
ratursverhältnisse besser verglichen werden können, da der Einfluss 
der Höhenlage eliminirt erscheint. Alexander von Humboldt kam 
zuerst (1817) auf den nutzbringenden Gedanken, Orte gleicher 
mittlerer Jahrestemperatur (auf Seeniveau reducirt) durch Linien zu 
verbinden, die er Isothermen (Linien gleicher Wärme) nannte. 
Durch dieselben traten die Temperatursverhältnisse der Continente 



1) SieKe die Columne, welche mit Unterschied bezeichnet ist. 



Isothermen und Isanomalen. 155 

viel deutlicher hervor, und damit war die Auffindung der mass- 
gebenden modificirenden Einflüsse viel leichter gemacht. Aus den 
Isothermenkarten ist zu ersehen, dass auf der nördl. Hemisphäre 
zwei Bezirke grösster Kälte (Kältepole) existiren, der eine liegt 
im Osten Sibiriens nördlich von Jakutsk unter 62 o, der zweite 
im arktischen Archipel von Nordamerika (Parry's Inseln). Da bildet 
das im Winter gefrorene Meer ein compactes Ganze , das sich in 
Bezug auf Ausstrahlung wie Festland verhält, daher Januarmittel 
bis zu — 400 C. Der Nordpol und seine nächste Umgebung sind 
noch nicht erforscht, aber es ist nach den bisherigen Erfahrungen 
ausser Zweifel, dass in diesen Breiten die Kälte hinter der des 
östlichen sibirischen Festlandes zurückbleibt. Die heissesten 
Stellen der Erdoberfläche müssen wir naturgemäss auch auf dem 
Festlande suchen. Sie liegen wegen der vorwaltenden Festland- 
masse der nördl. Hemisphäre nördlich vom Aequator. Die Wüsten 
Nordamerikas, Arabiens und Mesopotamiens zeigen Juli- 
mittel von 30— 35 C. 

Vergleicht man den Lauf der Isothermen mit dem der Breite- 
grade, so findet man, dass erstere die letzteren häufig durchschnei- 
den, die Isothermen erheben sich über begünstigten Theilen der 
Erdoberfläche über die Parallelkreise in Form convexer Scheitel 
und senken sich als concave Scheitel unter dieselben, wenn ein 
erkältender Einfluss zur Geltung gelangt. D o v e , dem in den 
sechziger Jahren ein viel reichlicheres meteorologisches Material 
von mehr als 2000 Stationen zur Verfügung stand, ging noch 
weiter als Humboldt und zeichnete Monatsisothermen, Jänner- 
und Juliisothermen, in welchen der Gegensatz zwischen kältester 
und wärmster Jahreszeit deutlich zum Ausdruck kommt, was bei 
den die Gegensätze ausgleichenden Jahresisothermen nicht zutrifi"!. 
Für den Landwirth ist die Kenntniss der seinen Ort durchziehenden 
Juliisotherme werthvoll, da sich nach derselben die Möglichkeit 
richtet, gewisse Pflanzen in die Cultur hereinzuziehen oder nicht. 
(Phytoisothermen.) 

Dove berechnete aus den Jahresmitteln aller Orte unter einem 
Breitegrade das Mittel für die Temperatur dieses Parallelkreises, 
und verband nachher Orte gleicher Abweichung von diesem Mittel 
mit Linien, die er Isanomalen (Linien gleicher Abweichung) 
nannte. Mittelst der Monats-Isothermenkarten, und der Karten der 
Isanomalen, die sich auch für kleinere Bezirke mittelst Herbei- 
ziehung der Monatsmittel, von Fall zu Fall, z. B. bei strengen 
Wintern oder abnormal heissen Sommern, entwerfen lassen, ist der 
Einblick in die jeweilige Vertheilung der Lufttemperatur über ein 
gegebenes Gebiet viel klarer geworden und ausserdem gelangen 



156 Der Luftdruck. 

durch sie die Wirkungen der störenden Einflüsse, wie Luft- und 
Meeresströmungen, zur anschaulichen und tibersichtlichen Darstel- 
lung, was deren richtige Deutung wesentlich gefördert hat. 



3. Der Luftdruck. 

Die Lufttheilchen unterliegen dem Zuge der Schwere, ihr Ge- 
v/icht äussert sich als Luftdruck, dessen jeweilige Grösse durch 
den auf 0^ reducirten Barometerstand bestimmt ist. Bei der 
Erhebung über den Meeresspiegel sinkt der Luftdruck, weil Dichte 
und Höhe der drückenden Luftsäule dabei stetig abnehmen. Mit 
Zugrundelegung des Mariotte'schen Gesetzes lässt sich für die 
Abnahme des Luftdruckes mit der Höhe ein Gesetz auffinden, wel- 
ches lautet: Der Luftdruck nimmt in einer geometrischen Pro- 
gression ab, wenn die Erhebung über den Meeresspiegel in arith- 
metischer Reihe zunimmt. Die Abnahme des Luftdruckes erfolgt 
in den unteren Schichten etwas rascher , als in grösseren Höhen ; 
daher das Höhenintervall für eine bestimmte Druckerniedrigung 
desto grösser ausfallen muss, je höher man sich erhebt. So 
verringert sich der mittlere Barometerstand in unseren Breiten 
(762 Mm. am Meeresspiegel) um 1 Mm., wenn die Erhebung 
10,5 M. beträgt, dieselbe Druckerniedrigung tritt in Höhen von 
3000 M. erst bei einer Erhebung von 15,8 M. ein. (Dabei ist in 
der ganzen Luftsäule die Temperatur 0^ C. vorausgesetzt.) 

Mittelst der von Laplace angegebenen Höhenformel lassen 
sich die auf die Normaltemperatur 0^ C. reducirten Barometer- 
stände höher gelegener Orte auf Meeresniveau zurückführen. 

Denken wir uns für einen Augenblick die Einwirkung der 
Sonnenwärme auf Erdboden und Luft als nicht vorhanden, so liegt 
das Luftmeer unter allen Breiten auf gleich temperirtem Boden auf; 
die unteren Luftschichten werden in Folge der durch die Schwere 
bewirkten Verdichtung eine höhere Temperatur zeigen als höher 
gelegene, ohne dass deshalb ein Aufsteigen der ersteren eintreten 
kann'), es herrscht ein Gleichgewichtszustand in horizontaler und 
verticaler Richtung innerhalb des Luftoceans, der in der Gleichheit 
des Druckes gleich hochliegeuder Luftschichten seinen Ausdruck 
findet. Nun beginne der wärmende Einfluss der Sonne. Zonen 
ungleich hoher Erwärmung bilden sich auf der Erdoberfläche aus, 



1) Nach dem Gay Lussac 'sehen Gesetze wächst die Spannkraft der Luft 
so wie die Temperatur, die wärmeren Schichten werden von oben her entsprechend 
stärker sredrückt. 



Der Luftdruck. 157 

im Hitzegürtel wird die Luft aufgelockert, verdünnt, wodurch die 
Gleichheit des Druckes in gleichweit vom Boden abstehenden 
Schichten aufhört. Nach der Stelle der Verdünnung, über welcher 
Luft aufsteigt, fliesst dichtere Luft aus höheren Breiten. Ganz 
analog diesem Vorgange ist die Wirkung des erhitzten Festlandes 
dem Meere gegenüber, das in seiner Temperaturserhöhung bei Tage 
und im Sommer hinter dem Festlande zurückbleibt. Eine Luft- 
strömung vom Meere zum Lande hin, über welchem die Luft auf- 
steigt, wird dadurch wachgerufen, die zur Nachtszeit und im Winter 
in die entgegengesetzte Richtung umschlägt, weil in diesen Zeiten 
die Luft über dem Meere wärmer und dünner ist und hier aufsteigt. 
(Land- und Seewind.) 

Die Verdrängung der dünneren Luft durch dichtere vollzieht 
sich auch auf dem Grunde des Luftmeeres und wird uns fühlbar, 
wir nennen die dadurch herbeigeführte Bewegung der Luft Wind. 

Der Luftdruck ist im Aequatorialgürtel im Mittel 759 Mm. am 
Meeresuiveau, über den Wendekreisen steigt er bis zu 764 Mm. 
an, um dann in unseren Breiten auf 762 Mm. zu sinken. 

Für einen gegebenen Ort lässt sich eine tägliche und jähr- 
liche Periode im Gange des Luftdruckes bemerken. Im Laufe 
des Vormittages tritt ein Maximum gegen 10'' ein, diesem folgt 
ein Minimum gegen 5'' Nachmittags, ein zweites Maximum wird 
zwischen 9 — 11'' Abends erreicht, von da an sinkt der Luftdruck 
bis zu dem in den frühen Morgenstunden (zwischen 4 — 5 '') ein- 
tretenden Minimum. Die tägliche Schwankung des Luft- 
druckes ist gering, sie nimmt an Grösse vom Aecjuator gegen die 
Pole ab und beträgt in unseren Breiten 0,7 Mm. im Mittel; auch 
mit der Höhe des Ortes nimmt die tägliche Schwankung des Luft- 
druckes ab. Der jährliche Gang des Luftdruckes ist von der 
Breite weniger abhängig, als vielmehr von der mehr oder minder 
contineutalen Lage. Im Seeklima Westeuropas treten zwei 
Maxima und Minima auf, erstere fallen auf den Herbstesanfang und 
Winter, die Minima auf den April und November. Die jährliche 
Schwankung beträgt im Mittel etwa 2 Mm. Anders stellt sich 
der jährliche Gang in continentaler Lage; da tritt ein hohes 
Maximum im Winter, ein tiefes Minimum im Sommer ein, die jähr- 
liche Schwankung erreicht nicht selten mehr als 1 Mm. In Peking 
steht das Barometer im Januar im Mittel auf 768,2 Mm., im Juli 
auf 748,5 Mm. Im Sommer liegen die Druckmaxima über den 
Meeren, so z. B. im atlantischen Ocean zwischen 25 und 45*^ u. 
Br. Hier tritt übrigens auch im Winter das Druckmaximum auf, 
weil im Norden das erkaltende Land fehlt, und der Golfstrom die 
Luft in höheren Breiten erwärmt und auflockert (Luftdruck 7 49 Mm.); 



158 Die Luftströmungen oder Winde. 

es hängt mit dieser Erscheinung das Vorwalten südwestlicher 
Winde in Europa zusammen. 

Linien, welche Orte gleichen auf Meeresniveau reducirten Luft- 
druckes verbinden, heissen Isobaren. (Tages-, Monats-, Jahres- 
isobaren.) Sie sind für die Erkenntniss der Dichtigkeitsverhältnisse 
der Luft innerhalb des Beobachtungsgebietes von unschätzbarem 
Werthe, da sich aus der Lage und dem Verlauf derselben ein 
Schluss auf die zu erwartenden Winde und damit auch auf das 
anzuhoffende Wetter ziehen lässt'). 

Das Barometer soll frei, gegen Sonnenstrahlen geschützt, aufgehängt sein. 
Die Temperatur des Beobachtungszimmers darf nicht allzu jähen Schwankungen 

unterliegen. 

Vergleicht man die Barometerstände einer längeren Zeitperiode 
mit den dazugehörigen Temperatursmitteln, so zeigt sich, dass in 
der Regel Temperatur und Luftdruck entgegengesetzte Be- 
wegungen ausführen. Einer Steigung der Temperatur steht ein 
Sinken des Luftdruckes gegenüber und umgekehrt. Dass beim 
täglichen Gange des Luftdruckes im Laufe des Vormittages trotz 
steigender Temperatur ein Druckmaximum zu Stande kommt, ist 
darin begründet, dass während dieser Zeit die Verdunstung an der 
Erdoberfläche zunimmt und der gebildete Dampf die Spannkraft 
erhöht. In den Nachmittagsstunden wird durch den durch die 
Sonnenwärme eingeleiteten aufsteigenden Luftstrom Dampf in höhere 
Schichten entführt und die Luft selbst aufgelockert, wodurch der 
Eintritt eines nachmittäglichen Minimums bedingt ist. 



4. Die Luftströmungen oder Winde. 

Der Entstehung der Winde und deren Bahnen liegt das be- 
rühmte Gesetz von Buys Ballot zu Grunde, welches lautet: 
Der Wind strömt immer von dem höheren Luft drucke 
nach dem niederen, wobei er durch die Erdrotation 
auf unserer Hemisphäre nachrechts,aufder südlichen 
nach links abgelenkt wird. Höherer Luftdruck wird bedingt 
durch ein Zusammenziehen der Luft in Folge ausgiebiger Erkaltung 



1) Hoffmeyer in Kopenhagen gibt in neuester Zeit synoptische (TJeber- 
sichts-) Karten für Europa heraus, welche für jeden Tag des Jahres den Zustand 
der Atmosphäre bezüglich Druck, Richtimg und Stärke des "Windes in diesem 
weiten Gebiete darstellen. Das Material liefern dazu die täglich von den wich- 
tigsten meteorologischen Stationen einlaufenden "Witterungsberichte. 



Die LTiftströmungen oder "Winde. 159 

eines Landstriches. Ueber einer solchen Kälteinsel entsteht ein 
barometrisches Maximum ^ indem die Luft Wärme gegen den 
erkaltenden Boden ausstrahlt und sich dabei verdichtet. Auch über 
dem Meere, das im Sommer in seiner Erwärmung zurückbleibt, 
können Druckmaxima auftreten. Wird dagegen an irgend einer 
Stelle die Luft kräftig erwärmt, so erhebt sie sich so lange, bis 
sie durch die bei der Erhebung stattfindende Ausdehnung so weit 
abgekühlt ist, dass ihre Dichte der der umgebenden Luft gleich 
wird. Die Temperaturserniedrigung, welche ganz trockene Luft bei 
ihrer Erhebung durch Ausdehnung erleidet, beträgt für je 100 M. 
nahezu 1° C, in gewöhnlicher stets mehr oder minder feuchter 
Luft ist sie geringer, da die Condensationswärme des Wasserdampfes 
einen Theil des Wärmeverlustes deckt. Im absteigenden Luftstrome 
kann es zu keiner Condensation des Wasserdampfes kommen, da 
die Temperatur der Luft wegen der Druckzunahme steigt und 
zwar ganz rein um 1^ C. für je 100 M. Der Auftrieb der sich 
erhebenden Luft wird durch die Condensationswärme des Wasser- 
dampfes bedeutend gesteigert, durch sie kann die aufsteigende Luft, 
da in ihr die Temperatursabnahme verzögert erscheint, bedeutende 
Höhen erklimmen. Die unmittelbare Folge der Luftverdünnung 
durch den aufsteigenden Strom ist ein locales Sinken des Luft- 
druckes und dauert die Strömung lange genug an, so bildet sich 
ein barometrisches Minimum aus, nach welchem von allen 
Seiten dichtere Luft aus der Gegend des barometrischen Maxi- 
mums hinströmt. 

Liegt auf der nördlichen Hemisphäre das Minimum südlich 
vom Maximum, so ist die Luft bestrebt, in nordsüdlicher Richtung 
dem Minimum zuzuströmen, sie kann jedoch den Herd der Aspiration 
nicht auf directem Wege erreichen, da sie nach Südwest hin 
durch die Erdrotation abgelenkt wird, dafür schöpft das Minimum 
Luft aus Nordost. Im umgekehrten Falle, bei nördlicher Lage 
des Minimums, wird der von Süd nach Nord ziehende Strom auf 
unserer Halbkugel nach Nordost abgelenkt. 

Längs des Aequators liegt Jahr aus, Jahr ein ein barometrisches 
Minimum, ein Hitzegürtel, über welchem beständig sehr feuchte Luft 
zu grossen Höhen aufsteigt. (Siehe Zeichnung S. 160.) Von Norden 
und Süden strömt Luft herzu, um die Lücke auszufüllen ; die Bahnen 
dieser Ströme können wegen der Ablenkung durch die Rotation der 
Erde nicht mit den Mediankreisen zusammenfallen, es wird der Be- 
obachter auf der nördlichen Hemisphäre die nach dem Aequator 
ziehende Luftströmung (da sie nach Südwest abgelenkt wirdj als 
Nordostwind fder Bewohner der südlichen Hemisphäre als Süd- 
ostwind) wahrnehmen. Es setzen sich nämlich auf jeder der Halb- 



160 



Die Luftströmungen oder "Winde. 



■ Hopd. 



kugeln zwei Bewegungen zusammen, die eine von Nord nach Süd 
(resp. von Süd nach Nord), die andere von Ost nach West gerichtet. 
Die letztere Componente wird dadurch hervorgerufen, dass die Luft 
auf ihrer Wanderung nach Süden (Norden) auf Bodenunterlagen 
trifft, die eine grössere Umdrehungsgeschwindigkeit besitzen, als sie 
selbst. Durch die gleichzeitige Wirkuug der zwei Bewegungs- 
componenten entsteht eine resultirende Bewegungsrichtung, die sich 

desto mehr der Richtung 
der ost-westlichen Compo- 
nente zuneigt, je weiter 
der Wind von seiner Ur- 
sprungsstätte sich entfernt 
hat, so dass zu beiden 
Seiten des Aequators eine 
rein Östliche Strömung 
zum Vorscheine kommt. 

Man nennt die beiden 
Winde der Hemisphären, 
welche Luft aus hohen 
Breiten dem Aequator zu- 
führen , Polar ströme, 
am Aequator hinfliessend 
heissen sie Passate. Die 
Passate reichen bis zum 
30. Breitegrad nördlich 
und südlich, sie berühren 
sich jedoch nicht unmittel- 
bar , sondern zwischen 
ihnen liegt eine 3 bis 8 
Breitegrade umfassende 
Zone der Windstillen 
(Calmen), über welcher 
beständig Luft aufsteigt. 
Die Calmenzone wandert 
nicht etwa mit der Sonne 
vonWendekreis zu Wende- 
kreis, sondern stets nördlich vom Aequator bleibend wandert sie von 
QO bis 11^ nördl. Breite. und ist im Winter schmaler als im Sommer. 
Die Eegion der Calmen wird von den Seefahrern wegen der häufigen 
und heftigen Gewitter, die von Sturm und Regengüssen begleitet 
sind, gerne gemieden. 

Die über der Calmenzone aufsteigende Luft strömt von beiden 
Seiten des Aequators nach höheren Breiten ab, um dort die vom 




Die Luftströmungen oder Winde. 161 

Poiarstrome abgeführten Luftmassen zu ersetzen (siehe Zeichnung). 
Dabei kühlt sie ab und sinkt über den Wendekreisen in tiefere 
Kegionen, wobei sie das Anwachsen des Luftdruckes über denselben 
veranlasst, üeber den Wendekreisen spaltet sich ein kleiner Zweig 
der Luftströmung ab und fliesst den Passaten zu, der Hauptstrom 
dagegen sucht höhere Breiten auf. Diese oberen Luftströmungen 
führen den Namen Aequatorialstrom (Antipassat), sie erreichen 
in den beiden gemässigten Zonen, durch die Verringerung der Me- 
ridianabstände in die Tiefe gedrängt, stellenweise den Erdboden. 
Der Aequatorialstrom ist in Folge der Axendrehung der Erde auf 
der nördlichen Hemisphäre ein Südwestwind, auf der südlichen Halb- 
kugel dagegen ein Nordwest. 

Die Polarströme und Passate sind trockene Winde, denn der 
in denselben enthaltene Wasserdampf entfernt sich desto mehr von 
der Thaupunktstemperatur, in je südlichere Breiten er zieht. Diese 
Winde bedingen daher trockenes Wetter und heiteren Himmel. Die 
Passate ziehen mit grosser Regelmässigkeit zwischen den Wende- 
kreisen, darum die Gleichmässigkeit der Witterung und Regenlosig- 
keit der von ihnen bestrichenen Meerestheile. Nur dort, wo die 
Passatwinde Land passiren müssen, über welchem sich andere 
Druck- und Temperatursverhältnisse als über Wasser ausgebildet 
haben, werden sie auch zu Regenwinden, wozu die gebirgige Natur 
des Festlandes nur noch beitragen muss. Die Aequatorialströme 
sind warme und feuchte Winde, sie lassen bei geringer Tempera- 
turserniedrigung Wasser in Form von Regen (Schnee) fallen (Regen- 
winde). 



A. Windverhältnisse der gemässigten Zonen. 

Hier fliesst der aus Südwest und West kommende Aequatorial- 
strom nicht nur über, sondern stellenweise auch neben dem aus 
Nordost und Ost einfallenden Polarstrome, die Convergenz der Me- 
ridiane zwingt ihn, in tiefere Luftschichten herabzusteigen. Dieses 
Herabkommen des oberen Stromes, das Sicheinschieben in den unten 
fliessenden kalten Strom hat einen totalen Umschlag der Witterung 
über den von ihm in Besitz genommenen Landstriche zur Folge. 
Bei sinkendem Luftdruck und steigender Temperatur über- 
zieht sich das Firmament anfänglich mit leichtem, fedrigem Gewölk, 
das nach und nach dichter wird, bis schliesslich das ganze Firma- 
ment mit einer grauen Wolkendecke überzogen ist. Nicht selten 
hat die Mengung der beiden ungleich temperirten Ströme Regen 

V. Gohren, Ackerbauchemie. H 



162 



Windverhältnisse der gemässigten Zonen. 



(Schnee) zur Folge. Die Herrschaft des Aequatorialstromes dauert 
jedoch nicht allzu lange, denn die seitlich eindringende kalte Luft 
höherer Breiten, der Polarstrom, macht ihm den eroberten Kampf- 
platz streitig, bei steigendem Luftdruck und sinkender Temperatur 
heitert sich der Himmel auf, bis schliesslich der Polarstrom Herr 
der Situation geworden ist (siehe Zeichnung). Es ist keinem der 
beiden Ströme ein bestimmtes Bett angewiesen, ihre volle Freizügig- 
keit und ihr häufiger Wechsel sind Gründe dafür, dass der Verlauf 
der Witterungserscheinungen in der gemässigten Zone ein so wenig 
gleichartiger ist. Nicht immer geht aber der Witterungswechsel 
so glatt vor sich, wie eben geschildert wurde, nur zu häufig kann 



T 



\ 







-SA^ 



keiner der beiden Winde recht zur Geltung gelangen, was wieder- 
holte Recidiven der Witterung zur Folge hat. 

Fast scheint es so, als wäre bei der Unregelmässigkeit in der 
Aufeinanderfolge der Winde, die unsere Breiten charakterisirt, kein 
Gesetz für die Richtungsänderung (Drehung) derselben zu finden. 
Langjährige Beobachtung in Verbindung mit ernster Ueberlegung 
haben doch ein Gesetz, eine Regel im scheinbar Regellosen, auffinden 
lassen. Dove kat sein bekanntes Drehungsgesetz der Winde dahin 
formulirt: Auf der nördlichen Hemisphäre dreht sich der 
Wind wie der Zeiger einer Uhr von Nord nach Ost, 
Süd, West nach Nord, auf der südlichen Hemisphäre 
findet die Drehung im entgegengesetzten Sinne statt. 



"Windverhältnisse der gemässigten Zonen. 163 

Gesetzt den Fall^ es zeige die Windfahne Nordwind an, so 
wird derselbe, indem er Luft aus höheren Breiten ansaugt, durch 
die Erdrotation in Nordost und Ost übergehen, welche Richtung 
er so lange beibehält, bis der Aequatorialstrom aus Süd- und Süd- 
west herankommend ihn nach Südost ablenkt. Diese resultirende 
Richtung ist jedoch von kurzer Dauer, da sich durch das allmälige 
Vordrängen des Aequatorialstromes die südöstliche Richtung des 
Luftstromes in Süd und Südwest verwandelt. Bei Südwest und 
West ist der Aequatorialstrom Herr des Kampfplatzes geworden, 
der ihm über kurz oder lang durch den von Nord sich einschieben- 
den Polarstrom unter Richtungsänderung in Nordwest und Nord 
bis Nordost abgenommen wird. Verfolgt man die Windfahne in der 
letztbezeichneten Partie der Windrose, so kann man nicht selten 
ein Zurückspringen derselben von Nord nach Nordwest und 
West wahrnehmen, das durch die neuerliche Unterdrückung des 
anfänglich zu wenig energisch auftretenden Polarstromes hervorge- 
bracht wurde. Viel seltener findet das Zurückspringen der Wind- 
fahne von Südost über Ost nach Nordost statt, da die Aequatorial- 
strömung sich von obenher ganz allmälig einschiebt und erst dann 
von der Windfahne angezeigt wird, wenn sie schon kräftig genug 
geworden ist. 

Das D V e ' sehe Drehungsgesetz tritt in seiner vollen Reinheit 
gar selten zu Tage, denn die Winde sind nicht allein durch den 
Temperatursgegensatz zwischen Nord und Süd bedingt, es stellen 
sich oft andere Entstehungsursachen für sie ein, theils localer Natur, 
theils einer grossen und weitverbreiteten Luftdrucksstörung ange- 
hörend, die die Richtungsänderungen der Winde ganz anders ge 
stalten. 

Der grosse Kreislauf der Atmosphäre erleidet durch die Ver- 
schiedenheit im Verhalten von Festland und Wasser gegenüber der 
Wärme allerlei Modificationen , besonders durch die in mehr oder 
minder grossartigem Maassstabe sich entwickelnden Winde über 
den Festländern. Asien als der grösste Continent hat im Januar 
in Folge der beträchtlichen Abkühlung ein barometrisches Maximum 
in Ostsibirien, von welchem Luft gegen Indien, Persien und das 
nördliche Afrika, aber auch gegen das östlich liegende Meer ab- 
fliesst; im Sommer dagegen, wo an Stelle des barometrischen 
Maximums sich ein Druckminimum ausgebildet hat, wird Luft über 
Europa und vom indischen und chinesischen Meere her angesaugt. 
Es entwickelt sich dadurch ein ganz selbstständiges Windsystem über 
dem östlichen Asien und den benachbarten Meeren, das durch nach- 
folgendes Schema verdeutlicht wird. 

11* 



164 



Windverhältnisse der gemässigten Zonen. 



oben 
dünne Luft 
trocken 



barom. Mas. 
Land 



"Winter 



oben dünne 

Luft, aber 

feuchter und 

dadurch wärmer 



Sommer 



oben dünne 
Luft, aber 
feuchter und 
dadurch wärmer 



m—> 



SS— ^ 



barom. Min. 

Meer 



barom. Min. 
Land 



-^ ea 



oben 
dünne Luft 



barom. Max. 
Meer. 



In den oberen Luftschichten fliesst die wärmere Luft im Winter 
vom Meere zum Lande, im Sommer ist dagegen die Landluft in 
ihren oberen Schichten vermöge des hohen Dampfgehaltes der vom 
Meere angesaugten und über dem Festlande aufsteigenden Luft 
feuchter, und daher in ihr die Temperatursabnahme mehr verzögert, 
als in der auf dem Meere aufliegenden Luftsäule, deshalb die um- 
gekehrte Bewegungsrichtung der oberen Luft. Es ist demnach ein 
voller Kreislauf der Luft hergestellt, bei dem mit den Jahreszeiten 
die Richtung wechselt, daher der Name Monsuns (mit den Jahres- 
zeiten wechselnde Winde). Im Winter herrscht der Nordost- 
monsun über dem nördlichen indischen Ocean, über Ostindien und 
China, im Sommer der Südwestmonsun mit intensiven Nieder- 
schlägen über Meer und Festland. Das chinesische Meer und seine 
Küsten haben im Winter trockene Winde aus Nordwest, im Sommer 
einen feuchten Südostmonsun, der Japan mit einbegreifend bis zu 
600 nördl. Breite hinauf weht. Die Zeit des Ueberganges des 
einen Monsuns in den anderen (April und October) ist durch Un- 
regelmässigkeit und Heftigkeit der Winde ausgezeichnet und für die 
Schifffahrt sehr gefährlich. Die Stürme im indischen Oceane (Last 
Hurricans) und im chinesischen Meere (Typhoons) zeigen eine eigen- 
thümliche, wirbelartige Bewegung der Luft. Europa hat Winter 
und Sommer, in Folge des über öem atlantischen Oceane zwischen 
25 — 450 nördl. Br. liegenden Druckmaximums, das im Sommer nur 
ganz wenig nach Süden rückt, vorwaltend südwestliche Winde, dies 
gilt besonders für die britischen Inseln und Norwegen, wogegen 
über Mitteleuropa häufig Winde von West und Nordwest ziehen. 



B. Drehstürme (Cyclonen). 

Bei der bedeutenden Auflockerung der Luft über den vom 
Golfstrome (S. 188) begünstigten Land- und Meerestheilen kommt es 
besonders zur Winterszeit zur Ausbildung erheblicher Luftdrucks- 
differenzen. In den luftverdtinnten Raum des barometrischen Mini- 
mums stürzt von allen Seiten her dichtere Luft, die auf ihrem Wege 




Drehstürme. 16& 

durch die Erdrotation in eine durch nebenstehende Zeichnung ersicht- 
lich gemachte Drehbewegung versetzt wird. Ueber demselben steigt 

sie auf, immer neue Luft- 
massen in spiralförmigen 
Bahnen in sich hinein- 
ziehend, es wandert dabei 
der Wirbel in aussertropi- 
schen Breiten von West 
nach Ost mit einer Ge- 
schwindigkeit von 40 — 80 
Kilometer per Stunde. In 
der Mitte des Sturmfeldes 
herrscht Windstille , die 
Area derselben erweitert 
sich durch die Erdrotation 
während der Wanderung 
des Drehsturmes und er- 
reicht manchmal einen 
Durchmesser von 30 MeiL 
Die Wirbelstürme bewirken bedeutende Luftdruckstörungen, be- 
sonders in jenen Orten, über welche das Minimum im Wirbelcentrum 
wegschreitet. Ein rapides Sinken des Luftdruckes verkündet das sich 
Nähern des Centrums, ist dieses vorübergegangen, so erhebt sich die 
Quecksilbersäule annähernd auf ihren früheren Stand und die vorerst 
vom Orkan bis zur Windstille abgeschwächte Bewegung der Luft 
erreicht neuerdings die Intensität des Sturmes. 

Für den Seefahrer ist diese auffällige, ganz unperiodische 
Aenderung des Luftdruckes beim Herannahen einer Cyclone von 
höchster Bedeutung, denn es ist ihm bei aufmerksamer Beobachtung 
des Barometers nicht nur die Möglichkeit geboten, alle Vorsichts- 
massregeln auf dem Schiffe rechtzeitig zu veranlassen, er kann 
auch durch die von Buys Ballot angegebene Regel die Lage des 
Sturmcentrums bestimmen : „ Stellt man sich so , dass der Wind 
in den Rücken des Beobachters bläst, so liegt das Sturmcentrum 
auf unserer Hemisphäre zur linken Seite des Beobachters (auf 
der südlichen Halbkugel zur rechten Seite)". Der Seefahrer richtet 
darnach den Curs seines Schiffes so, dass er dem Centrum entgeht, 
und niemals den Sturm von vorne bekommt. In Gegenden, wo 
die Cyclonen in ihrem Verlaufe genugsam bekannt sind, wie z. B. 
im südlichen indischen Oceane, werden dieselben sogar zum rascheren 
vorwärtskommen benützt') (Cyclonensegeln). 

1) Näheres über Cyclonen und Sturmwarnungen gibt Lommel in: Wind 
und Wetter. München,' Oldenbourg. 29. Lieferung der Xaturkräfte. 



166 Drehstürme. 

lieber die Eiitstehungsursache der Cyclonen herrschen gegen- 
wärtig zwei Ansichten: die ältere Ansicht geht dahin, dass der 
Wirbel durch das Zusammentreffen ungleich gerichteter Luftströme 
entstehe, die neuere dagegen nimmt die durch kräftige Auflocke- 
rung der Luft sich ausbildende Barometerdepression als erste Ursache 
zur Wirbelbildung an. Diese beiden Ansichten unterscheiden sich 
nicht nur durch die verschiedene Erklärung der Entstehungsursache 
der Wirbel, sondern auch darin, dass bei ersterer Ansicht die 
Druckdifferenz als eine Folge der wirkenden Fliehkraft der 
rotirenden Luft angesehen wird, während die neuere Ansicht eine 
Druckerniedrigung als Bedingung zur Entstehung des Wirbels vor- 
aussetzt, und durch den Einfluss der Erdrotation auf die herzu- 
strömende Luft die Drehbewegung entstehen lässt. Während die 
ältere Ansicht die Tendenz zur Wanderung des Wirbels und die 
ausschliessliche Drehung der Luft von rechts nach links (auf der 
nördlichen Hemisphäre) unerklärt lässt, gibt die neuere Erklärungs- 
weise über beides befriedigenden Aufschluss. Die Tendenz zur 
Wanderung des Wirbels ist in der ungleichen Dichte der Luft an 
der Peripherie desselben gegeben, die östliche Partie zeigt sich 
wegen der hereingezogenen wärmeren und feuchteren Luft weniger 
dicht, daher die Tendenz, nach Osten hin zu wandern, und die 
Erdrotation bewirkt die ausschliessliche Ablenkung und Drehung 
der Luft von rechts nach links (auf der nördlichen Hemisphäre). 
Es bleibt nur noch die Thatsache zu erklären, woher die stete 
Krafterneuerung in dem wandernden Drelisturme komme. Die Kraft- 
quelle dafür ist in dem Wasserdampfe der stets sich erneuenden 
Luft gegeben ; die in ihm aufgespeicherte Dampfwärme wird in dem 
Momente entfesselt, wenn die in den Wirbel eintretende Luft nach 
aufwärts gerissen wird. Die Condensationswärme des Wasserdampfes 
erhöht den Auftrieb der Luft, die Druckverminderung im Centrum 
des Wirbels ist eine Folge der mechanischen Action der Fliehkraft. 
(Hann und Ferrel.) Reye und Loomis behaupten, die Druck- 
verminderung werde hauptsächlich durch die Condensation des 
Dampfes in höheren Luftschichten bedingt, und schreiben der Flieh- 
kraft eine sehr untergeordnete Bedeutung zu.*) 

Zur Beurtlieilung der Windrichtung dienen Windrose (s. Zeichn. S. 167) 
und Windfahne. Nach der Stellung der letzteren in Beziehung zur ersteren 
wird die Windrichtung benannt. Die Windfahne ist auf dem Firste des 
Hauses oder auf einer Stange so aufzustellen, dass der von allen Seiten unge- 
hindert zuströmende Wind sie leicht in horizontaler Ebene zu drehen vermag. 
Auch die Windstärke lässt sich messen und zwar entweder durch den Druck, 
den der Wind auf eine sich ihm stets in voller Fläche entgegenstellende verticale 



1) Zeitschr. d. österr. Gesellsch. f. Met. Bd. X. 1875. Nr. 6. 



Einfluss der Winde auf Temperatur und Feuchtigkeit der Luft. 167 



Platte ausübt, oder durch die Bestimmung des "Weges, der vom "Winde in der 
Stunde zurückgelegt wird ("Windgeschwindigkeit). Die Messung der "Windge- 
schwindigkeit wird durch das Ro- 
lf 

1<WW: I , NNO 

Nw: 



wNw: 



ONO 



b 1 n s n 'sehe Anemometer möglich, 
das der Hauptsache nach aus einem 
horizontal drehbaren Kreuze besteht, 
an dessen Balkenenden 4 Halbkugeln 
aus Blech vertical befestigt sind, und 
dessen nach abwärts gerichtete Axe 
eine Schraube ohne Ende trägt, 
mittelst welcher die vom "Winde 
ausgeführten Drehungen des Scha- 
lenkreuzes auf ein Zählwerk über- 
tragen werden. Aus der Umdre- 
hungszahl des Schalenkreuzes be- 
rechnet man die "Windgeschwindig- 
keit. \) In Ermangelung einer der- 
derartigen Vorrichtung, die ziemlich 
kostspielig ist, ist man auf eine an- 
nähernde Schätzung der "Windstärke 

angewiesen, indem man sich aus den "Wirkungen des "Windes auf Gegenstände der 
Erdoberfläche ein Urtheil über dessen Intensität bildet. Man drückt die "Wind- 
stärke in Zahlen aus, die einer von — 10 reichenden Skala entnommen werden, 
in welcher völlige "Windstille und 10 Orkan bedeutet. 




WSW- 



OSO 



SSW/ 



C. ' Einfluss der Winde auf Temperatur und Feuchtigkeit der Luft. 

Die Luftströmungen modificireu den Gang der Temperatur, des 
Luftdruckes und der Feuchtigkeit in hervorragender Weise , sie 
machen so zu sagen das Wetter. Das hartnäckige Anhalten - 
eines ausgesprochenen Windcharakters bedingt Beständigkeit der 
Witterung, die bei herrschenden nördlichen fpolarenj Winden, welche 
bei uns im Winter kalte und trockene Luft aus höheren Breiten 
bringen, eine trockene und relativ kalte sein wird, hingegen bei west- 
lichen Winden feucht und warm. Im Sommer bringen die Winde aus 
N und NO und warme und trockene Luft, die West- und Nord- 
westwinde dagegen kühle und feuchte Seeluft. Die Luftsrömungen 
sind es, die in unseren Breiten den unperiodischen Gang der 
meteorologischen Elemente verursachen, und da der Temperaturs- 
unterschied der beiden Hauptströme im Winter grösser als im 
Sommer ist, sind die Störungen im Gange der Temperatur im 
Winter am grössten. Der Umschlag des Windes von NO nach SW 
Tiedeutet so viel, als wären wir um einige Breitegrade nach Süden 
versetzt worden, und umgekehrt. Nicht allein die constanten Fac- 
toren: geographische Breite, Lage zur See und Höhenlage bestimmen 



1) Nähere Beschreibung des ßobinson'schen Anemometers in Jellinek's 
Anleitung zu meteorologischen Beobachtungen. "Wien, Staatsdruckerei. 1869, 
und Zeitschr. d. österr. Ges. f. Met. II. Bd. S. 67. 



168 Der Wasserdampf der Atmosphäre. 

äen klimatischen Charakter einer Gegend , sondern auch , und dies 
im hohen Masse, die vorherrschenden Luftströmungen. Dies 
zeigt sich in den Temperatursverhältnissen der West- und Ostküsten 
der Continente. Auf der nördlichen Halbkugel stehen die Ostküsten 
der Festländer unter dem Einflüsse vorwiegend kalter Winde, auf 
der südlichen Hemisphäre sind es die westlichen Küsten , die durch 
kalte Winde leiden und deshalb sind beide Gebiete in negativer 
Temperaturs- Anomalie. Betrachten wir die Temperatursverhältnisse 
der Westküsten der nördlichen und Ostküsten der südlichen Fest- 
länder, so sind sie überaus günstige, die vorherrschenden warmen 
Seewinde bedingen hier die Entstehung von Gebieten positiver Ano- 
malie. 

5. Der Wasserdampf der Atmosphäre. 

Die Atmosphäre enthält seit den frühesten Erdperioden Wasser- 
dampf, ausserdem wird durch die Verdunstung an den Oberflächen 
der Meere und des theils bepflanzten, theils unbepflanzten Bodens 
viel Wasser der Luft zugeführt. Der aufsteigende Wasserdampf 
vertheilt sich in den unteren Luftschichten allmälig, und zwar 
zunächst in den unmittelbar über dem Wasserbecken oder der 
Pflanzendecke liegenden Schichten , die von der Dampfquelle weiter 
entfernten Luftmassen werden durch feuchte Winde dampfreicher 
gemacht. Steigende Temperatur, trockene Luft, trockene Winde 
und sinkender Luftdruck begünstigen die Verdunstung der Feuch- 
tigkeit an der Erdoberfläche. 

Nach dem Dalton'schen Gesetze verbreitet sich der Wasser- 
dampf in dem ihm gebotenen Lufträume so , als ob die Luft in ihm 
gar nicht vorhanden wäre , er übt einen ganz selbstständigen Druck 
aus, der von der eben herrschenden Spannung und Temperatur 
des Dampfes abhängt. Die Spannung erreicht für eine gegebene 
Temperatur ihr Maximum, wenn der Luftraum mit Dampf ge- 
sättigt ist. Neu hinzutretender Dampf bringt keine Steigerung des 
Dunstdruckes hervor, sondern wird zu Wasser verdichtet (con- 
densirt). Auf Wasserflächen, über welchen Luft stagnirt, ist deren 
Dampf im Spannkraftsmaximum und die Luft mit Dampf gesättigt, 
es hört jede Verdunstung auf. Wird gesättigter Dampf abgekühlt, 
so verringert sich dessen Spannkraft unter theilweiser Condensation, 
bei stationär gewordener Temperatur zeigt die verbleibende ge- 
sättigte Dampfmenge ein dieser Temperatur entsprechendes Spann- 
krafts-Maximum. Gesättigter Dampf zeigt nachfolgende in Mill. 
Quecksilbersäule ausgedrückte Druckmaxima bei: 

—10° C. —5« C. 0^ C. 5" C. 10° C. 15° C. 20° C. 

2,1 Mm. 3,1 Mm. 4,6 Mm. 6,5 Mm. 9,2 Mm. 12,7 Mm. 17,4 Mm. 



Der "Wasserdampf der Atmosphäre. 



169 



Der Barometerstand ist demnach nicht einzig und allein dem 
Luftdrucke, sondern auch zum Theile dem Dunstdrucke zuzuschreiben. 

Die Luft ist in der Regel nicht mit Dampf gesättigt, sie kann 
noch Dampf aufnehmen. Der Sättigungsgrad der Luft wird dadurch 
angegeben, dass man den eben herrschenden Dunstdruck in Procenten 
des für die gegebene Temperatur möglichen ausdrückt. Es be- 
trüge z. B. der Dunstdruck bei 10^ C. 7,3 Mm., so ist, da die 
mögliche Spannung bei voller Sättigung 9,2 Mm. beträgt, der Sätti- 
gungsgrad 79,3 Proc, (100 : 9,2 = x : 7,3). Je näher der Dunst- 
druck dem Druckmaximum desto höher der Sättigungsgrad. Man 
nennt die Zahl, welche den herrschenden Dunstdruck angibt, die 
absolute Feuchtigkeit, den Sättigungsgrad relative Feuchtigkeit 
der Luft. 

Die absolute Feuchtigkeit der Luft steigt mit der Tempe- 
ratur. In den Tropen ist sie grösser, als in den kalten Gegenden 
des Polarkreises, ebenso wird wegen der raschen Abnahme der 
Temperatur mit der Höhe die Luft in den unteren Schichten dampf- 
reicher sein, als in grossen Höhen. 

Die relative Feuchtigkeit der Luft sinkt bei steigender 
Temperatur (wenn nicht neugebildeter Dampf nachrückt), hingegen 
steigt sie, wenn die Luft abkühlt. Die Luft ist in höheren Breiten 
relativ feuchter, als in den Tropengegenden, weil sie wegen der 
niedrigeren Temperatur näher der vollen Sättigung ist. Im Winter 
ist die Luft an ein und demselben Orte relativ feuchter, als im 
Sommer, in einiger Höhe über dem Boden ist die Luft mit Dampf 
gesättigt, darüber hinaus nimmt die Trockenheit rasch zu. Während 
die Luft über den Meeren bei ruhiger Atmosphäre mit Dampf ge- 
sättigt ist, bleibt sie in der Regel über den Küstenländern und noch 
mehr im Innern der Contineute hinter der vollen Sättigung zurück. 

In den Jahreszeiten einerseits und den Tagesstunden anderer- 
seits wird sich für einen Ort ein jährlicher und täglicher 
Gang der beiden Luftfeuchtigkeiten herausbilden. 

Jährlicher Gang der absoluten und relativen Feuch- 
tigkeit für Wien. 



Dec. 


Jan. 


Febr. 


März 


April Mai Juni 


Juli ' Aug. iSept. 

1 1 


Oct. Nov. 


Temp. «C. 
Abs.F.Mm. 
Eel. F. > 


+0,2 
3,7 

84 


-1,6* 
3,6* 

84 


+0,7 

3,8 
79 


4,4 
4,4 

72 


10,2 15,7 
5,6 1 8,3 
63 64 


18,9 

10,1 

64 


20,6 

10,9 
63* 


20,1 
U,0 

66 


15,8 
9,3 
69 


10,4 
7,4 
76 


4,3 

4,8 
80 



1) Aus der allgemeinen Erdkunde von Hann, Hochstetter und Po- 
korny entnommen. 



170 



Der Wasserdampf der Atmosphäre. 



Täglicher Gang der absoluten und relativen Feuch 
tigkeit für Wien. ^) 

Monat Juli. 





ah 

Morg. 


ßh 


9h 


12h 
Mittags 


3h 


6h 


9h 


12h 

Nachts 


Temp. «C. . 
Abs. Feucht . 
Eelat. Feucht 


16,7* 
10,7 

75 


16,8 

10,5* 
74 


20,2 

10,7 

61 


23,0 

10,8 
51 


24,2 

10,8 

48* 


23,3 
11,2 

53 


19,8 
11,4 

66 


17,7 

10,9 

72 



Mit steigender Temperatur erhebt sich der Dunstdruck und 
sinkt die relative Feuchtigkeit und umgekehrt. Auch im Gange 
der beiden Luftfeuchtigkeiten treten gar oft unperiodische Aende- 
rungen ein, hervorgerufen durch störende Einflüsse, wie Winde, 
Bewölkung und Niederschläge u. s. f. 

Die Zahlen für absolute und relative Feuchtigkeit werden durch Auf- 
stellung und Ablesung von Hygrometern (Daniel, Saussure) und Psy- 
chrometern (August) erhalten. Näheres über die Principien und Einrichtun- 
gen dieser Instrumente geben die Lehrbücher der Physik. In neuester Zeit hat 
Prof. Klinker fu es in Gottingen ein Hygrometer construirt. Ein Zeiger stellt 
sich je nach dem Zuge von entfetteten und der Luft exponirten Menschenhaaren 
über einer Feuchtigkeitsprocente angebenden Skala ein und gibt dadurch direct 
die relative Feuchtigkeit der Luft an. Die Bestimmung des Thaupunktes ge- 
schieht durch zwei auf dem Instrumente angebrachte kreisförmigen Skalen, von 
denen die eine (Temperaturskale) beweglich, die andere (Feuchtigkeitsprocent- 
skale) fix ist. Durch ein Thermometer wird die Lufttemperatur ermittelt, die 
bewegliche Skale so gestellt, dass die eben erhaltene Temperaturzahl der Procent- 
zahl 100 gegenübersteht und dann die vom Zeiger angegebene Feuchtigkeits- 
zahl an der Procentskala aufgesucht, die gegenüberstehende Temperaturzahl gibt 
den Thaupunkt. 

Das Psychrometer von August gibt im Winter bei Temperaturen unter 
Null etwas zu hohe Feuchtigkeitszahlen , man kann diesen Fehler verringern, 
wenn man vor jeder Ablesung die MousselinhüUe des nassen Thermometers mit 
einem in destillirtes Wasser getauchten Pinsel befeuchtet, wodurch eine sehr 
dünne Eishülle entsteht. Etwa 10 Minuten nach der Befeuchtung kann zur 
Ablesung der beiden Thermometer geschritten werden. 



Feuchtigkeitsverhältnisse der Waldluft. 

Besondere Erwähnung verdienen die Feuchtigkeitsverhältnisse 
der Waldluft. In erster Linie wird deren absoluter Feuchtigkeits- 
gehalt (Üunstdruck) durch die Quantität des vom Boden und den 
Pflanzen abdunstenden Wassers bedingt. Da Waldboden besonders 



1) Aus der allgemeinen Erdkunde von Hann, Hochstetter und Po- 
korny entnommen. 



Feuchtigkeitsverliältnisse der "Waldluft. 171 

zur Sommerszeit viel reicher an Wasser ist als unbewaldeter Boden, 
so wird ersterer mehr davon, wenn auch langsamer, abdunsten können 
als unbewaldeter Boden. Wäre der letztere gleich wasserreich mit 
ersterem, so würde sich das Verhältniss umkehren, da die Tempe- 
raturs- und Windverhältnisse ausserhalb des Waldes der Verdunstung 
günstiger sind, und keine Streudecke die Verdunstung zurückhält. 
Die Waldluft ist zur Sommerszeit und in den wärmsten 
Tagesstunden absolut feuchter als Luft auf freiem 
Felde. Die relative Feuchtigkeit der Waldluft wird, selbst 
dann, wenn man gleiche absolute Feuchtigkeit in und ausser dem 
Walde voraussetzen dürfte, in letzterem wegen der durchschnittlich 
niedrigeren Temperatur höher und wieder im Sommer am hervor- 
tretendsten sein müssen, weil der Temperatursnuterschied zu dieser 
Jahreszeit am grössten ist. 

Für die erstere Aussage sprechen die Versuchsergebuisse 
Ebermayers nicht in so eclatanter Weise , wie für letztere. 
Ebermayer findet den Dunstdruck in der Waldluft nur um Un- 
bedeutendes höher als auf freiem Felde (0,06" im Mittel). Der 
Grund liegt darin, dass die Situation der bayr. forstl. Versuchsstatio- 
nen in dieser Beziehung und folglich auch bezüglich der Vergleichung 
der Niederschlagsmengen keine sehr günstige ist, es gibt um den 
Wald herum zu wenig ausgedehnte unbewaldete Flächen. Dies 
wird von Ebermayer selbst in seinem Buche Tpag. 203) ^J zuge- 
standen. Für die relative Feuchtigkeit findet er hingegen die Unter- 
schiede bedeutend, im Frühling zeigte das Psychrometer in der 
Waldluft im Mittel um 5,7, im Sommer um 9,2 S, im Herbste um 
5,22 und im Winter um 5,24^/0 mehr relative Feuchtigkeit an. 

Kann der Wald dieFeuchtigkeits Verhältnisse seiner 
nächsten Umgebung günstiger gestalten? Diese Frage 
ist von eminenter Wichtigkeit. Wenn man an der durch theoretische 
Folgerungen gestützten Aussage, die Waldluft ist zu gewissen Zeiten 
reicher an Wasserdampf als die der unbewaldeten Umgebung, fest- 
hält, so ist damit die Frage im bejahenden Sinne gelöst, die 
höhere relative Feuchtigkeit der Waldluft ist dabei von keinem 
Belange. Sowie trockene Winde bei ihrem Zuge über Wasser- 
flächen an Wasserdampf reicher werden, so müssen sie es, voraus- 
gesetzt, dass ihre Temperatur und ihr Sättigungsgrad im Vergleiche 
zur Waldluft eine Dampfaufnahme gestatten, auch bei Durchstrei- 
chung eines Waldgebietes von nicht allzu geringer Ausdehnung 
werden. Trockene und kühle Winde wärmen sich in der Waldluft 



1) Ebermayer, die physikalisclien Einwirkungen des Waldes auf Luft 
und Boden. Asehaffenburg 1ST3. 



172 Atmospliärisclie Niederschläge. 

niedriger Breiten und nehmen Wassergas auf, sie verlassen den 
Wald in einem zu Niederschlägen geeigneteren Zustande, noch 
mehr bereichern sich trockene und sehr warme Winde, die über er- 
hitzte kahle Flächen hergezogen kommen. Nur feuchtwarme Winde 
werden im Walde Wasser verlieren, da die niedrigere Temperatur 
der Waldluft den Thaupunkt erreichen lässt, und ferner solche, die 
längs bewaldeter Gehänge aufsteigen , da sie dabei ihre relative 
Feuchtigkeit in Folge stetiger Abktihlung erhöhen müssen. Die 
Waldluft erhebt sich bei Windstille zur Nachtszeit und saugt kältere 
Luft aus der Umgebung an, die letztere bereichert sich mit Wasser- 
dampf und steigt mit in die Höhe, um ausserhalb des Waldes nieder- 
zusinken, oder eine niedrigziehende Wolke regendrohender zu machen, 
und andererseits wird bei Tage durch den über dem freien Boden auf- 
steigenden Strom nach diesem hin absolut feuchtere Waldluft aspirirt, 
wodurch die nächste und weitere Umgebung an Wasserdampf ge- 
winnt. Der Wald, wird also wegen seiner Feuchtigkeit aufspeichern^ 
den Wirkung zum Segen für die unbewaldete Umgebung, der Reich- 
thum der Quellen und Sickerwässer ist dahin, wenn der Waldboden 
seiner pflanzlichen und ausgiebigen Beschirmung beraubt wird. Auch 
die Regenverhältnisse in der Umgebung werden, wie dies später 
gezeigt werden soll, durch den Wald zum Besseren gewendet. 

6. Atmospliärisclie Niederschläge (Hydrometeore). 

Die Dampfmenge, die ein gegebener Luftraum aufnehmen kann, 
ist durch die jeweilige Temperatur bedingt ; steigt letztere nach ein- 
getretener Sättigung, so kann noch Dampf aufgenommen werden, 
sinkt sie dagegen, so scheidet sich ein Theil des Dampfes in Form 
von Nebel und Tröpfchen aus. 

Die Temperatur, für welche volle Sättigung vorhanden ist, und 
die zugleich die Grenze für die noch keine Condensation be- 
wirkende Abkühlung bildet, heisst Thaupunkt, Dieser liegt 
z. B. für Dampf von 12,7 Mm. Druck bei lö» C. 

Die Condensation des Wasserdampfes in der Luft, hervorgerufen 
durch Abkühlung oder Uebersättigen derselben mit Dampf, hat eine 
Reihe von höchst wichtigen meteorologischen Erscheinungen zur 
Folge, die Entstehung von Thau, Nebel, Wolken, Regen 
u. s. f., welche Ausscheidungen mit dem gemeinsamen Namen 
atmosphärischeNieder schlage (Hydrometeore) belegt werden. 

A. Thau und Reif. 

Die Berührung der Luft mit kalten Körpern der Erdoberfläche 
bewirkt die Thaubildung. Die Erkaltung erfolgt zur Nachtszeit 



Thau und Reif. 173 

durch Wärmeansstrahluug, besonders in wolkenfreien und windstillen 
Nächten. Baumblätter, Grasflächen, werden manchmal so stark be- 
thaut, dass sie wie nach einem Regen triefen. Die zahllosen Spitzen 
der begrasten Fläche begünstigen die Ausstrahlung und erhöhen 
dadurch die Erkaltung und Bethauung. Der entstandene Nieder- 
schlag ist einem schwachen Regenfalle in seiner Wirkung gleichzu- 
setzen. Es ist im Interesse der Land- und Forstwirthschaft gelegen, 
die durch Thaufall hervorgebrachten Niederschläge ziffermässig 
festzustellen; leider haben die in dieser Richtung unternommenen 
Messungen noch nicht das gewünschte Resultat geliefert. Die Quan- 
tität des Thauwassers richtet sich einerseits nach der Beschaffenheit 
der zu bethauenden Fläche, und andererseits sind Verluste durch 
Verdunstung nicht hintanzuhalten. Das Observatorium zu Mont- 
souris stellte im Januar 1874 einen Regenmesser von emaillirtem 
Bleche und der Auffangfläche von 0,2 D Meter zur Thaumessung 
auf, daneben in gleicher Höhe %inen Teller von gleichem Flächen- 
inhalte, aber mit Erde bedeckt , es ergab sich , dass die Quantität 
des Thaues im Laufe des Jahres im letzteren Falle bis zu 50 Grm, 
anwuchs ; im ersteren nur 2,5 Grm. betrug. Deshalb werden Thau- 
bestimmungen , die für die Bodencultur Werth besitzen sollen, in 
der Weise auszuführen sein, dass man in Kästen mit bestimmter 
Auffangfläche Erde füllt, und die gefüllten und gewogenen Kästen 
am Abende exponirt. Tags darauf wird in den frühen Morgen- 
stunden, etwa 6li , die Gewichtszunahme ermittelt und daraus die 
Thaumenge berechnet. (10 Grm. Wasser entsprechen bei 0,2 DMeter 
Auffangfläche 0,05 Mm. Regenhöhe). Aber auch dann ist der Ver- 
lust durch Verdunstung noch nicht beseitigt. 

Der Thaufall wird dort am meisten zu berücksichtigen sein, 
wo die Niederschläge selten und karg zugemessen sind. Bedeu- 
tend sind die Thauf alle unter den Tropen , wo bei dampfreicher 
Atmosphäre die Temperatur zur Nachtzeit erheblich sinkt, bei uns 
wird Waldboden, besonders im Gebirge, stark bethaut. Erlangt 
die wässrige Ausscheidung feste Aggregatsform, so wird sie Reif 
genannt. In unseren Breiten tritt bereits Reif bildung ein , die, 
wenn sie Folge eines Früh- (September) oder Spät- (Mai) Frostes 
ist, der Vegetation nicht unerheblichen Schaden zufügt. Ein Be- 
decken der Pflanzen in Gärten und die Erzeugung von massenhaf- 
ten Rauchwolken mittelst künstlich erhaltener Feuer über weiteren 
Landstrecken bieten Schutz gegen Nachtfröste, indem sie die Aus- 
strahlung theilweise hindern. (Siehe S. 102.) 

Bricht nach vorhergegangener kalter Winterwitterung ein feuchter 
Wind ein, so bildet sich an rauhen Körpern, wie Mauern, Sträuchern 
und Bäumen ein feiner, aus Eiskryställchen bestehender Ansatz aus 



174 Nebel und Wolken. 

(Rauhfrost, Duftanhang), der der Landschaft ein echt winterliches 
Kleid verleiht, jedoch dann vom Nachtheile ist, wenn er die Trag- 
kraft der Zweige und Aeste allzusehr in Anspruch nimmt und diese 
abdrückt. 

Manchmal wird der Boden während des Winters, wo er in 
Folge anhaltender Kälte stark abkühlt, bei Eintritt feuchtwarmer 
Winde mit einer glatten Eisrinde bedeckt, die als Glatteis wohl 
bekannt ist, 

B. Nebel und Wolkeji. 

Geschieht die Ausscheidung des Wasserdampfes in der Luft 
in Form kleiner kugeliger Bläschen oder feiner Tröpfchen, so 
bilden sich dadurch die Bodennebel und in grösseren Höhen die 
Wolken. Die Grösse der Nebelbläschen schwankt je nach der 
Jahreszeit und dem mehr oder minder vorgeschrittenen Stadium der 
Condensation des sie bildenden Dampfes. Sie sind im Sommer 
kleiner als im Winter, vor dem Eintritt des Regens erreichen sie 
ihre Maximalgrösse , um hierauf in Tropfen zusammenzufliessen. 
Durchschnittlich zeigen die Nebelbläschen einen Durchmesser von 
0,03 Mm. lieber feuchten Gründen, Bächen, Flüssen und Seen 
bilden sich, besonders im Herbste gegen Abend, dichte, streifen- 
förmige Nebel, die unmittelbar auf dem Boden aufliegen und erst 
bei beginnendem Morgensonnenschein unter allmäliger Erhebung in 
Dunst aufgelöst werden (Steigen des Nebels). Diese Bodennebel 
verdanken ihre Entstehung dem Herabsinken kälterer Luft. Zu 
derselben Jahreszeit werden auch durch das Eindringen der Luft aus 
höheren Breiten (Polarstrom) in die dampfreichere, dem Aequatorial- 
strome angehörige Luft dichte Nebel hervorgerufen. Ueberhaupt 
wird stets bei Mengung verschieden warmer und feuchter Luft- 
schichten dann Nebel resp. Wolkenbildung auftreten, wenn die resul- 
tirende mittlere Dampfspannung die für die Ausgleichs-Temperatur 
mögliche überschreitet. Gesetzt den Fall, die kältere Luft zeige 
10*^ C. Temp. und ihr absoluter Dampfgehalt sei gemessen mit 
8,9 Mm., die wärmere dagegen 20 o C. und ihr Dunstdruck betrüge 
17,2 Mm., so wird, eine gleichartige Mengung und gleiche Quan- 
titäten vorausgesetzt, eine Mitteltemperatur von 15^ C. eintreten, 
für welche eine Dampfspannung von 12,7 Mm. möglich ist. Dieser 
Dampfspannung steht eine mittlere Dampfspannung von 13,05 Mm. 
gegenüber, folglich muss eine Ausscheidung von Wasserdampf ein- 
treten. Erfolgt sie in Höhen, deren Temperatur unter dem Gefrier- 
punkte liegt, so nimmt die Ausscheidung feste Form an, die Wolke 
besteht aus feinen Eisnädelchen. Dies ist z. B. für Wien in Höhen 
von circa 3000 Meter der Fall. 



Nebel und Wolken. . 175 

Der aufsteigende Luftstrom veranlasst gar häufig Wolkenbil- 
dung. Die feuchte Luft erkaltet bei ihrer Erhebung unter den 
Thaupunkt und wird auch in höheren Schichten durch die kältere 
Umgebung abgekühlt. 

Stösst ein feuchtwarmer Luftstrom auf ein Gebirge, so muss 
er an der Wand desselben hinaufsteigen und aus gleichem Grunde, 
wie vorhin angegeben, erkalten; die Berggipfel sind durch Nebel- 
kappen (Wolkenhauben) gar häufig verdeckt und im Falle eines 
Niederschlages viel öfter beschneit als die Thalsohle. 

Eine Wolke ist nichts Fertiges und Beständiges. Wenn sie 
auch dem Beobachter oft scharf begrenzt und fast unbeweglich 
erscheint, so geht in ihrem Innern doch ein continuirlicher Nieder- 
schlagsprozess vor sich, der die an den Rändern durch die Sonnen- 
wärme aufgelöste Nebelmasse nachschafft. Die Wolke wird durch 
die vom Erdboden aufsteigende feuchte Luft gespeist, sie wächst 
an ihrem oberen Rande in demselben Maasse, als sie durch die all- 
mälige Senkung in tiefere , wärmere Schichten unten abschmilzt. 
Hört der Luftstrom und damit die Dampfnahrung auf, so wird 
gegen Abend hin die Wolke ganz in unsichtbaren Dampf aufgelöst. 
Auch trockene Winde vermögen die Wolken aufzuzehren, feuchte 
Strömungen dagegen machen sie rasch anschwellen, gar bald ist 
der Himmel mit einer grauen Wolkenschichte überdeckt. Die Höhe, 
in welcher die Wolken ziehen, ist sehr wechselnd, am höchsten 
ziehen die sogenannten Schäfchen (SOOO Meter und noch höher). 
Regen- und Gewitterwolken streichen meist tief, da sie dichter sind. 

Bei meteorologischen Beobachtungen pflegt man die Form der 
Wolken, deren Zugsrichtung und den Grad der Bewölkung 
anzugeben. 

Die Wolken werden bezüglich ihrer Form nach Luke -Ho- 
ward in folgender Weise classificirt: 

1. Die Federwolke (cirrus), fasrige, zarte Streifen bildend. 

2. Die Haufenwolke (cumulus), dichte, rundliche Massen, 
die entfernt am Horizonte wie Schneeberge aussehen , sie sind die 
eigentlichen Schönwetterwolken. 

3. Die Schichtenwolke (stratus), langgedehnte, hart am 
Horizonte sich hinziehende Streifen. 

Zwischen diesen ausgeprägten Wolkenformen liegen: 

a. Die fedrige Haufen wölke (cirrocumulus) , Schäfchen, 
sie ziehen als Verkünder des einfallenden Aequatorialstromes in 
grossen Höhen und sind deshalb aus Eisnädelchen zusammengesetzt. 

b. Die fedrige Schichtenwolke (cirrostratus) fedrige, oft 
den ganzen Himmel bedeckende Streifen. 

c. Die streifige Haufe n wölke (cumulostratus), aus vielen, 



176 Regen und Schnee. 

in die Länge gezogenen Haufenwolken bestehend, die, sich immer- 
mehr verdichtend und dabei sinkend, in die Regenwolke (nimbus) 
tibergehen. 

Die Richtung des Zuges der Wolken wird mittelst des 
Nephoskops von Aime ausgemittelt. Dieses besteht aus einer 
horizontalliegenden Spiegelplatte, auf welcher zwei auf einander 
senkrechte Strichreihen mittelst Diamant eingeritzt sind. Man rückt 
die Spiegelplatte so lange, bis die Wolken mit einer der beiden 
Strichreihen parallel ziehen , und bestimmt mittelst Compass die 
Weltgegend, nach welcher diese Strichreihe weist. 

Der Grad der Bewölkung wird in Zahlen von bis 10 
ausgedrückt. Bei ganz wolkenlosem Firmamente wird geschrie- 
ben, 10 gilt für ganz bedeckten Himmel. Ist der Himmel nur 
theilweise bedeckt, so wird der Theil des Firmamentes, welcher 
nach im Gedanken vollzogener Zusammenschiebung der Wolken bis 
zur Berührung ihrer Ränder bedeckt erscheint, in aliquoten Theilen 
von 10 ausgedrückt. 

Orte mit ausgesprochen oceanischer Lage haben meist trübes 
Firmament und dichte Nebel (London), Binnenländer zeigen trockene 
Luft, die zur Wolkenbildung weniger geeignet ist.^) Die Bewölkung 
hat insofern Einfluss auf den Gang der meteorischen Erscheinungen, 
als durch sie Temperatur und Feuchtigkeit der Luft tagsüber be- 
trächtlich modificirt werden können. 

C. Regeji und Schnee. 

Wenn die Nebelbläschen sich innerhalb der Wolke durch 
weitere Abkühlung oder durch neu hinzutretenden Dampf zu 
Tropfen vereinigen, so ist die Luft, selbst wenn sie im Aufsteigen 
ist, nicht mehr im Stande, die unzählig vielen Tropfen schwebend 
zu erhalten, sie sinken und fallen mit steigender Geschwindigkeit 
und an Grösse durch Ineinanderfliessen zunehmend als Regen zur 
Erde nieder. Man unterscheidet Nebelregen und Platzregen, 
ersterer besteht aus kleinen, letzterer aus grossen, schweren Tropfen ; 
ferner Land- und Strichregen, je nachdem eine grössere Area 
oder nur einzelne Oertlichkeiten vom Regen getroffen wurden. Zu 
den Strichregen gehört auch der Gewitterregen. 

Manchmal geschieht es, dass der aus der Höhe niederströmende 
Regen in tieferen, wärmeren Luftschichten in Dampf aufgelöst wird, 
die grauen, von der Wolke ausgehenden Regenstreifen sehen in 
einiger Höhe über dem Horizonte wie abgeschnitten aus. 



1) Begrünte Bodenflächen von nicht allzu geringer Ausdehnung machen 
die aufliegende Luft feucht und zur Wolkenbildung geneigter. 



Jährliche Regenmenge eines Ortes und die sie beeinflussenden Factoren. 177 



In grösseren Höhen geschieht die Ausscheidung des Dampfes 
in Form von Schnee, der beim Herabfallen in wärmere Luft- 
schichten zu Regen wird, oder zur kalten Jahreszeit als solcher die 
Erde erreicht. 

Zur Ermittelung der gefallenen Regenmenge dient der R,egen messet 
(Ombrometer). Er besteht aus einem sich nach unten verjüngenden Blechgefässe 
(siehe Zeichnung), das einen kreisrunden (auch quadratischen) Querschnitt hat. 
Als Auffangfläche wählt man 0,1 D Meter (ältere 
Instrumente haben 1 Par. Q Fuss Auffangfläehe). 
Nahe am Boden des Gefässes ist ein Hahn ange- 
bracht, der den Regen in ein cubicirtes Messgefass 
ablaufen lässt. Das in Cubikcentimetern ausgedrückte 
Volumen ist durch die Anzahl der Quadratcentimeter 
der Auffangfläche (1000) zu dividiren, um die Re- 
genhöhe in Centimetern, d. i. die Höhe, ■«"eiche 
der wässrige Niederschlag auf dem Boden erreichen 
würde, wenn er weder in denselben einsickern, noch 
abdunsten und nach den Seiten abfliessen könnte, zu 
finden. Wenn Schnee fällt, so wird derselbe ent- 
weder durch Transportirung des Regenmessers nach 
der geheizten Stube zum Schmelzen gebracht , oder 
man giesst abgemessenes heisses Wasser in den an 
Ort und Stelle verbleibenden Regenmesser und bringt 
das Volumen des zugegossenen Wassers von dem 
durch die Messung erhaltenen Gesammtvolumen in 
Abzug. 

Osnaghi hat den Regenmesser insoweit verbessert, als er nahe am Boden 
des Gefässes eine vertical gestellte Glasröhre in eine wagrechte kurze Messing- 
hülse (in der Figur mit a bezeichnet) einkittet und an die Röhre eine Theilung 
anbringt, die unmittelbar die Millimeter Regenhöhe aus dem Stande des 
Regenwassers ersehen lässt. Nach der Ablesung lässt man das Wasser bis zur 
0-Marke ablaufen. 

Wollny empfiehlt statt des Abmessens des Regens und Schneewassers das 
Wägen derselben. Der Regen wird in einen tarirten trockenen Glaskolben aus 
dem Regenmesser laufen gelassen, der Schnee im Auffanggefasse direct abgewogen.^) 
Der Regenmesser soll von allen Seiten frei sein, damit die Niederschläge unge- 
hindert in das Auffanggefäss fallen können. Der Abstand des Randes des Auf- 
fanggefässes vom Boden ist bezüglich der Quantität des resultirenden Nieder- 
schlages nicht gleichgiltig , da mit zunehmendem Abstände die Niederschlags- 
menge abnimmt, es regnet ja auch die Luftschichte, welche zwischen Boden und 
dem Rande des Auffanggefässes liegt. Es ist Sache des internationalen Meteo- 
rologencongresses, ein einheitliches Maass für diesen Abstand zur allseitigen Durch- 
führung zu bringen. 




a. Jährliche Regenmenge eines Ortes und die sie beeinflussenden 

Factoren. 

Wegen zu geringen Ausmasses an jährlichen Niederschlägen 
kann der Landwirth trotz aller Thätigkeit und Umsicht gar oft 

1) Zeitschrift der osterr. Ges. f. Met. Bd. X. IST5. S. 242. 
V. Gohren, Ackerbauchemie. 12 



178 Geographische Lage. 

nicht zu den von ihm erhofften Ernteresultaten gelangen. Von 
jeher wendet er diesem Theile der Witterungskunde seine volle 
Aufmerksamkeit zu, denn ein Mehr oder Weniger an jährlichem 
Niederschlag gestaltet die Bilanz im Buche des Landwirthes wesent- 
lich anders. 

Es handelt sich jedoch nicht nur um die Quantität des jähr- 
lichen Niederschlages j sondern auch um die Vertheilung dessel- 
ben auf die einzelnen Monate, und gerade hierin sind consequent 
durchgeführte Messungen besonders lohnend, indem die aus mehr- 
jährigen Beobachtungen hervorgehenden Durchschnittszahlen für die 
monatlichen Regenmengen werthvolle Winke bezüglich der Wahl 
der Feldfrüchte und der Zeit ihrer Bestellung dem Landwirthe an 
die Hand geben. 

Es möge nun vorerst von den die jährliche Regenmenge eines 
Ortes beeinflussenden Factoren die Rede sein, diese sind: 

1. Die geographische Lage des Ortes: geogr. Breite, Höhenlage 
und Nähe ausgedehnter Wasserflächen; 

2. die vorherrschenden Winde und der Dampfgehalt der durch 
sie herzugeführten Luft. 

3. Die Nachbarschaft von Gebirgen und deren Streichungs- 
richtung. 

4. Die Nachbarschaft ausgedehnter Wälder. 

5. Die Häufigkeit der Niederschläge (Anzahl der Regentage) 
und deren Dauer und Mächtigkeit. 

a. Geographische Lage. 

Die geographische Breite ist in so weit von Einfluss auf die 
jährliche Niederschlagssumme, als der höhere absolute Feuchtigkeits- 
gehalt der Luft niederer Breiten intensivere Niederschläge erwarten 
lässt. Die Regen innerhalb des Tropengürtels sind so gewaltig, dass 
es nicht mehr in Tropfen, sondern in Wasserfäden regnet, wogegen in 
unseren Breiten derlei wolkenbruchartige Regen seltener sind. Es 
kann übrigens auch in den gemäs^ten Zonen durch eine dem Regen- 
falle besonders günstige Situation eine jährliche Regen summe zum 
Vorscheine kommen, welche die der Tropenzone überwiegt, wie die 
Regentafel auf Seite 183 ersehen lässt. In der heissen und ge- 
mässigten Zone finden sich Gebiete, die, weil sie nahezu regenlos, 
zur Wüste und Steppe geworden sind. Höher gelegene Orte sind 
reichlich mit Niederschlägen bedacht, sie ragen in die mit Wasser- 
dampf gesättigte Luftschichte, und, was noch viel wichtiger ist, es 
lassen die an der Berglehne aufsteigenden Winde viel Regen fallen. 

Die Intensität der Niederschläge und deren Häufigkeit nehmen 
von der Küste gegen das Innere des Landes ab, dies zeigt sich 



Winde. — Gebirge. 179 

besonders im Sommer, jedoch können örtliche Verhältnisse (Gebirge, 
Wasserbecken) eine Zunahme der Niederschläge bewirken. 

ß. Winde. 

Die Winde haben eine grosse Bedeutung für die Regenver- 
hältnisse eines Landstriches. Ist letzterer vorherrschend solchen 
Winden ausgesetzt, welche Luft aus höheren Breiten bringen und 
weite Länderstrecken durchwandert haben , so wird dieser Land- 
strich wegen des geringen Dampfgehaltes der herbeiströmenden Luft 
an Regenmangel leiden. Die Winde aus Nord und Nordost sind 
bei uns trockene Winde, statt dass sie Regen fallen Hessen, 
suchen sie sich unter allmäliger Erwärmung auf ihrer Wanderung 
in niedrigere Breiten an Wasserdampf zu bereichern ; der Aequato- 
rialstrom (Antipassat) aus Südwest und West ist ein Regen wind. 
Nicht etwa dass er Feuchtigkeit aus der Tropenzone brächte, dies 
ist ja wegen der niedrigen Temperatur der Höhen, in welchen er 
zieht, nicht zuzugeben, sondern, weil er beim Herabsteigen in tiefere 
Luftschichten und bis zur Erdoberfläche unter ergiebiger Erwär- 
mung (10 C. für je 100 Meter) viel Dampf aufnehmen kann, um 
denselben in Folge Abkühlung durch den Polarstrom bei nächster 
Gelegenheit als Wasser auszuscheiden. Der Regen, der bei uns 
zur Sommerszeit oft in ganz beträchtlichen Quantitäten niederströmt, 
bringt Feuchtigkeit aus nächster Nachbarschaft und von dem Theile 
des atlantischen Oceans, der im Westen Europas liegt, und nicht 
aus der heissen Zone. Dies beweisen die Beobachtungen auf dem 
Pic von Teneriffa (canarische Inseln), wo Piazzi Smyth im 
August und September Feuchtigkeitsbestimmungen an der unteren 
Grenze des dort in einer Höhe von 3642 Meter ziehenden Aequato- 
rialstromes ausführte. Er fand den Dunstdruck zu 4 Mm. im Mittel, 
die vorbeiziehende Luft kann daher erst in Gegenden einen Nieder- 
schlag hervorbringen, deren Temperatur auf den Thaupunkt von 
— 2^ C. sinkt, was doch bei uns in den genannten Monaten nicht 
eintrifft. Für Mitteleuropa ist der Nordwestwind ein häufig eintre- 
tender Regenwind. 

/.Gebirge. 

Die Gegenwart von Gebirgen hat wegen ihrer Temperatur er- 
niedrigenden Wirkung eine höhere relative Feuchtigkeit der Luft 
zur Folge, besonders wenn die Berglehnen mit Wald und die Berg- 
gipfel mit Gletschern bedeckt sind. Zur Tageszeit, wo die vorlie- 
genden Lande in ihrer Erwärmung weiter vorschreiten, tritt ein 
grosser Theil der die weniger besonnten Thalschluchten füllenden 

12* 



180 . Wald. 

Luft iu das Flachlanä heraus und erzeugt hier eine jähe Tempe- 
ratursdepression. Aber nicht die local auftretenden Bergwinde allein 
sind es, die die Niederschlagssumme erhöhen können, am ausschlag- 
gebendsten sind die feuchtwarmen allgemeineren Luftströmungen 
(Seewinde), die den Gebirgskamm erklimmend fast allen Wasser- 
reichthum auf der Windseite des Bergzuges zurücklassen. Die Orte 
auf diesem Abhang des Gebirgszuges haben überaus reichliche 
Regenfälle, wogegen der im Windschatten liegende Abhang und dessen 
Vorlande bis zur Steppe vertrocknen können. Beispiele dafür liefert 
das von Bergriesen eingeschlossene Plateau von Thibet und die 
Wüste Gobi (siehe Regentafel S. 183). 

d. Wald. 

Eine in der letzten Zeit lebhaft discutirte Frage ist die; Be- 
einflusst der Wald die jährliche Niederschlagsmenge 
seiner Umgebung oder nicht? Die Antwort darauf ist aus dem 
bereits früher Gesagten zu entnehmen. 

Bedenken wir, dass der Waldboden in allen Tiefen und zu 
jeder Jahreszeit kälter bleibt als unbewaldeter, dass die Verdun- 
stung an seiner Oberfläche bei gleichem Wassergehalte durchschnitt- 
lich um 1/3 geringer ist als auf freiem F elde, und die Temperatur 
der Waldluft, besonders zur Sommerszeit, bedeutend niedriger sich 
erhält, so ergiebt sich, dass der Waldboden feuchter bleibt als 
Ackerboden. Es ist dadurch die Erscheinung, die Ebermayer 
gefunden hat, erklärt, dass die in tiefere Bodenschichten eindringen- 
den Sickerwässer im Waldboden zur Sommerszeit viel reichlicher sind, 
als im freien Feldboden, trotzdem der letztere mehr Regen empfängt, 
weil über ihm keine belaubten Aeste und Zweige hängen, die durch- 
schnittlich ^4 des Niederschlages auffangen. Der Waldboden ist also 
ein Feuchtigkeitsreservoir, das für den reichlicheren Wassergehalt 
der Waldluft stetig sorgt. Wäre der Wald nicht da, so würde die 
Luft , da unter ihr der nachhaltend Feuchtigkeit spendende Boden 
und in ihr die wasserabgebenden Pflanzen fehlen, entschieden 
weniger Dampf empfangen, und ihr absoluter Feuchtigkeitsgehalt 
müsste geringer sein. 

Ein durch den Wald streichender Wind bereichert sich mit 
Dampf, wenn auch nicht so stark, als wenn er über eine Wasser- 
fläche geweht hätte, und es reicht eine geringere Temperaturseruie- 
drigung auf seinem weiteren Wege hin, um aus ihm Regen heraus- 
fallen zu machen. Damit aber eine Bereicherung der den Wald 
durchziehenden Luftströme stattfinde, müssen diese trocken in den- 
selben eintreten, nur dann wird der Dampfreichthum der Waldluft 
der Nachbarschaft zu Gute kommen. Dies setzt aber grössere un- 



Häufigkeit die Niederschläge, deren Dauer und Mächtigkeit. 181 

bewaldete Strecken voraus, auf welchen sich die Winde erwärmen 
können, Weise Vertheilung von Wald und Feld macht 
den ersteren zum Segenspender der Gegend. 

Sehen wir nun nach den Resultaten, die Ebermayer's Ver- 
suche ergaben, so sprechen diese nicht zu Gunsten der so eben 
entwickelten Ansichten. Ebermayer spricht sich dahin aus, dass 
der Einfluss des Waldes auf die Niederschläge sehr gering sei in 
Ebenen allgemein gleichen Charakters, in höheren Lagen, in ge- 
birgigen Gegenden habe er einen grösseren Einfluss, dort vermehre 
er die jährliche Regensumme. Die Versuche Ebermayers sind 
aber von dem Einwurfe nicht frei, dass zu wenig freies Land im 
Beobachtungsgebiete vorhanden ist. 

Im Jahre 1874 haben F au trat und Sartiaux die Lösung 
der Frage angestrebt. Sie stellten über den Domänenwald von 
Hallate (ein 5000 Hectaren umfassender 26 jähriger Eichen- und 
Weissbuchenbestandj in einer Höhe von 6 Meter über den Wipfeln 
einen Regenmesser auf, und einen zweiten in 300 Meter Entfernung 
vom Walde in gleicher Höhe (14 Meter vom Bodenj. Während der 
sechs Monate Februar bis Juli ergab sich für jeden Monat ein 
grösseres Niederschlagsquantum über dem Walde, es fielen im ganzen 
Halbjahre über dem Walde 192,5 Mm., über dem freien Felde 
177 Mm. Diese Versuche sind zwar in so weit nicht ganz maass- 
gebend, als die für sie verwendete Zeit eine kurze ist und sie eigent- 
lich keinen directen Beweis dafür erbringen, dass der freie, an den 
Wald grenzende Boden durch den Wald mehr Niederschlag er- 
hält als ohne denselben; jedoch ist schon damit, dass während der 
sechs Monate über dem Waldgebiet mehr Regen fällt, als ausserhalb 
desselben, etwas gewonnen, indem zu den vielen Beweisen für die 
Möglichkeit der grösseren Bereicherung der Waldluft mit Wasser- 
gas noch ein neuer hinzukommt. 

Es sind noch weitere Versuche abzuwarten ; wir zweifeln nicht, 
dass die Frage dahin entschieden werde, dass der Wald wegen 
seiner wasseraufspeichernden Wirkung die Umgebung in günsti- 
gere Feuchtigkeits - und Niederschlagsverhältnisse zu versetzen 
vermag.^) 

e. Häufigkeit der Niederschläge, deren Dauer und 

Mächtigkeit. 

Die Häufigkeit der Niederschläge findet für einen bestimm- 
ten Ort in der Anzahl der Regentage ihren Ausdruck. Am Aequator 

1) Sehr wertlivoll sind die Erörterungen über den Einfluss des Waldes 
auf das Klima, -wie sie Lorenz in seinem Lehrbuche der Klimatologie (Wien, 
Braumüller 1ST4) entwickelt. 



182 Häufigkeit der Niederschläge, deren Dauer uiKi* Mächtigkeit. 

regnet es fast jeden Tag, über den Aequator hinaus wird die Zahl 
der Regentage geringer, jedoch zeigt sich eine Zunahme derselben 
gegen höhere Breiten zu. So haben Süditalien 71, Oberitalien 88, 
Ungarn 112, Nordfrankreich und Belgien 152, Norddeutschland 154, 
Holland 170 Regentage im Jahre (Schneefälle mit eingerechnet). 

Die Dauer des Niederschlages wechselt innerhalb weiter Gren- 
zen. Manchmal fällt nur durch Bruchtheile der Stunde hindurch 
ein Niederschlag, manchmal regnet es mit wenigen Unterbrechungen 
tagelang. Die Dauer des Niederschlages ist nicht gleichgiltig für 
die Cultur, es wird ein schwächerer und dabei andauernder Nieder- 
schlag derselben zuträglicher sein, als ein plötzlicher, starker Re- 
genfall. Ein zu schwacher Regen wird wegen rascher Verdunstung 
nicht in den Boden eindringen können, wogegen wolkenbruchartiger 
Regen den Boden zu nass und kalt macht und die austretenden 
Bäche und Flüsse Fluren und Ortschaften verwüsten. Der Land- 
wirth liebt ausgiebige und zur rechten Zeit eintretende Niederschläge. 

Die Mächtigkeit der Niederschläge ist von der geographi- 
schen Lage des Ortes und von der Jahreszeit abhängig. Regeufälle 
von über 30'" = 70 Mm. während 24 Stunden sind in Oesterreich 
selten, dasselbe gilt für Regenfälle von 1" = 28 Mm. während 
einiger Stunden. Ganz ausserordentliche Regeumasseu fielen aus- 
nahmsweise zu Catskil am Hudson (18" = 504 Mm. binnen 
7V2 Stunden). Im Jahre 1869 ist der Baikalsee bei eintretendem 
feuchtem östlichem Monsun in Folge Regen um 10 Fuss über sein 
gewöhnliches Niveau gestiegen, die gewaltigen Niederschläge haben 
das Land überschwemmt.') Ganz regen lose Gebiete gibt es auf 
der Erde nicht, regenarme Gegenden sind: Die Sahara und 
lybische Wüste (18—30 n. Br.), ein Theil Arabiens und 
Persiens. Dieser Wüstengürtel setzt sich in nordöstlicher Rich- 
tung in Innerasien fort und findet seinen Abschluss in der Wüste 
Gobi. In Südafrika ist die Kai aha ri, in Nordamerika das Gila- 
und Coloradothal wegen der vorstehenden Randgebirge, die 
feuchte Winde auspressen, wüstenartig trocken. Südamerika hat 
an dem westlichen Küstensaume, in Peru und Nord chile regen- 
lose Gebiete, nach Wojeikof ist es der hier anprallende Kalt- 
wasserstrom (Humboldt Strömung), der das Herankommen warmer 
feuchter Seeluft verhindert.') Die Ostküste Patagoniens ist 
Wüste, die feuchten Westwinde müssen Gebirge tibersteigen, bevor 
sie das Land treffen. Das Innere Australiens leidet ebenfalls 
an grossem Regenmangel. Reisende berichten einestheils über grosse 
Dürre, andrerseits über plötzliche, aber seltene Regengüsse. 

1) Wojeikof, die atmosphärische Circulation. Ergänzungsheft Nr. 38 
zu Petermann's geographischen Mittheilungen. 



Häufigkeit der Niederschläge, deren Dauer und Mächtigkeit. 



183 



Es möge Einiges über den Grund der Regenarmuth der Sa- 
hara gesagt sein. GewÖbnlicli wird als solcher der von Asien 
über Nordafrika ziehende Polar ström angenommen; wenn dies 
auch für den Winter gelten mag, so doch gewiss nicht für den 
Sommer, wo das ansaugende am meisten erhitzte Festland Inner- 
asien ist. Im Sommer ziehen Winde aus dem nördlich gelegenen 
mittelländischen Meere, wo der Luftdruck grösser als über der Sa- 
hara ist, über die Wüste hin, diese kühlen Winde können trotz 
ihrer hohen relativen Feuchtigkeit keinen irgendwie bedeutenden 

Mittlere jährliche Regenhöhe für 50 Orte.') 




Wien 

Linz 

Prag 

Rehberg (Böhmerwald) 
Hoheuelbe (Riesengeb.) 

Czernowitz 

Ofen 

Hermannstadt .... 

Laibach 

Triest 

Mailand 

Eom ....... 

Palermo 

Nordfuss der Alpen. 
Einsiedeln (Schweiz) . 

Tegernsee 

Salzburg 

Südfuss der Alpen. 
Tolmezzo (bei Udine) . 
Raibl (Kärnthen) . . 

Alpenpässe. 
St. Bernhard .... 
Stilfserjoch .... 

London 

Dublin 

Seathwaite (Westküste 
von Schottland) . . 

Stockholm 

Bergen 



21,2 


574 


25,8 


698 


14,4 


390 


62,3 


1687 


34,2 


926 


20,5 


555 


16,7 


452 


23,9 


647 


50,9 


1387 


40,4 


1093 


35,7 


966 


29,6 


800 


21,4 


581 


61,1 


1653 


43,9 


1188 


40,6 


1098 


90,0 


2437 


75,9 


2055 


46,2 


1252 


85,4 


2312 


18,1 


490 


27,3 


739 


133,4 


3612 


19,3 


523 


83,2 


2252 



Berlin 

München 

Paris 

Bordeaux 

Madrid 

Lissabon 

Coimbra (Westküste 
Spaniens) . . . . 

Tiflis (Kaukasus) . . 

Kutais „ . . 

Astrachan . . . . 

Peking 

Fort Yuraa (Colorado- 
thal in Nordamerika) 

Sitka (Westküste Nord- 
amerikas) 

New- York 

Buenos Aires 

Valdivia , 

Suez 

Algier . . 

Capstadt . 

Melbourne (Australien) 

Hokitika (Westküste 
von Neuseeland) 

Tropische Regen. 

Singapore 

Sierra Leone . . . 

Cayenne 

Cerra-Punjee . . . 



21,2 
29,0 
21,4 
24,4 

15,0 

28,7 

111,2 

18,1 

52,5 

4,6 

22,4 

2,7 

83,2 
44,4 
31,8 
102,2 
1,0 
29,2 
22,6 
27,1 

101,8 



84,2 
118,4 
121,9 
524,5 



574 
809 
579 
660 
407 
783 

3010 
491 

1421 
124 
606 

75 

2252 

1201 

860 

2768 

28 

791 

613 

733 

2836 



2280 

3195 

3301 

14198 



1) Aus Hann's meteorologischem Theile der allgem. Erdkunde entnommen. 



184 Vertheilung des Regens auf die Jahreszeiten. 

Niederschlag hervorbringen, da die Wüstenluft trocken und 
hei SS ist. 

Wüsten sind keine geologischen, sondern meteorologische Pro- 
ducte, nicht die Unfruchtbarkeit des Bodens ist es, die keine 
Pflanzendecke aufkommen lässt, sondern die Wasserarmuth der hin- 
ziehenden Luft.') 

Als regenreichster Ort erscheint Cerra Punjee (14198 Mm.), 
es verdankt dem feuchten Südwestmonsun und der hinter dem Ort 
steil ansteigenden Küste seinen reichlichen Niederschlag, diesem 
gegenüber steht Suez mit 28 Mm. (S.Tab. S. 183.) Der Vergleich 
der Regeusummen von Rehberg, Prag und Hohenelbe lässt 
die Abhängigkeit der Niederschlagsmengen von der An- oder Ab- 
wesenheit von Gebirgen recht deutlich hervortreten. Der feuchte 
Südwest verliert am westlichen Abhänge des Böhmerwaldes einen 
grossen Theil seiner Feuchtigkeit als Regen, im Innern des Berg- 
kessels viel weniger, um beim Ansteigen über das Riesengebirge 
wieder regenreicher zu werden. Winde, die erst in breite Thäler 
eintreten, werden, wenn sich diese späterhin verengern und dabei 
ansteigen, fast ganz der Feuchtigkeit beraubt (ausgepresst). Süd- und 
Nordabhang der Alpen zeigen ungleiche Regenmengen (vergl. Tol- 
mezzo und Salzburg). Der Unterschied wäre noch grösser, würde 
nicht der so häufig einfallende Nordwest die Nordabhänge regen- 
reicher machen; reiner zeigt sich die Differenz zwischen Windseite 
und Leeseite im Kaukasus (Kutais, Tiflis) und an den Cordil- 
leren (Sitka, Fort Yuma). 

Die Menge der Niederschläge nimmt von der Küste gegen 
das Linere des Festlandes ab (Lissabon, Madrid). Die tro- 
pischen Regen (Cayenne, Singapore) gehören vorwiegend dem 
aufsteigenden Luftstrome an. 

b. Vertheilung des Regens auf die Jahreszeiten. 

Nachdem im Vorhergehenden die jährliche Niederschlagsmenge 
für verschiedene Orte in Betracht gezogen wurde, soll nun auch 
der Vertheilung derselben auf die einzelnen Jahreszeiten gedacht 
werden. Es ist gerade dieses Moment für den Landwirth von 
eminenter Bedeutung. 

Die Vertheilung der Regen ist auf der Erdoberfläche eine 
solche, dass man Zonen mit Regen zu jeder Jahreszeit und Zonen 



1) Die Ausfüllung des Timsah-Sees und der Bittersalzseen beim Baue des 
Suezkanals macht bereits günstige Wirkung, es gibt jetzt dort bewölkte Tage 
und regelmässig eintretende Eegentage. 



Yertheilung des Eegens auf die Jahreszeiten. 1 S5 

mit periodischem Regenfali unterscheiden kann. Der 40. Breite- 
grad bildet die Grenze beider — nördlich von demselben liegen 
die Gebiete mit regellosen Winden, daher Niederschläge zu jeder 
Jahreszeit, — südlich davon die sogenannte subtropische Zone, 
die wegen des im Winterhalbjahre etwas nach Süden rückenden 
Passatgürtels aus der Passatregion heraustritt und Winterregen 
hat^j, und die Tropenzone, deren Orte, die Region der Wind- 
stillen mit fast täglichem Regen ausgenommen, beim Eintritte des 
Zenithstandes der Sonne Regenzeit bekommen. Zu den periodischen 
Regen zählen auch die Monsunregen Ostasiens und Indiens, 
die sich bis 50*^ n. Br. hinauf erstrecken. 

In der Zone mit Regen zu jeder Jahreszeit lassen sich wieder 
Gebiete mit vorwiegendem Sommer regen und solche mit Früh- 
lings- und Herbstregen (Aequinoctialregen) unterscheiden. So 
zeigen Orte nahe der subtropischen Zone noch kein Sommermaxi- 
mum, die Niederschläge fallen zumeist im Frühling und Herbste, 
so in Rom, Mailand, Tri est, Görz, während Graz, Wien 
und das ganze mittlere Deutschland zur Sommerszeit die 
ausgiebigsten Niederschläge erhalten. Ein grosser Theil der sommer- 
lichen Niederschläge gehört aber auch dem aufsteigenden Luftstrome 
an, der gerade zur Zeit der höchsten Erwärmung des Festlandes 
am mächtigsten ist, und häufig Gewitter entstehen lässt. 

In Oesterreich sind nach L o r e n z -j zwei Hauptzonen bezüg- 
lich der Zeit des Regenfalles zu unterscheiden: li Die Zone der 
Aequinoctialregen (Herbst und Frühling) in den Karstlän- 
dern und 2) die Zone der Sommer regen. Die letztere um- 
fasst den grössten Theil der Monarchie und zwar: aj Bezirk des 
Böhmerwaldes, der ungeachtet der geringen Erhebung des Berg- 
rückens viel Feuchtigkeit den von Südwest und Nordwest kommen- 
den Winden entzieht fvergl. Regenmenge von Rehberg); bj das 
böhmische Binnenbecken mit seinen seltenen, aber zeitweise 
sehr heftigen Niederschlägen; c) die Central- und Nord kette 
der Alpen, erstere zwingt die von Süd und Südwest kommenden 
feuchten Winde zum Aufsteigen und damit zu Niederschlägen, letztere 
wirkt in gleicher Weise auf die im mittleren Deutschland vor- 
wiegenden feuchten West- und Nordwestwinde ein. Vorarlberg, Tirol 
und Salzburg zeigen mehr Niederschläge als die östlicher gelegenen 
Gebiete dieser Zone, nämlich das nördliche Steiermark und jener 



1) Zur subtropischen Zone mit Winterregen gehören die Mittelmeerländer, 
Californien bis zum Puget-Sund, auf der südlichen Hemisphäre: Chile, Argen- 
tinische Staaten, Brasilien, Capland und das südliche Australien. 

2) Lorenz und Rothe, Lehrbuch der Klimatologie. Wien. Braumüller 
1S74. 



186 Graupeln und Hagelkörner. 

Theil OesterreichS; der zwischen Donau und dem Nordrande der 
Alpen liegt; d) das nördliche Vorland der Alpen (oberes 
Donauthal von Passau bis an den Rand des ungarischen Beckens). 
Die Niederschlagssummen nehmen von Westen nach Osten ab, das 
Wienerbecken und die mährische Marchbucht sind weniger mit 
Regen bedacht als das obere Donauthal, das noch an der Luft- 
feuchtigkeit der Alpen und des Böhmerwaldes participirt (vergl. 
Wien und Linz auf der Regentafel); e) das östliche Vorland 
der Alpen (der äusserste Südosten von Nied.-Oesterr., Mittel- und 
Uutersteiermark , üuterkraiu, das westliche Randgebiet Ungarns, 
Binnenkroatien und Slavonien) hat in seinen südlicheren Theilen 
wegen der angrenzenden Zone der Aequinoctialregen im Frühling 
und Herbste warme Regen; f) die Karpathenländer (Ober- 
ungarn) mit massigem Regenfall; g) der sarmatische Bezirk 
(Ostgalizien und Bukowina). In diesem Bezirke fällt im Juni und 
Juli der meiste Regen, wogegen der Herbst trocken ist; h) die 
ungarische Tiefebene, welche durch grosse Trockenheit im 
Sommer und spärlichen Regenfall charakterisirt ist. Die Luft, welche 
über die Aveite gleichförmige Ebene hinzieht, hat theilweise Gebirge 
passirt und ist wenig zu Niederschlägen geneigt und der im Sommer 
aufsteigende heisse Luftstrom zehrt viele der über die Ebene weg- 
ziehenden regendroheuden Wolken auf. Das Land hat wegen der 
häufigen Dürre viele Missjahre ; i) das sieben bürgische Binnen- 
land mit vorwaltendem Mai- und Juniregen, 

Sehr eingehende und erfolgreiche Studien über Grösse und 
Vertheilung der jährlichen Niederschläge hat Prettner für Kärn- 
then gemacht*). 

D. Graupeln t/tid Hagelkörner. 

Schliesslich möge noch der selteneren Niederschlagsformen: 
Graupeln und Hagelkörner gedacht werden. Die Graupeln 
bilden sich aus Schneeflocken, welche bei stürmischem Wetter nahe 
dem Gefrierpunkte zur Erde fallen. Schneeflocken und Graupeln 
sind Ausgangspunkte für die Bildung der Hagelkörner. Diese ent- 
stehen durch Ablagerung von erstarrendem Wasser auf den in der 
Luft schwebenden Graupelkörnern (Schneeflocken) in dampfreicher 
Atmosphäre, deren Temperatur durch plötzliche Abkühlung bis 
unter den Thaupunkt, ja bis zum Gefrierpunkte, gesunken ist. 
Die Entstehung dieser so gewaltigen Temperatursdepression bei gleich- 



1) Die Vertheilung der Hydrometeore in Kärntlien. Zeitsclir. d. österr. 
Gesellsch. f. Met. Bd. VIII. 1S73. S. 145. 



Meeresströmungen. 187 

zeitiger bedeuteuder Wärmeentv.-icklung- durch Coudensatiou von 
Wasserdampf und lioher Temperatur der über dem Boden liegen- 
den Luftschichten ist auf verschiedene Weise erklärt worden. Mohr 
sieht die Ursache in einem herabstürzenden kalten Luftstrome, 
Reye dagegen in dem von der Erde rasch aufsteigenden heissen und 
feuchten Strome, der dadurch einen so energischen Trieb nach auf- 
wärts erhält, dass über ihn sich kalte Luft einschiebt. Dies ist 
dadurch möglich, dass die höheren nach dem Gewitterherde hin- 
ziehenden kalten Luftschichten auf ihrem Wege den tieferliegeuden 
vorauseilen, denn letztere reiben sich an der Erdoberfläche und auf 
diese Weise wird die ruhige und heisse Luft des Terrains von 
oben her durch kalte Luft umhüllt. Der dadurch herbeigeführte 
labile Gleichgewichtszustand der Luft ist von kurzer Dauer, die unten- 
liegende feuchte Luft steigt, durch Condensatiouswärme beschleunigt, 
enorm rasch nach aufwärts, ihre Temperatur sinkt während des 
Aufsteigens bis zum Eispunkte. Diese Ansicht R e y e's erklärt so 
manche Erscheinung, die bei Hagelfällen beobachtet wurde, so 
z. B. das strichweise Auftreten des Hagelschlages, was doch auf 
örtliche Einflüsse zurückgeführt werden muss. Prettner hat in 
Kärnthen die Erfahrung gemacht, dass über grossen Thalmulden 
am häufigsten Hagel fällt; es mangelt diesen ein Temperatursaus- 
gleich durch seitliche Luftströmungen, daher erhitzen sie sich in 
der wärmeren Jahreszeit mehr als enge auslaufende Gebirgsthäler. 
Im Frühsommer, wo die Temperatursdifferenz zwischen der auf dem 
rasch an Temperatur zunehmenden Boden aufliegenden Luft und 
den noch winterkalten höheren Schichten sehr gross ist, treten 
Gewitter mit Hagel auf. Mai und Juni sind diesbezüglich die ge- 
fährlichsten Monate ; der Hagel fällt gewöhnlich in den ersten Nach- 
mittagsstunden, wo die Temperatur der unteren Luftschichten das 
Maximum erreicht. 



7. Meeresströniimgeu. 

Es wurde schon früher auf die wärmende Wirkung der Warm- 
wasserströme des Meeres hingewiesen, indem die über ihnen liegende 
Luft nach dem benachbarten Festlaude strömt und die Strenge des 
Winters mildert. Andererseits wird ein Kaltwasserstrom die gegen- 
theilige Wirkung üben, er drückt die Temperatur seiner Umgebung 
unter die normale Grenze. Diese modificirende Wirkung der Meeres- 
strömungen erstreckt sich nicht allein auf die Temperatur, sondern 
auf alle meteorologischen Elemente und darum darf sie in unseren 
Erörterungen nicht übergangen werden. 



188 Meeresströmungen, 

Die Motive für die Strömungen der Meere sind noch nicht 
alle beliannt, das eine ist gev/iss, dass einerseits der Temperaturs- 
unterschied von ca. 30^ C. zwischen den Gewässern der Tropenzone 
und dem arktischen Meere ^ andererseits die durch die Erdrotation 
wachgerufene Fliehkraft ein Strömen des Meeres veranlassen. Mehr 
locale und in geringe Tiefen reichende Strömungen werden durch 
Winde hervorgebracht (Driftströme). Die Temperatursdifferenzen 
zwischen Aequator und Pol bewirken den Austausch der Gewässer 
in Süd-nördlicher Richtung, die Fliehkraft macht den gewaltigen 
von Osten nach Westen gerichteten Aequatorialstrom entstehen, 
der an den Continenten umbiegend nach höheren Breiten gedrängt 
wird, wo er, sowie die nach Süden ziehenden kalten Wasser, dem 
allgemeinen Gesetze der Ablenkung nach rechts (auf der südl. 
Halbkugel nach links) unterworfen ist. Der Aequatorialstrom ist 
vermöge der hohen spec. Wärme und Temperatur des Wassers eine 
Luftheizung im wahrsten Sinne des Wortes, wogegen die Eisberge 
führenden Kaltwasserströme Nebel und niedere Temperaturen in 
ihrer Nachbarschaft erzeugen. Für das nord- westliche Europa 
existirt im Golf ströme ein ergiebig wärmender Wasserstrom, 
er ist ein Zweig des Aequatorialstromes, der im mexikanischen 
Golfe umbiegend in Folge der Erdrotation nach Nordost abgelenkt, 
die Küsten der britischen Inseln und Norwegens bespült, ja selbst 
Nowaja Semlja und Spitzbergen erreicht. Sein Einfluss drückt 
sich am deutlichsten in dem Verlaufe der Jännerisothermen aus, 
diese erscheinen zu mächtigen convexen Scheiteln über Island und 
den von dieser Insel nordöstlichen gelegenen Meerestheilen aufge- 
thürmt. Wir dürfen im Winter in Europa den Gegensatz der Tem- 
peraturen nicht in der Richtung von Süd nach Nord suchen, son- 
dern von West nach Ost. Das mittlere Deutschland bis zur Elbe, 
das westliche Böhmen und die nördlichen Vorlande der Alpen ver- 
spüren noch die wärmende Wirkung des Golfstromes im Winter, 
indem die aus West und Nordwest einbrechenden Winde laue Luft 
bringen. 

Nordamerika, an dessen östlichem Ufer der Golfstrom vom 
Gap Sable bis zum Cap Hatte ras in geringem Abstände vom 
Festlande vorbeifliesst, gewinnt nichts von dem wärmenden Einflüsse 
der über dem Strome befindlichen Luft, denn die im Winter vor- 
herrschenden nordwestlichen Winde lassen die Seeluft nicht oft 
das Land erreichen, und dann zwängt sich zwischen Festland und 
Strombett ein kalter, von der Davisstrasse herabtreibender Strom, 
die sogenannte „kalte Mauer" oder Labradorströmung. 
Die Winter in den vereinigten Staaten Amerikas sind in der Regel 
strenge, das Jännermittel ist durchschnittlich um 10^ C. zu niedrig, 



Die Luftelektricitüt und die Gewitter. 1S9 

in einer der Lage von Neapel correspondirenden Breite gefriert 
zuweilen das Quecksilber im Thermometer, wogegen die Winter in 
Island, Schottland und an der Westküste Norwegens in auf- 
fallend positiver Anomalie um 15 — IS^ C. zu warm sind. An der 
Ostküste Amerikas treiben die Eisberge bis in Breiten von Mainz herab, 
die Bewohner gehen dort auf Eisbärenjagd, während die Lappen 
auf dem Nordcap Europas nie einen Eisberg sehen. In Hammer- 
fest unter 70^ n. Br. kommt der Kirschbaum noch zur vollen 
Blüthe und gedeiht Roggen noch ganz vortrefflich. 

Der Aequatorialstrom entsendet am Cap S. Roque einen 
Zweig nach der brasilianischen Küste bis zu den Falklands- 
inseln hinab und begünstigt dadurch die ganze Ostküste Süd- 
amerikas , dies gilt auch von dem M o z a m b i q u e s t r o m an der 
Ostküste Afrikas. 

Im pacifischen Ocean entwickelt sich ebenfalls ein von Ost 
nach West gerichteter Warmwasserstrom, dessen einer Zweig an 
der Insel Formosa und der Ostküste Japans entlang als Kuro 
siwo (schwarzer Strom, wegen seiner tiefblauen Färbung) die 
Aleuten und selbst noch die nordwestliche Küste von Amerika 
bespült; die Ostküste Asiens gewinnt aber nichts dabei. Der andere 
Zweig des Aequatorialstromes fliesst an der Ostküste Australiens 
vorbei. 

Wir sehen die Ostküsten der Continente auf der südlichen 
Hemisphäre begünstigt, die Ostküsten der Festländer der nördl. 
Halbkugel vernachlässiget, die Westküsten auf unserer Hemisphäre 
im Vortheile, die der südlichen dagegen im Nachtheile, denn die 
chilenische und peruanische Küste wird von der mächtigsten Kalt- 
wasserströmung, der Humboldtströmung, getroffen und ebenso 
werden Westafrika und die australische Westküste von dem süd- 
lichen Eismeere entstammenden Strömen benachtheiligt. 

Die Luftströmungen beeinflussen in analoger Weise die öst- 
lichen und westlichen Küsten der Continente der beiden Hemisphären. 



8. Die Liiftelektricität und die riewitter. 

Die Luft ist zu jeder Zeit mehr oder weniger elektrisch, frei 
aufragende Spitzen geben an ihrem unteren Ende mittelst empfind- 
licher Elektroskope deutlich elektrische Ladung zu erkennen. 
Franklin (1752) und De Romas (1757) haben die Identität 
der Luftelektricität mit der durch Reiben von Glas erhaltenen 
Elektricität nachgewiesen. Die Beobachtungen, welche Wislice- 
nus in St. Louis am Mississippi durch 10 Jahre mittelst eines 



190 Die Luftelektricität und die Gewitter. 

Dellmann 'sehen Elektrometers anstellte, haben ergeben, dass die 
Luft meist positiv geladen ist, und desto mehr, je feuchter sie 
ist; er fand im Winter und in höher gelegenen Luftschichten stär- 
kere Ladungen als im Sommer und in den untersten Schichten. 
Negative Ladung zeigte sich bei Gewittern, auch bei gewöhn- 
lichen Landregen und bei Stürmen, Die Ausscheidungen des 
Wasserdampfes aus der Luft, als Nebel, Wolken, Regen etc. sind 
elektrisch. Tissandier liess bei einer Luftfahrt am 17. Februar 
1873 einen 200 Meter langen Kupferdraht, der in eine Kupfer- 
kugel nach oben endigte, in eine unter ihm befindliche Wolke 
tauchen, die Kugel gab Funken an den genäherten Fingerknöchel 
ab und war negativ geladen. 

Die Quellen für die Elektricität der Luft sind noch nicht mit 
Sicherheit aufgefunden. Pouillet bemerkte, dass der aus sieden- 
den Salzlösungen aufsteigende Dampf elektrisch sei, er folgerte 
weiter, dass der aus den Meeren aufsteigende Wasserdampf Elektri- 
cität der Luft mittheile. Nach anderen Forschern ist der Vegeta- 
tionsprocess der Pflanzen eine Elektricitätsquelle. Riess und 
Reich haben beide Ansichten durch Experimente zu bestätigen 
gesucht, jedoch ohne Erfolg. In neuerer Zeit hat der jüngere 
P eitler die Hypothese aufgestellt, dass die Erde eine gewisse 
Menge negativer Elektricität besitze und diese der aufliegenden 
Dampfhülle mittheile. Isolirte Dampfmassen, wie Wolken, werden 
durch Influenz elektrisch. 

Seien nun die Quellen welche immer, so viel ist durch zahl- 
reiche Versuche festgestellt, dass die Ladung im normalen Zustande 
der Atmosphäre eine sehr schv/ache und nur mittelst empfind- 
licher Instrumente nachweisbare ist. Wie lassen sich nun die ganz 
colossalen Spannungen erklären, wie sie bei Gewittern auftreten? 
Was verhilft da zu so mächtigen Aufspeicherungen von Luftelektri- 
cität, so dass der Entladungsfunke als Blitz meilenweite Distanzen 
in kaum messbarer Zeit durcheilt? 

Jede reichliche und plötzliche Ausscheidung von Wasser aus 
der Luft bringt eine Verdichtung des elektrischen Zustandes auf 
der entstehenden Wolke mit sich. Die Wolke erscheint stark ge- 
laden, der aus ihr fallende Niederschlag ist elektrisch. Die Ur- 
sachen zur Temperaturserniedrigung sind: Mengung ungleich tempe- 
rirter feuchter Luftströmungen und die Aufwärtsbewegung feuchter 
Luft (courant ascendant). 

Die erstere Ursache wirkt auf weitere Bezirke hin, durch sie 
ist das Hinwegschreiten von Gewittern über ganze Länderstrecken 
erklärt, die letztere Ursache ist eine locale, sie gelangt aber auch 
zur ausgedehnteren Wirkung, wenn ein Luftwirbel (Cyclone) sich 



Die Luftelektricität und die Ge^ritter. 191 

aufmacht und verheerend weiter zieht, sein vorderer Rand ist ein 
stetiger Gewitterherd. 

Es mögen hier nur die europäischen Verhältnisse bezüglich 
des Charakters und der Häufigkeit der Gewitter erörtert werden. 

In milden Wintern bilden sich an der Westküste Europas, in 
Frankreich, Schottland, Island und Norwegen nach 
längerem Südwest durch das jähe Einfallen des kälteren Nord- 
westes nicht selten Gewitter aus, im Innern Europas ist die Luft 
dazu zu arm an Wasserdampf, dagegen kann zur Sommerszeit durch 
die gleiche erkältende Ursache Gewitterbildung eintreten, es gehören 
jedoch die meisten Sommergewitter Deutschlands, Oester- 
reichs und Russlands dem aufsteigenden Luftstrome an. 

In der warmen Jahreszeit kommt es bei sonnigem, nahezu 
windstillem Wetter zu einer intensiven Erwärmung der unteren 
Luftschichten. Warme Luftsäulen steigen auf, kältere senken sich, 
um erwärmt aufzusteigen, dieses Spiel auf- und absteigender Ströme 
erneuert sich mit jedem Tage, eine drückende Schwüle macht sich 
allerorten fühlbar. Die Ueberhitzung der unteren Schichten gedeiht 
so weit, dass das sonst stabile Gleichgewicht der verticalen Luft- 
säule ein labiles wird, der geringste Impuls, etwa Condensation 
von Dampf in den oberen Schichten durch dampfreichen herab- 
sinkenden Aequatorialstrom , genügt, ein kräftiges Emporstrudeln 
der unteren Luft nach oben hervorzubringen. Massenhafte Bildung 
von regendrohenden Wolken mit elektrischen Entladungen ist die 
Folge der bedeutenden Abkühlung des aufsteigenden Stromes. Das 
majestätische Schauspiel des Gewitters ist von kurzer Dauer, da die 
unteren Luftschichten durch Regen und Verdunstungskälte abgekühlt, 
die oberen dagegen durch die Condensation des Dampfes erwärmt 
werden, womit der stabile Gleichgewichtszustand der Atmosphäre 
wieder hergestellt erscheint. 

Die Gewitter des Calmengürtels und der Tropenzone haben 
dieselbe Entstehungsursache. 

In den Gebirgen treten häufiger Gewitter auf als auf dem 
Flachlande, weil der aufsteigende Strom an den bewaldeten Berg- 
lehnen sich mehr mit Wasserdampf beladen kann. 

Die Häufigkeit der Gewitter und ihre Vertheilung auf die 
Jahreszeiten wir durch nachfolgende Tabelle ersichtlich.^) 



1) Hann, Zeitschrift der österreichisclien Gesellschaft für Meteorologie. 
Bd. VI. 1871. S. 57. 



192 Der durchschnittliche Verlauf der atmosphärischen Erscheinungen. 







Jahr 


Zahl der Gewitter. 


Procente 




u 

o 

t 




o 

o 
xn 


o 






3 

72 




Nordseeküste .... 
Deutschland .... 
Oestliche Alpenländer . 
Ungarn u. Siebenbürgen 
Galizien ...... 


14,8 
19.8 
23.3 
18.9 
16,9 

15,1 
9,2 
8,3 

13,9 
12,5 
12,8 
13,2 

17,4 
15,5 


0,7 
0,3 
0,1 
0,0 
0,1 

0,0 

0,0 
0,0 

0.0 

0,0 
0,1 
0,2 

0,0 
0,0 


3,5 
4,9 

4,5 
4,8 
3,9 

3,2 
1,7 
2,2 

2,5 

2,5 
3,4 
1,8 

1,5 
■1 1 


8,8 
13,0 
16,1 
12,5 
11,5 

11,0 
7,1 

7,2 

10,0 

8,8 
7,7 
8,8 

15,3 
13,3 


1,8 
1,6 
2,6 
1,6 
1,4 

0,9 
0,4 
0,0 

1,0 
0,8 
1,5 
2,4 

0,6 
0,1 


5 
1 












1 

1 





23 
25 
20 
25 
24 

21 
18 
23 

19 
22 

27 
14 

9 
14 


60 
66 
69 
66 
67 

73 

77 
77 

74 
71 

60 
67 

88 
85 


12 
8 

11 
9 

8 


"VVestrussland . . 
Ostseeprovinzen . 
Nordrussland . . 

Mittelrussland . . 
Südostrussland . . 
Südrussland . 




6 
4 


7 

7 

19 


Die Krimm . . . 




18 


Südostseite des Ural 
Sibirien .... 




7 
1 






yj,j 





III. Der durclisclmittliclie Yeiiauf der 

atmospliärisclieii Ersdieinungen innerlialb kleinerer 

Gebiete der Erdoberfläclie und die ihn bedingenden 

Umstände (Klimatologie). 



Während die Meteorologie den gesetzmässigen Zusammenhang 
der atmosphärischen Erscheinungen im Allgemeinen, theils auf 
theoretischem Wege, theils an der Hand der in den einzelnen Be- 
obachtungsgebieten erhaltenen Zahlenresultate festzustellen bestrebt 
ist, nimmt die Klimatologie einen mehr speciellen Standpunkt 
ein, indem sie unter Benutzung der aufgefundenen allgemeinen 
Gesetze von Fall zu Fall die Art und den Wirkungswerth der- 
jenigen Factor en aufsucht, die das Klima für kleinere Gebiete der 
Erdoberfläche nach dieser oder jener Seite hin zu charakterisiren 
vermögen. Die Meteorologie hat uns gelehrt, dass vermöge der 
schiefen Stellung der Erdaxe zur Erdbahn klimatische Zonen auf, 



Der durchschnittliche Verlauf der atmosphärischen Erscheinungen. 193 

dem Erdball auftreten, ein Tropengürtel, zwei gemässigte und zwei 
kalte Zonen. Es Hesse sich für jede dieser Zonen ein durch die 
Sonnenstellung bedingtes ideales (mathematisches) Klima ableiten, 
in Wirklichkeit zeigen sich jedoch in Folge der mannigfaltigsten 
modificirenden Einflüsse örtliche Abänderungen von diesem Klima 
(physisches Klima). Solche Einflüsse sind in erster Linie die Luft- 
und Meeresströmungen, ausserdem aber auch die Lage zum 
Meere und die Erhebungen über das Meeresniveau. Land- 
striche, die jahrüber vorwiegend von Winden aus südlicheren Breiten 
und von Luft, welche durch Warmwasserströme geheizt wurde, be- 
strichen werden, weichen in ihrem Klima von dem in gleicher Breite 
aber sehr continental gelegener Gebiete mit vorwiegend polaren 
Winden bedeutend ab, für letztere wird sich das Klima viel exces- 
siver gestalten müssen, als es die Stellung der Sonne allein, der 
obersten Lenkerin aller Klimate, mit sich bringt. 

Nicht allein diese Einflüsse sind es, die dem Klima eines 
Gebietes einen deutlichen Stempel aufdrücken, auch die nächste 
Umgebung und die specifische Beschafi'enheit des Gebietes 
selbst sind wichtige Modificatoren für das Klima desselben. Be- 
nachbarte Gebirge mit ausgedehnten Waldungen, desgleichen ein 
benachbarter See oder feuchte Moorlager und Flussniederungen 
wirken verändernd ein , und was die specifische Beschaffenheit des 
Gebietes anlangt, so ist es durchaus nicht gleichgiltig für das zu 
erwartende Klima, ob das Gebiet eben oder hügelig, oder gar mit 
hohen Gebirgen belegt ist, ferner ob der Boden grosse unbebaute 
Strecken zeigt, oder ob er gleichmässig mit Vegetation bedeckt 
erscheint. 

Gebirge modificiren die klimatischen Verhältnisse der Nachbar- 
schaft, indem sie die über sie hinwegziehenden allgemeinen Luft- 
strömungen bezüglich deren Temperatur und Wassergehalt verändern, 
sie wirken auch durch die von den Bergen ausgehenden localen 
Winde verändernd auf das Klima der Vorlande ein. Der auf- 
steigende Strom des Flachlandes wirkt aspirirend auf die Bergluft, 
die aus mehrfachen Gründen eine niedrigere Temperatur als die 
Luft gleicher Höhe über dem Vorlande besitzt. Einmal ist die 
Erwärmung des Festbodens in gebirgigen Gegenden durch die viel- 
fache Beschattung der Berglehnen durch Wälder und durch gegen- 
überliegende Bergwände selbst eine geringere, und dann trägt die 
in höheren Lagen ausgiebigere Ausstrahlung viel zur Temperaturs- 
erniedrigung der Luft bei, die zur Nachtzeit thalwärts sinkend auch 
die Luft der Thalsohlen abkühlt. 

Der Temperatursunterschied zwischen Bergluft und Luft der 
Vorlande ist im Sommer am grössten, zu dieser Jahreszeit der Ein- 

V. Gohren, Ackerbauchemie. 13 



194 Ermittelung des Klimas eines kleineren Gebietes oder des Standortes. 

fluss des Gebirgswindes am auffallendsten, es wird durch ihn die 
tägliche Schwankung der Temperatur bedeutend erhöht. Aber 
auch im Frühjahre und Herbste lässt sich die abkühlende Wirkung 
der Gebirgswinde nicht verkennen, indem der Frühlingsanfang häufig 
durch Kälterecidiven gestört wird, und im Herbste mitunter so 
niedrige Temperaturen zu Stande kommen , dass sie uns nur zu 
deutlich an den herannahenden Winter mahnen. 

Ein benachbarter See, feuchte Moorlager und Sümpfe spielen 
in kleinerem Massstabe dieselbe Rolle für die Nachbarschaft, wie 
für die Continente das Meer, sie massigen die Extreme der Tem- 
peratur der angrenzenden Gebiete, ausserdem erhöhen sie durch 
die über sie hinweg ziehenden Winde die absolute Feuchtigkeit der 
Nachbarschaft; dies letztere wird auch durch grössere Waldbestände 
erreicht. 

Die specifische Beschaffenheit des Landstriches selbst, ob Ebene 
oder Hügelland oder Gebirge hat grossen Einfluss auf den Gang 
der meteorologischen Elemente und deren Extreme. Während die 
Ebene zu grossen Temperatursextremen und Trockenheit hinneigt, 
mildert welliges Terrain die Extreme und bringt Abwechslung in 
die Feuchtigkeitsverhältnisse. Gebirge bedingen eine Depression 
der Lufttemperatur und höhere relative Feuchtigkeit der Luft. 
Die den Regenwinden ausgesetzten Abhänge zeigen reichlicheren 
Niederschlag als die Abhänge an der Luvseite. Freie Plateaux 
zeichnen sich durch grosse Temperatursextreme aus. 

Es bildet sich auf diese Weise eine Reihe verschiedener Kli- 
mate in den ungleich situirten Landstrichen aus, man unterscheidet 
darnach: Landklima — Seeklima, Höhenklima (Klima freier 
Gipfel und freier Plateaux) — Thalklima, Waldklima — 
Steppen klima. Auch wird das Klima nach den Namen von Oert- 
lichkeiten benannt: Klima der Alpen, der Karpathen, des Wiener 
Beckens u. s, w. 



Ermittelung des Klimas eines kleineren Gebietes oder des 
Standortes. Meteoroprognose. 

Dem Landwirth ist es darum zu thun, die klimatischen Ver- 
hältnisse seines Wohnsitzes möglichst genau kennen zu lernen, er 
soll deshalb stets offenes Auge für dieselben haben ; die wichtigsten 
meteorologischen Elemente: Temperatur und Niederschlag 
lassen sich ohne grossen Aufwand an Zeit mittelst Thermometer 
und Regenmesser verfolgen. Detaillirte Auskünfte gibt die benach- 



Ermittelung des Klimas eines kleineren Gebietes oder des Standortes. 195 

barte meteorologische Beobachtimgsstation. Die Angaben ^eser 
Station sind nur dann für den gegebenen Standort anwendbar, 
wenn die localen Verhältnisse mit denen der Station in naher 
Uebereinstimmung sind ; nicht etwa, dass die letztere im völlig flachen 
Lande und ersterer an dem Fusse eines Berges liegt, wo die maass- 
gebenden Winde nicht recht zur Geltung gelangen können. 

Der Klima - Charakter eines grösseren oder kleineren Gebietes 
und des einzelnen Standortes selbst wird durch regelmässige Auf- 
zeichnung des täglichen Ganges der meteorologischen Elemente fest- 
zustellen gesucht. Die täglich erhaltenen Daten werden auf Mittel- 
werthe gerechnet und so ergibt sich nach langjähriger Beobachtung 
ein durchschnittlicher Gang der Witterungserscheinungen für jeden 
Tag und Monat des Jahres. Dieser Gang wird jedoch in den 
seltensten Fällen von der Witterung wirklich eingehalten, in der 
Regel finden Abweichungen von den berechneten normalen Mitteln 
des Tages, Monates und Jahres statt; daher die Mittelwerthe allein 
nicht zur vollen Charakterisirung des Klimas genügen. 

Wie werthvoU ist es für den Landwirth zu wissen, wie hoch die 
Temperatur im Laufe der Beobachtungsjahre je gestiegen, wie tief 
sie je gesunken ist (die Schwankung der äusserten Extreme der 
Temperatur oder absolute Schwankung), weil das Gedeihen gewisser 
Pflanzen an bestimmte Temperatursgrenzen gebunden ist, die nicht 
überschritten werden dürfen; ferner sind die grösste und kleinste 
Regensumme für jeden Monat, die längste Periode ohne allen Regen 
und mit continuirlichen Regentagen, die grösste Regensumme wäh- 
rend 24 Stunden höchst wichtige Daten für den praktischen Land- 
wirth. 

Nicht zu vergessen ist die Charakterisirung der Winde in 
Bezug auf Temperatur, Feuchtigkeit, Häufigkeit und Grösse der 
Niederschläge, Bewölkung, was dadurch geschieht, dass man die 
einzelnen Windrichtungen mit den ihnen zufallenden durchschnitt- 
lichen Monatsmitteln der angeführten Elemente bezeichnet, es ent- 
stehen dadurch thermische, atmische. Regen- und nephische 
Windrosen für jeden Monat des Jahres, deren Angaben die Erkennt- 
niss des Klimas wesentlich vervollständigen. Von Wichtigkeit ist 
auch die Feststellung der Herkunft der vorwaltenden Winde, in 
der Regel sind die allgemeinen Luftströmungen (Aequatorial- und 
Polarstrom) die am häufigsten auftretenden ; um aber auch die loca- 
len Winde bezüglich ihres Einflusses richtig zu taxiren, müssen 
auch diese vorerst auf ihre richtigen Entstehungsursachen zurück- 
geführt w^den. 

So erwirbt sich der aufmerksame Beobachter im Laufe der 
Zeit ein klares Verständniss für die klimatischen Verhältnisse seines 

13* 



196 Ermittelung des Klimas eines kleineren Gebietes oder des Standortes. 

Wohnsitzes und dessen nächster Umgebung, er weiss jeden einzelnen, 
das Klima bedingenden Factor auf seine Ursache zurückzuführen 
und bezüglich des Wirkungswerthes richtig zu beurtheilen; die 
erhaltenen Beobachtungsreihen gewinnen von Jahr zu Jahr an Inter- 
esse und Verständlichkeit. Der aufmerksame Beobachter wird in 
den von ihm abgeleiteten Zahlenresultaten die volle Berechtigung 
mancher Frage seiner Mitbewohner über den Grund dieser oder 
jener erfahrungsgemäss festgestellten klimatischen Eigenthümlichkeit 
des Wohnsitzes auffinden, aber auch nicht so leicht in Verlegen- 
heit kommen, die vorgelegte Frage genügend zu beantworten. 

Anders stellt sich die Sache aber dann, wenn von dem Beob- 
achter verlangt wird, dass er als gewiegter Kenner des Klimas 
den Verlauf der Witterung auf längere Zeit hinaus vorher- 
sagen soll. Dieses Ansinnen wird er bei dem heutigen Stande 
der Witterungsvorhersage (Meteoroprognose) zurückweisen müssen, 
weil ihm die Mittel dazu noch zum grössten Theile fehlen, so werth- 
voll sonst das Vermögen, das Wetter vorherzusagen, für den Land- 
wirth sein mag. Die Angaben der Instrumente, die eben herrschende 
Windrichtung und Form der Wolken werden allerdings einen Schluss 
auf die in den nächsten Tagen kommende Witterung zulassen, jedoch 
geht dieser nie über den Rahmen der Vermuthung hinaus. Es 
soll damit nicht gesagt sein, dass die in den nächsten Tagen und 
Wochen zu erwartende Witterung ausser aller Berechnung liegt, 
im Gegentheile, die auch in dem unperiodischen Gange der meteo- 
rologischen Elemente auftretende Gesetzmässigkeit lässt mittelst der 
mathematischen Hilfsmittel einen gewisse Gesetze befolgenden Gang 
der Witterung und deren Wechsel auffinden, jedoch gehört dazu 
ein aus vielen Beobachtungsjahren abgeleitetes Zahlenmaterial, was 
nur für wenige Orte bis jetzt vorhanden ist. Koppen') hat eine 
Untersuchung angestellt, die für die praktische Wetterprognose 
darum von grosser Bedeutung ist, weil sie wichtige Fingerzeige 
für die Behandlung des Zahlensubstrates zur Auffindung der Gesetz- 
mässigkeit im Witterungswechsel gibt. Koppen berechnet die 
Wahrscheinlichkeit des Witterungswechsels innerhalb des Jahres, 
und findet, dass diese in unseren Breiten zu zwei Zeiten des Jahres 
ein Maximum, und zwar "vom April auf Mai, und October auf 
November, dagegen zu zwei Zeiten ein Minimum erreicht, vom 
Februar auf März und im Hochsommer. Die Beständigkeit der 
Witterung spricht sich darin aus, dass die Abweichung vom nor- 
malen Gange der Temperatur, des Luftdruckes u. s. w. längere 



1) Der Naturforsclier. VI. Jahrgang 1873. Nr. 1 und Zeitsslir. d. österr. 
Ges. f. Met. Bd. VIII. S. 241. 



Ermittelung des Klimas eines kleineren Gebietes oder des Standortes. 197 

Zeit anhält, also eine entschiedene Tendenz vorliegt, den eben 
herrschenden Witterungscharakter zu erhalten. Koppen fand, 
dass diese Erhaltungstendenz mit der Länge der Zeit wächst. Es 
ist also nicht so ganz richtig, wenn man nach zehntägigem Regen 
für den elften Tag schönes Wetter mit Bestimmtheit erwartet, denn 
gerade durch die lange dauernde Regenzeit ist die Wahrscheinlich- 
keit des Anhaltens der regnerischen Witterung um so grösser ge- 
worden. Ebenso wenig darf man von einem warmen Winter auf 
einen kühlen Sommer schliessen, da die Gebiete der Anomalie 
ebenfalls die Tendenz zeigen, ihre im Winter eingenommene geo- 
graphische Lagerung auch im Sommer beizubehalten. 

Eine nicht zu leugnende Berechtigung haben die Loostage 
(Bauernregeln), aus der am Loostage herrschenden Witterung wird 
auf die eines weiter abliegenden kommenden Tages oder künftiger 
Wochen geschlossen ; sie haben diese Berechtigung vorzüglich dann, 
wenn die Vorherbestimmung in die Zeit des Minimums der Wetter- 
veränderlichkeit fällt. 

Ausser dem hier nur angedeuteten Wege zur Vervollkommnung 
der Wetterprognose gibt es noch einen zweiten, der heute schon 
zu einer praktischen Verwerthung der Meteoroprognose geführt 
hat. Es ist dies die telegraphische Einholung gleichzeitig abgele- 
sener klimatologischer Daten aus den Stationen des Continents und 
der See, wodurch dem Sammler dieser Daten die Möglichkeit ge- 
boten ist, sich ein klares Bild über den Zustand der Atmosphäre 
über dem besagten Erdtheile zu verschaffen. Aus der Lage der 
sofort gezeichneten Isobaren wird sich ein Schluss auf die an- 
zuhoffende Luftbewegung, auf Sturm zur See oder über dem Lande 
ziehen lassen, der im Hafen zum Auslaufen bereite Seemann wird 
rechtzeitig gewarnt. 

Wie wohlthätig wäre es für den Landwirth, wenn er in ähn- 
licher Weise Nachricht erhielte, wie die Witterung am kommen- 
den Tage sich stellen wird? Er bleibt bis jetzt ohne rechtzeitige 
Kenntniss der zu gewärtigenden Luftdrucksstörungen in seiner 
nächsten und weiteren Umgebung und hat zum Aufbau seiner 
Schlüsse nur die Zahlen einer einzigen Station vor sich liegen, 
wogegen die meteorologische Gentralstation des Landes aus vielen 
Einzelstationen gleichzeitig erhaltene Zahlen auf telegraphischem 
Wege einholt. Die Aussage des letzteren Instituts über die anzu- 
hoffende Witterung wird daher einen viel höheren Grad von Wahr- 
scheinlichkeit in Anspruch nehmen dürfen und ein Nichteintreffen 
der vorhergesagten Witterungserscheinungen wird viel seltener vor- 
kommen, als dies bei der Aussage des einzelsteheuden Beobachters 
der Fall ist. Es unterliegt keinem Zweifel, dass früher oder später 



198 Ermittelung des Klimas eines kleineren Gebietes oder des Standortes. 

bei weiterem Fortschreiten der noch jungen meteorologischen 
Wissenschaft und ausgiebiger Vermehrung der Beobachtungsstationen 
zur See- und auf dem Festlande die praktische Landwirthschaft 
ebenso von der Meteoroprognose Nutzen schöpfen wird, wie es 
heute die SchifFfahrt thut. In den vereinigten Staaten Nordamerika's 
sind schon seit mehreren Jahren telegraphische Witterungsberichte 
für landwirthschaftliche Zwecke organisirt. In Frankreich bestehen 
sie seit 1. Mai 1876/) Auch die k. k. Centralanstalt für Meteoro- 
logie und Erdmagnetismus auf der hohen Warte in Döbling bei 
Wien gibt auf Verlangen gedruckte Witterungsberichte rechtzeitig 
an Landwirthe aus. 



1) Zeitschrift d. österr. Gesellsch. f. Met. XI. Bd. 1876. S. 177. 



Die Pflanze. 



„Die Natur hat sich die Aufgabe gestellt, das der Erde zu- 
strömende Licht im Fluge zu haschen und die beweglichste aller 
Kräfte, in starre Form umgewandelt, aufzuspeichern. Zur Er- 
reichung dieses Zweckes hat sie die Erdkruste mit Organismen 
überzogen, welche lebend das Sonnenlicht in sich aufnehmen und 
unter Verwendung dieser Kraft eine fortlaufende Summe chemischer 
Differenz erzeugen. Diese Organismen sind Pflanzen. Die Pflan- 
z.enwelt bildet ein Reservoir, in welchem die flüchtigen Sonnen- 
strahlen fixirt und zur Nutzniessung geschickt niedergelegt werden ; 
eine ökonomische Fürsorge, an welche die physische Existenz des 
Menschengeschlechtes unzertrennlich geknüpft ist und die bei der 
Anschauung einer reichen Vegetation in jedem Auge ein instinkt- 
artiges Wohlgefallen erregt" (J. R. Mayer). 

Mit diesen Worten des Entdeckers des Gesetzes von der Er- 
haltung der Kraft ist wohl am besten die Stellung der Pflanze 
innerhalb der Organismenwelt unserer Erde charakterisirt. 

Der Pflanzen Aufgabe ist, mit Hilfe der Sonne aus unorgani- 
scher Materie organische Materie zu erzeugen, aus einfacheren 
complicirtere , für die Ernährung der Thierwelt nothwendige A"er- 
bindungen zu bilden. Der Mensch benutzt die Pflanze, um sich die 
seine Existenz bedingenden Kraftsummen zu schaöen, er bemüht 
sich durch die Cultur jene Momente zu vereinigen, die es den 
Pflanzen gestatten, ein Maximum ausnützbarer Potenzen zu fixiren. 
Haben wir in den vorhergehenden Capiteln den Boden als Standort 
und Nahrungsquelle, die Atmosphäre gleichfalls als Nahrungsquelle 
sowie als Vermittlerin von Wärme und Licht, den Grundbedingungen 
alles Lebens, kennen gelernt, so werden wir im Folgenden zunächst 
der Pflanze, als dem Apparat, in welchem die Wechselbeziehungen 
zwischen unorganischem Stoff und Licht sich abspielen, unsere Auf- 
merksamkeit widmen müssen. 



200 



Die Pflanzenzelle, 



I. Die Pflanze nach iliren Fornilbestandtlieilen. 



1. Die Pflanzenzelle. 




Die Grundlage , das Elementarorgan , aller scheinbar noch so 
sehr von einander verschiedenen Pflanzen bildet die Zelle. 

Die vollkommene Zelle in ihrer ursprünglichen Form stellt 
sich uns als ein rundes oder längliches vollständig geschlossenes 

Bläschen dar. Die neben- 



stehenden Figuren zeigen 
solche Pflanzenzellen, c ist 
die Z e 1 1 w a n d (Zellen- 
membran), dieselbe besteht 
im Wesentlichen aus Zell- 
stoff', welcher jedoch bei 
älteren Zellen durch die 
sogenannten „inkrnstiren- 
den Substanzen " verhüllt 
oder ganz ersetzt wird; 
p das Protoplasma mit dem Primordialschlauch, einem 
inneren, weicheren Hautgebilde, das die Umgrenzung des Proto- 
plasmas bildet. Letzteres ist eine körnigschleimige, stickstoff- 
haltige, sehr quellungsfähige, aus eiweissartigen Stoß'en bestehende, 
gelblich gefärbte Flüssigkeit, die sich mit dem übrigen flüssigen 
Inhalt der Zelle nicht mischt und der wesentliche, charakteristische 
Bestandtheil lebender Zellen ist. Das Protoplasma ist wahrscheinlich 
organisirt, zeigt mehr oder minder lebhafte Bewegung (Rotation, 
Circulation) und ist der wahre Sitz aller Lebensthätigkeit. n der 
Zellenkern (Cytoblast). Der Zelleninhalt ist gebildet aus dem 
Protoplasma und dem Zellsaft z (Vacuolen) , der vorzüglich aus 
Wasser besteht, in dem verschiedene organische (Zucker, Gummi, 
Dextrin u. s. w.) und unorganische Stoffe gelöst sind. In dem 
Zellsafte der meisten Pflanzenzellen sind auch ungelöste Stoffe ent- 
halten. Es sind dies Proteinstoffe (zuweilen als Klebermehl, Pro- 
teinkrystalle, Aleuron), Stärkemehl, fette und ätherische Oele, Harze, 
Wachs, Farbstoffe und andere unlösliche Pflanzenbestandtheile. 
Diese Stoffe treten in den Zellen mancher Pflanzen in sehr bedeu- 
tenden Mengen auf. So findet man die Zellen der Kartoffeln mit 
Stärkemehlkügelchen , die der Oelsamen mit Oelkügelchen u. dgl. 



Die Püanzenzelle. 



201 




Ti- 



ai3:3:<li^!/:^j3['3;%|<i-^--)i 



erfüllt. Zuweilen finden sich in den Zellen auch Krystalle verschie- 
dener, meist oxalsaurer Salze. 
Einer der wich- 



tigsten Bestandtheile 
vieler Zellen unserer 
Culturpflanzen ist das 

Chlorophyll oder 

Blattgrün , welches 

an bestimmt gestaltete 

Protoplasmakörner 
gebunden ist. Solche 
grüngefärbte Einla- 
gerungen des Proto- 
plasma nennt man je 
nach ihrer Gestalt 
„ Chlorophyllkörner ", 
„ Chlorophyllkörper " 
o*er „ -Bänder. " Die 
„ chlorophyllhaltigen 
Zellen " werden wir 
später als die eigent- 
lichen Laboratorien 
zur Production orga- 
nischer Materie ken- 
nen lernen. 

Die Entstehung (Oben) 
einer neuen Pflanzen- 
zelle geht bei unse- 
ren Culturpflanzen 
jederzeit im Innern 
einer bereits vorhandenen Zelle vor sich, sobald der Nahrungsstoff 
über ein gewisses Maass hinaus vermehrt wird. Die Zelle (Mutter- 
zelle) theilt sich dabei in mehrere Zellen (Tochterzellen). Die 
Mutterzelle wird aufgelöst und verschwindet. In dem Riesenbovist 
sollen in der Minute 20000 neue Zellen entstehen (Schieiden). 

Die Veränderungen, die die Pflanzenzelle von ihrem Ent- 
stehen als kleines Bläschen bis zum Absterben zu durchlaufen 
hat, sind mannigfaltigster Art. Durch Aneinanderlageruug der ein- 
zelnen Zellen entstehen vieleckige Formen, die in ihrem Zusammen- 
hange dem Gewebe in den Waben der Bienen nicht unähnlich sind. 
Durch die Nahrungsaufnahme erleidet die Form der Zelle eine 
weitere Veränderung; dringt z. B. die Nahrungsflüssigkeit an einer 
Stelle der Zelle ein und an der entgegengesetzten Stelle wieder 




i^ 



Partie eines Querschnittes aus der Bohne. 

ep Oberhaut, k krystallführende Schicht, p dünnwandiges 

Parenchym. Kl Kleberschicht. C Gewebe der Keimlappen 

mit Stärkemehl und Protemkcirnchen gefüllt. 140/1. 

(Unten) Ep Samenoberhaut von der Fläche. 

A Stäriekörner der Bohne. 2'20/l. 



202 



Die Pflanzenzelle. 



heraus ; so werden diese beiden Enden vorzugsweise ernährt, aus- 
gedehnt und in langgestreckte Zellen verwandelt, die man als Ge- 
fässe bezeichnet hat. Die folgende Abbildung zeigt solche Ge- 
fässe der bekanntesten Gespinnst-Pflanzen : a Flachsfaser, h Baum- 
wollfaser (Schieiden). 




Dadurch, dass die Zwischenflächen iibereinanderstehender läng- 
licher Zellen im Verlauf der Entwickelung durch chemische Ein- 
wirkungen aufgelöst werden, entstehen ebenfalls Gefässe, die je 
nach der Ablagerung der Innern Schichten verschiedene Formen 
zeigen. Man bezeichnet sie nach ihrer Form als Kinggefässe (1), 
Spiralgefässe (2), netzförmige Gefässe (3), gestreifte Gefässe (4) und 
Tüpfel- oder Porengefässe. 

Die zu einem Gewebe verbundenen Zellen bilden das Zell- 
gewebe, welches von vielen Pflanzenorganen in Form eines 
feinen , zusammenhängenden Häutchens abgezogen werden kann. 
Bei dem Zellgewebe unterscheidet mau Fasergewebe (Prosen- 
chyma) und parenchymatisches Gewebe (Parenchyma) ; fer- 
ner gibt es noch Leim-, Filz-, Vernarbungsgewebe u. s. f. 
Das Gewebe, welches die Vegetationsspitzen oder Vegetations- 
schichten ganz besonders zur Bildung neuer Zellen befähigt, heisst 
Bildungsgewebe (Meristem), das nicht mehr bildungsfähige Ge- 
webe aber Dauergewebe. An den Kanten der Zellen bleiben 



Der Aufbau der Pflanze aus Zellen. 203 

zuweilen OefiPnungen, die man, wenn sie eng sind, als Zwischen- 
zellengänge (Intercellulargänge), wenn sie ausgedehnter sind, als 
Zwischenräume (Intercellularräume) bezeichnet. Eine eigentliche 
Zwischenzellsubstanz (Intercellularsubstanz) , welche die einzelnen 
Zellen eines Pflanzentheiles gleichsam zusammenkittet, besteht nicht. 
Die Pflanze besteht in der Regel aus sehr vielen einzelnen 
Zellen, nur einige der einfachsten Gewächse bestehen aus einer 
Zelle, z. B. die Bierhefe. 



2. Der Aufbau der Pflanzen aus Zellen. 

In der ersten Bildungsepoche findet man bei den Zellen der 
Pflanzen in Form und Inhalt fast durchaus Gleichheit, die Form- 
verschiedenheiten treten erst im Verlauf des Wachsthuras ein. 
Neben der Umbildung der Zellenformen findet in einer lebenden 
Pflanze auch die Neubildung von Zellen statt, bedingt durch das 
Wachsen der ganzen Pflanze , aber nur im ersten Beginn , denn 
später bilden sich neue Zellen nur in dem vorhin erwähnten Bil- 
dungsgewebe, hauptsächlich dem des Cambiums, welches mannig- 
fach in der Pflanze vertheilt sein kann. Während demnach eine 
sich entwickelnde Pflanze ganz aus Bildungsgeweben besteht, schei- 
den sich im Verlauf des Wachsthums Gruppen von Zellen ab, in 
denen in der Regel keine neuen Bildungen mehr vorkommen, z. B. 
die Oberhaut, das Parenchym, die Rinde. Eine bestimmte Menge 
von Bildungsgeweben bleibt aber bei jeder lebenden Pflanze zurück, 
zartwandige Zellengewebe bildend; auf diese beschränkt sich das 
eigentliche Leben eines Stammes. Aus dem Bildungsgewebe ent- 
wickeln sich bei den Holzpflanzen allmälig weiter nach Aussen Bast- 
zellen, nach Innen lagern sich Holzzellen ab. Letztere sind lang- 
gestreckte, an den Enden zugespitzte dickwandige Zellen, die sich 
unter einander nach und nach zu einem festen, dickwandigen 
Gewebe, das man Holz nennt, vereinigen. Durch diese Neubil- 
dungen aus dem Bildungsgewebe , das bei allen zweisamenlappigen 
Pflanzen (Dicotyledonen) kreisförmig im äussern Umfange des 
Stammes lagert, wird letzterer nach Aussen hin verdickt, so lauge 
überhaupt noch Leben in der Pflanze ist. Dagegen sind die meisten 
einsamenlappigen Pflanzen (Monocotyledonen), zu denen sämmtliche 
Gräser gehören, keiner weiteren Verdickung ihres Stengels fähig, 
weil das Bildungsgewebe , welches sie besitzen , aufhört sich zu 
entwickeln. 

Das Bildungsgewebe setzt sich durch die ganze Länge eines 
Stengels, Astes oder einer Wurzel fort, indem es an der Spitze in 



204 



Der Aufbau der Pflanze aus Zellen. 



einem Punkt zusammenläuft, wo jede Pflanze ohne Ausnahme Bil- 
dungsgewebe besitzt; demnach kann auch jeder Zweig als Steckreis 
benutzt werden. Es erklärt sich aus dieser Verbreitung des Cam- 
biums, dass, wenn Bäume einer Art in unmittelbarer Berührung mit 
einander stehen, dieselben nicht selten zusammenwachsen. Es be- 
ruht auf diesem Verwachsen die Veredlung der Bäume durch das 
Pfropfen, Oculiren und Copuliren, wobei immer als Richtschnur zum 
Gelingen dieser Operation dienen muss, möglichst viel Bildungs- 
gewebe von beiden Theilen zu vereinigen. 



■ tili OqOOnOüV 
fl i I 




Theil eines jungen Zweiges einer dicotyledoniselien Holzpflanze, 
einem Gefässbündel entsprecliend, im Quersclinitt (halbschema- 

tisci) und radialen Längssclinitt. 
A Binde. B Holzkörper. C Mark, a Oberhaut, b Eorkschicht. 
c innere Zellscluclit der Rinde. d Bastbündel. e Cambium. 
/ / Holzzellen, g g punctirte Gefässe. g' Spiralgefäss der Mark- 
scheide. X Markstralil. 



Die Thätigkeit des Cambiums der Dicotyledonen beginnt in 
unserer Zone mit dem Anfange des Frühjahres, sie erlischt im 
Herbste; im Winter ist Stillstand. Im Frühjahr beginnt der Saft- 



Der Aufbau der Pflanze aus Zellen. 205 

ström und die Bildung neuer Zellen in eben angegebener Art. Der 
jedes Jahr sich bildende neue Ansatz von Hoizzellen ist am Quer- 
schnitt des Stammes ziemlich deutlich erkennbar, und man be- 
zeichnet diese Ansätze als Jahresringe, nach welchen sich das Alter 
der Bäume annähernd bestimmen lässt. Die äusseren jüngeren 
Schichten sind heller als die älteren, man nennt sie Splint, und 
die älteren und härteren Jahresringe reifes oder Kernholz. 

Unter Bast haben wir im Allgemeinen ein Gewebe zu ver- 
stehen, das aus sehr dickwandigen, langgestreckten, festen, bieg- 
samen, weichen und leicht von einander trennbaren Zellen besteht. 
Er wird bei vielen Pflanzen, in denen er besonders stark vertreten 
ist (Flachs, Hanf, einigen Brennnesseln und Malvenarten, Aloe, dem 
Neuseeländer Flachs etc.) als Gesiiinnstfaser benützt und lagert im 
'Stamme der Dicotyledonen-Pflanzen im Mark oder der Rinde. Er 
führt entweder einen gefärbten Saft (Milchsaft) oder gewöhnlichen 
Zellsaft. 

Beiläufig sei hier nur erwähn*, dass die Faser der Baumwolle, 
S. 202 (b), welche den Schopf der Baumwollsamen bildet, kein 
Bastgebilde ist. 

Das Mark findet sich in der Mitte eines Stammes im Mark- 
rohr; Markstrahlen oder Spiegeifasern sind von innen nach aussen 
verlaufende, aus langgestreckten Zellen bestehende Gewebe. Sie 
schwinden allmälig fast ganz, wenn auch die Stellen, wo sie sich 
befanden, immer wahrnehmbar bleiben und sich das Holz auch da 
am leichtesten spalten lässt. Bei den meisten Gräsern stirbt das 
Mark schon früh ab, in Folge dessen diese Gräser einen hohlen 
Stengel haben, der durch Scheidewände (Knoten, Internodien) an 
den Ansatzstellen der Blätter unterbrochen ist. 

Das Mark pflegt man auch als Füllgewebe (Pareuchym) zu 
bezeichnen, es spielt in ökonomischer Beziehung eine wichtige Rolle, 
indem sich mit Ausnahme des Bastes und des Holzes fast alle 
Stoffe, wegen deren wir die Pflanzen cultiviren, in den Zellen des 
Markgewebes abgelagert finden, als: Gummi, Zucker, Stärke, fette 
Oele, flüchtige Oele, Harze, Farbstofle, Proteinverbindungen u. s. w. 

Wir finden das Parenchym besonders in der fleischigen Wurzel 
der Rüben , dem fleischigen Stengel der Kohlrabi-Arten und dem 
Fleisch der Früchte entwickelt; es stellt sich als sehr dünnwan- 
diges Gewebe mit sehr verschiedenen Zellenformen dar. 

Die äusserste Zellenlage einer Pflanze nennt man Oberhaut 
(Epidermis), deren Zellen sich nach und nach so fest aneinander 
schliessen, dass man sie meist als eine zusammenhängende Haut 
abziehen kann. Diese Oberhaut verdichtet sich im Verlaufe des 
Wachsthums dergestalt, dass sie für Flüssigkeiten ganz undurch- 



206 Der Aufbau der Pflanze aus Zellen. 

dringlich wird, wozu das Wesentlicliste die Ablagerung einer feinen 
Wachsscbicht beiträgt. Einzelne Lücken der Oberhaut entstehen 
durch die Mündungen der früher erwähnten Z wisch enzellengänge 
(S. 203). Man bezeichnet diese Mündungen als Spaltöffnungen, 
welche durch die sie umgebenden Schliesszellen bald mehr, bald 
weniger geöffnet oder auch ganz geschlossen werden können und 
so den Gasaustausch zwischen der Atmosphäre und den lufterfüllten 
Intercellularräumen reguliren. Blättern, welche im Wasser leben, 
fehlen die Spaltöffnungen, schwimmende besitzen sie nur auf ihrer 
oberen Fläche. Im Allgemeinen sind bei den Monocotyledonen beide 
Blattseiten mit Spaltöffnungen versehen, während sie bei den Dicoty- 
ledonen meist nur auf der Unterseite vorhanden sind'}. Zuweilen 
zeigen Zellen der Oberhaut eine sehr abweichende Bildung, indem 
sie in die Länge gezogen als Haare (bei der Baumwolle), Brenn- 
haare (mit ätzendem Saft), Borsten, Stacheln erscheinen. 

Bei manchen Pflanzen und Pflanzentheilen tritt an die Stelle 
der Oberhaut ein weitzelliges «Gewebe, dessen Inhalt in Folge 
chemischer Processe sich verliert, gleichzeitig nimmt es eine mehr 
oder weniger braune Farbe an. Diese, die Stelle der Oberhaut 
vertretende Schichte, die unter dem Namen Kork oder Kork- 
schichte bekannt ist, gelangt nur bei wenigen Pflanzen zu sol- 
cher Stärke und Elasticität wie bei der Korkeiche, die die allbe- 
kannten Korke liefert. Der Kork fehlt allen jungen Pflanzen, 
bildet sich aber fast bei allen im zweiten, bei manchen Pflanzen- 
theilen auch schon im ersten Jahre ihres Lebens, So ist z. B. die 
rauhe Oberhaut der Kartoffel, wie der braune Ueberzug des Reinett- 
apfels Korkschichte ; eine solche entsteht auch bei allen Früchten 
und Pflanzentheilen , deren Oberhaut verletzt oder abgestorben ist 
(Ueberwallungen, Callusbildungen). Die Oberhaut ersetzt sich nie- 
mals, wohl aber die Korkschichte (Schacht). 

Die Rinde der Holzpflanzen, welche die Oberhaut der Blätter 
vertritt, zeigt einen sehr complicirten Bau aus verschiedenen Zellen- 
gewebemassen. Schieiden rechnet sie mit zu dem Parenchym. Die . 
Rinde verstärkt sich von innen alljährlich durch neue Schichten 
von Zellen; jedoch nicht in dem Maasse, wie das Holz. Die 
äusserste Lage der Rinde der meisten Hölzer bekleidet sich im 
Alter mit einer rissigen, zuweilen schuppigen, nicht elastischen 
Kruste, die von ;dem Korke zu unterscheiden ist und als Borke 
bezeichnet wird. Letztere besteht aus abgestorbenen nicht mehr 



1) Die Grösse der Spaltöffnungen 'schwankt zwischen 0,00459 Mm. (Ama- 
ryllis formosissima) und 0,00011 Mm. (Amaranthus caudatus). Ihre häufigste 
Grösse liegt zwischen 0,0002 und 0,OOOS Mm. 



Die Wurzel. 207 

lebensthätigen Zellgewebemassen, welche die Rinde überdecken und 
durch Witterungseinflüsse nach und nach zerstört werden, sich zer- 
setzen oder abfallen. 



3. Die Ptlanze in ihrer äusseren Gliederung. 

A. Die Ernähmngsorgane der Pßansen. 

a. Die Wurzel.') 

Die Wurzel ist das Organ, durch welches die Pflanze im Boden 
befestigt ist und aus demselben die Nahrung bezieht. Ausserdem 
dient die Wurzel bei vielen Pflanzen, besonders mehrjährigen, als 
Vorrathsplatz für die „Reservestoffe". Schon hieraus ergibt sich, 
wie unendlich wichtig dieses Organ für die Pflanzen überhaupt ist, 
und welch' hohe Aufmerksaml^eit es bei den Culturpflanzen von 
Seite der Landwirthe beansprucht. Die Ursache, dass die Wurzel 
sich in ihrem Wachsthum dem Mittelpunkt der Erde zuwendet und 
den Stengel nöthigt, sich davon wegzuwenden, ist die Schwerkraft 
(Knight). Es steht die grössere oder geringere Wurzelentwickelung 
jedenfalls in einem bestimmten Verhältuiss zu der Ernährungsfähig- 
keit der Culturpflanzen, ebenso wie die Art der Bewurzelung und 
der Bau der Wurzel selbst. Was den inneren Bau der Wurzel 
anbelangt, so ist vorerst für uns wichtig zu wissen, dass dieselbe 
mit einer zuweilen mit Wurzelhaaren bekleideten Oberhaut versehen 
ist, welche dem Medium, in dem sie lebt, tropfbarflüssige oder gas- 
förmige Stoffe entziehen kann. Aus Versuchen muss man schliessen, 
dass die chemische Beschaff"enheit dieser Oberhaut bei verschiedenen 
Pflanzen auch eine verschiedene sei; dass die Ausbildung der Zellen 
daselbst je nach den Pflanzen eine grosse Verschiedenheit zeigt, ist 
nachgewiesen. Charakteristisch für alle Wurzeln ist, dass sie keine 
Blätter tragen und an ihrer Spitze von einer Wurzelhaube bedeckt 
sind. Das Wachsthum der Wurzel ist auf einen Raum von 3 Mm. 
von der Spitze aufwärts beschränkt; das äusserste Ende besteht 
aus gelockerten Zellen, die theilweise von dem eigentlichen Zell- 
gewebe der Wurzel abgelöst sind, desshalb nur als ein elastisches 



1) Bezieht sicli nur auf Erdwurzeln, niclit auf Luft- und Wasser-m.irzeln. 
Ein gründliches Studium der Bewurzelung der landwirthschaftlichen Cultur- 
pflanzen kann den Landwirthen nicht dringend genug empfohlen werden. Sehr 
instructiv ist die IV. Serie der "Wandtafeln für den naturwissenschaftlichen 
Unterricht mit specieller Berücksichtigung der Landwirthschaft. Bewurzelung 
von Hugo Thiel. Text von Dr. H. Müller. Berlin ISTO. Man vergleiche 
ferner: Sachs, Arbeiten des hotan. Instituts in Würzburg. Bd. 1. 



208 



Die "Wurzel. 



Kissen oder Haube dienen, um die lebende Spitze der Wurzel beim 
Eindringen in den Boden zu schützen. Diese Eigenthtimlichkeiten 
machen die Wurzeln geeignet, sich durch den Boden nach allen 

Richtungen hin zu verbreiten und 
in die kleinsten Poren oder Spalten 
einzudringen und sind auch der 
Grund, warum die Wurzeln, welche 
an der Spitze verletzt oder abge- 
schnitten wurden, sich niemals mehr 
in die Länge ausdehnen. Was die 
Richtung der Wurzelentwickelung 
betrifft, so dringt die Wurzel ent- 
weder in die Tiefe (der Haupt- 
wurzelstamm heisst dann Pfahl- 
wurzel) oder sie verläuft an der 
Oberfläche uach der Seite. Die 
nJ\^'*W^'' 1 !fl* 'I ft 'w^' fi(i'£?UiyA| Hauptwurzeln sind der Gestalt nach 
Hlv^'' '1 ! li r 1 l/f/ '' '■Ä^^''^W spindelförmig , rübenförmig , abge- 
\ .'. -A\P\vV !n«n/ 1 ;/.//.!- :* j^^gi ^^gj. abgebissen, fadenförmig, 

,yj walzenförmig etc. Die neben der 
Hauptwurzel am Stamme entstehen- 
den Wurzeln heissen Nebenwur- 
zeln (Adventivwurzeln), die Ver- 
zweigungen der Haupt- und Neben- 
wurzeln sind die Seitenwurzeln 
(Wurzelfäden). Die Nebenwurzeln 
können faserig, büschelig etc. sein, 
'i^^j^— "^e— * Thauwurzeln nennt man jene 

Längssclmitt durch die Spitze einer eten AVurZClästc, Welchc nahe der Ober- 

^""°ts'#dLfrreS'' '°" fläche des Bodens verlaufen. Die 

B^ Wurzelhäute j/ Mark Oberhaut, feineren Verzweigungen der Wurzel 

G' enge Spiraigeiasse. f^" woito njo+.y. <-> o 




G' 

75/1. 



weite Netz- 



und ihrer Aeste nennt man Wur 
zelzasern, sie sind bald mehr, 
bald weniger dicht mit zarten Wurzelhaaren bekleidet. Pflanzen 
mit tief gehenden Wurzeln stehen sehr fest im Boden, wie die 
Tanne, Kiefer, Eiche, Buche, dagegen widerstehen dem Sturme nur 
wenig die Fichte und Pyramiden-Pappel. 

Wie tief die Wurzel der verschiedenen Pflanzen im Boden 
überhaupt eindringen kann , ist nicht genau bekannt und die vor- 
liegenden Angaben sehr abweichend. Wir dürfen die Wichtigkeit 
dieses so sehr verschiedenen Tiefganges der Wurzeln bei den 
Pflanzen nicht aus dem Auge lassen , denn für die Cultur der 
Pflanzen ergeben sich daraus sehr wichtige Regeln. So werden 



Die Wurzel. 



209 



Culturpflanzen mit tiefgehenden Wurzeln in einem Boden mit flacL- 
gründiger Krume und ganz festem Untergrund nie gedeihen; auf 
einem solchen Boden müssen Gewächse mit sich mehr horizontal 
verbreitenden Wurzeln gebaut werden. Nicht weniger wichtig ist 
der Umstand, dass, je nachdem die Pflanzenwurzeln mehr oder 
weniger tief in den Boden dringen, sie auch aus sehr verschiedenen 
Erdschichten die Nahrungsstoffe beziehen. Oft kann der Boden in 
den oberen Schichten schon ziemlich erschöpft sein, während er in 
tieferen Schichten noch genügend Nahrungsstoffe enthält und unter 
sonst günstigen Umständen wird da eine Pflanze mit tiefgehenden 
Wurzeln besser gedeihen, als eine solche mit flach verlaufenden 
Wurzeln. 



9 




Den verschiedenen Tiefgang der Wurzeln unserer Cultur- 
pflanzen zeigt obenstehende Abbildung, a Roggen mit sehr ver- 
zweigtem Wurzelwerk in den obersten Bodenschichten, ohne Pfahl- 
wurzel. & die abgebissene Wurzel der Steckrübe mit Pfahl- 
wurzel von ebenfalls geringem Tiefgang, c die rüben förmige 
Wurzel der Zuckerrübe, d die tiefergehende spindelförmige 



V. Gohren, Ackerbauchemie. 



14 



210 



Die Wurzel. 



Wurzel der Möhre und e die oft viele Fuss eindringende faden- 
förmige Wurzel der Luzerne. 

Die Wurzeln der Cerealien dringen mehr seitlich, die Wurzel- 
fäden sind ungemein lang. Die ausgewachsene Wurzelmasse 
bietet bei Gerste und Hafer folgendes Bild: Eine Pfahlwurzel 
existirt nicht, statt dieser gehen gleich vom Stammende 20 — 30 
sich nach abwärts wendende Wurzelzweige seitlich ab, von denen 
wieder unzählige Seitenzweige sich abzweigen, von diesen wieder 
andere, bis ein dichtes und regelmässiges Maschengewebe ent- 
steht, das alle Winkel des Bodens durchzieht. Die Gesammt- 
menge der Wurzeln bei einer Gerstenpflanze betrug 40,5 Mtr., 
die einer Haferpflanze 47,5 Mtr. Zur Entwickelung der Hafer- 
pflanze genügte 1 Kubikdec, zur Entwickelung der Gerstenpflanze 
0,75 Kubikdec. Erde (Hellriegel}. Nobbe stellte 1867 directe 
Wurzelmessungen an. Er fand für im Boden und in wässeriger 
Nährstoflflösung gezogene Weizen- und Roggenpflanzen zur Zeit 
als die Pflanzen im Begriff" standen, die Aehren hervorzustecken^ 
folgende Resultate: 



Eine Pflanze 




hatte Wurzeln 












1. Ordnung 


2. Ordnung 


3. Ordnung 


4. Ordnung 


in Summa 


von 


Zahl 


Länge 
Mm. 


Zahl ^^"^s^ 
Mm. 


Zahl 


Länge 
Mm. 


Zahl ^"^"se 

Mm, 


Zahl 


Länge 

Meter 


Bodenweizen 
Wasserweizen 
Bodenroggen 
Wasserroggen 


17 

44 

34 

117 


4287 
12901 

5414 
11101 


2989 
3055 
3266 
3676 


39256 
69175 
56724 
50972 


7215 

6611 

12327 

5906 


37608 
13943 
55762 
18555 


513 
111 

378 
272 


1204 
114 
698 
331 


10737 
9821 

16005 
9971 


88425 

96132 

118598 

80598 



Eine ausgereifte Pflanze des Bodenweizens besass im Ganzen 
67223 Wurzelfasern von zusammen 520 Meter. Es würde das 
nach Müller ungefähr 1 n Meter functionirender Oberfläche ent- 
sprechen. Man hat Beispiele , dass die Wurzeln namentlich von 
Weizen bis 2,5 Mtr, tief eindringen (Schubart von Gallentin); an- 
nehmen kann man aber, dass die Getreidearten mit flacher Krume, 
wenn dieselbe nur reichlich gedüngt ist, fürlieb nehmen. Viel 
tiefer wurzeln Erbsen, Wicken, Linsen, Bohnen, wenn auch die 
Wurzelfädenentwickelung ziemlich ärmlich ist.') Die Lupine hat, 



1) Heinrich fand freilich dem ent- 
gegen folgende Wurzeltiefen: 
bei dem Hafer 2,27 Meter 
„ der Gerste 1,90 „ 
„ den Erbsen 0,52 „ 



Das Gewicht der lufttrockenen 
Wurzeln war : 
43,75 Grm. 
27.5 „ 
6,0 „ 



Die Wurzel. 211 

wenn auch nicht zahlreiche, aber sowohl nach der Tiefe wie nach 
der Seite sich verbreitende starke Nebenwurzeln (Schumacher); 
die Runkelrübe und Möhre senden eine Pfahlwurzel in tiefere 
Schichten, verlangen demnach schon tiefe Krume ; aus dem Paiben- 
körper selbst treten Seitenwurzeln hervor. Geringeren Tiefgang 
hat die Steckrübe (Dorschen). Raps, Rübsen, Awehl ent- 
wickeln aus der Pfahlwurzel starke Seitenwurzeln, doch ist das 
Wurzelwerk im Ganzen ein geringes. Die Kleearten haben das 
üppigste Wurzelsystem. Nach Fr aas ist das Maximum des Wurzel- 
tiefganges 

bei Weissklee 15 Centim. 

„ Incarnatklee .... 32 „ 

„ Rothklee 63 „ 

„ Luzerne 126 „ 

„ Esparsette . . . 253—379 „ 
Es ist aber nicht selten, dass der Weissklee nur 5 — 7 Ctm., 
der Rothklee nur 31 Ctm., die Luzerne nur 63 Ctm. tief gelangen 
und doch gedeihen. Im Herbst gesäet, bestockt sich der Incarnat- 
klee stark, im Frühjahr gesäet, schiesst er hingegen rasch in die 
Höhe und gibt wenig Futter. Der Incarnatklee ist ein Seicht- aber 
Reichwurzler, wie Fr aas sagt, und vergilt etwas Dünger, in die 
Krume von 5 — 7 Ctm. Tiefe gebracht, reichlich. Die perennirenden 
Kleearten (Rothklee, Luzerne, Esparsette) verhalten sich ganz 
anders. Der Rothklee sendet im ersten Jahre nur eine einfache 
Wurzel gerade herab, im Herbste beginnt er oben im Boden lie- 
gende Seitenschosse und ihnen entsprechende Seitenwurzeln zu 
treiben. Bis dahin hält noch die Kraft der Krume an und der 
Klee wächst auch auf einem im Untergrunde armen „kleemüden" 
Felde,' aber nicht mehr im Frühling des zweiten Jahres (des 
ersten der Benützung), bereits ist das zweite Wurzelsystem in 
Thätigkeit und will die schon vor Winter gemachten Schosse er- 
nähren und neue bilden. Die vom oberen Theil entsendeten Wurzel- 
fäden sind so zahlreich, dass ein förmlicher Wurzelfilz entsteht. 
Anders verhält sich Luzerne und Esparsette. Die Luzerne wächst 
im ersten Jahre bis zum Herbst gerade in der Längsrichtung nach 
oben und unten. Nach unten zu dreht sich die Hauptwurzel in 
stumpfen Winkeln hin und her. Gegen den Herbst zu stirbt die 
Hauptachse des Triebes, der Stengel, grösstentheils ab und aus den 
Blattachseln am Wurzelhals der Erdoberfläche kommen die Seiten- 
schosse rosettenartig zum Vorschein. Sie bilden die Bestockungsanlage 
für das nächste Frühjahr. An ihnen kommen dann Adventivwur- 
zeln zum Vorschein. Die Wurzeln der Esparsette werden zwei- bis 
dreimal so lang als jene der Luzerne, die nicht leicht über 126 Ctm. 

14* 



212 Die Wurzel. 

tief gehen. Für Esparsette ist charakteristisch, dass im Herbst der 
letzte abgemähte oder abgeweidete Achsentheil bis ca. 5 Ctm. tief 
in die Erde hinein abstirbt, während sich dort ein neuer Wurzel- 
hals bildet, der aus seinem verdickten Ende die Schosse treibt. Da 
sich dies im Herbst jeden Jahres wiederholt, so geht seine Be- 
stückung lange Jahre vorwärts. Die Wurzel selbst bleibt gerade 
und geht sehr tief. Steine und Felsstücke umschlingend, so dass 
die Furchen, die sie aufschliessend dabei sich gräbt, an dem Ge- 
stein sichtbar sind. 

Die Wiesengräser haben eine sehr beträchtliche Wurzelent- 
wickelung und lange Wurzelfäden. Auf einem guten Wiesenboden 
ist die Erdlage bis 24 Ctm. Tiefe dicht mit Wurzeln durchsetzt.') 

Bei der Kartoffelpflanze findet man Nebenwurzeln mit 
einer reichlichen Wurzelfadenentwickelung, namentlich wenn die 
Pflanze behäufelt wird. Die Knollen sitzen als Endknospen an 
den fadenförmigen Seitenzweigen, welche sich aus den Achseln der 
untersten mit Erde bedeckten Blätter entwickeln. An den wirk- 
lichen Wurzeln entstehen niemals Kartoffeln. Deshalb häufelt man 
auch die Kartoffelpflanze an, damit die untersten Achselknospen der 
Blätter von der Erde bedeckt und so in Stand gesetzt werden, 
kartoffeltragende Triebe zu geben. 

Die Bewurzelung der Nadelhölzer, speciell der Fichte, Tanne 
und Kiefer, zeigt nach Nobbe's Untersuchungen in der Jugend 
grosse Differenzen. Die Kiefer z. B. erzeugt eine 24 mal grössere 
Anzahl von Wurzelfasern und eine 8 mal grössere aufnehmende 
Wurzelfläche als die Tanne und übertrifi"t die Fichte in den gleichen 
Beziehungen um das 12- resp. 5 fache. Aus diesem Umstand wird 
auch die „Genügsamkeit" und schwierige Verpflanzung der Kiefer 
erklärlich. 

Nicht genug zu beachten ist, dass die Wurzeln nicht nur 
Wasser und gelöste anorganische Stoffe aus dem Boden aufnehmen, 
sondern auch Sauerstoff. Bei Abschluss von Sauerstoff wachsen 
die Wurzeln nicht weiter und beginnen nach einiger Zeit zu faulen. 
Die Wichtigkeit der Bodenlockerung und Bodenbearbeitung für die 
Entwickelung der Wurzeln wird dadurch erklärt. Die in der Nähe 

1) Haberlandt fand zwischen dem Wurzelgewiclit und dem Gewicht 
der oberirdischen Theile von Wiesengräsern sehr bemerkenswerthe Verschieden- 
heiten. Das Verhältniss wechselte zwischen 1 : 11,2 (Agrostis alba) und 1:0,94 
(Avena elatior). Bei den Getreidearten ergaben sich folgende Verhältnisse: 
1. Periode. 2. Periode. 3. Periode. 



Sommer-Weizen 


1 


: 0,673 


1 


: 4,943 


1 


10,471 


Sommer-Eoggen 


1 


1,075 


1 


: 7,171 


1 


12,288 


Sommer-Gerste 


1 


1,105 


1 


6,212 


1 


14,556 


Hafer 


1 


1,200 


1 


8,319 


1 


10,914 



Der Stengel. Die Knospe. 213> 

der Oberfläche sich ausbreitenden Wurzehi sind gewöhnlich auch die 
stärksten und längsten. 

Noch muss hervorgehoben werden, dass die Wurzeln nicht 
nur Stoffe aus dem Boden aufzunehmen im Stande sind, sondern 
auch anderseits Stoffe an den Boden abgeben, z. B. Kohlensäure 
(Saussure 1805). Li e big hat mit Bezug hierauf eine eigene 
Theorie der Stoffentnahme durch die Pflanzenwurzeln aufgestellt. 
Nach derselben sind die Wurzeln durch diese Wurzelausscheidungen 
selbst thätig, die Nahrungsmittel sich löslich zu machen, um sie 
dann aufzunehmen, oder, wie man dies jedenfalls schlecht bezeichnet: 
„direct dem Gesteine zu entnehmen", eine Fassung, die zu 
vielen falschen Annahmen und Irrungen Veranlassung gab. Zu 
den bodenaufschliessenden Culturpflanzen rechnet man namentlich: 
Esparsette und Luzerne. 



b. Der Stengel. 

Der Stengel oder der Stamm, den man nach Umständen Holz- 
stamm, Stock, Schaft, Krautstengel oder Halm nennt, 
wächst im Allgemeinen dem Lichte entgegen, während die Wurzel 
in der Erde ihre Nahrung findet. Er trägt Blätter und Blüthen, 
seine Functionen sind aber denen der letztgenannten Organe unter- 
geordnet. Er geht aus einer Knospe hervor und endet während 
seines Wachsthums mit einer Knospe. Diejenigen Stengel, welche 
bei der Keimung unmittelbar aus der Keimachse hervorgegangen 
sind, heissen Hauptachsen, ihre Verzweigungen Seitenachsen, Aeste 
oder Zweige. Bei manchen Pflanzen ist ein Theil des Stammes 
unter der Erde. Man nennt diese Stengelorgane Mittelstöcke. 
Die Kartoffelpflanze bildet z. B. die Knollen, wie schon hervorge- 
hoben, an einem solchen unterirdischen Theil des Stammes. Der 
Wurzelstock (Rhizom) ist der unterirdische Stamm mit Blatt- 
anlagen, der überirdische Zweige treibt. Aus einem solchen Wurzel- 
stock entspriessen z. B. alljährlich: Hopfen, Spargel. Je nach der 
Dauer des Stammes unterscheidet man einjährige (Sommer- 
pflanzen), zweijährige und mehrjährige (ausdauernde, peren- 
nirende) Pflanzen. 

c. Die Knospe. 

Die Knospe (Auge) ist eigentlich kein Organ für sich, son- 
dern immer ein bestimmter sehr jugendlicher Entwickelungszustand 
des Stammes oder der Wurzeln, wonach man dann Stamm- und 



214 



Die Blätter. 



Wurzelknospen unterscheidet. Die Stammknospen entwickeln 
entweder Blätter oder Blüthen. Man unterscheidet zwischen End- 
knospen iü) (an der Spitze des Stengels), Achsel- 
knospen (b) in der Achsel der Blätter, und Neben- 
oder Adventivknospen, wenn sie, ohne von einem 
Blatte gestützt zu sein, an beliebiger Stelle des 
Stengels entspringen. Die Knospen, welche den 
Winter überdauern müssen, sind meist durch eine 
Knospenhülle (Eiche, Kastanie) geschützt. Aus den 
Knospen kann, unter günstigen Umständen, getrennt 
oder ungetrennt von der Mutterpflanze, eine neue 
Pflanze entstehen. Es zeigen die Knospen oft sehr 
verschiedene Formen, je nachdem die Stengel- oder 
Blattanlage, welche jede Knospe enthält, vorwie- 
gend entwickelt ist. 

Zwiebeln Fig. a und Kartoffeln Fig. b sind 

ebenfalls Knospen (Brutknospen); bei ersteren sind 

die Blätter fleischig entwickelt, bei letzteren die 

Stengelaulage, die Blätter aber sind verkümmert und nur als 

eine Falte vorhanden; dagegen findet sich oberhalb dieser Falte 





%: a 




%^ 



abermals eine Knospenanlage, das „Auge" der Kartoffeln (Ä). 
Gleiches findet man auch bei Topinambours. 



d. Die Blätter. 

Die Blätter sind die Seitenorgane der Stengel. Während an letz- 
teren die Spitzen die jüngsten Theile sind, ist die Spitze der Blätter 



Die Blüthe. 215 

der zuerst entwickelte Theil. Man unterscheidet Keim-, Deck-, 
Laub- und Blüthenblätter. An vollständig entwickelten Blät- 
tern unterscheidet man die Blattscheide, den Blattstiel, die Blatt- 
fläche; ferner gibt es Hauptrippen, Nebenrippen und Adern. Die 
Stellung, Form und der Bau der Blätter ist sehr verschieden nach 
den Pflanzen und der Lebensweise des Blattes selbst. Die Ober- 
haut der Blätter ist mit Spaltöffnungen (siehe S. 206) versehen.') 
Die Dauer der Blätter ist sehr verschieden, viele Pflanzen verlieren 
alljährlich ihre Blätter, die sogenannten immergrünen dauern mehrere 
Jahre aus. So trägt die Kiefer ihre Nadeln zwei bis drei, die 
Tanne und Fichte acht bis zwölf Jahre. 

Die grüne Farbe der meisten Blätter rührt vom Chlorophyll 
her. lieber die Winterfärbung ausdauernder Blätter theilt Wies- 
ner nach Haberlandt's Untersuchungen mit, dass sämmtliche 
Verfärbungserscheinungen auf drei unter einander ganz verschie- 
denen physiologischen Vorgängen beruhen. Die Gelbfärbung sei 
eine durch das Licht verursachte Zerstörung des vorhandenen Chloro- 
phylls bei mangelnder Neubildung desselben , die Braunfärbung 
werde durch einen in Folge Kälte gebildeten braungelben Farb- 
stoff hervorgerufen und die Rothfärbung sei auf die Entstehung 
von Anthocyan in Folge Eintrittes der Vegetationsruhe zurückzu- 
führen. 

Die Blätter spielen bei der Pflanzenernährung, wie sich später 
ergeben wird, eine sehr wichtige Rolle. 

Als Nebenorgane der Stengel und Blätter sind die Ran- 
ken, Dornen, Stacheln, Haare, Drüsen und Schuppen 
anzuführen. 



B. Die Fortpßanzungs-Organe der Pßanze. 
a. Die Blüthe. 

Die Blüthe wird gebildet von jenen Organen, welche zur Er- 
zeugung neuer Individuen durch die geschlechtliche Fortpflanzung 
dienen und zumeist umgewandelte Blattorgane sind. Man unter- 



1) So hat z. B. durchschnittlich auf je 7 Quadratcentimeter das Blatt von 

auf der oberen auf der unteren Seite 

Alisma Plantago 12000 6000 Spaltöffnungen 

Iris germanica 11750 11750 „ 

Brassica Rapa 21546 41964 

Nymphaea 26592 „ 

Pyrus communis 24000 „ 

Prunus Laurocerasus 90000 „ 



216 Die Frucht. 

scheidet an den Blüthen wesentliche und unwesentliche 
Theile. Die unwesentlichen, äusseren Theile sind der Kelch und 
die Blumenkrone; die wesentlichen die Staubblätter und 
Stempel (Pistill). Aus dem letzteren, dem weiblichen Organe, bildet 
sich nach vorhergegangener Befruchtung durch den in den männ- 
lichen Organen , den Staubblättern , gebildeten Blüthenstaub 
oder Pollen, die Frucht. 

lieber die Fortpflanzung selbst wird später eingehender ge- 
sprochen werden. 



b. Die Frucht, 

Die Frucht entsteht aus der Blüthe, nachdem die Befruchtung 
vor sich gegangen ist. Sie schliesst die Fruchtknoten und den 
Samen nebst ihrem verschiedenen Zubehör in sich. Je nachdem 
die ursprünglichen Theile der Blüthe besondere Formen annehmen, 
entstehen die verschiedenen Fruchtformen, Man unterscheidet an 
der Frucht die Fruchthülle oder Frucht schale (pericarpium) 
und den Samen (semen). Die Fruchthülle besteht aus verschie- 
denen Schichten, Je nach der Bildung der äusseren Schicht (epi- 
carpium) erscheint die Frucht glatt (Kirsche), haarig (Pfirsich) oder 
stachelig (Stechapfel) ; die mittlere Schicht (mesocarpium) ist häufig 
fleischig oder saftig ; die innerste Schicht (endocarpium) ist oft sehr 
hart und bildet selbst Steine. 

Man kann die Früchte eintheilen in aufspringende und 
nicht aufspringende Früchte; zu ersteren gehören Kapsel 
und Spaltfrucht, zu letzteren Steinbeere, Beere und 
Schliessfrucht. 

Der Same ist die zur Reife gekommene Samenknospe und 
besteht aus einer Samenschale und einem Kern. Der Kern 
besteht entweder ausschliesslich aus dem Keim (Embryo) oder er 
enthält auch noch das für den Unterhalt der jungen Pflanze be- 
. stimmte Ernährungsmaterial (Endosperm). 

Ueber die innere Gestaltung des Samens gibt die beifolgende 
Abbildung des Längsschnittes durch ein Gerstenkorn eine Vorstellung. 



217 



Längsschnitt eines Gersten- 
Tcornes durch die Mitte der 

Hauptrippe der vorderen 

Spelze [V.S.) und die Mitte 

der hinteren (U.S.) 



A die ganze Umhüllung des Samens 
(gebildet von den beiden Spelzen 
und der Fruchthaut). 

a die hintere Spelze (Palea superior). 

b die Fruchthaut (Pericarpium). 

c der Pigmentstrang (Funiculus pictus) 

c' die garhenförmigen Zellen (Tela 
phalcelloidea). 

c" dieselben am unteren Ende des 
Mehlkörpers. 

B Endosperm oder Mehlkörper. 

d die der Samenhaut der Vorderseite 
anliegenden Endospermzellen, Pro 
teinstoffe und Fett enthaltend. 

d' dieselben auf der Hinterseite. Sie 
sind weniger regelmässig und haben 
stark verdickte Membranen. 

e und / Endospermzellen, welche vor- 
zugsweise Stärke einschliessen. 

g die Membranen der vom Keimlinge 
entleerten Zellen. 

A die hinteren proteinhaltigen Zellen 
am unteren Ende des Mf-hlkörpers. 

C der Embryo oder Keimling. 

i Aufsangegewebe oder Cylinder- 
Epithel. 

k Fortsatz des Schildchens nach 
rückwärts. 

l Wurzelscheide. 

m und n trichomatische Anhäng- 
sel des Keimblattes. 



Spitze des Keimblattes. 

j) 'Wurzelliaube. 

g Spitze des einen Würzelchens. 

r Basalborste. 

i Schöpfchen. 

t Achse des Keimlings. 

u Schildchen (Soutellum). 

V Knöspchen (Plumula>. 

w und w' Würzelchen (P>adicula). 




218 Die Pflanze nach ihren chemischen Bestandtheilen. 



IL Die Pflanze nacli ihren chemischen 
Bestandtheilen. 

Wird eine Pflanze in einem Platintiegel bei Luftzutritt ver- 
brannt, so verwandelt sich der grösste Theil derselben in entwei- 
chende farblose Gase, ein anderer Theil bleibt als Asche zurück. 
Den verbrennenden Theil bezeichnet man als organische, letz- 
teren als die anorganischen Bestandtheile der Pflanzen. 

1. Die iinorganisclien (mineralischen Aschen-) Bestandtheile 
der Pflanzen. 

Man darf nicht glauben, dass die durch Verbrennen als 
Asche erhaltenen unorganischen Bestandtheile in gleicher Form, 
wie sie in der Asche gefunden werden, auch in der Pflanze selbst 
vorkommen, es können sich einerseits einige Mineralstoffe, z. B. 
Chloralkalien, Schwefelsäure, durch die Hitze verflüchtigt haben, 
andererseits enthält die durch Verbrennen gewonnene Asche 
kohlensaure Verbindungen, die sich erst durch den Verbren- 
nungsprocess aus pflanzensauren gebildet haben. Lange Zeit 
hielt man die anorganischen Bestandtheile für das Leben der 
Pflanzen nicht wesentlich, sondern für zufällig und meinte, die 
Aschenbestandtheile würden durch den Lebensprocess der Pflanze 
aus anderen Stoöen gebildet. Liebig und Sprengel waren 
die ersten, welche die Nothwendigkeit der anorganischen Stoffe 
für die Pflanze entschieden betonten, der exacte Beweis sowohl 
für die Nothwendigkeit als die Nichterschaffbarkeit der Aschen- 
bestandtheile durch die Pflanze selbst wurde aber erst 1S42 
durch die Preisarbeit von Wiegmann und Polstorff geliefert. 
Fussend auf den Wiegmann-Polstor ff 'sehen Experimenten 
haben in den letzten Jahrzehnten die Agriculturchemiker zur Er- 
forschung des für die einzelne Pflanze entsprechendsten Quäle 
und Quantum an Aschenbestandtheilen mehrere Methoden zur Anwen- 
dung gebracht. Es sind dies vor Allem die Wassercultur-Methode, 
die Methode der Substitution eines indifferenten festen Mediums 
(Sand , Glasperlen , Schwefel , Torf j an Stelle der Erde und die 
Methode, welche die Pflanze in einem der natürlichen Ackererde 
ähnlichen Gemisch und mit abwechselnder Hinweglassung des einen 
oder des anderen der den Boden constituirenden Bestandtheile zu 
ziehen versucht. 

Wie fruchtbar die beiden ersten, namentlich aber die „durch- 



Die unorganischen Bestandtheile der Pflanzen. 219 

sichtige" Wassercultur-Methode '), für das Studium der Asclien- 
bestandtheile und den ganzen Ernährungsprocess der Pflanzen 
geworden ist, zeigt ein Blick in die neuere agriculturchemische 
Literatur; auch wir werden in den nachfolgenden Capiteln noch 
zahlreiche Belege und Resultate dafür anzuführen haben. Vor 
Allem mussten die Pflanzenaschen analysirt werden, um die über- 
haupt vorkommenden anorganischen Bestandtheile qualitativ und 
quantitativ kennen zu lernen. Die Durchführung der Analyse, ganz 
besonders die Herstellung der Asche, erfordert grosse Cautelen und 
ist nur für Chemiker von Fach ausführbar.-) Die Resultate der 
von zahlreichen Forschern im Laufe der Jahre nach den vertrauens- 
würdigsten Methoden durchgeführten Aschen -Analysen sind von 
E. Wolff^) gesammelt und gesichtet worden. Die nachfolgenden 
Zahlen und Tabellen sind mit Benutzung der Wo Iff 'sehen Zahlen 
zusammengestellt. 



1) Die sich, für die Details der "Wassercultur-Methode Interessirenden ver- 
weisen wir auf Nobbe's landwirthschaftliche Versuchsstationen. Chemnitz. 
Focke; besonders auf die Jahrgänge 1S60 — ISTO. In einer Mischung von 1,0 Grm. 
Kalknitrat, 0,25 Grm. Kalinitrat, 0,25 Grm. Kaliphosphat, 0.25 Grm. Magnesia- 
sulphat und 0,2 Grm. Eisenphosphat pro Liter Wasser gedeihen die Pflanzen 
recht gut. Man sorge, dass die "Wurzeln nicht vom Lichte getroffen werden 
und dass das Wasser nicht zu warm und nicht alkalisch werde. 

2) Man vergl. v. Gohren, Anleitung zu chemischen Untersuchungen mit 
besonderer Beziehung auf Landwirthschaft und landw. Industrie. Leipzig, G. L. 
Hirschfeld, und E. Wolff, Anleitung zur ehem. Unters, landw. wichtiger Stoffe. 
Berlin, Wiegandt, Hempel und Parey. 

3) E. W Iff , Aschen- Analysen von landwirthschaftlichen Producten, Fabrik- 
Abfällen und wild wachsenden Pflanzen. Berlin. ISTl. 



220 



Tabelle über den Aschengebalt der 



Bezeichnung der Stoffe. 




Trockensubstanz (org. u. 
anorg.) im Ganzen. 




I. Samen. 



Baumwolle 

Bohnen (Garten-) .... 
(Sau-) 

Buchen 

Buchweizen 

Dinkel (mit Spelzen) . . . 

Erbsen 

Esparsette 

Eicheln (ungeschält, frisch) 
„ ( „ trocken) 

„ (geschält, trocken) . 

Erlen 

Gerste, Sommer- .... 
„ Winter- .... 

Hafer 

Hanf 

Hirse (ungeschält) .... 
„ (geschält) 

Kastanien (echte I .... 
„ (Ross-) .... 

Klee, Roth- 

Lein 

Linsen 

Lupine, 



gelbe 

blaue .... 

Madia 

Mais 

Mohn 

Möhren 

Pilze, essbare: 

Agaricus campestris 
Agaricus crustuliformis 

Boletus edulis . . 

Agaricus veluticeps . 

Trüffel V. Pe'rigord . 

Raps 

Reis (geschält) 

„ (ungeschält) . . . . 

Roggen 

Rübe, Runkel- 

Weiss- . . . . . 
Senf 



8,7 
14,8 
14.1 
18,0 
13,2 
14,8 
13,2 
16 
55,5 
14,3 
16,7 
14,0 
14.3 

i4;3 

13,7 
12.2 

13,0 
13,1 
49,2 
49,2 
15 
11,8 
13,4 
12,7 
15,0 
7,4 
12,7 
14,7 
12 



1 1 ,8 

14,6 

12,0 

14,3 

14 

12 

12,0 



85,2 
85,3 
83,1 
44,0 
80,8 
80,9 
83,6 



87,- 

82,4 
78,0 
91,6 
85,6 



88,0 
81,7 



87,3 
87,0 
91,1 
45,4 
85,7 
89,2 
90,5 



92,5 

90,6 
87,1 
93,7 
91,8 



92,9 



- 86 

- : 88 

- ' 88 



Die mit * bezeichneten Zahlen beziehen sich nicht auf lOOTheile Trocken- 



landwirthschaftlichen Culturpflanzen. 



221 





In 


100 Theilen der Trockensubstanz 


sind enthalten 


: 




a o 




s 




_rt 




2 o 


2 ü 


•^ o 




il 


^ 


o 


jM 




o 
c 

o 


"Eh '" 






^ 












H 






h^ CQ 


5 


3,90 


1,244 


0,074 


0,334 


0,474 


0,076 


1,416 


0,142 




0,103 


3,22 


1,417 


Ü,04S 


0,215 


0,245 


0,010 


1,144 


0,130 


0,018 


0,028 


3,0* 


1,20 


0,04 


0,15 


0,20 


— 


1,16 


0,15 


0,04 


0,08 


2,54 


0,57S 


0,253 


0,621 


0,295 


0,068 


0,527 


0,056 


0,048 


0,013 


1,37 


0,310 


0,0S4 


0,061 


0,170 


0,024 


0,667 


0,029 


0-003 


0,018 


4,29 


0,63r 


0,043 


0,112 


0,277 


0,069 


0,886 


0,126 


2,005 


0,028 


2,73 


1,141 


0,026 


0,136 


0.217 


0,016 


0,995 


0,095 


0,024 


0,042 


4,57 


1,304 


0,125 


1,443 


0,304 


0,073 


1,093 


1,148 


0,038 


0,055 


>2,18 


1,398 


0,014 


0,151 


0,115 


0,022 


0,325 


0,091 


0,023 


0,038 


2,08 


0,723 


0,030 


0,629 


0,192 


0,061 


0,277 


0,075 


0,0S2 


0,003 


2,60 


0,524 


0,066 


0,068 


0,224 


0,025 


0,902 


0,044 


0,716 


0,024 


1,99 


0,325 


0,0S2 


0,015 


0,249 


0,034 


0,653 


0,059 


0,.572 


— 


3,14 


0,514 


0,070 


0,117 


0,222 


0,021 


0,723 


0,043 


1,392 


0,018 


5,27 
}3,43 


1,069 


0,041 


1,246 


0,300 


0,053 


1,922 


0,010 


0,627 


0,004 


0,391 


0,044 


0,022 


0,330 


0,037 


0,674 


0,008 


0,817 


0,017 


2,3S 


1 ,349 


0,169 


0,092 


0,178 


0,003 


0,431 


0,092 


0,037 


0,012 


2,36 


1,393 


— 


0,274 


0,012 


— 


0,529 


0,034 


0,004 


0,149 


4,50 


1,591 


0,043 


0,288 


0,581 


0,077 


1,707 


0,108 


0,059 


0,055 


3,69 


1,130 


0,076 


0,299 


0,527 


0,041 


0,531 


0,086 


0,046 


0,016 


1,8* 


0,77 


0,18 


0,09 


0,04 


— 


0.52 


— 


0,02 


0,06 


l3,95 

4,5* 


1,179 


0,015 


0,352 


0,460 


0,045 


1,658 


0,170 


0,017 


0,010 


0,44 


0,52 


0,36 


0,82 


— 


2,58 


— 


— 


— 


1,51 


0,422 


0,028 


0,034 


0,226 


0,019 


0,680 


0,020 


0,028 


0,021 


6,04 


0,S23 


0,062 


2,136 


0,573 


0,026 


1,894 


0,116 


0,196 


0,277 


8,51 


1,625 


0,401 


3,305 


0,571 


0,084 


1,341 


0,481 


0,451 


0,319 


1,015 


0,475 


0,351 


0,025 


Spuren 





0,084 


0,050 





0,030 


1,011 


0,190 


0,526 


0,012 


— 


— 


0,276 


Spuren 


— 


Spuren 


0,978 


T« 


)S0 


Spuren 


0,043 


— 


0,084 


0,137 


— 


0,034 


0,985 


0,' 


72 


0,028 


— 


— 


0,185 


— 


— 


— 


1,012 


0,214 


0,527 


0,070 


— 


— 


0,173 


0,028 


— 


Spuren 


4,44 


l,oss 


0,022 


0,630 


0.524 


0,069 


1,880 


0,106 


0,063 


0,007 


0,39 


O.oss 


0,072 


0,013 


0,044 


0,005 


0.208 


0.002 


0,011 


0,001 


6.9* 


1,27 


0,31 


0,35 


0,59 


— 


3.26 


0,04 


0,04 


— 


2,09 


0,65S 


0,036 


0,055 


0,241 


0,034 


0,981 


0,023 


0,039 


0,013 


5,30 


1,301 


0,487 


1,189 


0,855 


0,020 


0,879 


0,237 


0,096 


0,219 


3,5* 


0,77 


0.03 


0,61 


0,30 


— 


4,41 


0,25 


0,022 


— 


4,20 


0,67S 


0,224 


0,808 


0,421 


0,042 


1,677 


0,207 


0,104 


0,022 



Substanz, sondern auf 100 Theile des lufttrockenen Materiales. 



222 



Tabelle über den Aschengehalt der 



Bezeichnung der Stoffe. 




Trockensubstanz (org. u. 
anorg.) im Ganzen 




Sorgho 

Spörgel, Eiesen- 

Traubenkerne 

Weizen 

Wicken 

II. Wurzeln und Knollen. 

Cichorie 

Kartoffel 

Kohlrabi-Knollen 

Kohlrübe . 

Möhre ..." 

Eübe, Futterrunkel- 

„ Weiss- 

„ Zucker- 

Topinambour 

Turnips 

III. Kraut und Blätter der Wurzel- 
gewächse. 

Cichorie 

Kartoffel 

Kohlrabi 

Kraut, Weiss- 

Krautstrunk 

Rüben, Futterunkel- 

„ Zucker- 

„ Mohr- 

„ Kohl- 

Turnips 

IV. Stroh von 

Bohnen, Garten- 

„ Sau- 

Buchweizen 

Dinkel, Winter- 

Erbsen 

Gerste 

Hafer 

Hanfstengel 

Hopfenranken 

Kleestroh von Samenklee 

Leinstengel 

Lupine 

Mais 

Mohn •' 

Raps ' 

Roggen, Sommer- 



14 

8,7 
12,0 
14,3 
13,6 

80,0 
75 

86,7 
87,6 
85,9 
88,0 

91,5 
81,5 

80,0 
92,0 



85,0 
82,5 
85,7 
88,5 
82,0 
90,7 
89,0 
80,7 
85,0 
89,8 

15,0 
18,0 
16,0 
14,3 
14,3 
14,3 
14,3 
15,0 
10,6 

15,0 
14,0 
14,2 
14,0 
16,0 
18,0 

14,3 



81,3 

84,2 



20,1 

9,6 

10,1 

7,7 

7,1 

10,2 

16,5 



13,3 

8,0 
17,8 

78,0 



82,C 

82,5 
78,8 



89,2 
91,0 



29,3 

15,3 

20,8 
24,C 
13,9 
21,8 
20,9 



15,0 

10,0 
23,5 

85,5 



88,1 
89,1 



78,5 



87,8 



landwirthschaftlichen Culturpflanzen. 



223 





In 


100 Theilen der 


Trockensubstanz 


sind enthalter 


1 : 




S ü 




G 




_CS 




1 s 


'S. o 


•^ " 




11 


•^ 


O 


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O Sh 

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Z 










<^ 


o 


_2 ■«: 


xn 


S'^ 


5 


1,86 


0,37S 


0,061 


0,023 


0,276 


0,035 


0,947 


— 


0,140 


— 


2,56* 


0.523 


— 


0,144 


0,292 


— 


1,200 


— 


0,197 


0,090 


2,81 


0,S05 


— 


0,943 


0,241 


0,016 


0,675 


0,071 


0,031 


0,009 


1,97 


0,614 


0,044 


0,066 


0,236 


0,026 


0,928 


0,007 


0,042 


0,004 


3,10 


0,934 


0,244 


0,249 


0,27b 


0,039 


1,158 


0,114 


0,041 


0,084 


1,0* 


0,42 


0,0S 


0,09 


0,07 





0,15 


0,10 


0,06 


0,04 


3,77 


2,276 


0,099 


0,097 


0,177 


0,045 


0,653 


0,245 


0,080 


0,117 


7,26 


2,934 


0,740 


0,865 


0,191 


0,031 


1,088 


0,924 


0,066 


0,584 


1,0* 


0,49 


0,06 


0,14 


0,09 


— 


0,08 


0,01 


0,05 


— 


5,58 


1,965 


1,232 


0,637 


0,204 


0,058 


0,695 


0,375 


0,138 


0,290 


6,44 


3,479 


1,024 


0,265 


0,292 


0,053 


0,544 


0,204 


0,151 


0,541 


0,6* 


0,31 


0,02 


0,08 


0,01 


— 


0,11 


4,04 


0,01 


0,04 


3,86 


2,127 


0,3S6 


0,207 


0,291 


0,036 


0,424 


0,147 


0^070 


0,200 


4,88 


2,330 


0,496 


0,160 


0,143 


0,183 


0,683 


0,240 


0,496 


0,189 


8,01 


3,637 


0,7S& 


0,840 


0,296 


0,065 


1,018 


0,896 


0,150 


0,406 


1,5* 


1,12 


0,01 


0,27 


0,06 


_ 


0,17 


0,17 


0,02 


0,03 


1,5* 


0,23 


0,04 


0,51 


0.26 





0,10 


0,09 


0,12 


0,07 


16,88 


2,431 


0,655 


5,621 


0,672 


1,021 


1,749 


1,972 


1,774 


1,278 


13,92 


5,505 


0,752 


2,726 


0,530 


0,139 


1,215 


2,062 


0,184 


1,038 


1,2* 


0,51 


0,06 


0,13 


0,05 


— 


0,24 


0,09 


0,02 


0,01 


15,18 


4,66S 


3, OSO 


1,685 


1,444 


0,220 


0,829 


0,906 


0,547 


2,256 


1 7,58 


5,007 


2.576 


2,576 


2,639 


0,172 


1.213 


0,912 


0,564 


2,016 


13.53 


1,524 


2,683 


4,431 


0,468 


0,340 


0,598 


1,014 


1,524 


1,208 


2,5 


0,30 


0,10 


0,84 


0,10 


— 


0,26 


0,30 


0,26 


0,10 


11,64 


2,727 


1,100 


3,832 


0,401 


0,184 


0,850 


1,094 


0,446 


1,173 


4,79 


1,528 


0,375 


1,315 


0,300 


0,054 


0,457 


0,200 


0,231 


0,369 


5,35 


2,256 


0,131 


1,198 


0,406 


0,067 


0,395 


0,190 


0,394 


0,313 


6,15 


2,S&2 


0,136 


1,134 


0,225 


— 


0,731 


0,327 


0,342 


0,485 


5,85 


0,60S 


0,030 


0,337 


0,145 


0,045 


0,299 


0,137 


4,199 


0,062 


5.13 


1,175 


0,209 


1,889 


0,413 


0,088 


0,413 


0,321 


0,350 


0,289 


4,80 


1,097 


0,198 


0,373 


0,125 


0,033 


0,215 


0,178 


2,497 


0,109 


4,70 


1,040 


0,136 


0,416 


U,190 


0,068 


0,220 


0,145 


2,283 


0,297 


3,90 


0,530 


0,081 


2,383 


0,287 


0,045 


0^273 


0,085 


0,406 


0,074 


4,85 


1,360 


0,196 


1,498 


0,324 


0,043 


0,523 


0,158 


0,410 


0,440 


6,0 


2,765 


0.104 


1,384 


0,758 


0,058 


0,511 


0,083 


0,0s7 


0,317 


3,53 


1,096 


0,287 


0,785 


0,232 


0.085 


0,464 


0,231 


0,195 


0,144 


4,96 


0,962 


0,316 


1,774 


0,434 


0,230 


0.444 


0,360 


0,247 


0,155 


4,87 


1,11S 


0,713 


0,469 


0,300 


0,076 


0,617 


0,146 


1,358 


0,084 


5,78 


2,194 


0,077 


1,748 


0,374 


0,127 


0,187 


0,294 


0,659 


0,156 


4,92 


1,342 


0,460 


1,396 


0,300 


0,091 


0,293 


0,373 


0,312 


0,412 


4,44 


1,303 


— 


0,484 


0,205 


— 


0,351 


0.137 


3,040 


— 



224 



Tabelle über den Aschengehalt der 



Bezeichnung der Stoffe. 





Trockensubstanz (org.u. 


K .S^ 


anorc 


f.) im Ganzen 




S 


^ 


"f '^ 


-^^ 


c 


^ 




^ 


S 


g 


^s 


14,3 


81,4 


89,7 


85,7 


14,3 


74,0 


91,9 


85,7 


14,3 


83,3 


87,5 


85,7 


15,3 


82,0 


85,0 


84,7 


14,3 


— 


— 


85,7 


14,3 


— 


— 


85,7 


14,3 


— 


— 


85,7 


12,0 


— 


— 


88,0 


14,3 


— 


— 


85,7 


14,0 


— 


— 


86,0 


14,3 


— 


— 


85,7 


12,2 


82,0 


93,5 


87,8 


14,3 


86,0 


91,5 


85,7 


80,9 


10,2 


24,6 


19,1 


81,5 


13,3 


23,9 


18,5 


78,5 


20,0 


23,4 


21,5 


81,8 


14,5 


23,0 


18,2 


76,0 


20,4 


33,5 


24,0 


82,0 


15,7 


19,4 


18,0 


82,2 


14,3 


23,2 


17,8 


86,0 


13,0 


15,0 


14,0 


5 0,0 


— 


— 


47,0 


82,0 


13,0 


23,3 


18,0 


79,0 


20,2 


23,3 


21,0 


82,0 


17,4 


18,5 


18,0 


79,3 


14,7 


28,7 


20,7 


8U,2 


16,4 


20,3 


1-9,8 


8:^,0 


— 


— 


17,0 


75,3 


16,5 


30,1 


24,7 


68,0 


19,0 


37,1 


32,0 


70,8 


22,0 


40,5 


29,2 


68,1 


— 


— 


31,9 


71,9 


12,4 


48,1 


28,1 


76,2 


15,i) 


26,0 


23,8 


16,7 








83,3 


1 6,4 


83,3 


84,0 


83,6 


16,4 


83,3 


84,0 


83.6 


16,7 


— 


— 


83,3 


16,4 


83,3 


87,5 


83,6 


13,0 


85,4 


88,7 


87,0 


13,4 


83,7 


90,1 


86,6 


16,0 


78,4 


87,1 


84,0 


14,6 


83,3 


87,5 


85,4 



Roggen, Winter- 

Weizen, Winter- 

Wicken 

T. Spreu und Schoten. 

Bohnen, Sau- 

Dinkel 

Gerste (Grannen) 

Hafer 

Leinsamen 

Lupinen 

Maiskolben (entkörnte) 

Roggen 

Raps 

Reisspelzen 

Weizen 

VI. Orün-Futter. 

Ackerspörgel 

Erbsen 

Esparsette 

Futter-Hafer 

„ -Roggen 

„ -Wicken 

Grünmais 

GrUnraps 

Hopfenranken (frisch) 

Klee, Bastard- 

„ Hopfen- 

„ Inkarnat- 

„ Roth- 

„ Weiss- 

„ Wund- (kurz vor der Blüthe) 

Luzerne 

Mohär (blühend) 

Süssgräser, div. (blühend) . . . . 

Timotheegras 

Wiesengras 

Zuckermohrhirse 

YII. Heu. 
Heu von Bastardklee 

„ „ Esparsette 

„ „ Hopfenklee 

„ „ Inkarnatklee .... 

„ „ Luzerne 

„ „ sumpfigem Moorboden . 

„ „ Mohär 

„ „ Rothklee 

„ ,. Spörgel 



landwirthschaftlichen Culturpflanzen. 



225 





In 


100 Theilen der 


Trockensubstanz 


sind enthalten 






So 




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5 


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CS 


1 




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S '^ 


^ 


4,79 


0,922 


0,103 


0,411 


0,130 


0,050 


0,246 


0,130 


2,701 


0,12(1 


5,37 


0,733 


0,074 


0,309 


0,133 


0,0:J3 


0,258 


0,132 


3,625 


0,090 


5,25 


0,746 


0,S19 


1,S51 


0,440 


0,079 


0.320 


0,391 


0,431 


0,25b 


6,41 


4,156 


0,151 


0,794 


0,699 


0,030 


0,317 


0,144 


0,033 


0,117 


9,50 


0,903 


0,029 


0,22^ 


0.238 


0,047 


0.699 


0,210 


7,049 


— 


13,95 


1,097 


0,134 


1,475 


0,180 


0,208 


0,284 


0,426 


10,072 


0,095 


8,31 


0,534 


0,342 


0,461 


0,171 


0,121 


0,155 


0,404 


5,879 


0,096 


6,22 


1,754 


0,343 


1,745 


0,372 


0,098 


0,516 


0,389 


0,572 


0,551 


2,16 


1,027 


0,0S0 


0,421 


0,172 


0,005 


0,131 


0,055 


0,111 


0,048 


0,52 


0,265 


0,007 


0,019 


0,023 


0,001 


0,024 


0,011 


0,148 


0,028 


9,65 


0,60S 


0,031 


0,404 


0,132 


0,022 


0,648 


0,015 


7,952 


0,050 


8,42 


1,353 


0,509 


4,177 


0,477 


0,120 


0,393 


0^834 


0,110 


0,518 


10,00 


0,160 


0,15S 


0,101 


0,96 


0,054 


0,186 


0,092 


8,971 


— 


10,73 


0,9S1 


0,192 


0,202 


0,136 


0,040 


0,461 


— 


8,715 


— 


6,76 


2,365 


0,546 


1,295 


0,819 





0,996 


0,233 


0,099 


0,529 


7,49 


. 2,7S6 


0,276 


1,S76 


0,761 


0,064 


0,820 


0,615 


0,096 


0.242 


. 5,50 


1,566 


0,1S0 


2,016 


0,357 


0,063 


0,547 


0,167 


0,439 


0.211 


8,12 


3,354 


0,2S9 


0,532 


0,248 


0,057 


0,689 


0,339 


2.240 


0,344 


.h^ 


0,63 


0,01 


0,12 


0,05 


— 


0,24 


0,02 


0,52 


— 


10,05 


3,393 


0,677 


2,736 


0,642 


0,096 


1,282 


0,341 


0,589 


0,365 


6,00 


2,160 


0,269 


0,S07 


0,686 


0,163 


0,652 


0,216 


0,867 


0,461 


8,10 


2,6SS 


0,269 


1,2S2 


0,322 


0,095 


0,909 


1,131 


0,384 


0,595 


. 4,85 


1,360 


0,196 


1,49S 


0,324 


0,043 


0,523 


0,158 


0,410 


0,440 


4,76 


1,317 


0,145 


1,619 


0,595 


0,018 


0,484 


0,196 


0,189 


0,260 


6,45 


2,014 


0,527 


1,7S7 


0,544 


0,085 


0,529 


0,258 


0,223 


0.571 


6,08 


1,403 


0,517 


1,921 


0,370 


0,120 


0,428 


0,154 


0,988 


0,216 


6,83 


2,196 


0,139 


2,406 


0,744 


0,072 


0,674 


0,206 


0,162 


0,266 


7; 16 


1,207 


0,53S 


2,313 


0,715 


0,173 


1,007 


0,582 


0,303 


0,262 


6,69 


1,430 


0,151 


3,904 


0,267 


0,068 


0,512 


0,124 


0^82 


0,063 


7,46 


l,S34 


0,153 


3,146 


0,393 


0,103 


0,657 


0,442 


0,453 


0,257 


6,95 


2,51S 


0,109 


0,720 


0,640 


0,063 


0,405 


0,250 


1,943 


0,359 


7,01 


2,0S0 


0,257 


0,510 


0,204 


0,098 


0,592 


0,260 


2,641 


0.367 


7,24 


2,3S0 


0,171 


0,521 


0,224 


0,061 


0,842 


0,206 


2,573 


0.24b 


6,02 


1,53S 


0,265 


1,007 


0,380 


0,075 


0,482 


0,275 


1,626 


0.435 


6,50 


1,821 


0,SS7 


0,612 


0,269 


0,064 


0,388 


0,220 


1,833 


0,500 


4,76 


1,317 


0,145 


1,619 


0,595 


0,018 


0.484 


0,196 


0,189 


0,260 


5,50 


1,566 


0,1S0 


2,016 


0,357 


0,063 


0,547 


0,167 


0.439 


0.211 


6,45 


2,014 


0,527 


1,787 


0,544 


0,085 


0,529 


0,258 


0,223 


0.571 


6,08 


1,403 


0,517 


1,921 


0,370 


0,120 


0,428 


0,154 


0,988 


0.216 


7,46 


1,S34 


0,153 


3,146 


0,393 


0,103 


0^657 


0,442 


0.453 


0.257 


7,11 


2.060 


0,574 


0,471 


0,333 


0,183 


0,533 


0,267 


2,357 


0,452 


6,95 


2.51S 


0,139 


0,720 


0,640 


0,063 


0,405 


0,250 


1,943 


0,354 


6,83 


2,196 


0,139 


2,406 


0,744 


0,072 


0,674 


0,206 


0,162 


0,266 


6,76 


2,365 


0,546 


1 ,295 


0,819 


— 


0,996 


0,233 


0,099 


0,529 



V. Gohren, Ackevbauchemie. 



15 



226 



Tabelle über den Aschengehalt der 



Bezeichnuno; der Stoffe. 




Trockensubstanz (org.u. 
anorg.) im Ganzen 






Heu von Süssgräsern 

„ „ Weissklee 

„ .. Wundklee 

Wiesenheu 

VIII. Blätter toh Holzpflanzen'). 

Buche, Roth- 

Buche, Weiss- (abgestorben) .... 

Eiche, Stiel- (abgestorben) 

Kastanie, Ross- (Frühjahr) . . . . . 

„ (Herbst) 

Maulbeerbaum 

„ (getrocknet) 

Nadein, Kiefer- (Herbst) 

„ Fichten (desgl.) 

Nussbaum (Frühjahr) 

(Herbst) 

Olivenbaum 

Rhus Toxicodend. (Sumach) .... 
IX. Streumaterial. 

Besenpfriemen 

Binsen 

Farrenkraut 

Haidekraut 

Riedgräser 

Rohrschilf 

Schachtelhalm 

Seegras 

Simsen 

X. Obst und Beeren. 

Aepfel 

Birne (rothe süsse) 

Birne, Blut- 

Birne, Kaiser- 

Erdbeeren 

Kirschen (süss) 

Kirschen (sauer) 

Pflaumen 

Stachelbeeren 

XI. Holzpflauzeu. 

Buchen, einjährige 

Fichten, einjährige 

„ zweijährige 

,, vierjährige 

Kiefern, einjährige 



14,3 
16,7 
16,7 
14,3 



60 

70 
60 
65,0 

55 
55 
70 
60 
60 
60 

84 
86 
84 
80 
86 
82 
86 
82 
86 

83,0 
83,5 

83,8 
81,4 

87,2 
79,2 

80,5 
87.0 
86,0 



78,5 
80,.3 



28,0 



84,6 
90,2 



36,0 



1) Der Wassergehalt ist durchschnittlich zu OO'^/q angenommen, thatsächlich 
frischen Substanz gefunden. Letztere bestand aus den Blättern und den grünen, 



landwirthschaftlichen Culturpflanzen. 



227 





In 


00 Theilen der 


Trockensubstanz 


sind enthalten 






1 2 




s 

3 1 




o 


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3 


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M 


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•^ i 


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xn 


o 


7,01 


2,0^0 


0,257 


0,510 


0,204 


0,098 


0,592 


0,260 


2,641 


0,367 


7,16 


1,20- 


0,538 


2,313 


0,715 


0,173 


1,007 


0,582 


0,303 


0,262 


6,69 


1,430 


0,151 


3,904 


0,267 


0,068 


0,512 


0,124 


0,182 


0,063 


6,02 


1,53S 


0,265 


1,007 


0,380 


0,075 


0,482 


0.275 


1,626 


0,435 


1,8* 


0,10 


0,01 


0,90 


0,12 





0.0^ 


0.07 


0,68 


0,07 


6,88 


0,207 


0,043 


3,108 


0,408 


0,072 


0.285 


0,250 


2,318 


0,027 


4,90 


0,164 


0,030 


2,383 


0,194 


0,030 


0,396 


0.217 


1,517 


— 


2,1* 


0,S3 


— 


0,46 


0,08 


— 


0,50 


0,13 


0,06 


0,08 


3,0* 


0,59 


— 


1,22 


0,24 


— 


0,25 


0,05 


0,42 


0,12 


3,8* 


— 


0,74 


0,89 


0,18 


0,04 


0,33 


0,01 


1,27 


0,001 


12,8* 


2,&8 


0,17 


4,26 


0,64 


— 


0,66 


0,25 


4,05 


2,20 


3,50 


0,197 


0,059 


1,163 


0,203 


0,222 


0,198 


0,080 


1,196 


0,049 


5,82 


0,105 


0,015 


0,773 


0,099 


0,193 


0,258 


0,116 


4,117 


0,016 


2,3* 


0,90 


— 


0,62 


0,11 


— 


0,49 


0,06 


0,03 


0,01 


2,8* 


0,76 


— 


1,53 


0,28 


— 


0,11 


0,08 


0,06 


0,02 


2,6* 


0,64 


— 


1,46 


0,13 


— 


0.09 


0,08 


0,09 


— 


3,2* 


0,S0 


— 


0,69 


0,20 




0,37 


0,12 


0,22 




1,81 


0,645 


0,040 


0,289 


0,213 


0,084 


0,151 


0,059 


0,168 


0,026 


5,59 


2,205 


0,365 


0,421 


0,356 


0,199 


0,504 


0,156 


0,786 


0,735 


6,76 


2,405 


0,273 


0,830 


0,469 


0,111 


0,553 


0,235 


1,379 


0,533 


2,08 


0.26S 


0,137 


0,447 


0,195 


0,085 


0,140 


0,085 


0.617 


0,050 


6.9* 


2,31 


0,51 


0,37 


0,29 


— 


0.47 


0,23 


248 


0,39 


4,47* 


8,33 


0,028 


0,406 


0,130 


0,079 


0,276 


0,067 


2,436 


0,162 


20,4* 


2,70 


O.Ol 


2,56 


0.47 


— 


0,41 


1,29 


11,0 


1,17 


14,91 


1,935 


3.322 


2,031 


1,215 


0.115 


0,468 


3,210 


0,309 


2,672 


5,59 


2,205 


0,465 


0,421 


0,356 


0,199 


0,504 


0,156 


0,786 


0,735 


1,44 


0,514 


0,376 


0,059 


0,126 


0,020 


0,196 


0,088 


0,062 




1,97 


1,077 


0,108 


0,157 


0,103 


0,020 


0,299 


0,112 


0,029 


— 


3,40 


0,716 


0,968 


0,483 


— 


0,200 


0,470 


0,107 


0,410 


0,048 


\ 2,20 
1,82 


1,141 


0,048 


0,164 


0,120 


0,044 


0,351 


0,112 


0,199 


0,030 


1,078 


0,010 


0,183 


0,099 


0,058 


0,275 


0,070 


0,043 


— 


3,39 


1,310 


0,336 


0,414 


0,198 


0,155 


0,667 


0,200 


0,087 


0,025 


2,62 


0,529 





0,904 


0,172 


0,143 


0,323 


0,206 


0,209 


— 


3,07 


0,658 


— 


0,104 


0,171 


0,150 


0,571 


0,237 


0,154 


— 


2,54 


0,555 


— 


0,731 


0,159 


0,125 


0,392 


0,145 


0,296 


— 


2,58 


0,495 


— 


0,791 


0,141 


0,133 


0,415 


0,156 


0,282 


— 


2,44 


0,638 


— 


0,450 


0,148 


0,229 


0,467 


0,168 


0,303 


— 



■wurde er bei diesen als Futter ver'wendbaren Laubarten z'wischen 51 — 60% der 
weichen Z-weigspitzen. 

15* 



228 Die anorganischen Bestandtheile der Pflanzen. 

Aus diesen Tabellen und sonstigen Analysen ergibt sich, dass 
folgende Elemente überhaupt in den Pflanzenaschen gefunden wurden: 

Von Metalloiden ausser Kohlenstoff und Sauerstoff: Schwefel, 
Phosphor, Arsen, Silicium, Titan, Bor, Chlor, Brom, Jod 
und Fluor. Von Metallen: Kalium, Natrium, Lithium, Rubi- 
dium, Magnesium, Calcium, Barium, Strontium, Eisen, Alu- 
minium, Zink, Mangan, Cobalt, Nickel und Kupfer, 

Die gesperrt gedruckten Elemente fehlen in den Pflanzen fast 
nie, die anderen kommen nur höchst selten in berücksichtigungs- 
werther Menge vor. 

Welche von diesen Elementen, so war zunächst zu fragen, 
sind für die Pflanzen unentbehrlich, welche nützlich, welche ent- 
behrlich? Ferner: in welcher Form werden die Elemente von der 
Pflanze aufgenommen und in welcher Form finden sie sich in der 
Pflanze? Welche Functionen erfüllen sie in der Pflanze? 

Zur Erledigung dieser Fragen hat die Wassercultur - Methode 
ganz unschätzbare Dienste geleistet. Aus den zahlreichen, in dieser 
Richtung angestellten Versuchen hat sich ergeben, dass ausser 
Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff von den Metalloiden 
Schwefel und Phosphor und von den Metallen Kalium, Cal- 
cium, Magnesium und Eisen zur Bildung organischer Materie 
absolut nothwendig sind. Fehlt eines dieser Elemente , so sind 
die anderen wirkungslos, keines von ihnen kann von einem anderen, 
wenn auch in chemischer Beziehung ihm noch so nahe stehenden, 
vertreten werden. Diese Elemente sind also mit Rücksicht auf ihre 
Uuentbehrlichkeit für das Pflanzenleben gleichwerthig. 

Die anderen regelmässig aufgefundenen Aschenbestandtheile : 
Silicium, Chlor und Natrium können wohl nicht als absolut unent- 
behrliche Bestandtheile aller Pflanzen angesehen werden, denn es 
gelingt auch ohne sie vollkommen, den physiologischen Kreislauf 
normal abschliessende Pflanzen zu erziehen, wohl aber kann nicht 
in Abrede gestellt werden, dass ihnen unter Umständen Functionen 
zukommen, die für die gedeihliche Entwickelung der Pflanzen nicht 
unwesentlich sind. 

Seltener als die vorgenannten Elemente finden sich Jod, Fluor, Alu- 
minium und Mangan und noch seltener die übrigen oben aufgezählten. 

Gehen wir sie einzeln durch. 

Schwefel ist für die Pflanzen unentbehrlich und wird nur 
in Form neutraler schwefelsaurer Salze aufgenommen; die sauer- 
stoffärmeren Schwefelverbindungen und freier Schwefel, sowie die 
Schwefelmetalle sind den Pflanzen schädlich. Der Schwefel wird 
besonders benöthigt zur Bildung schwefelhaltiger Älbuminate und 
ätherischer Oele. 



Die anorganischen Bestandtheile der Pflanzen. 229 

Phosphor ist gleich dem Schwefel unentbehrlich nud in 
Form phosphorsaurer Salze assimilirbar; er wird zur Bildung 
der Albiiminate und phosphorhaltiger Oele verwendet. 

Das Silicium, welches man früher als für die Pflanzen un- 
entbehrlich ansah, ist nach neueren Untersuchungen als entbehrlich, 
wenn auch in vielen Beziehungen als nützlich, erkannt worden. Es 
findet sich namentlich in jenen Pflanzentheilen , in welchen kein 
reger Stoffwechsel mehr stattfindet (ältere Zellhäute) und in solchen, 
welche zum Schutze anderer Pflanzentheile dienen (Spelzen, C4ran- 
nen, Rinden). Gräser, Schachtelhalme und gewisse einzellige Algen 
sind sehr reich an Einlagerungen von Kieselsäure, in welcher Ver- 
bindung das Silicium in den Pflanzen auftritt und auch von ihnen 
aufgenommen wird.'j 

Chlor findet sich regelmässig in den Pflanzen, üeber seine 
Nothwendigkeit oder Entbehrlichkeit sind zwischen den Agricultur- 
Chemikern (Knop, Nobbe) lebhafte Controversen geführt worden. 
Für die normale Entwickehiug einzelner Pflanzen (z. B. Buch- 
weizen) scheint die Gegenwart des Chlor allerdings Bedingung; 
man vermuthet, dass es zur Löslichmachung der Stärke in den 
Blättern behufs Wanderung functionire, und unter gewissen Verhält- 
nissen kann das Chlor daher wohl auch nothwendig, mindestens 
nützlich sein. Das Chlor wird den Pflanzen am besten in Form 
von Chlorkalium, Chloruatrium , Chlorammonium, minder vortheil- 
haft als Chlorcalcium und Chlormagnesium dargeboten. Bemerkens- 
werth für die Function des Chlor ist, dass Chlorzufuhr in den Düngun- 
gen den Gehalt der Feldfrüchte an Zucker und Stärke vermindert. -) 

Das Kalium wird in den Pflanzen vornehmlich als organisch 
saure Kaliverbindungen gefunden; dargeboten wird es ihnen am" 
vortheilhaftesten als salpetersaures, schwefelsaures, phosphorsaures, 
salzsaures und kieselsaures Kali, nicht gut als kohlensaures Kali. 
Eine gewisse Beziehung zwischen dem Kalium und den Kohle- 
hydraten in den Pflanzen ist unverkennbar. Ohne Kalium wächst 
eine Pflanze nicht. 

Das Natrium, so constant es auch in den Pflanzenaschen 
gefunden wird, ist entbehrlich. Vorgefunden und aufgenommen wird 
das Natrium in denselben Formen und Verbindungen wie das Kalium. 

Calcium ist für die Pflanzen nothwendig; es findet sich in 
denselben theils als anorganisches, besonders schvvrefelsaures oder 
kohlensaures, theils als organisches, namentlich oxalsaures Kalk- 

1) Die Humusbestandtheile des Bodens scheinen stark an der XJeberführung 
der Kieselsäure in die Pflanze betheiligt. 

2) Peligot bezweifelt, gestützt auf neuere Versuche, die Beziehung zwi- 
schen Zuckergehalt und Chlorüren. 



230 Die anorganischen Bestandtheile der Pflanzen. 

salz. Die beste Form für die Assimilation ist die kohlensaure, 
phospliorsaure , salpetersaure und schwefelsaure Verbindung. Bei 
der Bildung der Blattorgane scheint dem Calcium eine wichtige 
Function zuzukommen. 

Gleich dem Calcium ist das Magnesium ein unentbehrlicher 
Pflanzenbestandtheil und wird in denselben Formen und Verbin- 
dungen, wie das Calcium, gefunden und auch am besten dargeboten. 
Das Magnesium scheint in gewissen Relationen zu dem Phosphor 
und den Albuminaten in den Pflanzen zu stehen. 

Die Form, in welcher das für alle Pflanzen unentbehrliche 
Eisen in denselben vorkommt, ist noch nicht bekannt; dargeboten 
wird es ihnen am vortheilhaftesteu als phosphorsaures Eisenoxyd. 
Seine Hauptfunction scheint bei der Bildung des Chlorophylls zu sein. 

Jod und Fluor sind für die landwirthschaftlichen Cultur- 
pflanzen von geringerer Bedeutung, ebenso das Aluminium und 
Mangan. Jod findet sich am meisten in den Seepflanzen, Fluor 
in den Getreidearten, Aluminium in verschiedenen Lycopodiaceen 
und Flechten, Mangan, das übrigens weit verbreitet, wenn auch 
in geringen Mengen vorkomnt, besonders in den Waldbäumen. So 
enthalten nach Leclerc 100 Th. Asche von der Weissbuche 7,454, 
von der Rothbuche 5,307, von der Eiche 1,4SS Th. Manganoxyd. 
Die geringste Menge enthält die Reisasche, nämlich 0,0010 o/o. 

Brom, Bor, Strontium, Barium, Lithium, Rubidium, Titan, Arsen, 
Blei, Zink sind, wenn sie auch hie und da in der Asche gefunden 
werden, für die Pflanzen von keiner Bedeutung. 

Vergleicht man die Asche von grünen Pflanzen mit jener von 
Pilzen, so ergibt sich (Cailletet), dass die Zusammensetzung der 
■Pilzaschen einfacher ist, als die der grünen Gewächse. Kieselsäure 
findet sich in der Pilzasche gar nicht, ebenso wenig Eisen, ferner 
ist sie arm an Kalk und Magnesia, hingegen sehr reich an Alkalien 
und Phosphorsäure (siehe Tabelle). 

Das Studium der Aschenanalysen führt uns aber zu noch 
mehreren bemerkenswerthen Thatsachen. Auffällig sind vor Allem 
die grossen Schwankungen in den Mengen der Gesammtaschen und 
der einzelnen Aschenconstituenten einer und derselben Pflanze. 
Folgende wenige Beispiele mögen als Beleg dienen. 

Beim Wiesengras resp. Wiesenheu hat man Schwankungen in 
der Reinasche von 2,10 — 11,30 0;0, im Kaligehalt von 7,63 — 56,58 ^lo, 
im Natron von 0,30—13,78 o/o, im Kalk von 8,38—32,70 O/o , in 
der Magnesia von 2,52 — 16,65 ^jo, im Eisenoxyd von 0,13 — 4,92 o/o, 
in der Phosphorsäure von 4,61 — 21, 31 o/o, in der Schwefelsäure 
von 0,65 — 8,64 0/0, in der Kieselsäure von 10,44 — 63, 21 o/o ^ im 
Chlor|von 1,88 — 21,39 o/o. Beim Sommerweizen finden sich Schwan- 



Die anorganischen Bestandtheile der Pflanzen. 231 

kungen: Reinasche 2,99—6,09 o/o, Kali 10,05—43,40 Oq, Phosphor- 
saure 3,40 — 6,40 o/o; bei dem Gerstenstroh : Reinasche 2,97 — 6,80 o/o, 
Kali 10,76—44,46 0;o, Phosphorsäure 2,20—7,20 o o ; bei der Erbse: 
Reinasche 3,39 — 6,80 o o , Kali 9,34 — 35,85 Oyo ; Phosphorsäure 
3,34 — 8,15 0o; beim Leinsteugel: Reinasche 2,06 — 4,44 o/u ; Kali 
9,70—45,95 0/0, Phosphorsäure 9,03— 29, 6u o/„ , bei der Kartoffel: 
Reinasche 2,20—5,80 o o, Kali 43,95—73,61 o o, Natron 0—16,93 o/o, 
Phosphorsäure 8,39 — 27,14 Oq u. s. w. 

Diese Zahlen beweisen , dass die Pflanzen die Fähigkeit be- 
sitzen, unter Umständen grössere oder geringere Mengen anorgani- 
scher Bestandtheile in sich aufzunehmen und abzulagern. Vor 
allen influiren Boden, Witterung und Düngung auf die Menge und 
Zusammensetzung der Pflanzenaschen. 

Den Einfluss des Bodens mögen folgende Analysen illustriren : 

Gut t'edeihende Schlecht gedeihende 



Phosphorsäure 
Kieselsäure 


Strandkiefer 
(Kieselboden) 
9,00 
9,18 


Strandkiefer 
(Kalkboden) 

9,14 

6,42 


Kalk 




40,20 


56,14 


Eisenoxyd 
Magnesia 




3,83 
20,09 


2^07 
18,80 


KaU 




16,04 


4,95 


Natron 




1,91 


2,52 




100.25 


100,04 


engehalt in 


Proc. 


1,32 


1,535 



Die folgende von Röthe ausgeführte Analyse von kriechen- 
dem Günzel (Ajuga reptans) zeigt dies ebenfalls. Es enthielt die Asche 

ffeTvachsen 





auf Kalkboden 


auf Thonboden 


Kali 


37,312 


3b,3SS 


Natron 


0,000 


4,807 


Kalk 


23,734 


15,699 


Magnesia 


10,702 


5,433 


Eisenoxyd 


2,791 


1,695 


Manganoxyduloxyd 


Spur 


2,289 


Phosphorsäure 


5,460 


5,512 


Schwefelsäure 


3,629 


3,678 


Chlorkalium 


5,043 


0^000 


Kochsalz 


2,661 


2,781 


Kieselsäure 


8,606 


21,713 




100,000 


100,000 


Aschengehalt 


10,375 


9,456 



232 



Die anorranischen Bestandtheile der Pflanzen. 



Auch die Höhenlage des Bodens ist für den Aschengehalt der 
Pflanzen nicht gleichgiltig. R. Weber fand für Lärchennadeln und 
Bucheulaub, dass der Aschengehalt der Nadeln und Blätter aus 
höheren Regionen procentisch geringer war als aus tieferen. Er fand 
ferner, dass die Gesammtmenge der Reinasche in einer auffallen- 
den, umgekehrten Beziehung zu den Procenten an Kali, Phosphor- 
säure und Schwefelsäure stand. 

Zahlreich sind die Analysen, welche den Einfluss der Witte- 
r u n g und Düngung auf den Aschengehalt der Pflanzen beweisen. 
Als Beispiel seien aus reichem Material einige Aschenanalysen von 
Rothklee herausgegriffen: 



Ohne Gyps 



Günstige 
Witteruns: 



Ungunst. 
"Witterung 



Mit Gyps 



Günstige 
Witterung 



Ungunst. 
Witterung 



Eeinasche . 
Kali . . . 
Natron . . 
Kalk . . . 
Magnesia 
Eisenoxyd . 
Phosphorsäure 
Schwefelsäure 
Kieselsäure . 
Chlor . . 

Dass die 
Pflanzengr 



10,5 

23.6 

1,2 

28,5 
7,6 
1,2 
9,7 
3,9 

20,2 
4,1 



8,S 

29,4 

2,9 

33,2 

7,3 

0,6 

7,1 

3,1 

13,1 

3,3 



5,4 
35,4 

0,9 
29,4 

6,7 
1,0 
9,0 
3,4 
10,4 
3,8 



5,6 
34,7 
■ 0,3 
36,7 
10,2 

8,2 
3,2 
3,7 
3,0 



Zusammensetzung der Aschen der verschiedenen 
ppen ziemlich schwankt, ist begreiflich. Nach 



Johnson stellen sich 


etwa folgende Durchschnittszahlen hei 


aus: 


! 


Al- 
kalien 


Mag- 
nesia 


Kalk 


Phos- 
phor- 
säure 


Kiesel- 
säure 


Schwe- 
fel- 
säure 


Chlor 



30 
13—27 


12 

3 


3 

7 


46 

5 


2 

50—70 


2,5 
2,5 


44 
27—41 


7 
7 


5 

25—39 


35 

8 


1 
5 


4 
2— 6 


60 
37 


3— 9 
3—16 


6—12 
10—35 


S— 18 
3— S 


1— 4 
o 


5-12 
6—13 


33 


4 


8 


8 


35 


4 



Körnerfrüchte : 
Körner (ohne Hülse) . . 30 12 3 46 2 2,5 1 

Stroh 13—27 3 7 5 50-70 2 5 2 

Leguminosen: 

Körner 

Stroh 

Knollenfrüchte: 

Wurzeln 60 3—9 6—12 S— 18 1— 4 5—12 3— 9 

Kraut 37 3—16 10—35 3-8 3 6—13 5—17 

Gräser: 
in Blüthe .... 

Ebenso schwankt die Zusammensetzung der Asche der ver- 
schiedenen Organe ein und derselben Pflanze. Bei der Ross- 
kastanie erhielt z. B. Wolff folgende Zahlen: 



Die anors;aiiisc]ieii Bestandtheile der Pflanzen. 



233 



Eein- 

asclie 



Kali 



Kalk 



Mag- 
nesia 



Phos- 
phor- 
Säure 



Schwe- 
fel- 



Kiesel- 
säure 



Chlor 



Reife Frucht : 
Mehlkern . . 
Braune Schale 
Grüne Schale 

Unreife Frucht 

Junge Rinde 

Junges Holz 

Junge Blätter . 

Blattstengel . . 

Blüthenstengel . 

Kelch und Frucht 
knoten . . 

Staubfäden . . 

BlUthenblätter . 



2,76 
1,38 
5,50 
3,70 
4,87 
0,80 
6,64 
11,13 
9,36 

5,18 
5,15 
4,78 



61,74 


11,46 


53,41 


16,69 


75,91 


8,81 


58,77 


9,93 


12,13 


76,84 


25,65 


42,96 


27,88 


29,25 


46,20 


21,68 


64,08 


9,29 


61,72 


12,26 


60,73 


13,77 


61,22 


13,62 



0,58 
2,39 
1,14 
2,24 
1,71 
4,S8 
2,61 
3,04 
1,31 

5,87 
3,09 
3,84 



22,81 


1,66 


0,19 


18,93 


3,62 


0,85 


5,28 


1,01 


0,57 


20,83 


3,66 


0,76 


6,04 


— 


1,13 


19,22 


— 


2,60 


22,36 


9,09 


4,90 


14,80 


3,76 


1,04 


17,08 


3,52 


0,73 


16,63 


3,73 


1,68 


19,52 


— 


0,74 


16,97 


— 


1,44 



2,01 
5,28 
9,72 
4,77 
2,79 
6,05 
5,04 
12,22 
5,13 

2,37 

2,78 
3,76 



Je nach äer Vegetationsperiode, in welcher die Pflanze, deren 
Asche untersucht wird , steht , sind die Resultate , wie nachfolgen- 
des Beispiel zeigt (nach Bretschneider), gleichfalls verschieden: 



Hafer. 




Ganze Pflanze (ohne 
"Wurzel) 
„ 19. Juni (im 4. bis 5. 
Blatt) . . 
„ 29. „ (Rispe hervor- 
tretend) . . 
„ 8. Juli (volle Blüthe) 
„ 28. „ (beginnende 
Reife) . . 
„ 6. Aug. (völlige Reife) 
Nackter Stengel 

„ 29. Juni 

8. Juli 

„ 28. „ 

6. Aug 

Blätterm. Blattscheide 
„ 29. Juni. . . . 
„ 8. Juli .... 



6. Aug. . . . 
Aehrchen mit Samen 
„ 28. Juli .... 
„ 6. Aug, . . . 



8,57 

5,96 

5,33 
5,40 

5,34 
4,76 
5.03 
5,05 



11,11 
10,14 
12,21 

11,37 

4,29 
4,42 



28,96 

29,30 
25,60 

25,90 
19,14 

31,48 
29,68 
36,97 
33,70 

20,82 

17,58 
10,09 

7,71 

15,89 
11,54 



6,40 

10,76 
8,67 

4,16 

5,28 

11,88 
9,43 
7,73 
8,86 

9,26 

7,81 
3,12 
2,76 

0,50 
2,04 



5,66 5,34 1,22 



5,46 
6,46 



4,680,08 
5,25 0,39 



5,19 4,98 
5,43 5,02 

3,964,12 



4,57 
3,99 
5,20 



5,07 
4,69 
4,23 



8,29 4,69 
9,49 5,48 
8,70 4,80 
9,69 4,63 



0,31 
0,39 

0,35 
0,50 
0,19 
0,26 

0,40 
0,52 
0,30 
0,39 



4,29 5,410,18 
4,08 6,79 0,40 



7,95 

7,46 
9,17 

9,61 
10,13 

11,09 

11,23 

6,31 

3,36 

5,07 
5,36 
3,16 

2,28 

16,87 
20,50 



5,57 

2,18 
2,46 

1,99 

3,89 

3,54 
2,06 
4,33 

5,23 

4,15 
3,46 
2,03 
2,67 

1,54 
2,42 



36,28 

36,61 
40,00 

45,57 

49,17 

30,76 
34,68 
31,15 
35,41 

46,40 
49,32 
67,18 
69,49 

54,60 
51,91 



3,39 

4,49 

2,59 

2,95 
2,00 

3,65 
8,59 
5,99 
4,20 

1,20 
1,27 
0,80 
0,49 

0,59 
0,42 



234 



Die anorganischen Bestandtheile der Pflanzen. 



Nicht ohne Einfluss auf die Menge und Beschaffenheit der an- 
organischen Bestandtheile ist der Gesundheitszustand der Pflanze. 
Freilich lassen sich aus den bisher vorliegenden vergleichenden 
Analysen kranker und gesunder Pflanzen noch keine weit tragen- 
den Schlüsse ziehen, immerhin dürften einige Beispiele Interesse 
bieten. 





o 








.2 


Si 


3 o 














n 










O tH 


S S-i 






ci 




3 




^ 


e 


Cj 3 


> S 


S fS 


^ 




a 


^ 






CC 


O '£o 




W "> 


o 




Q> 


^2 


t?: 


td 


S 


M 


P-i 


t/2 




O 



"Weizen 

Körner gesund . 

„ brandig . 

Stroh gesund . . 

„ brandig 

Erbsen 
(ganze Pflanze) 
gesund .... 
pilzkrank . . . 
Rothklee 
(ganze Pflanze) 
gesund .... 
befallen .... 

Kartoffeln 
gesund .... 
krank .... 



1,90125,81 
2.8026,69 
5,2S 15,49 
3,22115,03 



6,""' 
11,95 



7,65 

8,32 



23,36 
29,34 



31,35 
1T,S1 

63,25 
62,96 



2,68 
7,19 
3,14 
5,51 



1,49 
3,83 
3,50 
2,32 



10,56 19,41 
7,0S 28,46 



0,79 
1,20 



32,80 
38,39 

2,34 
1,51 



12,18 
11,65 



16,15 
10,43 



14,82 
20,34 

4,17 
2,99 



0,15 
0,05 
0,34 
0,32 



0,30 
0,80 



0,92 
1,56 

0,50 
1,05 



57,31 

50,00 

4,09 

10,39 



4,91 
7,01 



8,66 
9,27 

16,38 
16,71 



0.04 
0,31 
0,94 
0,50 



20,73 
13,46 



2,64 
3,S5 

4,71 
5,89 



0,39 

0,26 

72,46 

65,92 



0,92 
1,80 

3,64 
4,72 



0,04 



5,92 
4,42 



9,19 
7,84 

5,80 
5,38 



Bei diesen bedeutenden Schwankungen, die am extremsten in 
den saftigen Blättern und fleischigen Wurzeln, weniger im Stroh 
und noch weniger in den Samen hervortreten, liegt wohl die Frage 
nahe : Welches ist die normale Aschen Zusammensetzung 
einer Pflanze? Die Antwort darauf muss man leider noch schuldig 
bleiben.*) Thatsache ist, dass die Pflanzen Aschenbestandtheile in 
grösserer Menge enthalten können, als sie nothweudig haben. Da 
diese Luxusconsumtiou zum Theil wohl mit von der Bodenbeschafi'en- 
heit bedingt wird, so hat man sogar die Analysen der Pflanzenaschen 
als besten Anhaltspunkt zur Beurtheilung der Menge und Disponi- 
bilität der Bodensalze und als wesentliche Ergänzung der eigentlichen 
Bodenanalyse zu verwerthen in Vorschlag gebracht. 



II Einzelne "werthvolle Anhaltspunkte liegen ■n'ohl schon für die einstige 
Beant'wortung der Frage vor. So fand z. B. Petersen, dass der Hafer noch 
bei einer Gabe von 0,071 Grm. Phosphorsäure pr. Pflanze eine Maximalernte 
zu erzielen vermag. Der Gehalt der ganzen Pflanze an Phosphorsäure belief 
sich auf 0,3 °/o. 



Die organischen Bestandtheile der Pflanzen. 235 



2. Die organischen Bestandtheile der Pflanzen. 

Die Elemente: Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stick- 
stoff bilden nach ihren verschiedenen Vereinigungsarten die unend- 
liche Menge jeuer Stoffe, welche man als die verbrennlichen oder 
organischen Bestandtheile der Pflanzen bezeichnet. 

Nicht alle organischen Stoffe enthalten aber diese vier Ele- 
mente, manche deren nur drei oder zwei; andere wieder enthalten 
neben den genannten vier Elementen noch geringe Mengen von 
Schwefel, wohl auch von Phosphor. Der Kohlenstoff ist in ihnen 
aber stets vertreten. 

Die wichtigsten der organischen Bestandtheile der Pflanzen sind : 
Eiweissstoffe, Zellstoff, Stärkemehl, Gummi, Zucker, 
Pektinstoffe, Oele, Harze, Fette, Farbstoffe, Gerb- 
stoffe, organische Basen und organische Säuren. Diese 
organischen Stoffe bezeichnet man als die näheren organischen 
Pflanzenbestandtheile. Die Anhäufung derselben jin bestimmten 
Pflanzen bedingt die Cultur der letzteren. Sie kommen theilweise 
„organisirt" in den Pflanzen vor, d. h. sie zeigen eine besondere 
äussere, durch den Einfluss des Lebensprocesses bedingte Form, z. B. 
der Zellstoff, das Stärkemehl etc. Der Begriff organisch ist dem- 
nach von dem Begriff organisirt zu scheiden. 

Die quantitativen Untersuchungen über die näheren Bestand- 
theile der Pflanzen lassen noch viel zu wünschen übrig und bieten 
noch ein weites Feld für Vereinfachung und Präcisirung der Methoden. 

Wir müssen hier zunächst eines Pflanzenbestandtheils gedenken, 
den man weder zu den Aschenbestandtheilen noch zu den organi- 
schen Stoffen der Pflanzen rechnen kann und der doch die Haupt- 
masse einer jeden lebenden Pflanze bildet. Es ist dies das Was- 
ser, das wir schon als Bestandtheil des Bodens und der Luft 
kennen gelernt haben. Wenn auch alle Pflanzen Wasser enthalten, 
so wird die Menge desselben bei manchen ausserordentlich gross, so 
bei den Schwämmen, deren einige bis 96 '\o Wasser besitzen. 
Alle unsere Culturpflanzen enthalten über die Hälfte ihrer Substanz 
an Wasser, am meisten die krautartigen Pflanzen. Wird irgend 
ein Pflanzentheil von der Mutterpflanze getrennt, oder hört das 
Leben in einer Pflanze auf, so verdunstet der grösste Theil des 
Wassers und der pflanzliche Körper nimmt sehr bedeutend an Vo- 
lumen ab. Während z. B. das Kraut eines mit Kartofi'eln bestell- 
ten Feldes die ganze Oberfläche desselben bedeckt, trocknet es ab- 
geschnitten zu kaum erkennbarer Gestalt zusammen. Es ist in 
diesem Zustande „lufttrocken", enthält aber immer noch einige Pro- 
cente Wasser, welches sich erst verliert, wenn man eine höhere 



236 



Die orgranisclien Bestandtheile der Pflanzen. 



Temperatur als die der gewöhnlichen freien Luft zum Auftrocknen 
anwendet. Man nennt diese wasserfreie Pflanzensubstanz die 
„Trockensubstanz". Es enthält z. B. frisches Heu 69 ^jo, 
lufttrockenes 14 o/o Wasser, die Trockensubstanz des frischen Heus 
ist demnach 31 o/o- 

Bisher umfassen die meisten quantitativen Bestimmungen der 
Trockensubstanz nur Gruppen der näheren Bestandtheile von Pflan- 
zen. Man theilt zunächst die näheren Pflanzenbestandtheile in 
stickstoffhaltige und stickstofffreie. Die Gruppe der stickstoffhalti- 
gen Bestandtheile bezeichnet man häufig als Proteinstofife und, wenn 



Bezeichnung der Stoffe. 




Trockensubstanz 

(org. u. anorg.) 

im Ganzen 



I. Samen. 

Baumwolle , 

Bohnen (Sau-) 

Buchweizen 

„ tartarischer . . . . 

„ schottischer ... 

„ gewöhnlicher 

Dinkel imit Spelzen) . . . . , 

Erbsen 

Erbsen, Platt- 

Erdnuss , 

Eicheln (ungeschält, frisch) . . 
„ ( „ halbtrocken) , 

„ ( „ trocken) . , 

„ (geschält, trocken) . . . 

Gerste, Sommer- 

„ Winter- 

Hafer 

Hanf 

Hirse (geschält) 

Kastanien (Echte) . . . . . , 
„ (Ross-) 

Lein 

Leindotter 

Linsen 

Lupine, Gelbe 

„ Blaue ....... 

Madia 

Mais 

Mohn 

Eoggen 



8,7 




_ ' 


14,1 


85,2 


87,3 


13,2 


85.3 


87,0 


10.62 


— 





10,57 


— 


— 


9,57 


— 


— 


14,8 


• — 


— 


13,2 


83,1 


91,1 


14,0 


— 


— 


6,2 


— . 


■ — 


55,5 


44,0 


45,4 


63,2 


36,0 


37,7 


14,3 


— 


— 


16,7 


80,S 


85,7 


14,3 


80,9 


89,2 


14,3 


— 


— 


13,7 


83,6 


90,5 


12,2 





— 


13,1 


— 


— 


49,2 


— 


— 


49.2 


50,0 


82.0 


11,8 


87,7 


92,5 


7,5 


91,0 


94,3 


13,4 


— 


— 


12,7 


82,4 


90,6 


15,0 


78,0 


87,4 


7,4 


91,6 


93,7 


12,7 


85,6 


91,8 


14,7 


— 


, — 


14,3 


81,7 


88,2 



91,3 

85,9 

86.8 

89,38 

89,43 

90,43 

85,2 

86,8 

86,0 

93,8 

44,5 

36,8 

85,7 

83,3 

85,7 

85,7 

86,3 

87,8 

86,9 

50,8 

66,0 

88,2 

92,5 

86,6 

87,2 

85,0 

92,6 

87,3 

85,3 

85,7 



Die ormnischen Bestandtheile der Pflanzen. 



237 



man genauer sein will, als „Rohprotein". Man berechnet dessen 
Menge aus dem durch die Elementaraualyse gefundenen Stickstoff, 
indem man ungenauer Weise den Stickstoffgehalt der Protei'nstoffe 
in runder Summe mit 15,7 "^/o annimmt. 

Die stickstofffreien Pflauzenbestandtheile gruppirt man in die 
Unterabtheilungen: Fette (Rohfett) , stickstoöTreie Extractstoffe und 
Holzfaser (Rohfaser). 

Nachstehende Tabelle bringt von einer Anzahl von Pflanzen 
die analytisch ermittelte Zusammensetzung mit Zugrundelegung eben 
erwähnter Gruppirung. 



Einzelne organische Bestandtkeile der Trockensubstanz. 



Prote'instoffe. 


Fettsubstanz. 


stickstofffreie 
Extractstoffe. 


Eohfaser. 


^ 


^ 




^ 


g 


'S 'o 


p 


g 


'i3 


g 


p 


'? 'S 




1 


lä 


S 


1 


1^ 


^ 


1 


1^ 


% 


'S 


1^ 






22,8 






30.3 






14,4 






16,0 


22,8 


27,1 


25,1 


1,2 


2,0 


1,6 


43,5 


45,3 


44,5 


11,3 


12,6 


11,7 


2,6 


13,1 


7,8 


0,4 


2,7 


1,5 


52,1 


62,6 


58,0 


15,0 


40,2 


17,6 




— 


11,19 




— 




— 


— 


53,58 


— 


— 


20,01 


— 


— 


10,69 


— 


— 


— 


— 


— 


61,10 


— 


— 


14.96 


— 


— 


10,75 


— 


— 


— 


— 


— 


61,49 




— 


15,55 


— 


— 


10,0 


— 


— 


1,5 


— 


— 


51 




— 


16,5 


20,1 


24,2 


22,4 


0,8 


5,3 


3,0 


45,7 


59,9 


52,6 


3,6 


9,2 


6,4 


— 


— 


25,6 


— 


— 


1,9 


— 


— 


49,9 


— 


— 


5,4 


— 


— 


28,2 


— 


— 


41,2 


— 


— 


7,2 


— 


— 


13,9 


2,0 


2,1 


2,0 


1,5 


2,3 


1,9 


34,2 


36.5 


35,2 


4,3 


4,5 


4,4 


3,4 


4,0 


3,7 


2,8 


3,3 


3,0 


46,6 


49,3 


47,4 


6,1 


',8 


6,9 






5,2 




— 


4,0 


— 


— 


62,1 






12,2 


5,0 


6,3 


5,7 


3,6 


5,4 


4,4 


64,8 


69,9 


66,4 


4,6 


5,9 


5.1 


2,6 


27,1 


10,0 


1,4 


2,6 


2,3 


55,8 


76,3 


64,1 


2,6 




7,1 






9,0 




— 


2,5 


— 


— 


63,4 


— 


— 


8:5 


6,3 


21,4 


12,0 


3,9 


7,3 


6,0 


50,2 


71,8 


56,6 


4,1 


— 


9,0 




— 


16,3 


— 




33,6 


— 


— 


21 


— 


— 


12,1 


— 


— 


14,5 


— 


— 


3,0 


— 


— 


61,8 


— 


— 


6,4 


— 


— 


3,0 


— 


— 


2,5 


— 


— 


42,7 


— 


— 


0,8 


6,4 


6,9 


6,7 


1,4 


3,2 


2;6 


38,9 


65,3 


52,1 


2,9 


4,0 


3,5 


20,0 


24,4 


21,7 


31,04 


39,0 


37,0. 


9,0 


19,0 


17,5 


3,2 


18,0 


8,0 


23,5 


28,3 


25.9 


28,2 


30,0 


29,4 


12,2 


19,8 


17,3 


9,0 


11,5 


10,7 


— 




24,0 




— 


2,6 




— 


49.4 


— 


— 


6,9 


28,3 


39,2 


35,4 


4,0 


7,9 


5.3 


20,2 


36,4 


29,2 


12,2 


17,5 


13,8 


19,7 


35,9 


28,0 


1,8 


8,8 


5,3 


20,7 


43,8 


36,6 


8,9 


13,9 


11,9 


18,4 


22,9 


20,6 


36,5 


41,0 


38,8 


5,0 


7,5 


6,2 


18,0 


27,1 


22,5 


8,7 


12,6 


10,6 


3,5 


9,2 


6,8 


52,4 


71,6 


61.0 


3,9 


20,4 


7,6 




17,5 


— 




41,0 


— 


— 


15,5 


— 


— 


6,1 


8,8 


1 22,9 


11,0 


0,9 


2,8 


2,0 


59,4 


69,0 


67,2 


1 1,S 


10,1 


3,7 



238 



Die organischen Bestandtheile der Pflanzen. 



Bezeichnung der Stoffe. 





Trockensubstanz 

(org. u. anorg.) 

im Ganzen 



Reis (geschält) 

Serradella 

Sesam . . , 

Sonnenblumen 

Sorgho 

Spürgel, Riesen- 

Trespe 

Weizen 

"Wicken 

„ weisse 

„ graue 

„ gewöhnliche 

II. Wurzel und Knollen. 

Batate 

Kartoffel 

Kohlrabi - Knollen 

Kohlrübe 

Kürbis 

Möhre 

Möhre, Riesen- 

Pastinake 

Rübe, Futterrunkel- 

„ Körbel- 

„ Weiss- 

„ Zucker- 

Topinambour 

Turnips 

III. Kraut und Blätter der Wurzel- 
gewächse. 

Kartoffelkraut (abgewelkt) 

Kartoffelblätter, allein 

Kartoffelstengel, allein 

Kohl- Futter 

Kohlrabi 

Kraut, Weiss- 

Krautstrunk 

Rüben, Futterrunkel- . ^ 

„ Zucker- 

„ „ (eingesäuert) 

Moor- 



11,8 
14,6 

10,0 
4,6 

8,0 
13 

8,7 

13,27 

14,3 

13,6 

13,68 
14,36 
1 2.93 



83,0 

75 

86,7 

87,6 

94,5 

85,9 

87,0 

88,3 

88,0 

66,0 

9L5 

81,5 

80,0 

92,0 



11,1 
15,0 
15,0 

89,1 
85,7 
88,5 
82,0 
90,7 
89,0 
60.4 
80,7 



88,0 


92,9 


86,95 


92,64 


89,3 
86,0 


93,S 

88,0 


81,3 

84,2 


89,2 
91,0 


20,1 


29,3 


9,6 


15,3 


10,1 


20,8 


7,7 
31,6 

7,1 
10,2 
16,5 


24,0 
36,4 
13,9 

21,8 
20,9 


4,6 


15,0 


5,5 
13,3 


14,5 
15,0 


8,0 


10,0 


17,8 


23,5 



Die organischen Bestandtheile der Pflanzen. 



239 



Einzelne oro:anische Bestandtheile der Trockensubstanz. 



Proteinstoffe. 


Fettsubstanz. 


Stickstofffreie 
Extractstoffe. 


Rohfaser. 




i -a 






.xä 






_^ 






«■ 


g 


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s "^ 


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"3 


1 


|ä 


'3 


CS 





^ 


1 


-3 S 


"5 


CS 


p 


17,4 


27,4 


19,4 


36,8 


55,0 


45,u 


7,4 


12,4 


9,9 


5.3 


11,0 


10,0 




— 


7,5 


— 


— 


0,5 


— 


— 


76,0 


^ 


— 


0,9 


18,44 


25,38 


22,3 


5,00 


7,S6 


6.0 


31.09 


40,28 


37.2 


16,11 


29,37 


21,0 




— 


18,9 


— 


49,31 


37,0 


— 


— 


19,1 


— 


— 


11,7 


12,7 


13,3 


13,0 


21,0 


34,7 


23,6 


— 


— 


23.9 


— 


— 


28,5 


7,2 


11,0 


9,1 


2,4 


3,8 


3,1 


63,0 


73,0 


68 


3,2 


3,5 


3,4 




— 


18,0 




— 


11,5 


— 


— 


53,7 


— 




5,7 


8,78 


9,0 


8,90 


1.41 


2.S3 


2,10 


60,89 


65,83 


62.5 


4,5 


4,9 


4,7 


8,7 


24,1 


13,2 


1,0 


2,7 


1,6 


60,2 


74.5 


66,2 


0,7 


8,3 


3,0 


26,5 


28,6 


27,5 


1,2 


*> 7 


1,9 


46,5 


51,8 


49,1 


3,5 


6,7 


5,6 


— 


— 


27,81 








— 




48,03 


— 




6,87 





— 


29.06 


— 





— 


— 


— 


46,72 


— 


— 


6,22 


— 


— 


27,50 


— 





— 


— 


— 


47,80 


— 


— 


7,17 




_ 


h^ 


_ 


_ 


0,3 


_ 




13,8 


_ 


_ 


0,7 


1,0 


4,4 


2,0 


0,04 


0,8 


0,3 


16,3 


26,1 


20,7 


0,31 


'> 7 


1,1 






2,7 


— 




— 


— 


— 


8,6 


— 




0,8 


0,7 


1,7 


1,2 


— 


— 


0,1 


8,8 


9,2 


9,0 


— 


— 


1,1 






1,3 


— 


— 


0,1 


— 




2,1 


— 


— 


1,0 


0,5 


2,4 


1,3 


0,2 


0,s 


0,25 


5,9 


15,5 


9,6 


0,7 


3,4 


1,4 





— 


1.2 


— 




0,2 


— 


— 


9,6 






1,2 


— 


— 


1,6 


— 




0,2 


— 


— 


8,2 


— 


— 


1,0 


0,6 


2,6 


1,1 


O.OS 


0,6 


0,1 


3,9 


13,4 


9.0 


0,7 


4,5 


1,0 


2.6 


4,6 


3,6 


0,2 


0,4 


0,3 


24,7 


30,4 


27,6 


0,5 


1,5 


1,0 


0,8 


1,8 


1,0 


0,1 


0,2 


0,15 


3.7 


10,9 


5,8 


0,3 


1,0 


0,7 


0,6 


2,8 


h^ 




0,3 


0,11 


10,1 


17,9 


15,3 


1,0 


3,4 


1,3 


1,8 


2,2 


2,0 


— 


— 


0,5 


14,0 


15,9 


14,9 


1,3 


2,7 


1,6 






1,1 






0,1 






5,0 






1,0 


5,7 


12,9 


9,4 


1,2 


3,6 


2,4 


33.0 


38,6 


35.4 


22,7 


36,6 


31,1 


— 


— 


18,1 


— 


— 


— 


— 


— 


40,6 


— 


— 


12,8 


— 


— 


7,8 


— 


— 


— 


— 


— 


36,5 


— 


— 


32,5 


0,9 


2,8 


1,7 


— 


— 


0,4 


4,3 


9,9 


6,0 


0.5 


2,7 


1,6 


2,4 


2,8 


2,6 


— 


— 


0,8 


8,3 


9,0 


8,4 


0,8 


1,4 


1,1 




— 


1.5 


— 


— 


0,4 


— 


— 


5,9 


— 


— 


2,0 


— 


— 


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— 


— 


0,8 


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— 


12,1 


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— 


2,8 


1,4 


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2.0 


0,3 


0,5 


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2,9 


5,1 


4,1 


0,9 


2,4 


1,5 


— 


— 


2.2 


— 


— 


0,1 


— 


— 


4,6 




— 


1.9 


— 


— 


4,9 


— 


— 


1,5 


— 


— 


16,8 


— 


— 


12,8 


3,2 


3,8 


3,5 


0,6 


1,0 


0,8 

1 


7,0 


12,9 


9,2 


3,0 


3,4 


3,2 



240 



Die organischen Bestandtheile der Pflanzen. 



Bezeichnung der Stoffe. 




Trockensubstanz 

(org. u. anorg.) 

im Ganzen 



Topinanibourstengel, Kraut 



„ (abgewelkt) 
IV. Stroh Ton 



Bohnen, Sau- 

Dinkel, Winter- 

Erbsen 

Gerste 

Gerstenstroh mit Klee durchwachsen 

Hafer 

Hopfenranken 

Kleestroh von Samenklee . . . . 

Lupine 

Mais 

Raps 

Roggen, Winter- 

Weizen, Winter- 

Wicken 



Bohnen, Sau- . . . 

Dinkel 

Erbsen 

Gerste (Grannen) . . 

Hafer 

Lupinen 

Maiskolben (entkörnte) 

Roggen 

Raps 

Weissklee 

Weizen 

Wicken, Futter- . . 



Tl. €}rün- Futter. 

Ackerspörgel 

Bohnen, Sau- (Anfang der Blüthe) 

Buchweizen 

Distel : . . . . 

Erbsen 

Esparsette 

Flitter - Distel 



Y. Spreu und Schoten. 



16,0 
80,0 
16,0 



18,0 

14,3 
14,3 
14,3 
14,0 
14,3 
10,6 
15,0 
14,2 
14,0 
18,0 

14,3 
14,3 
14,3 



15,3 

14,3 

14,3 

14,3 

14,3 

14,3 

14,0 

14.3 

12,2 

11,14 

14,3 

14,3 



80,9 
87,3 
85,0 
86.7 

81,5 

78,5 
86,7 



78,0 



82,0 



82,0 

86,0 

84,9 



13,3 

20.0 



85,0 



Die orfranischen Bestandtheile der Pflanzen. 



241 



Einzelne oro:anisehe Bestandtheile der Trockensubstanz. 



Prote'instoffe. 


Fettsubstanz. 


Stickstofffreie 
Extractstoffe. 


Robfase 


r. 






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3,3 


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9:8 


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3,4 


— 


— 


4,23 


— 


— 


0,6 


— 


— 


52,7 


— 


— 


24,4 


3,3 


16,4 


9.9 


0,7 


2,2 


1,0 


16,9 


33,s 


29,7 


25.S 


41,7 


35,6 


— 


— 


2,0 


— 


— 


1.5 


— 


— 


28,7 


— 




48,0 


4,8 


10,1 


7.3 


1,5 


3,3 


2,0 


22,s 


39.S 


32,3 


33,6 


51,s 


39.2 


1,9 


5,4 


3,0 


1.1 


1.5 


1.4 


18,2 


45,5 


31,3 


34,4 


54,0 


45,6 


6,0 


9,1 


6.5 


1.7 


2,3 


2,0 


2S,3 


34.7 


32,5 


37.0 


39,7 


38.0 


1,3 


6,1 


2,5 


0,s 


5,1 


2,0 


24,9 


48.9 


35,6 


30,0 


50,2 


41,2 






5:5 


— 


— 


4,8 




67 


,2 




— 


— 


9,0 
4,9 
3,0 


— 


— 


2,0 
1,5 
1,1 


— 


— 


20,0 


— 


— 


4S.0 














— 





37,9 








40,0 


2,v 


4,6 


3.0 


1.0 


5.7 


1,5 


31,3 


34,0 


32,2 


37,5 


40.'. 


40,0 


1,5 


4,1 


2,0 


1,3 


2.5 


1,4 


25,6 


44.5 


35.0 


30.1 


54,9 


42,0 


1,4 


5,6 


2,0 


0,6 


2.0 


1,5 


26;7 


42,6 


35,0 


28.9 


52.4 


49.2 


6,2 


7,5 


7,0 




— 


2.0 


18,3 


37,9 


26.7 


3 O.S 


53.1 


44,0 


10,5 


10,7 


10,6 


1,0 


2.0 


1.5 


27,5 


29,5 


28,5 


35,1 


37.0 


36.1 


— 


— 


2,9 







1,3 


— 


— 


31.5 


— 


— 


41.5 


— 


— 


8,1 


1,0 


2.0 


1,5 


30,0 


36,6 


33.3 


22,7 


39,5 


36.8 


— 


— 


3,0 




— 


1.5 


— 


— 


37:2 


— 


— 


30.0 


— 


— 


4,0 


— 


— 


1,5 


— 


— 


82,2 


— 


— 


34,0 


— 


— 


2,7 


— 





2.5 





— 


44,7 


— 


— 


33.0 


— 


— 


1.4 


— 


— 


1,4 


— 


— 


42,6 


— 


— 


37.8 


3,5 


3,7 


3,6 


1,2 


l.S 


1,4 


28,0 


31,5 


29,7 


41,5 


46.6 


43.5 


3,3 


4,9 


4.0 


1.0 


3.1 


l.S 


37,1 


48,7 


40,6 


33,0 


43,0 


35.4 


— 


— 


18,35 


— 


— 


3.09 


— 


— 


36.83 


— 


— 


22.42 


3,3 


',4 


4,5 


1,4 


l.S 


1.5 


31.2 


53,9 


42,1 


20,3 


39,7 


30.7 


7,2 


15,7 


8,5 


1,0 


2.0 


1.5 


20,5 


42,3 


31,4 




49,6 


36.3 


0,9 


4,3 


2,3 


0,5 


0,S 


0.65 


4,3 


10,4 


8,2 


3,S 


8,0 


5,6 


— 


— 


2.S 


— 




0,3 








5.1 


— 




3,5 


1,5 


3,2 


2.4 


0,5 


0,s 


0:6 


5,1 


",4 


6:3 


4.2 


4.4 


4.3 






2,9 


— 




0.95 




— 


6,1 


— 


— 


1,4 


3,2 


3,9 


3,5 


— 


— 


0.6 


4.6 


10,5 


7,6 


3.0 


7,7 


5.4 


3,2 


4,3 


3.5 


0,6 


0.9 


0,7 


8.2 


10,s 


8.5 


5,S 


12,9 


7,6 






2.9 


— 


— 


0.95 


— 


— 


6.1 


— 


— 


1,4 



V. Gohren, Ackerbauchemie. 



16 



242 



Die organischen Bestandtheile der Pflanzen. 



Bezeichnung der Stoffe. 




Trockensubstanz 

(org. u. anorg.) 

im Ganzen 




Putter - Ginster 

„ Hafer 

Roggen 

„ Wicken 

Grünmais 

Grünraps 

Haidekraut, ganze Pflanze excl. Wurzel 

„ grüne Spitzen 

Hopfenranken (frisch) 

Klee, Bastard- 

„ Bokhara- 

„ Hopfen- 

„ Inkarnat- 

„ Eoth- 

,, Weiss- 

„ Wund- (kurz vor der Blüthe) . . 

Krappblätter, grüne 

Lupine 

Luzerne 

Mohär (blühend) 

Raygras, englisches* 

„ italienisches 

Senf, weisser 

Serradella 

Süssgräser, div. (blühend) 

Timotheegras 

Wiesengras 

Zuckermoorhirse 

VII. Heu. 

Baumlaub 

Cichorienblätter, Braunheu von . . . 

Grummet 

Klee (Braunheu) 

Heu von Bastardklee 

„ „ Bokharaklee 

„ „ Esparsette 

„ „ Futter-Roggen 

„ „ gelben Lupinen 

„ „ Hopfenklee 

,, Inkarnatklee 



51,5 


— 




81,8 


14,5 


23,0 


76,0 


20,4 


33,5 


82,ü 


15,7 


19,4 


82,2 


14,3 


23,2 


86,0 


13,0 


15.0 


45,0 


— 


— 


46,6 


— 


— 


53,0 


— 


— 


82,0 


13,0 


23,3 


87,5 


— 


— 


79,0 


20,2 


23,3 


82.0 


17.4 


18,5 


79,3 


14,7 


28,7 


80,2 


16,4 


20,3 


83,0 


— 


— 


83,80 


— 


— 


86,9 


10,0 


16,1 


75,3 


16,5 


30,1 


68,0 


19,0 


37,1 


73,4 


24,9 


28,3 


87,4 


— 


— 


82,0 


14,2 


20,0 


70,8 


22,0 


40,5 


68,1 


— 


— 


71,9 


12,4 


48,1 


76,2 


15,9 


26,0 


10,1 


85,7 


95,0 


31,3 


58,S 


85,0 


15,0 


79,S 


88,2 


16,2 




— 


16,7 


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. — 


12,0 


— 


— 


16,4 


83,3 


84,0 


9,5 


— 


— 


15,0 


— 


— 


16,4 


83,3 


84,0 


16,7 


— 


— 



Die mit * bezeichneten Reihen gelten für 100 Theile Trockensubstanz. 



Die organischen Bestandtheile der Pflanzen. 



243 



Einzelne organische Bestandtheile der Trockensubstanz. 



Proteinstoffe. 


Fettsubstanz. 


stickstofffreie 
Extractstoffe. 


Eohfaser. 




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4.0 


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6.5 


3,1 


3,6 


3,3 


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0,9 


0,75 


6,7 


14,0 


10,4 


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8,6 


7,9 


2,7 


4,7 


3,7 


— 


— 


0,6 


4,5 


7.3 


6.1 


3,9 


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6.0 


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2,0 


1,5 


0,4 


0,7 


0,55 


6,4 


15,3 


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3,0 


5,9 


4,7 


2,7 


3,1 


2,9 






0.6 




— 


4,5 


— 


— 


4,9 






3,4 


— 


— 


7,8 


— 


— 


22.6 


— 


— 


18,6 


— 


— 


4,2 


— 


— 


9.1 





— 


23,4 


— 


— 


14,7 


— 


— 


2,9 


— 


— 


2.5 




35 


,3 




2,4 


5,7 


3,3 


0,6 


0,7 


0,65 


5,5 


8,4 


6,5 


3,0 


16,4 


6,5 






2,9 


— 


— 


0,4 


— 




3,5 


— 


— 


3,6 


3,2 


5,7 


3,5 


0,8 


0,9 


0,85 


8,0 


10,0 


8,2 


6.0 


7,6 


6,9 


2,7 


3,0 


2,8 


0.6 


0,9 


0,7 


6.1 


7.4 


6,7 


3.8 


7,5 


6.2 


2,2 


6,2 


3,7 


0,7 


0,s 


0.75 


4,2 


15.1 


8,3 


3.7 


11,0 


6,5 


3,5 


4,5 


4,0 


0,s, 


0,9 


0,85 


7,2 


9,8 


8,0 


5,2 


6,0 


5,6 


— 




2,8 


— 


— 


0,42 


— 


— 


7.2 


— 


— 


5,3 


— 


— 


2,27 


— 


— 


2;05 


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4.60 





— 


3,31 


2,4 


3,4 


2.8 


0,2 


0,1 


0,3 


4,0 


7,3 


6,2 


1,4 


4,9 


2,8 


2,8 


7,2 


4,5 


0,5 


0,9 


0,7 


6,0 


14,4 


8,4 


3.5 


13,4 


9,3 


4,9 


5,9 


5,4 


— 


— 


1,5 


— 


— 


13,5 


4;o 


11,6 


9,2 


7,8 


27,9 


17,9 


2,0 


6,2 


3;6 


36.5 


48,3 


42,4 


17,7 


32,5 


25,6 


2,6 


4,6 


3,6 


— 


— 


1,00 


11,3 


12,9 


12,1 


4,8 


9,4 


7,1 


— 




3,3 


— 


— 


— 


-_ 


— 


3,5 




— 


3,8 


2,5 


3,6 


3,1 


— 


— 


0,4 


5.1 


7,0 


6,6 


5,0 


8,1 


6,6 


1,9 


4,0 


2,6 


0,3 


1.1 


0,70 


S,4 


15,4 


11,7 


7,0 


16,3 


12,1 






2,0 




— 


0.40 


— 


— 


13,6 




— 


13,9 


1,6 


6,0 


3,1 


0,3 


1,5 


0.8 


3,5 


22,8 


12,1 


3.12 


17.0 


10,0 


1,7 


3,1 


2,5 


1,4 


1,5 


1,45 


10,9 


19,2 


12,2 


5;4 


18,5 


6,8 


6,0 


15,1 


10,6 






4,2 


43,8 


68.2 


55,4 


11,3 


16,3 


14.5 


9,2 


13,0 


11,1 


2.3 


3,3 


2.8 


25,2 


36.6 


30,9 


18,2 


11.8 


10,0 


8,4 


18,4 


9,5 


2,3 


6,s 


3,1 


33,3 


49,7 


42,3 


19,0 


30.7 


23.5 


— 


— 


16.2 


— 





1,6 








35.4 


— 


— 


22.2 


— 


— 


15.3 


— 


— 


3,3 


— 


— 


25,9 


— 


— 


30,5 


— 


— 


14.0 


— 


— 


— 


. 


— 


31,5 


— 


— 


37,0 


12,8 


17,1 


13,3 


— 


— 


2,5. 


34,2 


34.7 


34.5 


— 


— 


27,1 


— 


— 


9,8 


— 


— 


2.9 


— 


— 


30,1 


— 


— 


40,3 


6,0 


18,7 


11,8 


— 


— 


2,9 


28,1 


31,2 


28,5 


25,9 


48,3 


35,5 


14,0 


14.0 


14,3 


3,2 


3,3 


3,25 


30,8 


33,2 


32,0 


26,2 


28,0 


27.1 


— 


— 


J 2,2 




— 


3,0 


— 


— 


27,1 


— 


— 


33,8 



16' 



244 



Die organischen Bestandtheile der Pflanzen. 



Bezeichnunff der Stoffe. 




Trockensubstanz 

(org. u. anorg.) 

im Ganzen 




Heu von Luzerne 

„ sumpfigem Moorboden 

„ Mohär 

„ Kothklee .... 

„ Serradella .... 

„ Spörgel 

„ Süssgräsern .... 

,. Weissklee .... 

,. Wickhafer .... 

„ Wundklee .... 

Eennthierflechte 

Waldgras* 

Wiesenheu 



VIII. Obst und Beeren. 



Aepfel 

Aprikosen . . . . 
Birne (rothe süsse) 
Birne, Blut- . . . . 
Birne, Kaiser- . . . 
Brombeeren . . . . 
Erdbeeren . . . . 
Heidelbeeren . . . 
Himbeeren . . . . 
Johannisbeeren . . 
Kirschen (süss) . 
Kirschen (sauer) . . 
Maulbeeren (scWarze) 
Mirabellen . . . . 

Pfirsiche 

Pflaumen 

Reineclauden . . . 
Stachelbeeren . . . 

Trauben 

Zwetschken . . . . 



IX. CJ-emüsepflanzeu (im frischen Zustande) 

A. S^Jrossen. 
Sprossen von Spargel ^ 

B. Gemüse (Kohlarten). 

Blumenkohl 

Butterkohl (ganze Pflanze) 



16,4 

1B,0 

13,4 
16,0 
16,0 

14,6 
14,3 
16,7 
16,7 
16.7 
9,5 

14,3 



83.0 
83,5 

83,5 
83,8 
81,4 
86,4 
87,2 
77,5 
86,2 
84,S 
79,2 
80,5 
84,7 
82,2 
80,7 
87,0 
80,3 
86,0 
78,9 
81,6 



92,040 



90,800 

86,960 



83,3 


87,5 


85,4 


88,7 


83.7 


90,1 


78,4 


87,1 


83,3 


84,7 


83,3 


87,5 



78,5 



80,3 



90,2 



Die oraranisclien Bestandtheile der Pflanzen. 



245 



Einzelne organische Bestandtheile der Trockensubstanz. 



Proteinstoüe. 


Fettsubstanz. 


Stickstofftreie 


Eohfaser. 












Extractstoffe. 










^ 






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-• 




1 ^ 


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1 




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1 


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1 


P 


13,1 


19,7 


14,4 


■1 Q 


3,S 


2,8 


20.0 


34.8 


25.7 


19.3 


40.0 ' 34.7 


6,S 


8,4 


7,6 


4,4 


4,0 


4,6 


26,6 


44,9 


35,7 


24.0 


41.5 


32,8 


7,0 


14,(3 


10,8 


2,0 


2,4 


2,2 


33,3 


41,2 


38.5 


26.> 


34.5 


29,4 


7,6 


18,3 


13,4 


1,4 


3.5 


3,2 


15,2 


48,1 


28,5 


18.8 


48,1 


33,3 


14,ü 


15,4 


14,9 


1,5 


1,9 


1,7 


27,7 


35,5 


31,6 


26,1 


33.9 


30,0 


7,s 


12.0 


10,4 


2.4 


3,2 


2,8 


26,0 


44,2 


36.6 


20.2 


35.1 


27,8 


5,2 


14,8 


9,5 


1.2 


3,2 


2,6 


32,6 


48,6 


39,1 


16,9 


33.6 


28,7 


7,7 


16,8 


14,9 


1,4 


3,7 


3,5 


30,8 


41,8 


33.9 


22,6 


25,6 


25,0 






12,6 


— 




2,3 








33.2 







28.0 


— 


— 


13,8 


— 


— 


2.5 


— 


— 


35,0 


— 


— 


25.-5 


— 


— 


2,6 


— 


— 


1,4 


— 


— 


72.1 


— 


— 


13.4 


8,2 


10,5 


9,5 


2,1 


2,S 


2,4 


41,4 


44,4 


43,0 


— 


— 


— 


7,2 


17,1 


8,5 


1,4 


5,6 


3,0 


22,6 


4S,2 


38,3 


24,0 


39,9 


29,3 






0,39 












13,3 






2.9 





— . 


0,54 


— 


— 




— 


— 


9,s 


— 


— 


5,4 


— 


— 


0,25 


— 


— 


— 


— 


— 


11,4 


— 


— 


4;6 


— 


— 


0,48 


— 


— 


— 


— 


— 


10,2 


— 


— 


5.1 


— 


— 


0,37 


— 


— 


— 


— 


— 


13.0 


— 


— 


4.7 





— 


0,51 


— 


— 


— 


— 


— 


7.0 


— 


— 


5.6 





- 


0,51 


— 


— 





— 





7,1 








5,0 


— 


— 


0,79 


— 


— 


— 


— 


— 


7,6 


— 


— 


13.1 





— 


0.5S 


— 


— 


— 


— 


— 


6,9 


— 


— 


5,6 


— 


— 


0,55 


— 


— 




— 


— 


8,3 


— 


— 


5,4 


— 


— 


0,95 


— 


— 




— 


— . 


13,1 


— 


— 


6,1 


— 


— 


0,S2 


— 


— 


— 


— 


— 


11,8 


— 


— 


6,2 


— 


— 


0,31 


— 


— 


— 


— 


— 


13,0 


— 


— 


1,2 





— 


0,19 


— 


— 


— 


— 


— 


9.9 


— 


— 


7,0 


— 


— 


0,46 


— 


— 


— 


— 


— 


10.2 


— 


— 


7,4 





_ 


0,45 


— 


— 


— 


— 


— 


7.5 


— 


— 


4.5 


— 


— 


0,43 


— 


— 


— 


— 


— 


14.8 


— 


— 


4:0 


— 


— 


0,41 


— 


— 


— 


— 


— 


9,5 


— 


— 


3.4 


— 


— 


0,72 


— 


— 


— 


— 


— 


15.8 


— 


— 


4.5 






0,80 












10,0 






5,6 


— 


— 


2,265 


— 


— 


0.314 


— 




3.272 


— 


— 


1,539 






2,829 


— 




0.208 






4.505 






0,935 


— 


— 


3,010 


— 


— 


0,540 


— 


— 


7,190 


— 


— 


1,200 



246 



Die ora-amsclien Bestandtheile der Pflanzen. 



Bezeichnunff der Stoffe. 




Trockensubstanz 

(org. u. anorg.) 

im Ganzen 



Krauser Grünkohl (ganze Pflanze) 
Rosenkohl „ „ 
Savoyer-Kohl „ „ 
Rothkraut „ „ 
Spitzkohl „ „ 
Weiss-Kraut „ „ 
Spinat 



C. Suppenkräuter. 

Petersilie 

{ Blätter 

Stengel 

Knollen 

I ganze Pflanze . . 
Gemeiner Lauch (ganze Pflanze) 
Gartenampfer 



Sellerie 



D. Salatkräuter. 
Krause Winter-Endivie . . . 
Gelbe "Winter-Endivie . . . 
Rapunzel 

(Blattparenchym 
Rippen . . . 
ganze Pflanze 



E. "Wurzeln und Knollen. 

Gemeine Möhre 

Rothe Rübe 

Schwarzer Sommer-Rettig .... 

"Weisser Sommer-Rettig 

Radieschen-'Wurzel 

Gemeiner Meerrettig 

Schwarzwurz 

Kohlrübe 

Stoppelrübe 

Teltowcr Rübe 

Weisser Kohlrabi (Knollen) ... 
Roth-Kohlrabi (Knollen) .... 
Batate 

F. Zwiebeln. 

Perlzwiebel , 

Blassrothe Zwiebel 

Knoblauch 



80,670 
85,000 
86,480 
90,064 
92,896 
91,661 
93,38 



85,05 

81,57 
89,57 
84,09 

84,57 

90,03 

92,18 



94,38 
93,88 
93,41 
93,94 
94,56 
94,14 



86,965 

87,070 
88^130 
85,080 
93,890 
73,850 
80,390 
89,390 
91,010 

81,570 
90,430 
85,970 
69,550 



70,180 
86,660 
64,660 



7,491 



9,186 



11,930 



5,690 



14,140 



6,530 



28,230 



32,670 



Die organisclien Bestandtlieile der Pflanzen. 



247 





Einzelne 


organische 


Bestandtlieile 


der Trockensubstanz 






Proteinstofle. 


Fettsubstanz. 


Stickstofi'freie 
Estractstoffe. 


Eohfaser. 


g 


S 


g'o 


. 


d 


'S '5 


-• 


.§" 'S'^ 


g 


s 


1'^ 




1 


1^ 


'3 


'B 


Wahr 
Mitt 




1 


1^ 




'x 










2.8S2 








0,762 








12,460 








1.818 





— 


5.543 


— 


— 


0.543 


— 


— 


6.126 


— 


— 


1,493 





— 


3,.510 


— 


— 


0,726 


— 


— 


6,590 


— 


— 


1,384 


— 


— 


1,826 


— 


— 


0.190 


— 


— 


5,864 


— 


— 


1,287 


— 


— 


IJTS 


— 


— 


0.235 


— 


— 


3,485 


— 


— 


1,013 


1,204 


1,534 


1,369 


0,12S 


0.136 


0,132 


4,547 


5,5^6 


5,066 


1,052 


1,206 


1,159 


— 


— 


2,189 


— 


— 


0,292 


— 


— 


2,436 


— 


— 


0,551 






3,657 






0.723 






7,439 






1.449 


— 


— 


4,639 


— 


— 


9.794 


— 


— 


9.128 


— 


— 


1.414 





— 


0,884 


— 


— 


0,336 


— 


— 


6.527 


— 


— 


1/239 





— 


1,480 


— 


— 


0.398 


— 


— 


11.789 


— 


— 


1,400 





— 


2,002 


— 


— 


0.465 


— 


— 


10.323; 


— 


— 


1.374 





— 


2,186 


— 


— 


0,351 


— 


— 


5,319 


■^ 


— 


1.152 


— 


— 


2,424 


— 


— 


0.479 


— 


— 


3-437 




— 


0.659 






2.179 






0,125 






1.^81 






0.610 





— 


1.347 


— 


— 


0.125 


— 


— 


3.2771 


— 


— 


0.632 








2^093 








0.405 


— 


— 


2.730' 


— 


— 


0.574 





— 


1.924 


— 


— 


0.375 


— 


— 


2.093 


— 


— 


0.879 








1.295 





— 


0.201 


— 


— 


2.1371 


— 


— 


0.877 


— 


— 


1,721 


— 


— 


0.319 


— 


— 


1.969 


— 


— 


0,878 


0,&9S 


1 ,476 


1.187 


0,12S 


0,200 


0.194 


8,365 


11,050 


9,708 


0,932 


1.102 


1.017 





— 


1.367 


— 


— 


0.033 


— 


— 


9.559 


— 


— 


1 .054 








1.688 





— 


0,075 


— 


— 


7.756 


— 


— 


1.316 





— 


2.524 


— 


— 


0,118 


— 


— 


9,532 


— 


— 


1.527 


1,153 


1,449 


1.301 


0.o'.:i7 


0,105 


0,101 


3,102 


3.317 


3,209 


0,649 


0.730 


0,689 





— 


3.347 


— 


— 


0,313 


— 


— 


1S.296 


— 


— 


2,548 


— 


— 


1.043 


— 


— 


0,502 


— 


— 


15.200 


— 


— 


2,273 


_ 


— 


1.548 





— 


0,079 


— 


— 


6.791 


— 


— 


1.235 


— 


_ 


1,242 


__ 


— 


0.045 


— 


— 


6,079 


— 


— 


0.977 


— 


— 


3.573 





— 


0,112 


— 


— 


11.758 


— 


— 


1.815 








2.658 








0.119 


— 


— 


4,411 


— 


— 


1 .289 


— 


— 


2.740 


— 


— 


0,163 


— 


— 


8,823 


— 


— 


1.402 


0,708 


1,512 


1,110 


0,441 


0,535 


0,489 


24,S46 


28,109 


26,477 


1,115 


1.42S 


1.271 






2,684 






0,099 






25.692 







0.S05 


— 


— 


1.533 


— 


— 


0,096 


— 


— 


10,600 


1 


— 


0.587 





— 


6,761 


— 


— 


0,057 


— 


— 


26,309 




— 


0,771 



248 



Die organischen Bestandtheile der Pflanzen. 



Bezeichnung der Stoffe. 



Trockensubstanz 

(org. u. anorg.) 

im Ganzen 




G. Früchte, Samen und Samenschalen. 

Salatgurke 

Melone 

Gelber SpeisekUrbis 

Grüner EinniachkUrbis 

Paradiesapfel 

Schnittbohnen von Phaseolus vulgaris albus . 

,. „ Phas. vulgaris ooleucus 

Gelbhülsige Stangenbohnen ...... 

Saubohne 

Grüne Gartenerbse 

H. Blattgewürze. 

Schnittlauch 

Esdragon 

Bohnenkraut 

Bibernell 

I. Essbare Sch-wämme. 

Pilze, essbare 

Steinpilz 

Eier schwämme 

Hahnenkamm 

Champignon 

Morchel 

Trüffel 

Fistulina hepatica 

Ciavaria Botrytis 

Polyporus ovinus 

Boletus granulatus 

Agaricus melleus . . . ■ 

Boletus bovinus 

Agaricus mutabilis 

Boletus elegans 

Agaricus caperatus 

Boletus luteus 

Agaricus ulmarius 

Agaricus Procerus 

Agaricus oreades 

Agaricus Prunulus ." 

Agaricus excoriatus 

Lycoperdon Bovista 



94,805 
95,210 

88.550 
86,640 
92,870 
87,950 
81.190 
89,420 
89,650 

79,200 



80,830 
79,010 

71,880 
75,360 



18,00 

15,42 

16,48 

21,43 

91,670 

90,000 

70,830 

85,00 

89,35 

91,00 

88,50 
86,00 

91,34 

92,88 

91,10 
90,67 
92,25 

84,67 

84,00 

91,7.T 

89,25 
91,25 
86,92 



4,560 



7,000 



81,0 



5,830 



16,500 



83,1 



9,500 



Die organischen Bestandtheile der Pflanzen. 



249 



Einzelne organische Bestandtheile der Trockensubstanz. 



Proteinstofie. 


Fe 


ttsubst 


! 
xnz. 


Stickstofl'freie 
Extractstoffe. 


Rohfaser. 


i 


g 


S'S 


s 


= 


I'^ 


s' 


=• 


"p 1j 


s 


i 


"§'2 


'I-* 

s 




ß 


'S 


'S 
1 




^ 


"3 
1 


l'^ 


'3 


1 


P 


0,932 


1,535 


1,233 


0.026 


0,060 


0.043 


2,655 


3,063 


2,S59 


0.502 


0,690 


0,596 


— 


_ 


1,058 


— 


— 


0,605 1 


— 


— 


1,427 


— 


— 


1,067 








1,359 


— 


— 


O.OSl 


— 





7,973 





— 


1.498 





— 


1,24! 


— . 


— 


0.106 1 


— 


— 


9,560| 


— 


— 


1.896 


— 


— 


1,254 


— 


— 


0,331 


— 


— 


4,069 


— 


— 


0,843 


l,-2s 


4,2sS 


3,oos! 


0,171 


0,1SS 


0.179 


4,624 


9,692 


7,158 


0.S82 


1,571 


1,227 


— 


— 


4,349' 


— 


— 


0,175 


— 


— 


10,950 


— 


— 


1,661 


— 


— 


2.243' 


— 


— 


0.092 


— 


— 


6,605 


— 


— 


1,130 


— 


— 


3,24S 


. — . 


— 


0.214 


— 





5.158 


— 


— 


1 .260 


— 


— 


5,647j 


— 


— 


0.443 


— 




12,313 


— 


— 


1,797 






5,135 






0,780 






8,468 






2.387 


— 


— 


5,556 


— 


— 


1.160 


— 


— 


9,460 


— 


— 


2,262 


— 


— 


4.156 


— 


— 


1.650 


— 





11.605 


— 


— 


8.601 


— 


— 


5,645 


— 


— 


1,232 


— 


— 


13,024 


— 


— 


3,023 


17,0 


29,6 


24,2 


1,2 


1,9 


1,6 






15.5 






6,1 





— 


19.30 


— 


— 


1,67 


— 


— 


52.59 


— 


— 


— 


— 


— 


19,56 


— 


— 


1,15 


— 


— 


48,03 


— 


— 


— 


— 


— 


19,19 


— 


— 


1,67 


— 


— 


44.02 


— 


— 


— 


3,39s 


6,060 


4.729 


0.071 


0,250 


0.160 


2.3S7 


4,400 


3,393 


0,540 


3.200 


1.870 


— 


— 


3,140 


— 


— 


0.253 


— 


— 


4.761 


— 


— 


0,120 


8.010 


9.590 


8,800 


0,450 


0,720 


0.5SS 


12.211 


17,460 


14.835 


— 


— 


6,739 


— 


— 


1.59 


— 


— 


0,12 


— 


— 


11.40 


— 


— 


1,95 


— 


— 


1,31 


— 


— 


0,29 


— 


— 


7.66 


— 


— 


0,73 


— 


— 


1,20 


— 


— 


0,S6 


— 





4,73 


— 





2.00 


— 


— 


1,61 


— 


— 


0.23 


— 


— 


7,49 


— 


— 


0.82 


— 


— 


2,27 


— 


— 


0,73 


— 


— 


9,14 


— 


— 


0.81 


— 


— 


1,49 


— 


— 


0.41 


— 


— 


5,52 





. — 


0,72 


— 


— 


1,40 


— 


— 


0.17 


— 


— 


4,47 


— 


— 


0,62 


— 


— 


1.88 


— 


— 


0,14 


— 


— 5.75 


— 


— 


0,60 


. — 


— 


1.91 


— 


— 


0.19 


— 


— 


5.52 





— 


1,15 


— 


— 


1,72 


— 


— 


0.29 


— 


— 


4.45 


— 


— 


0.80 


— 


— 


4,02 


— 


— 


0.49 


— 


— 


7,93 


— 


— 


0.95 


— 


— 


4.65 


— 


— 


0.57 


— 





8.55 





— 


1,11 


— 


— 


2.93 


— 


— 


0,19 


— 





3.59 


— 


— 


0,67 


— 


— 


4.11 


— 


— 


0,14 


— 


— 


4,08 


— 


— 


0,81 


— 


— 


2.69 


— 


— 


0.45 


— 


— . 


4.41 


— 


— 


0,82 


— 


— 


6.62 




— 


0,41 


— 


— 


3.42 


— 


— 


1,43 



250 Die Kohlehydrate. 



A. Die stickstojffi^eieii organischen Bestandtheile der Pßanzen. 

Zu den stickstofffreien organischen Stoffen, welche zumeist 
aus den Elementen Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff bestehen, 
gehören die Kohlehydrate, die Fette, verschiedene andere 
sauerstoffarme organische Substanzen, Farbstoffe, 
Bitterstoffe, Glucoside, Pektinkörper und Pflanz en- 
säuren. 

a. Die Kohlehydrate. 

Unter Kohlehydraten versteht man jene stickstofffreien orga- 
nischen Stoffe, in welchen die Sauerstoff- und Wasserstoff -Atome 
in solcher Anzahl vorhanden sind , dass , wenn sie sich vereinigen 
würden, sie genau Wasser bilden könnten. Ihrer rationellen Constitu- 
tion nach sind die Kohlehj^drate wahrscheinlich Alkohole, Aether 
oder Aldehyde. Sie reagiren neutral, wenn auch einige von ihnen 
die Fähigkeit besitzen mit stärkeren Basen eine Verbindung einzu- 
gehen; sie sind nicht flüchtig, erhitzt verkohlen und verbrennen 
sie und liefern bei der trockenen Destillation saure Producte. Die 
meisten dienen den Pflanzen als Reservestoffe zum Aufbau neuer 
Organtheile, andere wieder sind Ausscheidungsstoffe. 

In der Regel theilt man die Kohlehydrate nach ihrer Zusam- 
mensetzung in drei Gruppen: 

a. Kohlehydrate von der Formel Co Hio O5. Hierher gehören 
das Stärkemehl, die Cellulose, das Lichenin, Inulin, Dextringummi 
und arabische Gummi. 

ß. Kohlehydrate von der Formel Co H12 Oe- Hierher gehören 
der Traubenzucker, Fruchtzucker (Glykosen) und der Sorbit. 

y. Kohlehydrate von der Formel C12 H22 Ou. Hierher gehören 
der Rohrzucker, die Melizitose und Melitose. 

Das Stärkemehl wurde lange Zeit für einen organisirten 
Bestandtheil der Pflanzen angesehen; seit es aber gelungen ist, aus 
unorganischen Stoften Gebilde von ganz analoger Structur wie die 
Stärkekörner herzustellen, darf man das Stärkekorn nicht mehr mit 
einer lebenden Zelle identificiren. Je nach den Pflanzen, von 
denen das Stärkemehl stammt, ist es in Form, Grösse und Gestalt 
verschieden. Nachstehende Abbildungen erläutern diese Verschie- 
denheit. 

So viel auch über die Beschaffenheit und Zusammensetzung 
des Stärkemehls geschrieben wurde', volle Klarheit ist noch nicht 
erreicht. Im Allgemeinen kann man drei Bestandtheile annehmen: 
Die Hüllen oder Tegumente, das lösliche Stärkemehl (Amidulin, 



Die Kohlehydrate. 



251 




KartoflFelstärke. 

(J,(j6 — 0,1U Mm. 

n Kernpunkt. ' ein zusammengesetztes Korn. 

2-iO/l. 



/rr^i 



'<ZJ 



>r| ( y 



(3 G> 



Maisstärke. 

0,0132 — Ü,02-2ü Mm. 

a aus dem inneren weissen. 5 aus dem 

äusseren hornartiäen Theile des 

Ei-n-eisskörpers. 



mßo 



o ^ 



o « o 

Q o Q-Q O 



Qo 



i:lf(iM ^o^o ,^i\ Gl 



Q 



O 



Weizenstärke. 
0,03.52— U,03!.>tj Mm. 
i^.'fl Kernpunkt. 
220/1. 






C- 



■m 



Vcy 



Haferstärke. 

0,0044 Mm. 

400/1. 






27 O 



'J Q Q 



o 



o 



^o^^ 



Gerstenstärke. 

00264 Mm. 

220/1. 



<^ 



/-^ 



VJ 



% '^ % 









Eeisstärke. 

0,0066 Mm. 

400/1. 



Granulöse) und das imlösliclie Stärkemehl. Charakteristisch für 
das Stärkemehl ist seine starke Quellbarkeit in heissem Wasser, 
sein Verhalten gegen polarisirtes Licht, die Blaufärbung durch 



252 



Die Kohlehydrate. 





Procente 


Eapssamen . . . 


8,6 


Senfsamen . . . 


9,9 


Kleesamen . . . 


10,8 


Kartoffeln, frisch . 


19,8 


Leinsamen . . . 


23,4 


Bohnen, weisse . 


33,0 


Erbsen 


37,7 


Linsen 


40,0 



Jod, sowie seine Fähigkeit, durch verdünnte Mineralsäuren in der 
Hitze und ebenso durch einige pflanzliche und thierische Fermente 
(Maltin, Ptyalin und Pankreatin) in Dextrin und Traubenzucker 
umgewandelt zu werden. Auch durch Erhitzen auf 160 o C. kann 
Stärkemehl in Dextrin übergeführt werden. 

Durchschnittliche Menge des Stärkemehls in verschiedenen 

Pflanzen. 

Procente 

Buchweizen .... 45,0 

Timotheesamen . . . 45,0 

Hafer 46,6 

Gerste 57,5 

Weizen 59,5 

Eog-gen . • . . . 59,7 

Mais 65,0 

Reis 74,0 

Von der Bildung des Stärkemehls wird später die Rede sein. 

Die Cell u lose bildet in allen Pflanzen die Zellenmembran. 
Sie ist gleichsam das Gerüste der Pflanzen und ist je nach deren 
Alter und Art mehr oder weniger imprägnirt mit den sogenannten 
incrustirenden Substanzen.') Sie quillt in heissem Wasser nicht 
auf und wird erst nach Behandlung mit concentrirter Schwefelsäure 
durch Jod blau gefärbt. Gegen verdünntere Säuren und Alkalien 
zeigt die Cellulose eine grosse Widerstandsfähigkeit und ihre Rein- 
darstellung basirt auf diesem Verhalten. In Kupferoxyd-Ammoniak 
löst sich die Cellulose und wird aus dieser Lösung durch Säuren 
als weisses amorphes Pulver ausgefällt. Cellulose ist der wesent- 
liche Bestandtheil der aus pflanzlichem Material (Hanf-, Baumwolle-, 
Flachsfaser) gewebten Stofl'e, sowie des Papieres, des Holzes. Die 
Gewinnung der genannten spinnbaren Fasern beruht eben auf Rein- 
darstellung der Cellulose. 



Durchschnittliche Menge der Cellulose in verschiedenen 
Pflanz en. 
Procente 
. - 1,1 
. - 1,3 
. . 3.0 



Kartoffeln .... 
Zuckerrübe .... 

"Weizen 

Mais 

Wicken 

Gerste 

Rapssamen .... 
Rother Klee in Blüthe 



Procente 
Heu von Timotheegras 23,0 
Sonnenblumensameu . 28,0 



5,5 

5,6 

8,0 

10,0 

10,0 



Wiesenheu 
Maisstroh . 
Haferstroh 
Weizenstroh 
Roggenstroh 



34,0 

38,0 
40,0 
46,0 
54,0 



l) Zu den incrustirenden Substanzen, wahrscheinlich Umwandlungsproducte 
der Cellulose, gehören das Lignin, Xylogen und S über in. Das Lignin 
findet sich namentlich in den harten Schalen der Steinfrüchte und den verhär- 



Die Kohlehydrate. 253 

Nach neueren Untersuchungen soll Cellulose durch Einwirkung 
pflanzlicher Fermente auf Rohrzucker entstehen können (Cellulose- 
Gährung). 

Das Lichenin ist eine Stärkemehlart niedriger Pflanzen, 
z. B. einiger Flechten. In heissem Wasser ist es löslich und 
scheidet sich beim Erkalten als gallertartige Masse aus. Durch 
Jod wird es bald blau, bald grünlich gefärbt. 

Das Inulin ist in warmem Wasser leicht löslich und wird 
aus dieser Lösung durch Alkohol als weisses Pulver gefällt, durch 
Jod wird es nicht blau, sondern nur gelblich gefärbt. Durch Mal- 
tin und Ptyalin wird Inulin nicht in Traubenzucker übergeführt. 

Das Dextrin findet sich nur selten in den Pflanzen, am 
häufigsten während der Keimung. Es ist ein Uebergangsglied 
zwischen Stärkemehl und Zucker, ist in Wasser löslich, aber aus 
dieser Lösung fällbar durch Alkohol und wird durch Jod gelblich 
gefärbt. Den polarisirten Lichtstrahl dreht es nach rechts. 

Das Gummi (Arabin)*} ist ein Excret der Pflanze, löst sich 
leicht in Wasser, aus dem es durch Alkohol gleich dem Dextrin 
gefällt wird, unterscheidet sich von letzterem aber dadurch, dass 
es den polarisirten Lichtstrahl nach links dreht. Es verbindet sich 
leicht mit Alkalien und alkalischen Erden, spielt also die Rolle 
einer Säure. Seine Bildung dürfte auf einen Umwandelungsprocess 
der Cellulose zurückzuführen sein in ähnlicher Weise wie die 'Bil- 
dung des Pflanzen Schleimes, welcher sich in den Zellwänden 
und im Zelleninhalt z. B. beim Tragantstrauch, der Klettwurzel, 
der Salepwurzel, des Süssholzes, der Quitten, des Leins u. s. w. 
findet. Der Pflanzenschleim quillt in Wasser bedeutend auf, ohne 
sich jedoch aufzulösen, mit Schwefelsäure und Jod zeigt er zum 
Unterschied von dem Arabin Blaufärbung. Wahrscheinlich ist er 
eine Verbindung von Cellulose und Dextrin. 

Die in dem Pflanzenreich sehr verbreiteten Zuckerarten, der 
Traubenzucker (Dextrose) und Fruchtzucker (Levulose), 
unterscheiden sich dadurch von einander, dass ersterer krystallisirt 
und die Polarisationsebene nach rechts dreht , während letzterer 
nicht krystallisirt und den polarisirten Lichtstrahl nach links ab- 



teten Zellwandungen der Gräser. Es ist liohlenstotfreicher als die Cellulose 
und löst sich mit Chlor hehandelt in Alkalien auf. Das Xylogen bildet neben 
der Korksubstanz die Oberhaut (Cuticula) , welche die ganze Pflanze mit Aus- 
nahme der Wurzelhaube umgiebt. Das Suberin bildet sich vorzüglich auf der 
äusseren Zellschichte der Rinde älterer Pflanzen und auch bei Verletzungen der 
Pflanzentheile, durch welche die Oberhaut zerrissen wurde. 

1) Scheibler's Metapektinsäure und Reichardt's Pararabin gehören 
auch hierher. 



254 Die Fette. 

lenkt. Beide sind in Wasser und Alkohol leicht löslich, schmecken 
süss, sind vergährungsfähig und reduciren alkalische Kupferlösun- 
gen. Fruchtzucker wird durch Erwärmen von Inulin mit verdünnter 
Schwefelsäure erhalten, während Stärkemehl, in gleicher Weise be- 
handelt, meist nur Traubenzucker liefert. 

Der in den Vogelbeeren vorkommende Sorbit ist in Alkohol 
fast ganz unlöslich und nicht vergährungsfähig. 

Inosit wurde neuerdings im Rebensafte, in jungen Bohnen 
und Eschenblättern gefunden. 

Der Rohrzucker (Saccharose) ist gleich dem Stärkemehl ein 
Reservestoff für die Pflanzen ; in grösserer Menge findet er sich in 
den Stengeln des Zuckerrohrs, der Zuckermoorhirse, des Maises, 
in den Wurzeln der Rübe und im Safte des Zuckerahorns. Er ist 
in Wasser und verdünntem Alkohol leicht löslich, krystallisirt im 
klinorhombischen System, schmeckt sehr süss, lenkt den polarisirten 
Lichtstrahl nach rechts, ist nicht vergährungsfähig, reducirt nicht 
alkalische Kupferlösung und wird durch Erhitzen mit verdünnter 
Schwefelsäure in sogenannten Invertzucker, d. h. in ein Ge- 
misch von Trauben- und Fruchtzucker verwandelt. 

Die Melezitose findet sich in der mannaartigen Ausschwitzung, 
die sich auf den jungen Trieben des Lärchenbaumes zuweilen zeigt. 
Sie ist weniger süss als der Rohrzucker und hat ein stärkeres Ro- 
tationsvermögen. 

Die Melitose kommt in der australischen Manna vor, ist in 
Wasser leicht löslich, schmeckt aber nur wenig süss. 

Durclisclinittliche Menge des Rohrzuckers in verschiedenen 

Pflanzen. 
Procente Procente 

Zucker- Ahorn . . . 2,5 Zuckerrübe .... 12 

Mais in Blüthe . . . 3,75 Zuckerrohr .... 18 

Sorghum 9,5 

b. Die Fette. 

Die Fette sind bedeutend ärmer an Sauerstoff als die Kohle- 
hydrate, specifisch leichter als Wasser, unlöslich in Wasser, hin- 
gegen löslich in heissem Alkohol, in Aether, Schwefelkohlenstoff 
und Benzol. Sie hinterlassen auf Papier einen bleibenden durch- 
scheinenden Fleck, sind unzersetzt nicht flüchtig und liefern bei 
der trockenen Destillation das scharf riechende Acrolein. Ihrer 
chemischen Constitution nach sind die Fette Verbindungen von 
Fettsäuren und Glyceryloxyd , weshalb man sie auch Glyceride 
nennt. Durch Einwirkung von Alkalien oder alkalischen Erden 



Die Fette. 



255 



werden die Fette verseift, d. h. es verbindet sich unter Abschei- 
dung von Glycerin das Alkali mit der Fettsäure zu einer Seife. 

Man unterscheidet flüssige und feste Fette; erstere bezeichnet 
man als Oele und unterscheidet trocknende und nicht trocknende 
Oele. 

Für die Pflanze spielen die Fette eine gleiche Rolle wie das 
Stärkemehl, d. h. sie sind Reservestoffe, nur finden sie sich fast 
ausschliesslich in den Samen. 

Beifolgende Tabelle giebt den Fettgehalt einiger Pflanzen und 
Samen nach den neuesten üntersuchuu°:en. 



Tabelle über den Fettgehalt der Trockensubstanz einiger 

Pflanzen. 









Fettgehalt 








Fetto-ehait 


der 


der 


Trockensubstanz 


Trockensubstanz 


Procente 


Procente 


Roggenstroh .... 0.S3 


Kirschensamen . . . 23.60 


Haferstroh . . 






O.SS 


Keime v. nacktem Hafei 


25.71 


Erbsen . . . 






0.92.5 


Bucheckern . . . 


2S.1S 


Saubohnen . . 






0.96 


Pflaumeusamen 






2S.40 


Weizen . . . 






1.23 


Maiskeime . . 






32.94 


Eoggen . . . 






1.44 


Leinsamen . 






35.21 


Gramineenheu . 






. 1.33—1.66 


Hanfsamen . 






35.25 


Gerste . . . 






1.59 


Pfirsichsamen . 






35.70 


Nigerkuchen . 






2.71 


Madiasamen 






40.44 


Hafer . . . 






4.53 


Mohnsamen 






43.39 


Mais .... 






4.S45 


Rapssamen . . 






45,49 


Lupinen . . . 






6.10 


Schwarzer Sesam 






49.2S 


Roggenkeime . 






12,37 


Weisser Sesam 






52.50 


"Weizenkeime . . 






14.25 


Palmkerne . 






52.S5 


Baumwollensamen 




21,72 


Erdnuss . . . 






55,25 


Aepfelsamen . . 




22.00 


Cocosnussschale 






67,76 


Keime von nackter 


Gel 


'ste 


22.42 











Die Wachsarten unterscheiden sich von den Fetten nur 
dadurch, dass sie nicht Glyceryloxyd, sondern Ceryloxyd oder lEy- 
ricyloxyd als Fettbasis enthalten. Wachs findet sich in der Cuti- 
cula der Pflanzen, im Chlorophyllkorn und manche Pflanzen, z. B. 
die Wachspalme , produciren bedeutende Mengen. Bei allen soge- 
nannten „bereiften" Pflanzen bildet das Wachs den dünnen bläu- 
lichen üeberzug, der an manchen Pflanzentheilen und Früchten 
sehr bedeutend ist. Das Wachs scheint kein Reservestoff zu sein 
und nicht resorbirt werden zu können, sondern mehr physikalische 
Functionen zu erfüllen. 



256 Die Farbstoffe, Bitterstoffe und Glucoside. 

c. Die Harze, K a u t s c h u k k ö r p e r und 
ätherischen Oele. 

Die Harze sind ebenso sauerstoffarm, aber gleichzeitig wasser- 
stoffärmer als die Fette. Die frühere Annahme, dass die Harze 
als Uuwandlungsproducte der Zellwand anzusehen seien, hat sich 
nicht stichhaltig erwiesen, vielmehr scheinen die Gerbstoffe und die 
Glucoside die Muttersubstanz der Harze zu sein; jedenfalls dienen 
sie nicht zum Aufbau der Pflanze, sondern sind Körper, die sich 
in den erweiterten Intercellularräumen ansammeln und an geeigne- 
ten Stellen herausquellen. 

Die Kautschukkörper finden sich in den Milchsaftgefässen 
und sind sauerstoftTrei. Ob sie Escrete sind oder zur Ernährung 
verwerthet werden, ist noch unentschieden. 

Aetherische Oele sind nicht weniger im Pflanzenreiche 
verbreitet als die fetten Oele, wenn auch nicht in solcher Menge 
wie jene in einzelnen Pflanzentheilen angehäuft; sie sind es, die 
den meisten Blüthen den Wohlgeruch verleihen. Sie finden sich 
vorzüglich in Blüthen, Früchten, Samen (Anis, Kümmel), Blättern 
(Minze) und treten als kleine im Zellsaft schwimmende Bläschen 
oder als grössere Flüssigkeitsmassen in den Intercellulargängen auf. 
Bezüglich der chemischen Zusammensetzung der ätherischen Oele 
giebt es solche, die nur aus Kohlenstoff" und Wasserstoff bestehen 
(Citronenöl, Terpentinöl, Wachholderöl, Bergamottöl, Rosenöl u. s. w.), 
oder aus Kohlenstoff, Wasserstoff und Sauerstoff (Anisöl, Baldrianöl, 
Calmusöl, Kümmelöl, Rosmarinöl, Nelkenöl u. dgl.); endlich enthal- 
ten einige auch Stickstoff, z. B. das übelriechende Senföl, das ausser- 
dem noch Schwefel besitzt. Zu den festen ätherischen Oelen rechnet 
man die Campherarten und das Cumarin, das dem Heu den eigen- 
thümlichen Geruch ertheilt. 

Die ätherischen Oele verharzen leicht. Welche Functionen 
sie für das Pflanzenleben zu erfüllen haben, ist schwer zu sagen. 



d. Die Farbstoffe, Bitterstoffe und Glucoside. 

Ueber die Pflanzenfarbstoffe sind in neuerer Zeit mannigfache 
Untersuchungen besonders von Wies n er, Sachsse, Prings- 
heim, Li eher mann u. A. durchgeführt worden, ohne dass alle 
auf diese Körper Bezug habende Fragen gelöst worden wären. 

Der wichtigste Pflanzenfarbstoff ist unstreitig das Chlorophyll'}; 

1) Pocklington und Liebermann haben Chlorophyll auch in den 
Canthariden scefunden. 



Die Farbstoffe, Bitterstoffe und Glucoside. 257 

welches, so vielfach es auch auftreten mag, keine nennenswerthen Ver- 
schiedenheiten zeigt. Nach Lieber mann ist das Chlorophyll eine 
salzartige Verbindung, aus einer Säure (Chlorophyllsäure) und einem 
basischen Körper (Phyllochromogen) zusammengesetzt. Das Phyllo- 
chromogen ist wahrscheinlich die Muttersubstanz des Blumenfarb- 
stoäes. Abgespalten durch die Einwirkung einer Säure oder eines 
Fermentes wird es zu violettem, blauem oder rothem Blumenfarbstofif 
oxydirt. Die Bildung des Farbstoffes v/elker Blätter ist nicht mit 
tiefeingreifenden Veränderungen des Chlorophylls verbunden, es tritt 
nur eine schwache Reduction ohne Spaltung ein. Dem Chlorophyll 
werden bald physikalische, bald chemische Functionen zugeschrie- 
ben. Lange Zeit hat man seine Bedeutung für die Assimilation 
durch seine Absorptionsfähigkeit für Lichtstrahlen zu erklären ver- 
sucht, die Lichtstrahlen Avürden in lebendige Kraft, welche die zur 
Reduction der Kohlensäure und des Wassers nöthige Arbeit leiste, 
umgewandelt. Sachsse u. A. finden die Bedeutung des Chloro- 
phylls für die Assimilation mehr durch dessen chemisches Verhal- 
ten erklärt, Wiesner fasst das Chlorophyll, kurz ausgedrückt, als 
Reductionsmittel der Kohlensäure auf. Man hat wohl das Chloro- 
phyll als das erste sichtbare Assimilationsproduct, entstanden durch 
Reduction der Kohlensäure und des Wassers, zu betrachten, 
welches durch weitere Veränderung Stärke oder andere Kohle- 
hydrate liefert.^) Das Chlorophyll ist unter allen Bedingungen ein 
für das Pflanzenleben sehr wichtiger Stoff, den die Natur auch 
möglichst zu schützen sucht, wie Wiesner-j eingehend dar- 
gethan hat. 

In manchen Pflanzen, besonders Flechten, finden sich Farbstoffe 
in solcher Menge, dass sie fabrikmässig gewonnen werden, z. B. 
Lakmus, Orseille, Indican, Orleau. Ein Theil derselben ist gleich 
dem Chlorophyll stickstoffhaltig. 

Die Bitterstoffe sind krystallisirbare, indifferente, theilweise 
bitter schmeckende ternäre Verbindungen, deren chemische Consti- 
tution nicht näher bekannt ist. Mehrere dürften zu den Glucosiden, 
andere zu den Harzen, wieder andere zu den Farbstoffen gehören. 
Bitterstoffe finden sich z. B. im Hopfen, dem Wurmsamen, der Aloe, 
der Berg-Petersilie, dem Lärchenbaum u. s. w. 

Die Glucoside sind im Pflanzenreich ziemlich verbreitet und 
charakterisiren sich dadurch, dass sie durch Wasseraufnahme leicht 



1) Man vergleiche übrigens J. Bö km: Ueber Stärkebildung in den Chloro- 
phyllkörnern. Sitzungsber. d. "Wiener Akad. d. Wissensch. Januar 1876. 

2) Siehe dessen Abhandlung in der Festschrift zur Feier des 25 jährigen 
Bestehens der zool.-bot. Gesellschaft in Wien. Braumüller 1876. 

V. Gohren, Ackerbaucheniie. 1' 



258 Die Pektinstoife. Die Pflanzensäuren. 

in Zucker und einen anderen Körper gespalten werden können. 
Wegen ihrer leichten Spaltbarkeit, die sie mit einigen später zu 
besprechenden stickstofifhaltigen Körpern (Amygdalin, Myronsäure^ 
Solanin etc.) theilen, sind sie für das Pflanzenleben wichtig und 
dürften als Reservestoffe und Muttersubstanz mancher werthvollen 
Bestandtheile anzusehen sein. Als Beispiele der Glucoside seien 
angeführt das Sa Hein in der Weidenrinde, welches durch Fermente 
(Emulsin) in Saligenin und Zucker, durch verdünnte Säuren in 
Saliretin und Zucker gespalten wird; das Populin in der Espe, 
welches in Salicin und Benzoesäure; das Phloridzin in der 
Wurzelrinde der Obstbäume, welches in Phloretin und Zucker; das 
Aesculin in der Rinde der Rosskastanie, welches in Aesculetin 
und Zucker gespalten werden kann. 

Eine weit verbreitete Gruppe der Glucoside sind die Gerb- 
stoffe oder Gerbsäuren, feste, theils krystallisirbare , theils 
amorphe, geruchlose Körper von eigenthümlich herbem, zusammen- 
ziehendem Geschmack, die mit leimgebenden Geweben unlösliche 
Verbindungen (Leder) eingehen, bei hoher Temperatur häufig Brenz- 
säuren liefern, Eisenoxydsalze blauschwarz oder grün färben und 
in Zucker und ein den Gerbsäuren nahe stehendes Product gespal- 
ten werden können. Die wichtigsten Gerbsäuren sind die Gall- 
äpfelgerbsäure, spaltbar in Gallussäure und Zucker; die 
Moring erbsäure, spaltbar in Phloroglucin und Protocatechu- 
säure, und die Kaffeegerbsäure, spaltbar in Kaffeesäure und 
Zucker. 

e. Die Pektinstoffe. 

Die Pektinkörper finden sich beinahe in allen Pflanzen,^ 
vorzüglich in den fleischigen Früchten und den rübenartigen Wur- 
zeln, und besonders soll die Intercellulai'substanz Sitz der Pektin- 
stoffe sein. Sie bilden beim Einkochen der Pflanzensäfte den Gallerte 
bildenden Bestandtheil, reagiren theilweise sauer und können nicht 
in Zucker übergeführt werden. Die in unreifen Pflanzentheilen 
vorkommende Pektose wird durch ein Ferment (Pektase) in Pektin, 
Pektosinsäure und Pektinsäure gespalten. Zu den Pektinkörpern 
gehören noch das Parapektin, Metapektin, die Parapektinsäure und 
Metapektinsäure. Ueber die Bildung und Function der Pektinkörper 
weiss man noch wenig. 

f. Die Pflanzensäuren. 

Man hat wohl vielfach die organischen Säuren als die ersten 
in der Pflanze aus Kohlensäure und Wasser entstandenen Producte 



Die Proteinstoffe. 259 

augesehen, ans denen dann andere Körper, besonders die Kohle- 
hydrate , entstehen sollten; wahrscheinlicher ist jedoch , dass die 
Pflanzensäuren aus schon gebildeten stickstoflffreien oder stickstoff- 
haltigen Stoffen sei es durch Spaltung, sei es durch Oxydation ent- 
stehen. Die bemerkenswerthesten organischen Säuren sind die 
Oxalsäure, die Aepfelsäure, die Citronensäure und die Weinsäure. 

Die Oxalsäure findet sich selten frei, meist an Kalk, Kali oder 
Natron gebunden in manchen Oxalis-, Rumex-, Salicornia- und 
Rheum- Arten. Sie ist eine zweibasische, sehr starke Säure, die 
wohl auch anorganische Salze zu zersetzen vermag und dadurch 
möglicherweise eine wichtige Function im Pflanzenleben erfüllt. 
Die Aepfelsäure wird als Kalk- oder Alkalisalz in manchen un- 
reifen Früchten, z. B. den Aepfeln, Vogelbeeren, Schlehen, Sauer- 
dorn u. s. w. gefunden. Das Amid der Aepfelsäure ist das für 
das Pflanzenleben bedeutsame Asparagin. Die Weinsäure tritt sehr 
verbreitet theils frei, theils in ihren Kali- und Kalksalzeu auf, z. B. 
im Traubensafte, Ananas, unreifen Vogelbeeren, Gurken, in man- 
chen Knollen und Zwiebeln. Die Citronensäure findet sich meist 
von Aepfelsäure und Weinsäure begleitet in den Citronen, Stachel- 
beeren, Johannisbeeren, Heidelbeeren u. s. w. 

Die organischen Säuren dürften ausser der bei der Oxalsäure 
erwähnten noch manche andere wichtige Function beim Stoffwechsel 
in der Pflanze zu erfüllen haben, z. B. bei gewissen Ferment- 
wirkungen.') 



B. Die stickstoffhaltigen Bestandtheile der Pflanzen. 

Die stickstoffhaltigen Bestandtheile der Pflanzen kann man 
gruppiren in die Albuminate oder Proteinstoffe, die pflanzlichen 
Fermente und die Pflanzenalkaloide. 

a. Die Proteinstoffe. 

Die Proteinstoffe sind aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, 
Stickstoff (14,7 — 18,4 o/o) und hie und da auch noch Schwefel und 
Phosphor zusammengesetzte, indifferente, geruch-, geschmack- und 
farblose, meist amorphe, die Polarisationsebene nach links drehende, 
leicht faulende, nicht flüchtige Stoffe, die beim Verbrennen 
einen intensiv unangenehmen Geruch geben, durch concentrirte 
Schwefelsäure in Leucin, Tyrosin, Glutaminsäure, Asparaginsäure 



1) Man Tergl. Ber. d. d. cliem. Gesellsch. 1876 Nr. 9 S. 676. 

17* 



260 Die Proteinstoffe. 

u. s. w. zersetzt werden, mit Schwefelsäure und Zucker behandelt 
sich purpurroth, mit salpetrige Säure enthaltendem Quecksilber- 
nitrat roth, mit Jod und concentrirter Salpetersäure gelb färben. 

Die rationelle Formel der Proteinstoffe ist noch nicht bekannt. 

Man kann die Proteinstoffe der Pflanzen eintheilen in Albumine, 
Fibrine und Caseine. 

Das Pflanzen-Albumin kommt gelöst oder doch in lialb- 
flüssiger Form überall da in den Pflanzen vor, wo Neubildung 
stattfindet, und ist ein Hauptbestandtheil des protoplasmatischen 
Zellsaftes. Auch in den Samen finden sich grössere Mengen Eiweiss. 
Seine Zusammensetzung scheint in den verschiedenen Pflanzen etwas 
zu difleriren, der Stickstoffgehalt schwankt zwischen 15,-5 bis 17,6 o/o. 
Es ist in Wasser löslich und wird aus dieser Lösung durch Erhitzen 
auf 55 — 750 c. in Flocken ausgeschieden. Es enthält stets ziem- 
lich beträchtliche Mengen von Asche. 

Das Pflanzeufibrin oder der Pflanzenkleber, welcher vor- 
nehmlich in den Samen der Getreidearten sich findet, besteht nach 
Ritthausen aiis dem dem Pflanzen - Casein sehr nahe stehenden 
Glutencasein, dem Glutenfibrin, demMucedin und Glia- 
diu, Körper, die namentlich in Folge ihrer verschiedenen Lös- 
lichkeitsverhältnisse in Alkohol von einander getrennt werden 
können. Das Gliadin oder der Pflanzenleim ist der stickstoffreichste 
dieser Proteinstoffe. Der Weizen enthält alle vier Fibrine , die 
Gerste: Glutencasein, Glutenfibrin und Mucedin; der Roggen: 
Glutencasein, Glutenfibrin und Mucedin; der Mais: Glutenfibrin 
(Zein) und Glutencasein; der Hafer: Glutencasein und Gliadin 
(Ävenin). 

Zu den Pflanzencas einen rechnet Ritthausen, ausser 
dem bereits erwähnten im Rohkleber vorkommenden Glutencasein, 
noch das Legumin und Conglutin. Das Legumin, welches in 
grösserer Menge in den Hülsenfrüchten gefunden wird, ist in 
Wasser löslich und scheidet sich aus seiner Lösung bei Erhitzen 
nicht in Flocken, sondern in Form einer Haut ab, bei Zusatz von 
Alkohol, Essigsäure oder Lab gerinnt es. Das Conglutin wurde 
in den Mandeln und Lupinen gefunden, es charakterisirt sich durch 
einen niedrigen Kohlenstoff- und sehr hohen Stickstoffgehalt. 

Die Bildung der Proteinstoö'e geschieht in der Pflanze höchst 
wahrscheinlich durch Vereinigung stickstofffreier organischer Be- 
standtheile mit Stickstoff-, resp. Schwefel- und phosphorhaltigen 
anorganischen Substanzen. In manchen Fällen dürfte auch dem in 
den Pflanzen, namentlich in den keimenden, vorkommenden Aspa- 
ragin und Leucin eine Rolle bei der Bildung und Umwandlung der 
Proteinstoffe zufallen. 



Die pflanzlichen Fermente. 



261 



Durchschnittliche 31 



Turnips, frisch . . . 

Futtermais, grün . . . 

Gelbe Eüben, frisch . . 

Zuckerrübenblätter, grün 

Kartoffeln, frisch . . . 

Stroh von Sommergetreide 
lufttrocken .... 

Stroh von WinttTkorn, luft- 
trocken 

Wiesengras, grün 

Blätter von gelben Eüben 



grün 

Rother Klee, grün . . 
Weisser Klee, grün . . 
Erbsenstroh, lufttrocken 



enge der 


Albuminate in 


verschied 


en en 


Pflanzen. 








Procent 








Proce 


1 .0 


Buchweizen-Körner , 


luft- 




■ 1,2 


trocken 




. . 


',s 


. 1,3 


Wiesenheu , 


lufttrocken 


S,5 


1,9 


Gerste-Körner, 




., 


10.0 


. 2,0 


Bohnenstroh, 
Mais-Körner, 




" 


10,2 
10,7 


'. 2,0 


Koggen-Körner, 
Hafer-Körner, 




" 


11,0 
12,0 


. 3,0 


Weizen-Körner 




„ 


13,2 


. 3,1 


Heu von Eothklee, 


.. 


13.4 




Heu von Weiss 


klee, 




14,9 


3,5 


Erbsen-Körner 






22.4 


. 3,7 


Bohnen-Körner 




., 


24,1 


. 4,0 
. 7,3 


Lupine-Körner 




r 


34.5 



b. Die pflanzlichen Fermente. 

Schon bei den Glucosiden wurde gewisser, den Proteinstoffen 
nahe stehender, stickstoffhaltiger Stoffe gedacht, welche die Fähig- 
keit besitzen, ohne selbst bemerkbare Veränderungen zu erleiden, 
Spaltungen in einigen stickstoffhaltigen und stickstofffreien Sub- 
stanzen hervorzurufen. Diese als „Fermente" bezeichneten Stoffe 
scheinen aus den Albuminaten hervorzugehen und besonders die 
Function zu haben, organische Reservestofie in die Form zu brin- 
gen, welche für ihre Verwendung zum Aufbau der Pflanze geeig- 
net ist. Derartige Fermente sind u. A. die Synaptase oder das 
Emulsin, welches z. B. das Amygdalin in Bittermandelöl, Blau- 
säure und Zucker zu spalten vermag; das Malt in in den keimen- 
den Getreidekörnern, welches bei geeigneter Temperatur Stärke in 
Dextrin und Zucker verwandelt; das Myrosin in den Senfsamen 
u. s. w. Durch Erhitzen über 100*^ C. verlieren die Fermente 
ihre Wirksamkeit. Neuerdings hat Gorup-Besanez auch eine 
ganze Reihe peptonbildender Fermente entdeckt, z. B. in den 
Wickensamen, dem Samen von Cannabis sativa, von Linum usita- 
tissimum, in der gekeimten Gerste, sowie in den Secreten der so- 
genannten „fleischfressenden Pflanzen", z. B. der Nepenthes und 
Drosera. 



c. Die Pflanzen- Alkaloide. 

In manchen Pflanzenfamilien (besonders den Solaneen, Papa- 
veraceen, Euphorbiaceen, Ranunculaceen, Colchiceen und Cinchoneen) 



262 Das Leben der Pflanze. 

finden sich gewisse sauerstofffreie oder doch sehr sauerstoffarme 
Substanzen 7 die basische Eigenschaften besitzen und sich durch 
specifische Einwirkung auf den thierischen Organismus charakteri- 
siren. Man nennt sie Alkaloide. Für das Pflanzenleben an sich 
scheinen sie nicht nothwendig zu sein^ denn je nach den klimati- 
schen Verhältnissen sind in manchen Pflanzen die Alkaloide reich- 
lich vertreten oder fehlen ganz. So fehlt z. B. in Schottland dem 
Schierling das Coniin, die Cinchona-Arten erzeugen, wenn bei uns 
gezogen, kein Chinin u. s. f. Man unterscheidet flüchtige und 
nicht flüchtige, sauerstoffhaltige und sauerstofffreie Alkaloide. Einige 
der wichtigeren natürlich vorkommenden organischen Basen sind: 
das Morphin, Narcotin, Chinin, Cinchonin, Strychnin, Veratrin, 
Colchicin, Atropin, Coniin, Nicotin, das Caftein, Vicin u. s. w. 



III. Das Lel)eii der Pflanze. 

1. Allgemeine Lebensbedingungen. 

A. Das Licht. 

Das Licht der Sonne ist der eigentliche Producent pflanzlicher 
Materie. Im Dunkeln kann die Pflanze wohl aufgespeicherte 
Reservestoffe zum Aufbau von Zellen verwerthen, neues Material 
vermag sie aber nicht zu schaffen. Vor Allem bedürfen die Or- 
gane, in welchen die Assimilation der Pflanzennährstoffe bewirkt 
wird, die Chlorophyllkörner, zu ihrer Ausbildung des Lichtes und 
nur in Ausnahmsfällen (Pinus, Thuja, Farren) bildet sich auch 
Chlorophyll bei Lichtmangel, Uebrigens ist ein Zuviel des Lichtes 
dem Chlorophyll nachtheilig, wie schon Senebier vor etwa 100 
Jahren gefunden.') V\/'iesner beobachtete neuerdings, dass die 
am meisten leuchtenden Strahlen des Lichtes das Chlorophyll am 
kräftigsten zerstören und dass das grüne Pigment jugendlicher 
Chlorophyllkörner besonders leicht der Zerstörung anheimfalle, 
während tief ergrünte Chlorophyllkörner eine auffallende Resistenz 
gegen die Wirkung intensiver Beleuchtung bekunden. Die Schutz- 
einrichtungen, welche ausser der Aufgabe, das grelle Licht von den 
jugendlichen Chlorophyllkörnern abzuhalten, auch noch andere phy- 
siologische Functionen zu verrichten haben, zeigen sich in der 



1) Die Bildung der rotlien Backen an der stärker beleuchteten Seite von 
Aepfeln, Birnen, Pfirsichen und anderen Obstsorten dürfte auch aus Modi- 
ficationen des Chlorophylls durch das Licht zu erklären sein. 



Das Licht. 263 

Regel nicht an den in tiefem Schatten lebenden Gewächsen (Moose). 
Kommen Schatten-Pflanzen auf sonnige Standorte, so erbleichen sie 
und verkümmern oder sie ändern ihren Habitus: die Stengelglieder 
verkürzen sich, die Blätter nehmen in Folge dessen eine gedrängtere 
Lage an, die jüngsten bergen sich im Schlagschatten der älteren 
und sind der Wirkung senkrecht einfallender Sonnenstrahlen ent- 
rückt. Es ist ferner nicht zu bezweifeln, dass bei vielen Keim- 
lingen das Ergrünen der Primordialblätter dadurch begünstigt wird, 
dass sich dieselben anfangs im Schlagschatten grosser Cotylen oder 
im Boden entwickeln und stark ergrünt ans Licht treten , mithin 
zu einer Zeit, in der sie gegen die Angriffe greller Beleuchtung 
bereits geschützt sind. Weiter gewähren dem Chlorophyll Schutz 
gegen zu grelles Sonnenlicht : das Oberhautgewebe , welches ent- 
weder das Licht reichlich reflectirt oder, mit einem mehr oder 
minder dichten Haarüberzug versehen (Edelweiss), das Licht ab- 
schwächt; die Faltung der aus der Knospe heraustretenden Blätter 
und die Lage des jungen Blattes gegen die Richtung des einfallen- 
den Lichtes (Oleander, Gräser). Endlich müssen einige deckende 
Organe (Stengelhaare, Nebenblätter, Scheiden) als Schutzmittel 
gegen die Zerstörung des Chlorophylls durch intensives Licht auf- 
gefasst werden. Bei manchen Pflanzen reichen jedoch auch für 
die gewöhnlichen Standorts- und Beleuchtungsverhältnisse die vor- 
handenen Schutzmittel nicht aus, solche Pflanzen zeigen während 
ihres ganzen Lebens oder zeitweise Verblassungen und Verfärbungen 
ihrer grünen Organe, welche ihren Habitus mit bestimmen. Solche 
habituelle Verblassungen findet man beim jungen Laub vieler Coni- 
feren, bei den Sommertrieben vieler Weiden, Pappeln, Eichen und 
manchen anderen Gewächsen. 

Das Auftreten der bunten Blüthenfarbstotfe scheint von der 
localen Einwirkung des Lichtes ganz unabhängig zu sein und durch 
die Laubblätter vermittelt zu werden, wohl aber können die leuch- 
tenden Strahlen, wenn sie unmittelbar die im Finstern gebildeten 
Blüthenfarben treöen, letztere zerstören. 

Der normale Habitus der Stengel und Blätter wird wesentlich 
durch die directe Einwirkung des Lichtes bedingt. Im Dunkeln 
erzogen und daher bleiche, etiolirte Pflanzen verlängern ihre 
Stengelglieder oft um das 10 bis 20 fache der gewöhnlichen 
Grösse, dagegen bleiben Blätter der Dikotyledonen und Farnkräuter, 
welche bei normalem Wüchse breit und verzweigt sind, im Finstern 
ausserordentlich klein. Die meisten chlorophyllhaltigen Pflanzen 
wenden sich in Folge der durch die Einwirkung des Lichtes ge- 
änderten Gewebespannung dem Lichte zu (Heliotropismus). Seltener 
wird die Wendung vom Licht weg beobachtet, wie z. B. bei dem 



264 Das Licht. 

Stengel vom Epheu oder den jungen Wurzelfasern der Mistel; die 
gemeine Brunnenkresse zeigt bei dem jungen Stengel eine Neigung 
gegen das Licht zu, bei dem älteren Stengel eine Abneigung von 
dem Lichte. 

Die wichtigste Function des Lichtes ist wohl die Arbeitsleistung 
in der chlorophyllhaltigen Zelle durch Zersetzung der Kohlensäure 
und des Wassers unter Abscheidung von Sauerstoff und gleich- 
zeitiger Bildung organischer Stoffe. Diese Leistung chemischer 
Arbeit findet in einem Gemenge von orangem, gelbem und grünem 
Lichte fast ebenso energisch statt, wie im weissen Tageslichte, 
dagegen haben blaue, violette und ultraviolette Strahlen für die 
Sauerstoffabscheidung keine oder nur sehr geringe Bedeutung. 

Als Beispiel für die Unerlässlichkeit des Lichtes zur Pro- 
duction pflanzlicher Materie sei nachstehender Versuch Boussin- 
gault's angeführt: 

Am 26. Juni wurde je eine Bohne in einen Topf mit geglühtem 
Bimsstein, der mit reinem Wasser befeuchtet wurde, gesteckt; die 
eine entwickelte sich am Lichte, die andere im Finstern bis zum 
22. Juli: 





im Licht 


im Finstern. 


Gewicht des Samens 


0,922 Grm. 


0,926 Grm. 


Gewicht der Pflanze 


1,293 „ 


0,566 „ 


Gewinn . . , = 


0,371 „ 


Verlust =0,360 „ 


Kohlenstoff: Gewinn = 


0,1926 „ 


„ = 0,1598 „ 


Wasserstoff: „ = 


0,0200 „ 


„ = 0,0232 „ 


Sauerstoff': „ = 


0,1591 „ 


„ = 0,1766 „ 



J. Macagno beobachtete die Einwirkung verschiedenen Lichtes 
auf Bohnen, welche 3 Wochen im August unter gleichen Verhält- 
nissen vegetirt hatten. Die gewonnenen Resultate waren: 

Trockensubstanz 
Weisses Licht 0,534 
Violettes Licht 0,330 
Rothes Licht 0,263 

Gelbes Licht 0,222 

Dagegen fand Pfeffer'), dass die gelben Strahlen bei der 
Kohlensäurezersetzung am leistungsfähigsten, die violetten die 
am wenigsten leistungsfähigen seien. 

Uebrigens vermögen ebenso wie das Sonnenlicht auch irdische 

1) Pfeffer fand die Zahl der im hellsten Gelb ausgeschiedenen Gasblasen 
= 100 angenommen: Roth 25,4; Orange 63,0; Gelb 100,0; Grün 37,2; Blau 
22,1; Indigo 13,5; Violett 7,1. 



Org. Substanz 


Asche 


0,452 


0,082 


0,278 


0,052 


0,189 


0,075 


0,168 


0,054 



Das Licht. 265 

Lichtquellen die chlorophyllhaltigen Organe zur Sauerstoflfabschei- 
dung anzuregen (Biot, de C and olle, E. Prillieux). Der 
erste organische Stoff, der im Chlorophyllkorn durch das Licht ge- 
bildet wird, scheint die Stärke zu sein, obwohl, wie J. Böhm 
neuerdings zeigte, jene Lichtintensität, welche hinreicht, um grüne 
Pflanzen zur Zerlegung der Kohlensäure zu befähigen, auch eine 
Wanderung der Stärke aus dem Stengel in die Chlorophyllkörner 
bewirkt und damit die Ansicht: alle Stärke, welche in entstärkten 
Chlorophyllkörnern von dem vollen Tageslichte ausgesetzten Pflanzen 
auftritt, sei ein unmittelbares Assimilationsproduct der Kohlensäure, 
als unrichtig erwies. 

Ueber den Einfluss des Lichtes auf die Bildung der anderen 
Pflanzenstoffe weiss man leider noch weniger. Dass durch kräftige 
Insolation die Bildung der Blüthenfarbstoffe und Riechstoffe geför- 
dert wird, ist allbekannt. Die aus südlicheren Gegenden nach 
nördlicheren eingeführten Pflanzen zeigen nicht nur grössere und 
intensiver gefärbte Blüthen, sondern die aromatischen Küchenkräuter 
sowie die Obstsorten gewinnen auch an Aroma, während sie an 
Süsse verlieren. 

Einen Einfluss übt ferner das Licht auf die Verdickung der 
Bast- und Holzzellen u. zw. begünstigt es die Vermehrung der Holz- 
elemente (Cannabis sativa), sowie die Neubildung der Fibrovasal- 
stränge in den Monokotyledonen. 

Aber nicht allein die Kohlensäurezerlegung in den grünen 
Pflanzentheilen ist von der Lichteinwirkung abhängig, sondern auch, 
wie R.Weber nachgewiesen hat, die Aufnahme der mineralischen 
Nährstoffe. Im Allgemeinen geht die Aufnahme sämmtlicher Aschen- 
bestandtheile im gleichen Verhältniss mit der Helligkeit des ein- 
wirkenden Lichtes vor sich; dabei scheint es aber, dass die Phos- 
phorsäureaufnahme vorzüglich unter Einwirkung der minder brech- 
baren Strahlen des Spectrums stattfindet, während dagegen Kalk 
und Kali unter Einfluss der stärker brechbaren und auf Silbersalze 
wirkenden Strahlen verhältnissmässig leichter aufgenommen wird. 
Möglicherweise entstehen die Proteinstoffe, zu deren Bildung die 
Anwesenheit von Phosphaten nothwendig ist, mehr unter dem Ein- 
fluss der weniger brechbaren und hellen Strahlen, die Kohlehydrate 
besonders unter der Einwirkung der mehr brechbaren Strahlen. 

B. Die Wärme. 

Ueber die praktischen Beziehungen der Wärme auf das Keimen 
und Wachsen der Culturpflanzen wird bei Besprechung des Kei- 
mungsprocesses und der Culturpflanzen die Rede sein. Hier seien 



266 . Die Wärme. 

nur die allgemeinen Relationen der Wärme auf die Lebensvorgänge 
in der Pflanze kurz erörtert. 

Die Wärmequellen für die Pflanze sind die Wärme der um- 
gebenden Luft und die durch die Athmung und innere Oxydation 
bedingte Eigenwärme. Letztere macht sich selten bemerkbar und 
ist für den Haushalt der Pflanzen, wie es scheint, von keiner Be- 
deutung. Nur bei dem Keimungs- und Fruchtbildungsprocess ist 
die Aufnahme von Sauerstofi" und die Oxydation eine so lebhafte, 
dass Temperaturerhöhung leicht wahrgenommen werden kann. In 
welchem Maasse bei der Keimung, sei dort angeführt, bei den 
Kolben der Aroiden fand man eine Steigerung von 9 o C. über die 
umgebende Temperatur. 

Zu jeder physiologischen Function, besonders aber zur Proto- 
plasmabewegung sind bestimmte Temperaturen nothwendig. Es 
existiren Temperaturgrenzen, deren Ueberschreiten nach unten und 
oben Störungen (Kälte- oder Wärmestarre) in den normalen Func- 
tionen des Protoplasmas hervorrufen. Für verschiedene Pflanzen 
sind die Temperaturgrenzen für die Beweglichkeit des Protoplasmas 
verschieden, so ist die untere Grenze bei Nitella syncarpa o, bei 
den Haaren des Kürbisses 10 — 11 ** C; die obere Grenze liegt für 
Niteila bei 37 o C. Bei den Haaren des Kürbisses steht, wenn sie 
in Wasser von 46 — 47 o C. getaucht sind, die Strömung binnen 
zwei Minuten still, in Wasser über 47 o C. schon binnen einer 
Minute; in der Luft können diese Haare dagegen 10 Minuten lang 
49 — 50,5° C. ertragen, ohne dass die Strömung aufhört. 

Die Sauerstofifabscheidung in den grünen Organen im Lichte 
beginnt bei Potamogeton erst bei 15 ^ C. und hört bei 10 o C. auf. 
Heinrich fand bei Hottonia palustris als unterste Grenze für 
regelmässige Sauerstoffabscheidung 4,5** R., als obere 40 — 45 ^ R. 
Je mehr sich die Temperatur von diesen äussersten Grenzen ent- 
fernte , desto energischer wurde die Sauerstoffabscheidung und er- 
reichte ihren Culminationspunkt bei 25 ** R. Blätter, welche 10 Mi- 
nuten in Wasser von mehr als 55** R. lagen, verloren überhaupt 
die Fähigkeit, Kohlensäure zu zersetzen. Bei vielen im Winter, 
Herbst und Frühjahr vegetirenden Moosen und Flechten dürfte diese 
Temperaturgrenze viel tiefer liegen. Böhm fand bei seinen Ver- 
suchen über die Respiration von Landpflanzen, dass die Menge der 
durch innere Verbrennung in der Pflanze gebildeten Kohlensäure 
sehr von der Temperatur abhänge. Bei Temperaturen von 39 bis 
40** C. und 6 — 10" C. wurde durch den Respirationsprocess mehr 
Kohlensäure gebildet als zerlegt. 

A. Mayer schliesst nach seinen Versuchen, dass die Athmung 
einer Pflanze schon bei Temperaturen beginne, die weit niedriger 



Die Elektricität. 267 

liegen, als das Wachsthumsminimiim derselben Pflanze und selbst 
schon etwas unter 0^; sie steige alsdann annähernd proportional 
der Temperatur, weit über das Wachsthumsoptimum hinaus, bis zu 
Wärmegraden , bei welchen das Längenwachsthum »erlischt, gleich- 
massig fort. 

Auch die Wasseraufnahme durch die Wurzeln hängt von be- 
stimmten Temperaturgrenzen ab. Die Wurzeln von Tabak- und 
Kürbispflanzen nehmen z. B. aus einem feuchten Boden von 3 — 5 ^ C. 
nicht so viel Wasser auf, um den schwachen Verdunstungsverlust 
zu ersetzen, so dass ihre Blätter zu welken beginnen. Die Ge- 
schwindigkeit und Intensität der Lebensfuuctionen der Pflanzen sind 
übrigens der Wärmezunahme keineswegs proportional, wie später 
durch Beispiele belegt werden wird. 



C. Die Elektricität. 

Die chemische Verschiedenheit der Säfte benachbarter Zellen, 
die Diffusion der Salze von Zelle zu Zelle und ihre Zersetzung, 
die Sauerstoffabscheidung aus chlorophyllhaltigen Zellen, die Ath- 
mung, die Verdunstung der Pflanzen, kurz alle die mannigfachen 
chemischen und biologischen Processe müssen elektrische Ströme 
erzeugen und doch weiss man im Ganzen darüber noch sehr wenig. 
Sicher ist, dass sich das innere Gewebe der Landpflanzen zu ihrer 
stärker cuticularisirten Oberfläche dauernd negativ elektrisch verhält 
und dass ein gleiches Verhalten zwischen der von Gewebesäften 
durchtränkten Wurzeloberfläche und der Oberfläche der Stengel- 
glieder und Blätter stattfindet. Nach J. Ranke verhalten sich die 
Querschnitte von Pflanzenstücken positiv, die Längsschnitte negativ 
und es erscheint gerechtfertigt, die Du Bois-Reymond'sche Mo- 
lecularhypothese der thierischen Elektricität auf die Pflanzenelek- 
tricität zu übertragen. 

Burdon Sanderson hat in dem lebenden Blatte von Dionaea 
muscipula , auch nach dem Abschneiden , einen elektrischea. Strom 
nachgewiesen, der in der Blattscheibe von der Basis zur Spitze, im 
Blattstiel von dem oberen Theil zur Stielbasis gerichtet ist. Dieser 
Strom in der Blattscheibe ändert seine Pachtung, sobald eine Fliege 
in ein Blatt kriegt oder man dessen sensible Haare berührt, wo- 
durch die Scheibe geschlossen wird. Munk fand bei seinen Ver- 
suchen am nicht abgeschnittenen Blatt diese elektromotorischen Wir- 
kungen bestätigt und meint, dass die ungefähr cylindrischen Zellen 
des Blattflügel-Parenchyms und der beiden Mittelrippen-Parenchyme 
mit Kräften ausgestattet sind derart, dass die positive Elektricität 



268 Die Schwerkraft. 

von der Mitte der Zelle nach jedem der beiden Pole hingetrieben, 
die Pole positiv sind gegen die Mitte. 

Nicht allzu starke elektrische Ströme heben die Beweglichkeit 
des Protoplasmas und reizbarer Organe nur zeitweise auf, während 
stärkere zerstörend auf das Leben des Protoplasmas und somit der 
Pflanzen einwirken. 



D. Die Schwerkraft. 

Die Schwerkraft spielt vor Allem bei dem Wachsthum der 
Wurzel eine Rolle. Sie ist es, die das Herabsinken der Wurzel- 
spitze veranlasst, wenn man diesen Wachsthumsvorgang , die geo- 
tropische Krümmung der Wurzeln, auch nicht einfach als ein 
passives Herabsinken der Wurzelspitzen anzusehen hat. Genaue 
Messungen haben ergeben, dass, wenn man eine Wurzel in eine 
horizontale Lage bringt, die Unterseite in ihrem Wachsthum immer 
erheblich beeinträchtigt wird, während die nach oben gekehrte 
Seite gewöhnlich kräftiger wächst, als sie dies in normaler Lage 
gethan hätte ; aus diesem im ganzen wachsthumfähigen Wurzelstück 
eintretenden Wachsthumunterschied muss eine Abwärtskrümmung 
resultiren. Für horizontal gelegte Stengel gilt das Gegentheil, es 
sinken die Nahrungssäfte mehr nach unten, wodurch in der unteren 
Seite ein schnelleres Wachsthum eintritt, was sodann selbstverständ- 
lich eine Aufwärtskrlimmung zur Folge haben muss. Was diese 
Ansammlung von Nahrungssäften bald unten, bald oben veranlasst, 
bleibt freilich noch zu erklären.*) Während die Hauptwurzeln in 
Folge der Schwerkraftswirkung in verticaler Richtung wachsen, 
treten die Nebenwurzeln erster Ordnung unter einem Winkel von 
60, 70, 90 aus jener hervor und die Schwerkraft ist nicht im 
Stande, sie aus dieser Richtung abzulenken. Bringt man dagegen 
eine solche Wurzel in eine mehr horizontale Lage, so macht sich 
eine Schwerkraftswirkung geltend, die Wurzelspitze wendet sich 
wieder etwas mehr nach unten. Auf die Nebenwurzeln 2. Ordnung, 
die nach allen Richtungen aus denjenigen 1. Ordnung hervor- 
brechen, scheint die Schwerkraft gar keinen Einfluss auszuüben. 

Sehr viele Einrichtungen findet man bei den Pflanzen, um der 
auf alle Theile influirenden Schwerkraft entgegen zu wirken. Die 
Festigkeit und Elasticität des Holzes aufrechter Stämme, die gleich- 

1) Kny spricht gelegentlich seiner Versuche über den Einfluss der Schwer- 
kraft auf die Anlegung von Adventiv- Wurzeln und Sprossen von „Nachwirkung" 
der Stellung, welche die Stecklinge vorher im Gesammtbau des naütterlichen 
Organismus einnahmen. 



Das Keimen. 269 

massige Vertheilung der Last des Laubes und der Aeste nach allen 
Seiten hin, die rankenden und schlingenden und die verschiedeneu 
Vorrichtungen zum Klettern bei dünnen Stämmen, welche sich unter 
der Last ihrer Blätter und ihres eigenen Gewichtes nicht aufrecht 
erhalten können, die Schwimmapparate schwimmender Pflanzen, die 
Flugapparate vieler Samen und Früchte und viele andere Einrich- 
tungen mindern den Einfluss der Schwerkraft. 

Zweckmässig erscheint, das Pflanzenleben nach seinen natür- 
lichen Perioden zu besprechen. Der Kreislauf des Lebens beginnt 
in den Pflanzen mit dem Keimen, während welcher Periode sich 
die Pflanze auf Kosten einzelner eigener Organe entwickelt ; in der 
zweiten Periode, der des Wachsens, ernährt sie sich auf Kosten 
der Aussenwelt, sie entnimmt die Xährstoöe dem Boden und der 
Luft; in der dritten, der Fortpflanzungsperiode, entwickeln 
sich wieder einzelne Pflanzenorgane, nämlich die Fortpflanzungs- 
organe, auf Kosten der ganzen Pflanze. 



2. Das Keimen. 

Unter Keimen versteht man die Entwickeluug des im Samen 
ruhenden Embryo bis zur jungen sich selbststänüig ernährenden 
Pflanze. In jedem Samen, dem Avichtigsten für die Vermehrung 
der Pflanze bestimmten Organe, findet sich ein Keim (Embryo) 
mit seinen Hilfsorganen, welche den Zweck haben, den Keim 
bis zu dem Zeitpunkte zu ernähren, wo sich die Wurzeln so weit 
ausgebildet haben, um der jungen Pflanze Nahrung von aussen zu- 
führen zu können. Haben die Hilfsorgane ihren Zweck erfüllt und 
kann sich das Pflänzchen selbstständig ernähren, so sterben sie ab. 
Der Keim hat ein Würzelchen (Radicula) und ein Blüthchen oder 
Stengelchen (Plumula); aus ersterem entwickeln sich die Wurzeln, 
aus letzterem die Stengel und Blätter. An der Grenze nun zwi- 
schen Würzelchen und Stengelchen finden sich die unverhältniss- 
mässig gross entwickelten Hilfsorgane, die man Keimblätter oder 
Samenlappen (Kotyledonen) nennt, nach welchen bekanntlich die 
mit sichtbarer Blüthe blühenden Pflanzen in ein- und zwei- 
samenlappige eingetheilt werden. Bei einigen Samen kommt nebst 
den Samenlappen und dem Keim eine sie umgebende Zellgeweb- 
masse vor, die man als Eiweisskörper bezeichnet. 

Die umstehenden Figuren (S. 270 u. 27 Sj versinnlichen die ge- 
nannten Organe an dem Längsschnitt eines Gerstenkornes und 
einer Bohne. 



270 



Das Keimen. 



Vergrösserte D urcbsohnitte durch ein 
niclit keimendes und durch ein keimen- 
des Gerstenkorn. 

die Furclie. 

b die hintere dünne Spelze. 

c die hintere Hälfte der zarten Fruehtschale. 

d die hintere Hälfte der unter der Furche zur 
sogenannten Samennaht verdickten Samen- 
schale. 

e Gefässhündel der Samennaht. 

/ die Basalborste. 

g die vordere dickere Spelze. 

h die andere Hälfte der Fruchtschale. 

i die andere Hälfte der Samenschale. 

i der Mehlkörper (das sogenannte Sameneiweiss). 

1 bis X der Keim. 

l bis V der Blattkeim. 

V bis X der "Wurzelkeim. 
l das Keimblatt. 

m der Wulst desselben, von welchem aus die 
Samenschale i' sich frei über den Keim her- 
abzieht. 

n die Scheide des Keimblattes, welche sich aus 
dessen Grund erhebt und das Knöspchen des 
Keimes umschliesst. 

die Spalte in der Scheide, durch welche das 
Knöspchen bei seiner Entwickelung her- 
vortritt. 

p bis V das Keimknöspchen. 

p das erste Blatt des Knöspohens. 

q die Känder dieses Blattes, welche nach hinten 
über einander geschlagen sind. 

r das zweite, s das dritte Blatt. 

/ die Spitze des jungen Stengels. 

u das junge Seitenknöspchen, in der Achsel des 
ersten Blattes. 

V der mittlere Theil des Keimes, Grenze zwischen 

Wurzel und Stengel. 
w drei Nebenwürzelchen. 
X die Hauptwurzel, welche immer unentwickelt 

bleibt und beim Keimen von den in ihrem 

Gewebe eingeschlossenen Nebenwürzelchen 

durchbrochen wird. 




Das Keimen. 271 

Soll ein im Samenkorn eingesclilossener Keim aus seiner Ruhe 
zur Lebenstliätigkeit erwachen, d. h. keimen, so müssen auch die 
Bedingungen des Keimens erfüllt werden. Die erste Grund- 
bedingung ist vollständige Reife und normaler Zustand des 
Samens. Unreife Samen schwimmen auf dem Wasser, reife sinken 
unter. Unreife oder nicht vollständig ausgereifte Samen keimen in 
den meisten Fällen nur sehr unsicher oder gar nicht. In zweifel- 
haften Fällen ist dem Landwirth anzurathen, sich von der Keim- 
fähigkeit zu überzeugen, indem er einige zu prüfende Samen auf 
ein feuchtgehaltenes Fliesspapier ausbreitet, wo dann die keim- 
fähigen Samen je nach der Samenart zur entsprechenden Zeit zu 
keimen beginnen. Nach dem Verhältniss der gekeimteu zu den 
ungekeimten Samen muss er die Menge der zu verwendenden Samen 
bestimmen. Ueberhaupt kann ihm die grösste Sorgfalt bei der 
Auswahl des zu benutzenden Samens nicht dringend genug an das 
Herz gelegt werden und wenn auch einzelne Landwirthe diese 
Sorgfalt beobachten, so wird doch im Allgemeinen der Scheidung 
des schweren, ausgereiften Samens von den kleinen unausgebildeteu 
Körnern, sowie der Reinheit des Samens noch viel zu wenig Auf- 
merksamkeit geschenkt; möge man doch bedenken, dass nur aus 
kräftigem Samen kräftige Pflanzen werden können'.^) 

Eine weitere Bedingung zum Keimen ist die Gegenwart der 
Luft. Ihr Einfluss beruht, wie sich das bei Besprechung der Er- 
scheinungen während des Keimens ergeben wird, auf der Zufuhr 
von Sauerstoff, dessen der Same zum Keimen bedarf, denn kein 
Same kann sich ohne Gegenwart von Sauerstoff entwickeln. 

Ein richtiges Maass von Feuchtigkeit ist dritte wesentliche 
Bedingung des Keimens. Zu viel Feuchtigkeit schadet ebenso wie 
zu grosse Trockenheit, denn im ersteren Falle fault der Same, im 
letzteren keimt er langsam, unvollkommen oder gar nicht. Es ist 
allbekannt, wie günstig ein unmittelbar auf die Saat folgender 
Regen und wie nachtheilig anhaltende Trockenheit wirkt. Der 
Landwirth hat demnach bei der Wahl der Saatzeit auch den Feuch- 
tigkeitsgrad des Bodens wohl zu berücksichtigen. Wegen des 
nöthigen Luftzutrittes und der erforderlichen Feuchtigkeit gelangen 
die Samen nur in einer bestimmten Tiefe im Boden noch zum Kei- 
men. So brachte z. B. Hoffmann die Samen verschiedener Cul- 
turpflanzen in Tiefen von 8 — 32 Ctm. im Monate Mai in den Boden; 
es ergab sich, dass im September aufgegangen waren bei: 

1) Grosse Verdienste um die Samenkunde und um solides Gebahren beim 
Samenhandel hat sich Fr. Xobbe erworben, dessen Werk „Handbuch der Samen- 
kunde" 1876 hiermit bestens empfohlen sei. Man rergleiche ferner: Marek, 
das Saatgut und dessen Einfluss auf Menge und Güte der Ernte. Wien 1ST5. 



272 



Das Keimen. 



31,6 Ctm. 


26,3 Ctm. 


21,1 Ctm. 


15,8 Ctm. 


10,5 Ctm. 


7,9 Ctm. 


Nichts 


Erbsen, 


die vorigen 


die vorigen 


die vorigen 


die vorigen 




"Wicke, 


und Weizen, 


und Winter- 


und Senf, 


und Luzerne 




Bohne, 


Hirse, Hafer, 


raps, Buch- 


Roth- und 






Mais 


Gerste, 


weizen und 


Weissklee, 








Raps, durch- 


Zuckerrübe, 


Lein, Oel- 








aus sehr 


beide letz- 


rettig, Hanf, 








schwach 


teren sehr 
unvoll- 
kommen 


weisse Rübe, 
beide letz- 
teren sehr 
unvoll- 
kommen 





Beachtenswertli und durch die grössere Feuchtigkeit erklärt 
ist es, dass bei sehr vielen Samen die jungen Pflänzchen von tiefer 
gelegten Samen früher hervorkommen, als solche von flach gelegten ; 
so kam bei. Weizen die Pflanze bei 2,6 Ctm. tief gelegtem Samen 
früher zum Vorschein, als bei 1,3 Ctm. Die Pflänzchen bei dem 
6,6 Ctm. tief gelegten Samen der Gerste kamen am raschesten her- 
vor und zeichneten sich 14 Tage nach der Pflanzzeit durch den 
schönsten Stand aus. Es ist daher rathsam, namentlich in trockenen 
Jahren, den Samen nicht zu flach in die Erde zu bringen.') 

Als eine der wichtigsten Bedingungen des Keimens erscheint 
endlich die Temperatur. Man kann annehmen, dass mit ein- 
zelnen unwesentlichen Ausnahmen kein Samen unter einer Tem- 
peratur von weniger als -\- 5 Grad C. normal keimt, über diese 
Temperatur hinaus wird die Keimung bis zu einer gewissen Grenze 
beschleunigt; so keimte, nach Edward und C ollin, Getreide in 
Schweden am 30. April gesäet, in 16 — 18 Tagen, am 22. Mai in 
8 — 9 Tagen, am 4. Juni in 6 — 7 Tagen. Haberlandt stellte 
mit den wichtigsten Samen in dieser Beziehung Versuche an, aus 
denen sich ergibt, dass die meisten unserer Culturpflanzen , mit 
Ausnahme von Zuckermoorhirse, Mais, Hirse, Bohnen und Tabak, 
schon bei etwa 50, bei 120 aber alle zum Keimen gelangen. Sachs 
fand folgende Grenzen für die Keimungstemperatureu: 

die untere Grenze das Optimum die obere Grenze 



für 


bei 


bei 


bei 


Triticum vulgare 


50 c. 


28,70 c. 


42,50 c 


Hordeum vulgare 


50 _ 


28,7 ,^ 


37,70 ,, 


Cucurbita Pepo 


13,70 „ 


33,70 ^, 


46,20 ,, 


Phaseolus multiflorus 


9,50 „ 


33,70 ^ 


46,20 ^ 


Zea Mays 


J,0 „ 


33,70 ^ 


46,20 „ 



1) Die Moqui-Indianer bringen, wie Johnson berichtet, entsprechend der 
Beschaffenheit ihres Bodens, die Maiskörner 31 — 37 Ctm. tief in die Erde. 



Das Keimen. . 273 

Neuere Versuche Haberlandt's ergaben, dass bei einer 
Temperatur zwischen und lo C. gar nicht zur Keimung gelangen : 
Weizen, Gerste, Hafer, französisches und englisches Raygras, Buch- 
weizen, Runkelrübe, Raps, Rübsen, Stoppelrübe, Mohn, Lein, 
Spörgel , Weissklee, Bohnen; über die ersten Stadien des Keimens 
vermochten nicht hinauszukommen : Roggen, Hanf, Wicke und Erbse ; 
dagegen zeigten ein fortdauerndes Längenwachsthum der Würzel- 
chen: Senf, Leindotter , Bastardklee , Rothklee und Luzerne. Es 
geht bis zu einer bestimmten Grenze die Keimung, je höher die 
Temperatur ist, desto rascher vor sich, es ist deshalb anzurathen, 
nicht früher zu säen, bis die Temperatur um 4 — 5^ höher gestiegen 
ist, als die niedrigste Keimungstemperatur. Uebrigens nimmt die 
Energie des Wachsthums der Keimtheile nicht regelmässig mit stei- 
gender Temperatur zu. So fand z. B. Coppen in je 48 Stunden 
die folgenden Wurzellängen: 



bei 


von Lupinus albus 


von Zea Mays 


14,10 C. 


9,1 


Mm. 


— Mm. 


18,00 „ 


11,6 


n 


1,1 . 


23,50 „ 


31,0 


n 


10,8 „ 


26,60 ^ 


54,1 


n 


29,6 „ 


28,50 „ 


50,1 


n 


26,5 „ 


30,20 „ 


43,8 


55 


64,6 „ 


33,50 ,, 


14,2 


)) 


69,5 „ 


36,50 ^ 


12,6 


n 


20,7 „ 



Die Temperaturen aber, bei denen die Samen nicht mehr kei- 
men (-{- 38 bis 460), sind so hoch, dass sie für den Landwirth gar 
nicht in Betracht kommen. Uebrigens kann man nach Wies sn er 
die Samen von Schwarzföhre, Fichte und Lerche bis 700 C. er- 
hitzen, ohne dass sie ihre Keimfähigkeit verlieren. Im Allge- 
meinen kann man annehmen, dass die unteren und oberen Tempe- 
raturgrenzen, zwischen welchen die Keimung vor sich geht, um 
so weiter aus einander liegen, je grössere Verbreitung die be- 
treffende Pflanze besitzt. Die Möglichkeit des Keimens unserer 
Culturpflanzen liegt demnach zwischen sehr weiten Grenzen. 

Die Samen keimen beiLichtabschluss schneller und voll- 
kommener, als unter dem Einflüsse des Lichtes, welches erst noth- 
wendig wird, wenn das junge Pflänzchen über die Oberfläche des 
Bodens getreten, also die Keimung vollendet ist. Hierauf beruht 
die Anwendung von dunkel gehaltenen Räumen zur Malzbereitung. 
Kartoffeln keimen nicht, wenn man dieselben in lichten Räumen 
aufbewahrt. 

Die Zeit vom Einlegen des Samens bis zum Keimen ist bei 
einer Bodentemperatur von 12 — 15 o C. und einer Lufttemperatur 

V. Gohren, Ackerbauchemie. 18 



274 



Das Keimen. 



von 15 — 200 c. bei weissen Rüben, Raps, Rüben, Buchweizen und 
Leindotter 4 — 5 Tage ; bei Hirse, Lein, Mohn und Senf 5 — 6 Tage ; 
bei Raygras 6 — 11 Tage; bei Linsen 6 — 7 Tage; bei Lupinen, 
Spörgel und Roggen 7 — 8 Tage; bei Mais, Zuckerhirse, Timothee- 
gras, Feldbohnen, Runkelrüben, Erbsen und Weizen 8 — 9 Tage; 
bei Wiesen- und Schafschwingel 9 — 10 Tage; bei Kümmel, Cicho- 
rien, Wicken, Fioringras, Seradella, Hanfund Tabak 10 — 11 Tage; 
bei rothem und weissem Klee und Luzerne 14 — 15 Tage. 

Die Zeit bis zur Vollendung des Keimens schwankt mit der 
Temperatur viel mehr, als die bis zum Beginn. Sie beträgt z. B. 
nach Sachs 

bei 5 bis 13^ für Weizen und Gerste 40 bis 45 Tage 
..35 „ 380 ,, ^ ^ „ 10 „ 12 „ 

Kleinere Samen vollenden bei gleicher Temperatur die Keimung 
schneller als grosse. 

Die Fähigkeit des Samens, unter günstigen Verhältnissen sich 
zur Pflanze zu entwickeln, seine „Keimkraft", ist bei den Samen- 
arten von sehr verschiedener Dauer. Leider liegen hierüber noch 
viel zu wenig Versuche vor und selbst das Wenige, was sich ver- 
zeichnet findet, ist unsicher. So beruht z. B. die selbst in den 
neuesten Schriften colportirte Geschichte von den Weizenkörnern, 
welche man vorgeblich bei ägyptischen Mumien gefunden und die 
nach 3000 jähriger Ruhe zum Keimen gebracht worden sein sollen, 
auf einer blossen Mystification ; wie sich später herausstellte, waren 
die Reisenden durch ägyptische Führer getäuscht worden. Die 
Bestimmung, wie lange ein Same seine Keimfähigkeit behalte, ist 
aber für den Landwirth von hoher Wichtigkeit. Haberlandt 
gibt das Resultat seiner Versuche mit Körnerfrüchten in nachfolgend 
mitgetheilter Uebersicht, in welcher die Jahreszahlen sich auf die 
Erntejahre beziehen. Das Versuchsjahr war 1860. 



Bezeichnung der 
Fruchtarteu. 


Es haben gekeimt von 100 Körnern 


Weizen . . .' 
Eoggen . . . 
Hafer .... 
Gerste .... 
Mais .... 


1850 
60 


1 1 1 1 1 1 


1854 

8 

24 
56 
76 


1855 
4 

48 
56 


1857 
73 

48 
72 


1858 
60 

33 

32 

77 


1859 

84 

48 

92 

80 
100 


1860 

96 
100 

89 

96 

97 



Wir sehen aus dieser Tabelle, dass, je jünger die Samen un- 
serer Getreidearten sind, um so zahlreicher ihr Keimen erfolgt; 
am frühesten verliert Roggen seine Keimfähigkeit, am längsten be- 
wahrt sie der Hafer. 



Das Keimen. 275 

Eine Reihe neuerer, von Dimitriewicz im Haberlandfschen 
Laboratorium angestellter Beobachtungen ergab, dass durch die 
längere Dauer der Aufbewahrung die Keimfähigkeit am meisten 
beeinträchtigt wurde beim Lauch, Spinat, Gartensalat, Raps, Küm- 
mel und der Möhre. Günstiger stellte sich die Erhaltung der 
Keimfähigkeit bei der Rispenhirse, Hanf, Kürbis^ Gurken, Sonnen- 
blumen, Paradiesapfel, Tabak, Senf, Lein, Luzerne und Fisole; am 
günstigsten war das Ergebniss bei der Runkelrübe und Melone, 
denn von der Runkelrübe keimten nach 12 Jahren noch bQ'^o und 
von der Melone nach 1 1 Jahren 9 3 '{ u - 

Für die Keimfähigkeit ist es ferner keineswegs gleichgiltig, 
zu welcher Jahreszeit der Samen in die Erde gebracht wird, denn 
abgesehen davon, dass die Saatzeit so gewählt sein muss, dass die 
klimatischen Verhältnisse die Entwickelung der Pflanze befördern, 
gibt es Samen, die nur in einer bestimmten Jahreszeit keimen; 
z. B. keimen die Samen der meisten Bäume in unseren Klimaten 
nur im Frühjahre, während den Getreidearten ein weiterer Zeit- 
raum verliehen ist. 

Des Landwirthes Aufgabe ist es, die Keimkraft der Samen 
nicht nur zu erhalten, sondern auch zu befördern. Um die Keim- 
kraft der Samen lange zu erhalten , können natürlich nur solche 
Mittel dienen , welche den Bedingungen der Keimung hinderlich 
sind, also möglichst niedrige Temperatur, Trockenheit und Abschluss 
der Luft. Es beruht hierauf die Anlegung der Silos und Ger- 
moirs der Franzosen und Matomoren der Marokkaner, es sind dies 
mit trockenem Sande ausgelegte und gedeckte Gruben zur Aufbe- 
wahrung des Getreides. 

Die Mittel zur Beschleunigung des Keimens beruhen auf der 
Anwendung von Stoffen, welche die Umwandlung, denen die Be- 
standtheile im Samen beim Keimen unterliegen, fördern : Erweichung 
der Samenhülle, der stickstoffhaltigen Stofie u. s. w. Solche Mittel 
sind verdünnte Säuren (Salzsäure, Chlorwasserj oder verdünnte 
alkalische Flüssigkeiten TKalkwasserj. Weicht man den Samen in 
etwas mit Salzsäure oder mit Chlorgas gemischtem Wasser durch 
sechs bis zehn Stunden, so gelangt der Same ziemlich um die 
Hälfte der Zeit früher zum Keimen als gewöhnlich. Aehnlich wirkt 
das Beizen des Samens in verdünnter Kali- und Natronlauge oder 
in mit gebranntem Kalk gemischtem Wasser, in welchem man einige 
Stunden vor dem Anbau den Samen ein bis zwei Stunden lang 
erweichen und nach dem Herausnehmen bis zum Anbau auf Haufen 
liegen lässt. Dieses Beizen bewirkt besonders beim Weizen zu- 
gleich eine Reinigung des Samens vom Brandpilz. 

Gänzlich vernichtet wird die Keimkraft durch Temperaturen, 

IS" 



276 Das Keimen. 

die eine VeränderuDg der Samenbestandtheile selbst verursachen. 
Sie wird ferner vernichtet durch zu concentrirte Anwendung 
mancher sonst nützlicher Stoffe. Nach E. Wolff wird die Keim- 
kraft der Gersten- und Wickenkörner alterirt durch 

Beginn des nachtheiligen Gänzliche Zerstörung des 
Einflusses auf den Keim: Keimes:" 

Kochsalz zwischen . 0,52 o/o im Boden und 1,04 o/o im Boden 

Salmiak 0,48 „ „ „ „ 1,02 „ „ 

kohlens. Ammoniak . 0,58 „ „ „ „ 1,36 „ „ „ 

Salpeters. Natron . . 0,72 „ „ „ „ 1,40 „ „ „ 

Salpeters. Kali ... 0,95 „ „ „ „ 1,70 „ „ „ 

kohlens. Kali . . . 0,98 „ „ „ „ 1,18 „ „ 

schwefeis. Ammoniak. 1,14 „ „ „ — 

phosphors. Kali . . 1,94 „ „ „ — 

schwefeis. Magnesia . 2,18 „ „ „ — 

Die Erscheinungen beim Keimen beginnen damit, dass 
die Samenschale von Feuchtigkeit durchdrungen wird und aufquillt, 
wodurch schon eine Veränderung in der Gestalt (Volumenvergrösse- 
rung) des Samens eintritt. 

Dimitriewicz fand folgende Verhältnisse: 

Dauer der Quellung in Stunden 
6 Stunden 24 Stunden 

Volumen- Gewichts- Volumen- Gewichts- 

zunahme in °/o zunähme in °/o zunähme in °/o zunähme in °/o 



Rothklee bei 0» 81,2 


60,0 


131,2 


107,0 


„ 100 87,5 


68,2 


137,5 


109,2 


n 15° 131,2 


100,2 


137,5 


111,5 


„ 350 156,2 


118,7 


156,2 


120,0 


Kichererbsen OO 73,5 


60,0 


133,3 


91,6 


„ 150 106,6 


75,0 


133,3 


101,5 


„ 350 133^3 


97,5 


133,5 


101,5 



Raps zeigte eine geringe Zunahme. Nach E k k e r t wird wäh- 
rend einer dreitägigen Einquellung von den Hülsenfrüchten, obenan 
dem Luzernensamen, das meiste Wasser aufgenommen. Von den 
Getreidearten war der Roggen am quellungsfähigsten, am wenigsten 
Wasser nahmen Mais und Buchweizen auf. Von öligen Samen 
nahmen Rübsen und Hanf etwas über die Hälfte ihres Gewichtes 
an Wasser auf. Die verschiedene Quellungsfähigkeit und die 
Quellungsunfähigkeit einzelner Samen wird jedenfalls durch die 
Beschaffenheit der Testa bedingt. 

Nach Hoffmann's Bestimmungen nahmen in lufttrockenem 
Zustande auf: 







Das Keimen. 


27 




Procent Wasser 




Procent Wasser 


Weizen . 


45,555 


Saubohne 


104,022 


Gerste 




48,180 


Wicke . . 


75,374 


Roggen . 




57,690 


Mohn . . . 


91,000 


Hafer . . 




59,800 


Raps . . . 


51,000 


Buchweizen 




46,860 


Oelrettig . . . 


8,000 


Mais . . 




44,044 


Leindotter . 


60,000 


Hirse . . 




25,000 


Hanf . . . 


43,891 


Linse . . 




93,399 


Sonnenblume 


56,500 


Erbse . . 




106,813 


Weisse Rübe 


62,500 


Weisse Bohr 


16 


96,060 


Zuckerrübe . 


. 120,520 



Wie viel Wasser Samen aus einer mit Wasser gesättigten Atmo- 
sphäre absorbiren können, hat Haber lan dt bestimmt; er fand: 
Gewichtszunahme in Procenten 



nach 1 


7 


31 


41 Tagen 


Weizen 2,96 


16,05 


21,3 


16,87 


Roggen 4,22 


16,32 


18,35 


1,37 (?) 


Gerste 2,21 


14,44 


22,15 


16,96 


Hafer 2,64 


12,77 


16,48 


14,60 


Mais 1,49 


10,74 


15,50 


13,34 



Die Zahlen führen zu dem Schluss, dass die Samen zur Kei- 
mung tropfbar flüssigen Wassers benöthigen; auch stellte sich bei 
den Versuchen heraus, dass die Samen bei längerem Aufenthalte 
in einer mit Wasser gesättigten Atmosphäre eine wesentliche Ein- 
busse an ihrer Keimfähigkeit erlitten. 

Bei Versuchen, welche Zöbl über die Daner der Keimfähig- 
keit von in Wasser gelegtem Samen anstellte, fand er, dass die 
Keimfähigkeit der meisten von ihm angewandten Samen auch nach 
der ziemlich langen Zeit von 28 Tagen zum Theil noch erhalten 
blieb, dass selbst Rübensamen nach einer Quelldauer von 69 Tagen 
nahezu noch zur Hälfte keimte, dass dagegen Gerste schon binnen 6, 
Roggen' binnen 9 bis 13 Tagen ihre Keimfähigkeit eingebüsst 
hatten. *) 

Die eindringende Feuchtigkeit leitet zugleich die verschiedenen 
chemischen Processe ein, die innerhalb des keimenden Samens vor 
sich gehen. Die Veränderungen, die nun folgen, beziehen sich 
theils auf die Form und Gestalt des Samens und Keimlings, theils 
auf deren chemische Constitution. Die Gestaltsveränderungen sind 



1) Den schädlichen Einfluss eines zu langen Quellens auf die Keimfähigkeit 
der Gerste, besonders bei höheren Temperaturen, wies auch Hermannauz 
(Centralbl. f. Agr. 1876. Nov. S. 358) nach. Bei 17° keimten nach 228 stün- 
digem Quellen nur noch 0,4°/'o. 



278 



Das Keimen. 



folgende: Der sich ausdehnende Keim zersijrengt die 
Samenschale; das Steugelchen, als erste Stengelanlage, und das 
Würzelchen, das bald Nebenwurzeln treibt, treten hervor, und zwar 
dringen, der Same mag liegen wie er will, die Würzelchen immer 
nach unten, dem Boden, und das Stengelcheu dem Lichte zu, stets 
nach oben; die Keimblätter sterben ab, sobald das Pflänzchen sich 
selbständig ernähren kann. 

Nachstehende Figuren versinnlichen den Vorgang beim Keimen 
der Bohne in drei verschiedenen Entwickelungsperioden bis zum 
Entfalten der ersten Blätter. 

1 3 






1. Ursprüngliclier Same der Bohnen, 24 Stunden im Wasser geweicht. 

2. Bohnensame während des Keimens : « Samenschale, c Stengelchen. 

d Würzelchen, e Samenlappen. 

3. Junges Pflänzchen: e abgestorbene Samenlappen. 

Mit der Gestaltveränderung halten die meist sehr 
comp licirten chemischen Veränderungen der Keimung 
gleichen Schritt. 

Durch das aufgenommene Wasser werden die löslichen Samen- 
bestandtheile gelöst, andere Bestandtheiie aufgequellt. Der Sauer- | 



Das Keimen. 



279 



Stoff und das Wasser veranlassen zugleich eine Reihe von chemischen 
Veränderungen der Samenbestandtheile, es geht in Folge der Sauer- 
stoffaufnahme ^j ein Oxydationsprocess unter Freiwerden von Wärme, 
Entwicklung von Wasser und Kohlensäure und wahrscheinlich auch 
von anderen Gasen vor sich. Mit den beginnenden chemischen 
Veränderungen im Samen tritt ein stetiger Gewichtsverlust au Sameu- 
substanz ein. Nach Schieiden betrug der Gewichtsverlust bei 
der Pferdebohne in 16 Tagen 23 ^o, bei der Gerste nach 5 Tagen 
68 'Vo j bei der Erbse nach IS Tagen 24 ^\o , bei der Wicke nach 
18 Tagen 17 "o der wasserfreien Samenmasse. 

Sachsse erhielt bei keimenden Erbsen folgende Kohlensäure- 
mengen : 

Grm, 



Angewendet 


27 


Erbsen == 


= 6/ 


?397 


Grm. 


= 5,8258 


Trockensubstanz. 




































Grm. 


CO2 


gebildet 


in 


46 


Stunden 






0,0426 


T> 




;5 


n 


fer 


neren 


24 


Stunden 


0,0576 


n 




r> 


r 




57 


24 


V 




0,1102 


n 




n 


n 




)i 


20 


n 




0,0739 


r 




n 


;5 




n 


24 


r 




0,0915 


n 




5? 

V 


n 




)5 


10 
38 


" 




0,0401 
0,1806 



Bei Untersuchungen über die Quantitäten der durch die Bil- 
dung von Kohlensäure und Wasseraufnahme frei werdenden Wärme 
erhielt Wiessner, als er 250 Grm. Gerste in einem Mousselin- 
beutel keimen Hess, folgende Temperaturen: 







Zeit. 




Luft- 
temperatur. 


Temperatur der 
keimenden Samen, 


16. 


Juni 3 


Uhr 


Nachm. 


18,1« 


C. 


18.10 


C. 


16. 


)5 


4 


5? 


r> 


18,2 


n 


18,2 


n 


16. 


n 


5 


n 


V 


18,1 


}^ 


18,2 


r 


16. 


n 


6 


n 


V 


17,5 


r: 


17,9 


n 


16. 


T) 


8 


n 


Abends 


18,3 


n 


18,9 


r, 


17. 


n 


7 


n 


Morgens 


18,6 


r 


19.0 


n 


18. 


n 


8 


n 


Vorm. 


19.2 


,, 


2i;5 


n 


19. 


n 


8 


n 


n 


20,5 


n 


23,5 


n 


19. 


n 


10 V 


2 n 


ji 


21,0 


n 


24,1 


V 


19. 


r> 


10 


n 


Abends 


19,8 




24,5 


n 


20. 


n 


2 


n 


Nachm. 


21,1 


n 


23,1 


n 



1) In reinem Sauerstoffgas geht, nach Böhm und Bert, die Keimung nicht 
über das erste Stadium hinaus fort. Ab^veichende Kesultate erhielt neuerdin2:s 



280 Das Keimen. 

Stickstoff scheint weder in freier Form noch als flüchtige Stick- 
stoffverbindimg bei der Keimung ausgeschieden zu werden, als 
Ammoniak höchstens in sehr geringer Menge. 

Je nach der chemischen Zusammensetzung des Samens sind 
auch die chemischen Processe etwas verschieden. Das Endresultat 
derselben scheint aber immer das Löslichwerden , „ die diffusible 
Form", der meisten Samenbestandtheile zu sein. Es hat dieses 
Löslichwerden den Zweck, der jungen Pflanze die nöthigen Nah- 
rungsstoffe in Form des vegetabilischen Nahrungssaftes zu bieten. 
Bei Stärkemehl ist ein Löslichwerden durch vielfache Versuche nach- 
gewiesen. 

Bei Oelsamen, in denen das Oel das Stärkemehl zu ersetzen 
scheint, zersetzt oder spaltet sich das Oel sehr bald und es 
entstehen andere Stoffe, z. B. Stärke, Gummi, Zucker, Zellstoff. 
Ueberhaupt findet eine rapide Zellstoffzunahme in den Keim- 
pflanzen statt. 

An den chemischen Umänderungen im Samen haben aber auch die 
stickstoffhaltigen Stoffe einen wesentlichen Antheil. Sie werden ent- 
weder in solche fermentartige Stoffe (Maltin, „ Diastase ") umgewandelt, 
welche das Vermögen besitzen, Stärkemehl in Dextrin und Zucker 
zu spalten, oder in peptonbildende Fermente, wie solche Gorup- 
Besanez in Wickenkeimen gefunden hat, die unlösliche und 
schwer diffundirende Albuminate in lösliche und gut diflundirende 
Peptone verwandeln, oder sie gehen in amidartige, leicht diffusible 
Körper, wie Asparagin, Leucin und Tyrosin über, welche unter 
Umständen wieder zu Albuminaten regenerirt werden können. 
Uebrigens zeigen sich auch da mannigfache Verschiedenheiten, so 
entsteht z. B. nach Mercadante in den Gramineensamen kein 
Leucin und Tyrosin, deren Auftreten in keimendem Samen der 
Leguminosen wiederholt beobachtet wurde. 

Der Schwefel der zersetzten Eiweissstoffe scheint in Schwefel- 
säure überzugehen. 

Um ein Bild der chemischen Veränderungen im Samen in 
Folge des Keimprocesses zu geben, seien einige Untersuchungen 
Detmer's an keimendem Mais citirt. 

Die procentische Zusammensetzung der Samen und der Kei- 
mungsproducte gestaltet sich wie folgt: 



Eischawi (Landw. Versuchsst. 1876. Bd. XIX. Nr. 5 S. 339), der aus seinen 
Versuchen folgert, dass die grössere Menge Sauerstoffs in der Umgebung der 
Pflanze den Atlimungsprocess wie bei niedriger so auch bei höherer Temperatur 
nicht beeinflusst. 





Das 


Keimen. 


281 




(90,99 Grm.) 
(100 Grm.) Keimungsproducte 
Samen bei Abschluss des Lichtes 
nach 7 Tagen 


(60,19 Grm.) 
Keimungsproducte 
nach 4 Wochen 


Fett .... 


5,46 


6,42 


5,20 


Zucker . . . 


Spur 


6,00 


2,91 


Dextrin . 


1,99 


1,10 


6,92 


Stärke . . . 


. 73,29 


62,66 


27,31 


Protein . . . 


. 10,69 


11,13 


14,69 


Asparagin . . 


— 


— 


1,11 


Rohfaser . . 


1,73 


3,53 


10,25 


Asche . . . 


1,50 


1,83 


2,84 


Unbest. Stoffe . 


5,34 


7,33 


28,77 



100,00 



100,00 



100,00 



Der absolute Verlust und Gewinn der Keimungsproducte an 
organischen Bestandtheilen ist nachstehender: 





tu 

S ö 


ach re- 
de 1 
ändigen 
Gramm 
ielten 


PI o 

2 -^^ 


CD S S ^ 


1 

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sehen 
nd 4 




o^ 


Ö .2 m .— ^ 


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^ S 2 5 ^ 


:=s-g=^ 




§ö 


O 1-'°^ 


Q S-- 


rli^ 


p N S<l 


— ^ 










Pett 


5,46 


5,84 


+ 0,38 


3,13 


- 2,71 


Zucker . 










Spur 


5,46 


+ 5,46 


1,75 


— 3,71 


Dextrin 










1,99 


1,00 


— 0,99 


4,16 


+ 3,16 


Stärke . 










73.29 


57,01 


— 16,28 


16,43 


— 40,58 


Protein 










10,69 


10,14 


• — 0,55 


8,84 


— 1,30 


Asparagin 










— 


— 


— 


0,67 


+ 0,67 


Rohfaser 










1,73 


3,21 


+ 1,48 


6,17 


+ 2,96 


Asche 










1,50 


1,67 


+ 0,17 


1,71 


+ 0,10 


Unbestimm 


e J 


Sto 


ffe 




5,34 


6,66 


+ 1,32 


17,30 


+ 10,64 



Aehnliche Resultate erhielten ürich, Schulze und Um- 
lauft bei ihren Untersuchungen über die Keimung der gelben Lupine 
(Landw. Jahrb. v. Nathusius u. Thiel. 1876. V. Bd. S. 863). 



3. Die Periode des Wachsens. 

Hat sich das junge aus dem Keime entstandene Pflänzchen 
so weit entwickelt, dass es seine Nahrung selbstständig aus der Luft 
und dem Boden aufnehmen kann, so ist es in die Periode des 
Wachsens getreten. 

Vergleicht man das Wachsen der Thiere mit dem der Pflan- 
zen, so findet man den wesentlichen Unterschied, dass bei den 
Thieren das Wachsen sehr bald begrenzt wird, bei den Pflanzen 



282 Die Periode des Wachsens. 

hingegen bis zu ihrem Absterben fortdauert. Das ausgewachsene 
Thier nimmt nur Stoffe (Nahrung) von Aussen auf^ um die 
vom Körper verbrauchten Stoffe wieder zu ersetzen und ihm die 
nöthige Kraft zu erhalten, während die Pflanze der aufgenom- 
menen Stoffe nicht zum Ersätze oder zur Erhaltung, sondern zu 
Nachbildungen, zum weiteren Wachsthum benöthigt. Man hat es 
in dieser Periode demnach mit einer Stofifbildung und Stofifansamm- 
lung zu thun, und findet daher auch, dass die Pflanze von ihrer 
ersten Entwickelung an, sobald sie sich selbstständig ernähren kann, 
bis zu ihrem Ende an Gewicht und Volumen zunimmt. Die Stoff- 
ansammlung in der Pflanze setzt also, da letztere keine Nahrung mehr 
aus dem Keime bezieht, eine Stofiaufnahme von Aussen voraus. 
Aber diese von Aussen aufgenommenen Stoffe sind der Form nach 
nicht dieselben, wie wir sie in der Pflanze finden; während z. B. 
die Pflanze Kohlensäure und Ammoniak aufnimmt, findet man beide 
Stoffe im Allgemeinen nicht in der Pflanze, sondern nur ihre 
Elemente: Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff, und 
zwar zu zweien, dreien, vieren vereint als verschiedene organische 
Bestandtheile. Nach der Stoffaufnahme muss demnach eine Stoflf- 
umwandlung (Assimilirung) stattfinden. 

Aber auch hiemit ist die Bildung neuer Pflanzentheile nicht 
beendigt, denn es fehlt den Stoffen noch die Form. Der Stoff 
muss „organisirt" werden; die Formbildung wird durch den 
Lebensprocess bedingt. So bildet der Zellstoff (S. 252) in organi- 
sirter Form die Pflanzenzellen oder als Aggregat vieler Zellen ein 
bestimmtes Pflanzengewebe. Es müssen sich also aus dem Zellstoff 
Zellen bilden, die Stärke, Albuminate und andere Stoffe zum Theil 
wieder in organisirter Form eingeschlossen enthalten. 



A. Art, Quelle und Form der Pflanzen- Nährstoffe. 

Die Stoffe, welche die Pflanze aufnehmen muss, wenn sie be- 
stehen und sich fortentwickeln soll, bezeichnet man als deren 
Nahrungsstoffe. Welche Stoffe sind dies? Um diese Frage be- 
antworten zu können, muss zunächst an die Stoffe erinnert werden, 
aus denen eine Pflanze besteht. S. 218 wurden bereits die Aschen- 
(anorganischen) Bestandtheile: nämlich Kali, Natron, Kalk, Talk- 
erde, Eisen- und Manganoxyd, Thonerde, Phosphorsäure, Schwefel- 
säure, Kieselsäure, Chlor und zuweilen auch Jod und Brom, ferner 
S. 235 die organischen, meist aus den Elementen Kohlenstoff, 
Wasserstoff, Sauerstoff' und Stickstoff, und zuweilen aus Phosphor 
und Schwefel bestehend, aufgeführt. 



Art, Quelle und Form der Pflanzen-Nährstoffe. 283 

Halten wir uns nun an den von Jablonsky , de Saussure, 
Berthier, Daubeny, Wiegmann, Polsdorf u. A. nach- 
gewiesenen Satz: „dass der lebende Organismus nichts enthält, 
was nicht den Elementarbestandtheilen nach von Aussen aufgenom- 
men wurde", so sind als Nahrungsstoffe der Pflanzen jene eben 
genannten Substanzen anzusehen, deren Nothwendigkeit für das 
Pflanzenleben der Mehrzahl nach durch directe Versuche be- 
stätigt ist. 

Die Stoffe, welche den Pflanzen als Nahrung dienen, werden 
mit wenigen Ausnahmen denselben von der Natur überall dargebo- 
ten; daraus erklärt sich auch, dass die Erde fast allenthalben mit 
einer so reichen Pflanzendecke bekleidet erscheint, die sich uns 
hier als Blumenflor, dort als Urwald, bald als Wiesenteppich und 
bald als Haideland zeigt. 

Quelle und Form der Pflauzen-Nährstoff'e mögen in Folgen- 
dem kurz erläutert werden. 

Der Kohlenstoff bildet die Hauptmasse der Pflanze und 
wird ihr unzweifelhaft in grösster Menge durch die Kohlensäure 
der Luft, aus welcher diese von den Blättern aufgenommen wird, ge- 
boten. Wie später noch ausgeführt werden wird, ist die Kohlen- 
säure der Luft und nicht die des Bodens Hauptquelle des Kohlen- 
stoffes, obwohl die Wurzeln mit der Bodenflüssigkeit ebenfalls 
Kohlensäure aufzunehmen im Stande sind. 

Aus vorhandenen Berechnungen kann man folgern, dass die 
jährlich auf Erden sich durch verschiedene Processe bildende 
Kohlensäure den jährlichen Bedarf der Vegetation an Kohlenstoff 
zu decken im Stande ist. 

Wasserstoff wird den Pflanzen in übergrosser Menge durch 
das Wasser geboten, das von den Wurzeln aufgenommen wird und 
so in die Pflanze gelangt. Wasserstoff wird den Pflanzen auch 
durch das Ammoniak zugeführt. 

Sauerstoff, welcher neben dem Kohlenstoff in grösster 
Menge in den Pflanzen enthalten ist, wird ihnen durch Kohlensäure 
und Wasser, welche beide Sauerstoff enthalten, in überreicher 
Menge vermittelt. 

Stickstoff, wenn auch in geringerer Menge als die drei 
vorgenannten Stoffe in den Pflanzen vorhanden, ist nichts desto 
weniger ein uugemeiu wichtiger Bestandtheil , da er es ist, der 
durch seine Verbindungen die Pflanze zur Bildung von stickstoffhal- 
tigen Pflanzensubstanzen (Eiweissstoft'en S. 259j, die zur thierischen 
Nahrung dienen, befähigt. Er hat seine allgemeinste und ver- 
breitetste Quelle im Ammoniak und zwar in dessen flüchtigen 
(kohlensaures Ammoniak) und löslichen (Chlorammonium, salpeter- 



284 Art, Quelle und Form der Pflanzen -Nährstoffe. 

saures, schwefelsaures Ammoniak u. s. w.) Salzen. Eine weitere, 
oft sogar die alleinige Quelle des Stickstoffs für die Pflanzen ist 
die Salpetersäure, welche sich, an Ammoniak gebunden, in der 
Luft findet, vor Allem aber durch den Salpeterbildungsprocess im 
Boden entsteht. Der freie Stickstoff der Luft wird von den Pflan- 
zen nicht direct aufgenoD;imen, wie sich aus Versuchen (Saus sure, 
Boussingault) folgern lässt^); indessen darf angenommen werden 
(Schönbein), dass er theilweise indirect den Pflanzen zu gute 
kommt, indem ein Theil der Salpetersäure der Luft sich aus dem 
Stickstoö' derselben durch Einfluss des Ozons bildet. Die Menge 
der auf diese Art gebotenen Salpetersäure kann nicht sehr bedeu- 
tend sein, bleibt jedoch jedenfalls beachtenswerth.^) 

Nach dem Mitgetheilten sind also Wasser, Ammoniak, 
Salpetersäure und Kohlensäure als jene Verbindungsformen 
anzusehen, in denen den Pflanzen die zum Aufbau der organischen 
Substanzen nöthigen Elementarbestandtheile : Kohlenstoff, Wasser- 
stoff, Sauerstoff, Stickstoff geliefert werden. 

In welchen löslichen Verbindungen die anorganischen Oxyde: 
Kali, Magnesia, Kalkerde, Eisenoxyd, Phosphor- 
säure, Kieselsäure, Schwefelsäure am besten in die Pflanze 
gelangen, lässt sich, ohne nach Hypothesen zu haschen, nicht mit 
Bestimmtheit, zum wenigsten nicht für jeden dieser Mineralstoffe 
angeben, denn die zahllosen Versuche hierüber liefern nur spärlichen 
Anhalt. So fand z. B. Nobbe, dass Chlorkalium für Buchweizen die 
beste Form sei, nächstdem das salpetersaure Kali; ungünstig aber 
schwefelsaures und phosphorsaures Kali. 

Als Formen, in welchen diese Stoffe wahrscheinlich aufge- 
nommen werden, wurden schon früher bezeichnet: Salpetersaures 
Kali, salpetersaures Ammoniak, salpetersaurer Kalk, phosphorsaures 
Kali, phosphorsaures Natron, phosphorsaure Magnesia, kohlensaurer 
Kalk, phosphorsaurer Kalk, phosphorsanres Eisenoxyd (letztere vier 
durch kohlensäurehaltiges Wasser oder gewisse Salzlösungen gelöst), 
schwefelsaures Kali, schwefelsaures Ammoniak, schwefelsaure Mag- 
nesia, schwefelsaurer Kalk, kieselsaures Kali, Chlorkalium. Kohlen- 

1) Dagegen hat Berthelot (Ber. d. d. ehem. Gesellsch. 1876. Bd. IX. 
S. 1609) sehr wahrscheinlich gemacht, dass die Pflanzen in ähnlicher Weise wie 
z. B. Dextrin und Filtrirpapier in Folge der Spannungen der atmosphärischen 
Elektricität Stickstoff absorbiren. 

2) Wie neuere Versuche erwiesen haben, können manche Pflanzen auch 
gewisse stickstoffhaltige organische Verbindungen, z. B. Harnstoff, Harnsäure, 
Hippursäure u. s. w. als solche aufnehmen. Die sogenannten „fleischfressenden 
Pflanzen" (Drosera, Nepenthes etc.) vermögen sogar Eiweiss, Fleisch u. s. w. zu 
verdauen. Nach Blociszewsky nehmen Roggen- und Erbsen-Embryonen 
nicht nur künstlich zugeführte Stärke und Zucker auf, sondern auch Asparagin. 



Die Aufnahme und "Wanderung der Nährstoffe. 285 

saures Kali scheint wegen seiner alkalischen Reaction schädlich auf 
die Pflanzenwurzeln zu wirken. Eisen wirkt als Oxydulverbindung 
ebenfalls schädlich. 

Die Hauptquelle dieser anorganischen Stofl'e ist, wie früher er- 
läutert wurde, der Boden, in welchem sie durch den Verwitterungs- 
process aufnahmsfähig gemacht werden. 



B. Das Bildimgsleben. 
a. Die Aufnahme und Wanderung der Nährstoffe. 

Es fragt sich nun: auf welche Art gelangen diese Nährstoffe 
in die Pflanze, welche ja keine nach Aussen geöffnete Organe zur 
Aufnahme fester und flüssiger Nahrungsmittel zeigt? Ebenso wenig 
ist die Pflanze mit einem Magen versehen, der die aufgenommenen 
Stoffe verarbeiten könnte. Wir folgern daher, dass, weil die Pflanze 
weder Organe zur Verarbeitung der Nahrung noch eine Oefinnng 
zur Aufnahme besitzt, sie ihre Nahrung schon in fertig-zubereitetem 
Zustande, sei es in gelöster oder in gasartiger Form erhalten müsse, 
damit sie, die Zellenwände durchdringend, in die Pflanze gelangen 
könne. 

Die Art der Aufnahme von Pflauzennahrung ist eine Frage, 
deren Lösung die hervorragendsten Forscher seit lange beschäftigt ; 
die Ergebnisse der bisherigen Forschungen lassen sich in Folgen- 
dem zusammenfassen. 

Das Wie? der Aufnahme und Ausscheidung gasförmiger Stofie 
ist ziemlich genau bekannt. Die vielseitigen Untersuchungen seit 
Priestley (1773) und Senebier, welche zuerst die Aufnahme 
von Kohlensäure und die Ausscheidung von Sauerstoff' aus den 
Pflanzen beobachteten, führten zu folgenden Thatsachen : Bei Licht- 
abschluss (Nacht) wird von den blattartigen Organen der Pflanzen 
Kohlensäure abgegeben (exhalirt), daher auch die Zimmerluft bei 
Nacht durch viele Pflanzen ungesund wird. Bei Licht findet aber 
eine Aufnahme (Absorption) von Kohlensäure und eine Zersetzung 
derselben durch Assimilation von Kohlenstoff" und Ausscheidung von 
Sauerstoff statt.^) Nach Boussingault's Untersuchungen erlangen 
die bei Lichtabschluss gezogenen Pflanzen niemals die Fähigkeit, die 
Kohlensäure zu zerlegen. Verminderung des Luftdruckes befördert 
die Kohlensäurezersetzung. Uebrigens geht eine Aufnahme von 
'Kohlensäure neben der von Wasser auch mittelst der Wurzeln 



1) Alle Pflanzen benöthigen übrigens zu ihrer Athmung, d. h. zu ihrem 
Leben, des gasförmigen Sauerstoifs, gerade wie die Thiere. Wird der Sauerstoff 



286 Die Aufnahme und Wanderung der Nährstoffe. 

vor sich. Es ist noch unbestimmt, ob der ausgeschiedene Sauerstoff 
von zersetzter Kohlensäure oder von zersetztem, durch die Wurzeln 
aufgenommenem Wasser abstamme, wir haben nur festzustellen, dass 
gewisse Pflanzentheile (Blätter, Wurzeln) das Vermögen besitzen, 
Kohlensäure und Wasser aufzunehmen und bei Licht unter Bildung 
von kohlenstoff-, Wasserstoff- und sauerstoffhaltigen organischen 
Verbindungen Sauerstoff auszuscheiden. Die Menge der wäh- 
rend der Nacht ausgeschiedenen Kohlensäure ist viel geringer, 
als die bei Licht aufgenommene, und die Quantität des bei Licht 
ausgeschiedenen Sauerstoffes entspricht nicht der Menge des durch 
die Kohlensäure aufgenommenen Sauerstoffes, 1/3 bis V^ *^6S- 
selben bleibt in der Pflanze zurück. Die Menge der bei Licht auf- 
genommenen Kohlensäure ist eine sehr bedeutende. Es absorbirte 
nach Versuchen von C r e n w i n d e r in einer Stunde 
ßapspflanze 166 Cubik-Centimeter Kohlensäure an der Sonne 
Erbsenpflanzel 76 „ „ „ „ „ 

„ j 2 „ „im Schatten 

Feldbohne! (weder eshalirt noch absorbirt) düster regnerisch 

„ J 93 „ „an der Soniie 

Flieder (etwas exhalirt) düster regnerisch 

KoUunder 102 „ „ an der Sonne 

(etwas umwölkt) 

Wir sehen hieraus, dass die bedeutendste Menge von Kohlen- 
säure bei directem Sonnenlicht aufgenommen und somit die ausser- 
ordentliche Einflussnahme des letzteren auf die Vegetation bestä- 
tigt wird. 

Aus den vorangeführten und anderen Versuchen und Berech- 
nungen muss man folgern, dass den Pflanzen die grösste Menge 
des Kohlenstoffs von der durch die Blätter aufgenommenen Kohlen- 
säure zukommt (Haies, Boussingault, Schulze). Die mit der 
Kohlensäureausscheidung bei Nacht beobachtete Sauerstoffaufnahme 
durch die Blätter scheint mit dem eigentlichen Ernährungsprocesse 
nicht in directer Beziehung zu stehen und rein chemischer Natur 
zu sein, indem sie eine mehr oxydirende Wirkung auf gewisse Be- 
standtheile ausüben dürfte. 



von den Pflanzen gänzlich fern gehalten , so hören die Protoplasmaströmungen 
auf und die Pflanze stirbt den Erstickungstod. Die Sauerstoffaufnahme be- 
schränkt sich nicht auf die Keimungs- und Fruchtbildungs-Periode. Die Wur- 
zeln bedürfen seiner stets und faulen und stellen ihr Wachsthum ein bei Ab- 
schluss von Sauerstoff. Equiseten und Wasserpflanzen , deren Wurzeln durch . 
dichten Thon oder Wasser scheinbar von dtm Sauerstoff der Luft abgeschlossen 
sind, besitzen in ihrem Innern grosse Lufträume, durch welche den Wurzeln 
der zur Athmung nothwendige Sauerstoff von den oberirdischen Organen her 
zugeführt wird. 



Die Aufnahme und "Wanderung der Nährstoffe. 287 

Nach seinen neueren Versuchen schliesst A. Mayer, dass 
Längen wachsthiim und Athmung (gemessen an dem Sauerstoffver- 
brauch) bei den Pflanzen zwei Erscheinungen sind, die nicht pa- 
rallel mit einander verlaufen. 

Absorption von Gasen durch die Pflanzenblätter ist nur bei Sauer- 
stofi", Kohlensäure und kohlensaurem Ammoniak beobachtet worden 
(Boussiugault, Ville, Sachs); gegen eine directe Aufnahme 
des Wassergases durch die Blätter sprechen die Versuche von D u - 
chartre, Unger, Knop und Sachs; gegen eine Aufnahme des 
Thau- und Regenwassers jene von Du chartre. Wasser scheint 
demnach nur in flüssiger Form durch die Wurzeln in die Pflanze 
gelangen zu können. 

Die wässerigen Lösungen, welche mit den Wurzeln in Berüh- 
rung kommen, werden von der äussersten Zellschichte der Wurzel- 
rinde und namentlich den Wurzelhaaren aufgesogen, und so können 
alle die früher als Pflanzennahrungsmittel bezeichneten Stoße, wenn 
sie im Wasser gelöst, oder als Gase vom Wasser absorbirt sind, in 
die Pflanze gelangen. 

Das Aufnehmen von Flüssigkeiten und Gasen durch die 
Zellenwände beruht auf dem eigenthümlichen Umstand, dass die 
Zellwand (Membran) ähnlich wie jene der thierischen Haut so 
gestaltet ist, dass sie von Flüssigkeiten und Gasen durchdrungen 
werden kann. Man nennt diese Fähigkeit der Membran deren 
„Durchgangsfähigkeit" oder „Perm e abili tat". Sind zwei 
verschiedene Flüssigkeiten durch eine solche Membran getrennt, 
so findet ein gegenseitiges Durchdringen — ein Strömen durch 
die Membran statt, bis sich die Bestandtheile beider verschiedenen 
Lösungen derart ausgeglichen haben, dass sich zu beiden Seiten 
der Membran eine Lösung von gleicher Eigenschaft und Dichtig- 
keit befindet, also ein Gleichgewichtszustand eingetreten ist. Man 
bezeichnet dieses Streben der Ausgleichung gelöster Stoffe in 
Lösungen als „Diffusion". Bei eingetretenem Gleichgewicht ruhen 
die Diffusionserscheinungen. Die Diffusion lässt sich leicht 
versinnlichen. Man befestige an das eine Ende einer offenen Glas- 
röhre eine Schweins-Blase oder eine pflanzliche Membran, z. B. die 
einer Aloe, giesse in die Röhre irgend eine Lösung, z. B. Kochsalz- 
lösung, und stelle sie in ein mit Wasser gefülltes Gefäss, so dass der 
Stand der Flüssigkeiten in der Röhre und dem äusseren Gefässe ein 
gleicher ist. Es werden nun die beiden Lösungen sich auszugleichen 
suchen , die Kochsalzlösung wird nach aussen und hiefür Wasser 
nach innen dringen, welches Durchdringen nach innen als End Os- 
mose, jenes nach aussen als Exosmose bezeichnet wird. Das 
Eindringen des Wassers durch die Membran nach innen wird aber 



288 Die Aufnahme und Wanderung der Nährstoffe. 

wegen dessen geringerer Dichtigkeit rascher erfolgen, als das der 
Kochsalzlösung nach aussen, und demgemäss wird nach und nach 
die Flüssigkeit in der Röhre höher steigen. 

In der Pflanze können solche Differenzen in der Dichtigkeit 
der Lösungen, durch welche alsdann die Stoffbewegung bewirkt 
wird, durch Verdunstung des Wassers sowohl im Zelleninhalt als 
durch die Blätter entstehen, wodurch der Zellsaft concentrirt wird. 
Ebenso kann die Flüssigkeit ausserhalb der Pflanze, im Boden, 
Veränderungen in der Dichtigkeit erleiden, z. B. durch Auflösen 
neuer Stoffe oder blosse Wasserzunahme. 

Verdunstung (Transpiration) findet bei jeder lebenden Pflanze 
durch die Blätter je nach Umständen in verschiedenem Maasse 
statt. Es verdunsten die Blätter der höchsten Wipfel das Wasser 
ebenso unausgesetzt, wie die Blätter des niedrigsten Grases, und 
das durch den Regen nach dem Boden geführte Wasser dringt 
vielleicht nach wenigen Stunden durch die Stämme der Bäume, um 
durch die zahllosen Blätter sie wieder zu verlassen. Die Verdun- 
stung wird befördert durch Sonnenlicht, erhöhte Temperatur der 
Luft und des Bodens, innere chemische Processe, hingegen verzögert 
durch Abkühlung des Bodens; der Thau auf den Blättern hindert 
sie gänzlich. Säuren beschleunigen, Alkalien setzen die Transpi- 
ration der Pflanzen herab ; bei Salzen richtet sich die Verdunstung 
nach der Concentration der Lösungen. 

Die Aufnahme des Wassers durch die Pflanzenwurzeln geschieht 
aber bis zu einem gewissen Grade unabhängig von der Verdun- 
stung ; denn kräftige Pflanzen, am Wurzelhalse abgeschnitten, lassen 
noch durch längere Zeit Flüssigkeit herausquellen, welche Erschei- 
nung beim Vv^einstock als Bluten oder Thränen der Rebe be- 
kannt ist, und zwar beträgt die Menge des Ausflusses so viel, dass 
sich nicht annehmen lässt, dieselbe entspreche dem in der Pflanze 
angesammelt gewesenen Safte. 

Der aufsteigende Saftstrom wird durch eine Kraft in die Höhe 
getrieben, welche durch die Thätigkeit der Wurzeln hervorgerufen 
wird, wie dies die bekannten Versuche von H a 1 e s nachweisen, bei 
welchen der Saft eines 18,4 Cm. über dem Boden abgeschnittenen 
Weinstockes in einer aufgesetzten Glasröhre 790 Ctm. in die Höhe 
getrieben ward.') Irrig wäre jedoch anzunehmen, dass bei einer 
unverletzten Pflanze eine ebenso kräftige Saftströmung nach oben 
stattfinde (Schieiden, Brücke). Diese tritt erst ein, wenn eine 



1) Neuerdings fand Clark e einen Saftdruck: beim Ahorn von 47,42 Fuss 
Wasser; beim Wurzelstück einer Birke 85,80 Fuss und bei einer Weinrebe 
49.52 Fuss Wasser. 



Die Aufnahme und Wanderung der Nährstoffe. 289 

Verletzung der Pflanze vorherging, in Folge deren Saft ausströmen 
kann. Ausserdem verursacht der aufsteigende Strom nur eine 
Spannung in der Pflanze (Saftspannung), und ist diese eingetreten, 
so kann nur so viel Wasser aufsteigen, als durch die Blätter zer- 
setzt wird. Die Aufnahme des Wassers durch die Wurzeln ist 
demnach eine letzteren zukommende Eigenschaft, die durch das 
Verschwinden des Wassers aus den oberirdischen Theilen regulirt 
wird. Die Verdunstung steht also insofern mit der Wasser- 
aufnahme im Zusammenhang, als die vorhandene Kraft der Wur- 
zeln, Wasser in die Pflanzen zu führen, von den Verdnnstungs- 
erscheinungen der Blätter beeinflusst wird. 

Es verdunsten während der Vegetationsdauer von einem öster- 
reichischen Joch (5755 DMtr.); 

Weizen .... 593452 Pfd. (Lawes und Gilbert) 
Klee .... 6006S8 „ (Lawes und Gilbert) 
Sonnenblumen . 2569322 „ (De Saussure) 
Getreide . . . 2055466 „ (Lawes und Gilbert) 
Kohl .... 3206115 „ (Haies) 
Wein .... 464062 „ (Haies) 
Hopfen .... S99820 „ (Haies) 

Haberlandt fand für 1 Million 

Koggenpflanzen pr. Hectar 834890 Kilo 
Weizenpflanzen „ „ 1179920 „ 

Gerstenpflanzeu „ „ 1236710,, 

Haferpflanzen „ „ 2277760 „ 

Briem fand in den beiden Monaten Juli und August eine 
Verdunstung durch Zuckerrübenblätter von 2221 Hectoliter Wasser 
pr. Hectar. 

Nach Dietrich verdunsten unsere gewöhnlichen Cultur- 
gewächse die 250 — 400 fache Menge Wasser von der in der glei- 
chen Periode producirten organischen Trockensubstanz. 

Nach Marie Davy bedarf eine Ernte von 1 Hectoliter Wei- 
zen, von 80 Kilo Gewicht, eine Wassermenge von 144000 Kilo. 

Der grosse Unterschied in dem Verdunstungsvermögen der 
Pflanzen wird wesentlich von der Beschafienkeit ihrer Oberfläche 
bedingt. Je mehr die Epidermis verkorkt ist und je weniger sie 
Spaltöff'nungen enthält, um so weniger Wasser vermag sie zu ver- 
dunsten. Ein eclatantes Beispiel hierfür sind die Wüstenpflauzen, 
namentlich die Cactusarten, ferner die immergrünen Gewächse. 

Uebrigens reguliren auch die Spaltöffnungen die Verdunstung 
des Wassers. Bei turgescentem Gewebe erweitern sie sich, bei 
abwelkendem Gewebe schliessen sie sich. 

V. Gohren, Ackerbauchemie. 19 



290 Die Aufnahme und Wanderung der Nährstoffe. 

Diese wenigen Daten werden genügen, um zu veranschaulichen, 
dass die Menge des von den Pflanzen verdunsteten Wassers eine 
sehr bedeutende ist. Leider fehlt es an Daten über die Menge 
verdunsteten Wassers bei anderen, nicht minder wichtigen Cultur- 
pflanzen während ihrer Vegetationszeit oder eines bestimmten Zeit- 
abschnittes, obschon eine lange Reihe von Jahren verfloss, seit 
Stefan Haies die ersten Versuche über Verdunstung unternahm. 

Man sah bis in die neuere Zeit (1854) die Verdunstung als 
die alleinige Ursache der Aufnahme gelöster Stoff'e in die Pflanze 
durch die Wurzeln an und manche Physiologen huldigen auch noch 
heute der „Verdunstungstheorie". Nach letzterer soll in 
Folge des von der Oberfläche der Pflanzen verdunstenden und von 
den Zellen der Oberhaut herrührenden Wassers der Inhalt dersel- 
ben sich mehr concentriren als jener der darunter liegenden Zellen, 
wodurch nach den Gesetzen der Diffusion diese letzteren Wasser ab- 
geben müssen, ein Vorgang, der sich bis zu den Wurzeln fortsetze, 
welche endlich das Wasser und mit diesem die in ihm gelösten 
Stoffe aufnehmen und sie der Pflanze zuführen, wogegen das Wasser 
theilweise zersetzt werde, dem grössten Theile nach aber als solches 
durch die Blätter zur Verdunstung gelange. Nach den oben angeführ- 
ten Versuchen von Lawes und Gilbert verdunsten während der 
Vegetation pr. Joch bebaut mit Weizen 593452 Pfd., mit Klee bestellt 
600680 Pfd. Wasser; das zerlegte Wasser, dessen Bestandtheile zur 
Bildung von organischer Substanz beitragen, beträgt aber für Weizen 
nur 1630 Pfd., für Klee 1640 Pfd. Es ist dies jedoch nicht die ganze 
Wassermenge, welche dem Boden durch die Pflanzen entzogen 
wurde , es muss noch die Menge zu addirt werden , die sich in der 
Pflanze selber findet (Vegetationswasser) und welche diese in 
ihrem aufgequollenen Zustande (Turgescenz) enthält. Hiernach 
wurden sich bei unseren Beispielen ergeben per Joch (5755 DMtr.) 
für 



Weizen 

Vegetationswasser . . 1016 Pfd. 
Zerlegtes Wasser . . 1630 „ 
Verdunstetes Wasser . 593452 „ 


Klee 
18121 Pfd. 
1640 „ 

600688 „ 


Summa 596098 Pfd. 


620449 Pfd. 



Die Pflanze Hesse sich nach dieser Theorie mit einer Art Saug- 
pumpe vergleichen, die durch Verdunstung mittelst der Blätter in 
Thätigkeit erhalten wird, durch die mit Diffusionsvermögen be- 
gabten Zellen an den Wurzelenden das Aufsaugen der Bodennahrung 
bewirlit und so den Mechanismus der Pflanzenernährung bildet. 
Andere Physiologen neigen sich aber der Ansicht zu, dass nicht die 
Transspiration, sondern die Diffusion eigentliche Ursache der Stoff- 



Die Aufnahme und Wanderung der Nährstoffe. 291 

aufnähme sei (Schulz-Fleeth, Schacht, Schumacher) und 
schreiben allein dem Ausgleichungs-Streben zweier durch eine Membran 
getrennter Lösungen verschiedener Dichtigkeit das Eindringen der 
Stoffe in die Pflanze zu (Diffusionstheorie). 

Wohl nicht weniger als die vorhergehende Frage hat die Phy- 
siologen eine andere Frage beschäftigt, ob nämlich die Pflanze das 
Vermögen besitze , unter den in Lösung gebotenen Stoffen eine 
Auswahl zu treffen; ob sie demnach mit einem Wahlvermögen 
begabt sei? und diese Frage ist noch immer Gegenstand der ver- 
schiedensten Controversen. Wenn wohl mit Recht den Pflanzen dieses 
Wahlvermögen abgesprochen wurde , so ging man doch wieder in 
der Behauptung zu weit, dass die Wurzeln einem Schwämme gleich 
alles ihnen in flüssiger Form Gebotene aufnehmen, möge die Pflanze 
darüber auch zu Grunde gehen. 

Eben das Diffusionsvermögen scheint den Mittelweg anzudeuten, 
der den Vorgang viel natürlicher und wahrscheinlicher erklärt, ohne 
die Wurzeln einerseits dem alles aufsaugenden Schwamm zu ver- 
gleichen, andererseits aber sie sich mit einer Art Wahlinstinct be- 
gabt zu denken. Man kann annehmen, dass die Aufnahme irgend 
eines Nahrungstoffes von dessen Verbrauch durch die Pflanze ab- 
hängig ist; letztere nimmt also nur solche Stoffe auf, deren sie 
zur Bildung verschiedener Pflanzenbestandtheile bedarf. Indem die 
Stoffe je nach Bedarf aus dem Zelleninhalt verschwinden, werden 
sie von Aussen durch Diffusion partiell wieder ersetzt; oder in 
einem Satze ausgedrückt: Der Verbrauch der Stoffe regelt deren 
Aufnahme. Tritt z. B. in Folge Verbrauches ein Mangel an Kali 
im Zellgewebe ein, so wird die Pflanze Kali von aussen aufnehmen, 
aber keine anderen Stoffe, wie: Phosphorsäure u. dgl., die sich zur 
Zeit noch im Zellensafte finden. Wird durch diese Theorie, für 
welche theils viele directe Versuche, theils Erscheinungen im 
Pflanzenleben sprechen, auch nicht alles erklärt, so ist sie doch viel- 
seitig angenommen (Schacht, Schulz-Fleeth, Schumacher). Zu 
berücksichtigen ist, dass die Aufnahme der gelösten Stoffe nur durch 
die Beschaffenheit der Zellwandung, des Primordialschlauches und 
jene der Lösung bedingt wird. 

Nicht alle in der Pflanze vorkommenden Stoffe besitzen gleiche 
Diffusionsfähigkeit. Die schwer diffundirbaren, durch ihr Aufquellen 
im Wasser, ihre Unfähigkeit zu krystallisiren und durch ihre 
schwache chemische Affinität charakterisirten nennt man Colloide, 
die entgegengesetzte Eigenschaften zeigenden, leicht diffundirbaren, 
Krystalloide. Colloide sind z. B.: Leim, Pektin, Eiweiss, Gummi; 
Krystalloide : Oxalsäure, Saccharose, die Salze. 

Die Fortbewegung des Saftes in der Pflanze geht in gleicher 

19* 



292 Die Aufnahme und Wanderung der Nährstoffe. 

Art, wie jene der Nahruiigsstoffaufnalime vor, indem der Saft von 
Zelle zu Zelle, meist des Bildungsgewebes '(S. 203) vordringt; 
keineswegs aber durch Gefässe (S. 202) wie das Blut in den Adern 
des Thierkörpers. *) Er findet sich aber da schon grösstentheils in 
verändertem Zustande, so dass er zur Neubildung von Organen 
dienen, sich nach allen Richtungen in der Pflanze vertheilen 
und überallhin gelangen kann, wo Neubildung von Organen er- 
forderlich ist. So werden in der Pflanze nicht nur die aufgenom- 
menen, sondern auch die in den Pflanzenzelleu erzeugten Sub- 
stanzen fortbewegt. Der „Pflanzensaft", welcher im Wesentlichen 
das ist, was wir als Zellsaft (S. 200) kennen gelernt haben, zeigt 
in verschiedenen Vegetationsperioden eine diesen entsprechende 
Concentrationsverschiedenheit. 

In den Parenchymzellen kommen vorzugsweise die stickstoff- 
freien Substanzen, Avie Zucker, Stärke, Oel u. s. w. , ausserdem 
organische Säuren und saure Salze vor. 

In den Gefässen (Weichbast) überwiegen die Albuminate und 
deren Saft hat gewöhnlich eine alkalische Reaction. Die verschie- 
denen Saftarten sind indessen nicht immer streng auf eines der 
Zellgewebe beschränkt. In den Wurzelspitzen und Knospen vieler 
Pflanzen sind die jungen Gewebe alkalisch in Folge Vorwiegen der 
Albuminate, während der Frühlingssaft, der aus den Gefässen und 
dem Holz des Ahornbaumes fliesst, schwach sauer ist. 

Der Milchsaft der Milchgefässe unterscheidet sich in seinen 
Eigenschaften wesentlich von dem Safte des Parenchyms und der 
Gefässbündel, meist ist er undurchsichtig, scharf und bitter. 

Ueber die weitere Bewegung des Saftstromes sind die An- 
sichten getheilt. Die einen verfechten die Ansicht: der Saft er- 
leide erst in den Blättern die Hauptveränderung (Assimilation), 
indem er dort mit der Atmosphäre in Wechselwirkung trete. In 
diesem veränderten Zustande, wo er begabt mit besonderer Bil- 
dungsfähigkeit durch die Rinde, besonders in den dünnwandigen 
Siebzellen des Cambiums, wieder nach abwärts steige, gelange er 
als „ absteigender Saftstrom " bis in die Wurzeln, deren Verlängerung 
er bewirke. Als Beleg für die absteigende Saftbewegung wird an- 
geführt, dass, wenn man die Rinde eines jungen Zweiges ringförmig 
durchschneidet, der Saft fortwährend aus dem oberen Wundrande 
hervorquillt und auch die Neubildung einer Aufschwellung von 
Rinde aus dem absteigenden Safte oberhalb des Schnittes erfolgt; 
während der untere Rindenschnitt sehr bald ganz eintrocknet. 

1) Die Geschwindigkeit der Saftbewegung in der Pflanze fand P fitz er pro 
Stunde bei Philadelphus-Zweigen 4^2, für Amaranthus 6, für Helianthus-Blätter 
10 für vorher stark besonnte Blätter von Helianthus annuus sogar 22 Meter. 



Die Aufnahme und Wanderung der Nährstoffe. 293 

Gärtner pflegen demgemäss auch Fruchtzweige von Obstbäumen 
ringförmig zu entrinden, wodurch der durch die Rinde herabstei- 
gende Saft in dem Aste verbleibt und zur besseren Ausbildung der 
Früchte beiträgt (v, Mohl, Schacht, Sachs). Andere Forscher (so 
z. B. Schieiden) stellen dies freilich in Abrede. 

Die Pflanzen nehmen aber nicht nur Stoffe auf, sondern sie 
scheiden auch solche aus. Abgesehen von der Abgabe von Sauer- 
stoff und Wasser durch die Blätter, secerniren unter gewissen Ver- 
hältnissen die Wurzeln ausser Kohlensäure, organische Säuren, 
kohlensaure Salze der alkalischen Erden, ja bei Stickstoffzufuhr in 
Form von Salmiak auch Salzsäure. Diese Wurzelausscheidungen 
sind für die Löslichmachung sonst unlöslicher Pflanzennährstoffe 
(phosphorsaurer Kalk, phosphorsaures Eisenoxyd u. s. w.) von 
hoher praktischer Wichtigkeit. 

Pfeffer schildert die Stoffwanderung während des Vegeta- 
tionscyklus der Pflanzen folgendermassen : 

Hat mit der Ausbildung chlorophyllführender Organe die Pro- 
duction organischer Substanz aus Kohlensäure und Wasser be- 
gonnen, so entwickeln sich bei den einjährigen Gewächsen zunächst 
die vegetativen Organe am intensivsten. In Folge dessen strömt 
das plastische Material dorthin am stärksten, dann nimmt die Ent- 
wickeln ng der Blüthen Material in Anspruch und wenn die Aus- 
bildung der Frucht beginnt, so richtet sich nach dieser hin haupt- 
sächlich die Wanderung plastischer Stoffe, die hier zum Wachsthum 
und vorzüglich zur Aufspeicherung von Reservematerial Verwendung 
finden. Während der endlichen Ausbildung der Frucht wachsen 
gewöhnlich die vegetativen Organe nicht mehr, die Blätter und 
überhaupt die assimilirenden Organe überschreiten den Culminations- 
punkt ihrer Assimilationsthätigkeit, um endlich zu welken und zu 
Grunde zu gehen. Während dieser Phasen wird ein Zeitpunkt ein- 
treten, wo sich der durch Athmung bedingte Verlust und die pro- 
ducirte Substanz das Gleichgewicht halten, die gesammte Pflanze 
an organischer Substanz also nicht mehr gewinnt, ja einen Verlust 
an dieser erleidet, wenn die Athmung relativ überwiegt. So hat 
z.B. beim Korn nach J. Pierre die organische Substanz 15 — 20 
Tage vor der Reife ihren Höhepunkt erreicht, wohl aber wandert 
zu dieser Zeit das vorhandene plastische Material, mit ihm natürlich 
auch nothwendige anorganische Körper, in ausgiebiger Weise der 
Frucht und dem reifenden Samen zu. Dabei werden die vegeta- 
tiven Theile natürlich ärmer an Substanz ; Stärke und physiologisch 
äquivalente Körper verschwinden ganz oder zum grössten Theil 
ans Blatt und Stengel, ebenso vermindern sich die stickstoff'haltigen 
organischen Stoffe in hohem Maasse und selbst die Chlorophyll- 



294 Die Assimilation der Nährstoffe etc. 

körper werden mehr oder weniger zerstört und es scheint, dass 
wenigstens ein Theil der sie constituirenden Stoffe sich zu den 
Orten bewegt, wo Reservematerial aufgespeichert wird. Aehnlich 
verhält es sich auch bei den perennirenden Pflanzen. Sterben die 
oberirdischen Theile jährlich ab, dann ist der hauptsächlichste 
Unterschied der, dass Reservematerial nicht nur aufwärts zu den 
Früchten, sondern auch abwärts zu den unter der Erde ausdauern- 
den Organen geführt wird; bei den ausdauernden Holzgewächsen 
kommt der gesammte perennirende Holzkörper als Reservemagazin 
in Betracht, aus den Blättern aber, welche im Herbste absterben, 
werden die plastischen Stoffe in analoger Weise entleert, wie aus 
den absterbenden Organen einjähriger Pflanzen.^) Dieses Wandern 
gilt für die organischen wie die anorganischen Stoffe und bemer- 
kenswerth dabei ist, dass mit den Eiweissstoffen stets auch Phos- 
phorsäure und Kalium fortbewegt werden und dass letzteres auch 
in Beziehung zur Wanderung der Stärke zu stehen scheint. Diese 
beiden anorganischen Körper werden besonders reichlich aus den 
Blättern entleert, wenn diese dem Absterben entgegengehen 5 auch 
Magnesium bewegt sich verhältmässig reichlich in die Reservemaga- 
zine, während die grössere Menge des Calciums aus den absterben- 
den Organen nicht entfernt wird. 

Bei seiner Untersuchung über die Sommerdürre der Baum- und 
Strauchblätter fand Kraus, dass Amylum und Kali beweglicher 
sind, als die Eiweisskörper und Phosphorsäure und dass Eiweiss- 
körper und Amylum nicht unmittelbar bei ihren Wanderungen an 
einander gebunden sind. 



b. Die Assimilation der Nährstoffe, der Stoffwechsel 
und die Production von Pflanzenstoffen. 

Versuchen wir die Bildung der einzelnen Pflanzenbestandtheile, 
auch solcher von bestimmter Form (organisirt) wie Zellstoff, Stärke 
u. a. m. aus unorganischen Stoffen annähernd zu erklären, so können 
wir nach den vorliegenden Forschungen nur Folgendes andeutungs- 
weise mittheilen, nicht ohne Furcht, in das Bereich der Hypothese zu 
gelangen. Die eigentliche Stätte für Production pflanzlicher Materie 
ist, wie schon erwähnt, die chlorophyllführende Zelle. ^) Das Proto- 



1) Man vergleiche die schöne Arbeit von P. Fliehe und L. Grandeau 
(Ann. de Chim. et Phys. Se'r. 5, Tome VIII. Aoüt 1876). 

2) Auch unter den höchst organisirten Pflanzen gibt es chlorophylllose, 
z. B. Lathraea, Orobanche, Cuscuta, Corallorhiza, Monotropa u. A., die selbst- 
verständlich gleich den Thieren oder Pilzen darauf angewiesen sind, schon ge- 



Die Assimilation der Nährstoffe etc. 295 

plasma dieser Zellen ist nicht immer durch seine ganze Masse grün 
gefärbt, in der Regel ist die grüne Färbung gebunden an körnige, 
halbweiche Massen, die in dem Protoplasma, deutlich getrennt von 
dessen flüssigerem Theil, sich vorfinden und je nach der Pflanzen- 
form sehr verschiedene Gestaltung besitzen. Ueberhaupt scheint 
es nothwendig, die verschiedenen Medien in der lebenden Zelle, das 
Protoplasma und den Zellsaft bezüglich ihrer physiologischen Func- 
tionen auseinander zu halten, worauf schon hindeutet, dass das au 
Eiweissstoffen (und Phosphorsäure) reiche Protoplasma von alka- 
lischer, der wässerige Zellsaft aber gleichzeitig von saurer Reactiou 
ist. Das Plasma ist das vermittelnde Glied zwischen unorganischen 
Materien (PflanzennährstofFe) und den näheren organischen Pflanzen- 
bestandtheilen, es ist die vegetabilische Urmaterie, aus der sich 
direct oder indirect alle die Substanzen bilden, welche zur Neu- 
bildung von Zellen nöthig sind. Zunächst werden in der chlorophyll- 
haltigen Zelle durch das Licht bei gewissen Temperaturen Kohlen- 
säure ') und Wasser unter Abscheidung von Sauerstoff reducirt. Der 
erste organische Stofi", der so gebildet wird, ist das Stärkemehl. 
6CO2 + 5H2O = CcHioOs Hh 120 
Neben dem regelmässig auftretenden Stärkemehl scheint aber 
auch zuweilen noch ein anderes Kohlehydrat, eine Zuckerart, als 
directes Assimilationsproduct zu entstehen (AUium Cepa) 



bildete organische Materie als Nahrung aufzunehmen. Andererseits gibt es aber 
auch chlorophyllhaltige Pflanzen, z. V>. die Mistel, Tvelche schmarotzen, d. h. 
von anderen Pflanzen fertig gebildete Materie sich aneignen. \. Tieghem 
will auch beobachtet haben, dass bei Keimpflänzchen die Function des Albumens 
bis auf einen gewissen Grad vertreten werden könne durch zerriebenes Albumen, 
welches nur mit dem Embryo in unmittelbarer Berührung ist, und auch durch 
Stärkemehlbrei, dem zweckmässig einige mineralische Pflanzennährstoffe zuge- 
setzt werden. 

1) A. Stutzer (Ber. d. d. ehem. Gesellsch. IS76 IX. 15. S. 1395) be- 
richtet über Versuche mit Keimpflanzen von Brassica Rapa, denen er die 
atmosphärische Kohlensäure entzog und dafür Oxalsäure oder "Weinsäure als 
Kohlenstoffquelle gab. Nach seinen Angaben erhielt er die günstigsten Resultate 
bei Ernährung mit der Kalkverbindung dieser Säuren und fand, dass Oxalsäure 
wie Weinsäure von den Pflanzen an Stelle der atmosphärischen Kohlensäure 
aufgenommen werden könne und dass die Pflanzen neue Blätter bildeten und 
an Trockengewicht zunahmen. Ferner beobachtete er bei Wasserpflanzen, die 
statt der Kohlensäure eine sehr verdünnte Lösung weinsaurer oder oxalsaurer 
Salze erhielten im directen Sonnenlicht starke Sauerstoff-Exhalation. Stutzer 
glaubt damit bewiesen zu haben, dass die atmosphärische Kohlensäure durch 
organische Säuren ersetzt werden könne. Sehr günstige Resultate will er auch 
mit Glycerin als Ersatz für Kohlensäure erhalten haben. Kohlenoxyd wird 
nach Stutzer's Versuchen (ibidem 16. S. 1570) nicht, wie man wohl nach 
Baeyer's Erklärungen (Ber. d. d. ehem. Ges. 1S70. III. S. 66 u. ff.) annehmen 
könnte, von der Pflanze aufgenommen. 



296 Die Assimilation der Nährstoife etc. 

6CO2 + 6H2O = C6H12O6 + 120.») 

In seltenen Fällen wohl auch Fett (Briosi). 

Andere Produete, die aus der Verarbeitung der Kohlensäure 
und des Wassers direct hervorgehen, sind bis jetzt nicht beob- 
achtet worden. Alle übrigen zahlreichen PflanzenstofFe werden bei 
dem intermediären Stoffwechsel aus diesen wenigen Erzeugnissen 
der chlorophyllhaltigen Zelle gebildet. 

Vor allen Dingen muss nun dafür Sorge getragen sein, dass die 
gebildete Stärke nicht in abnormen Mengen sich aufspeichert und 
dadurch zu krankhaften Erscheinungen Veranlassung gibt. Es scheint, 
dass, wie gewisse anorganische Stoffe, z. B. das Kalium, zur Bildung 
von Stärke überhaupt nothwendig sind, anorganische Stoffe (Kalksalze, 
Chlor) auch den geregelten Weitertransport der neugebildeten Stärke 
vermitteln (Böhm, Nobbe). Diese Wanderung wird begünstigt 
durch Erhöhung der Temperatur und die Löslichmachung des Stärke- 
mehls wahrscheinlich durch die alkalisch reagirende protoplasmatische 
Flüssigkeit veranlasst, wobei freilich gleichgeitig eine chemische Um- 
änderung des Stärkemehls stattfinden muss. Uebrigens könnten auch 
die in neuerer Zeit in vielen Samen und anderen Pflanzentheilen 
nachgewiesenen Fermente das Stärkemehl in Zucker umwandeln und 
so diffusionsfähig machen. Die von Gorup-Besanez nachgewie- 
senen peptonbildenden Fermente der Pflanzen, die bei der Wan- 
derung der Eiweissstoffe ohne Zweifel eine grosse Rolle spielen, 
vermögen auch Stärke in Traubenzucker überzuführen und wie 
diese zwei, auch im thierischen Bauchspeichel Analoga findende 
Fermente den Pflanzen nicht fehlen, so dürfte auch das dritte, 
welches Fette in Fettsäuren zu spalten vermag, bald entdeckt wer- 
den, hat doch Müntz bereits nachgewiesen, dass beim Keimen 
ölhaltiger Samen in grosser Menge Fettsäuren gebildet werden. 

Ausser aus Stärke könnte Zucker in den Pflanzen auch durch 
Spaltung der Glucoside und Gerbsäuren oder auch stickstoffhaltiger 
Stoffe hervorgehen. Für alle diese Möglichkeiten lassen sich zahl- 
reiche Belege beibringen. So wird das Salicin gespalten in Saligenin 
und Traubenzucker; das Populin in Benzoesäure, Saliretin und 
Zucker; das Arbutin in Hydrochinon und Zucker; das Phloridzin 
in Phloretin und Zucker u. s. w. Von den stickstoffhaltigen Gluco- 
siden: Solanin in Solanidin und Zucker; das Amygdalin in Bitter- 
mandelöl, Blausäure und Zucker; das Betain nach Scheibler 



1) Nach Baeyer könnte das aus Kohlensäure entstandene und ähnlich 
■wie vom Blutfarbstoff so vom Chlorophyll gebundene Kohlenoxyd zum Aldehyd 
der Ameisensäure (CO + Ha = COH2) reducirt und dieses Aldehyd unter 
dem Einfluss des Zelleninhaltes ebenso wie durch Alkalien in Zucker verwan- 
delt werden. 



Die Assimilation der Nährstoffe etc. 297 

wahrscheinlich in Zucker, Oxalsäure^) und eine organische Basis. 
Das Tannin wird ferner in Gallussäure und Zucker, die Kaflfeegerb- 
säure in Zucker und Kaffeesäure u. s. w. gespalten. Uebrigens 
scheinen die Gerbsäuren auch die Muttersubstanz mancher rother 
(Sauerkirsche) und blauer Farbstoffe zu sein. 

Da die Neubildung von Organen die Entstehung von Zellen 
und damit die von Cellulose voraussetzt, so wird die zunächst zu 
beantwortende Frage sein: Wie entsteht Cellulose aus Zucker? 
Dass thatsächlich Cellulose aus Stärkemehl resp. Zucker entsteht, 
beweisen zahlreiche Keimversuche, auch die Bildung der Hefe- 
cellulose bei der alkoholischen^) Gährung. Eine Erklärung würde 
sich in der „Cellulosegährung"^) des Rohrzuckers, wie sie von 
E. Durin (Compt. rend. 83. 128) beobachtet wurde, finden lassen. 
Eine lOprocentige Lösung von reinem Zucker, in welcher frisch 
bereitete Diastase und frisch gefällter kohlensaurer Kalk vertheilt 
wurde, geht im Licht und bei einer Temperatur von 30^ C. leicht 
in die schleimige Cellulosegährung über und es fanden sich nach 
Unterbrechung der Gährung 5,1 0/o krystallisirbarer Zucker; 2,440 o/o 
Lävulose und 2,2260/0 durch Alkohol fällbare Cellulose 

2(ei2H220ll) = -ei2H20eiO + -ei2H240l2. 

Bei den ölhaltigen Samen vermag sich Cellulose auch aus dem 
fetten Oel zu bilden. Nach Müntz soll das Oel bei der Keimung 
von Samen sich zuerst in Glycerin und fette Säuren spalten, jenes 
verschwinden und die fetten Säuren sauerstoffreicher werden. 

Erdmann und Bente sehen im Holze eine sehr complicirte 
Verbindung dreier Gruppen, einer zuckerbildenden, einer aroma- 
tischen und einer Cellulosegruppe. Stutzer hat die aromatische 
Gruppe in der Zellwand nicht präformirt auffinden können. 

Lignin, die Kork- und Cuticular Substanz entstehen 
jedenfalls durch chemische Metamorphose eines Theils des Zellstoffes, 
ebenso scheint die Pectose in nahen Beziehungen zur Cellulose zu 
stehen. Die Pflanzenschleime sind Verbindungen von Cellulose 
und Gummi. 



1) Kraus (Bot. Ztg. 1876. Nr. 39) fand, dass der Zucker stets von Kalk- 
oxalat begleitet ist. In den zuckerhaltigen Geweben fand er diese Krystalle 
zahllos gehäuft. 

2) Dafür spricht ferner die Entwickelungsgeschichte der Schleimpilze. 
(Ber. d. d. ehem. Ges. III. S. 68). 

3) Man vergl. übrigens die Untersuchung Scheibler 's (Ztschr. d. Ver. 
f. Eübenz. -Ind. 1874. 24. H. 4. S. 309) über den sogenannten „Froschlaich" 
in den Eübensäften. In dem alkoholischen Auszug fand er Pflanzen-Protagon, 
in dem mit Kalkmilch erhaltenen Auszug Dextran oder Gährungsgummi. Da 
diese Gallerte vielfach im Safte unreifer Rüben sich findet, so könnte das Dex- 
tran auch die Muttersubstanz des Rohrzuckers sein. 



298 Die Assimilation der Nährstoffe etc. 

CeHioOö + 2C6H,o05 = CisHssOu + H2O 
Cellulose Gummi Schleim 

Die fetten Oele bilden sich höchst wahrscheinlich aus den 
Kohlehydraten , wenigstens sprechen viele Erscheinungen dafür, so 
die Bildung ölhaltiger Samen, der Gehalt unreifer Oliven an Mannit, 
an dessen Stelle später Oel tritt, die Bildung von Fett in den Hefe- 
zellen u. s. w. Uebrigens ist die Möglichkeit der Fettbildung durch 
Spaltung von Proteinstoffen nicht ausgeschlossen. (Karsten, 
Landw. Versuchsst. XIII. 193.) 

Die organischen Säuren dürften aus den Kohlehydraten 
hervorgehen, nicht letztere — wie Liebig^) annahm — aus 
ersteren. Nach Kraus ist unter Einwirkung des Protoplasmas und 
bei Gegenwart anorganischer Basen das Molecül des Traubenzuckers 
im Stande, folgende Spaltungsprocesse zu veranlassen: 

Brenzcatechin Oxalsäure 
lOfCeHioOe) = 9(C6H602) -f 3(C2H204) + 30H2O 

Ameisensäure 
7(C6Hi206) = 6(C6Ho02) + 6(CH203) + I8H2O 

Aepfelsäure 
8(C6Hi206) = 6(C6Hg02) -f- 3(C4H605) -f 21H2O 

Weinsäure 
lUCeHnOß) = 9(C6H602) + 3(C4HoOo) + 3OH2O 

Citronensäure 
4(C6Hi206) == 3(C6H602) + (CeHsO:) + IIH2O 

Auch als Spaltungsproducte aus stickstoflPhaltigen Stoffen werden in 
den Pflanzen organische Säuren sich bilden können, so ist es z. B. 



1) Liebig und ßochleder nahmen an, dass die organischen Säuren 
Uebergangsglieder der atmosphärischen Kohlensäure zu den Kohlehydraten seien. 
Es sollte sich aus der Kohlensäure zunächst Oxalsäure bilden und diese unter 
Austritt von Sauerstoff stufenweise in Zucker u. s. w. umgewandelt werden. 
A. Petit (Compt. rend. 69. 760) nimmt folgende stufenweise Umbildung bei 
der Entstehung von Zucker aus Weintraubensäuren an: 

1. Die Blätter, indem sie aus den Elementen der Kohlensäure und des "Wassers 
Cellulose bilden , setzen Sauerstoff in Freiheit. Dieser Sauerstoff verwan- 
delt die Cellulose in Weinsäure: 

C12H10O10 -f Oi4 = CsH40io,2HO -f- 4CO2 -f 4 HO 

2. In der unreifen Traube findet sich eine färbende Substanz, welche das 
Silbernitrat reducirt. Dieser Körper entzieht der "Weinsäure Sauerstoff 
und führt sie in Aepfelsäure über 

C8H40io,2HO — 20 = C8H40s,2HO. 

3. Die Umwandlung der Aepfelsäure endlich in Zucker liesse sich durch fol- 
gende Gleichung ausdrücken : 

2(C3H40io,2HO) — 4CO2 = C12H12O12. 



Die Assimilation der Nährstoffe etc. 299 

sehr wahrsclieinlicli, dass die in den Zuckerrübensäften reichlich 
auftretende Oxalsäure ein Spaltungsproduct des Betains ist (Ber. 
d. d. ehem. Gesellsch. III. S. 160). Charakteristisch ist, dass das 
Protoplasma der lebenden chlorophyllhaltigen Zelle für organische 
Säuren, welche das Chlorophyll zerstören würden, undurchdringlich 
ist. Stirbt die Pflanze, so hört der Schutz des Protoplasmas auf 
und es tritt sofort eine Verfärbung ein. 

Die Erzeugung der Albuminate kommt wahrscheinlich zu 
Stande durch Zusammentreten organischer stickstofffreier mit anorga- 
nischen stickstoffhaltigen Substanzen. Mit Gewissheit aber darf man 
annehmen, dass das Protoplasma der wachsenden Wurzelspitzen, des 
Cambiums und der jüngsten Theile der Stammknospen, nicht die 
Fähigkeit besitzt, selbst eiweissartige Stoffe durch Assimilation aus 
unorganischen Verbindungen zu erzeugen , denn dies würde ohne 
Sauerstoffabscheidung nicht stattfinden können; es müssen diesen 
Neubildungsherden des Protoplasmas mindestens die schon sauer- 
stoffärmeren, assimilirten Bestandtheile, aus deren Vereinigung 
eiweissartige Stoffe sich bilden können, zugeführt werden. 

Wahrscheinlich also ist es Stärke oder Zucker, oder eine 
organische Säure, welche sich mit Ammoniak oder Salpetersäure 
combiniren. Bei den nahen Beziehungen des Asparagins, des Amides 
der Aepfelsäure, zu dem Legumin und den anderen Proteinstoffen, 
könnte Legumin in Asparagin umgewandelt und letzteres wieder 
zu Albuminaten regenerirt werden'). Ferner spricht die während 
der alkoholischen Gährung in der Hefepflanze aus Zucker und 
Ammoniaksalzen ermöglichte Bildung von Protoplasma für diese 
Hypothese. 

Bleibt schon bei diesen Fragen noch sehr viel zu erforschen 
übrig, so sind wir vollends auf das Gebiet der blossen Vermuthungen 
angewiesen rücksichtlich der Art und Weise der Formbildung bei 
den organischen Substanzen, z. B. der Abscheidung des Zellstoffes 
in Form von Pflanzenzellen und deren weiterer Ausbildung zum 



1) Henneberg sucht die Rückbildung von Eiweiss und Asparagin durch 
folgende chemische Gleichungen zu interpretiren: 

Eiweiss: C48H38N6O16 = C24H24X6O13 (3 aequ. Asparagin) 
= + 0321132032(8/3 „ Glycose) 

— C80l6(SC02) 

— Hi80i8(18HO) 

Bei Vergleichung der proeentischen Zusammensetzung von Legumin und Aspa- 
ragin muss bei Bildung von Asparagin eine grössere Menge von Kohlenstoff und 
Wasserstoff abgegeben und Sauerstoff aufgenommen werden. Bei der Rückbildung 
tritt selbstverständlich das Gegentheil ein. 



300 Die Fortpflanzung. 

Pflanzengewebe und zur ganzen Pflanze.^) Erst dadurch, dass die 
Pflanzenzellen, welche die verschiedenen Pflanzenbestandtheile ent- 
halten, zu bestimmten Geweben (Bildungsgev/ebe, Holzgewebe u. s.w.) 
sich vereinigen und aus diesen wieder die einzelnen Organe der 
Pflanze, Blätter, Blüthen, Aeste, Wurzeln u. s. w. sich entwickeln, 
welche endlich zu einem Ganzen vereint, im wohlorganisirten Zu- 
sammenhange mit bestimmter Form und Lebensthätigkeit begabt 
sind, entsteht eine Pflanze. Wir müssen uns daher vorerst begnügen, 
diesen wunderbaren Gestaltungsprocess zu beobachten, ohne ihn er- 
klären zu können. Die ganze Pflanze ist das Product dieses Bil- 
dungsprocesses und ihr Leben die Summe von Thätigkeiten ihrer 
einzelnen Organe. Der Bildungstrieb äussert sich überdies noch 
in besonderen, für jede Pflanzenart ganz charakteristischen Formen, 
und durch äussere Umstände werden diese Formen auf das mannig- 
fachste verändert, wodurch Unterarten, Spielarten, Missgestaltungen 
und dergl. entstehen. 

4. Die Fortpflanzung. 

Es würde die Erdoberfläche von der Pflanzenwelt bald ent- 
blösst sein, wenn der Lebenslauf der Pflanzen nicht so wäre, 
dass sie in der Regel erst dann absterben, nachdem sie Organe 
hervorgebracht, aus denen wieder neue Pflanzen entstehen können, 
d. h. wenn sie nicht das Fortpflanzungsvermögen besässen. Es 
kann die Fortpflanzung in sehr mannigfaltiger Weise vor sich gehen. 
Wo die eine Vermehrungsart nicht stattfinden kann, gelangt eine 
andere zur Thätigkeit ; denn bei keinem Processe hat sich die Natur 
so verschwenderisch gezeigt, wie eben bei dem der Fortpflanzung. 
Durch eine einzige Tanne können Millionen Körnchen von Blüthen- 
staub verbreitet werden, von denen jedes das Entstehen einer neuen 
Samen tragenden Pflanze zu ermöglichen vermag. Man sieht zu- 
weilen aus weiter Ferne ganze Wolken farbigen Blüthenstaubes 
(Schwefelregen) vom Winde zu uns getragen, in denen der Aber- 
glaube etwas Uebernattirliches, die Wissenschaft jedoch nur eine 
Anhäufung von Millionen von Keimen für neues Leben erblickt. 

Von den vielen Arten der Fortpflanzung seien nur die dem 
landwirthschaftlichen Betrieb zweckentsprechenden hier kurz erör- 
tert. Von dem Samen (S. 216) ist bereits gesprochen und das 
Entstehen des neuen Pflänzchens aus demselben erläutert worden. 
Man nennt die Fortpflanzungsart mittelst des Samens die regel- 
mässige oder auch geschlechtliche, weil jene Pflanzenorgane, 

1) Mayer vermuthet in den Protoplasmasträngen den ersten Anfang zu 
einer Organisation (Agriciilturch. S. 99). 



Die Fortpflanzung. 



301 



welche zur Hervorbringung des Samens Veranlassung geben, als 
Geschlechtstheile der Pflanze angesehen werden. Die Geschlechts- 
organe bestehen aus dem Blüthenstaub (Pollen) («j; derselbe 
ist in den Staubbeuteln (Antheren) {b) eingeschlossen, die an 
der Spitze der Staubfäden (c) befestigt sind; ferner der Samen- 
knospe (Keimknospe) (d), die noch von der schützenden Hülle 
des Fruchtknotens (e) umschlossen ist, welcher oben eine Oefi'- 
nung, die Narbe (/) hat. Zwischen dieser und dem Fruchtknoten 
findet sich oft noch eine Verbindungsröhre, die man Staub weg 
nennt (g). Fruchtknoten, Staubweg und Narbe zusammen bezeichnet 
man als Stempel (Pistill). Sind in einer Blüthe nur Stempel 
oder Staubgefässe vorhanden, so nennt man sie eingeschlechtig 
(weiblich oder männlich). Die männlichen und weiblichen Blüthen 
finden sich dann entweder auf ein und derselben Pflanze (einhäusig) 
oder auf verschiedenen Pflanzen (zwei häusig). Die Befruchtung 
selber geht in folgender Art vor sich: die Staubbeutel öffnen sich, 
der Blüthenstaub gelangt auf die Narbe und dringt mittelst sich 
bildender Schläuche durch den Staubweg in die Keimkuospe, in 
der sich nun Zellen bilden, die dann weiter zur Entstehung des 
Keimes und des Samens Anlass geben. 



<2^«^^ 





Den Vorgang möge beistehende Zeichnung nach Schacht und 
Reichenbach versinulichen. Schliessvorrichtungen , Wind und 
Insecten machen gewöhnlich die künstliche Befruchtung gänzlich 
überflüssig. 

Bei Bastardirungen (Hybridicirungj befruchtet man mit dem 
Blüthenstaub der einen Art die Eichen von Pflanzen einer anderen 
Art, der so erzeugte Samen bringt bei seinem Wachsthum eine 
Bastardpflanze hervor. 



302 Die Fortpflanzunsr. 



Während sich in der Samenknospe der Keim ausbildet, nimmt 
nicht nur jene, sondern auch der Fruchtknoten an Umfang zu, bis 
letzterer die Grösse des reifen Kornes erlangt. Die dadurch zu- 
sammengedrängte Haut der Samenknospe und des Fruchtknotens 
bilden die Frucht- oder Samenschale des reifen Kornes. 

Unter Samen ist die zur Ausbildung gelangte Samenknospe 
und unter Frucht die ausgebildete Samenknospe mit ihrer aus 
dem Fruchtknoten entstandenen Umhüllung zu verstehen. Beim 
Kern- und Steinobst z. B. ist der Fruchtknoten fleischig geworden 
und bildet das Fruchtfleisch, die Samen finden sich im Innern. 
Auch die Körner unserer Getreidearten sind , weil sie von einer 
Fruchtschale umschlossen sind , wissenschaftlich richtig als Frucht 
und nicht als Samen zu bezeichnen. 

Aber auch durch die Knospen (S, 213) kann, wie schon her- 
vorgehoben, eine Fortpflanzung stattfinden. Man nennt diese Fort- 
pflanzung die künstliche oder geschlechtslose. Jedes Auge 
(Knospe) ist entwickelungsfähig , w^enn ihm nur so viel Stengel- 
substanz bleibt, dass es neue Wurzeln treiben kann. Das Ver- 
fahren, den Kartoffeln die Augen auszustechen, um an Samen zu 
ersparen, ist demnach richtig; nur müssen die zerschnittenen Theile 
etwas dichter gelegt und vorher einige Tage der Luft ausgesetzt 
werden, damit sich eine Art Haut auf den Schnittflächen bildet, 
die zum Schutze gegen Fäulniss im Boden dient. 

Zu den Fortpflanzungsarten durch Knospen gehört auch das 
Pfropfen, c u 1 i r e n und C o p u 1 i r e n , welche Operationen meist 
zugleich das Veredeln zum Zwecke haben. Beim Oculiren bringt 
man die Knospe eines edlen Zweiges, beim Pfropfen einen Zweig, 
„Pfropfreis", durch Einfügen mit dem Cambium des zu ver- 
edelnden Baumes, „Wildling", in unmittelbare Verbindung. 

Nebst den Brutknospen, aus denen unter günstigen Verhält- 
nissen selbstständige Pflanzen werden können, giebt es noch andere 
Knospen, z. B. die Endknospen (S. 214), die am Ende der Stengel 
sich befinden und zu deren Verlängerung beitragen. Werden diese 
Endknospen zerstört, so gelangen die Achselknospen zur kräftigeren 
Entwickelung. Hierauf beruht auch der Nutzen des „Schröpfens" 
oder des Abweidens des Getreides im Herbste, letzteres bestockt 
sich kräftiger und wird dichter. Gleiches gilt für das Stutzen 
der Bäume und Strauch er. 

Zur Vermehrung genügt es bei vielen Pflanzen, einen ihrer 
Zweige, das „Steckreis", zu trennen und in Erde oder Wasser 
zu setzen, wo es dann Nebenwurzeln treibt und zur selbstständigen 
Pflanze wird; dies ist die Vermehrung durch „Stecklinge", wie 
sie bei Weiden und beim Oleander allbekannt ist. Diesem Ver- 



Die Fortpflanzung. - 303 

fahren sehr ähnlich ist das „Ablegen" oder „Absenken", 
wobei man die Zweige, schwach mit Erde bedeckt, so lange mit 
der Mutterpflanze in Berührung lässt, bis die zu trennenden Zweige 
Wurzeln getrieben haben, worauf man sie dann trennt. Bei Erd- 
beeren und vielen Straucharten wird dies Verfahren häufig ange- 
wendet. 

Schliesslich ist noch darauf hinzuweisen, wie sich die verschie- 
denen Fortpflanzungsarten zur Constanz des Artencharakters ver- 
halten, da dies bei den Culturpflanzen von Wichtigkeit ist. Mau 
zählt jene Pflanzen zu einer Art, welche in allen constanten Merk- 
malen tibereinstimmen. Diese Bestimmung erscheint allerdings inso- 
fern etwas schwankend, als die constanten Merkmale nicht für 
alle Pflanzen die gleichen sind. Spielarten entstehen dann, 
wenn die Pflanzen ihre constanten Merkmaie (Artencharakter) zwar 
beibehalten, aber soust mannigfache Verschiedenheiten zeigen, z. B. 
eine andere Form der Blätter, andere Zeichnung der Blüthe u. s. w. 
Bei der Fortpflanzung solcher Spielarten durch eine oder mehrere 
Generationen kommt es allmälig dahin, dass alle Pflanzen den 
Charakter der Spielart annehmen und die Eigenschaft, welche an- 
fänglich nur einzelne Pflänzchen als Spielart kennzeichnete, wird 
dann ein constantes, durch Samen unter gleichen Verhältnissen sich 
fortpflanzendes Merkmal ; es entsteht dann eine Unterart , wie es 
die vielen Unterarten der Culturpflanzen geworden sind und noch 
immer werden. Ein belehrendes Beispiel liefert der Gartenkohl 
(Brassica oleraceai, aus dem eine Menge von Unterarten entstanden 
sind, als: Winterkohl, gemeiner Kohl, Blätterkohl, Wirsing, Roth- 
kraut, Blumenkohl, Kohlrabi u. s. w. 

Was den Einfluss der Fortpflauzuugsart auf die Erhaltung der 
Art belangt, so stellt Seh leiden das Gesetz auf: „Bei der Fort- 
pflanzung werden überhaupt um so mehr Merkmale und diese um 
so sicherer von der Mutterpflanze auf die Tochterpflanzen über- 
gehen, je länger das zur Fortpflanzung dienende Organ, sei es 
Zelle, Samen, Knospe oder Zweig, mit der Mutterpflanze in inniger 
Verbindung blieb, und je mehr die äusseren Umstände, unter wel- 
chen die Tochterpflanze aufwächst, genau dieselben sind, unter 
denen die Mutterpflanze sich entwickelte. " Dieser Grundsatz ist 
es , welcher maassgebend bleiben muss, wo es sich darum handelt. 
Pflanzen zu cultiviren, die immer genau dieselben Eigenschaften 
beibehalten sollen.^J 



1) Conf. Darwin ,.0n the Origin oi Species" und ,,0n the Variation of 
Animals and Plants under Domestication." 



304 Die Pflanzenkrankheiten und ihre Ursachen. 



5. Die Pflanzenkrankheiten und ihre Ursachen. ^) 

Wie der Mensch Krankheiten unterworfen ist, so ist es auch 
die Pflanze. Durch diese Störungen und Unregelmässiglceiten in 
dem normalen Lebensgange der Culturpflanzen werden oft des Land- 
wirtlis schönste Hoffnungen vernichtet. 

Die Krankheitsursachen können sein: ungünstige Lebensver- 
hältnisse, schädliche atmosphärische Einflüsse, phanerogame Schma- 
rotzer, kryptogame Parasiten. Krankheiten, welche durch ungün- 
stige Lebensverhältnisse hervorgerufen werden, sind z. B. das 
Steinigwerden der Birnen, der Honigthau, die Kräuselkrankheit 
der Kartoffeln, Schorf der Kartoffeln u. s. w. Schädliche atmo- 
sphärische Einflüsse verursachen das Frostspalten der Bäume, das 
Süsswerden der Kartoffeln etc.; die Bildung von Hexenbesen, von 
Gallen, sowie die Milbensucht der Birnbäume werden durch Ver- 
wundungen veranlasst. Jede bis zum Holzringe gehende Verwun- 
dung der Rinde ist schon deshalb schädHch, weil sich in derselben 
leicht Regenwasser ansammelt und dieses zum Faulen des Holzes 
Veranlassung geben kann. Der Gummi -^) , Manna - und Harzfluss 
sind nur dann zu den Krankheiten (Secretions-Krankheiten) zu rech- 
nen, wenn sie grössere Gewebecomplexe, die nicht normal diese 
Stoffe produciren oder führen, erfassen. 

Weitaus schädlicher werden die Krankheiten, die durch pha- 
nerogame Schmarotzer oder kryptogame Parasiten entstehen. Zu 
den gefährlichen phanerogamen Schmarotzern gehören z. B. das 
Verneinkraut, die Schuppenwurz, Orobanche, Hanftod, Feldwachtel- 
weizen, die Kleeseide, Flachsseide, die Mistel u. A. 

Zahlreich sind die kryptogamen Parasiten. Man theilt sie ein 
in Phycomyceten (Algenpilze), Hypodermii, Basidiomyceten (Basi- 
diensporige) und Ascomyceten (Sporenschlauchpilze). Zu den Phy- 
comyceten gehört z. B. Peronospora infestans, welcher die Nass- 
fäule der Kartoffeln verursacht. 

Sperschneider und de Bary'') lieferten sehr eingehende 



1) Zur weiteren Eelehrung über diesen Get^cnstand verweisen wir auf Jul. 
Kühn 's Krankheiten der Culturgewächse, ihre Ursachen und Verhütung. 2. Aufl. 
Ecrlin, 1859. — Phytopathologie von E. Hallier, 1868. — P. Sorauer, 
Handbuch der Pflanzenkrankheiten. Berlin 1874. 

2) Das beste Mittel gegen den Gummifluss ist nach Prillieux das Ein- 
schneiden der Rinde. 

3) Sperschneider 's „Faulen der Kartoffeln", Berlin 1856, und 
de Bary's „Die gegenwärtig herrschende Kartoffelkrankheit", Leipzig 1861. 



Die Pflanzenkrankheiten und ihre Ursachen. 305 

Forschungen über diese Krankheit, denen wir Folgendes entnehmen. 
Feuchtigkeit und Luftzutritt befördern sehr die Foi'tpflanzung der 
Peronospora. Die Knollen erkranken nach dem Eindringen der Pilz- 
keime durch den Boden oder durch die oberirdischen Theile der 
Pflanze selbst. Die Fäule zeigt sich an den Knollen als missfarbige, 
gewöhnlich schmutzig braune Flecken. Kraut- und Knollenkrankheit 
haben dieselbe Ursache. Die Fortpflanzungszellen (Sporangien) des 
Pilzes überwintern in der Kartoffel und kommen bei günstigen Verhält- 
nissen zur Entwickelung. Es ist nicht zu erwarten, ein specifisches, 
stets wirksames Feilmittel gegen die Krankheit zu finden ; denn der 
verheerende Pilz sitzt im Innern der Pflanze, nicht wie der die Reben 
beschädigende Pilz an der Oberfläche der Blätter. Der Kartoffelpiiz 
lässt sich weder mechanisch entfernen, noch durch andere Mittel 
tödten, es kann sich also nur darum handeln, ihn möglichst unschäd- 
lich zu machen. Knollen, die einmal von ihm befallen sind, müssen, 
um sie lange zu erhalten, an thunlichst trockenen luftigen Orten 
aufbewahrt werden. Ist nur das Kraut befallen, so kann Trocken- 
heit der Luft und des Bodens die Ausbreitung des Pilzes bis zur 
völligen Unschädlichkeit verlangsamen, man Avähle daher einen trocke- 
nen Acker. Will man der Krankheitsverbreitung entgegen vrirken, 
so entferne man bei Zeiten jene Blätter und Triebe, auf denen sich 
die ersten braunen Flecken zeigen. Die völlige Wegnahme des wenig 
befallenen Krautes beeinträchtigt die Ausbildung der Knollen; in einer 
späteren Periode wäre sie nicht mehr von Nutzen, indem sich dann 
schon die Pilzsporen gebildet und verbreitet haben. Am sichersten 
wird man vorgehen , nur ganz gesunde, die charakteristische Bräu- 
nung unter der Schale nicht an sich tragende Knollen zum Legen 
in den Acker zu verwenden; dann dürfen aber auch pilzhaltige 
Knollen vom früheren Jahre im Felde nicht geduldet werden. 
Leider sind solche Vorsichtsmassregeln im Grossen selten durchführbar. 
Zu den Hypodermii gehören die Brandpilze und Piostpilze. 
Sehr gefährliche Brandpilze sind: Tilletia Caries (Steinbrand), Usti- 
lago Garbo (Staubbrand des Getreides), Ustilago Maydis (Maisbrand) 
und Ustilago secalis (Roggenkornbrand). Von den Rostpilzen seien 
aufgeführt: Puccinia graminis, P. straminis (Getreideroste), Puccinia 
Asparagi (Spargelrost), Unomyces Betae (Runkelrübenrost), Chry- 
somixa Abietis (Rost der Fichtennadeln). Feuchtes warmes Wetter, 
mit abwechselndem Regen und Sonnenschein ist dem Umsichgreifen 
der Rostpilze überhaupt günstig; ihre Fortpflanzung erfolgt durch 
Keimkörner, die sich durch Winde ungemein rasch verbreiten. 
Brandpilze behalten ihre Keimkraft längere Zeit bei und kommen 
unter günstigen Umständen in wenigen Stunden zum Keimen ; selbst 
frischer Mist enthält oft noch gesunde Keimkörner. Das Beizen 

V. G obren, Ackerbaueheraie. 20 



306 Die Pflanzenkrankheiteu und ihre Ursachen. 

der Samen vor dem Anbau ist als gutes Mittel gegen die Verbrei- 
tung der Schmarotzerpilze zu empfehlen, da durch die ätzende 
Flüssigkeit (Kalkwasser, Kupfervitriol, Jauche, übermangansaures 
Kali) die zum Theil an der Aussenseite der Samen haftenden Keim- 
körner der Pilze zerstört werden. 

Die ßothfäule und Weissfäule der Baumstämme werden durch 
Pilze, welche zu den Basidiomyceten gehören, hervorgerufen. Die 
Mehlthauarten, Krustenpilze und Scheibenpilze sind Ascomyceten. 
Gefürchtete Mehlthauarten und Krustenpilze sind der des Wein- 
stockes (Erysiphe Tuckeri), der Russthau des Hopfens (Fumago Sa- 
licina), der Rapsverderber (Pleospora Napi), der Rübentödter (Stem- 
phylium ericoctonum), der Wurzeltödter der Luzerne (Byssothecium 
circinans), das Mutterkorn (Claviceps purpurea) und Andere. Die 
Taschenbildung der Pflaumen (Exoascus Pruni) und der Lärchenkrebs 
(Peziza Willkommii) werden durch Scheibenpilze hervorgerufen. 

Im Allgemeinen sind die Ursachen zu Krankheiten immer in 
äusseren Veranlassungen zu suchen. 

6. Lebensdauer und Tod der Pflanze. 

Es gibt Pflanzen, welche ein Alter von 6000 Jahren erreichen 
(Afifenbrodbaum) , doch unterliegen auch sie endlich dem Tode wie 
jene, deren Dasein nur nach Tagen zählt. Unsere meisten Cultur- 
pflanzen beschliessen ihr Leben mit einem Jahre, indem sie mit 
dem Fruchtansätze — der Vollendung der pflanzlichen Individuali- 
tät — absterben. Man bezeichnet sie als einjährige Pflanzen. 
Man kann aus einjährigen Pflanzen zwei- oder mehrjährige erzeu- 
gen, wenn es ohne zu grosse Störungen ihres Lebens gelingt, sie 
an dem Samentragen zu hindern ; so hat man die wohlriechende 
Reseda in einen kleinen Halbstrauch verwandelt. Welchen Zeit- 
raum auch das Pflanzendasein umfasst haben möge, mit dem Ab- 
sterben hört das Zusammenwirken der einzelnen Orgaue auf, welches 
das Leben bedingt, die Pflanze fällt dem Chemismus anheim, der 
nun uneingeschränkt nach den Naturgesetzen waltend, die todten 
Reste durch den Fäulnissprocess wieder in jene Stofi'e auflöst, aus 
denen die junge Pflanze einst hervorging. Kohlensäure, Ammoniak, 
Wasserdampf und Mineralstoffe werden dadurch frei und während 
jene der Luft, diese dem Boden auheimfallen , dienen sie wieder 
aufs Neue der folgenden Generation zur Nahrung. Vergehen und 
Entstehen erscheinen wie tiberall in der Natur auch in der Pflanzen- 
welt eng verbunden zur unaufhörlichen Wechselwirkung : „ Tod der 
Einen wird Leben für unendlich Viele!" 



* Praktische Ahtlieiliing. 



Die Ciiltiirpflanzen und ihre Erisäbrnng. 

Allen Culturpflanzen sind gewisse Merkmale eigenthümlich, die 
den wild wachsenden Pflanzen gänzlich fehlen, die aber gerade 
dasjenige umfassen, um dessentwillen wir sie cultiviren. 

Die Veränderungen, welche Pflanzen durch die Cultur gewin- 
nen und wodurch sie von ihren wilden Stammverwandten sich unter- 
scheiden, bestehen in der besonders üppigen Entwickelung bestimm- 
ter Pflanzentheile und in der gesteigerten Anhäufung werthvoller, 
meist für den Menschen nützlicher Bestandtheile. 

Schon der Blick auf einen Gemüsegarten und der Vergleich 
der dort gezogenen Gemüsearten mit ihren wilden Stammesgenossen 
zeigt, welch' bedeutenden Einfluss die Cultur einer Pflanze auf 
deren Charakter nimmt. Brassica oleracea, dieses dürftige Pflänz- 
ehen des Dünensandes an den Nordseeküsten, wird durch Cultivi- 
rung zum ebenso üppig entwickelten als wohlschmeckenden Blumen- 
kohl, die ungeniessbare wilde Kartoffel zur beliebten Speise, und 
die harten Sprossen des wilden Spargels zum feinsten Gemüse ! 

Die Culturpflanzen sind eigentlich nur Unterarten ihrer wilden 
Stammverwandten und letztere gehören meist solchen Pflanzenarteu 
an, aus denen sich leicht Spielarten bilden. 

Werden solche Pflanzen ausserhalb der Grenzen ihres natür- 
lichen Verbreitungsbezirkes cultivirt, so erfahren sie in ihren Be- 
standtheilen grosse Veränderungen, die die Spielarten bedingen. 
So ist im Pultowa'schen Gouvernement aus dem sogenannten Veilchen- 
tabak eine eigene Spielart geworden, die schon in 15 — 16 Wochen 
reift, beim Rauchen aber keine Spur jenes angenehmen Geruches 
ofi'enbart, dem jener Tabak seinen Namen in Deutschland verdankt. 
Die Veränderung, besonders der organischen Bestandtheile, muss 
aber auch das ganze Leben der Pflanze ändern , das eine steht in 

20* 



308 Die Culturpflanzen und ihre Ernährung. 

enger Verbindung mit dem anderen. So sind auf Madeira von 
Aepfel- und Birnbäumen neue Varietäten hervorgegangen, die zwei- 
mal im Jahre Früchte tragen, ja sogar eine Aepfelbaumvarietät, 
die das ganze Jahr über mit Blüthen und Früchten zugleich bedeckt 
ist (Froriep). Das Vermögen der Pflanzen, ihren ursprünglichen 
Charakter beizubehalten, ist ein sehr verschiedenartiges. Pflanzen, 
die lange Zeit nur wild wuchsen, bewahren ihren Charakter am 
beharrlichsten, wenn man versucht, sie in den Culturzustand über- 
zuführen. Gelingt es jene Beharrlichkeit zu überwinden -und be- 
sondere Eigeuthümlichkeiten hervorzurufen, so werden sie überhaupt 
geneigter zu Veränderungen ihrer Natur, „biegsamer", und passen 
sich daher auch verschiedenen Klimaten leichter an, sie „acclima- 
tisiren" sich leichter. In dieser stärkeren oder schwächeren Bieg- 
samkeit liegt das Charakteristische der Culturpflanzen. 

Wesentlichen Einfluss auf die Entstehung von Abarten und die 
Bildung von Culturpflanzen haben die klimatischen Verhältnisse. Es 
gilt etwa Folgendes: 1) Durch fortgesetzte Aussaat der Samen von 
aufeinander folgenden Generationen werden Spiel- und Unterarten 
gewonnen, die am meisten dem Klima entsprechen. 2) Die Acclima- 
tisation der Culturpflanzen ist um so dauernder, je länger sie in 
demselben Klima ohne eine bemerkbare Veränderung ihrer Natur 
angebaut worden sind. 3) Culturpflanzen, die einem häufigen kli- 
matischen Wechsel ausgesetzt werden, sind in ihren durch klima- 
tische Einflüsse bedingten Eigeuthümlichkeiten weniger beständig. 
4) Die werthvollen einheimischen Spiel- und Unterarten verdienen 
den Vorzug vor ähnlichen, wenn auch werthvolleren Spielarten 
einer anderen Gegend. 5) Bei Einführung fremder Culturpflanzen 
kann man desto sicherer auf die Erhaltung ihrer Eigeuthümlich- 
keiten rechnen, je weniger das neue Klima vom früheren abweicht. 
6) Will man gewisse, durch das Klima bedingte Eigenthümlich- 
keiten ausländischer Culturpflanzen so viel als möglich erhalten, so 
muss man von Zeit zu Zeit Samen oder Pflanzen aus dem ursprüng- 
lichen Klima wieder beziehen.') 



1) Haberlandt zog aus seinen zahlreichen über Acclimatisatlon und den 
Samenwechsel angestellten Versuchen folgende Schlussfolgerungen : Saatgut, aus 
feuchten Klimaten bezogen, liefert verhältnissmässig mehr Stroh, aber weniger 
Körner; solches aus trockenen "Wachsthumsgebieten mit kurzem Frühjahr und 
heissem Sommer gibt geringeren Stroh- und verhältnissmässig reicheren Körner- 
ertrag und vermag besser den Einflüssen der Trockenheit zu widerstehen. Die 
Qualität der Körner- und ihr Gehalt wird günstiger beeinflusst, wenn Saat-' 
gut aus Ländern mit continentalem Klima in feuchtere Gegenden zum Anbau 
kommt als umgekehrt. Getreide aus regenreichen Ländern ist leichter dem 
Lagern unterworfen. Saatgut aus Gegenden mit strengen Wintern ist weniger 
der Gefahr des Auswinterns preisgegeben. Gontinentales Klima reift kleinkörnige 



Die Culturpflanzen und ihre Ernährung. 309 

Dem Landwirthe ist natürlich viel daran gelegen, den Charakter 
bestimmter Culturpflanzen zu bewahren, doch will dies oft bei aller 
Sorgfalt nicht immer gelingen, seine Pflanzen „arten aus", sie ver- 
wildern. Die Erfahrung lehrt, dass die bessere Unterart einer 
Culturpflanze, in eine andere ihr nicht zusagende Gegend verpflanzt, 
bald ihren Charakter verliert und eine geringere Qualität als selbst 
die dort heimische Pflanze annimmt. Jedenfalls sind es klimatische 
Einflüsse, welche hierbei den wesentlichsten Einfluss ausüben, wenn 
auch mitunter die Beschaffenheit des Bodens mitwirkt. Ueberhaupt 
muss vor dem argen und vielverbreiteten Fehlschluss gewarnt wer- 
den, dass, weil eine Culturpflanze in einer Gegend ganz vorzüglich 
gedeiht, dies auch in einer anderen der Fall sein müsse ; die Land- 
wirthe ziehen sich dadurch oft empfindliche Täuschungen und Ver- 
luste zu, wenn sie eine sehr empfohlene fremde Art in ihrer 
Heimat anbauen, zu ihrem Erstaunen aber nicht selten eine viel 
schlechtere Art, als selbst die heimische war, ernten. Die Unterart 
einer Culturpflanze kann in der einen Gegend vorzüglich, in einer 
zweiten aber sehr schlecht gerathen, weil jede Pflanze des Zusam- 
menwirkens bestimmter Bedingungen zu ihrem Gedeihen bedarf; 
bringen wir sie daher aus diesem Bereiche in einen anderen, wo 
eine oder mehrere jener Bedingungen fehlen oder ungünstige Ein- 
flüsse sich geltend machen, so kann sie darunter nur leiden. 

Jede Gegend hat ihre besonderen Unterarten, und die derselben 
Gegend angehörigen Sorten sind in der Regel die zum Anbau vor- 
theilhaftesten. Der Landwirth kann aber durch Aufmerksamkeit 
und Ausdauer die vortheilhaftesten Unterarten für seine Gegend 
sich aus den am vorzüglichsten gerathenen Einzelpflanzen selbst 
ziehen. Man betrachte nur ein in der Blüthe stehendes Feld, so 
wird man immer einzelne, besonders hervorragende Pflanzen bemer- 
ken, welche durch auffallende Kraftfülle schon von ferne sich 
kenntlich machen. Solche ganz besonders gut gerathene Pflanzen 
soll der Landwirth ausschliesslich zur Samenzucht und sorgfältigen 
Fortpflanzung benutzen. Nur dadurch wird es ihm gelingen, die 
gewünschte Unterart seiner Culturpflanze gewiss zu erzielen, wie 



Getreidefrüchte , mit kleberreichem Inhalte und specifisch schweren Kürnern ; 
kühle "feuchte Sommer hingegen, oder künstliche Bewässerung und vermehrter 
Reichthum des Bodens an PflanzeunährstoÜ'en vergrössern das Korn, lockern 
den Inhalt, der statt 'glasig, mehlig erscheint, und verringern das specifische 
Gewicht zugleich mit der Menge der stickstoffhaltigen Bestandtheile. Der 
Gegensatz zwischen Winter- und Sommerfrucht schwindet um so mehr, in je 
südlichere Gegenden man gelangt. "Wintergetreide aus Gegenden über dem 45. 
Grad n. Br. wird, bei uns im Frühjahr angebaut, in demselben Jahre nicht 
mehr zum Sprossen gelangen , aus niederen Breiten bezogen aber bei uns sich 
ebenso verhalten, wie das Sommergetreide. 



310 Arten der Culturpflanzen.; 

uns denn auch die Geschichte der Landwirthschaft einzelne Bei- 
spiele solcher mit bestem Erfolg gekrönten Sorgfalt aufbewahrt 
hat; in neuerer Zeit erst gelang es einem englischen Landwirth 
(Hallet) die vorzüglichste Weizenart dadurch zu erlangen, dass 
er die Körner einer kräftig entwickelten Weizenstaude, die er in 
einer Hecke entdeckte, mit Ausdauer fortpflanzte. 

Die so entstandene Unterart wird ihren Charakter schon darum 
zäher beibehalten, weil sich derselbe den localen Einflüssen bereits 
angepasst hat. Mit der gleichen Sorgsamkeit, mit welcher der 
Landwirth für specielle Verhältnisse Thierschläge züchtet, soll er 
auch dahin streben, seinen Culturpflanzen vortheilhaftere Eigen- 
schaften anzuzüchten. Bis zu einer gewissen Grenze ist dies immer 
möglich. 

Nicht von allen Culturpflanzen lässt sich mit voller Sicherheit 
die im wilden Zustande lebende Art angeben, und gerade von den 
wichtigsten Getreidearten: Weizen, Gerste, Roggen, Hafer und 
Mais, welche seit den ältesten Zeiten cultivirt werden, sind uns 
die entsprechenden Stammpflanzen bis jetzt noch unbekannt; wir 
haben nur Kunde davon, dass sie im alten Egypten bereits culti- 
virt, und im Laufe der Jahrtausende von einem Volke zum anderen 
sich vererbt haben, nirgend aber eine Spur ihres Vorkommens in 
wildem Zustande. 



I. Arten der Culturpflanzen. 

Von den auf Erden bis jetzt bekannten ca. 160,000 (Hum- 
boldt) Pflanzenarten wird verhältnissmässig eine nur äusserst ge- 
ringe Zahl zur Cultivirung benützt. Man hat, um sie zu gruppiren, 
verschiedene Eintheilungsprincipien gewählt, bald die Benutzungs- 
art, bald die chemischen, bald die morphologischen und botanischen 
Charaktere der Pflanzen zur Basis genommen, je nach dem Zweck 
und Standpunkt des Autors. Eine streng logische und dabei ein- 
heitliche, den Bedürfnissen der Praxis zugleich entsprechende Ein- 
theilung existirt nicht. In Nachfolgenden sind einige der häufiger 
angewendeten Gruppirungen aufgezählt. 



Arten der Culturpflanzen. 311 

Ä. Ei?iiheihmg nach der Benütxumj. 

1. Zar Xahning dienende Cultiirpilanzen, 

Futterpflanzen: Futtererbse, Futterwicke, Honiggras, Klee- 
arten, Raygräser, Spörgel, Timotheusgras, Wiesenfuchsschwanz, 
Wiesenschwingel. 

Hackfrüchte: Alkana, Ackerkohl, Dorschen, Erdbirne, Kar- 
toffel, Möhre, Pastinake, Rübenarten. 

Hülsenfrüchte: Bohne, Erbse, Linse, Lupine, Pferdebohne, 
Wicke. 

Körnerfrüchte: Buchweizen, Gerste, Hafer, Hirse, Mais, 
Reis, Roggen, Weizen. 

2. Zu gewerblichen Zwecken dienende Pflanzen. 

Fabrikspflanzen: Cichorie, Senf, Tabak, Weberkarde, 
Zuckerrübe. 

Fär bepflanzen: Knöterich, Krapp, itlalve, Saflor, Waid, 
Wau. 

Gespinnstpflanzen : Der Bast von Hanf, Lein, neuseelän- 
der Flachs und den Nesselgewächsen. 

Gewürzpflanzen: Anis, Fenchel, Kümmel. 

Oelpflanzen: Die Körner von Awehl, Biwiz, Hanf, Lein, 
Leindotter, Mohn, Oelrettig, Raps, Rübsen, Sonnenblume etc. 



B. Die Eintheihing nach den Bestandtheilen. 

1. Culturpflanzen mit verhältnissmässig starker EntwickeluDg einzelner 
Pflanzentheile. 

Als Beispiel seien angeführt: 

Wurzeln: Cichorie, Ligwer, Kalmus, Kerbelrüben, Krapp, 
Mangold, Meerrettig, Mohrrüben, Rettige, Sellerie, Topinambur, 
Zuckerrüben. 

Stengel: Blumenkohl, Flachs, Hanf, Spargel. 

Blätter: Kohl, Salat, Spinat, Artischocke. 

Knospen (unterirdischej : Kartoffeln. 



312 Arten der Culturpflanzen. 

Samen: Gerste, Hafer, Hirse, Mais, Mohrenhirse, Reis, Roggen, 
Weizen, Bohnen, Buchweizen, Kichern, Linsen, viele Oelfrüchte. 

Früchte: Obstarten (mit fleischig-gewordenem Fruchtblatt — 
Fruchtfleisch). 

2. Culturpflanzen mit gesteigerter Anhäufung bestimmter Bestandthelle. 

Stickstoffhaltige Substanzen: Futterpflanzen, Getreide- 
arten, Hülsenfrüchte. 

Stärke: Getreidearten, Hülsenfrüchte, Kartoffel. 

Zucker: Maisstengel, Moorhirsenstengel, Zuckerahorn, 
Zuckerrübe. 

Fette Oele: Oelgewächse. 

Aetherische Oele: die meisten Gewürzpflanzen. 

Harze: sehr viele Holzpflanzen. 

Zellstoff: als Holz bei den Holzgewächsen, als Bastfaser 
bei Flachs, Hanf und den Nesselgewächsen. 

Alkaloide: viele Arzneipflanzen. 

P f 1 a n z e n s ä u r e n : Citronen (Citronensäure) , Sauerampfer 
(Oxalsäure), Sauerklee u. s. w. 



C. Die Eintheilung nach Pßanzentheilen und deinen nutzbaren 

Bestandiheilen. 

1. Samen. 

a. Stärkemehl reiche Samen (Mehlfrüchte): Weizen, Rog- 
gen, Gerste, Hafer, Reis, Mais, Mohrenhirse, Hirse, Buchweizen. 

b. Proteinreiche Samen (Hülsenfrüchte): Erbse, Linse, 
Wicke, Pferdebohen, Wicklinse, Platterbse, Kicher, Bohne. 

c. Oelhaltige Samen (Oelfrüchte): Raps, Rübsen, Lein- 
dotter, Mohn, Senf, Oelrettig, Sonnenblume, Madia. 

d. Aetherisches Oel enthaltende Samen (Gewürz- 
pflanzen): schwarzer Senf, Kümmel, Fenchel, Anis, Koriander. 

2. Fruclitstände. 

a. Gewöhnliche Fruchtstände, deren Nutzen in 
ihrem Bau beruht: Weberkarde. 

b. Aetherisches Oel etc. enthaltende Fruchtstände: 
Hopfen. 



Arten der Culturpüanzeii, 313 

3. Narben. 
Farbstoff haltige Narben: Safran. 

4. Blumenblätter. 
Färb Stoff halt ige Blumenblätter: Saflor, Malve. 

5. Blätter. 

a. Farbstoffh altige Blätter: Waid, Wau. 

b. Alkaloidhaltige Blätter: Tabak. 

c. Prot ein reiche Blätter: Kuhkohl, Kopfkohl. 

6. Stengel. 

Bast reiche Stengel (Gespinnstpflanzenj : Lein, Hanf. 

7. Knollen. 

Stärkemehlhaltige Knollen (Knollenfrüchte): Kartoffel, 
Topinambur, (Kohlrabij. 

8. Wurzeln. 

a. Rohrzuckerhaltige Wu r z e 1 n (Wurzelfrüchte) : Runkel- 
rübe, Kohlrübe, Wasserrübe, Pastinake, Möhre, Cichorie. 

b. Farbstoff halt ige Wurzeln: Krapp. 

9. Gesammte oberirdische Pllanzentheile. 

Futterpflanzen: Luzerne, schwedische Luzerne, Sand- 
luzerne, Hopfenluzerne, Rothklee, Inkarnatklee, Weissklee, Serra- 
della , Esparsette , Lupine , Grünraps und Grünrübsen , Spörgel, 
Grünbuchweizen, Grüngetreide, Mohär, Grünmais, die Wiesen- 
erräser. 



314 Vertheilung der Culturpflanzen nach den Klimaten. 



IL Yertlieilimg der Culturpflanzen nacli den 
Klimaten. 

Mit dem Studium der Vertheilung der Pflanzen nach den Kli- 
maten beschäftigt sich die Pflanzengeographie. Wir heben 
hier nur das Wichtigste in Bezug auf die Culturpflanzen hervor. 

Unter den Halmfrüchten hat die Gerste die kürzeste Vege- 
tationszeit; weshalb sie am weitesten gegen Norden vorzudringen 
vermag, und auch den ausgedehntesten Verbreitungsbezirk hat. 
Man findet sie vom Aequator bis zum 70. Breitegrade, am Nord- 
cap, auf den Faröer- Inseln, den Orkaden, wie am weissen Meer. 
Am Himalaja wird sie bis zur Höhe von 14000', in Schweden hin- 
gegen nur bis zu 300' über dem Meeresspiegel augebaut. 

Nicht so weit gegen Norden reicht die äusserste Grenze 
(Polargrenze) des Koggens, und wird dieselbe in Norwegen mit 
65 bis 67 ^ n. B. angegeben. Seine Polargrenze senkt sich aber 
bei den Faröer- Inseln, welche schon ausserhalb seiner Region 
liegen. In warmen Klimaten steigt der Anbau des Roggens sehr 
hoch; schon in Frankreich finden wir ihn auf Höhen von 6600'. 

Ziemlich ebenso hoch wie der Roggen reicht der Buch- 
weizen. Er ist wie andere Getreidearten fast im ganzen nörd- 
lichen Europa, besonders im östlichen Deutschland und Polen, ver- 
breitet. Man findet den tartarischen Buchweizen in Sibirien und 
in der Nähe des Baikalsees wild wachsend. 

Vom nördlichen England über das nördliche Deutschland zieht 
sich die Polargrenze der Weizencultur. Obwohl der Sommer- 
weizen in Russland bis zum 61. und an der Meeresküste Norwegens 
bis zum 62.0 jj, ß, j^och cultivirt wird, so ist doch erst in Süd- 
england, dann von Frankreich bis an das kaspische Meer gegen 
Osten reichend, der Weizen die eigentliche Brodfrucht. Sehr ver- 
schieden sind die Höhen, in welchen der Weizen gebaut wird; am 
Aequator bis zu 10000', in Frankreich bis zu 5400', in Mexiko 
bis 3000'. 

Die Polargrenze des Hafers trifft in Russland mit jener des 
Roggens, in Schottland mit jener des Weizens zusammen. 

Die Polargrenze des Mais (türkischer Weizen), dem besonders 
das heisse und feuchte Klima tropischer Gegenden zusagt, wo er 
bis SOO fachen Ertrag liefert, reicht in Europa bis zum 49. o n. B.; 



Yertheilung der Culturpüanzen nach den Klimaten. 315 

höher hinaus wird er nur noch als Gartenpflanze vorkommen. Man 
findet den Mais auch in sehr bedeutenden Höhen ; so auf der Hoch- 
ebene von Mexiko 8 — 9000', in Peru bis zu 12000'. Im heissen 
Amerika gilt er als eigentliche Brodfrucht. 

Der Reis gehört nicht unseren Klimaten, sondern den Tropen- 
ländern an. Es sei nur erwähnt, dass nach annähernden Berech- 
nungen von dieser Frucht ziemlich die Hälfte aller Menschen lebt. 

Die Kartoffel baut man in ganz Europa von Hammerfest 
in Lappland, 71.o n. B., auf Island, den Faröern bis an das mittel- 
ländische Meer. Nebst Amerika, ihrem Vaterlande, wird sie in 
Kamschatka, Sibirien, Indien, China, Japan, Neuholland und Neu- 
seeland, an den ufern des Titirasees, in Amerika in einer Höhe 
von 12000' sogar noch augebaut. 

Lein wird im ganzen mittleren Europa cultivirt und reicht 
in Russland bis nach Livland. Neuseeländer Lein und Hanf wird 
ausser in Neuseeland auch in Neuholland in bedeutender Menge 
gebaut. 

Hanf, aus Persieu stammend, wird namentlich in Süddeutsch- 
land, in Polen, Russland, Preussen, Nordamerika und Asien stark 
cultivirt. Er findet sich auch in Schweden bis gegen 60 o n. B. 

Die Polargrenze des Tabaks ist auf der nördlichen Halb- 
kugel mit 55 und auf der südlichen mit 40 o Breite anzunehmen. 

Die Gräser fordern ein beständiges Klima, wie es an den 
Westküsten Europas herrscht; aber auch noch Island hat die 
schönsten Wiesen aufzuweisen. 

Die Cultur des Wein Stockes wird in Europa nur innerhalb 
eines schmalen Striches von Westen nach Osten betrieben, dessen 
nördliche Grenze 50 — 55 o n. B. erreicht und in den Alpen durch- 
schnittlich bis 1700' steigt. 

Die Polargrenze der Bäume trifft das südliche Grönland, Is- 
land und das Nordcap in Skandinavien bei 7 1 o n. B. 

Unter den Forst bäumen reicht die Birke am weitesten nach 
Norden (71 ^), dann folgen ihr in absteigender Reihe die Kiefer 
(70 c), Tanne (67 o), Eiche (63 O), Buche (59 o), Kastanie (47 «J. 



316 



Vertheilung der Culturpflaiizen nach den Klimaten. 



Vergleichende Darstellung der Pflanzen-Zonen und 

Regionen. 



S.2 




S§3 . 


IX. 


15000 


+ 1,5° 


VIII. 


13300 


4,5° 


VII. 


11400 


8,5° 


VI. 


9500 


13« 


V. 


7600 


16° 


IV. 


5700 


19° 


III. 


3800 


21° 


II. 


1900 


24° 


I. 





27,5° 




Entsprechende Zonen 



'S -S 



5 a 
3 H 



p_^ ' o 



;n 



i »^ 2 

;:i CS Ö 
o ■-::; o 



Breitec'rade 



0—15 



15—23 23—34 34—45 45—58 



58—6666—72 



72—82 82— 90- 



Mitteltemperatur des 
Jahres nach Dove 



28,5 
bis 
25,9 



25,9 23,9 
bis bis 

23,9 18,0 



18,0 

bis 

10,4 



10,4 
bis 
0,3 



0,3 
bis 
-5,9 



—5,9 

bis 

—9,9 



—9,9 

bis 

— 14,5 



-14,5 
bis 
-16,5 



Mitteltemperatur 
während der 
Vegetationszeit . 



28— 26 26— 21 21— 17 



17—8 



8—6 



6-4 



4-2 



2—1 



1 bis 
-0,T 



* Palmen-Bananen. 



Emälirung der Culturpflanzen. 317 



in. Ernälirung der Culturpflanzen. 

Ist auch die gesteigerte Anhäufimg der Pflanzensubstauzeii, 
wegen deren man bestimmte Pflanzen cultivirt, vorzüglich nur 
durch Züchtung eigener Spielarten in oben angegebener Art mög- 
lich, so ist doch nicht in Abrede zu stellen, dass die Landwirthe 
auch durch die Pflanzennahrung und Art des Anbaues wesentlichen 
Einfluss auf die Bestandtheile der Culturpflanzen nehmen können. 
E. Wolff lieferte die Analysen des Strohes von Buchweizen, der 
theils ungedüngt, theils mit verschiedenen Stofien gedüngt war; 
derselbe enthielt an Pflanzeusubstanz überhaupt in Grammen: ohne 
Dungmittel 78, mit Salpeter 130, mit Kali 110, mit schwefelsaurer 
Magnesia 116, mit Kalk ISS. Auch die relativen Mengen der 
Aschenbestandtheile waren sehr verschieden. Hermbstädt und 
später Boussingault haben durch Versuche festgestellt, dass 
der Klebergehalt bei Weizen durch stickstoffhaltige Düngung bei 
gleichbleibendem Aschengehalt sich um ein Dritttheil steigerte. 
Gerste, mit frischem Schafmist gedüngt, wird sehr kleberreich und 
dadurch zur Biererzeugung nicht mehr geeignet. 

Dungmittel, welche auf alle Pflanzenbestandtheile zu wirken 
vermöchten, kennt mau noch nicht, so vielfach auch Versuche 
angestellt wurden. Der Einfluss, den man durch die Zufuhr von 
Pflanzennahrung zu nehmen im Stande ist, scheint sich doch vorzüg- 
lich nur auf die Mineralstofte der Pflanzen zu beziehen. Gewiss 
kommen hierbei noch manche andere Verhältnisse in Betracht, 
über welche noch Vieles aufzuklären bleibt. So zeigte es sich 
z. B. aus Versuchen von Völcker, dass der Chlorgehalt bei 
Mangoldwurzeln durch Salzdüngung nicht zugenommen hatte, wäh- 
rend nach Grouven's Beobachtungen durch die Düngung mit 
chlorhaltigen Dungstofi'en der Chlorgehalt der Rüben erhöht worden 
war u. s. w. 

Die Ernährung der Culturpflanzen unterliegt im Uebrigen ganz 
denselben Naturgesetzen, die für die Pflanzen im Allgemeinen auf- 
gestellt wurden. Die Culturpflanzen benöthigen zwar dieselben 
Stoffe zu ihrer Ernährung, wie die wildwachsenden Pflanzen, schö- 
pfen sie auch aus derselben Quelle wie diese, nur mit dem Unter- 
schiede, dass die Culturpflanzen die Nährmittel in grösserer Menge 
bedürfen, da ihre Stoffproduction eine gesteigerte ist. Bei einem 
so gesteigerten Bedarf von Nährmitteln reichen aber die natür- 
lichen Quellen nicht aus und es muss demnach theilweise eine künst- 
liche Zufuhr eintreten. Gibt es auch immerhin einzelne Land- 



31 8 Welche Nährstoffe müssen den Culturpflanzen künstlich zugeführt werden ? 

strecken, welche Zufuhr von Nährmitteln erst in sehr langen Zeit- 
räumen nöthig haben, wie die Bodenarten im Banat, der Polder 
Hollands und Russlands Tschernoj-sem, so sind das nur Ausnahmen. 
Als Kegel gilt, dass für unsere Culturpflanzen die natürlichen 
Quellen aller Nährmittel auf die Dauer nicht ausreichen, demnach 
müssen auch jene von der Natur so reich bedachten Länderstrecken 
endlich erschöpft und denselben dann gleichfalls künstliche Nahrung 
zugeführt werden, um entsprechende Ernten liefern zu können. 

Die als Pflanzennährmittel dienenden Stofi'e wurden bereits 
aufgeführt. Festhaltend an dem Satze , dass die Natur für eine ' 
gesteigerte Stoffproduction, wie sie bei den Culturpflanzen erforder- 
lich ist, nicht von allen jenen Nährmitteln die nöthigen Mengen 
aus natürlichen Quellen schaffen kann, fragt es sich: 



1. Welche Nährstoffe müssen den Culturpflanzen künstlich zugeführt 

werden? 

Um zur Beantwortung dieser Frage zu gelangen, empfiehlt es 
sich, jeden einzelnen Nährstoff in dieser Beziehung zu prüfen. 

Der Kohlenstoff ist insofern der wichtigste Elementar- 
bestandtheil der Pflanzen, als er ziemlich die Hälfte der ganzen 
trockenen Pflanzensubstanz bildet. Dieser ausserordentlichen Kohlen- 
stoffmenge, welche die Culturpflanzen zu ihrem Gedeihen benöthigen, 
ungeachtet, ist es doch eben dieser Stoff, um dessen Zufuhr 
der Landwirth gar nicht besorgt zu sein braucht, da ihn die 
Natur in unversiegbarer Menge in der Kohlensäure der Luft 
liefert. Dass in der That der Kohlenstoffgehalt der Pflanzen 
von der künstlichen Zufuhr unabhängig ist, beweisen die Ver- 
suche Boussingault's auch ziffernmässig , denn die Menge des 
Kohlenstoffes im Dünger steht durchaus in keinem Verhältniss zu 
dem Kohlenstoß^ der geernteten Pflanzen. Es verhielt sich viel- 
mehr die Menge des Kohlenstoffes im Dünger zu dem in der Ernte 
wie 1 zu 2,88. Die Menge des Kohlenstoffes einer Weizenernte 
betrug im ersten Jahre 867 Pfund; im sechsten Jahre nach der 
Düngung aber auf der gleichen Fläche 1153 Pfund. 

Wir entziehen dem Wiesenlande per Joch (5755 DMtr.) jähr- 
lich etwa 6000 Pfd. Kohlenstoff; wir finden ferner bei jeder ab- 
geschlossenen Wirthschaft, dass dem Boden mit Ausnahme ganz 
unwesentlicher Mengen kein Kohlenstoff von aussen zugeführt, son- 
dern von der Wirthschaft Kohlenstoff in sehr bedeutender Menge 
in Form von Getreide, Fleisch, Wolle u. dgl. ausgeführt, endlich 
ihr auch noch in Folge des Verwesungs- und Verbrennungsprocesses 



Welche Nährstoffe müssen den Culturpüanzen künstlich zugeführt werden ? 319 

grosse Quantitäten entzogen werden; und dennoch nimmt der 
Kohlenstoflgehalt des Wiesen- und Ackerbodens nicht ab, sondern 
vermehrt sich von Jahr zu Jahr durch die in ihm sich ansammeln- 
den kohlenstoffreichen Reste von Blättern, Stengeln, Wurzeln etc. 
Somit dürfte denn wohl kein Zweifel sein, dass die Anhäufung des 
Kohlenstoffes in den Culturpflanzen unabhängig ist von dem Kohlen- 
stoffgehalt des Bodens und dass daher letzterer auch keiner künst- 
lichen Zufuhr von Kohlenstoff bedarf. 

Ebenso wenig wäe für die Zufuhr des Kohlenstoffes wird der 
Landwirth für jene des Wasserstoffes und Sauerstoffes zu 
sorgen haben, da das Wasser beide liefert und Sauerstoff auch 
durch die Kohlensäure geboten wird. Anders gestaltet sich schon 
die Sache bei dem 

Stickstoff, der in der Form von Ammoniak bei dem in 
der Natur nie ruhenden Fäulniss- und Verwesungsprocess, doch in 
weit geringerer Menge als die sich bei der Fäulniss so bedeutend 
entwickelnde Kohlensäure, erzeugt wird. Luft und Boden enthalten 
nur sehr geringe Mengen Ammoniak. Wiewohl diese Stickstoff- 
mengen den Culturpflanzen zu gute kommen und demnach kein 
vollständiger Ersatz der durch die Ernte entzogeneu Menge 
nöthig wird, so erweisen sich im Allgemeinen und auf die Länge 
der Zeit diese natürlichen Stickstoffquellen zur Erzielung mög- 
lichst hoher Ernterträge doch nicht ausreichend und künstliche 
Zufuhr muss daher erfolgen. Stöckhardt wies durch Versuche 
nach, dass von den hundert höchsten Erträgen der, Rübencultur 
in sieben verschiedenen Jahren und an 23 verschiedenen Orten 
etwa 96 auf Düngung mit leicht löslichen StickstofiVerbindungen 
fielen. Thatsache ist ferner, dass die künstliche Zufuhr stick- 
stoffhaltiger Düngemittel beim Vorhandensein der übrigen nöthigen 
Nährstoffe immer günstig auf die Ernten wirkt. — Noch un- 
günstiger verhält es sich mit den 

mineralischen Nährstoffen , deren natürliche Quelle der 
Boden ist. Ist der Vorrath an disponiblen mineralischen Nähr- 
stoffen erschöpft, so kann nur die Verwitterung wieder Stoffe verfüg- 
bar machen, wenn solche in den noch unverwitterten Theilen des 
Bodens überhaupt vorhanden sind, was aber keineswegs immer 
oder überall der Fall ist. Diese Zufuhr genügt aber nur in den 
seltensten Fällen und eine künstliche Ergänzung wird nothwendig, 
sie darf um so weniger unterbleiben, je unbedeutendere Mengen 
der, wenn auch stets thätige doch nur langsam wirkende, Verwitte- 
rungsprocess löslich macht. Je geringer der Gehalt an nothwen- 
digen Mineralstoflen in dem noch unverwitterten Theile der Krume 
ist, um so früher muss der Ersatz erfolgen; so wird er z. B. bei 



320 Welche Nährstoffe d. Culturpflanzen sind f. d. Landwirth d. werthvollsten ? 

dem aus Quarz entstandenen Boden weit früher nöthig werden, als 
beim Basaltboden. 

Auf welche von den Mineralstoffen der Landwirth vorzüglich 
beim Ersatz Rücksicht zu nehmen hat, wird sich später noch er- 
geben. 



2. Welche Nährstoffe der Culturpflanzen sind für den Landwirth 
die werthvollsten? 

Ist auch das Vorhandensein aller Nährstoffe im Boden für 
das Gedeihen der Culturpflanzen unerlässlich , so kommt den ein- 
zelnen thatsächlich doch ein verschiedener Werth zu. Je nachdem 
diese Stoffe in besonders bedeutenden oder geringeren Mengen 
durch die Pflanzen entzogen, ferner je nachdem diese Nährstoffe 
aus erschöpflicher oder unerschöpflicher Quelle geliefert werden 
und überhaupt in grösseren oder geringeren Mengen im Boden oder 
in der Luft vorhanden sind, endlich je nachdem sie dem Boden 
schwerer oder leichter wieder ersetzt werden können, sind sie für 
den Landwirth ungleichwerthig. Eisen z. B. hat für den Land- 
wirth nur sehr geringen Werth, weil es nur in unbedeutenden 
Mengen dem Boden entzogen wird, der davon meist genügenden 
Vorrath hat; Alkalien hingegen werden sehr stark verbraucht, sind 
aber meist nur in sehr geringen Mengen im Boden vorhanden und 
können ihm auch nur schwierig und kostspielig wieder ersetzt wer- 
den; dasselbe gilt von der Phosphorsäure. Es müssen daher Al- 
kalien und Phosphorsäure für den Landwirth einen viel grösseren 
Werth haben, als Eisen oder der unerschöpflich gelieferte Kohlen- 
stoff. In Berücksichtigung dieser Umstände ergibt sich also, dass 
Alkalien, Phosphor säure, Stickstoff und Kalkerde, 
hier ihrer Wichtigkeit nach geordnet, jene Nährstoffe sind, welchen 
der Landwirth seine thatkräftige Aufmerksamkeit zu widmen und sie 
dem Boden stets wieder zu ersetzen hat. 

Vergleicht man ferner die zwei Hauptgruppen der Nährstoffe 
— die mineralischen und die organischen — gleichfalls 
ihrem relativen Werthe nach, so beanspruchen die ersteren einen 
höheren Werth, denn ohne die künstliche Zufuhr organischer Nähr- 
stoffe wird die Existenz der Pflanze nicht gefährdet, obwohl ohne 
Stickstoffzufuhr die Erträge in den meisten Fällen kaum entspre- 
chend ausfallen werden. Wenn aber bei Mangel mineralischer 
Nährstoffe im Boden deren Zufuhr unterbleibt, so würde schon die 
Existenz der Pflanze bedroht. 

Der Landwirth muss demnach dem Vorhandensein der minera- 



Wie nehmen die Nährstoffe indirect günstigen Einüuss auf die Ernährung etc. 321 

lischen Nährstoffe die vollste Aufmerksamkeit widmen, ohne sich 
deshalb zu ihrer Ueberschätzung verleiten zu lassen; er braucht 
sein Stroh nicht zu verbrennen, um mit dessen Asche zu düngen, 
ebenso wenig darf er die Mistdüngung als zwecklos verwerfen 
und die mineralischen Nährmittel ausschliesslich als Dungmittel 
betrachten. Es wäre dies ebenso irrig, als den Lehren der 
einstigen „Stickstoff theo retiker" folgend, den Stickstoff für 
das einzig wichtige Dungmittel, für den Schwerpunkt zu halten, 
um den sich die ganze Düngerlehre dreht. 

Nebstdem dass die Nährstoffe ernährend, also direct günstig 
auf die Culturpflanzen wirken , können sie auch einen weiteren, 
indirect günstigen Einfluss auf die Ernährung und das Gedeihen 
der Pflanze nehmen. 



3. Wie nehmen die Nährstoffe indirect günstigen Einfluss auf die 
Ernährung und das Gedeihen der Culturpflanzen? 

Dieser indirecte Einfluss ist nicht zu unterschätzen. In erster 
Reihe steht der wohlthätige und vielseitig wirkende Einfluss des 
Wassers als Lösungs-, Verbreitungs- und Fortbewegungsmittel für 
die Nährstoffe im Boden, als Vermittelungsmedium für die Auf- 
nahme, Circulation und Vertheilung derselben in den Pflanzen und 
als Beförderungsmittel der Verwesung und Verwitterung. 

In zweiter Reihe sind die organischen Substanzen zu 
nennen, welche indirect dadurch günstig wirken, dass sie 1} die 
physikalischen Eigenschaften des Bodens verbessern, 2) durch ihre 
Verwesung die minerahschen Nährstoffe: Ammoniak und Kohlen- 
säure liefern und in Folge dessen 3) die Verwitterung befördern. 

Aus diesen mannigfachen indirecten Wirkungen erklärt sich 
die Nothwendigkeit organischer Substanzen als Dungmittel, sowie 
die Wahrnehmung, dass mineralische Nährstoffe in inniger Verbin- 
dung mit organischen Substanzen stets von besserer Wirkung sind, 
als ohne solche. Freilich muss die Form, in welcher die Mineral- 
stoffe aus organischen Substanzen frei werden, eine derartige sein, 
dass sie durch die Pflanzen leicht aufgenommen werden können. 
Es wird aus alle dem einleuchten, warum die nach dem Verbrennen 
von Stallmist als Asche zurückbleibenden mineralischen Nährmittel 
keineswegs dieselbe günstige Wirkung ausüben können, wie wenn 
der Stalldung als solcher auf die Felder gebracht wird. 

Es wirken aber auch mineralische Stoffe im Boden indirect 
günstig, wenn auch nicht in so umfänglichem und reichlichem 
Maasse, wie die organischen Substanzen. Ein schwerer, an Kalk 

V. G h r e n ,7Ackerbauchemie. 21 



322 In welchen Verbind, müssen d. Nährst, den Culturpü. zugeführt werden? 

erschöpfter Thonboden z. B. , der gekalkt wurde, ist nicht etwa 
durch den Ersatz allein verbessert, sondern er hat dadurch auch 
eine günstigere Bodenbeschafifenheit erfahren, indem die Kalkung 
den Thon lockert, die Verwesung, Verwitterung und Salpeterbildung 
befördert und hierdurch Nährstoffe disponibel macht. Ferner wir- 
ken fast alle Salze lösend auf sonst unlösliche Mineralstoffe. Boden- 
wasser, welches als eine, wenn auch ungemein verdünnte Lösung 
verschiedener Salze angesehen werden muss, löst stets mehr Boden- 
bestandtheile auf, als reines (destillirtes) Wasser. Es wurde nament- 
lich von Lieb ig hervorgehoben, dass ebenso, wie die im Wasser 
absorbirte Kohlensäure, auch Kochsalz, Chilisalpeter (salpetersaures 
Natron) und Ammoniaksalze lösend auf den sonst unlöslichen 
phosphorsauren Kalk und andere unlösliche Stoffe wirken. 

Nicht unerwähnt darf schliesslich bleiben, dass gewisse Salze, 
als: rohes Kochsalz, Stassfurter Abraumsalz, Chlorcalcium u. a. m. 
insofern indirecten Einfluss auf die Ernährung nehmen, als sie 
Wasser aus der Atmosphäre anziehen und den Boden feucht 
erhalten. 



4. In welchen Verbindungen müssen die Nährstoffe den Culturpflanzen 
zugeführt werden ? 

Die V e r b i n d u n g s f r m , in welcher die Nahrungsmittel 
geboten werden, ist für die Aufnahmsfähigkeit der Nährstoffe 
durch die Pflanzen keineswegs gleichgiltig. Für jedes einzelne der 
mineralischen Nährmittel kann sie leider bei dem hierüber noch 
lückenhaften Wissen nicht bezeichnet und muss diesfalls auf das 
S. 282 u. 284 Gesagte verwiesen werden. Nur so viel lässt sich 
annehmen, dass die mineralischen Nährmittel im Bodenwasser un- 
mittelbar löslich oder doch von solcher Beschaffenheit sein müssen, 
dass sie mit Hilfe des Verwesungs- und Verwitterungsprocesses 
leicht löslich werden. In solcher leicht löslichen Beschaffenheit 
befinden sich die mineralischen Nährstoffe der organischen Sub- 
stanzen nach deren Verwesung im Boden. 

Schon viel bestimmter kann die Verbindungsform angegeben 
werden, in welcher der Stickstoff den Culturpflanzen geboten wer- 
den muss. Es sind dies : Ammoniaksalze , salpetersaure Salze und 
leicht zersetzbare stickstoffhaltige organische Substanzen. 

ünerlässliche Bedingung ist aber, dass alle Nährstoffe in den 
gebotenen Lösungen nur höchst verdünnt sein dürfen. Werden sie 
in zu concentrirter Form den Pflanzen dargeboten — die Grenze 
ist für die einzelnen Stoffe und die einzelnen Culturpflanzen noch 



In -welchen Mengen sind die einz. Nährst, d. Culturpfl. zu bieten ? 323 

nicht sicher gestellt, — so wirken sie nicht nur nicht nützlich, sondern 
schädlich, der Pflanzenorganismus verträgt sie nicht. So wirken 
z. B. kohlensaures Ammoniak und kohlensaures Kali, die doch 
wichtige Nährmittel sind, auf viele Pflanzen schon schädlich ein, 
wenn sie sich im Bodenwasser nur in so unbedeutender Menge fin- 
den, dass sie Curcumapapier deutlich bräunen. Daher erklärt sich 
auch, warum Jauche nicht unmittelbar als Dungmittel auf Wiesen 
verwendet werden darf, während sie in mit Wasser stark verdtinn- 
tem Zustande die besten Dienste leistet. Der Landwirth pflegt den 
ungünstigen Einfluss von zu wenig verdünnten Dungmitteln als 
„verbrennend" oder „beizend" zu bezeichnen, welche ungünstige 
Wirkung sich schon beim Keimen zeigen kann. 



5. In welchen Mengen sind die einzelnen Nährstoffe den Ciilturpflanzen zu 

bieten? 

Was die Mengen der gasförmigen Nährstoffe, Sauerstoff und 
Kohlensäure, betrifft, so stehen dieselben im rechten Verhältniss und 
genügender Menge der Pflanze ohne unser Zuthun zur Verfügung 
und nur aus physikalischen Rücksichten ist zu bemerken, dass 
wenn der Sauerstoff- und Kohlensäuregehalt der Luft, in welcher 
Pflanzen vegetiren, einen gewissen Procentsatz überschreitet, Störun- 
gen in den wichtigsten Lebensprocessen der Pflanze eintreten.*) 

Die Menge des in den atmosphärischen Niederschlägen den 
Pflanzen gebotenen Stickstoffes ist sehr verschieden. Nach den vor- 
liegenden Untersuchungen schwankt die Menge der im Regen be- 
findlichen Salpetersäure von 0,5 Milliontel bis 6,2 Milliontel, die 
des Ammoniaks von 0,65 Milliontel bis 6,8 Milliontel; im Schnee 
die Menge der Salpetersäure von 0,43 Milliontel bis 12^3 Milliontel 
und des Ammoniaks von bis 6,0 Milliontel. Im Thau fand Boussin- 
gault 3,1 — 6,2 Milliontel Ammoniak. Auf den preussischen Ver- 
suchsstationen fand man im Durchschnitt dreijähriger Beobachtungen 
pro 1 Jahr und Hectar im Regen- und Schneewasser als Mittel 
11,5 Kilogrm. , eine Menge, die es erklärlich macht, dass auf 
reinem Mineralboden die Culturpflanzen nicht üppig gedeihen. Eine 
künstliche Zufuhr von Stickstoff', resp. ein Stickstoffersatz dürfte 
trotzdem nicht immer nothwendig sein, da selbst eine den Boden 
aufs Aeusserste in Anspruch nehmende Wirthschaftsweise in Folge 



1) J. Bö hm beobachtete, das bei der Kresse schon durch 2°'o Kohlensäure 
die Chlorophyllbildung verlangsamt, durch 20°'o verhindert wird, bei 33° o die 
Leinpflanzen noch schwach grün werden, bei 50° o die Gräser noch Spuren einer 
Ergrünung zeigen. 

2 l* 



324 In welchen Mengen sind die einz. Nährst, den Culturpfi. zu bieten? 

der verbleibenden Rückstände, des Strohes u. s. w. zu einer Stick- 
stoffbereicherung des Ackers führt. 

Welche Wassermengen zur Production eines Maximums orga- 
ganischer Materie dem Boden resp. der Pflanze zugeführt werden 
müssen, ist schon an anderer Stelle (S. 289) erörtert worden. 
Dass die Menge des durch Regen, Schnee und Thau der Pflanze 
zur Verfügung stehenden Wassers auf den Ernteertrag von der 
wesentlichsten Bedeutung ist, weiss jeder Landwirth. Trockene, 
massig feuchte und nasse Jahre zeigen nicht nur sehr grosse Diffe- 
renzen in der Quantität, sondern auch in der Qualität der Producte. ^) 

Ueber die Mengen anorganischer Nährstoffe, welche in Minimo 
den Culturpflanzen geboten werden müssen, um ein Maximum an 
pflanzlicher Materie zu liefern, liegen bis nun nur sehr vereinzelte 
Untersuchungen von Hellriegel, Fittbogen und Wolff vor, 
deren auch an anderer Stelle gedacht wurde. Im grossen Ganzen 
wird sich der Landwirth zunächst an die Ernteresultate zu halten 
haben und so viel der neuen Generation von Culturpflanzen wieder" 
zur Verfügung stellen, als er durch die Ernte dem Boden entnom- 
men hat. Wie viel dies von den einzelnen Nährstoften ist, hängt 
von mannigfachen Verhältnissen, besonders vom Standort-) und 
Klima ab, und die chemische Analyse ist das Mittel, um die Quan- 
titäten zifiPernmässig zu eruiren. 

Nachstehende Tabelle gibt die durch die Ernten der verschie- 
denen Culturpflanzen dem Boden entzogenen Mineralstoffmengen an : 



1) Man vergl. „DerEinfluss der Trockenheit des Jahres IS70 auf die Ernten 
in ßothamsted". Centralbl. f. Agriculturchem. 1876. Nov. S. 340. 

2) Weber fand bei seinen Untersuchungen über den Einfluss des Stand- 
ortes auf die Zusammensetzung der Asche tou Lärchen, dass der Aschengehalt 
ein absolut grösserer wird, wenn die Lärche im Flachland oder Mittelgebirge 
wächst, dass also zur Erzeugung von gleichviel verbrennlicher Substanz in den 
Nadeln die Lärche immer mehr mineralische Nährstoffe (namentlich Kali und 
Phosphorsäure) bedarf, je weiter sie von dem Gebirge, ihrer Heimath, in die 
Ebene hinabsteigt. Man kann also nicht den Schluss ziehen, dass die Lärche, 
"^feil sie im Gebirge oft auf dem magersten SteingeröUe fortkommt , auch im 
Flachlande eine „genügsame Holzart" sei und mithin in die Sandebenen gehöre. 
Aehnliches dürfte auch für andere Pflanzen gelten. 



Tabelle 



über 



die durch die Ernten dem Boden entzogenen Mengen 
anorganisclier Bestandtheile. 



326 



Tabelle über die Erschöpfung 





Ertrag vom Hectar 
an Körnern, Wurzeln, Stroh, Bast etc. 


Gewäclise. 


Nenscheffel 
ä 50 Liter 


Kilogramm 




Miiiim. 


Maxim. 


Mittel 


Minim, 


Maxim. 


Mittel 


Halmg-etreide: 














Winterweizen, Kürner .... 
Stroh .... 


43,03 


64,54 


58,78 


1555,39 
3132,8 


2495,08 
4699,2 


2273,50 
3916,0 


Sommerweizen, Körner . . . 
„ Stroh .... 


34,42 


51,64 


43,03 


1346,85 
2349,6 


2020,67 
3916,0 


1683,76 
3132,8 


"Winterspelz, Körner o. Sp. . . 
Stroh 


34,42 


68,85 


51,63 


1284,21 
2741,2 


2568,79 
3916,0 


1926,50 
3328,6 


Winterroggen, Körner .... 
Stroh .... 


34,42 


51,64 


43,03 


1252,88 
3916,0 


1879,69 

7832,0 


1566,29 

5874,0 


Sommerroggen, Stroh .... 

Zweizeil. Gerste, Körner . . . 

Stroh . . . 


43,03 


68,85 


55,94 


1566,4 

1370,50 

1566,4 


2937,0 

2192,87 

2741,2 


2251,7 

1781,68 
2158,8 


Vierzeil. Gerste, Körner . . . 
Stroh . . . 


34,42 


60,24 


47,33 


1002,31 
1174,S 


1754,18 
2349,6 


1378,24 
1762,2 


Wintergerste, Körner .... 

Hafer, Körner 

Stroh 


G8,85 
68,85 


103,2 
103,2 


86.02 
86,02 


2004,91 
1566,33 
2349,6 


3005,18 

2347,8 

3524,4 


2505,04 
1957,06 

5874,0 


Mais, Körner 

„ Stroh 


43,03 


129,09 


86,06 


1566,29 
3916,0 


4698,87 

5874,0 


3132,58 

4895,0 


Hirse, Körner 

Buchweizen, Körner .... 
Stroh 


25,82 
25,82 


60,24 
51,64 


43,03 
38,73 


822,36 
822,36 
2349.6 


1918,64 
1644,73 
3132,8 


1370,50 
1233,55 
2741,2 


Hülsenfrüchte : 














Erbse, Körner 

Stroh 


25,82 


51,64 


38,73 


1033,83 
1566,4 


2067,66 
3524,4 


1550,74 
2545,4 


Linse, Körner . . . . . . 

Wicke, Körner 

Stroh 


17,21 

25,82 


34,42 
43,03 


25,81 
34,42 


689,08 
1033,83 
1174,8 


1378,17 
1722,92 
3132,8 


1033,63 
1378,37 
2153,8 



des Bodens durch die Ernten. 



327 



Es werden pro Hectar dem Boden entzogen: 



5n 










CS 


h 


, 


o 












o „ 






















o 




o 








O tH 


5 


< 






^ 

Ü 
M 


CS 













K 


1 1 g 


r a m m. 








1 

327,45 
559,98 


47,29 
18,79 


38,43 
180,52 


12,05 

24,67 


0,90 
2,34 


1,36 
10,57 


4,54 
4,30 


17,96 
8,61 


0,22 
4,30 


0,90 

122,17 


887,44 
240,81 
448.01 


66,09 
34,52 
17,54 


218,95 

30,81 

119.36 


36,72 

9,26 

34,49 


3,25 
0,67 
3,13 


11,93 

0,84 
8,14 


8,85 
3,70 
2,81 


26,57 

14,99 

6,26 


4,53 
0,50 
3,75 


123,08 

0,50 
119.36 


e.88,s3 

275,56 
476,04 


52,06 
42,39 
13,31 


150,18 

27,36 
166,78 


43,75 
9,82 

17,31 


3,80 
0,96 
0,99 


8,98 
0,77 
9,65 


6,52 

3,27 
3,99 


21,25 
1 1 ,56 

8,65 


4,20 

3,99 
3,99 
0,31 
6,40 


119,87 

0.38 

119.S4 


751,60 
223,93 

839,98 


55,71 

27,56 
23,49 


194,14 

2*^,03 
237,89 


27,13 

8,76 
45,81 


1,96 
0,46 

5,28 


10,42 

0,78 
20,55 


7.27 
3,28 
6,46 


20,21 
13,15 
12,33 


120,22 

0,62 

134.51 


loG3,9l 
322,03 
254,82 

308,73 


51,05 
12,61 
28,51 
13,81 


265,92 

104,94 

39,56 

89,16 


54,58 

25,22 

8,01 

20,29 

28,31 

6,20 

16,56 


5,75 

1,06 
3,67 
4,73 

0,82 
2,99 


21,34 
9,45 
1,06 
6,90 


9,75 
4,05 
3,38 

2,37 


25,48 
6,75 

13,72 
3,02 


6,77 
2,70 
0,71 
3,23 


135,14 

58,77 
10,87 
46,41 


.^63.56 
197,05 
25 1 ,96 


42,32 
22.04 
11.27 


128,72 
30,59 
72,77 


7,97 
0,82 
5,63 


5,76 
2.61 
1,93 


16,74 

10,61 

3,34 


3,95 
0,55 
2,64 


57,28 
8.40 

37,88 


449,02 
363,22 
279,85 

839,98 


33,32 
40,08 
37,57 

32,89 
70,46 
50,12 
23,49 


103,36 
42,58 
52,83 

237,30 

290,14 

40,72 
205,10 


22,76 
6.51 
8,61 
52,27 
60,88 
11,59 
46,99 


3,82 
1,75 
1,17 
7,04 
8,22 
0.62 
5,87 


6,4(D 

0,50 

1,95 

21,14 


4,55 
5,26 
3,71 
9,39 


13,95 
14,02 
12,13 
11,16 


3,19 
1,.50 
0,78 
7,63 


46,28 

12,27 

23.48 

115,13 


1119,83 
451,15 
734,25 


23,10 

0,93 

17,62 


13,11 
6,26 
7,83 


23,29 

18,48 

9,30 


8,41 
0,62 
6,36 


138,61 

0,62 

95,94 


1 1 85,40 
191,94 
172,76 
438,56 


73,62 

27,83 
17,76 
35,63 


245,82 
39,85 
14,56 

141,70 


58,58 
4,66 
3,33 

66,33 


6,50 
0,54 
0,86 
3,01 


18,56 

0,27 

0,61 

26,03 

26,65 

0,31 
41,22 


14,09 
3,97 
1,85 
5,20 


27,78 
8,08 
7,03 

16,72 


6,99 
0,13 
0,24 
7,40 


96,56 

27,14 

0,12 

7,94 


611,32 

221,79 

407,20 


53,40 

55,52 
26,46 


156,27 

36,44 
111,98 


69,66 

15,19 
25,70 


3,87 

0,31 
4,58 


7,05 

2,94 

8,90 

11,85 

0,41 
3,30 
7,96 


23,75 

13.33 

8.90 


7,64 

1,24 

6,87 


8,07 

0,31 
7,63 


628,99 
138,55 
197,05 
344,64 


81,99 

60,63 

25,84 


148,42 
18,61 
36,93 
94,99 


40,90 

7,96 

11,16 

13,57 


4,89 

1,86 

2,89 

14,86 


41,53 
0,93 
2,89 

33,60 


22,24 
5,37 

13,78 
5.81 


8,11 

1,37 
7,10 


7,94 
0.20 
0,41 
7.75 


541,69 


86,48 


131,92 


! 24,73 


17,75 


36,49 


11,27 


19,59 


8,48 


8,16 



328 



Tabelle über die Erschöpfung 



Gewächse. 



Ertrag vom Hectar 
an Körnern, Wurzeln, Stroh, Bast etc. 



Neuscheffel 
ä 50 Liter 



Minim. 



Maxim. 



Mittel 



Kilogramm 



Mittel 



Pferdebohne, Körner 

„ Stroh . . 

Phaseole, Körner 

Stroh . . . 

Lupine (gelbe), Körner 
„ „ Stroh . 

Lupine (blaue), Körner 
Stroh . 



Oelgewächse : 

"Winterraps, Körner .... 
,, Stroh ..... 

Sommerrübsen, Körner . . . 

Senf, Körner 

Mohn, Körner 

Stroh 

Lein, Körner 

„ Stengel 

Hanf, Körner 

„ Stengel 

Madia, Körner 

Futtergewiiclise : 

Luzerne, Heu 

Esparsette, Körner mit Hülsen . 

Heu 

Eother Klee, Körner .... 
„ „ Stroh von Samenklee 

"Weisser Klee, Körner .... 

„ Heu 

Inkarnatklee, Heu 



34,42 
25,82 

17,21 
25,S2 

34,42 



17,21 
21,02 
25,82 



12,91 
17,21 

25,82 

43,03 

8,00 

6,45 



68,85 



51,64 



51,64 



51,64 



60,24 



25,82 
34,42 

43,03 



34,42 

43,03 
43,03 

6S,85 
12,91 

12,91 



51,63 
38,73 
34,42 
38,73 

47,33 



21,51 

28,02 

34,25 



23,00 
30,12 
34,42 

55,94 
10,75 

9,08 



1409,49 
2349,6 

1033,&S 
979,0 

704,74 
1566,4 

939,84 
1958,0 



1174,58 
3132,8 

516,81 

688,59 

758,46 

1958,0 

422,15 
2349,6 

391,52 
3132,8 

704,88 



5S74,o 
704,83 

2937,0 
324,77 

3916,0 

246,51 
1958,0 
2349,6 



2819,40 
4699,2 

2067,06 
1566,4 

2114,65 
1958,0 

1879,69 
2937,0 



2055,69 
3916,0 

775,37 
1096,27 
1264,00 
274 t, 2 

1125,53 
3916,0 

978,93 

5874,0 

1174,71 



9790,0 
1127,76 

4895,0 

487,54 

5874,0 

493,42 
2937,0 
3524,4 



2114,45 
3524,4 

1550,74 

1272,7 

1409,70 
1762,2 

1409,77 
2447,5 



1615,13 
3524,4 

646,09 
892,43 
1011,23 
2349,6 

773,84 
3132,8 

685,23 
4503,4 

939,80 



7832,0 
916,29 

3916,0 
406,10 

4895,0 

369,96 
2447,5 
2937,0 



des Bodens durch die Ernten. 



329 







Es werden pro 


Hectar 


dem Eoden entzogen: 








cH 








ci 


i 


^ 




a 


o 


o '\ .^ 


3 


-y 




&3 


=2 o 


1 § 


CS 


CJ 


^ '' CS 


1 


ci 


1" 




Ci 


k> 'co 



Kilogramm. 



306,53 
563,84 


86,25 
57,44 


64,89 
154,70 


27,69 
65,19 


0,84 
3,87 


3,17 
34,53 


4,65 
11,62 


25,15 
11,27 


1,69 
5,63 


0,42 
11,27 


870,37 
232,65 
203,6S 


143,69 
60,48 


219,60 
42,49 
50,92 


92,88 
18,61 
16,29 


4,72 
0,62 
4.07 


37,70 

2,79 

14,13 


16,25 

3,10 
3,18 


36,43 
15,04 

4,96 


7,32 
1,70 
2,16 


11,69 
0,31 

2,41 


436,33 

J 83,30 
281.92 


79,80 
16,56 


93,41 

48,08 
72,94 


34,90 
14,38 
14,09 


4,69 
0,14 

4,5S 


16.92 

4,23 
26,07 


6,28 
5,64 
6,34 


20,00 
20,16 

6,51 


3,87 
2,11 

5,28 


2.72 
0.28 
3,70 


465,22 
183,30 
391,6S 


96,36 
79,80 
23,01 


121,02 

48,08 

101,34 


28,47 
14,38 
19,58 


4,72 
0.14 

6.36 


30,30 

4,23 

36,23 


11,98 
5,64 
8,81 


26,68 

20,16 

9,05 


7,40 
2,11 
7,34 


3,98 
0,28 
5,14 


574,98 

190,57 
563,84 


102,81 

50,38 
19,73 


149,42 

63.14 
143,77 


33,96 

15,50 
39,11 


6,50 

0,96 
13,39 
14,36 

1,78 
0,50 
1,41 


40,46 

8,88 
40,S7 


14,45 

7,42 

8,81 


29,22 

26,64 

8,45 


9,45 

1,45 
10,92 


5,42 

0,80 
9,16 


754,41 
77,52 
115,96 
14S.S 
376.0 


70,12 

28,30 


206,92 
22,54 
32,55 
53,48 

1 14,21 


54,62 
4,97 
5,26 
7,27 

43.24 


49,76 

3,35 

6,24 

18,90 

34,54 


16,23 

3,03 
3,30 
5,05 

7,28 


35,10 

9,62 

13,02 

16,78 

3,76 


12.37 
1,48 
1.60 
1,01 

5.87 


9,96 

0,80 

1,71 

12,92 


524,61 

91,33 

438,62 


25,38 


167,69 
25,23 
95,24 


50,51 

7,74 
29.45 


1,91 

0,54 
7.83 


53,44 

2,01 
21,30 


12,34 
3,63 
6,16 


20,54 
10,44 
12,53 


6,88 
0,61 
6,16 


14,64 
0,30 
5,32 


529,95 

83,57 

675,45 


17,87 


120,47 

31,03 

149,49 


37,19 

6,43 

20,71 

27,15 

4,13 

119,82 

10,07 

50,90 

5,48 

135,34 


8,37 
0.27 
3,15 


23,31 

7,46 

91,41 


9,80 
1,78 

10,80 


22,98 
11,57 
10,35 


6,78 
0,06 
3,15 


5,63 

3,76 

15,76 


759,02 
69,56 

1253,12 

146,56 

653,97 

60,90 

734,25 


180,13 
83,41 

12,38 


180.53 

42,30 

486,36 
35,17 

179.35 
15,54 

293,7 


3,42 

4,88 

10,18 
1,00 

5,87 
0,16 
5,09 


98,87 
3,38 

205,19 

11,26 

65,78 

1,01 

67,74 


12,58 
7,70 

25,84 
2,38 

11,74 
1,98 

37,10 
39,09 

1^44 
14,6S 

9,10 


21,93 
24,25 

43,07 
8,42 

18,01 

5,88 

25,01 


3,22 

28,97 
1,09 
5,48 
0,36 
4,06 


19,52 

29,76 
0,27 

14,48 
0,20 
4.25 


795.15 

55.50 

403,92 

409,47 


56,79 
57,27 


309,24 

12,50 

146,39 

148,90 


140.82 

4.55 

24.72 

34,36 


5.25 

0,07 

11,01 

12,62 


68,76 

0,92 

47,24 

46,99 


30,90 

4,29 

20,56 

10,57 


4,42 

0,59 

11,99 

3,81 


4.46 
0,29 
6,12 

24,08 



330 



Tabelle über die Erscböpfung 











Ertrag vom Hectar 
an Körnern, Wurzeln, Stroh, Bast etc. 


Gewächse. 


Neuscheffel 
ä 50 Liter 


Kilogramm 




Minim. 


Maxim. 


Mittel 


Minim. 


Maxim. 


Mittel 


Wundklee, Heu 

Hopfenluzerne, Heu .... 
Spörgel, Heu 


— 


— 


— 


3132,8 
2349,6 
1566,4 


3916,0 
3132,8 
2349,6 


3524,4 
2741,2 

1958,0 


Futtergewäclise: 














Kartoffeln, Knollen . . 
„ Kraut . . 






— 


— 


— 


11748,0 
979 


15664 
1958 


13706 
1468,5 


Futterrunkeln, Wurzel 
Blätter . 






— 


— 


— 


29370 

7832 


58740 
15664 


44055 
11748 


Zuckerrüben, Wurzel 
„ Blätter 








— 


— 


— 


23469 

5874 


35244 
7832 


29370 
6853 


Tobinambur, Knollen 
„ Kraut . 








— 




— 


5874 
3916 


9790 

5874 


7832 
4895 


Kohlrüben, Wurzel . 

„ Blätter . 








— 


— 


— 


29370 

5874 


48950 
9790 


39160 
7832 
• 


Wasserrüben, Wurzel 
Blätter 








— 


— 


— 


19580 
3916 


39160 

7832 


29370 

5874 


Moorrüben, Wurzel . 
Blätter . 








— 


— 


— 


39160 

5874 


78320 
7832 


58740 
6853 


Kopfkohl 


— 


— 


— 


39160 


58740 


4S950 


(xeivürzpflanzen : 














Hopfen 

Cichorie 


— 


— 


— 


293,7 
1148,0 


587,4 
23496,0 


440,55 
17622,0 


Falbrikpflanzen : 














Tabak 


— 


— 




1958 


2937 


2447,5 


Uräser: 














Engl. Raygras, Heu 
Timotheegras, Heu . 








— 


— 


— 


2349,6 
1958 


3132,8 
2937 


2741,2 
2447,5 



des Bodens durch die Ernten. 



331 



Es werden pro Hectar dem Boden entzogen: 





5ö 










ci 


•-> 


^ 
























o 


























o 












rt 

^ 


.2 


< 


1i 


1 


's 


fco 

c; 


2 m 


o 











K i 


legi 


a m m 










588,50 
429,52 
326,9S 


7 7, SS 
37,59 


196,28 
156,79 
111,21 


41,93 
55.20 
38,96 


4,58 

14,44 

9,00 


114,88 

48,98 
21,34 


7,40 
14,91 
13,51 


15,15 
14,49 

16,44 


3,52 

7,07 
3,91 


5,28 
6,11 
1,56 


10279.5 
1131,13 


46,60 
7,19 


128.83 
28,93 


78,12 
6,31 
84.44 
180,62 
48,16 


2,74 
0,58 


2,74 

9,40 

12,14 

13.21 

18,79 


5,48 

4,84 


21,92 
2,35 


8,22 
1,90 


2,74 
1,32 


11410,63 
38768,4 
10631,94 


53,79 
79,29 
35,24 


157,77 
330,41 
165,64 


3,32 

52,86 
34,02 
86,89 
20,55 
18,50 
39,06 
7,83 
0,97 


10,33 
13,21 
15,27 


24.28 

26,43 

9,39 


10,13 

8,81 
9,39 


4,06 

8,81 
5.87 


4940i»,34 

23936,55 

6147,14 


114,54 

46,99 
20,55 
67,55 

25,06 
25,94 


496,05 
208.52 
124,03 


228,79 

114,54 

44,54 


32,01 
11,74 

18,50 

30,25 

2,34 

24,47 


28,48 
14,68 
18,50 


35.83 

23,49 
8,90 


18,20 
8,S1 
6.10 


14,68 
2,93 

4,79 


300^3,69 
6265,6 
3916,0 


332,56 
76,75 
70,97 


159,0b 
36,81 
15,17 


33,18 
2,34 
6,36 


32,40 

10,96 

3,42 


14,97 
3,91 
0,97 


7,73 

7.83 

17,62 


40181,6 

34069,2 

6657.2 


51,00 
S2,23 
36,02 


147,73 
454.25 i 
198,14 


51,98 

184,05 

28.97 


8,81 

46,99 

7,83 


26,82 
50,90 
65,78 


8,71 

11,74 

7,83 


14,39 
66,57 
20,36 


4,89 
58,74 
23,49 


25,45 

3,91 

20,36 


40726,4 

27020,4 

5274,S5 


118,26 
52,86 
17,62 


652,40 

214,40 

69,90 


213,03 
96,92 
16,44 


54,82 
20,55 

6,46 

27,01 

90,85 
35,63 


116,69 

23,49 
22,90 


I9,5b 

8,81 
2,93 


86,93 

26,43 

5,28 


82,23 

23,49 

6,46 


24.27 
2,93 
2,93 


32295,25 

49929.0 

5632,S6 


70,4S 

129,22 

34,95 


284,30 
458,17 
178.17 


113,36 

164,47 

19,87 


46,40 
52,86 
58,24 


11,74 

23,49 
6,16 


31,71 
58,74 

8,22 


29,95 
29,37 
13,70 


5,87 
11,74 
19,87 


55561,S6 
43565,5 


164,17 
117,4S 


636,35 

783,20 


1 84.34 
308,38 


135,49 
44,05 


111,11 

151,74 


29,65 
29,37 


66,96 
68,53 


43,07 
117,48 


31,62 

9,79 


52.92 
14097,6 


44,05 


29,45 
118,06 


10,14 
45,81 


0,61 
19,38 


4,89 
8,81 


1,63 

5,28 


4,93 
14,09 


10,58 

8,81 


4,89 
5,28 


440,64 


— 


369,64 


74,17 


12,48 


153,73 


43,32 


11,75 


14,19 


33,04 


391,96 
350,06 


44,67 
37,94 


159,52 
152,02 


55,36 
49,93 


5,48 
3,67 


11,78 
11,01 


3,56 
4,65 


16,99 
17,62 


6,30 
4,40 


50,70 

54,10 



332 In -welclien Mengen sind die einz. Nährst, den Culturpfl. zu bieten? 



Bei den vorstehenden Tabellen ist wohl im Auge zu behalten, 
dass alle Angaben auf Durchschnittsberechnungen beruhen und nur 
als annähernd richtige Zahlen zu betrachten sind, da die abso- 
luten Mengen der entzogenen Stoffe theils nach dem Ernteergebniss, 
theils nach der betreffenden, der Berechnung zu Grunde gelegten 
Analyse sich ändern müssen. 

Ueberblicken wir die einzelnen Zahlen der Stoffentnahmen auf 
dieser Tabelle, so finden wir, dass die Gesammtmengen sowohl an 
mineralischen Nährstoffen wie an Stickstoff, je nach der Art der 
Culturpflanzen, auch sehr verschiedene sind, wie sich dies auch in 
der Praxis, z. B. auf einem und demselben theils mit Rüben theils 
mit Weizen bebauten Felde zeigen wird. Berücksichtigen wir zu- 
nächst die Gesammtmengen der mineralischen Nährstoffe, 
so werden die grössten Mengen derselben durch die Hackfrüchte 
verbraucht; denn während hiervon die Kohl -Rübe per Hectar 
652 Kilo entzieht, beläuft sich der Bedarf für Weizen auf 218 Kilo. 
Stellen wir den Gesammtverbrauch der mineralischen Nährstoffe 
per Hectar und Kilo in abnehmender Reihe zusammen, so ergibt 
sich für: 



Kopfkohl 


. 783,20 Kilogr. 


Esparsette . . 


. 179,35 


Kilogr 


Kohlrüben . 


. 652,40 


Mohn .... 


167,69 


^^ 


Moorrüben . 


636,35 „ 


Kartoffeln . . 


157,77 


l 


Futter runkel 


. 496,05 


Buchweizen . . 


156,27 


,j 


Luzerne . . 


. 486,36 


Sommer-Weizen 


150,18 


jj 


Tabak . . 


. 369,64 


Lupinen, blau . 


149,42 


„ 


Zuckerrübe . 


. 332,56 


Incarnatklee 


148,90 


^ 


Hafer . . . 


. 290,14 


Erbsen . . . 


148,42 


» 


Wasserrüben 


. 284,30 


Tobinambur 


147,73 




Winter-Roggen 


. 265,92 


Weissklee . . 


146,39 


„ 


Mais . . . 


. 245,82 


Wicken . . . 


131,92 


jj 


Pferdebohne 


. 219,60 


Zweizeilige Gerste 


128,72 


5J 


Winter- Weizen 


. 218.95 


Lupine, gelbe . 


121,02 




Wiuter-Eaps 


. 206,92 


Lein .... 


120,47 


jj 


Wundklee . 


. 196,28 


Spörgel . . . 


111,21 


jj 


Winter-Spelz 


. 194,14 


Vierzeilige Gerste 


103,36 


» 


Hanf . . . 


. 180,53 


Bohne . . . . 


93,41 





Dagegen zeigt der absolute Bedarf an Stickstoff bei Hülsen- 
und Hackfrüchten die höchsten Ziffern; er beträgt oft mehr als 
das Doppelte gegen jenen der Körnerfrüchte, Wiesen- und Luzern- 
beu. Ordnen wir die in den Ernten per Hectar enthaltenen Stick- 
stoff mengen in abnehmender Zahlenreihe, so ergibt sich für: 



Luzerne . . . 


. 180,13 Kilogr. 


Lupine, blaue . 


102,81 Kilogr 


Moorrüben . . 


. 164,17 


Lupine, gelbe . 


96,36 


Pferdebohne 


. 143,69 


Wicken . . . 


86,48 


Kopfkohl . . 


. 117,48 


Erbsen . . . 


81,99 


Futterrunkel 


. 114,54 


Mais .... 


73,62 



In Avelchen Mengen sind die einz. Nährst, den Culturpfl. zu bieten? 333 



Hafer .... 


. 70,46 Kilogr 


Winter-Raps 


. 70,12 


Zuckerrüben . . 


67,55 „ 


"Winter-Weizen . 


. 66,09 


Winter-Spelz . 


. 55,71 „ 


Kartolfeln . . . 


. 53,79 


Buchweizen . . 


. 53,40 



Sommer-Weizen . . 52,06 Kilogr. 

Winter-Eoggen . . 51,05 

Zweizeilige Gerste . 42,32 ,, 

Vierzeilige Gerste . 33,32 „ 

Mohn 2S,30 

Lein 25,38 

Hanf ..... 17,S7 

Aber auch die aufgenommenen Mengen der einzelnen minera- 
lischen Nährstoffe zeigen sich je nach der Art der Pflanzen höchst 
verschieden. 

Ueber den Bedarf an Schwefelsäure zeigen die Analysen 
sehr unregelmässige SchAvankungen, nach deren Durchschnittszahl 
diese Säure in etwas bedeutenderen Mengen nur durch Raps, Rüben, 
Hülsenfrüchte, Hirse und Buchweizen dem Boden entzogen zu wer- 
den scheint. 

Nachfolgende Uebersicht zeigt den überwiegenden Verbrauch 
an einzelnen mineralischen Nährmitteln in abnehmender Reihenfolge 
geordnet : 



Alkalien. 


Kalk und 


Phosphor- 


Kieselsäure. 




Magnesia. 


säure. 




Rüben 


Hanf 


3 


Weizen 


Rothkleeheu 


Tabak 


O r^ 


Wieseuheu 


Mais 


Mohn 


1 " 


Hirse 


Kartoffeln 


Luzerne 


■% 'S 


Hafer 


Wicke 


Wicke 


S'^ 


Roggen 


Raps 


Erbsen 




Gerste 


Bohne 


Hirse 


^ — 

3 




Lein 


Esparsette 


äl 




Hopfen 


Buchweizen 


0-2 




Wein 


Linse 







Was endlich die Entnahme an einzelnen Nährstoffen durch 
die verschiedenen Pflanzen -Th eile anbelangt, so zeigen sich auch 
hier wieder bedeutende Verschiedenheiten. 

Will man daher die Felder in gleicher Fruchtbarkeit 
erhalten, so müssen die Nährstoffe nicht nur der Art, sondern auch 
der Menge nach durch künstliche Zufuhr ersetzt werden ; soll aber 
eine Ertragssteigerung eintreten, so müssen wir den Feldern 
noch mehr als den blossen Ersatz bieten. 

Ob¥/ohl nun solche Zufuhren zur Erhaltung oder auch Steige- 
rung der Fruchtbarkeit allein noch nicht ausreichen, weil hierzu 
auch die Erfüllung aller sonstigen zur Fruchtbarkeit erforderlichen 
Bedingungen nothwendig ist, so bleibt die Nährstoffzufuhr doch 
eine der wichtigsten dieser Bedingungen und darf demnach unter 
keinen Umständen vernachlässigt werden. 



334 Aeussere Einflüsse auf die Vegetation. 



IV. Aeussere EinMsse auf die Yegetation. 

Bei Betrachtung der Pflanze bemerkten wir schon im Allge- 
gemeinen, dass auf das Pflanzenleben verschiedene äussere Einflüsse 
theils günstig, theils nachtheilig wirken. Es erscheint nun nöthig, 
die Wirkung jener Einflüsse speciell auf unsere Culturpflanzen näher 
darzulegen. 

Die Bedingungen zum vollen Gedeihen der Cultur- 
pflanzen sind durch das Vorhandensein der Nährstoffe in ent- 
sprechender Menge und Verbindung noch keineswegs erfüllt, das 
Gedeihen ist noch durch andere und äussere Umstände bedingt; 
erst aus dem vereinigten Zusammenwirken aller Be- 
dingungen wird die vollständige Wirkung der Nährstoffe gesichert. 
Diese nicht genug zu wiederholende Vv^ahrheit ist durch eine Reihe 
von Thatsachen aus der Praxis bestätigt. Fragen wir: warum 
ist die Wirkung des gleichen Dungmittels an einem Orte oft ganz 
trefflich und in einer anderen Gegend eine ungünstige oder gänz- 
lich ausbleibende ? Weil an letzterem Orte einzelne oder mehrere 
Bedingungen zur Wirksamkeit mangelten. Warum, fragen wir 
weiter, gedeihen allein nur am Rheine weltberühmte Weine, — 
warum nur in einzelnen Gegenden Böhmens und Baierns die vor- 
züglichsten Hopfensorten? Gewiss nicht allein nur in Folge Vor- 
handenseins der für diese Pflanzen nothigen Nährstoffe, sondern 
v/eil eben nur in diesen Gegenden durch Lage, Klima und Boden- 
beschaffenheit alle Bedingungen gedeihlichen Zusammenwirkens 
sich erfüllen und jene Pflanzen sich also im Vollgenusse derselben 
befinden."^ 

Auf die Frage, ob wir jene günstigen äusseren Einflüsse her- 
beizuführen vermögen? ist vom praktischen Standpunkte theils be- 
jahend theils verneinend zu antworten. Verneinend, insofern 
die Beherrschung der durch die Atmosphäre bedingten Einflüsse 
ausserhalb der Macht des Landwirths liegt, er muss diese Verhält- 
nisse sammt ihren Folgen hinnehmen, wie sie sich geltend machen, 
wenn schon durch kräftiges Zusammenwirken bei so manchen Cultur- 
arbeiten in einzelnen Gegenden immerhin eine locale Verbesserung 
klimatischer Verhältnisse gewonnen werden kann. Verneinend 
ferner bezüglich der geographischen Lage des Ortes (S. 314), der 
geognostischen Grundlage, der Lagerungs- (S. 58) und Höhenver- 
hältnisse (S. 75). 

Bejahend, weil es in der Macht des Landwirthes liegt, ein- 
zelnen Arten der Culturpflanzen stets auch den entsprechenden 



Aeussere Einflüsse auf die Vegetation. 335 

Boden zuzuweisen, imd durch sorgfältige Bearbeitung, durch passende 
Dungmittel und die Art der Fruchtfolge wenigstens alle von den 
Menschen abhängige Bedingungen zur Erhaltung und Steigerung der 
Fruchtbarkeit seines Bodens zu erfüllen. 

Die in der Ackerkrume wurzelnde Culturpflanze ist mit ihren 
oberirdischen Theilen von der Luft umgeben. Die äusseren Ein- 
flüsse auf die Pflanze sondern sich demnach hauptsächlich in zwei 
Classen : in solche , die durch eigenthümliche Verhältnisse des 
Ackerbodens, die Culturmethode und Düngung, sodann in solche, 
die durch klimatische Einflüsse hervorgerufen werden. Der Tabak 
z. B. bleibt in einem warmen trockenen Sommer klein, wird dicker 
und schwerer verbrennlich. Bei genügendem Regen erhält man 
dagegen im Allgemeinen grössere, dünnere und leichter verbrenn- 
liche Tabaksblätter (N essler). Diese Einflüsse sind es auch, 
welche , wie oben mitgetheilt, die durch das Bildungsvermögen der 
Pflanzen hervorgebrachten bestimmten charakteristischen Formen 
mehr oder weniger verändern und Abarten , Spielarten u. dergl. 
hervorbringen. So vermögen wir z. B. durch den äusseren Einfluss 
der Cultur eine binnen 6 Wochen reifende Kartoffel als Spielart 
zu erzielen. 

Aus von Haberlandt angestellten Anbauversuchen resultirt, 
dass aus südlichen Gegenden bezogenes Getreide sich etwas rascher 
entwickelt, als das aus nördlichen und feuchteren Gegenden stam- 
mende Saatgut. Letzteres liefert eine procentisch strohreichere Ernte. 
Bei Weizen veränderte sich die Qualität, indem der aus dem Norden 
stammende hornartig, härter, glänzender und dunkler wurde. 

Was den Boden anbelangt, so muss dieser eine solche Be- 
schaflenheit haben, 

1} um das Eindringen der Pflanzenwurzeln und deren Befesti- 
gung zu gestatten, und 

2) um den Pflanzen die nöthige Menge mineralischer Nahrungs- 
mittel in der entsprechenden Form liefern zu Können. 

Um die Nährstofle den Pflanzen zugänglich zu machen, ist 
aber erste Bedingung, dass die nöthige Menge von Wasser im 
Boden vorhanden ist, um die löslichen Pflauzennahrungsmittel in 
die Pflanzen überzuführen, sowie denselben das nöthige Transpira- 
tionswasser zu liefern, üeberall, wo Pflanzen gedeihen sollen, 
muss Wasser in entsprechender Menge vorhanden sein. In den uner- 
messlichen, den Umfang Europas erreichenden Sandwüsten Africas 
verkünden nur die grünen Oasen das Vorhandensein einer Quelle. 
Durch nichts ist der günstige Erfolg der Landwirthschaft so sehr 
bedingt, wie durch rechtzeitigen Regen; immer, auch bei den gün- 
stigsten Bodenverhältnissen, wird der Erfolg ein ungünstiger sein, 



336 Aeussere Einflüsse auf die Vegetation. 

wenn die Regen nicht zu entsprechender Zeit eintreten und von 
Zeit zu Zeit wiederkehren. Feuchtes, wenn auch kühles Frühjahr, 
und warmer feuchter Sommer versprechen die reichlichsten Ernten. 
Dem Boden wird das Wasser in Form von Regen, Schnee, Thau 
und durch das aus der Luft absorbirte Wassergas zugeführt und die 
Summe dieses Wassers lässt sich nach vorhandenen Angaben in un- 
seren Klimaten auf 4 Vö Millionen Kilo per Hectar und Jahr schätzen. 

Wie bedeutend die Menge des Wassers ist, welche dem Boden 
durch die Pflanzen entzogen wird, und demnach auch zugeführt worden 
sein musste, hat sich schon bei Besprechung der Transpiration gezeigt. 

Verschiedene Pflanzen verhalten sich in Bezug auf Feuchtig- 
keit übrigens sehr verschieden; so sind Länder mit einer feuchten 
Atmosphäre und starker Thaubildung, also Küsten- und Gebirgs- 
länder, zum Lein- und Grasbau vorzüglich geeignet. Die Nähe von 
Gewässern hat demnach auch einen wesentlichen Einfluss auf die 
Qualität der Bodenerzeugnisse. Das Getreide ist in der Nähe von 
Gewässern und in nebeligen Gegenden von geringer Qualität, die 
Obstbäume, lohnen nicht die Cultur und nur der Weinstock an 
Abhängen und auf Hügeln liefert dann ein ausgezeichnetes Pro- 
duct oder kann wenigstens mit lohnendem Erfolg cultivirt werden, 
wenn sich in nicht zu weiter Entfernung Bäche, Flüsse, Seen, 
Moore oder sonstige Gewässer befinden, die eine feuchtere Luft 
erzeugen und im Herbst häufig Nebel bilden, welche gegen die 
Weinberge aufsteigen und das Reifen der Beeren fördern. Der To- 
kajer wird in der Nähe der Theiss, der Ofner in der Nähe der 
Donau, der starke Luttenberger und Radkersburger zwischen der 
Drau und Mur, der liebliche Pikerer an der Drau, der blume- 
reiche Rheinwein am Rhein, der Mosler an der Mosel gewonnen, 
die dalmatinischen, französischen, spanischen und portugiesischen 
Weine an Flüssen und den Küsten des adriatischen und mittellän- 
dischen Meeres erzeugt. 

So nöthig eine gewisse Wassermenge den Pflanzen ist, ebenso 
schädlich Avirkt zu viel Wasser (anhaltende Nässe). Seitdem mau 
auf Madeira das Zuckerrohr anbaut, wird durch dessen reichliche 
Bewässerung dem Weinboden zu viel Wasser zugeführt und da- 
durch die Weincultur ernstlich bedroht. Wie häufig faulen bei 
zu viel Feuchtigkeit die Kartofi"elsetzlinge im Boden! 

Es wurde schon früher darauf hingewiesen, dass die chemische 
Zusammensetzung des Bodens wesentlichen Einfluss auf die Aschen- 
bestandtheile der Pflanzen nimmt (S. 231). Indem die Cultur an 
den Bodenbestandtheilen sehr bedeutende Veränderungen hervor- 
bringt, muss sie schon in dieser Beziehung wesentlichen Einfluss 
auf die Culturpflanzen ausüben. 



Aeussere Einflüsse auf die Vegetation. 337 

Welcbe bedeutende Veränderungen in den einzelnen Bestand- 
theilen der Pflanzen (nicht nur in den mineralischen) die Art der 
Düngung' bewirkt, wurde ebenfalls schon vielfach im Vorhergehen- 
den, namentlich bei Erörterung des Einflusses der Pflanzennährstoffe 
auf die Pflanzenbestandtheile (S. 232 u. 317), besprochen. Nach 
Versuchen von Nessler, um noch einige Beispiele anzuführen, 
wird die Verbrennlichkeit des Tabaks durch Kalisalze erhöht, durch 
Chlorverbindungen, namentlich Kochsalz, hingegen vermindert; so 
erklärt es sich, warum mit viel Kochsalz enthaltendem Abtrittdung 
gedüngter Tabak schwer verbrennlich ist. Broughton fand durch 
Stickstoffdünger die Alkaloidmenge in ein und derselben Cinchona- 
species um 20 bis 50 Proc, Dietrich den Morphingehalt im 
Mohn um 6^2 Proc. erhöht. 

Die Wirkung des Einflusses endlich, den die Art des An- 
baues auf die Pflanzenbestandtheile nimmt, sehen wir deutlich 
beim Reis, Lein und Hanf; cultivirt man letztgenannte Pflanzen zur 
Erzieluug von Gespinnstfaser, so müssen sie dicht gebaut werden, sie 
liefern dann eine feine zarte Bastfaser; baut man sie dünn, so 
werden die Stengel auf Kosten des sich nun ausgiebiger entwickeln- 
den Samens holzig. 

Von sehr wesentlichem Einflüsse ist ferner das Sonnenlicht 
auf die Cultur-Pflanze, denn ohne Licht geht keine Zersetzung der 
Kohlensäure vor sich, und ohne diese Zersetzung kann sich keine 
Pflanze normal entwickeln. Einige Pflanzen verlangen zwar mehr, 
andere weniger Licht; eine gewisse Menge von Licht jedoch ist für 
alle Pflanzen unumgängliche Bedingung ihres Gedeihens, wie wir 
denn jeden oberirdischen Trieb , jedes Blatt dem Lichte zustreben 
sehen. Um den Acker von Unkraut zu reinigen, entzieht man den 
Unkrautpflanzen durch geschlossenen Stand der Saaten, blätter- 
reiche dichtstebende Pflanzen (Hülsenfrüchte, Klee) das Licht. Aus 
demselben Grunde verunkrautet bei Anbau von Hafer mit seinen 
grösseren Blättern das Feld weniger, als wenn Roggen und Weizen 
angebaut wird. 

Unerlässliche Bedingung für das Pflanzenleben ist endlich auch 
die Wärme, deren jede Pflanzenart zu ihrem Gedeihen eine ent- 
sp~rechende Menge bedarf. Weil die Pflanze eine bestimmte Menge 
von Wärme und nicht eine bestimmte Zahl von Tagen zu ihrer 
vollen Entwickelung bedarf, wird auch letztere um so rascher vor 
sich gehen, je mehr Wärme der Pflanze bei sonst gleich bleibenden 
Bedingungen zu Theil wird. Nur so lässt sich erklären , warum 
z. B. bei Tusmero in Südamerika der Weizen zur Reife nur 92, 
zu Pablo in Südamerika hingegen 181 Tage, die Gerste im Elsass 
nur 92, bei CumboU in Südamerika aber 16S Tage erfordert. Die 

V. Goliren, Ackerbauclieraie. 22 



338 



Aeussere Einflüsse auf die Vegetation. 



Summe der Wärme, welche eine Pflanze bedarf, erhält man durch 

Multiplication der mittleren Tagestemperatur mit der Anzahl der 

Vegetationstage (Boussingault).') Für die Kartoffel z. B. fand 

Boussingault: -d^. a x l,^ a 

^ Producte aus der Anzahl der 

Tage und der Temperatur. 

In Elsass 1835 3039 

„ Alais 3228 

„ Lac-Valencia 3060 

„ Santa-Fe 2930 

„ Merida 3060 

„ Pusuqui ! .... 3180 

„ Pinantura . . * 3036 

„ Lambugan 3192 

Andere Beobachtungen ergeben über die Wärmesumme, welche 
einzelne Culturpflanzen in verschiedenen Gegenden benöthigen. 
Folgendes : 



Weizen (Winter) im Elsass . 
(Sommer) „ 
,, (Winter) bei Paris . 
„ am Aequator (Pablo) 
„ (Winter) üng. Altenbnr 
Gerste (Winter) im Elsass 
„ (Sommer) „ „ 

in Egypten . . . 
., Ung. Altenburg 
Hafer 



Vegetationstage Wärmesumme 

137 2055 (Boussingault) 

137 2069 „ 

146 2144 „ 

147 2534 

151 1990 (Haberlandt) 
92 1748 (Boussingault) 

122 1708 „ 

90 1890 

104 1720 (Haberlandt) 

106 1847 „ 

122 1261 (Krutzsch) 

152 2015 (Haberlandt) 



„ Reizenhain (Sachsen) 
Roggen (Winter) Ung. Altenburg 

Hoff mann ist der Ansicht, dass man bei Ermittelung des 
Wärmebedürfnisses der Pflanzen ihre verschiedenen Entwickelungs- 
phasen besonders betrachten müsse, da für Keimen, Blattbildung, 
Blüthe, Fruchtbildung verschiedene absolute Temperaturhöhen er- 
forderlich sind. Er wählte nicht die Tagesmittel, sondern die Inso- 
lationsmaxima, an Thermometern in der Sonne abgelesen und vom 
1 . Januar an summirt. Er erhielt unter Anderen folgende Zahlen : 

1) Nach Quetelet hingegen erhält man die Wärmesumme aus den Qua- 
draten der mittleren Temperaturen. Wissenschaftlichen Werth können der- 
artige Wärmesummen -Berechnungen nicht beanspruchen (Sachs), wohl aber 
haben sie einigen praktischen Nutzen für die Pflanzengeographie und Klima- 
tologie. Man vergleiche auch die höchst wichtige Arbeit von De Candolle: 
Sur la methode de sommes de temperature appliquee aux phenomenes de Vege- 
tation (Sep.-Abdr. aus der Bibliotheque universelle de Geneve. 1875). 



Aeussere Einflüsse auf die Vegetation. 



339 





Jahr 


Datum der 
ersten Blüthe 


Summa 

der positiven 

Insolationsmaxima 


Pyrus communis . 


. 1866 


23. April 


1149 




1867 


16. „ 


1105 




1868 


28. „ 


1147 




1869 


16. „ 


1142 


Lonicera alpigena 


. 1866 


23. April 


1168 




1867 


30. „ 


1159 




1868 


30. ., 


1182 




1869 


17. „ 


1158 



Jedenfalls nimmt aber Varietät der Cnlturpflanze nnd Gegend 
auch Einfluss auf den Wärmebedarf, es scheint dies namentlich nach 
Haberlandt's Versuchen bei der Gerste der Fall zu sein. Aus 
Versuchen von Krutzsch zeigt sich, dass an verschiedenen Orten 
der Hafer gleicher Wärmesummen zur Keimung bedarf und dass 
dem entsprechend die Dauer der Keimung mit der Abnahme der 
Wärme sich verlängert. Im späteren Verlauf der Vegetation ergab 
sich, dass der nordische Hafer eine längere Zeit und eine grössere 
Wärmemenge beansprucht, um zur Blüthe zu gelangen. In gleicher 
Weise bewirkt eine nördlichere Lage eine Verspätung des Eintritts 
der Blüthe, die für je 1" nördlicher Breite eine Verspätung von 
etwa 1 V2 Tag beträgt. 

Aber abgesehen davon, dass die Pflanze eine bestimmte Wärme- 
summe während ihrer Vegetation überhaupt erfordert, benöthigt sie 
zur Entwickelung der Frucht ein Temperaturmaximum, das erreicht 
sein muss, wenn die Reife erfolgen soll. Nach Boussingault 
sind für die wichtigsten Culturpflanzen nachfolgende Temperatur- 
grade zur Reife erforderlich: 



Weizen . . 


. 150 C. 


Reis . . . 


. 22,50 


Gerste . . 


. HO 


Wein . . 


. 230 


Tabak . . 


. 18,50 


Flachs . . 


. 150 


Mais . . . 


. 150 


Kartoffel . 


9,50 


Bohnen . . 


. 150 







Mit Hilfe dieser Temperaturverhältnisse lässt sich im Voraus 
beurtheilen, ob es möglich ist. Pflanzen in einer bestimmten Ge- 
gend zu bauen. 

Wenn auch jede Pflanze eine bestimmte Wärmesumme als 
Lebensbedingung erfordert, so ist doch dem Pflanzenorganismus die 
Fähigkeit eigen, sich zu accommodiren und sowohl unter als über 
jener Summe sich zu entwickeln. Viele Pflanzen können daher eben- 
sowohl in einem bedeutend wärmeren als auch kälteren Klima ge- 



340 ■ Aeussere Einflüsse auf die Vegetation. 

deihen, als das ihres natürlichen Verbreitimgsbezirkes ist. Basi- 
ner berechnet z, B. aus dem natürlichen Verbreitiingsbezirke der 
Buche die höchste Wärmesumme, welche derselben bei einer Vege- 
tationszeit von 6 bis 6V2 Monaten zukommt, als eine 3250 nicht 
übersteigende. Die Buche findet sich aber auch an Orten, welche 
das Maximum der Temperatursphäre dieses Baumes um 1000 bis 
2000 übersteigen. Sie gedeiht z. B. auf Madeira ganz vortrefflich. 
Die Wärmesumme während ihrer Vegetationsperiode beträgt dort 
(bei Funchal) ungefähr 4400 0. 

Die möglichen Grenzen der Entwickelung einer Pflanze über 
ihre natürliche Temperatursphäre hinaus lassen sich bis jetzt selbst 
annäherungsweise im Voraus nicht bestimmen, so wichtig auch 
dieses für den Garten- und Ackerbau behufs der Einführung neuer 
Culturpflanzen wäre. 

C. Linsser, welcher über die periodischen Erscheinungen 
des Pflanzenlebens in ihren Verhältnissen zu den Wärmeerscheinun- 
gen treffliche Arbeiten geliefert hat, stellte das Gesetz auf: Die 
an zwei verschiedenen Orten den gleichen Vegetationsphasen zuge- 
hörigen Summen von Temperaturen über sind den Summen aller 
positiven Temperaturen (des ganzen Jahres) beider Orte proportio- 
nal. Mit anderen Worten: Ein jedes Pflanzenindividuum besitzt 
die Fähigkeit, seinen Lebenskreis so zu durchlaufen, wie es die 
Wärmesumme seines Heimatortes erfordert und wie es seine vor- 
ausgegangenen Generationen gewohnt worden sind, indem Individuen 
gleicher Art an verschiedenen Orten zu gleichen Entwickelungs- 
stadien gleiche Portionen der ihnen gewohnten Wärmesummen ver- 
wenden. Ferner behauptet er, dass die Geschwindigkeiten der 
Entwickelung gleich den einwirkenden Temperaturen, dividirt durch 
die gewohnten jährlichen Wärmesummen der Mutterpflanzen seien, 
und folgert daraus, dass im Norden erzeugte Pflanzen, nach Süden 
versetzt , hinter den hier erzeugten zurückbleiben ; und dass im 
Gebirge erzeugte Pflanzen, in die wärmere Ebene versetzt, den 
hier erzeugten voreilen, und die von der Ebene in das kältere 
Gebirge versetzten hinter den hier erzeugten zurückbleiben. 

Für das Leben eines jeden Pflanzenindividuums, so meint 
L i n s s e r , gibt es besonders zwei Hauptregulatoren : Die individuelle 
Gewöhnung und das Princip der Sparsamkeit. „Wo es von den 
beiden Hauptfactoren des Pflanzenlebens, der Wärme und der 
Feuchtigkeit, die Wärme ist, deren periodische Gewähr zur Spar- 
samkeit mahnt, da schliesst sich das ganze Leben der Pflanze enge 
dem Verlaufe der Wärme an, — so im Norden und im weitaus 
grössten Theile der gemässigteren Klimate, — wo es die Feuch- 
keit ist, und die Frage nach Wärme, wegen ununterbrochen ge- 



Aeussere Einflüsse auf die Vegetation. 341 

ntigender Gewährung derselben, ganz zurücktritt, da gilt der An- 
schluss des Pflanzenlebens dieser Feuchtigkeit, wie auf Madeira, 
— wo endlich das Klima nöthigt, mit beiden zugleich Sparsamkeit 
zu üben, sucht die Pflanze im Laufe der Jahresperiode für ihre 
bildenden Processe beiden Anforderungen möglichst entsprechend 
zu vegetiren, wie in den südrussischen Steppen und um Buchara. " 

Diese von Linsser aus Beobachtungen an wildwachsenden 
Pflanzen abstrahirten Gesetze fand Wittmack (Landw. Jahrb. 
1876. Bd. V. S. 646) für Getreidearten nicht stets ohne weiteres 
gültig, so z. B. bezüglich der Behauptung, dass Getreidearten aus 
dem Süden in Mitteleuropa später reifen sollen, vielmehr muss man 
annehmen, dass sowohl im Norden wie im Süden sich die Bedin- 
gungen zur Erzeugung frühreifer Sorten vereinigen können ; in den 
meisten Fällen erweisen sich allerdings Linsser 's Gesetze auch 
für die Culturpflanzen zutreffend. 

Ergänzt werden Linsser 's Normen noch durch folgende von 
De CandoUe aufgestellte Gesetze: lieber annähernd gleiche 
Breiten und Höhen sind für dieselbe Species und dieselbe Function 
(d, h. Blüthezeit, Laubfall etc.) die Temperatursummen über Null 
und im Schatten in den westlichen Localitäten (mit feuchtem 
und gleichmässigem Klima) immer höher als in den östlichen 
(mit trockenem und extremem Klima). Im westlichen Europa, vom 
43. — 60. Breitengrad, nehmen für dieselbe Species und dieselbe 
Function die Summen der Temperaturen über Null und im Schatten 
ab, wenn man von Süden nach Norden geht; im östlichen Europa 
bieten die Zahlen keine recht regelmässigen Differenzen nach den 
Breitegraden. Die Wärme, die durch Insolation, und der acces- 
sorische Vortheil, der in gewissen Gegenden durch eine angemessene 
Menge Feuchtigkeit hinzukommt, erklären zum grossen Theil die Ab- 
nahme der Temperatursummen (im Schatten) für jede Art, wenn man 
von Westen nach Osten und von Süden nach Norden fortschreitet. 

Die Temperaturextreme, welche Pflanzen ertragen, sind sehr 
bedeutend; es leben Pflanzen in dem bis zu 76 ^ erwärmten Sand- 
boden des Senegal (Adanson), während die Lärche und Zwergbirke 
eine Kälte von 40 o, bei der das Quecksilber gefriert, sollen ertragen 
können. 

Die Kälte äussert unter Umständen sehr schädliche Wirkun- 
gen auf die Pflanzen, indem letztere „erfrieren". Sinkt die Tem- 
peratur unter Null Grad, d. h. unter den Gefrierpunkt, so erstarren 
Pflanzen und Pflanzentheile , der Pflanzensaft in ihnen wird wie 
gewöhnliches Wasser zu Eis — sie gefrieren. 

Es wäre schlimm , wenn das G e frieren auch immer ein E r - 
frieren d. h. den Kältetod zur Folge hätte, denn alle unsere 



342 Aeussere Einflüsse auf die Vegetation. 

im Winter gefrorenen Pflanzen wären dann verloren. Dem ist 
aber nicht so. Die über Winter entlaubten Bäume und Sträuche, 
die Wurzelstöcke der ausdauernden Pflanzen sprossen mit der ersten 
Prühlingssonne bekanntlich von Neuem, obschon sie zuweilen monate- 
lang gefroren waren. Schon dies beweist, dass das Gefrieren nicht 
immer ein Erfrieren (Tödtung) zur Folge haben muss. Der Tod 
der Pflanzen erfolgt meist erst dann, wenn das Eis in der gefrore- 
nen Pflanze zu rasch aufthaut (Duhamel, Schöllenbach, 
Sachs.) Daher kommt es, dass, sobald nach einem Froste kein 
plötzlich erwärmender Sonnenstrahl eintritt, sondern das Eis in ge- 
frorenen Pflanzen nach und nach aufthauen kann, diese gewöhnlich 
keinen Schaden leiden. Freilich zeigen hierbei verschiedene Pflan- 
zen bedeutende Verschiedenheiten. Nach Sachs können z. B. 
Kohlblätter sogar im geheizten Zimmer ohne Gefahr aufthauen, 
w^ährend Tabak dadurch getödtet wird. 

Als das eigentlich Tödtende beim Erfrieren der Pflanze dachte 
man sich nach älteren Ansichten ein Zersprengen der Zellenwände 
in Folge der Ausdehnung des zu Eis werdenden Zelleninhaltes, ähn- 
lich wie das zu Eis werdende Wasser in einer Flasche dieselbe 
zersprengt. Neuere Versuche (Göppert, Caspary u. a.) haben 
jedoch gezeigt, dass im Allgemeinen kein solches mechanisches 
Zerreissen stattfindet, sondern man erkennt jetzt als das Tödtende 
beim Erfrieren eine beim schnellen Aufthauen eintretende Verän- 
derung (Desorganisation) der Zellmembran. Diese Desorganisation 
besteht in einer vergrösserten Diirchdringlichkeit (Permeabilität) 
der Zellenwände, in Folge deren der Zelleninhalt austritt. Eine 
völlig erfrorene Kartoffel kann man mit den Händen derart aus- 
drücken, dass zuletzt nur eine faserige, trockene Masse zurückbleibt, 
was bei einer gesunden unmöglich ist. Hieraus erklärt sich auch das 
Durchscheinendwerden der erfrorenen Pflanzentheile und das Er- 
schlaffen eines zu schnell aufgethauten Pflanzen theiles. 

Aber nicht nur durch Erfrieren , schon durch blosses Sinken 
der Temperatur können Pflanzen Schaden erleiden, wenn durch Zu- 
sammenziehen und Abkühlen mechanische Beschädigungen erfolgen 
oder Störungen in den normalen Pflanzenfunctionen vor sich gehen. 
Mechanische Beschädigungen in Folge grosser Kälte zeigen sich an 
Bäumen als Risse und Spalten (Frostspalten), Ablösen der Rinde und 
des Splints u. dgl. ; sie werden hervorgerufen durch geringe und ver- 
schiedenartige Wärmeleitungsfähigkeit mancher holzigen und kraut- 
artigen Pflanzen, in Folge deren ungleichmässige Erkältung und 
Erwärmung in den verschiedenen Theilen eintritt. Wird z. B. der 
Stamm rasch abgekühlt, so können sich die inneren Holzschichten 
nicht so rasch zusammenziehen wie die äusseren, der Umfang der 



Aeussere Einflüsse auf die Vegetation. 343 

Rinde und des Bastes wird zu enge für den Kern, Rinde und 
Splint müssen demnach an einzelnen Stellen springen. Störungen 
der Functionen und Beschädigungen durch niedere, aber noch über 
Null liegende Temperaturen erleiden gewöhnlich nur Pflanzen aus 
wärmeren Klimaten ; doch sehen wir solche auch an den Blättern 
(Nadeln) unserer im Freien überwinternden Pflanzen. Die Blätter 
der Kiefer, Tanne, Eibe, des Wachholders nehmen im Winter eine 
auffallend bräunliche, dunkelgelbe Färbung an, so dass man sie 
für halb abgestorben halten müsste, wenn sie im Frühjahr nicht 
wieder vollkommen grün würden. 

Da man beobachtete, dass Pflanzen selbst bei einer Lufttempe- 
ratur über dem Eispunkt und zwar vornehmlich in mondhellen 
Nächten der Monate April und Mai erfroren, schrieb man wohl 
diese ungünstige Wirkung dem Mondlichte (Aprilschein) zu; 
thatsächlich übt aber der Mond gar keinen Einfluss aus. Die 
alleinige Ursache des Erfrierens ist die Wärmeausstrahlung der 
Pflanzen, die in diesen Monaten bei heiterem Himmel so stark ist, 
dass die Pflanzen eine Temperatur unter dem Eispunkt annehmen^ 
während die Lufttemperatur noch über demselben sein kann. 

Noch sei hier das Wichtigste über das sogenannte „Auswin- 
tern", welches dem Landwirthe so empfindliche Nachtheile zufügt, 
besprochen. Das Auswintern der Saaten erfolgt: 

1) Wenn eine bedeutende Schneedecke auf den Saaten gelagert 
und der Schnee in Folge eingetretenen Thauwetters eine Kruste 
erhalten hatte, der Boden unter derselben aber nicht gefroren war; 
die Saaten erscheinen dann, wenn sie nicht vollkommen zu Grunde 
gegangen, im Frühjahr braunweiss oder gelblich oder mit Schimmel 
überzogen. 

2. Wenn der Boden ohne Schneedecke öfter zufriert und auf- 
thaut; dadurch treiben die Eistheilchen den Boden jedesmal aus- 
einander und in die Höhe, die Pflanzen werden damit zugleich ge- 
waltsam gehoben, die Wurzeln reissen ab^}, erleiden Beschädigun- 
gen und die Pflanze selbst kommt aus aller Verbindung mit dem 
Boden. Nach dem Thauen sinkt der Boden wieder ein, aber die 
Pflanzen bleiben gehoben. Je feuchter daher ein Boden im Ganzen 
oder stellenweise, um so grösser ist die Gefahr des Auswinterns. 

Wenn Thiere, z. B. die Maden der Weizenmücke oder der 
Roggenfliege, die jungen Halme der Getreidepflanzen im SpUtherbste 
durchfressen und zum Absterben bringen , so kann selbstverständ- 
lich im Frühjahr nicht von einer „Auswinterung" geredet werden. 

1) Nach Ekkert findet ein Abreissen der unterirdisclien Internodien und 
"Wurzeln nicht statt. Gefährlich ist das Heben nur dann, wenn der Bestockungs- 
knoten über die Bodenoberfläche erhoben ■wird. 



344 Aeussere Einflüsse auf die Vegetation. 

Sachs tlieilt den verschiedenen Ursachen des Erfrierens ge- 
mäss die Mittel dagegen in solche gegen den Frostschaden des 
Winters, gegen Spätfröste und solche für Aufbewahrung 
von Feldfrüchten. 

1) Die Mittel gegen Winterfröste können sich im All- 
gemeinen nur darauf beschränken, die im Freien stehenden Pflanzen 
in solchem Zustande der Eutwickeluiig und des Bodens dem Winter 
zu überliefern, dass der Frost, wenn er sie einmal ergreift, ihnen 
möglichst wenig schade. Erste und allgemein giltigste Bedingung 
hiezu ist die Wahl solcher Sorten von Pflanzen und Bäumen zur 
Cultur, welche für den Winter einer Gegend als hinreichend hart 
bekannt sind, Muss man aber Samen oder Pflanzen aus anderen 
Gegenden beziehen, so hat man jenen aus höher gelegenen oder 
nördlichen Gegenden den Vorzug zu geben, weil zu erwarten ist, 
dass sie auch einen härteren Winter ertragen. Wintersaaten sollen 
bereits hinreichend erstarkt sein, bevor die ersten Fröste kommen. 
Daher gilt im Allgemeinen als Regel, Wintersaaten 4 Wochen vor 
dem local bekannten Eintritt der winterlichen Jahreszeit und den 
Roggen immer früher als Weizen zu bestellen. Die frühzeitige 
Bestellung verschafft den Pflanzen die Zeit, sich stark zu bewurzeln, 
lichte Saat aber gönnt der Pflanze einen freieren Stand , so dass 
jede einzelne die volle Wirkung des Sonnenlichtes erhält, und dieses 
letztere ist es ja, welches die Pflanze zur Assimilation anregt und 
ihre Gewebe festigt. Auch das Schröpfen oder Abweiden im Herbst 
kräftigt die Saat. 

Doch würde zeitige und lichte Saat allein nicht vermögen, 
allen Unfällen eines wechselvollen Winters vorzubeugen, sobald 
die Beschaffenheit des Bodens nicht begünstigend mitwirkt. Eine 
tiefe Lockerung des Ackers, rechtzeitig vollbracht, so dass er 
sich vor Winter genügend „setzen" kann, ist ebenso als wesent- 
liches Schutzmittel gegen den Frost zu verwerthen ; denn liegt der 
Boden nach der Bearbeitung längere Zeit trocken und warm, so 
ziehen sich seine Theilchen wieder etwas zusammen und die spä- 
teren Herbstregen und Thauwetter verschlammen ihn nicht, weil 
das Wasser zwischen den Brocken und Schollen ablaufen kann. 
Wird der Boden hingegen in Folge zu später Bestellung in zu 
lockerem Zustand dem Frost ausgesetzt, so verschlämmt er beim 
ersten Tliauwetter derart, dass die Wurzeln in einen dichten Brei 
eingehüllt und von der Luft abgeschlossen sind. Friert solch 
breiig gewordener Boden dann abermals, so wird er zur compacten 
Masse, die Wurzeln werden gequetscht und durch Hebung des 
Bodens zerrissen. Auch das Planiren ist als Schutzmittel anzusehen. 
Unterlässt man das Planiren, so würde sich in den Vertiefungen 



Aeussere Einflüsse auf die Vegetation. 345 

Wasser (Lachen) ansammeln und Pfützen bilden, in denen mit oder 
ohne Eisdecke die Pflanzen faulen. In ähnlicher Richtung wirkt auch 
das Drainiren, Anlegen von schmalen Bifangen oder breiten sehr 
gewölbten Beeten, auf sehr bindigem, nassem Boden Ziehen von 
Wasserfurchen nach der grössten Abdachung als günstiges Mittel 
gegen den Winterschaden. 

Eine Schneedecke auf dem Felde kann der Landwirth 
leider nicht nach Wunsch erhalten, sie wäre das beste Mittel gegen 
den Frost, unter einer Schneedecke von 25 Ctm. sind die Winter- 
saaten vollkommen geschützt und selbst bei einer Schneedecke von 
nur 5 Ctm. wird die Temperatur des Bodens um 7 — 9'J gemildert. 
Wäre also die Temperatur der Luft — 10^, so wird die des mit Schnee 
bedeckten Bodens nur — 1 bis 3^ betragen. Freilich darf der Schnee 
keine feste Kruste erhalten, denn dann wird die Temperatur unter 
der Schneedecke niedriger als die der Luft, was, wie erwähnt, ein 
Auswintern zur Folge hat; tritt Verkrustung ein, so muss man sie 
mittelst Stachelwalzen zu durchbrechen suchen. Gärtner könnten 
übrigens auf ihren Beeten vom Schnee öfter Nutzen ziehen, als es 
wirklich geschieht. Von Beeten, die man zeitlich im Frühjahr be- 
stellen will, sollte der Schnee, um ein rascheres Abtrocknen und 
Erwärmen des Bodens zu bewirken, entfernt und auf solche Beete 
ausgebreitet werden, die mit leicht und zeitig treibenden Pflanzen 
besetzt sind. Dadurch werden letztere an dem vorzeitigen Treiben 
gehindert und somit vor Spätfrösten geschützt werden. 

Die Umwickelung der Bäume und Sträucher mit Stroh ist als 
Schutzmittel bewährt, wird aber nicht immer zweckgemäss durch- 
geführt, und kann im Frühjahr sogar schädlich werden. Kommen 
die ersten sonnigen Tage, so nimmt das Stroh die Wärme auf und 
hält sie auch noch Nachts zurück, in Folge dessen die Pflanzen zu 
treiben beginnen. In diesem Falle bleibt nur die Wahl zwischen 
zwei Uebeln: Lässt man die Umhüllung, so vergeilen die Triebe 
und verderben später; nimmt man sie ganz weg, so können die 
Triebe vom nächsten Frost zerstört werden. Bei Pflanzen, welche 
schon bei geringer Wärme im Frühjahr treiben, thut man am besten, 
die Bedeckung, sobald die Strenge des Winters nachlässt, so zu 
entfernen, dass nur eine dünne Schichte zurückbleibt, welche die 
Wirkung vorübergehender Fröste mässigt. 

2) Schutz gegen die Spätfröste oder Nachtfröste 
im Frühjahr kann seltener der Landwirth, schon häufiger der 
Gärtner schaff'en. Ist bei niederem Thermometerstande und heite- 
rem Himmel Abends auf eine kalte Nacht zu schliessen, so müssen 
zartere Pflanzen auf Saatbeeten entweder einzeln mit Blumentöpfen 
oder ganze Beete und Spaliere mit Stroh- und Bastmatten oder 



346 Aeussere Einflüsse auf die Vegetation. 

Tüchern bedeckt werden.') Sehr empfehlenswerth ist auch, die 
Nachts gefrorenen Pflanzen vor Sonnenaufgang mit kaltem Wasser 
mittelst Brause so zu übergiessen, dass sie sich mit dünnem Eis 
überziehen; dieser Reifüberzug hat dann offenbar dieselbe wohl- 
thätige Wirkung, wie der natürliche Reif bei den Herbst -Nacht- 
frösten. 

Um Bäume und Sträucher an dem vorzeitigen Treiben so lange 
zu hindern, bis die stärksten Spätfröste vorüber sind, muss der 
Boden um dieselben mit Laub u. dgl. bedeckt werden. 

3) Bei Aufbewahrung von Feld- und Garten fruchten 
ist der erforderliche Schutz vor dem Erfrieren leichter zu schafl'en, 
als bei den im Boden stehenden Pflanzen. Es handelt sich dabei 
darum, durch Bedeckung und Zusammenhäufung die Einwirkung 
der Temperaturverminderung zu verlangsamen. Dies wird um so 
sicherer erreicht, je grösser die Mieten und je reichlicher die 
Haufen mit Erde bedeckt werden. 

Von äusseren Einflüssen auf die Vegetation unserer Culturpflanzen 
wären noch die Winde zu nennen. Abgesehen von dem Schaden, 
den sie durch ihre mechanische Kraft verursachen können, nehmen 
sie durch ihre Rückwirkung auf die Temperaturverhältnisse und 
ihre Fähigkeit, den Boden auszutrocknen, den nachtheiligsten Ein- 
fluss, wie dies schon früher hervorgehoben wurde. So sind z. B. Orte, 
wo die Nordwestwinde freien Durchzug haben, für die Cultur gewisser 
Pflanzen, der Obstbäume, des Hopfens u. s. w,, ganz untauglich. 

Weingebirge , welche den Ost - und Südostwinden ausgesetzt 
sind, stehen denen gegen Süd und Südwest und ganz gegen West 
gelegenen im Ertrage nach und werden von Frostschäden häufiger 
heimgesucht. Um sich bei trockenem Boden vor austrocknenden 
Winden zu schützen, bleibt nur ein Mittel übrig, man theile den 
trockenen und Winden ausgesetzten Boden in Parzellen und friedige 
dieselben mit lebenden Zäunen und einzelnen Bäumen ein, damit die 
Winde gebrochen und die Feuchtigkeit der Luft vermehrt werden. 

Auch die unter Umständen so günstig wirkenden Nebel 
können einen ungünstigen Einfluss auf die Culturpflanzen dadurch 
nehmen, dass sie bei zu häufigem Auftreten während der Vegetation 
den Pflanzen das für ihre Ausbildung so nothwendige Licht entziehen. 



1) Der Räuclierung der Weinberge wurde schon früher gedacht. Sehr 
günstige Resultate berichten Wüst und Bronn er. Man vergi. Landw. Cen- 
tralbl. f. Deutschi. \bl<o. Juli. S. 447. 



Der Dünger und seine richtige 
Anwendung. 



In den vorausgegangenen Abschnitten wurde erläutert , dass 
die Pflanzen zu ihrem Wachsthum Nährstoffe, die sie dem Boden 
entnehmen, benöthigen und dass die Grösse der Ernten mehr 
oder weniger im Verhältniss zur Menge der im Boden vor- 
handenen assimilirbaren Nährstoffe steht. Durch die Ernten und 
die theilweise oder gänzliche Ausfuhr der Ernteproducte werden 
dem Boden selbstverständlich entsprechende Nährstoffmengen ent- 
zogen, die der Landwirth ganz oder theilweise seinem Acker wie- 
der zuführen muss. 

Man nennt im Allgemeinen jede Substanz, durch die dem 
Boden von aussen ein oder mehrere Pflanzennährstoffe zuge- 
führt werden, Dünger. Derselbe kann sogleich oder allmählich 
wirken, je nach der mehr oder weniger löslichen Form seiner 
Bestandtheile , er kann entweder blos auf die chemische Be- 
schaffenheit oder auch zugleich auf die physikalischen Eigen- 
schaften des Bodens seineu wohlthätigen Einfluss äussern. Nach 
dieser Definition können weder die durch die „ L u f t " noch die 
„aus dem Boden" disponibel gemachten Nährstoffe mit in den 
Begriff' Dünger einbezogen werden, weil ja durch die verschiedenen 
Ackerungsverrichtungen nur eine Löslichmachung vorhandener, 
ausserdem unlöslich bleibender Nährstoffe durch Einwirkung der 
atmosphärischen Einflüsse angestrebt wird. 

Die Unentbehrlichkeit des Düngers für die Landwirthschaft ist 
unbestritten. Seine hohe Wichtigkeit und Bedeutung wird in dem 
Maasse sich noch steigern, als der natürliche Stoffvorrath im Boden 
sich erschöpft und mit der stets wachsenden Bevölkerung auch 
deren Bedürfnisse zunehmen. Der Dünger ist also das Hauptmittel 
zu einer ergiebigen und zugleich wohlfeileren Production der Cultur- 



348 Der Dünger und seine richtige Anwendung. 

pflanzen. Durch seine Hilfe können wir den mächtigsten Einfluss 
auf die Erträgnisse des Bodens nehmen. 

Dennoch ist gerade das Düngerwesen noch immer der Wunde 
Fleck unserer Wirthschaften. Wandern wir von Hof zu Hof, so 
ertönt überall dieselbe Klage: „Düngermangel"! 

So weit verbreitet diese Klage auch sein mag, so wenig be- 
gründet ist sie in Wahrheit, wie wir später zeigen werden. Der 
Landwirth muss vor Allem sein wichtigstes Interesse kennen und 
schätzen lernen, dann wird er dem Dünger gewiss die verdiente 
Aufmerksamkeit zuwenden und ihn nicht mehr in althergebrachter 
Nachlässigkeit behandeln. 

Die Düngerfrage ist aber nicht allein eine für den einzelnen 
Landwirth hochwichtige , sondern hat eine weit über die Grenzen 
der Einzelnwirthschaft hinausreichende volkswirthschaftHche Bedeu- 
tung dadurch, dass der Dünger das Mittel zu einer reichlicheren 
und billigeren Production ist und daher unmittelbaren Einfluss auf 
den Preis der unentbehrlichsten Lebensbedürfnisse , also auf das 
Wohl und Wehe der Bevölkerung, nimmt. Diese Thatsache wider- 
legt auch den oft gehörten Einwurf: dass vermehrte Production 
den Ausfuhrhandel nach fruchtarmen Ländern entwickle, also keines- 
Avegs niedrige Preise zur Folge haben müsse. Durch Ver- 
mehrung des Düngers erhöhen wir unseren Nationalreichthum, indem 
wir die Fruchtbarkeit unseres heimischen Bodens nachhaltig steigern. 

Häufig freilich wird in der Düngerfrage Seitens der Landwirthe 
dadurch gefehlt, dass sie die naturwissenschaftlichen und wirth- 
schaftlichen Momente nicht scharf genug trennen. Der Landwirth 
ist Gewerbsmann, ihm handelt es sich nicht um ein absolutes Ernte- 
maximum, sondern ihm handelt es sich um den möglichst höchsten 
dauernden Reinertrag. Erzielt er diesen ohne alle Düngung oder 
nur mit einem Minimum von Dünger, so wäre es thörichter Luxus, 
der naturwissenschaftlichen Theorie zu Liebe seinem Boden den 
vollen Ersatz, ja mehr als diesen, im Dünger für die entnommenen 
Nährstoffe zuzuführen. Vom rein naturwissenschaftlichen Stand- 
punkte aus lautet freilich die Forderung: Sorge dafür, dass der 
Boden soviel assimilirbare Pflanzennährstoffe enthält, als die auf 
den betreffenden Boden gelangenden Licht- und Wärme-Summen 
zur Production pflanzlicher Materie verwerthen können. Dieser 
naturgesetzlich correcte Standpunkt ist aber nicht immer auch der 
wirthschaftlich richtige. 

Doch gehen wir näher auf unseren Gegenstand ein. Dünge- 
mittel finden sich in allen drei Naturreichen, es gibt thierische, 
pflanzliche und mineralische Düngemittel. Einzelne derselben 
liefert die Natur in unmittelbar verwendbarem Zustande. Solche 



Der Dünger und seine riclitige Anwendung. 349 

„natürliche" Düngemittel sind. z. B. die massenhaft ange- 
häuften Guanohügel, die ausgedehnten Phosphoritlager und die 
meilenweit sich ertreckenden Salpeterlager in Chili. Ausserdem 
bietet die Natur dem Landwirthe überall Rohmaterial zur Bereitung 
eines verwendbaren Düngers. Solche Rohmaterialien finden sich in 
Form verschiedener Gesteine, gewisser Pflanzen und Pflanzentheile, 
thierischer Substanzen, Schlammablagerungen, Wald-, Moor- und 
Torferden u. dgl. m. 

Um solche, Nährmittel enthaltende Rohmaterialien als Dünger 
verwendbar zu machen, müssen sie ohne Verlust an werthvollen 
Bestandtheilen und mit möglichst geringen Kosten in die entspre- 
chende Form gebracht werden. Derartige Materialien sind ausser 
den erwähnten Naturproducten vorzüglich die massenhaften Aus- 
scheidungen der Menschen und Hausthiere und solche Abfälle der 
Hauswirthschaft, Gewerbe und Fabriken, welche noch keine andere 
und höhere Verwerthung finden, denn wo letztere für irgend eine 
Art von Abfällen eintritt, sind diese der landwirthschaftlichen Be- 
nützung durch die dadurch bewirkte Preissteigerung auch sofort 
entzogen. Die Melasse z. B., welche bedeutende Kalimengen ent- 
hält, ist dort, wo daraus Kalisalze für den Handel dargestellt wer- 
den, für DüDgungszwecke nicht mehr verwendbar, weil der Preis 
ein zu hoher geworden ist. 

Um die im Rohmaterial enthaltenen Nährstofie in die lösliche, 
von den Wurzeln aufnehmbare Form zu bringen, benützt man ent- 
weder den Verwesungs- oder Verwitterungs-Process oder 
man bedient sich schneller wirkender, theils mechanischer, theils 
chemischer Mittel. Letztere pflegt man in neuerer Zeit gern da 
anzuwenden, wo es sich darum handelt, Nährstoffe schnell in eine 
vollkommen lösliche Form zu überführen. Man wartet z. B. jetzt 
nicht mehr, bis durch den nur langsam fortschreitenden Verwesungs- 
Process der phosphorsaure Kalk der Knochen nach und nach den 
Pflanzen zugänglich gemacht wird, sondern man pulverisirt die 
Knochen in besonderen Mühlen und versetzt das Knochenmehl 
durch Behandlung mit Schwefel- oder Salzsäure fast augenblicklich 
in löslichen Zustand. 

Das Löslichmachen der Nährstofie, es geschehe nun in welcher 
Art immer, soll mit dem geringsten Verluste an Nährmitteln be- 
werkstelligt werden. Wie aber wird hiebei in Wirklichkeit vorge- 
gangen? Nur allzu häufig werden die Düngerarten behandelt, als 
gälte es, durch Auswaschung und Verflüchtigung gerade die werth- 
voUsten Stofie aus ihnen zu entfernen. 

Die Düngerbe reitung geschieht entweder im Wirthschafts- 
hofe (Stalldung und Compost) oder in eigenen Fabriken. 



350 Der Dünger und seine richtige Anwendung. 

Im ersten Fall kann dem Landwirthe ein sorgsames Vorgehen 
nicht dringend genug empfohlen werden. Er benütze alle zum 
Dünger tauglichen Substanzen und zwar zunächst die , welche ihm 
seine eigene Wohnung und Wirthschaft liefert, z. B. alle festen 
und flüssigen Ausscheidungen von Menschen und Hausthieren, alle 
in der Hauswirthschaft sich ergebenden Abfälle, allen Kehricht aus 
Haus und Hof und dgl. Bei einiger Aufmerksamkeit wird er aber 
auch aus Fabriken, Abdeckereien, Schlachthäusern in der Nachbar- 
schaft noch allerlei andere Stoffe ausfindig machen, die theils von 
der Natur geboten, oder als unbeachtete Abfälle und Nebenproducte 
um billigen Preis, oft ganz umsonst, herbeizuschaffen sind. 

Nichts ist zu klein und unansehnlich, um nicht als Dung- 
material benutzt werden zu können, — hat man in neuester Zeit 
doch auch mit Vortheil Maikäfer dazu verwendet und bereitet an 
den europäischen Nordküsten aus winzigen Seethieren (Qarnelen) 
einen trefflichen Dünger (Garnatguano). Daher scheue der Land- 
wirth auch nicht die Mühe oder die etwa durch Zuhilfenahme eines 
Chemikers erwachsenden Kosten, um sich über die Bestandtheile 
des ihm zu Gebote stehenden Materiales zu belehren : er wird sich 
dadurch meist ersparen, dieselben Stoffe aus der Ferne theuer be- 
ziehen zu müssen. 

Fabriksmässig in Massen erzeugte Düngemittel wer- 
den erst seit etwa dreissig Jahren geliefert. Man findet solche 
Fabriken vornehmlich in den Ländern von hoher Culturstufe (Eng- 
land, Belgien, Frankreich, Deutschland) in grosser Zahl verbreitet. 
Die Nitrophosphat- oder Blutdüngergesellschaft in London z. B. 
producirt allein jährlich 400,000 Centner Düngerpräparate, wozu 
sie etwa 600,000 Eimer Blut, 200,000 Centner Knochen, 140,000 
Centner Schwefelsäure und viele andere Stoffe verbraucht. Wer 
hätte noch vor wenigen Jahren das Entstehen von derartigen 
Düngerfabriken auch nur geahnt und doch wurden sie durch die 
gebieterische Nothwendigkeit, durch die endlich gewonnene Einsicht 
von der Unentbehrlichkeit stets verfügbaren Düngers hervorgerufen ! 

So gingen nach amtlichen Nachweisen im Jahre 1871 allein 
über Hamburg nach Deutschland an Hornabfällen , Knochen, Blut, 
Düngesalzen, künstlichem Dünger und Guano 4,151,704 Ctr. in 
einem Werthe von 40,228,815 Mark und betrug der Import von 
Guano in Hamburg während der 20 Jahre von 1851 bis 1871 
15,541,355 Ctr. im Werthe von 182,014,560 Mark. In Oesterreich 
beträgt die jährliche Production von Superphosphaten weit über 
100,000 Ctr., Aussig allein erzeugt gegen 40,000 Ctr. und in 
Chladno können aus dem dort verarbeiteten Chamoisit über 50,000 
Centner producirt werden. 



Der Dünger und seine richtige Anwendung. 351 

Man bezeichnet die ans solchen Fabriken hervorgehenden 
Düngerarten im Allgemeinen als: „künstliche", „concen- 
trirte", oder „Handelsdüngemittel". Speciell aber führen 
sie die verschiedensten, vielversprechendsten Namen nach ihren 
Entdeckern, Erzeugern, dem Entdeckungsort und anderen Merk- 
malen ihrer Bestandtheile oder Bestimmung. Dem Landwirthe 
werden sie in Ankündigungen als mineralische, animalische und 
vegetabilische Dünger, Kunstdünger, nach den verschiedenen 
Theorien unserer Agriculturchemiker bereitet, angeboten; er kann 
Weizen-, Roggen-, Gerste- und Rübendünger, ferner Stickstoff-, 
phosphorsäure-, alkali- und schwefelsäurehaltige Dünger, kurz alle 
Arten Düngerpräparate käuflich haben, wie sie das Herz des 
eifrigen Oekonomen sich nur wünschen mag. Hier aber muss ernst- 
lich zu äusserster Vorsicht gemahnt werden, denn leider sind diese 
Düngemittel eben, weil sich auch die Speculation ihrer bemächtigte, 
zugleich vielfach Gegenstand der Verfälschung geworden, die nicht 
selten in unverschämteste Gaunerei ausartet, deren Opfer der uner- 
fahrene Landwirth nur allzuoft wird. 

Der äusseren Form nach unterscheidet man feste und 
flüssige Düngemittel, Erstere sollen trocken, leicht vertheil- 
bar und möglichst geruchlos sein, letztere vor Allem die richtige 
Concentration besitzen. 

Bezüglich der Bestandtheile der Dü-n gemittel sind 
unter Umständen die eigentlich nährenden von jenen Stoffen zu 
trennen, die, wie Sand, Thon und dgl., nicht als nährend gelten 
können, die man als fremdartige Beimengungen, werthlose 
Stoffe — und mit ähnlichen ihren Unwerth ausdrückenden Namen 
benennt. Von den Nährstoffen bezeichnet man die wichtigsten als 
wesentliche, die minderwichtigen als unwesentliche Be- 
standtheile. Diese einzelnen Stoffe sind in den verschiedenen 
Düngemitteln je nach Zweck, Art und Menge derselben sehr ver- 
schiedenartig enthalten; es gibt Düngemittel, welche alle von den 
Pflanzen beanspruchten Nährstoffe, andere, welche nur einzelne 
derselben enthalten. Erstere nennt man allgemeine, absolute, 
Universal- und letztere besondere, relative, Partialdüngemittel. 

Besteht ein Düngemittel nur aus den wichtigsten Nährstoffen, 
so ist es ein concentrirtes Düngemittel; es enthält bei mög- 
lichst geringem Umfang die möglich grössten Mengen wichtigster 
Nährstoffe; während wir z. B. in etwa 200 Pfd. Stalldünger nur 
1 Pfd. Stickstoff haben, findet sich dieselbe Menge Stickstoff schon in 
etwa 10 Pfd. gutem Guano. Düngemittel, welche Gegenstand des 
Handels sind, sollen derartig concentrirt sein, dass ihre Wirkung 
den meist ziemlich hohen Preis auch rechtfertigt. Leider fehlt es 



352 Der Dünger und seine ricMige Anwendung. 

auch nicht an schlechten und verfälschten Düngemitteln, 
welche in betrügerischer Absicht mit werthlosen Stoffen in anf- 
fälliger Menge gemischt sind. 

Als Wirkung des Düngers bezeichnet man die Art seiner 
Einflussnahme auf die Culturpflanzen. Es kann hier eine mehr oder 
minder günstige oder auch ganz ungünstige (ausbleibende) Wirkung 
stattfinden. Die günstigen Erfolge des Düngers sind theils in seinem 
directen Einflüsse, als Quelle von Nährstoffen, theils in indirecten 
Einflüssen, welchen er auf die Vegetation ausübt, zu suchen. 

Der competenteste Richter in der Beurtheilung der Wirkung 
eines Düngers ist der Landwirth selbst. Er darf sich aber ja nicht 
von irrigen Ansichten leiten lassen und vielleicht glauben, dass 
dieser oder jener angepriesene Dünger, der da und dort sich als 
gut erwiesen, auch auf seinen Aeckern denselben Erfolg haben 
muss und wenn er ihn nicht hat, dass alle ähnlichen Dünge- 
stoffe zu verdammen seien. Keinesfalls darf er einseitig vorgehen 
und vorschnell urtheilen, denn jedes Land, jede Wirthschaft, ja 
jeder Acker kann solche Verschiedenheiten zeigen, dass von einem 
aprioristischen ürtheil über die Wirkung eines Düngers vollkommen 
abgesehen werden muss. Hier entscheiden nur von dem Landwirth 
selbst angestellte Versuche, welche nach öfterer Wiederholung und 
mit Berücksichtigung aller Einflass nehmenden Factoren ganz gewiss 
zu einem massgebenden und richtigen Schlüsse über die Wirkung 
dieses oder jenes Düngers führen werden. Besonders ist hervor- 
zuheben, dass dieselbe Menge Dünger, auf verschiedenen Boden- 
arten angewendet, nicht gleiche, sondern verschiedene Ei'folge 
hervorbringt. »Zahlreiche Düngungsversuche beweisen das Gesagte. 
So ergaben J. v. Liebig's Düngungsversuche, welche in Sachsen 
durchgeführt wurden, folgende Resultate: 

Ein Feld mit 100 Centner Stallmist gedüngt, ergab Mehrertrag: 

(führend eines vierjährigen Fruchtumlaufes) 

Kunersdorf: Mäusegast: Kötitz: i i, -^ i, i •■ 

^n-< jioEo-iio" X bobritsch : schöner: 

1 8o 1 und 1853 Wmter- 

roggen und Hafer . 1539 Pfd. 1070 Pfd. 988 Pfd. 515 Pfd. 501 Pfd. 

1852 Kartoffeln . . 720 „ 1723 „ 917 „ 696 „ 618 „ 

1S54 Klee .... 203 „ 832 „ 60 „ 628 „ — „ 

mit 100 Pfd. Knochenmehl gedüngt ergab Mehrertrag: 

Roggen und Hafer . 281 ,. — „ 40 „ 191 „ — „ 

Kartoffeln .... 192 „ — „ 75 „ 105 „ — „ 

Klee 152 „ — „ 96 „ 3S0 „ -- „ 

mit 100 Pfd. Gkiano gedüngt ergab Mehrertrag: 

Roggen und Hafer . 10S8 „ 646 „ 354 „ 331 „ — „ 

Kartoffeln .... 326 „ 225 „ 112 „ 646 „ — „ 

Klee 36 „ 172 „ 39 „ 670 „ — „ 



Der Dünger und seine richtige Anwendung. 353 

mit 100 Pfd. Rapskuchenmehl gedüngt ergab Mehrertrag: 

Roggen und Hafer . 228 Pfd. 141 Pfd. 96 Pfd. 63 Pfd. — Pfd. 
Kartoffeln .... 44 „ 133 ^ 32 ., 21 „ , — „ 

Klee — „ 60 „ — „ 33 „ — „ 

Wenn nun 100 Centner Stalldünger auf der gleichen Fläche 
Feld in Kunersdorf 1539 Pfd., in Mäusegast 1070 Pfd. und in 
Oberschöner 501 Pfd. Mehrertrag an Körnerfrüchten gegen den 
Ertrag derselben Feldfläche ohne Dung hervorbrachten, so sieht 
man sofort ein, dass ein Düngungsversuch immer die Beschafifenheit 
des Feldes ausdrückt, auf welchem er angestellt wurde. Jeder 
Düngungs versuch hat nur einen localen "Werth; eine 
Thatsache, die nicht genug zur Beherzigung empfoh- 
len werden kann. 

Das Maass und die Zeit, in welcher ein Dünger wirkt, ist ab- 
hängig von der Eigenschaft, Menge und Form der in ihm enthal- 
tenen Nährstoffe, ferner von der Zeit und Anwendungsart, dem Klima, 
der Bodenart und den Pflanzen, für die er bestimmt ist. Dünge- 
mittel, welche die wichtigsten Nährstoffe in. entsprechenden Mengen 
und in leicht aufnehmbarer Form enthalten, werden weit schneller 
und kräftiger wirken , als solche, in denen die Nährstoffe erst all- 
mählich und oft sehr langsam den Pflanzen zugänglich werden. 
Daher bezeichnet man auch die ersteren als „schnellwirkende", 
„treibende", letztere hingegen als „ 1 a n g s a m w i r k e n d e ", 
„nachhaltigwirkende", „nachwirkende". "Während bei 
ersteren die Wirkung schon im ersten, aber eben nur für dieses 
Jahr, eintritt, äussern die letzteren im ersten Jahre eine viel ge- 
ringere, aber dafür durch mehrere Jahre dauernde Wirkung. Der 
in den Wollabfällen enthaltene Stickstofi' z. B. wird als Dünge- 
mittel den Pflanzen nur langsam und auf mehrere Jahre vertheilt 
zu Gute kommen, hingegen ist der in Ammoniaksalzen gebotene 
Stickstoff in solchem Zustande, dass er gleich im ersten Jahre voll- 
ständig von den Pflanzen aufgenommen werden kann. Des letzteren 
Wirksamkeit wird eine rasche, aber um so kürzer andauernde sein. 

Der richtige Werth eines Düngemittels wird in dem ein- 
zelnen Fall durch seine Wirkung bedingt, wobei alle maassgebenden 
Verhältnisse berücksichtigt werden müssen , wogegen der Werth, 
wenn er wie gewöhnlich nach einzelnen wichtigen Bestandtheilen 
(Nährstoffen) des Düngemittels geschätzt wird, nur ein relativer 
ist, denn alle anderen einflussnehmenden Verhältnisse bleiben hierbei 
unberücksichtigt. Von der Wirkung des Düngers soll auch dessen 
Preis bestimmt werden, wobei als leitender Grundsatz gelten muss, 
die beabsichtigte Wirkung mit den geringsten Mitteln zu erreichen. 
Die Geldwerthbestimmung eines Düngemittels nach dem Preise der 

V. Gohren, Ackerbauchemie. 23 v 



354 Der Dünger und seine richtige Anwendung. 

einzelnen in ihm enthaltenen Nährstoffe, die, Avie Kalisalze, salpeter- 
saure Salze u. s. w. Handelsartikel sind, ist irrationell. Die Markt- 
preise dieser Artikel dürfen keineswegs als Maassstab zur Berechnung 
angelegt werden , sondern nur etwa jene Preise , zu welchen die 
Nährstoffe auf andere Weise in den als Düngemittel dem Land- 
wirthe zugänglichen Stoffen am billigsten beziehbar sind. Abge- 
sehen davon, dass auch diese Preise stets von localen Verhältnissen 
abhängig sind und Schwankungen unterworfen bleiben müssen, kann 
eine solche Preisberechnung schon deshalb nie verlässlich sein, weil 
der Werth eines Düngemittels überhaupt nicht allein von der Gegen- 
wart seiner Bestandtheile abhängig ist. Daher erklärt sich auch, 
warum die von einigen Agriculturchemikern bestimmten Geldwerthe 
für die einzelnen Nährstoffe so sehr von einander abweichen. 

Für die Verhältnisse Oesterreichs würden in der Gegenwart 
am entsprechendsten die folgenden sein; 
lo/o (per 100 Kilo) 
Phosphorsäure in sofort löslicher Form im 

Kalksphosphat 22—25 Krz. 

Phosphorsäure unlöslich, in Superphosphaten 
wird merkwürdiger Weise gar nicht ge- 
zahlt. 
Phosphorsäure schwer löslich, in Form von 
Spodium, Knochen u. s. w. (jedoch nicht als 
Thonerde- oder Magnesium-Phosphat) . . . 18 — 20 „ 
Dreibasisch phosphorsaurer Kalk im Spodium . 4 — 5 „ 
Stickstoff in Form von Ammoniak, Salpetersäure 

oder sonst leicht löslicher Form . . . . 70 — 90 „ 
in Form von Proteinkörpern, welche leicht zer- 
setzlich sind, z. B. Leimsubstanz im Knochen- 
mehl, Pflanzenprotein in Kapskuchen u. s. w. 60 — 70 „ 
in Form von Hornsubstanzen, z. B. Haare, Leder- 
klein, Putzwolle, Schafwollabfall, Hornspähne, 

Hufschmiedeabfall u. dergl 40 — 50 „ 

dieselben bei 120» C. geröstet 60—70 „ 

Kali, in Verbindung mit Schwefelsäure oder Sal- 
petersäure 45 — 50 „ 

als Chlorid, Carbonat oder sonst löslicher Form 40 — 45 „ 
als Silicat ist noch nicht marktfähig. 
Natron wird nicht berechnet, da z. B. im Chili- 
salpeter nur der Stickstoffgehalt berücksichtigt 
wird. 
Ein gleiches gilt bisher für die Schwefelsäure. 
Gyps hingegen wird variabel gehandelt u. zw. . 12 — 25 „ 



Die Düngeranwcndung im Allgemeinen. 355 

Kalk wird nur als Gyps, Mauersalpeter, Nitril-Kalk oder drei- 
basisch phosphorsaurer Kalk, aber wohl nur wegen der begleiten- 
den Säuren berechnet. 



Die Düngeranwendung- im Allgemeineii. 

Das Einverleiben von Dünger in den Boden oder die Dünger- 
anwendung bezeichnet man mit dem Worte Düngung. Man ge- 
braucht diesejn Ausdruck in der Praxis aber auch für die auf eine 
bestimmte Culturfläche auf einmal verwendete Düngermenge. 

Zweck der Düngung ist, wie schon hervorgehoben, die 
Erhaltung oder Vermehrung der Fruchtbarkeit des Bodens bis zur 
grössten erreichbaren Höhe , und da der Landwirth die Erträg- 
nissfrage (Rentabilität) stets vor Augen haben soll, muss er jenes 
Maximum mit dem möglichst geringen Kostenaufwand zu erreichen 
suchen, was nur durch richtige Anwendung des Düngers 
möglich ist. Die Beurtheilung dieser Anwendung gehört allerdings 
zu den schwierigsten Aufgaben. 

Richtig wird der Dünger angewendet, wenn derselbe nach 
Zusammensetzung, Menge, Form, Zeit und mit Rücksicht 
auf die Bodenbeschaffenheit in solcher Weise dem Acker 
einverleibt wird, wie die zu bauende Culturpflanze es erfordert, 
um den höchst möglichen Ertrag abzuwerfen. 

Was zuerst die richtige Anwendung nach Zusammensetzung 
und Menge des Düngemittels anlangt, so sollte man meinen, dass 
diese beiden Erfordernisse den wissenschaftlichen Forschungen ge- 
mäss sich nur genau nach der Entnahme der Nährstoffe durch die 
Culturpflanze , zu welcher der Dünger verwendet wird , zu richten 
brauchen. Dieser Entnahme entsprechend werden ja auch in 
der That für Weizen, Rüben, Gräser u. a. Pflanzen Düngerarten 
jetzt zusammengesetzt und verkauft. Man könnte so jeder Cultur- 
pflanze die nöthigen Nährstoffe — nach Kilo, ja bis auf Gramme 
berechnet — zuführen, so dass, wenn über den jeweiligen Zustand 
des Bodens eine förmliche Buch- und Rechnungsführung denkbar 
wäre, jeder Landwirth über den Nährstoffvorrath im Boden aufs 
genaueste unterrichtet sein müsste. Es wäre dies jedenfalls das 
Ideal einer rationellen Pflanzenernährung, ist und bleibt aber eben 
nur Ideal; denn die Natur lässt sich nun einmal in menschlich 

23* 



356 Die Düngeranwendung im Allgemeinen. 

kleinlicher Weise nicht controliren^ sie entzieht sich jeder genauen 
Buchführung, sind wir doch bei den meisten Nährstoffen schon über 
die Form, in welcher sie den Pflanzen geboten werden müssen, im 
Unklaren. Ueberdies beeinflussen die Bodenbeschaffenheit , die Wit- 
terungs- und andere Verhältnisse die Wirkung eines Düngemittels 
sehr bedeutend. 

Ist nun auch die Düngung in der Praxis und im Grossen nicht 
überall mathematisch genau nach der Entnahme jeder einzelnen 
Culturpflanze durchführbar, so soll der Landwirth sie deshalb 
doch nicht ignoriren. Es hiesse das Kind mit dem Bade ausgiessen, 
wollte er bei der Düngung die Entnahme der einzelnen Nährstoffe 
ganz unberücksichtigt lassen. Im Gegentheil muss ihm die Ent- 
nahme in Gesammtmenge wie im Einzelnen immer als Richtschnur 
bei der Düngung dienen, wenn er den Ersatz auch nicht mit chemi- 
scher Genauigkeit einzuhalten vermag. Es genügt dem Land- 
wirthe zu wissen: die Rübenarten entziehen dem Boden sehr viel 
Kali und überhaupt mehr Stoffe als der Weizen und er folgert hier- 
aus, dass sie eine stärkere, an Alkalien reichere Düngung erhalten 
müssen, als Weizen. Um die verschiedenen Entnahmen an einzelnen 
Nährstoffen im Boden zu ersetzen, müssen sonach Düngerarten ge- 
wählt werden, welche durch ihre Bestandtheile diese Entnahmen zu 
decken vermögen. Hieraus ergibt sich auch, wie nöthig es ist, bei 
richtiger Anwendung des Düngers auf die Art der zu bauenden 
Pflanze Rücksicht zu nehmen. Handelt es sich um den Ersatz aller 
wichtigen Nährstoffe, so muss man ein allgemeines, handelt es 
sich nur um einzelne Stoffe, ein besondere s Düngemittel wählen. 
Wie wenig bekannt aber diese Lehren im Allgemeinen heute noch 
sind, zeigen in praxi die täglichen Vorkommnisse. Langt z, B. ein 
Landwirth mit seinem Stalldünger für das bestimmte Areal nicht 
aus, so verursacht ihm das wenig Kopfzerbrechen, auslangen 
soll er, — und er meint ein Dünger ist wie der andere — 
item, er greift nach dem ersten besten zur Hand liegenden, z. B. 
Kalk! — Unglaublich, aber doch wahr! Wie soll ein einzelner 
Stoff, wie Kalkerde, den Stalldünger ersetzen, der alle Nährstoffe 
enthält?! 

Im Allgemeinen unterscheidet man in der Praxis nach der 
Menge des dem Acker auf einmal einverleibten Düngers eine 
starke, mittlere, schwache oder ganze und halbe Dün- 
gung und hat nach den Erfahrungen aus der Praxis für die wich- 
tigsten Düngemittel bestimmte Zahlen festgestellt; so sind z. B. 
800 — 850 Ctr. Stalldünger eine starke, 300 — 350 Ctr. eine schwache 
Düngung per Hectar. 

Die Form, in welcher ein Düngemittel dem Boden gereicht 



Die Düngeranwendung im Allgemeinen. 357 

wird, ist nicht minder von wesentlichem Einflüsse auf dessen Wir- 
kung, weil die Nährstoffe ja eben nur in bestimmter Form von 
den Pflanzen aufnehmbar sind. Die Düngemittel, welche die Nähr- 
stoffe in assimilirbarer Form enthalten, werden demnach viel rascher 
und somit günstiger wirken, als jene mit unlöslichen oder nur 
schwer löslichen Nährstoffen. Doppelt gibt, wer schnell gibt! In 
England verwendete man, als die Knochendüngung Aufnahme fand, 
anfänglich 10 — 12 Centner Knochen in groben Stücken per eng- 
lischen Acker, bald darauf aber in kleineren Stücken nur noch 
6 — 7 Centner, gegenwärtig aber in gepulverter und aufgeschlossener 
(schnellwirkender) Form nur 1 — 2 Centner und erzielt schon im 
ersten Jahre ungleich höhere Erträge wie bei den zehnfach grösseren 
Mengen desselben Düngemittels in schwer löslicher Form. Der 
Landwirth ist folglich im Stande, mit demselben Capital bei gleicher 
Wirkung sechsmal mehr Feld zu bedüngen, wenn er sich eines 
schnell wirkenden Mittels richtig bedient. Ueberdies sind die Er- 
folge langsam wirkender Düngemittel viel zu sehr von den Boden- 
und Witterungsverhältnissen abhängig, da sie, in den Boden ge- 
bracht, nur allmählich und auch dann nur löslich werden, wenn 
alle Bedingungen der Verwesung und Verwitterung günstig sind. 
Je ungünstiger diese sind, desto länger verzieht sich auch die Wir- 
kung des Düngemittels, ja sie kann auch ganz ausbleiben, wenn die 
Löslichmachung durch anhaltende zu grosse Trockene oder Nässe 
gehindert wird. Jeder rechnende Landwirth, der an dem Grundsatz 
des möglichst schnellen Capitalumsatzes festhält, wird demnach immer 
lieber zu den schnell- als zu den langsam wirkenden Düngemitteln 
greifen, weil er durch die frühere Wirkung nicht nur an Zeit, 
sondern auch an Zinsen vom Capital, das er für das langsamer 
wirkende Düngemittel auslegt, erspart. 

Wo zufolge eines bestimmten Wirthschaftssystems nur in einer 
bestimmten Reihe von Jahren einmal gedüngt wird, und die Früchte 
der dazwischen liegenden Jahre ebenfalls von dieser Düngung 
Nutzen ziehen sollen, da muss natürlich auch die Nachwirkung der 
Düngung mit in Rechnung gezogen werden. Im Allgemeinen müssen 
aber auch die Geldmittel und sonstige Verhältnisse des Landwirthes 
darüber bestimmen, was zuträglicher sei: ob alljährlich mit schnell 
wirkenden, oder nach Verlauf einiger Jahre nur einmal mit langsam, 
aber sicher nachwirkenden Mitteln zu düngen ist. 

Auch zu rechter Zeit muss gedüngt werden. Es bezieht 
sich diese Zeitforderung auf die entsprechendste Entwicklungsperiode 
der Culturpflauzen, auf die Jahreszeit und auf die Witterung, end- 
lich auch auf die Frage, ob das Düngemittel unmittelbar zur Vor- 
oder Nachfrucht, oder bei welcher Ackerungsfolge es angewendet 



358 Die Düngeranwendung im Allgemeinen. 

werden soll. Eine Gypsung des Klees z. B. bei trockenem Wetter 
bleibt wirkungslos. Eine starke Düngung zu Winterhalmfrüchten, 
unmittelbar gegeben, verursacht Lagerung und wirkt mehr auf den 
Stroh- als Körneransatz; wogegen Raps, Mais eine starke frische 
Düngung nicht nur vertragen, sondern nöthig haben. Blattfrüchte, 
z. B. Futterwicken, werden am erfolgreichsten in frische Düngung 
gebaut und bereiten den Boden am besten für die nachfolgende 
Winterfrucht vor. Ferner ist es durchaus nicht gleichgiltig , in 
welcher Zeit der Vegetation man den Dünger anwendet. Im Allge- 
meinen ist sehr zu empfehlen, leicht lösliche Düngemittel bei schon 
aufgegangenen Saaten zu verwerthen (Kopfdüngung). Man 
hat auch versucht, die Wirkung eines Düngemittels dadurch zu 
erhöhen, dass man es auf verschiedene Zeiten vertheilte, z. B. einen 
Theil zur Ackerung, einen andern zur Aussaat als Samendün- 
gung, einen dritten als Kopfdüngung, diesen Vorgang be- 
zeichnet man als successive Düngung. In Belgien düngt, 
„mästet" man während des ganzen Sommers Kohl und Runkel- 
rüben mit Jauche, was zwar viel Arbeit und Kosten erfordert, sich 
aber auch durch einen erhöhten Ertrag reichlich lohnt. In der 
gewöhnlichen Praxis hat aber das Verfahren einer Vertheilung der 
Düngung bisher nur bei zwei Stadien Eingang gefunden. Man gibt 
nämlich eine schwache Ackerungs-Düngung und dann noch eine 
Kopfdüngung. 

Von der Bodenbeschaffenheit ist die Wirkung eines 
Düngemittels sowohl in physikalischer wie chemischer Beziehung 
oft ganz abhängig. Es darf die physikalische Beschaffenheit durch- 
aus keine entschieden ungünstige sein. In einem versumpften Bo- 
den wird kein Düngemittel wirken, bevor nicht das Wasser abge- 
leitet wurde. Gewisse Düngemittel verlangen aber auch eine be- 
stimmte physikalische Beschaffenheit des Bodens. Strohige oder 
auflockernde Düngemittel z. B. gehören und passen nur in bindige 
und schwere ; flüssige Düngemittel dagegen nur auf leichte, trockene 
Bodenarten. Von der chemischen Beschaffenheit eines Bodens ist 
die Wirkung des Düngers deshalb abhängig, weil die Nahrungs- 
zufuhr überhaupt nur Wirkung hervorbringen kann, wenn Mangel 
an einem oder mehreren Nährmitteln im Boden herrscht. Sind alle 
Nährstoffe in nöthiger Menge vorhanden, so bleibt der Dünger ohne 
Einwirkung auf die Erhöhung des Ertrags. Würde z. B. durch 
100 Centner Guano sogleich ein trefflicher Erfolg sichtbar, so lässt 
sich diese Wirkung nicht etwa durch eine nochmalige Zufuhr von 
100 Centnern verdoppeln; die Auslage für letztere wäre wegge- 
worfen. Wie man aber Pflanzen zur Nahrungsaufnahme zwingen 
d. h. wie weit man die Pflanzenproduction durch Nahrungszufuhr 



Die Düngeranweudung im Allgemeinen. 359 

steigern kann, wird sich später bei Darlegung der Bedingungen 
eines rationellen Wirthscliaftsbetriebes zeigen. Wir wollten hier 
eben nur in Umrissen die Grundsätze einer richtigen Dünger- 
anwendung angedeutet und ihre Hauptmomente hervorgehoben haben. 
Ausführlicher soll dies bei jedem einzelnen der verschiedenen Dünge- 
mittel geschehen, zu deren Charakterisirung wir nun übergehen. 
Zuvor müssen wir uns nur noch über die Eintheilung der Dünge- 
mittel aussprechen. Schon aus dem Vorhergehenden ergibt sich, 
dass man, je nachdem man diese oder jene Eigenschaft der Dünger 
ins Auge fassf, auch die verschiedenartigsten Eintheilungen treffen 
kann. So lassen sich die Düngemittel in natürliche und künstliche, 
allgemeine und specielle, organisclie und unorganische, thierische, 
vegetabilische und mineralische, in schnell und langsam wirkende, 
in Hauptdünger und Hilfs- oder Beidünger und in noch andere 
Klassen und Schemata bringen. Wir halten an der einfachsten, 
weil naturgemässesten und dem Begriffe des Düngers am besten 
entsprechenden Eintheilung fest, nämlich an der nach den chemi- 
schen Bestandtheilen. Nach dieser Eintheilung sind zunächst zwei 
Hauptklassen zu unterscheiden: 

A. Allgemeine D ü n g e r a r t e n. 

1. Stalldünger. 

2. Pferchdünger. 

3. Menschliche Ausscheidungen. 

4. Stickst off- Guano (Ausscheidungen von Vögeln). 

5. Blut und andere thierische Abfälle. 

6. Frische Pflanzen, Gründüngung. 

7. Oelkuchen und andere pflanzliche Abfälle bei technischen 
Gewerben. 

8. Torf. 

9. Erde. 

10. Wasser. 

11. Flüssige Düngung. 

12. Menge düng er (Compost). 

B. Specielle Düngerarten. 

13. Kali reiche: Melasse. Stassfurter Abraumsalz. Kalihaltige 
Gesteine. Pflanzenaschen u. s. w. 

14. Phosphor säur er eiche: Knochen. Superphosphate. Phos- 
phorit. Phosphorguano. Koprolithen u. s. w. 

15. Stick st off reiche: Ammoniaksalze. Natron (Chili-) und 
Kalisalpeter u. s. w. 



360 Allgemeine Düngerarten. 

16. Kalk reiche: Kalk und Mergel. Gyps u. s. w. 

17. Schwefelsäurereiche: Gyps u. a. Gesteine und Salze 
u. s. w. 

18. Chlor- und natronhaltige: Kochsalz (Düngersalz). 
Stassfurter Abraumsalz u. s. w. 



A. Allgememe Dimgei^arten. 

1. Stalldünger (Stallmist). 

Der Stalldünger wird aus den thierischen Entleerungen, denen 
man andere das Festhalten derselben bewirkende Substanzen (Streu- 
material) beimengt, bereitet. Wir müssen uns zuerst mit den Eigen- 
schaften der Entleerungen als solcher näher bekannt machen. 

a. Die Entleerungen (Ausscheidungen) 

der Hausthiere sind theils fester, theils flüssiger Art. Nicht nur 
nach dieser Formverschiedenheit, sondern auch nach der Gattung, 
dem Alter des Thieres, wie nach dessen Arbeits-Benutzung, dem 
Futter und anderen Verhältnissen ist die Zusammensetzung der Ex- 
cremente sehr verschieden. Zur Erklärung der Verschiedenheit 
zwischen festen und flüssigen Entleerungen haben wir uns zunächst 
deren Entstehung durch den Verdauungsprocess in Kürze dar- 
zulegen. Das Futtermaterial gelangt durch die Zähne zerkleinert 
in den Magen, wo es mit Hilfe der Verdauungsflüssigkeiten (Magen- 
saft, Galle, Bauchspeichel u. s. w.) verdaut, d. h. zur Umwandlung 
in Blut vorbereitet wird. Die überhaupt verdaulichen Stoffe werden 
dem Blute zugeführt, die unverdaulichen verbleiben in den Ge- 
därmen, bis sie allmählich als feste Excremente mit einigen Gallen- 
bestandtheilen gemengt durch den Darmcanal ausgeschieden werden. 
Aus dem Blute entstehen die verschiedenen organischen Gebilde, 
welche den Thierkörper zusammensetzen und die entstandenen 
werden ernährt. Bei dem noch wachsenden Thiere erfolgt also 
nebst der Ernährung auch noch die Neubildung von Fleisch, 
Knochen u. s. w., bei dem schon erwachsenen , an Masse nicht 
mehr zunehmenden Thiere hingegen findet nur der Ersatz der sich 
abnutzenden Theile organischer Gebilde statt. Die unnöthig ge- 
wordenen Stoffe werden in flüssiger Form als Harn durch die 
Nieren abgeschieden und entfernt. 

Die Menge der als Nahrung aufgenommenen Stoffe entspricht 
aber keineswegs der Menge fester und flüssiger Ausscheidungen, 



Die Entleerungen (Ausscheidungen). 



361 



indem von den Bestandtheilen des Futters ein nicht unbedeutender 
Theil während seines Durchganges durch den Körper in Folge des 
Athmens und der Ausdünstung (Transspiration) in Gasform ausge- 
schieden wird. 

Die mit Genauigkeit bei einem Ochsen durchgeführten Versuche 
zur Bestimmung der Menge aller dieser Arten von Ausscheidungen 
ergaben nach Henneberg und Stohmann bei 1000 Pfund 
Lebendgewicht: 



Ein Ochse verbraucht 



S N 



S =' 



N 



Pfund 



an Futter .... 

Feste ;Entleerungen . 

Flüssige „ 

Gesamnit- „ 

Daher Verlust durch 
den Athmungs- und 
Ausdünstungsprocess . 



98,0 


21,0 


77,0 


9,4 


1,28 


0,306 


8,5 


1,46 


61,0 


9,1 


51,9 


4,3 


0,53 


0,147 


3.3 


0,91 


20,8 


1,4 


19,4 


0,3 


0,04 


0,158 


0,3 


0,56 


81,S 


10,5 


71,3 


4,6 


0,57 


0,305 


3,6 


1,47 

Ueber- 
schuss*) 


16,2 


10,5 


D,/ 


4,8 


0,71 


0,001 


4,9 


0,01 



6,8 
3,4 

3,4 



3,4 



Hieraus ergibt sich die wichtige Thatsache, dass beim Durch- 
gang des Futters durch den Thierkörper in erster Reihe Kohlen- 
stoff, Wasserstoff und Sauerstoff, in ungleich geringerer Menge aber 
Stickstoff durch den Athmungs- und Transspirationsprocess in Form 
von Kohlensäure, Wasser und Ammoniak ausgeschieden werden 
und dass wir demnach alle Mineralstoffe und den grössten Theil 
des Stickstoffes mit den Resten von Kohlenstoff, Wasser und Sauer- 
stoff des Futters in den festen und flüssigen Entleerungen erhalten 
müssen. Bei Jung- und Milchvieh ändern sich diese Verhältnisse. 

Wir müssen nun auch näher auf die Zusammensetzung jeder 
der beiden Formen eingehen, in welchen der Thierkörper die un- 
verdaulichen und die für den Lebensprocess nicht mehr tauglichen 
Stoffe ausscheidet. 

Der Harn (Urin) bildet eine mehr oder weniger gelbbräunlich 
gefärbte Flüssigkeit , welche fast allen im Körper ausgeschiedenen 
Stickstoff mit allen in den Nieren zur Ausscheidung gelangten 
Salzen des Blutes in gelöstem Zustande enthält. Der Hauptbestand- 
theil des Harns ist Wasser, 87 bis 97 Procent; die übrigen Be- 



*) Der Ueberschuss an Mineralstoffen stammt Ton dem dem Futter anhaf- 
tenden Staub und den im Tränk-w asser gelösten Stoffen. 



362 



Der Harn, 



standtlieile sind vorwiegend organische Stoffe, von welchen die stick- 
stoffhaltigen die werthvollsten sind. Der Stickstoff des frischen 
Harns ist in eigenthümlichen Verbindungen mit Wasserstoff und Sauer- 
stoff vorhanden. Die drei wichtigsten dieser Verbindungen sind: 
Harnstoff mit etwa 4OV2 Proc. — Harnsäure mit 88^/2 Proc. — 
und Hippursäure mit 72/3 Procent Stickstoff. Der Stickstoff wird 
demnach durch den Harn nicht in Form von Ammoniak, dem ge- 
wöhnlichen Endproducte des Verfalles stickstoffhaltiger organischer 
Körper, ausgeschieden. Unter den Mineralbestandtheilen des Harns 
haben wir natürlich zunächst solche zu suchen, die löslich sind, 
demnach vorzüglich die Verbindung von Kali und Natron (Alkali- 
salze), weniger die schwerlöslichen Verbindungen, wie phosphor- 
saurer Kalk und Magnesiasalze. 

Die Zusammensetzung des Harns unserer grösseren Hausthiere 
ist etwa nachfolgende : 



1000 Pfund, ungefähr 5,6 Hectol. frischen 
Harns enthalten : 



Gesamnitmenge an trockenen Stoffen ... 

Hierin: Stickstoff 

Gesammt-Mineralstoffe 

Hierin: Kali 

„ Kalk- und Talkerde .... 

„ Phosphorsäure 

„ Schwefelsäure 

Jährliche Menge des Harns in Pfunden beiläufig 




62 


110 


135 


7 


12 


14 


27 


30 


36 


22 


17 


20 


'h 


8 


6 


Spur 


Spur 


Vs 


1 


11/2 


4 


8000 


3000 


380 



25 

3 

10 

7V2 

V2 

IV3 

V^ 

1200 



Alle diese Angaben sind jedoch wegen der zahlreichen dabei 
zu berücksichtigenden Einflüsse nur als annähernd richtige Bestim- 
mungen anzusehen. 

Aus vorstehenden Zahlen ergibt sich, dass der Harn der land- 
wirthschaftlichen Nutzthiere sich durch den Stickstoff- und Alkali- 
gehalt charakterisirt, in welchen beiden Stoffen auch sein Dünger- 
werth zu suchen ist. An Phosphorsäure ist er hingegen sehr arm. 
Uebrigens zeigen auch die Harne der verschiedenen Nutzthiere 
verschiedenen Gehalt. Der Schafharn z. B. enthält in 1000 Pfund 
14 Pfd., der Schweinharn nur 3 Pfd. Stickstoff; an Alkalien ent- 
hält der Schweinharn gleichfalls die geringste Menge. Aus diesen 
Verschiedenheiten in der Harnzusammensetzung erklärt sich auch 
dessen ungleicher Werth; derselbe ordnet sich etwa wie folgt: Schaf-, 
Pferd-, Rind- und Schweinharn. 



Die Jauche. 363 

Der Harn hat die Fähigkeit, unter Trübung und Entwickelung 
von verschiedenen übelriechenden Gasen (Ammoniak-, Schwefel- 
wasserstoffgas u. dgl.) sehr rasch in Fäulniss tiberzugehen. In 
diesem mehr oder weniger zersetzten Zustande oder bei gemischter 
Viehhaltung als Harn-Gemenge bildet er das, was man als 

Jauche (Gülle, Mistjauche, Odel, Pfuhl) bezeichnet. Man 
benennt ebenso auch jene Flüssigkeit, welche aus frischen Dünger- 
haufen fliesst und aus theilweise mit Wasser gemengtem Harn, der 
schon den Dünger durchdrungen hat, besteht. Der Behälter, in 
welchem die Jauche sorgfältig gesammelt und aufbewahrt werden 
soll, nennt man Jauchenbehälter (Güllenbehälter, Güllenloch). 
Er muss wasserdicht, mehr tief als flach und vor Regenwasser 
vollkommen geschützt, dabei auch so gelegen sein, dass die Jauche 
ihren Lauf dahin leicht nehmen und aus dem Behälter nach Bedarf 
leicht entfernt werden kann. Am zweckmässigsten ist es, denselben 
mit Stein auszumauern, der aber nicht in Mörtel, sondern in ein 
durch Wärme flüssig gemachtes Gemenge aus Steinkohlentheer, 
Binderpech und Sand gelegt wird; hinter dieser Mauer ist noch 
eine Thonlage zu geben. Muss man aber Mauerziegel zum Bau 
verwenden, so sollen diese gewärmt und mit Theer getränkt wer- 
den. Ferner ist es nöthig, den Jauchenbehälter bis auf eine ver- 
schliessbare Oeffnung oben mit Holz oder Stein zu decken, um der 
Ammoniakverflüchtigung und möglichen Unglücksfällen vorzubeugen. 
Seine Anlage ist am geeignetsten unmittelbar an der Düngerstätte 
selbst, nur müssen bei einer tieferen Lage derselben Abzugscanäle 
für die Jauche aus dem Stalle mit einem hinlänglichen Gefälle an- 
gebracht werden. Diese Canäle sollen wie der Behälter wasserdicht, 
am besten aus Thonröhren hergestellt, bei ihrer Einmündung im 
Stalle aber mit einem dichten Drahtgitter gegen Verstopfung ver- 
wahrt werden. 

Die Grösse des Jauchenbehälters ist durch jene des Viehstandes 
und der Verwendungsart der Jauche bedingt. Soll der Behälter 
eben nur als Ansammlungsort dienen, so kann er kleiner sein, und 
reicht dann ein Gehalt von 30 — 40 Liter pr. Stück Vieh vollständig 
aus, weil in diesem Falle eine zweimalige bis dreimalige Entleerung 
in der Woche stattfindet. Bei kleinem Viehstande reicht ein in den 
Boden versenktes Oelfass von 4 — 6 Hectol. Gehalt aus. 

Die sich im Behälter ansammelnde Jauche hat im Allgemeinen 
geringeren Werth als der ursprüngliche Harn, weil letzterer dann 
meist schon mit Wasser verdünnt ist und theils Stoffe an den 
Dünger abgegeben, theils durch Verflüchtigung des Ammoniaks an 
Stickstoff verloren hat. Hier folgt die Zusammensetzung solcher 
Jauchen : 



364 



Die Jauche. 



1000 Pfund (ungefähr 5,6 Hectol.) 


1. 


2. 


3. 


4. 


5. 


6. 


Jauche enthalten: 1 


a. 


b. 


Gesammtmenge an trockenen 

Stoffen 

Hierin: Stickstoff . . . • 
Gesammt-Mineralstoffe .... 

Hierin: Kali ...... 

„ Kalk- und Talkerde . 
„ Phosphorsäure . . . 
„ Schwefelsäure . , . 


6 

1^/100 
4 

2V2 
//lO 
■^/l 00 

3/10 


9 

2/10 

5 

2V2 

V2 
l/,0 

-72 


17 

4 
11 

5 

3/lO 
7lO 
1 


9 

3 
? 

3 

72 

7io 

3/l0 


16 
2 

7 
32/3 

ä/lO 

7ioo 

7100 


672 

7io 
3710 
2 

^'iO 

? 
? 


872 
^/lO 

7 
5 

;/■» 



ad 1. Jauche, bestehend aus Pferdeharn mit wenig Kuh- und 

Schweinharn von Westonbirt, nach einer Analyse von Völker. 

„ 2. Jauche von Badmiton, bestehend meist aus Kuhharn, nach 

Völker. 
„ 3. Jauche, die sich aus dem Stalle und Düngerhaufen im Be- 
hälter angesammelt hat, nach Eggar. 
„ 4. Jauche aus einem mit Stall und Düngerstätte in Verbindung 

stehenden Behälter, nach Koller. 
„ 5. Jauche, dem Harn von Kühen entstammend, die mit Klee 
und-Trebern, mit Salz vermischt, gefüttert wurden, nach 
Krutzsch. 
„ 6. Jauche von Johnston analysirt: a) nach einem starken 
Regeufall im Behälter zusammengeflossen; b) Kuhharn nach 
Durchdringung eines Düngerhaufens abgeflossen. 
Aus diesen Zahlen ergibt sich die grosse Verschiedenheit in 
der Zusammensetzung der Jauche. Im Allgemeinen ist die Jauche 
an festen löslichen Stoffen wie an Stickstoff ärmer, als der frisch 
gelassene Harn. Welchen Einfluss die Verdünnung der Jauche 
durch Regenwasser auf deren Zusammensetzung hat, ist aus der 
6. a. angeführten Analyse ersichtlich. Die Abnahme an aufgelösten 
festen Stoff'en bezieht sich aber nicht auf alle derselben, bei Phos- 
phorsäure, welche im frischen Harn nicht oder doch in geringerer 
Menge vorhanden ist, findet im Gegentheil eine Zunahme statt. 
Auch Kalkerde zeigt sich bei einigen Jauchen mehr als im ursprüng- 
lichen Urin. Es rührt dies daher, dass der durch den Düngerhaufen 
sickernde Harn die in demselben durch den Fäulnissprocess löslich 
gewordenen Stoffe aufnimmt. 

Auch das Alter der Jauche hat auf ihre Zusammensetzung und 
zwar vorzüglich auf ihren Gehalt an Ammoniak Einfluss ; sie wird um 
so ärmer an Stickstoff, je älter sie ist^ da die stickstoffhaltigen Stoffe 
des Harns sich ziemlich rasch in Ammoniak, das flüchtiger Natur ist, 
verwandeln. Auch andere übelriechende Fäulniss-Producte verflüch- 
tigen sich unter Bildung von Humusstofl'en. Diese letzteren ertheilen 



Die Jauche. 365 

der Jauche die dunkle Farbe, man sagt dann: „die Jauche gährt 
oder fault." — Nach Ne ssler enthielten: 10,000 Grm. Kuhharn, 
der in geschlossenem Gefässe aufbewahrt war, 

Am 1. Tage — 6 Grm. Ammoniak. 
4 — 10 

n O. „ lo „ „ 

.. 12 — 24 

„ 16. „ — 26 „ „ 

Nach dieser Zeit nahm der Gehalt an Ammoniak nicht mehr 
zu. Eine gleiche Gewichtsmenge desselben Harnes, aber im offenen 
Gefässe stehen gelassen, enthielt nach 3 Wochen nur 13 Grm. 
Ammoniak, verlor demnach die Hälfte durch Verdunstung. Zu 
einem andern Versuch wurde Jauche aus einer Düngergrube ge- 
nommen, die in 10,000 Grm. 28 Grm. Ammoniak enthielt. Ein 
Theil davon wurde in flachem Gefäss bei warmem windigen Wetter 
in's Freie gestellt, ein anderer kam in eine Flasche und diese 
wurde zugekorkt. 

In der Flasche. Im offenen Gefässe. 
Den 1. Tag 28 Grm. 28 Grm. 

« 5. „ 28 „ 6V2,, 

. 7. , 28 „ 5 „ 

Diese Umwandlung des Harnstoffes in Ammoniak (also voll- 
endete Gährung) ist natürlich von äusseren Umständen, namentlich 
davon abhängig , ob die Jauche , wie das gewöhnlich der Fall ist, 
mit den Excrementen der Thiere in Berührung gekommen war oder 
nicht. Im ersten Falle wird die Gährung ungemein beschleunigt, 
und Harn, der mit Excrementen in Berührung war, enthielt (nach 
Fraas) 24 Stunden nach dem Fiiessen nur mehr Spuren von 
Harnstoff und Hippursäure, beide waren schon in Ammoniak 
verwandelt. Ferner ist die Beendigung der Harngährung noch von 
der Witterung beeinflusst. Im Sommer dauert sie 12 — 16 Tage, 
im Winter länger. Die Verflüchtigung des Ammoniaks und der 
hierdurch verursachte Verlust ist sehr bedeutend. Auf die Grösse 
des Verlustes hat aber der Umstand , ob sich die Jauche in einem 
flachen oder hohen Behälter befindet, wesentlichen Einfluss. Ein 
Versuch zeigte, dass in flachem offenen Gefässe das Ammoniak schon 
nach vier Tagen auf 1/4 der ursprünglichen Menge sank, dies ist 
auch der Grund, warum die Jauchenbehälter mehr tief als flach 
angelegt sein müssen. Zugleich ist einleuchtend, wie unberechenbar 
der Verlust an Ammoniak sein muss, wenn, wie leider so häufig, 
der Landwirth die Jauche in Pfützen auf dem Hofe stehen lässt 
und so der Sonne und dem Wind und damit erst recht der Ver- 
flüchtigung dieses kostbaren Stoffes aussetzt. 



366 



Die festen Escremente. 



Die Jauche muss, um Ammoniak nicht zu verlieren, 
den Lehren der Chemie entsprechend, behandelt wer- 
den. Es gibt Mittel genug, welche mit dem Ammoniak eine 
chemische, aber nicht flüchtige Verbindung eingehen, dasselbe 
folglich binden und vor der Verflüchtigung schützen. Solche, Am- 
moniak bindende Mittel sind u. A. : 

Salzsäure, Schwefelsäure*) und andere Substanzen, 
welche diese Säuren enthalten, wie Gyps (schwefelsaurer Kalk), 
Eisenvitriol (schwefelsaures Eisenoxydul); ferner: die Gyps 
und Eisenvitriol und andere schwefelsaure Salze enthaltenden soge- 
nannten Schwefelkohlen (Oppelsdorfer, Muckower). Die Wir- 
kungsart bei allen diesen Stoffen ist immer die, dass das Ammoniak 
in der Jauche sich mit der Salzsäure oder Schwefelsäure zu 
nicht flüchtigem Chlorammonium oder schwefelsaurem Ammoniak 
verbindet. 

Gyps hat den Nachtheil, dass er sich in Folge seiner Schwer- 
löslichkeit auf dem Grunde der Jauchengrube ansetzt. Salzsäure aber 
erzeugt, in Ställen angewendet, durch Bildung von Salmiak (Chlor- 
ammonium) nachtheilige weisse Nebel; im Freien hingegen ist diese 
Säure ganz gut anwendbar und anzuempfehlen, da sie zugleich das 
billigste Ammoniak bindende Mittel ist. 

Die festen Ausscheidungen (Excremente, Mist, Koth) 
haben eine vom Harn ganz verschiedene Zusammensetzung, wie 
Analysen-Ergebnisse von Stohmann, Rogers, Boussingault, 
Girardin und R. Ho ff mann zeigen: 

1000 Pfund frischen Mistes von 




enthalten : 







P f u 


n d e 




144 


240 


420 


200 


190 


2V2 


5 


7 


6 


3 


17 


30 


60 


50 


51 


2 72 


3 


4 


3V2 


2 


4 


Vh 


15 


2 Vi 


7 


IV2 


3V2 


ß 


3/4 


6 


V2 


V2 


■2'k 


V2 
von 


100 St 


20000 


12000 


760 


1800 


300 



Gesammtmenge an trockenen 

Stoffen 

Hierin : Stickstoff 

Gesammt-Mineralstoffe .... 

Hierin : Kali . • 

Kalk- und Talkerde . 

„ Phosphorsäure . 

„ Schwefelsäure . . . 

Jährliche Menge der Excremente 

in Pfunden beiläufig . . . 



750 
45 

150 

35 

50 

30 

? 

ick 
200 



*) Bei Anwendung von Schwefelsäure ist stets grosse Vorsicht zu beob- 
achten, indem sie, die Haut berührend, gefährliche Brandwunden hervorbringt. 



Die festen Excremente. 367 

Aus diesen Zahlen ergibt sich etwa Folgendes: Rindermist 
ist der wasserreichste , hat aber nur eine geringe Stickstoifmenge ; 
seine compacte Beschaffenheit nach dem Austrocknen erschwert seine 
Zersetzung ungemein, er wirkt daher langsam aber nachhaltig. 
Weniger wässerig schon ist der Hühnermist, dann folgt jener 
der Pferde mit hohem Stickstoffgehalte und von trockener und 
lockerer Beschaffenheit, daher er treibend, wenn auch natürlich 
nicht nachhaltig wirkt. Noch höheren Werth hat der Seh wein e - 
mist, doch ist dabei eine kräftige Fütterung vorausgesetzt, welche 
bei uns in der Regel viel zu wenig, in England z. B. aber als 
Normale beobachtet wird. Daher auch der grosse Unterschied 
zwischen dem Werthe deutschen und englischen Schweindüngers, 
welch' letzterer als einer der kräftigsten gilt. 

Schafmist und noch mehr Taubenmist zählen zu den 
werthvoUsten Mistsorten, da sie die geringste Menge Wasser enthal- 
ten, an Stickstoff und allen anderen Nährstoffen reich sind und sich 
schnell zersetzen, trotzdem sie fester als die Pferdeexcremente sind. 

Wir haben zunächst noch die anderen Einflüsse auf die 
Menge und Art der Entleerungen zu erörtern. 

Diese sind ausser der Gattung der Thiere die Menge und Art 
des Futters, sowie das Alter, die Benutzungs- und Abwartungsart der 
Thiere. Je reichlicher und kräftiger die Fütterung ist, desto 
mehr und bessere flüssige und feste Ausscheidungen werden erhalten, 
wobei sich die Art der Zusammensetzung des Futters auffallend 
geltend macht. Aus den Fütterungsversuchen von Henneberg 
und Stohmann ergibt sich, dass die stickstoöreichsten Fütterungen 
auch den stickstoffreichsten Mist mit dem grössten Phosphorsäure- 
gehalt liefern. Es enthielten 1000 Gewichtstheile Mist nach einem 
Futter von 12 1/2 Pfd. Kleeheu, 261/2 Pfd. Rüben, 1 Pfd. Raps- 
kuchen, 41 Pfd. Wasser per 1000 Pfd. Lebendgewicht nur 1 Pfd. 
12 Loth Stickstoff und 1 Pfd. 6 Loth Phosphorsäure; hingegen 
bei einem Futter von 191/2 Pfd. Kleeheu und 52 V2 Pfd. Wasser 
4 Pfd. Stickstoff und 2 Pfd. Phosphorsäure. In gleichem Zusammen- 
hange steht mit dem Stickstoff"- und Alkaliengehalt des Futters 
auch der Stickstoff- und Alkaliengehalt des Harns, üeberhaupt 
steht fest, dass je mehr nährende Stoffe dem Thiere durch die 
Futtermittel geboten werden, desto reicher der Mist an den wich- 
tigsten Pflanzennährstoffen sein , und dass durch die viel Wasser 
enthaltenden Futtermittel, oder bei zu vielem Tränken der Thiere 
sehr viel, aber auch sehr verdünnter Harn producirt wird. Nach 

In diesem Falle muss vor Allem die Schwefelsäure von der Wunde durch Ab- 
tupfen mit trockenem Fliesspapier oder trockenen Linnen entfernt und dann 
erst kann sie mittelst An-svendunc^ von Wasserumschläo-en behandelt werden. 



368 



Die festen Excremente. 



Henneberg und Stohmann Hess ein Ochse bei 53 Pfd. Tränk- 
wasser täglich 13 Pfd., bei 73 Pfd. aber 18 1/2 Pfd. Harn, natürlich war 
letzterer auch um so verdünnter, d. h. ärmer an PflanzennährstofFen. 

Rücksichtlich des Einflusses der Benützungsart der Thiere 
gilt, dass ein Thier unter sonst gleichen Umständen um so mehr 
und reicheren Mist liefert, je mehr Ruhe es hat, z. B. das Mastvieh. 
Arbeitsvieh hingegen, welches sich viel bewegen und anstrengen 
muss, kann nur weniger und ärmeren Dünger liefern, weil durch 
die Bewegung das Athmen und Schwitzen befördert wird, wodurch 
ein Theil der Stoffe verloren geht. Dem Milchvieh wird ein beträcht- 
licher Theil der Futterstoffe (etwa Vs — V* <^er flüssigen und festen 
Ausscheidungen) durch die Milch entzogen, und dadurch der Mist 
um werthvoUe Düngerstoffe ärmer. 

Endlich ist auch das Alter des Thieres maassgebend, denn 
noch im Wachsthum begriffene Thiere benöthigen einen grossen 
Theil der Nährstoffe zum Aufbau des Körpers, ihr Mist wird also 
dem entsprechend um Düngerstoffe ärmer werden. Nach Stöck- 
h a r d t wurde im Harn eines mit Milch ernährten Kalbes durch die 
chemische Untersuchung in 1000 Pfd. nur 1 Pfd. fester Stoffe und 
1 Pfd. Stickstoff gefunden, während in derselben Harnmenge einer 
erwachsenen Kuh 80 Pfd. feste Bestandtheile und 8 Pfd. Stickstoff 
vorkamen. Doch lässt sich in der Praxis der Mist von Jungvieh 
dadurch sehr verbessern, dass man letzteres kräftiger füttert. 

Die jährlichen Verluste durch unvollständige Ausnutzung thie- 
rischer Entleerungen sind ausserordentlich und zeigen sich am auf- 
fälligsten in den Summen der Erzeugnisse eines ganzen Landes. 



von einem Stück 



100 Stück 



Es werden alljährlich im Durch- 
schnitte geliefert: 



Ö 




1=1 


^ 






^ 




^ 


-.0 


ÖQ 


w 


Pfd. 


Pfd. 


3000 


300 


390 


57 


14V2 


1 


102 


15 


15 


-'h 


5 


2 


3 


174 


IV2 


? 



Harn und feste Excremente . . 
Gesammtmenge an trockenen 

Stoffen 

Hierin : Stickstoff .... 
Gesammt-Mineralstoffe .... 

Hierin : Kali 

Kalk- und Talkerde . 
„ Phosphorsäure . . . 
„ Schwefelsäure . . . 



Pfd. 


Pfd. 


28000 


15000 


3376 


3210 


106 


96 


556 


450 


226 


87 


86 


42 


30 


42 


18 


IOV2 



Pfd. 
1140 

370 
10 
59 

IOV2 
13 
42/3 
31/2 



Pfd. 
200 

150 

9 
30 

7 
10 

6 

9 



Hiernach lassen sich die Summen leicht berechnen, welche 
nach dem Besitzstand in Böhmen v. J. 1857 bei 159,000 Pferden, 



Die Einstreu. 369 

1,100,000 Rindern, 1,500,000 Schafen und 244,300 Schweinen an 
den werthvollsten Düngerstoffen sich ergeben müssen. Harn und 
Mist dieser Thiere allein schon liefern jährlich 150 Millionen Pfd. 
Stickstoff und 282 Millionen Pfd. Kali, welche Summen etwa 1500 
Millionen Pfund Guano zu 10 "/o Stickstoff und etwa 606 Millionen 
Pfund Kalisalpeter gleich kommen würden. 

Und doch geht alljährlich ein grosser Theil jener kostbaren 
Stoffe durch Unwissenheit und Gleichgültigkeit unwiederbringlich 
verloren. Man blicke in die Höfe der meisten kleinen Wirthe so 
vieler Länder, begegnet man da nicht überall dem landesüblichen 
Weglaufenlassen der Jauche ? ! Wie werden überhaupt die Massen 
von festen und flüssigen Ausscheidungen behandelt? Und nun ver- 
gleiche man damit die meist musterhafte Behandlungsweise in Bel- 
gien. Hier beschäftigen sich z. B. sogar Leute mit dem Einsammeln 
des zerstreut auf den Strassen liegenden Mistes und verkaufen ihn 
an die Landwirthe. Ebenso sieht man auch schon in Oberösterreich 
den Heerden beim Aus- und Eintrieb Leute mit Körben zum Sam- 
meln des Mistes folgen. 

b. Die Einstreu. 

Durch das Streumaterial soll der Harn, so wie die aus letzterem 
sich entwickelnden Gase möglichst aufgesogen und festgehalten wer- 
den, die festen Excremente aber eine entsprechende Einhüllung und 
Vertheilung erhalten. Die Einstreu muss also von der Beschaffenheit 
sein, dass sie gemengt mit den Ausscheidungen an Umfang ge- 
winnen, leicht in Verwesung übergehen, durch die Art ihrer Be- 
standtheile den Düngerwerth erhöhen und zugleich den Thieren ein 
warmes, trockenes, weiches und gesundes Lager bieten kann. 

Die Art der Einstreu ist also von wichtigem Einflüsse nament- 
lich auf die physikalischen Eigenschaften des Düngers ; aber auch 
dessen Düng-Werth überhaupt wird durch die Wahl und Art der 
Streumittel bedingt. Es ist dabei selbstverständlich auch Rücksicht 
auf die Beschaffenheit des Bodens zu nehmen, so ist z. B. für bin- 
digen Boden Streumaterial zu wählen, das durch seine Form 
und Raumverhältnisse lockernd wirkt; für lockeren Boden hingegen 
solches, das mehr Zusammenhang besitzt und weniger Raum be- 
darf. Bei Beobachtung dieser Regel wird man das für einzelne 
Fälle Erforderliche leichter bestimmen können. 

Die vorzüglichsten Streumittel sind die verschiedenen Stroh- 
arten (St roh streu), Sumpfpflanzen (Teich streu), Moose, ge- 
mengt mit dem Abfalle der Nadelhölzer (Waldstreu), die kleinen 
frischen Zweige der Nadelhölzer (Hackstreu, Schneidstreu), 

V. GohreD, Ackerbauchemie. 24 



370 



Die Einstreu. 



dürres Laub (Laub streu). Ausserdem verwendet man im Nothfalle 
auch Rasen (Plaggenstreu), Torf (Torf streu), an organischen 
Stoffen reiche Erden (Moorerdestreu), gewöhnliche Erde (Erd- 
streu), ja selbst Sand (Sandstreu). 

Ueber die chemische Zusammensetzung des Streumaterials, 
welche wesentlichen Einfluss auf den Werth des Düngers nimmt, 
gibt nachstehende Tabelle Aufschluss. 



1000 Pfund trockener Substanz 
enthalten : 



Stickstoff 


Kali 


4,8 


7,33 


4,0 


9,22 


6,4 


10,97 


5,6 


10,40 


5,6 


13,42 


10,4 


11,75 


13,0 


28,82 


8,0 


2,07 


8,0 


1,64 


— 


5,90 


— 


7,60 


5,0 


1,97 


— 


1,05 


— 


6,45 


— 


22,05 


— 


24,05 


10,0 


2,68 


— 


23,10 


— 


83,30 


— 


27,00 


14,0 


19,35 


— 


22,05 


— 


4,4 


— 


0,2—2,0 


2,5 


— 




2,6 



Phosphor- 



Weizenstroh .... 
Roggenstroh . • . . 
Gerstenstroh .... 

Haferstroh 

Kapsstroh 

Stroh von Hülsenfrüchten 
Buchweizenstroh . . . 
Buchenblätter .... 
Eichenblätter .... 
Kastanienblätter . . . 
Nussbaumblätter . . . 
Kiefernadeln .... 
Fichtennadeln .... 
Besenpfriemen .... 

Binsen , 

Farrenkraut .... 

Haidekraut 

Riedgräser 

Rohrschilf 

Schachtelhalm .... 

Seegras 

Simsen . • 

Gerberlohe ..... 

Sägespäne 

Torferde 

Moos . 



2,58 
2,46 
2,15 
2,20 
2,93 
4,13 
7,31 
2,85 
3,96 
2,50 
1,10 
1,98 
2,58 
1,51 
5,04 
5,53 
1,40 
4,70 
2,76 
4,10 
4,68 
5,04 

1,1 
0,1—1,5 

0,9 



Dem Düngerwerth nach lassen sich die Stroharten in abstei- 
gender Ordnung etwa folgendermassen rangiren: 

Buchweizenstroh Gerstenstroh 

Wickenstroh Haferstroh 

Erbsenstroh Roggenstroh 

Rapsstroh Weizenstroh 

Nach dem grösseren oder geringeren Vermögen, die flüssigen 
Bestandtheile des Düngers aufzusaugen, lassen sich die gebräuch- 
lichsten Streustoffe in folgende Reihenfolge bringen: 



Die Einstreu. 371 

Torferde Stroh von Hülsenfrüchten 

Winterroggenstroh Rapsstroh 

Weizenstroh Erde 

Sommergetreidestroh Haidekraut 

Gerberlohe Abfälle von Nadelholz 

Sägespäne Laub 

Stroh bietet also in jeder Beziehung das beste Streumaterial 
und keine andere Substanz kommt ihm hierin gleich. Wegen seiner 
eigenthümlichen Form ist es ganz besonders und wie kein anderes 
Material geeignet, Gase und Flüssigkeiten aufzusaugen und fest- 
zuhalten; überdies enthält es selbst auch nicht unbedeutende 
Mengen der wichtigsten mineralischen Nährstoffe, Kali, Kalk, Phos- 
phorsäure und geht rasch in Verwesung über. Rohrkolben, 
Binsen, Schilf und andere Wasser- und Sumpfpflanzen (Teich- 
streu) kommen dem Stroh am nächsten und namentlich Rohrkolben 
zeichnen sich durch grossen Kalireichthum aus. Schilf soll im 
grünen Zustande verwendet werden, weil es sich nur dann rasch 
zersetzt. 

Obschon weder zur Teichstreu noch zur gewöhnlichen Wald- 
streu gehörig, sind hier auch die in Schluchten und Waldungen 
häufigen Farrenkräuter aufzuführen und als Streu sehr zu 
empfehlen, da sie gleichfalls hohen Kalireichthum mit bedeutendem 
Aufsaugungsvermögen verbinden. 

Weit geringeren Werth hat die Waldstreu, weil sie ungleich 
weniger flüssige Ausscheidungen einzusaugen und festzuhalten ver- 
mag und ärmer an düngenden Bestandtheilen ist. 

Laubstreu hat den Nachtheil, dass die Jauche nur äusser- 
lich haftet und nicht in die Blätter, am wenigsten in die mit 
Gerbstoff versehenen, wie jene der Erlen, Eichen und Nussbäume, 
dringt. 

Die Hackstreu, aus kleineren Zweigen der Nadelhölzer be- 
stehend, ist von durchaus schlechter Beschaffenheit, von geringem 
Aufsaugungsvermögen, zersetzt sich auch nur langsam, doch trägt 
sie zur Lockerung bindigen Bodens bei. Wegen des harten und 
nur schwer trocken zu erhaltenden Lagers, das sie gleich der Laub- 
streu den Thieren gewährt, kommt sie nur in Gebirgswirthschaften 
als unentbehrliches Ersatzmittel des Strohes oder in grösseren Wirth- 
schaften als Aushilfe beim Mastvieh und zur Unterlage in Schaf- 
ställen zur Anwendung. 

Torf ist zuweilen mit Vortheil als Streu verwendbar, beson- 
ders wenn er noch jung und mit Pflanzenresten, die ihre Structur 
noch beibehalten haben, versehen ist; er besitzt dann ein dem Rohr 

24* 



372 Die Einstreu. 

fast gleichkommendes Aufsaugungsvermögen. Zersetzter Torf (Moor- 
erde oder Torferde) ist nur wenig zu Streu geeignet. 

Die Sägespäne sind wegen ihrer Elasticität besonders für 
kranke Thiere geeignet und repräsentiren ein für Aufsaugung von 
Flüssigkeit und Absorption von Gasen und Miasmen sehr empfeh- 
lenswerthes Streumaterial. 

Trotz seines verhältnissmässig hohen Stickstoffgehaltes ist das 
Haidekraut nur als jüngeres Kraut ein leidlich gutes Streu- 
material, hingegen zersetzen sich die älteren, verholzten Theile nur 
sehr schwer im Boden. 

Das Seegras, welches sehr viel Asche, besonders Natron, 
enthält, ist in den Küstenländern mit Vortheil zur Streu ver- 
wendbar. 

Alle diese Streumittel wirken im Dünger lockernd auf bindige 
Bodenarten; schon weniger die Plaggenstreu, welche aus Rasen- 
stücken besteht und den üebergang bildet vom pflanzlichen Streu- 
material zur 

Erdstreu, zu der natürlich nur solche Erdarten verwendbar 
sind, welche die Jauche gut aufsaugen und die Gase vollkommen 
zu binden vermögen, z. B. Torf-, Moor- und Walderde. Nicht ver- 
wendbar sind die zu bindigen und bei Nässe zergehenden Boden- 
arten, wie Thon. Aber selbst die geeignetste Erde erfordert viel 
Mühe und bedeutende Kosten. Auch hält es bei der gewöhnlichen 
Stalleinrichtung schwer, die nöthige Reinlichkeit zu bewahren. Dies 
sind Gründe gegen die allgemeine Verwendung der Erdstreu, 
denn bezüglich der Absorption der Jauche und Gase so wie der 
Güte des aus ihr erzeugten Düngers wäre gegen sie nichts einzu- 
wenden. Noch schwieriger als Erde und nur im äussersten Noth- 
falle ist 

Sand als Streumaterial anwendbar, mit welchem gar kein 
wichtiger Nährstoff dem Feld zugeführt wird. Wohl wirkt aber 
ein mit Sand gemengter Dünger physikalisch günstig auf schwere 
Bodenarten. 

Ausser diesen Streumitteln seien auch die aus Mangel an 
besseren in der Praxis sonst noch angewendeten erwähnt: Kartoffel- 
kraut, Topinamburstengel, Gerberlohe, Hobelspäne u. a. m., wie sie 
durch die Noth und locale Verhältnisse geboten werden mögen. 
Die Menge des anzuwendenden Streumaterials richtet sich nach 
seiner Verschiedenheit, nach der Gattung und Benutzungsart der 
Thiere und nach der Stalleinrichtung. Bezüglich der Thiergattung 
benöthigt das Rindvieh und unter diesem das Mastvieh die meiste 
Einstreu. 

Von Strohstreu verwendet man täglich durchschnittlich auf 



Bereitung und Aufbewahrung des Stalldüngers. 373 

1 Rind 5—6 Pfund, 1 Jungvieh 2—3 Pfund, 1 Pferd 4—6 Pfund, 
1 Schaf 1/2 Pf^^v 1 Schwein 2 — 3 Pfd. Von anderem Streumaterial 
rechnet man auf Teichstreu das 2 fache, auf Laub das 7 fache, auf 
Hack- und Waldstreu das 8 fache, auf Erdstreu das 10— 12 fache 
und nach diesem Verhältnisse hat man sich auch bei den werth- 
loseren Streumitteln zu richten. 



c. Bereitung und Aufbewahrung des Stalldüngers. 

Aufgabe der Bereitung und Aufbewahrung des Stalldüngers 
ist, die flüssigen und festen Entleerungen der Thiere mit dem Streu- 
material möglichst gut und gleichmässig zu vermengen und dies 
Gemenge durch Fäulniss (Verrottung, Gährung) bis zu jenem Grade 
gleichmässig sich zersetzen zu lassen, bei welchem die meisten 
Nährstoffe in den durch die Wurzeln der Pflanzen aufnehmbaren 
Zustand gelangt sind, ohne doch dabei durch Verflüchtigen oder 
Auslaugen werthvoUe Theile zu verlieren. Hiemit ist auch zugleich 
der leitende Grundsatz für die Stalldüngerbehandlung gegeben. 

Im wesentlichen sind dreierlei Arten der Düngerbehandlung 
zu unterscheiden, nämlich die erste im Stalle selbst, eine zweite 
auf der Dtingerstätte , und die dritte ist jene, bei welcher man 
den Dünger im frischen Zustande, ohne ihn einer Zersetzung zu 
unterziehen, unmittelbar auf das Feld bringt. Auf welche dieser 
drei Arten man nun auch den Dünger bereiten und behandeln will, 
stets muss man damit schon im Stalle selbst zweckmässig beginnen 
und der Stall daher auch die entsprechende Beschaffenheit haben. 

Einrichtung des Stalles und Behandlung der Ein- 
streu. Das Stallpflaster darf nirgends mangelhaft, ungleich ver- 
tieft oder gar durchlässig sein, es muss eine gegen die Rückseite 
des Standes massige Neigung haben, damit sich die von der Streu 
nicht aufgenommene Jauche in der an der tiefsten Stelle befind- 
lichen Rinne (Jauchenrinne, Kuhgraben) ansammeln und in den Be- 
hälter abfliessen kann. Um die Jauchendichtheit des Pflasters zu 
bewahren, ist es nöthig, demselben eine festgestampfte Lehmschichte 
als Unterlage zu geben, und auf diese erst die Steine zu legen, 
deren Fugen mit dem gleichen Kittgemenge, wie bei dem Jauchen- 
behälter, dicht an einander zu schliessen (zu vergiessen) sind. 

Als Pflastermaterial sind demnach auch thunlichst grössere 
Steinplatten oder mit Steinkohlentheer getränkte Pflaster- oder auch 
Mauerziegel zu verwenden und letztere behufs Dauerhaftigkeit auf 
die schmale Kante zu stellen. Ist man genöthigt, für Pferde- 
stallungen Holzbohlen anzuwenden, so müssen diese gleichfalls mit 



374 Bereitung und Aufbewahrung des Stalldüngers. 

Theer getränkt werden. Eben so undurchlässig, sowie verdeckt 
und bei seiner Einmündung in den Stall gegen Verstopfung ver- 
gittert soll der Canal sein, der die Jauche aus dem Stalle in den 
Behälter ableitet. 

Nur so lässt sich dem Verlust der werthvoUen Jauche vor- 
beugen und die Stallmauer vor dem Schadhaftwerden bewahren. 
Bei schneller Ableitung der Jauche wird der Mauerfrass verhindert, 
der dadurch entsteht, dass sich aus dem Ammoniak der Jauche mit 
dem Kalke der Mauer salpetersaurer Kalk bildet. 

Als Streumaterial nimmt Stroh, wie schon oben erwähnt, die 
erste Stelle ein. Je nach seiner Länge wird es ein- bis zweimal 
zerschnitten, weil es sich so leichter mit den Mistfladen mengt und 
auch an Stroh erspart wird. Zum Lager der Thiere muss das 
Stroh gleichförmig ausgebreitet und die Auswürfe mit neuem Stroh 
bedeckt werden. Vor dem Ausmisten wird das noch trocken ge- 
bliebene Stroh nach den Vorderfüssen der Thiere gezogen, um 
nach dem Ausmisten auf's Neue zur Einstreu benützt zu werden. 
Gleiches Verfahren gilt für die Einstreu von Rohr, Binsen, Schilf 
oder anderen langhalmigen Teich- und Sumpfpflanzen. Muss Wald-, 
Laub-, Nadel- oder Plaggenstreu bei Rindern verwendet werden, 
so ist es zur Erhaltung der Reinlichkeit nöthig, über solche Streu 
jedesmal eine Schichte von Stroh zu breiten. Ungleich mühsamer 
ist die Behandlung, wenn Erde oder Sand als Streu angewendet 
wird, nicht nur wegen des weit grösseren Bedarfs, sondern weil 
die durchweichte Erde stets alsogleich von der trockenen entfernt, 
auf Häufchen abgesondert und unter das Thier trockene Erde auf- 
gestreut werden muss. Ueberdies erfordert der Fussboden bei Erd- 
streu ein viel stärkeres, trächtige Kühe leicht gefährdendes Gefälle 
und am tiefsten Punkte das Anbringen von Querleisten, um die 
Erde festzuhalten. Das Ausmisten in Rindstallungen geschieht mit- 
telst der Misthacke und gewöhnlich auf der Tragbahre, viel zweck- 
mässiger aber durch Schubkarren mit jauchedichtem Boden. 

Das eben Gesagte gilt im Allgemeinen von der Stalleinrichtung 
und Behandlung der Streu ; speciell müssen dann je nach der Thier- 
gattung, der Fütterungsart, der Einstreu und deren Vorrath, der 
Jahreszeit, Art der Düngerbehandlung und den Reinlichkeitsanfor- 
derungen, die weiteren nöthig werdenden Einrichtungen getroffen 
werden. 

So ist bei der Behandlung des Düngers im Stalle, 
wo nämlich der Dünger unter dem Vieh monatelang verbleibt, wie 
dies in Belgien, der Schweiz und anderen Ländern von hoher Cultur 
üblich, dem Stall eine besondere Einrichtung zu geben. Derselbe 
muss nicht nur viel höher und breiter sein, sondern auch wegen 



Bereitung und Aufbewahrung des Stalldüngers. 375 

des sich anhäufenden Düngers eine Einrichtung zum Höherstellen 
der Futtertröge erhalten. Höher müssen solche Stallungen auch 
wegen entsprechender Ventilation und breiter deswegen sein, damit 
die Düngerwagen bequem hindurchfahren können. 

Diese Art der Behandlung bietet an sich keine Schwierigkeiten, 
die Arbeit beschränkt sich wesentlich auf die frische Zufuhr von 
Streu. Durch die Thiere wird der Dünger zusammengetreten und 
stets in compactem Zustand erhalten, dadurch wird seine Aufnahms- 
und Fixirungsfähigkeit von Ammoniak bedeutend erhöht und in 
Folge der gleichmässigen Stallwärme, des Schutzes gegen Wind, 
Sonne und Regen auch eine gleichmässige Verrottung ohne Verlust 
wichtiger Nährstoffe erreicht. Freilich ist dabei die gehörige Streu- 
zufuhr vorausgesetzt, denn sobald diese mangelt, entsteht eine An- 
sammlung von Jauche, für deren Abfluss in angegebener Weise 
sofort gesorgt werden muss. Wenn übrigens auch ein bedeutender 
Theil gasförmigen Ammoniaks in dem so behandelten Dünger ohne 
sonstige Zugabe fixirt bleibt, ist es doch rathsam, von Zeit zu Zeit 
Ammoniak bindende Mittel anzuwenden. Ganz besonders an heissen 
Sommertagen, wo die Ammoniakentwicklung sehr bedeutend und 
die Streu nicht mehr im Stande ist, die ganze Menge aufzufangen 
oder an sich zu halten, so dass die Luft mit diesem Gase zu stark 
beladen wird. Dies hat nämlich abgesehen von dem Verluste dieses 
wichtigen Stoffes manche andere Nachtheile im Gefolge. Zur Bin- 
dung des Ammoniaks schütte man etwa 1 Pfund Schwefelsäure in 
einen Zuber (circa 2 Eimer) Wasser und begiesse mit hölzerner 
Kanne von Zeit zu Zeit den Dünger. Statt der Schwefelsäure kann 
man auch Gyps anwenden, mit dem man (für 1 Stück Rind täglich 
etwa 1 Pfd.) den Dünger überstreut. Die Anwendung von Gyps 
hat auch noch den Vorzug, dass dadurch der Fäulnissprocess im 
Dünger verlangsamt wird. 

Als Vortheile einer solchen Behandlung des Düngers im Stalle, 
wie sie besonders bei Schafen üblich ist, kann man bezeichnen: 
ein sehr geringer Arbeits-, demnach geringerer Kostenaufwand, vor 
Allem aber das Gewinnen eines sehr kräftigen Düngers, der alle 
festen und flüssigen Entleerungen der Thiere mit der Streu voll- 
kommen vermengt, in einem gleichmässig , jedoch nicht allzusehr 
verrotteten Zustande enthält. Nachtheile dieses Verfahrens hingegen 
sind: sehr bedeutender Streuaufwand, der bei wässerigem Futter, 
wie Schlempe, ja schon bei Grünfutter durch die vermehrte flüssige 
Entleerung schwer zu bewältigen ist, in Folge dessen dann auch 
der Dünger sich verschlechtert; ferner die Kostspieligkeit der 
Stalleinrichtung, sowie die schädlichen Einflüsse auf die Gesundheit 
der Thiere durch zu sehr erhöhte Stallwärme und durch die sich 



376 Bereitung und Aufbewahrung des Stalldüngers. 

entwickelnden Gase, endlich die möglichen nachtheiligen Wirkungen 
auf die Beschaffenheit der Milch. 

Um einige dieser Nachtheile zu beseitigen, hat man in manchen 
Gegenden Belgiens ein von dieser Düngerbereitungsart abweichendes 
Verfahren eingeschlagen, nach welchem der Dünger zwar auch im 
Stalle angesammelt, aber nicht unmittelbar unter dem Vieh liegen 
gelassen, sondern täglich weg und in einen muldenförmig vertieften 
Raum hinter den Viehständen geschafft wird, von wo er alle 3 bis 
4 Wochen, im Winter noch später, auf das Feld gefahren wird. 
Dombasle, Thaer und Schwerz sprechen sich lobend über 
dieses Verfahren aus. 

Die Behandlung des Düngers auf der Dünger- 
stätte (Miststätte, Düngerlage) unterscheidet sich wesentlich 
von der vorigen. Es wurde schon früher mehrfach gerügt, wie 
verkehrt und verschwenderisch die Düngerstätten bei uns noch viel- 
fach behandelt sind und es soll nun gezeigt werden, wie dieselben 
richtig und nutzbringend anzulegen und zu behandeln sind. 

Als Platz für die Anlage der Düngerstätte muss die Schatten- 
seite des Hofraums und zwar so gewählt werden, dass die Dünger- 
stätte zugleich gegen Ueberschwemmung und Wind geschützt liege 
und dass eine bequeme Zu- und Wegfuhr des Düngers auf ge- 
pflasterten Wegen von allen Seiten möglich ist. Ist die Anlage 
durchaus nicht an der Schattenseite ausführbar , so ist die Dünger- 
stätte durch nicht zu nahe Anpflanzungen, am besten der grauen 
und weissen Pappel, zu beschatten, welche Anpflanzung überhaupt, 
so weit sie der Zufahrt der Düngerwagen nicht hinderlich wird, 
unter allen Umständen sehr anzuempfehlen ist. 

Die Düngerstätte muss die dem Viehstande, der Fütterung, 
Einstreu und dem Zeitraum zum Abliegen des Düngers entsprechende 
Grösse haben. 

Bei 1,30 Meter Höhe des aufgesetzten Düngers berechnet man 
für das Pferd 1 D Meter, für das Rind 7 D Meter, für das Schwein 
2 D Meter und für das Schaf 0,75 □ Meter Flächenraum. 

Die Sohle (Fussboden) der Düngerstätte muss nach dem 
Jauchenbehälter zu so gleichmässig und ohne Unebenheiten geneigt 
angelegt werden, dass in ihm alle aus dem Düngerhaufen abziehende 
Flüssigkeit sich sammeln kann; ferner muss die Sohle undurchlässig 
sein *), damit die Jauche nicht in die Erde versickern oder Stau- und 



*) Ritthausen (Centralbl. f. Agriculturchem. Juli 1876. p. 35) berechnet 
den bei einer durchlassenden Düngergrube in Waldau im Laufe der Jahre ent- 
standenen Verlust auf 35000—50000 Pfd. Phosphorsäure im Werthe von 3500 
bis 5000 Thaler und 30—45000 Pfd. Kali, im Handelswerthe von circa 2-3000' 
Thaler. 



Bereitung und Aufbewahrung des Stalldüngers. 



377 



Grundwasser in dieselbe dringen kann, daher eine festgestampfte 
Thonlage, oder will man mehr daran wenden, eine Pflasterung 
nöthig ist. 



Grundriss einer Düngerstätte. 



A 



A 



tes 



^ 



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tz. 



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CC/ 




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) I (- 



-♦■ — ^ 



378 Bereitung und Aufbewahrung des Stalldüngers. 

Perspectivische Ansicht der beiden Düngerlagen. 




Erklärung der Abbildungen: 
A Der Stall. 

B Durchschnitt der Düngerlagensohlen und des Jauchencanales. 
(Gleiche Bezeichnungen haben gleiche Bedeutung) 
a Abtheilungen für den Dünger. d Jauchenbehälter und Pumpe. 

h Ueberwülbter Jauchencanal mit Oeff- e Gepflasterte Fahrwege. 

nungen zum Einfliessen der Jauche. / Einfassungsmauer. 
C Jauchencanal aus dem Stalle. g Aborte für das Gesinde. 

Der Jauchenbehälter muss so angelegt werden, dass von ihm 
aus der Dünger jeder Zeit nach allen Richtungen und Höhen be- 
gossen werden kann, wozu man sich entweder gewöhnlicher Hand- 
schapfen mit langem Stiel oder schneller der eingesetzten Jauchen- 
pumpe bedient. Die wohlfeilere Druckpumpe ist aus Holz, an 
deren Ausflussöffnung Holzrinnen auf Holzböcken gelegt werden, 
um die Jauche nach dem verlangten Orte zu leiten. Kostspieliger 
aber sehr empfehlenswerth ist die eiserne drehbare Saug- und Druck- 
pumpe, mit der sich die Jauche in einem Strahl nach jedem Orte 
und jeder Richtung des Düngerhaufens bequem treiben lässt. 

Die Seitenwände der Düngerstätte müssen undurchlässig, aus- 
gemauert oder wenigstens mit Lehm ausgeschlagen werden und 
etwa 1/2 Meter den Boden überragen, um das Eindringen von Regen- 
wasser zu hindern. 

Eine etwas abweichende Form zeigt die im Elsass sehr übliche 
Düngerstätte. Beifolgende Figuren zeigen den Grundriss dieser 
ovalen Form". Ihr wesentlicher Unterschied gegenüber den in Nord- 
deutschland üblichen Düngerstätten liegt darin, dass die Fläche 
nicht nur um einige Centimeter höher liegt, als die sie umgebende 
Fläche des Hofes, sondern sie ist auch in der Mitte höher als an 
der Peripherie, welche letztere von einem mit Klinkersteinen her- 
gestellten Gerinne umgeben ist. Die Fläche a fällt von h nach 
c und d ab; die Düngerstätte selbst ist mit guten Klinkersteinen 



Bereitung und Aufbewahrung des Stalldüngers. 



379 



abgepflastert und ist das die Fläche umgebende Gerinne so hoch 
gelegt, dass das Regenwasser vom Hofe nicht in dasselbe gelangen 
kann. Bei B ist inmitten der Düngerstätte ein gewölbtes Jauchen- 
bassin angelegt, bei h steht eine Kettenpumpe. 




,.-\ IUP liiiiiiinniniiiüi'riinihf;'/,; 




iiTllrillriiiiiiniiiüHl'^^'^-^ 

Um gleichmässig abgelegenen Dünger zu erzielen , ist die 
Düngerstätte in mehrere Abtheilungen zu scheiden, die aber nur 
etwa 4 Meter breit sein dürfen, so dass der Dünger auf die am 



380 Bereitung und Aufbewahrung des Stalldüngers. 

Wege zu den beiden Seiten stehenden Wagen bequem geschafft 
werden kann. Ein längliches Viereck ist die angemessenste Form 
einer Düngerstätte. Sie darf nicht zu tief in den Boden, höchstens 
1/2 Meter reichen, muss aber doch jedenfalls etwas tiefer als die 
Stallsohle liegen, um dem Jauchencanal ein hinlängliches Gefälle 
geben zu können. Für kleinere Wirthschaften oder da, wo der 
Kaum eine eigene Düngerstätte nicht gestattet, wird eine wasser- 
dicht ausgemauerte, mit Bohlen bedeckte Grube aushelfen müssen. 

Die üeberdachung der Düngerstätte ist unnöthig, es genügt, 
wenn man sie vor der Sonne möglichst schützt und überhaupt 
darauf achtet, dass alle durch den Regen aus dem Düngerhaufen 
aufgenommenen Stoffe wieder auf denselben zurückgelangen. 

Mit diesen ersten Anlagserfordernissen ist es aber nicht allein 
gethan. Der Landwirth hat auch die weitere Behandlung den 
Zwecken der Anlage entsprechend durchzuführen und dabei folgende 
Regeln zu beachten: 

Zunächst ist die Düngerstätte an den Seitenwänden mit Stroh- 
zöpfen (Wülsten, Wellen) auszulegen, die aus Langstroh mit der 
Mistgabel gefertigt, gut zusammengetreten, in der Mitte überlegt, 
und abermals festgetreten, und dann Welle an Welle gefügt werden. 
Es ist dieses Einflechten von Seitenwänden zwar nicht unumgänglich 
nöthig, doch abgesehen von der Sauberkeit wegen des besseren 
Schlusses sehr anzuempfehlen; wegbleiben kann es natürlich da, 
wo die Dtingerstätte schon eine Bretter- oder Steinwandung hat 
oder als Düngergrube im Boden versenkt ist. Der zuerst auf die 
Stätte gebrachte Dünger darf nicht gleich auf der ganzen Boden- 
fläche ausgebreitet, sondern es müssen zunächst die entferntesten 
Stellen ausgefüllt werden ; dann erst ist der weitere Dünger mit der 
Gabel sorgfältig gleichmässig und in gleicher Höhe mit den Seiten- 
stellen auszubreiten, so dass dessen Oberfläche eine Ebene bildet. 
Wird nicht so verfahren, so entstehen nicht nur hohle Räume im 
Düngerhaufen, sondern derselbe würde auch ungleich austrocknen, 
was einen ungleichmässigen Fäulnissprocess zur Folge hätte. Auch 
bilden sich in den Höhlungen Schimmellager, die immer weiter um 
sich greifend dem Dünger nur schaden und ihn klumpig machen. 
Die gleichmässige Fäulniss des Düngers wird wesentlich gefördert 
und Verlusten durch Verflüchtigung vorgebeugt, wenn der Dünger 
von Zeit zu Zeit festgetreten wird, wie es im Stalle durch das 
Vieh so wirksam geschieht. Je fester der Dünger aufeinander liegt, 
desto langsamer, je lockerer desto rascher zersetzt er sich. 

Hat man es mit verschiedenem Dünger, z. B. mit Rind- und 
Schafdünger zu thun, so müssen, um eine gleichmässige Zersetzung 



Bereitung und Aufbewahrung des Stalldüngers. 381 

ZU bewirken, beide Sorten sehr vollkommen mit einander gemengt 
werden. 

Der Düngerhaufen muss durch die Jauche mit Hilfe der Pumpe 
massig feucht erhalten werden. Zu viel Nässe schadet ebenso wie 
zu bedeutende Trockene. Bei zu viel Nässe wird die Fäulniss ge- 
hindert und der Dünger ausgelaugt, das Austrocknen hingegen be- 
schleunigt, vollends bei Wind, die Ammoniakverflüchtigung ungemein. 
Das Erhalten des richtigen Feuchtigkeitsgrades ist einer der Haupt- 
momente gehöriger Düngerbehandlung. Durch das Zurückbringen 
der Jauche auf den Düngerhaufen wird aber auch der Dünger 
selbst verbessert, weil eben ein guter Dünger alle Bestandtheile 
der festen und flüssigen thierischen Ausscheidungen enthalten soll. 

Die Höhe, bis zu welcher man den Dünger anhäufen kann, 
hängt von Umständen ab, doch soll sie 1,5 Meter nicht überschreiten. 
Je höher der Dünger über einander liegt, desto verschiedener sind 
die Zersetzungsgrade in den einzelnen Lagen. Vor Allem muss 
man die Verflüchtigung des Ammoniaks zu hindern suchen. Dazu 
eignet sich am besten das üeberfahren des Düngers mit sehr humus- 
reicher Erde. Geschieht dies gehörig, so sind chemisch wirkende 
ammoniakbindende Mittel unnöthig. Muss man aber zu solchen 
greifen, so ist Gyps, Eisenvitriol, Schwefelsäure u. dergl. zu ge- 
brauchen. 

Verwerflich ist die noch immer gebräuchliche Anwendung von 
gebranntem Kalk, den man dem Düngerhaufen beigibt, um die Ver- 
rottung zu beschleunigen, denn Kalk hat die Eigenschaft, schon 
gebundenes Ammoniak wieder auszutreiben. 

Der Fäulnissgrad, bis zu welchem man den Dünger gelangen 
lassen soll, ist meist durch die Verwendungsart bedingt. Um ihn 
auf einen gleichmässigen Grad der Zersetzung zu bringen, sind 
die schon früher erwähnten mehreren Abtheilungen auf der Dünger- 
stätte nöthig, damit nicht frischer auf den schon zersetzten Dünger 
kommt. 

Wird allen den angeführten Bedingungen sorgsam entsprochen, 
so erhält man eben so guten Dünger wie bei der vorher besproche- 
nen Belassung des Mistes im Stalle, ohne die mit jener verbundenen 
kostspieligen Einrichtungen treffen zu müssen. Der Stall selber 
kann dabei vollkommen rein erhalten werden, auch bedarf man 
weniger Streu, 

Wo der Dünger in frischem Zustande unmittelbar 
auf das Feld geschafft und sogleich untergepflügt wird, ver- 
fährt man nach Theorie und Praxis jedenfalls am rationellsten, weil 
die Fäulniss des Mistes dann erst in der Ackerkrume selbst vor sich 
geht und kein Bestandtheil des Düngers verloren wird. Doch ist 



382 Bereitung und Aufbewahrung des Stalldüngers. 

dieses Verfahren in den wenigsten Fällen durchführbar. Lässt 
sieh der frische Dünger, wie es wohl meistens der Fall ist, nicht 
sogleich einackern, so muss man ihn, nachdem man eine starke 
Schichte guter Erde als Unterlage gegeben, auf einer erhöhten, 
keinesfalls abhängigen Stelle des Feldes, in einen grossen Haufen 
ansammeln und mit Erde von allen Seiten bedecken. Gegen die 
Folgen zu starker Vertrocknung während der Sommerzeit wird 
sich die Mühe zeitweiliger Uebergiessung mit Stalljauche sicher 
lohnen. Unter keinen Umständen darf frischer Dünger auf dem 
Felde ausgebreitet oder in kleinen Häufchen ungedeckt liegen blei- 
ben, da deren verhältnissmässig grössere Oberfläche und die sehr 
lockere Beschaffenheit das Eindringen der Luft ungemein begünsti- 
gen, so dass eine viel raschere Zersetzung der organischen Körper 
erfolgt, und die Zersetzungsproducte bei trockenem Wetter in 
die Atmosphäre entweichen oder bei regnerischer Witterung vom 
Regenwasser aufgelöst und in den Boden geführt werden. Bei 
längerer Dauer dieser Einwirkungen wird das Häufchen vollkommen 
ausgelaugt und alle die kostbaren Stoffe, die dem ganzen Acker 
zu Gute kommen sollten, sammeln sich in der, die Unterlage der 
Haufen bildenden Ackerkrume an und sind die Ursache von Geil- 
stellen. 



d. Berechnung der Menge, der Kosten und des Geld- 
werthes des Stallmistes. 

Der denkende Landwirth, der sich über Gewinn und Ver- 
lust bei den Jahresergebnissen seiner Wirthschaft Rechenschaft ab- 
legt, muss selbstverständlich die Menge des erzeugten Düngers, 
dessen Kosten und Geldwerth in Rechnung ziehen, wenn auch so 
manche' Schwierigkeiten sich dabei zeigen. 

Die Menge des jährlich hervorgebrachten Düngers 
steht natürlich immer in einem bestimmten Verhältnisse zur Menge 
des verwendeten Futters und Streumaterials. Erwägt man aber 
die vielen auf Menge und Art fester und flüssiger Ausscheidungen 
wie der Streuarten Einfluss nehmenden Umstände, so möchte man 
allerdings an der Möglichkeit genauer Berechnung zweifeln ! Doch 
kann man, ohne viel zu irren, annehmen, dass die Menge des auf 
den wasserfreien Zustand (die Trockensubstanz) zurückgeführten 
Futters und der Streu nur verdoppelt zu werden braucht, um in 
dieser Zahl die Menge des zu erwartenden Düngers von mittlerem 
Zersetzungsgrade und von etwa 75^/0 Wassergehalt zu finden. Es 
enthalten 100 Pfund Wiesenheu, Kleeheu, Stroh, Schrott von Ge- 



Berechn. d. Menge, d, Kosten u. d. Geldwerthes d. gelief. Stallmistes. 383 

treide oder Hülsenfrüchten, Kleie, Oelkuchen, trockene Blätter 

durchschnittlich 85 Pfd. Trockensubstanz. 

Grünfutter (im grünen Zustande verfüt- 
terte Pflanzen und Pflanzentheile) . 35 „ „ 

Rüben 16 » » 

Kartoffeln, Bierträber, Presslinge . . 25 „ „ 

Branntweinschlempe 10 „ „ 

Verwendet man nun in einer Wirthschaft jährlich z. B. nach- 
folgende Mengen an Futter nebst Streu, so sind darin enthalten: 



Jährliche Verwendung von 




Betrag an 

Trocken- 

suhstanz 

Pfund 



Heu 

Grünfutter 

Kartoffelschlempe 

Futterstroh 

Streustroh 

Zusammen 



I 860 

10800 

8600 

1720 

1460 



23440 



732 
3780 

860 
1460 
1241 



8073 



Und die 8073 Pfd. Trockensubstanz (multiplicirt mit zwei geben 
die gesuchte Menge an Dünger mit 16,146 Pfund.*) 

Bei Arbeitsthieren , welche viel ausserhalb des Stalles sind, 
wie Pferde und Ochsen, muss der während der Arbeitszeit entleerte 
Mist von der Summe des Stalldüngers abgezogen werden , was bei 
Wirthschaftspferden (also nicht beim Strassenfuhrwerk verwendet) 
1/3, bei Zugochsen 1/4 der oben angegebenen Menge beträgt. Beim 
Weidegang nimmt man nur die Hälfte der Trockensubstanz vom 
Weidefutter als Düngermenge während der Weidedauer an. 

Die Berechnung der Kosten des Stallmistes unterliegt manchen 
Schwierigkeiten. Sie wird immer zu weit abweichenden Ergebnissen 
führen, je nachdem man den Dünger entweder nur als Abfall 
von Thieren, die der Arbeit, des Fleisches, der Milch, der Wolle, 
der Nachzucht wegen gehalten werden, oder wie das hie und da 
leider noch vorkommt, als Hauptzweck bei der Viehnutzung 
betrachtet. Bei der Kostenberechnung kommt der Landwirth einer- 
seits über den Ansatz der Futterpreise in Verlegenheit, indem jene 



*) Nach anderen Angaben hat man, um die Menge des resultirenden frischen 
Stallmistes zu berechnen, die HäKte der im gesammten Futter enthaltenen 
Trockensubstanz und die ganze Menge der Trockensubstanz des Streustrohes zu 
addiren und die Summe dann mit der Zahl 4 zu multipliciren. 



384 Berechn. d. Menge, d. Kosten u. d. Geldwerthes d. gelief. Stallmistes. 

Erzeugnisse, welche, wie Heu und Stroh, nur ausnahmsweise Ver- 
kaufsgegenstände sein können , dem Vieh niemals zum Marktpreise 
angerechnet, sondern nur nach einem jährlich schwankenden Er- 
Zeugungspreise bemessen werden können; andererseits hängt der 
Absatzpreis von Erzeugnissen, wie Milch, Schlachtkälber u. dgl., 
wieder von Localverhältnissen ab. Alles dies wirkt wesentlich auf 
die Bestimmung der Dtingerkosten ein. Möge diese Verhältnisse 
ein Beispiel aus der Praxis veranschaulichen: 

Auf dem Grundbesitze T. im südlichen Böhmen sind die Kosten- 
verhältnisse bei Milchviehhaltung folgende: 

Eine Kuh von 7 — 8 Ctr. Lebensgewicht bedarf täglich 1 8 Pfd. 
Heu, mithin jährlich 65 Ctr. Heu ä 1 fl. . . . 65 fl. — kr. 

18 Ctr. Stroh ä 40 kr 7 „ 20 „ 

Pflege 7 „ 60 „ 

Zinsen vom Anlags-Capital einer Kuh äöOfl. . . 2„50„ 

Zusammen 82 fl. 30 kr. 
Hiervon ab : 

Milchnutzen . , 27 fl. 60 kr. 

1 Kalb 5 „ 70 „ 

33 fl. 30 kr. 



Zu T. ergeben sich also die Kosten des Düngers 
von einer Kuh mit 49 fl. — 

Nach den früher angegebenen Verhältnissen von Gewicht und 
Menge des Futters und der Streu zur Düngermenge ist anzunehmen, 
dass diese Kuh 141 Ctr. Dünger lieferte, so dass sich hier die 
Kosten für 1 Ctr. Dünger auf 35 kr. stellen. Um wie viel sie 
dagegen dort sinken, wo die Milch viel besser verwerthbar wird, 
wie in der Nähe grosser Städte, wenn auch daselbst das Futter 
theurer ist, zeigen die gleichfalls der Praxis entnommenen Zifi'ern 
aus einem Besitze in der nächsten Nähe von Prag : 

Eine Kuh von 8 — 10 Ctr. Lebensgewicht benöthigt täglich 

22 Pfd. Heu, mithin jährlich 79 Ctr. ä 2 fl 158 fl. 

20 Ctr. Streustroh ä 60 kr 12 „ 

Pflege 10 „ 

Zinsen vom Anlags-Capital einer Kuh zu 120 fl. . . . 6 „ 



Hievon ab: 
Milchnutzen 153 fl 



Zusammen 186 fl. 

.... 153 
1 Kalb 12 „ 

Zusammen 165 fl. 

Demnach stellen sich bei Prag die Kosten des Stallmistes per 

Jahr auf etwa 21 fl. und da die Kuh 170 Ctr. Dünger per Jahr 



Eigenschaften des Stalldüngers und dessen Veränderungen beim Liegen. 385 

gibt, so kommt der Centner hier auf nur ca. 12 kr. zu stehen, also 
um 2^3 billiger als im südlichen Böhmen. 

Auf nicht geringere Schwierigkeiten stösst man bei Berech- 
nung desGeldwerthes vom Stalldünger. Man kann dabei von 
verschiedenen Gesichtspunkten ausgehen. Am natürlichsten und 
auch in der Praxis am häufigsten angewendet ist die Werthbestim- 
mung des Düngers nach seiner Wirkung auf die Culturpflanzen. 
Langjährige Erfahrungen und sorgfältig vergleichende Versuche 
rationeller Landwirthe haben zu der Annahme geführt, dass der 
Productionswerth von 10 Ctr. Stalldünger (im mittleren Grade seiner 
Vergährung) dem Werthe von 1 n. ö. Metzen (6IV2 Liter) Roggen 
gleichzustellen sei, wobei allerdings auch dem mehr oder weniger 
erschöpften Zustande des Feldes, so wie den Verhältnissen seiner 
Mineralbestandtheile Rechnung getragen werden muss. Steht z. B. 
der Metzen Roggen im Preise zu 3 fl., also i/io Metzen zu 30 kr., 
so werden diese 30 kr. dann auch als Geldwerth von 1 Ctr. Stall- 
dünger gelten. 

Ein zweiter Weg zur Bestimmung des Geldwerthes des Stall- 
mistes basirt auf der Menge der im Dünger vorhandenen wichtigsten 
Nährstoffe und deren Handelspreis. 

Wären z. B. in 1000 Pfund Stalldünger ca. I3/4 Pfund Kali, 
ebenso viel Phosphorsäure, 16 Pfund Kalk und Talkerde, 3/4 Pfd. 
Schwefelsäure und 4 Pfund Stickstoff enthalten, so würde dem 
Centner Stalldünger ein Preis von etwa 25 Kreuzern zukommen. 



e. Eigenschaften des Stalldüngers und dessen 
Veränderungen beim Liegen. 

Je verschiedenartiger das Material zur Bereitung des Stall- 
düngers ist , um so verschiedener ist selbstverständlich auch seine 
Beschaffenheit. Zunächst kommt die Art der Ausscheidungen 
bei den verschiedenen Thiergattungen in Betracht. 

Der Schaf du nger ist als der an Nährstoffen reichste anzu- 
sehen, er enthält in Folge der geringen Harnabscheidung der 
Schafe in dem Zustande, wie er meist verwendet wird, etwa nur 
64 — 670/0 Wasser. Da man ihn in der Regel unter den Schafen 
liegen lässt, gewinnt er eine compacte, gleichmässige Beschaffenheit 
und zersetzt sich dann ziemlich rasch. Nicht minder reich an 
Nährstoffen ist der 

Pferdedünger, der auch in seinem übrigen Verhalten mit 
dem Schafdünger die grösste Aehnlichkeit hat. Er enthält etwa 

V. Gohren, Ackerbaucliemie. 25 



386 Eigenschaften des Stalldüngers und dessen Veränderungen beim Liegen, 

70 O/o Wasser und zersetzt sich wegen des lockeren Gemenges, das 
er mit dem Streustroh bildet, unter Entwicklung von sehr viel 
Wärme und Ammoniak, rasch. Die Anwendung von Ammoniak 
bindenden Mitteln ist bei ihm besonders angezeigt. 

Viel wasserhaltiger (75 — 7 6 o/o) und ärmer an Nährstoffen ist 
der Rinds düng er. Er zersetzt sich unter geringer Erhitzung 
nur langsam und, bei fehlerhafter Behandlung, ungleichmässig; er 
bildet dann leicht Klumpen und, besonders bei zu viel Nässe, 
speckige Massen. Der kräftigste ßindsdünger ist noch der vom 
Mastvieh. 

Der Schweinedünger zeigt in seinen Eigenschaften und 
Werth grosse Verschiedenheit. Bei uns wird er — nur in Folge 
schlechten Futters — gewöhnlich als der nährstoffärmste und 
wasserreichste Dünger angesehen, doch zeichnet er sich immer 
durch höheren Gehalt an Phosphorsäure vor anderen Dünger- 
arten aus. 

Schaf- und Pferdedünger werden in der Regel abgesondert, 
Rinds- und Schweinedtinger aber meist gemengt auf dem Dünger- 
haufen behandelt und bilden den gemischten Dünger, in 
welchem die beiden letzteren Düngersorten ihren eigenthümlichen 
Charakter einbüssen. 

Ein weiteres Moment ist die Beschaffenheit der Streu. 
Wird eine andere Substanz als Stroh zur Streu verwendet, so ändern 
sich je nach der Natur derselben die Eigenschaften des Düngers 
physikalisch wie chemisch; und zwar physikalisch insofern, als bei 
Stroh der lockerste, bei Erdstreu z. B. der compacteste Dünger 
erzielt wird, chemisch dadurch, dass der Gehalt an Nährstoffen sich 
verändert und z. B. bei Erdstreu um das zehnfache geringer 
wird, weil man, um alle festen und flüssigen Entleerungen durch 
Erdstreu festzuhalten, von dieser etwa das zehnfache an Gewicht 
dessen bedarf, was an Stroh nöthig wäre. Da Stroh die allgemein 
übliche und verbreitetste Streu ist, die andern Streuarten aber nur 
ausnahmsweise zum Gebrauch kommen , so werden wir in Folgen- 
dem unter Stallmist immer einen mit Stroh bereiteten verstehen, 
falls nicht ausdrücklich ein anderes Material genannt ist. 

Etwas verschieden sind die Eigenschaften des Stallmistes ferner 
je nach seiner Ansammlung im Stall oder auf der Miststätte. 
Wohl ist bei rationeller Behandlung der im Stalle und der auf der 
Düngerstätte bereitete Dünger im Wesentlichen gleich gut, doch 
zeigt sich in der Praxis der erstere meist viel compacter und 
gleichmässiger. 

. Wichtig ist ferner auch dasVerhältniss der Menge von 
Streu zu jener der Entleerungen, da der Dünger um so 



Eigenschaften des Stalldüngers und dessen Veränderungen beim Liegen. 387 

wirksamer werden muss, je mehr er von Entleerungen und um so 
ärmer bleibt, je weniger er von denselben enthält. Deshalb ist 
auch der im Stalle bereitete Dünger, wenn man zu wässeriger 
Fütterung, folglich auch zu Verwendung von sehr viel Streu ge- 
nöthigt wird, ein geringwerthiger. Auch geht der Stallmist, je 
weniger er Entleerungen, besonders Harn enthält, um so langsamer 
in Fäulniss über. 

Wesentlich werden die Eigenschaften des Stallmistes durch den 
Grad seiner Zersetzung bedingt. Bei ungestörter Fäiilniss 
würden vom Dünger endhch nur die mineralischen Stoffe übrig 
bleiben. Eine so vollständige Zersetzung ist aber nicht Zweck der 
Düngerbereitung, es soll eben nur ein bestimmter Fäulnissgrad 
erreicht werden. Man unterscheidet dabei im Wesentlichen vier 
Hauptstadien, die man nach den landesüblichen Benennungen 
folgendermassen bezeichnet : 

unzer setzt (strohig, frisch, unverfault, roh, unvergohren), 

etwas zersetzt (mürbe; angefault), 

mittelmässig zersetzt (reif, gahr) und 

vollkommen zersetzt (speckig). 

Die Verschiedenheiten dieser Zersetzungsstadien beruhen theils 
auf der äusseren (physikalischen) Beschaffenheit, theils und vor- 
wiegend in der chemischen Zusammensetzung des Stallmistes. Seiner 
äusseren Beschaffenheit nach bildet der unzersetzte Stalldün- 
ger ein mehr oder weniger lockeres Gemenge von Koth und dem 
noch unzersetzten, aber mit Harn imprägnirten Stroh, er hat dabei 
einen starken Umfang und enthält noch alle Stoffe der Entleerungen 
und der Streu in fast unverändertem Zustand. Bei etwas zer- 
setztem Stalldünger ist das Stroh bereits dunkler und fängt 
an brüchig zu werden, der Dünger wird gleichmässiger und zu- 
sammenhängender, hat aber an Gewicht und Umfang schon verloren, 
weil viel Kohlensäure und Wasser, bei schlechter Behandlung auch 
Ammoniak, verflüchtigt sind, so dass von den 100 Pfd., die der 
frische Dünger wog, kaum 80 Pfd. übrigbleiben. 

Mittelmässig zersetzter Stalldünger ist bereits in 
jenes Stadium der Zersetzung eingetreten, die man bei guter Dünger- 
behandlung überhaupt anstrebt. Dieses Stadium ist im Sommer, 
wenn der Mist auf der Düngerstätte locker aufeinander lagert, 
binnen 5 — 6 Wochen — bei vom Vieh stark zusammen getretenem 
Stalldünger in 6 — 8 Wochen — im Winter in 10—12 Wochen 
erreichbar. Bei Anwendung von Wald- oder Laubstreu dauert es 
natürlich viel länger. Das Stroh ist dann mürbe und leicht zer- 
reibbar geworden , der Dünger hat eine gleichmässigere, compacte 
Beschaffenheit und dunklere Farbe angenommen, soll aber nicht 

25* 



388 Eigenschaften des Stalldüngers und dessen Veränderungen beim Liegen. 

nach Ammoniak riechen. Der Gewichtsverlust beträgt in diesem 
Stadium 40 Pfd. pr. Centner. 

Sehr stark zersetzter (verrotteter) Stalldünger endlich 
lässt seine Gemengtheile gar nicht mehr unterscheiden, ist schmierig 
(speckig), zeigt den engsten Zusammenhang, gleichmässige Form 
und fast schwarze Farbe. Wegen des grossen Verlustes an werth- 
voUen Stoffen erscheint eine so weit getriebene Zersetzung ver- 
werflich. 

üeber die chemischen Veränderungen, welche der Stall- 
dünger beim Liegen unter fortschreitender Zersetzung erleidet, gibt 
uns eine vergleichende Untersuchung von V ö 1 c k e r das deutlichste 
Bild. Der betreffende Dünger wurde von Pferden, Rindern und 
Schweinen gewonnen. 





in frischem 


in stark 


zersetztem 




Zustand 


Stadium 


10,000 Pfund Stalldünger enthielten: 




hiervon 
in 

Wasser 
löslich 




hiervon 

in 
Wasser 
löslich 


Wasser 


6617 





7542 





Organische Stoffe 


2824 


248 


1653 


371 


Hierin Stickstoff 


64V3 


15 


60 72 


30 


Mineralstoffe 


559 


154 


805 


147 


Hierin: Kali 


67 V2 


57 V3 


49 


44 


„ Kalk und Talkerde . . . 


192 


73/4 


276 


16 72 


„ Phosphorsäure 


31 72 


13V2 


45 


1772 


„ Schwefelsäure 


11 V2 


572 


12 


53/4 


„ Kieselsäure 


176 V2 


233/4 


269 


2572 


„ Natron, Chlor, Kohlensäure, 










Thonerde, Eisenoxyd . . 


80 


4676 


154 


373/4 



Es ergibt sich aus diesen Zahlen: 

a) Dass ein gleiches Gewicht verrotteten Düngers mehr Mineral- 
stoffe und Wasser, dagegen weniger organische Stoffe und Stickstoff 
als der frische Dünger enthält. Die Anhäufung der Mineralstoffe 
erklärt sich ganz natürlich aus der Abnahme der organischen Sub- 
stanzen durch Zersetzung in flüchtige Stoffe. 

b) Dass die Menge der in Wasser löslichen Stoffe überhaupt, 
sowie die Menge organischer löslicher Stoffe und löslichen Stick- 
stoffes (Ammoniak, salpetersaure Salze) in verrottetem Dünger be- 
deutender als in frischem ist. Letzterer enthält nur eine ganz 
geringe Menge Ammoniak, da der Stickstoff in anderer unlöslicher 
Form vorhanden ist. Die Zunahme an löslichem Stickstoff und 
organischen Verbindungen scheint in verrottetem Dünger aber nur 



Eigenschaften des Stalldüngers und dessen Veränderungen beim Liegen. 389 

dann einzutreten, wenn die Fäulniss bei etwas gehemmtem Luft- 
zutritt, z. B. in zusammengetretenem grossem Haufen, oder bei 
grösseren Wassermengen vor sich geht. Demnach ist der in den 
festen Lagen befindliche Dünger immer der an löslichen organi- 
schen Stoffen und Stickstoff reichste. 

c) Dass die Gesammtmenge der löslichen mineralischen Stoffe 
in verrottetem Dünger etwas geringer als in frischem ist. Ver- 
gleicht man aber die einzelnen löslichen Mineralstoffe, so zeigt sich, 
dass von einigen der verrottete Dünger mehr enthält, z. B. von 
Phosphorsäure, Kieselsäure, Kalk- und Talkerde, dagegen wenig 
Kali. 

Verrottet der Mist in zu trockenem Zustand und in der Luft 
zu sehr ausgesetzter Lage, so enthält er weniger löslichen Stickstoff 
und organische Substanzen, wie nachfolgende Analysen von Wolff 
bei einem unter ungünstigen Verhältnissen aufbewahrten Dünger 
zeigen. 



10,000 Pfund Stalldünger enthielten: 



frisch 



Terrottet 



Trockensubstanz im Dünger 

Lösliche Stoffe überhaupt 

Lösliche Mineralstoffe 

Lösliche organische Stoffe 

Hierin : Stickstoff in löslicher organischer Ver- 
bindung 

„ Stickstoff als flüchtiges Ammoniak 
„ als gebundenes Ammoniak . . . . 

Unlösliche Stoffe überhaupt 

„ Mineralstoffe 

„ organische Stoße 

Hierin Stickstoff in unlöslicher Verbindung . 

Gesammtmenge des Stickstoffes 

„ der Mineralstoffe 

„ der organischen Stoffe . . . . 



2774 
390 
1291/2 
260 V2 

171/2 

3 

IV2 
2384 

2571/2 
2 126 1/2 
24 
453/4 
387 
2387 



2020 
252 

IOIV3 
15073 

72/, 

1768 
6371/2 
1130 
331/2 

42^/4 

738^/3 

12811/3 



Diese Zahlen belegen zur Genüge, wie ungemein gross unter 
Umständen die Verluste an einigen der wichtigsten Nährstoffe (Kali, 
Stickstoff) sein können, Verluste, durch welche sich der Landwirth 
die schnellere Wirksamkeit des verrotteten Stalldüngers erkauft. 



390 Eigenschaften des Stalldüngers und dessen Veränderungen beim Liegen. 



Absolute Menge der einzelnen Bestandtheile und Verlust bei der 
Aufbewahrung des Stalldüngers: 



Bei dem Versuche betrug die Ge- 

sammtmenge des frischen Düngers 

14,330 Pfund; diese enthielten: 






1=1 -^ 

g S 



10,000 Pfd. die- 
ses Düngers bei 
gleichem Wasser- 
gehalt enthielten 



frisch verrottet 



Wasser 

Organische Stoffe 

Darin : Stickstoff in organischer 
Verbindung .... 
Stickstoff als Ammoniak 
Mineralstoffe 

Darin: Kali 

Kalk- und Talkerde . . 

Phosphorsäure 

Schwefelsäure 

Kieselsäure 

Natron, Eisenoxyd . . . 
Sand, Thon 



Pfd. 

10355 

3420 

(59 Vi 
( 67^ 
555 



Pfd. 

5370 

863 

2875 

3/, 

497 



14330 

8572 

842/; 
2072 
113/4 

129 

243/4 
14373 



6730 

3872 
7873 

182/3 

672 

1263/4 

2072 
1722/3 



Pfd. 

4985 
2557 

317( 

57^ 
58 



Pfd. 
7500 
215173 

3772 

33/4 

3432/3 



Pfd. 
7500 

1587 

5172) 

13/4) 

913 



7600 

47 

67; 

15/6 

574 
274 
47. 



10000 

342/3 
5373 

123/ 
77: 
81 

152/3 
9073 



10000 

52 
144 

3372 

12 
233 

372/3 
31772 



Noch mögen einige Daten über die Beschaffenheit des Mistes 
der verschiedenen Nutzthiere in bestimmten Fällen folgen : 





I. Schafdünger 




bß 

. :^ 
1— 1 Ti 
1— i 

p-l 


Ö 


IV. 

Schweine- 
dünger 


pH 


10000 Pfd. von jeder 

der 5 Düngerarten 

enthielten : 


ä 

S S 



ö 

^.2 

a 


-2 f^ 

.0 bß 

gQ 




Wasser 

Organische Stoffe . . 

Hierbei Stickstoff . . 

Mineralstoffe .... 


7366 
1265 

(6272) 
1369 


270 

153/4 
266 


674572 

29243/4 

(67) 
3293/4 


753173 
17242/3 
(4472) 

744 
10000 

18 
1 632/3 

1873 

872 
14173 

57 

33776 


72873/4 
2333 

(7872) 
37972 


7930 

1400 

(40) 

670 


Hierin Kali .... 
Kalk- und Talkerde . 
Phosphorsäure . . 
Schwefelsäure . . . 
Kieselsäure .... 
Natron, Chlor, Kohlen- 
säure, EisenoxydjThon- 

erde 

Sand, Thon .... 


10000 

44 

223 
81 
49 

839 

133 


5513/4 

3772 

582/3 

2672 

77. 

122^3 

1372 


10000 

6772 

783/4 

23 

73/4 

1363/4 


10000 

1693/4 

4173 

203/4 

2372 
11273 


10000 

26 

8 12/3 

20 

122/3 

84 
4452/3 
m. Kiesel- 
erde 



Eigenscliafteii des Stalldüngers und dessen Veränderungen beim Liegen. 391 



I. Schafdünger, durch drei Jahre iu einem Haufen abge- 
lagert und dabei dem Regen und der Luft ausgesetzt, vollkommen 
zersetzt (nach Völcker), 

IL Pferdedünger (frisch), erhalten aus Futter von Heu und 
Hafer bei 4 Pfd. täglichem Streustroh (nach Boussingault). 

HL Rindsdünger, 4 Wochen alt, gewonnen bei 100 Pfd. 
Grünkleefütterung und 5 Pfd. Roggenstroh (Rob. Ho ff mann). 

IV. Schweinedünger, erhalten bei Fütterung mit Kar- 
toffeln bei 1 Pfd. Streustroh (nach Boussingault). 

V. Gemischter Dünger, erhalten bei 30 Pferden, 30 Rin- 
dern und 16 Schweinen (nach Boussingault). 

Je nach Umständen wird sich also die Qualität des Stallmistes 
sehr ändern, im Allgemeinen aber kann man annehmen, dass sich 
in 100 Pfd. mittelverrotteten Stalldüngers beiläufig finden: 

Wasser 75 Pfd. 

Organische, Kohlenstofi", Wasser- 
stoff, Sauerstoff" und Stickstoff ent- 
haltende Substanzen thierischen 
und pflanzlichen Ursprungs . . 15 „ 

Darin: Stickstoff i;2 Pfd. 

Unorganische, alle mineralischen 

Nährmittel enthaltende Stoffe . 7 „ 

Darin: Kali ........ V2 ^ 

Phosphorsäure Vs n 

Werthlose Beimengungen ... 3 „ 

100 Pfd. 



Hiervon 5 Pfd. 
im Wasser lös- 
liche, alle 
Xährstoife 
enthaltende 
V Substanz 
mit V4 Pfund 
Stickstotf, -»/lo 
Pfd. Kali, ^/lo 
Phosphor- 
säure. 



f. Rationelle Anwendung des Stalldüngers. 

Die Wirkung des Stalldüngers ist bedingt durch seinen Gehalt 
an allen Nährstoffen in einer den Culturpflauzen theils schon 
zugänglichen theils mehr und mehr zugänglich werdenden Form, 
sowie durch die physikalischen Einwirkungen auf den Boden. 
Auf der Vereinigung dieser beiden Wirkungen beruht sein Erfolg. 
Wegen dieser zwiefachen Vortheile ist es auch schwer, den Stall- 
dünger durch irgend eine andere Dünger-Art zu ersetzen. 

Wesentlich für den günstigen Erfolg ist aber die rationelle 
Anwendung des Stallmistes. Boden, Klima, Pflanzenart verlangen 
Berücksichtigung und stellen verschiedene Anforderungen an die 
Beschaffenheit des Stallmistes*. Ebenso ist je nach dem Zersetzungs- 
grade des Stallmistes auch seine Verwendung eine verschiedene. 



392 Rationelle Anwendung des Stalldüngers. 

Mit friscliem Stalldünger lässt sich bei seinem grösseren Um- 
fange auch eine um so grössere Fläche Landes düngen. Er wirkt 
in Folge seiner nur allmählichen Zersetzung zwar sehr langsam, 
dafür aber um so nachhaltiger. Freilich erschwert er ungemein 
das Pflügen und Eggen, und seine Bestandtheile vertheilen sich nur 
höchst ungleichmässig im Boden. Bei anhaltender Trockene zersetzt 
er sich nicht und bleibt dann ganz wirkungslos. Mittelmässig 
verrotteter Dünger ist in jeder Hinsicht der alleranwendbarste. 
Von weit geringerem Umfang, verursacht er weniger Fuhrlohn, 
lässt sich leichter zerkrümeln und ausbreiten, kostet weniger Mühe 
beim Unterbringen, vertheilt sich gleichmässiger im Boden und 
wirkt ohne allzugrosse Schnelligkeit doch ganz entsprechend rasch. 
Den anderen Gegensatz bildet der sehr stark verweste, daher 
zu rasch und kräftig wirkende Dünger. 

Begreiflich bildet die Entscheidung der Frage über den Zer- 
setzungsgrad des Düngers schon lange und auch noch heute den 
Gegenstand eifrigen Streitens und schon Da vy sagt: „Nicht leicht 
wird grössere Meinungsverschiedenheit über einen Gegenstand herr- 
schen, als über den Zustand, in welchem der Dünger untergepflügt 
werden muss. " Solche Meinungsverschiedenheit ist aber bei derart 
unbestimmter Fassung der Frage ganz erklärlich, denn so allge- 
mein hingestellt lässt sie sich überhaupt gar nicht beantworten, 
weil jeder besondere Fall auch eine specielL entsprechende Frage- 
stellung erfordert. Aus Vorstehendem wird der aufmerksame Land- 
wirth sich für seine speciellen Fälle leicht Rath erholen können. 
Möge er an der Thatsache festhalten, dass die langsamste und 
nachhaltigste Wirkung ohne bedeutenden Nährstoffverlust von fri- 
schem, die schnellste, aber am raschesten vorübergehende und 
mit bedeutendem Nährstoffverluste verbundene, von sehr stark 
zersetztem Stalldünger zu gewärtigen ist. Eine Anwendung des 
Düngers in ganz frischem und in ganz verrottetem Zustande ist 
meist bedenklich , also auch nicht räthlich und es empfiehlt sich 
auch hier das Einschlagen der goldnen Mittelstrasse. Mittel- 
mässig zersetzter Dünger wird sich in den meisten Fällen als 
der anwendbarste und sicherste bewähren. 

Ueber das Aufbringen des Stalldüngers und dessen 
Behandlung auf dem Felde sei etwa Folgendes bemerkt. Der 
über Winter gewonnene Dünger wird im Februar und März vor 
der Frühjahrsbestellung, später aber, unmittelbar nach derselben 
für Hackfrüchte auf das Feld geführt. Der vom März bis Mitte 
Juli erzeugte Dünger dient für die Winterfrüchte, der von Mitte 
Juli bis October wird im Spätherbste für Hülsen- und Sommeröl- 
früchte verwendet. Soll der Roggen einfurchig und spät bestellt 



Rationelle Anwendung des Stalldüngers. 393 

werden, so kann man auch dazu den Sommer- und Herbstdünger 
noch verwenden. 

Der auf das Feld geführte Dünger ist vom Wagen ab in ab- 
gesonderten kleinen Haufen von gleicher Grösse (zu 1/2 — ^/4 Ctr.) 
derartig über den Acker zu vertheilen, dass diese Haufen in gleich 
weiten Abständen von einander zu liegen kommen. Sobald dies 
beendet, müssen die Düngerhaufen sorgfältig über das ganze Feld 
ausgebreitet werden. 

Lässt sich das Ausbreiten nicht allsogleich vornehmen, so 
bringe man den Dünger statt in viele kleine Haufen in wenig 
grössere und bedecke diese grossen Haufen sorgfältig mit Erde. 

Leider wird dieses einfache Verfahren nicht immer eingehalten. 
Nur zu häufig sieht man die kleinen Düngerhaufen nicht nur über 
den Winter, sondern sogar noch während der wärmeren und 
trockeneren Frühlingstage unausgebreitet liegen. Oft sind sogar 
im zeitlichen Frühjahre, wenn man den Dünger breiten will, die 
Haufen noch durchgefroren, und eine frühzeitige Ackerung des 
Feldes wie gleichmässige Vertheilung des Düngers desshalb unmög- 
lich. Wie oft findet man auf solchem Ackerlande noch nach Jahren 
unzersetzte Düngerklumpen liegen. 

So einig man auch über die Nothwendigkeit des sofortigen 
und sorgfältigen Breitens des Stalldüngers ist, so wenig ist man es 
über die Beantwortung der Frage : „ ob der gebreitete Dünger also- 
gleich eingeackert werden muss, oder ob er ohne Nachtheil durch 
längere Zeit uneingeackert liegen bleiben kann. " Auch hier wird 
der specielle Fall ins Auge zu fassen sein. Je nach den Umständen 
dürfte das eine oder das andere sich besser empfehlen. 

Unsere Aufgabe hiebei ist, zuerst den wissenschaftlichen 
Gesichtspunkt .dieser Frage festzustellen. Die Zersetzung des Stall- 
düngers unter Bildung der gleichen Producte geht sowohl inner- 
wie ausserhalb des Bodens vor sich. Bei feuchtem Wetter erfolgt 
in dem obenaufliegenden Dünger eine normale, rasche Zersetzung, 
es werden hinlänglich lösliche Stoffe frei, die durch den Regen 
dem Boden zugeführt werden. Allerdings verflüchtigt sich dabei 
ein Theil des Ammoniaks und zwar um so mehr, je zersetzter der 
Stalldünger auf das Feld gebracht wurde ; dieser Ammoniakverlust 
ist jedoch nicht so bedeutend, da die löslichen Ammoniakverbin- 
dungen mit den übrigen löslichen Stoflen in den Boden geführt 
werden. Die Sorge beträchtlichen Ammoniakverlustes ist also hier 
weniger begründet, als bei schlechter Behandlung des Dünger- 
haufens. Einen weit ungünstigeren Verlauf nimmt jedoch die Zer- 
setzung des obenaufliegenden Stalldüngers bei trockenem, war- 
mem Wetter. Abgesehen davon, dass die Zersetzung langsam vor 



394 Eationelle Anwendung des Stalldüngers. 

sich geht und nur wenige Stoffe löslich gemacht werden, verflüchtigt 
sich viel Ammoniak. Solcher stark ausgetrocknete Stalldünger zer- 
setzt sich, in den Boden gelangt, nur äusserst langsam. 

Für die Praxis ergeben sich hieraus die wohl zu beachtenden 
Regeln : 

a) Das längere Liegenlassen des gebreiteten Stalldüngers auf 
dem Acker ist nur bei feuchtem und kühlem Wetter zulässig. 

b) Um der Verflüchtigung des Ammoniaks beim Obenaufliegen- 
lassen vorzubeugen, lasse man den Dünger nicht zu sehr verrotten 
und ackere ihn bei anhaltender Trockene ein. Auch hiebei können 
die fleissigen Belgier als Muster dienen; sie bringen den Dünger 
gleich in jede aufgepflügte Beetfurche, lassen mithin den Dünger- 
karren dem Pfluge unmittelbar nachfolgen. Ferner 

c) lasse man, wenn möglich, den Dünger von der Pflanze, mit 
welcher das Feld bestellt ist, durchwachsen, wodurch die sich etwa 
verflüchtigenden Stoffe von der jungen Pflanze aufgenommen werden 
und auch der Dünger vor Sonne und Wind besser geschützt wird. 
In manchen Fällen wird sich auch das Gypsen des Düngers em- 
pfehlen, 

d) Einen Verlust an löslichen Stoffen, welcher am nachthei- 
ligsten wäre, hat man nur bei sehr abhängigen Feldern zu be- 
fürchten, wo die Erde sammt dem Dünger durch Regengüsse oder 
im Frühjahre durch plötzlich gethauten Schnee weggeschwemmt 
werden kann. In Berücksichtigung dieser Umstände ist 

e) das Obenaufliegenlasseu des Stalldüngers dann anzuwenden, 
wenn man überhaupt einer schnellen Wirkung bedarf. Ferner um 
schwache Wintersaaten durch Ueberdüngung rasch zu kräftigen, 
in welchem Falle aber der Dünger gleichförmig und dünn über die 
Saat gebreitet werden muss. Soll hingegen der Stalldünger langsam 
wirken und erst einer zweiten Pflanze meist zu gute kommen, so 
hat man ihn unterzupflügen. 

f) Unter steter Beobachtung der obwaltenden Verhältnisse wäre 
demnach bei schwacher und öfterer Düngung ein längeres 
Liegenlassen des gebreiteten Düngers, bei starker und seltener 
Düngung hingegen ein allsogleiches Einackern anzuempfehlen, wel- 
ches letztere auch da vortheilhaft wäre, wo es sich darum handelt, 
bindigen Boden aufzulockern. 

g) Am besten ist der Erfolg des Liegenlassens des Düngers, 
wenn derselbe noch unzersetzt und nicht zu langstrohig, dabei gut 
gebreitet ist, über Winter, da eine solche schwache Düngerdecke 
die Saaten auch vor dem Auswintern schützt. 

Hat nun auch das Obenaufliegen des Düngers bei feuchter 
Witterung oder im Herbste vor Beginn des Schneefalles und unter 



Eationelle Anwendung des Stalldüngers. 395 

andern ähnlichen Verhältnissen manche ganz unbestreitbare Vor- 
theile, so soll doch der Landwirth in der Regel den Stallmist so- 
gleich unterbringen und ihn nur ausnahmsweise unein- 
geackert auf dem Felde liegen lassen. 

Mag nun der Stalldünger sogleich oder erst nach einiger Zeit 
eingeackert werden , so darf dies niemals auf scholligem , sondern 
soll immer auf mit der Egge geebnetem Boden geschehen. Die 
Unterbringung mittelst der Düngerfurche darf nicht zu tief sein, 
damit der Dünger weder zu sehr von den atmosphärischen Ein- 
flüssen abgeschlossen wird, noch auch unterhalb des Bereiches der 
Wurzeln zu liegen kommt. Er muss demnach bei allen Pflanzen 
mit tiefgehenden Wurzeln etwas tiefer , bei Getreide , sowie bei 
schweren Bodenarten seichter untergebracht werden. Das Unter- 
bringen darf nicht bei zu starker Feuchtigkeit des Düngers oder 
gar des Bodens geschehen und bei sehr strohiger Beschaffenheit 
muss der Dünger in die offene Furche hinter dem Pfluge einge- 
harkt werden, so dass jedes Düngertheilchen mit Erde vollkommen 
bedeckt ist und letztere angedrückt bleibt, zu welchem Zweck man 
bei leichten Bodenarten noch überwalzt. 

Wie viele Ackerungen nach dem Unterbringen des Düngers 
noch stattzufinden haben , hängt von dem mehr oder weniger un- 
krautfreien Zustande des Bodens, von der Zeit der Düngerauf- 
bringung — ob kürzer oder länger vor der Saatbesteilung — 
endlich von den Anforderungen der Culturpflanzen an rasche oder 
langsame Wirksamkeit des Düngers ab. Als eine zu beachtende 
Regel diene, dass der Dünger niemals durch die Saatackerung an 
die Oberfläche emporgebracht werden darf. 

Eine besondere Art des Düngens, das „Reihen-" oder 
„Loch "düngen, pflegt man bei solchen Culturen einzuhalten, von 
denen man gleich im ersten Jahre einen möglichst grossen Ertrag 
erzielen will. Es wird bei der Drillcultur, besonders beim Hack- 
fruchtbau angewendet. Man bringt den Dünger in die Saatfurche 
oder in die zum Bepflanzen bestimmten Kämme oder wie bei dem 
Lochdtingen in die dazu vorbereitete Grube. Bei dieser Art Dün- 
gung bedarf man kaum den dritten Theil der gewöhnlichen Menge 
und sie gewährt daher die Vortheile, mit viel weniger Dünger eine 
grosse Fläche versehen und denselben den Pflanzen möglichst nahe 
bringen zu können. 

Mitunter bringt der Landwirth den Stalldünger in einzelnen 
Partien auf die schon hervorgewachsene Saat als Nachdüngung, 
um im Frühjahre eine schnelle Wirkung zu erzielen. In solchem 
Falle ist nur ein stark verrotteter, bei Wintersaaten im Spätherbste 
hingegen ein nur wenig zersetzter, langsam wirkender Dünger an- 



396 Eationelle Anwendung des Stalldüngers. 

zuwenden. Audi beim Ueber düngen hat man die beim Liegen- 
lassen gebreiteten Stalldüngers empfohlene Vorsicht zu beachten. 
Eine Nachdüngung zeigt sich besonders wirksam bei Erbsen, 
Wicken und während des Winters auf schwächlichen Weizensaaten, 
Besondere Rücksichten erfordert die Beschaffenheit des Bo- 
dens , da von ihr die Wirkung des Düngers sehr wesentlich be- 
einflusst wird. Als allgemeine Regeln sind hiebei zu beachten: 

a) mittelmässig zersetzter Dünger ist ziemlich für alle 
Bodenarten anwendbar; 

b) wenig verrotteter Stalldünger eignet sich vorzüglich 
für schwere und kalte Bodenarten^ um diese aufzulockern; 

c) stark zersetzter Dünger passt nur für leichten Boden. 

d) Mit Erdstreu gewonnener Stalldünger ist nur für lockere, 

e) bei Sand streu erzeugter Dünger hingegen für bindige 
Bodenarten anzuwenden. 

f) Schwere kalte Bodenarten müssen im Frühjahr oder 
Sommer gedüngt werden, damit der sich zersetzende Dünger den 
Boden auflockere; 

g) bei leichtem und Sandboden hingegen ist es am zu- 
träglichsten, unmittelbar vor der Saat zu düngen. 

Weitere Rücksichtnahme bei Anwendung des Stalldüngers er- 
fordert die Gattung der zu bauenden Pflanze. Hier gelten 
die Regeln : 

a) alle Culturpflanzen von kurzer Vegetationsdauer, 
wie Hanf, Tabak, Lein, Gartengewächse und Sommergetreide, 
müssen der schnelleren Wirkung wegen stark verrotteten 
Dünger erhalten. 

b) Wintergetreide und alle anderen Culturpflan- 
zen, welche durch längere Zeit im Boden bleiben, sollen durch 
mittelmässig verrotteten Dünger genährt werden. 

c) Nicht alle Culturpflanzen ertragen die unmittelbare Düngung 
mit Stallmist, manche gedeihen besser als zweite Frucht, nach der 
Düngung, so die Getreidearten, Zuckerrüben, Samen- 
erbsen. 

d) Für Wiesen, Futterpflanzen und Kartoffeln ist 
eine im Winter gegebene Düngung sehr zuträglich; hingegen sagt 
dem Winter getreide, dem Lein, den Hülsenfrüchten eine 
Herbstdüngung, und den Rüben, dem Mais und dem Hopfen 
eine Frühjahrsdüngung am besten zu. 

Endlich darf auch das Klima und die Witterung bei der 
Düngerverwendung nicht ausser Acht gelassen werden. Bei sehr 
heissem, trockenem Wetter ist der noch ganz frische Stall- 
dünger fast wirkungslos, ja sogar auf Wiesen entschieden 



Rationelle Anwendung des Stalldüngers. 397 

schädlich , wenn die Dtingerschollen nicht zuvor vollkommen zer- 
krümelt wurden, indem durch deren dunkle Farbe sich der Boden 
noch mehr erwärmt, folglich seine Feuchtigkeit und sein Wasser 
nur schneller verliert. Bei sehr trockenem Wetter ist demnach 
möglichst verrotteter Dünger auf das Feld zu fahren, allsogleich 
zu breiten und unterzubringen. 

Was schliesslich die Menge des anzuwendenden Stallmistes 
betrifft, so rechnet man im Allgemeinen per Hectar: 
als schwache (halbe) Düngung . . . 16000—23000 Kilogr. 
als mittelmässige (gute) Düngung . . 29000 — 35000 „ 
als sehr starke Düngung 44000—52000 „ 

Auch hiebei haben die Umstände zu bestimmen, ob man z. B. 
1 Hectar mit 30000 Kilo Dünger jedes dritte Jahr, oder all- 
jährlich mit 10000 Kilogr. zu düngen habe. Letzteres verdient 
auf leichten und sandigen Feldern, wo sich der Dünger früher zer- 
setzt — ersteres auf schwerem Boden im Allgemeinen den Vorzug. 
Die Fuhre ä 500 Kilo berechnet, entfallen sonach je 30, 50 bis 
90 Fuhren Dünger per Hectar, wobei man bei einer sehr guten Dün- 
gung annehmen kann, dass wohlzerkrümelter Dünger für die ganze 
Fläche genügend ausreiche und gieichmässig vertheilt, 2 Centim. 
hoch zu liegen kommt. 

Jene Mengen ändern sich jedoch nach den schon früher er- 
wähnten, in der Bewirthschaftung Einfluss nehmenden Umständen. 
Vorzüglich zu beachten bleibt: 

a) Je reicher in Folge kräftiger Fütterung der Stalldünger an 
Pflanzennährstoffen, desto kräftiger wird er bei guter Behand- 
lung wirken, und um so weniger wird man brauchen. Demnach 
wird vom Schaf- und Pferdedünger weniger, von Rinds - 
dünger am meisten verwendet werden müssen, wenn auch die 
Nachwirkung bei letzterem eine längerdauernde ist. 

b) Die tiefe Pflugfurche verlangt stärkere Dün- 
gung, als die seichte, weil sich bei ersterer der Dünger auf eine 
grössere Erdmasse vertheilt. 

c) Die dem Boden besonders viel Nährstoffe entziehenden Cul- 
turpflanzen verlangen eine beträchtlich stärkere Düngung, so 
z. B. Oel- und Gespinn stpflanzen, dann Hackfrüchte; 
eine weniger starke Düngung bedürfen hingegen die Getreide- 
arten. 

d) Auch nach der Frucht folge hat sich die Stärke der 
Düngung zu richten ; so ist z. B. sobald stark erschöpfende Pflanzen 
oft hinter einander gebaut werden, eine stärkere Düngung erfor- 
derlich. 

e) Ebenso je nach dem Zeiträume, in welchem eine Düngung 



398 Der Pferchdünger. 

der andern zu folgen hat, denn es ist keinesfalls gleichgiltig , ob 
man eine Düngung von 30000 Kilo per Hectar nur alle 5 oder 
3 Jahre zu wiederholen hat. 

f) Die Nothwendigkeit der Nachdüngung über die gekeimte 
Saat ergibt sich dann, wenn eine Frucht wegen Düngermangel in 
ein bereits durch die Vorfrucht entkräftetes Feld gebaut werden 
musste. Die Nachdüngung muss dann in jener für die gebaute 
Frucht erforderlichen Stärke gegeben werden , jedoch niemals zu 
stark ; letzteres ist besonders für Frühjahrsaat bei Anwendung stark 
zersetzten Düngers zu beachten. 

Aus allem bisher über die Anwendung des Stalldüngers nach 
Wissenschaft und Erfahrung Dargelegten erhellt aber überzeugend, 
wie schwer, ja unmöglich es ist, hierüber allgemeine, d. h. für 
jedes specielle Vorkommniss giltige Regeln aufzustellen. Dem un- 
geachtet können die gegebenen Anhaltspunkte und die überall 
treulich hervorgehobenen wissenschaftlichen Grundsätze jeden auf- 
merksamen Landwirth in den Stand setzen, für seine besonderen 
Fälle das Richtige ausfindig zu machen. 



2. Der Pferchdünger (Hordendünger). 

Unter Pferchdünger versteht man die unmittelbaren Ent- 
leerungen der zu Düngungszwecken gewöhnlich nur während der 
Nachtzeit auf dem zu pferchenden Felde im umzäunten Räume 
(Horde, Koppel) bleibenden Thiere. Diese Art zu düngen kann in 
unserem Klima nur in der Zeit zwischen der zweiten Hälfte April 
und Mitte October, also etwa während sechs Monaten geschehen 
und auch dann nur bei entsprechender Witterung. Niemals dürfen 
die Thiere bei anhaltend nassem oder stürmischem Wetter oder auf 
einem stark durchnässten Feld eingehürdet werden. Am häufigsten 
ist das Pferchen mit Schafen ; aber auch dann ist es ausschliesslich 
auf entlegeneren Feldern und selbst da nur selten noch in An- 
wendung. 

Der Pferchdünger ist, weil er nur aus reinen Entlererungen 
der Thiere besteht, kräftiger als der Stalldünger, rasch, aber wenig 
nachhaltig wirkend. Nur bei sehr starker Pferchung wird sich die 
Wirksamkeit länger als auf ein Jahr erstrecken. Für Früchte, 
welche eine Lagerung befürchten lassen, wie Getreidearten, ist sie 
nicht anzuwenden und nur vor der Saat, seltener und nur mit 
Vorsicht auf die Saat rathsam. 

Am vorzüglichsten wirkt der Pferch bei feuchter Witterung. 
Immer muss das zu pferchende Feld vorher gut und sorgfältig 



Die menschlichen Entleerungen und der aus denselben bereitete Dünger. 399 

bearbeitet sein. Das Gypsen des Hordendüngers vor seiner Ein- 
ackerung ist anzuempfehlen ; auch lässt man der Reinlichkeit halber 
die Hordenplätze mit Streustroh versehen. — Bei Anwendung des 
Pferchdüngers zu Sommersaaten, wie Lein, Hanf u. dgl. ist mög- 
lichst baldiges Unterpflügen besonders anzurathen. 

Als eine starke Pferchdüngung mit Schafen gilt, wenn wäh- 
rend einer ganzen Nacht per Stück der Raum von 1 DMeter ent- 
fällt; als eine schwache, wenn der Raum auf IV2 — 2 DMeter 
erweitert wird. 



3. Die menschlichen Entleerangen (Excremente, Excrete) und der aus 

denselben bereitete Dünger (Poudrette, Urate). 

a. Zusammensetzung und Werth. 

Die festen Excremente der Menschen bestehen aus unver- 
dauten Nahrungsstoffen, Gallenbestandtheilen und mancherlei aus 
dem Blute ausgeschiedenen Substanzen; der Harn (Urin) hingegen 
aus den durch die Nieren abgesonderten flüssigen, von dem Zerfall 
der Gewebe herrührenden Stoffen. 

Ueber den Gehalt der Excremente an Pflanzennährstoffen sowie 
über die Menge der Excrete gibt folgende Uebersicht Aufschluss: 



Es enthalten 
1000 Pfd. 



H e 



der Mensch, 
liefert jährlicli 



a 

Sa 






w 



österr. Pfund 
a 5tiO Grm. 



a ^ 

B^ 



N 



^ o „ 



^^ ~tf Cd 






"Wasser 

Feste Stoffe .... 

Mit Organ. Stoffen 
Darin Stickstoff . . 

Mineralstoffe . . . 

Mit Alkalien . . . 

Mit Kalk- und Talk- 
erde 

Phosphorsäure . . . 

Tägliche Menge in 
Pfund 

Jährliche Menge in 
Pfund 



750 


960 


930 »/2 


90 


250 


40 


69 V2 


30 


230 


28 


56Vio 


28 


6 


10 


9V3 


1 


20 


12 


12«/io 


2 


3 


2 


2 


V3 


5V2 


'A 


'1^0 


'h 


6 


1V2 


VjiO 


'h 


V2 


2 


— 


— 


120 


730 











701 
29 
20 

7 
9 

IVa 

2/10 
IV2 



791 
59 

48 

8 

11 

I^/g 

Vio 

2V4 



88406 
6594 
5365 

894 
1229 

205 

78 
251 



48390 

3610 

2936 

489 

647 

112 

42 
138 



Man kann das Gewicht von einem Kubikfuss (32 Kubikdecim.) 
Harn zu 58 Pfund (32480 Grm.}, jenes von einem Kubikfuss fester 



400 Zusammensetzung und Werth der menschlichen Entleerungen. 

Excrete zu 40 Pfund (22400 Grm.), und das Gewicht gemischter, 
theils fester, theils flüssiger Excrete, wie sie gewöhnlich vorkommen, 
zu 52 Pfund (29120 Grm.), demnach das eines Eimers (56,6 Liter) 
gemischter Excrete zu 95 Pfund (53200 Grm.) schätzen. Sonach 
würde jeder Mensch jährlich etwa 16 Kubikfuss (505 Kubikdecim.) 
oder ca. 9 Eimer entleeren. 

Dass bei dem Menschen die Menge und der Gehalt an Stoffen 
in den Excreten durch das Alter, den Gesundheitszustand, die 
Lebensweise, ganz vorzüglich aber durch die Art der Nahrung be- 
dingt wird, ist selbstverständlich. Die Excrete reichlich und kräftig 
Genährter müssen demnach für den Landwirth viel werthvoUer sein, 
als jene von den sich nur nothdürftig ernährenden Classen. Viel- 
fache Erfahrungen in der Praxis haben diesen Unterschied auch 
dargethan. 

Sehr ungünstig ist für die Verwerthung des Harnes dessen 
bedeutender Wassergehalt, der an sich etwa 9 6 o/o beträgt und 
durch ungünstige Einwirkungen bis zu 99 "/o sich steigern kann. 

Laut vorstehender Tabelle enthält unter gewöhnlichen Ver- 
hältnissen der Harn in 100 Pfund nur etwa 4 Pfund feste Stoffe; 
bei grossem Wasser-, Bier- oder Weingenuss sinkt die Menge der 
festen Stoffe auf 2, ja auf 1 Pfund und darunter herab. Aehn- 
liche Mengen enthält auch der^ in den Pissoirs der Städte sich an- 
sammelnde Harn. Nach den von Grouven zu Köln unternom- 
menen Versuchen enthielt der Harn der städtischen Pissoirs in 
1000 Pfund durchschnittlich: 

Wasser 970 Pfd. 

Feste Stoffe 30 „ 

Darin Stickstoff' .... 4 „ 
„ Phosphorsäure . . 1 « 

„ Kali 11/2 Pfd. 

Der Werth der menschlichen Entleerungen kann also zwar 
ziemlich differiren, ist aber doch in Folge ihres Gehaltes an den 
wichtigsten Nährstoffen ein sehr bedeutender und repräsentirt un- 
geheure Geldsummen, wenn man die Menge der nützlichen Bestand- 
theile veranschlagt, welche der Landwirthschaft bei richtiger Be- 
handlung der Excrete gewonnen werden können. Legt man die 
durchschnittlichen Preise der wichtigsten Nährstoffe zu Grunde, so 
ist ein Eimer gemischter Excrete etwa 50 Kreuzer, ein Kubikfuss 
27 kr. werth. Ein Mensch liefert jährlich ein Quantum Excrete, 
das einen Werth von 4^/4 Gulden repräsentirt. 

In den durch beharrlichen Fleiss so fruchtbar gewordenen 
Ländereien Belgiens, wo die menschlichen Excrete schon längst 
zur Düngung in allgemeiner Anwendung sind, wird der Eimer noch 



Zusammensetzung und Werth der menschlichen Entleerungen. 



401 



mit 24 kr, bezahlt, "wonach dort der Werth der Excrete eines 
Menschen per Jahr auf 2 Gulden zu schätzen "wäre. Zur Erzielung 
einer Roggenernte von etwa 30 Metzen (1845 Liter) = 2250 Pfd. 
Roggen verwendet man in Flandern etwa 260 Kubikfuss Entlee- 
rungen. Da nun 1 1/2 Pfd. Roggen 2 Pfd. Brot geben, so müssen, 
wenn man den theoretisch festgestellten Geldbetrag zur Basis nimmt, 
die Gesammteutleeruugen volkreicher Städte, wie 





einen theore- 
tischen Werth 
haben von 


einen prakti- 
schen Werth 
von*) 


können Rog- 
gen produ- 
ciren 


die einen 

Werth 
haben **) 


woraus Brod 
erzeugt wer- 
den könnte 


mit dem Men- 
schen jährlich 
ernährt wer- 
den könn- 
ten***) 


London . 
Paris . . 
Berlin 
Wien . . 


fl. 

13,900,000 
8,460,000 
3,730,000 
2,680,000 


fi. 

6,000,000 
3,650,000 
1,264,000 
1,156,000 


Metzen 
(6IV2 Lit.) 
5,530,000 
3,369,000 
1,160,000 
1,064,000 


fi. Pfd. 

27,650,000 553,100,000 

16,845,000 336,900,000 

5,800,000 116,000,000 

5,320,000 106,400,000 


438,888 

267,380 

92,000 

84,440 



Wie aber leider noch heute der grösste Theil der Gülle aus 
Ställen und Höfen unbenutzt abfliesst, ebenso unbenutzt bleiben 
auch in den meisten grossen Städten die menschlichen Entleerungen 
und mit ihnen gehen viele Millionen an Geldeswerth verloren. Be- 
merkenswerth ist, dass gerade in den am stärksten bevölkerten 
Ländern der Erde, nämlich in Belgien, China, Japan, der 
Werth und die Wirkung der menschlichen Excrete allgemein er- 
kannt und benützt wird. Der chinesische Landmann, der des Mor- 
gens seine Bodenproducte nach der Stadt gebracht, trägt dagegen 
zwei Kübel jenes Düngermaterials an einer Bambusstange heim und 
verwendet zu Hause eine Sorgfalt auf die Sammlung und Behand- 
lung desselben, die Vielen zwar unbegreiflich sein mag, doch nichts 
desto weniger das in Europa fast überall noch herrschende Vor- 
urtheil dagegen als thörichten Wahn erscheinen lässt. 

In Japan, einem Lande von hoher Cultur, das aber weder 
Wiesen noch Futterbau, weder Stallmist noch Zufuhr von Guano, 



*) In Flandern zahlt man für die Entleerungen eines Menschen per Jahr 
etwa 2 fi., in Mannheim 1 fi. 50 kr., Koblenz 1 fl. 70 kr. Ferner zahlt der 
Landwirth per Kubikfuss in Grenoble 12 kr., in Antwerpen 5 — 12 kr., Dresden 
5 — 7 kr., Luxemburg 6 — 7 kr. u. s. w. 

**) Rechnet man einen Metzen Roggen zu 5 fl. ö. W. 
***) Wenn ein Mensch 372 Pfd. Brod täglich zu seiner Ernährung bedarf. 
T. Gohren, Ackerbauchömie. 26 



402 Zusammensetzung und Werth der menschlichen Entleerungen. 

noch Fabrication von Knochenmehl oder anderer Düngemittel kennt, 
ist der Mensch der einzige Dünger er zeuger. 

Es bedarf wohl keiner weiteren Argumente, um den Werth 
menschlicher Entleerungen in seiner vollsten Bedeutung erscheinen 
zu lassen; aber auch der allgemeine Stoffwechsel im Haushalte der 
Natur belehrt und mahnt uns, die Fruchtbarerhaltung der Felder 
keineswegs allein auf die Entleerungen der Wirthschaftsthiere zu 
basiren, sondern den menschlichen Excreten die erste Stelle einzu- 
räumen, um so mehr, als die Menschen die gewaltigsten Consu- 
menten landwirthschaftlicher Producte sind und dem zu Folge die 
nach Quantum und Quäle werthvollsten Abfälle liefern. Es wäre 
mehr als leichtsinnig, wollten unsere Landwirthe, noch länger an 
dem alten Vorurtheile hängend, ihre Augen vor dieser Ersatzquelle 
verschliessen zu einer Zeit, wo der Mangel an Stalldünger bereits 
eine so bedrohliche Aussicht in die nächste Zukunft eröffnet! 



b. Ansammlung, Behandlung und Verwerthung der 
menschlichen Excrete. 

Wiewohl also die Sammlung und Behandlung menschlicher 
Excrete nirgends unterbleiben soll, so erscheint sie doch besonders 
in volkreichen Städten geboten, unterliegt aber gerade da den 
allergrössten Schwierigkeiten, die in der Art der Ansammlung und 
Fortschaffung der Entleerungen und ihrer Verarbeitung auf festen 
Dünger zu suchen sind. Man ist über die in dieser Beziehung in 
Anwendung kommenden Mittel noch immer nicht einig, wie es die 
so verschiedenen Anlagen dieser Art, bei welchen man bald den 
sanitären bald den landwirthschaftlichen Theil der Kloakenfrage 
besonders berücksichtigt, in den grössten Städten zeigen. Die voll- 
ständige Lösung der combinirten Kloakenfrage unterliegt unge- 
heuren Schwierigkeiten. Während es zu den ersten Pflichten der 
öffentlichen Gesundheitspflege gehört, die Menschen vor den Ein- 
flüssen ihrer eigenen Ausscheidungen zu schützen, ist es ebenso 
Pflicht des Landwirthes, diese Ausscheidungen als Dünger zu be- 
nützen. 

Die Ansammlung und Behandlung der Excrete zu Düngungs- 
zwecken kann mehrfacher Art sein. Auf dem Lande, wo dies am 
ehesten thunlich, empfiehlt es sich, den Abortschlauch unmittelbar 
in die Jauchengrube oder in den Canal der Düngerstätte zu leiten, 
um so die Excrete sammt der Jauche mittelst der Jauchenpumpe 
auf den Düngerhaufen bringen zu können. 

In den Städten ist die Sache nicht so einfach und je nach 



Ansammlung, Behandlung und Verwertliung der mensclilichen Exerete. 403 



den Umständen und Verhältnissen wird bald dies bald jenes Fort- 
schaffungs- und Behandlungssystem in Anwendung kommen müssen. 
Zunächst hat man zwei Arten der Entfernung der Excrete aus den 
bewohnten Rayons zu berücksichtigen, das ist die Abfuhr und 
die Spülung oder Canalisation. 

1. Die Abfuhr bietet manche Vorzüge, weil sie die Excrete 
in unvermischtem und unverdünntem Zustand, sei es direct als 
Düngungsmaterial, sei es, um vorher ein Düngerpräparat herzu- 
stellen, zu verwenden gestattet. Zum Auffangen und Transport 
dienen entweder offene Kübel oder möglichst luftdicht geschlossene 
Gefässe. Letztere verdienen unbedingt den Vorzug. In Heidelberg 
hat man das sehr empfehlenswerthe und überall leicht durchführ- 
bare Tonnensystem' von Eduard Lipowsky acceptirt, welches wegen 
seiner Zweckmässigkeit hier kurz erörtert sei. 

Die Tonnen sind von Eisen hergestellt und ■werden durcli Einsclialtung 
eines Sj-phons vor der freien Luftconimunication mit dem Abfallrohr geschlossen. 
Die Tonnen a, b (Fig. A.j sind aus 
starkem Eisenblech gefertigt, gut ver- 
nietet, von der Gestalt eines stehenden 
Cylinders. Seitlich sind ungefähr in 
halber Höhe Handhaben angebracht, 
unter welche auch Behufs leichteren 
Transportes Stangen gesteckt werden 
können. Die Höhe der Tonne ist SO 
Ctm., ihr Durchmesser 46 Ctm. , sie 
hält daher etwas über einen Hektoliter 
Flüssigkeit und wiegt selber etwa 50 
Kilogr. Die obere Oeffnung der Tonne 
ist noch von einem zweiten gusseisernen 
Ringe umschlossen, so dass dazwischen 
eine Einne von etwa 2 Ctm. Tiefe 
bleibt. Diese Panne wird beim Wech- 
seln der Tonne mit einer Hand voll 
Asche theilweise angefüllt, auf welche 
Weise ein befriedigender Abschluss der 
Tonne an das Abtrittsrohr, welches 
unten mit einem verschiebbaren Eöhren- 
stück s versehen ist, bewirkt werden 
kann. Der Abschluss beim Transport 
wird durch einen gedrechselten Holzdeckel erreicht, der seinerseits eine Einne 
besitzt und durch Bügel und Schraube an den vorspringenden Eisenkranz an- 
gepresst wird, so dass den Forderungen nach Geruchlosigkeit vollständig ent- 
sprochen ist. 

Seitlich besitzt die Tonne eine kleine Oeffnung, an welche ein V/2 Ctm. 
starkes Eöhrchen ?' angeschraubt werden kann. Dieses dient zum Entweichen 
der Luft, während die Tonne sich langsam füllt. Damit keine üblen Gase ent- 
weichen, wird es durch plastische Kohle ausgefüllt. Dieses seitliche Eohr dient 
aber auch als eine Art Sicherheitsventil , wenn ja einmal eine Tonne überfüllt 
werden sollte. Man stellt für diesen Fall einen Eimer c unter oder aber man 
kuppelt mittelst der Eöhre eine Tonne mit einer zweiten. Der sehr stark- 

26* 




404 Ansammlung, Behandlung und Verwerthung der menschlichen Exerete. 



wandige Syphon S ist mit einer Vorrichtung versehen, damit er, falls eine Ver- 
stopfung eintreten sollte, geöffnet werden kann. Diese Vorrichtung besteht aus 

einem Deckel mit Gummi- 
verdichtung, der fest aufge- 
schraubt ist. Eine solche 
Tonne dient für ein ganzes 
Haus mit etwa 15 Einwoh- 
nern. Für Schulen oder 
Kasernen verwendet man 
fahrbare Kästen (Fig. B.) 
oder grössere fahrbare Ton- 
nen (Fig. C). 

Ein anderes bewähr- 
tes Abfuhrsystem ist das 
Liernur'sche. Es be- 
steht darin, dass aus den 
Kloakengruben die Fä- 
calien durch den äusse- 
ren Luftdruck in eine 
fahrbare Tonne, aus der 
durch eine Luftpumpe 
die Luft ausgepumpt 
wurde , gedrückt wer- 
den. Gintl, welcher 
in den Jahren 1870 und 
1871 wiederholt den 
Kloakeninhalt der Pra- 
ger Casernen, in wel- 
chen zuerst das Lier- 
n u r ' sehe System in 
Anwendung kam , ana- 
lysirte, fand in dem 
Stickstoffgehalt Schwan- 
kungen zwischen 0,6 — 0,8 Proc. ; im Phosphorsäuregehalt zwischen 
0,2 und 0,3 Proc; im Kaligehalt zwischen 0,1 und 0,2 Proc; und 
im Natrongehalt zwischen 0,3 und 0,5 Proc und als Mittelwerth 
für Wasser . , . 92,5^0 für Phosphorsäure 0,270 o/o 
„ Stickstoff . . 0,7710/0 „ Kali . . . 0,1440/o 

„ Gesammtasche 1,624 O/o „ Natron . , 0,3 9 6 «/o 

üebrigens sei im Interesse des Landwirthes darauf hingewiesen, 
dass er nur dann für die Entleerungen dem Städter etwas zahlen 
kann, wenn sie rein sind, d. h. keine fremden Stoffe enthalten 
(Spülwasser, Regenwasser, Sand u. s. w.). Durch fremde Bei- 
mengungen können sie derart entwerthet werden, dass sie nicht 
einmal die Abfuhr lohnen. In Belgien und Frankreich bedient man 




Ansammlung. Behandlung und Verwerthung der menschlichen Excrete. 405 

sich desshalb auch der Senkwage (nach Beaume) beim Ankauf der 
Unrathstoffe. Girardin untersuchte in Lille 3 verschiedene Sorten 
von Kloakeninhalt, die die Entwerthung durch Beimengungen deut- 
lich illustriren. 



Es enthielten die Proben (aus 
je einem Liter bestehend und 
sorgfältig vorher umgerührt) 



I. 

Unverfälscht 
aus einem 
Privathause 



II. 

Zusatz von etwa 
10 — IS^/o wie es 
in den Bürger- 
häusern üblich ist 



in. 

Aus dem Depo- 
toir eines Dün- 
gerhändlers mit 
starkem "Wasser- 
zusatz 



Wasser 

Organische Stoiie .... 

Ammoniak 

Kali 

Phosphorsäure 

Salpetersäure, Chlor, Schwefel- 
säure und Schwefelwasserstoff, 
Thonerde , Kalk , Bittererde, 

Natron 

Kieselerde, Eisenoxyd . . . 

Grade nach Beaume . . 



980,37 

26.59 

7,63 

2,14 

3,33 



•3, I ( 

.5.07 



998,63 
5,27 
5,69 
1.53 
1,01 



4,65 
0.62 



996,452 
0,514 
2,090 
0,159 
0.271 



7,487 
0.027 



2^1-2 



Zum Schutze vor den durch die Zersetzung der Fäcalien sich 
bildenden übelriechenden Gasen und gleichzeitig zur Verhütung 
von Verlusten an Ammoniak wendet man, namentlich bei Benützung 
offener Kübel, Desinfectionsmittel an. Der Desinfectionswerth 
einiger der wichtigsten dieser Mittel ist von Fleck bestimmt wor- 
den. Er fand, den Wirkungswerth einer Mischung von Chlorkalk 
und Schwefelsäure = 100 Grm. gesetzt, folgende Zahlen: 

Chlorkalk und Eisenvitriol = 99,0 

Lüder & Leidloff's Pulver =92,0 

Carbolsäure-Desinfectionspulver = 85,6 

Gelöschter Kalk = 84,6 

Alaun = 80,4 

Eisenvitriol == 76,7 

Chloralum = 74,0 

Bittersalz = 57,1 

Uebermangansaures Kali und Schwefelsäure . = 51,3 
Die durch Abfuhr gewonnenen Fäcalien*) werden entweder 

* Nicht dringend genug kann die allgemeine Einführung des neuerdings 
auf den wUrttembergschen Bahnen für den Transport von Fäcalien acceptirten 
Modus empfohlen werden. Näheres darüber siehe Deutsche landwirth. Presse 
1877. Nr. 28. 



406 Ansammlung, Behandlung und Verwerthung der menschlichen Excrete. 

äirect zur Düngung verwendet oder es werden aus ihnen diverse 
Düngerpräparate dargestellt. 

In ersterem Fall sind die auf die Felder gebrachten Mengen 
je nach Qualität der Fäcalien und des Bodens verschieden. In 
Belgien gibt man per Hectar 6 — 18 Kubikmeter dieses Düngers, 
wobei die Düngung alljährlich und zwar meist vor der Saat wie- 
derholt wird; in der Nähe von Karlsruhe verwendet man als Maxi- 
mum auf nicht sehr fruchtbarem Sandboden per Hectar für eine 
Ernte ca. 15 Kubikmeter, bei Grenoble bis 30 Kubikmeter alle 4 
Jahre. 

Die Methoden, um die frischen Fäcalmassen in leichter ver- 
werthbarere, besser transportable und höherwerthige Formen zu 
bringen sind zahllos. 

Dabei steht aber fest, dass nur die allereinfachsten Methoden 
mit den einfachsten Apparaten sich als lohnend erwiesen haben. 
Alle Unternehmungen, gegründet auf Gewinnung von concentrirtem 
Dünger aus den Unrathstoffen mit Hilfe von Centrifugalmaschinen, 
Destillationen, Eindampfungen und dergl. konnten sich nicht er- 
halten. 

Das einfachste Verfahren ist wohl die Gewinnung eines 
festen Düngers durch blosses Austrocknenlassen der 
Unrathmassen in flachen Gruben. Das so erhaltene Pro- 
duct heisst Poudrette. 

Zur Poudrettebereitung werden die menschlichen Entleerungen 
in flachen, 10 bis 20 Quadratmeter grossen, mit Thon oder durch 
eine Pflasterung undurchlässig gemachten Gruben gesammelt. 

Das Verdunsten des Wassers überlässt man der Luft. Um die 
Verflüchtigung des Ammoniaks zu hindern, wird der Masse etwas 
Schwefelsäure zugegeben, das verdunstete Wasser aber durch neue 
Zufuhr von Excreten ersetzt und damit so lange fortgefahren, bis 
die ganze Grube mit einer dickbreiigen Masse angefüllt ist, die 
herausgenommen und unter häufigem Umstechen an der Luft voll- 
kommen getrocknet wird. Letzteres kann auch so geschehen, dass 
man die zum Herausheben taugliche Masse stückweise in gedeckten, 
an den Seiten offenen Schoppen auf Lattengestellen ausbreitet. Die 
auf eine oder die andere Art völlig getrocknete Masse wird zer- 
mahlen und kommt als dunkles erdiges Pulver unter dem Namen 
„Poudrette" in den Handel. 

Leider sind selbst die besten Poudrettefabrikate nicht frei von 
Sand und anderen werthlosen Stoffen, da solche von der schon 
ursprünglich durch Verunreinigung damit versehenen Masse kaum 
zu entfernen sind. Die Poudrette ist aber auch ebenso wie aller 
andere Handelsdünger, absichtlichen Verfälschungen mit werthlosen 



I 



Ansammlung, Behandlung und Yerwerthung der menschlichen Escrete. 407 

Stoffen ausgesetzt, um ihr Gewicht zu vermehren. Dadurch ver- 
liert das Product ausserordentlich. Es ist anzunehmen, dass 10,000 
Theile Poudrette guter Qualität enthalten: 

Wasser 2500 

Organische Stoffe 3000 

Hierin Stickstoff ......... 300 

Mineralstoffe 4500 

Hierin Phosphorsäure 300 

Kalk- und Talkerde 500 

Kali 150 

Sand, Thon und ähnliche werthlose Stoffe 3650 
Nach Angabe der Fabrikanten geben 1000 Hectoliter breiige 
Fäcalstoffe bei der gewöhnlichen Poudrettefabrication 350 Hectoliter 
Poudrette im Gewichte von 21,000 Kilo und mit einem Gehalte 
von 315 Kilo Stickstoff. 

Soll Poudrette verwendet werden, so ist sie gut gepulvert 
drei Tage vor der Saat auf die Saatfurche zu streuen und so- 
gleich einzueggen, aus der Hand darf aber nur an windstillen 
Tagen gesäet werden. Soll Poudrette nur als Kopfdüngung be- 
nützt werden, so muss letztere, besonders bei Winterroggen, 
schon im Herbste, zum Zweck der Kräftigung zurückgebliebener 
Wintersaat selbstverständlich im Frühjahre erfolgen. Auch zum 
Lochdüngen verwendet man Poudrette mit Erde gemischt, nament- 
lich bei Kartoffeln. 

Die für die Poudrette-Düngung geeignete Bodenart ist eine 
an und für sich fruchtbare, nicht zu bindige und mehr trockene. 
Fast ganz wirkungslos bleibt nach vielseitigen Erfahrungen die Pou- 
drette auf nassen und kalkhaltigen Bodenarten. 

Besonders für die Gemüse und Knollengewächse ist die Dün- 
gung mit Poudrette angezeigt. Bei Halmfrüchten muss man wegen 
des leicht entstehenden Lagerns etwas vorsichtiger sein. Zu be- 
rücksichtigen ist ferner, dass beim Gebrauche menschlichen Düngers 
die Körner der Getreidearten wohl kleberreicher, aber stärkemehl- 
ärmer werden. Eine nach Poudrettedüngung gebaute Gerste ist 
daher für Brauer weniger gut, während der Roggen oder Weizen 
sich zum Brodbacken vorzüglich eignen. Für Wiesen und Klee 
ist, wie wir sehen werden, die Anwendung der Fäcalien in flüssiger 
Form besser als in Form von Poudrette. 

Die Ansicht, dass die nach Poudrette-Düngung erbauten 

Früchte einen widerlichen Beigeschmack hätten, ist ein Vorurtheil. 

Von den anderen Verarbeitungsarten seien nur noch einige 

wenige angeführt. Die Bereitung des „animalisirten Kalkes" 

geschieht in der Weise, dass man die breiigen Fäcalmassen mit 



408 Ansammlung, Behandlung und Verwerthung der menschlichen Excrete. 

Kalk mischt, welcher vorher mit Urin zu Mehl gelöscht wurde, und 
sie dami trocknet. Man nimmt 7 5 o/o frische Fäcalstoffe und 25 o/o 
Kalkmehl. Dieses Mischen ist mehr ein Ueberziehen einzelner 
Fäcaltheile mit Kalk nach Art der Fabrication der Pralines. Nach 
den Analysen enthält der animalisirte Kalkf 

Wasser 26,250/o 

Organische Substanzen . 19,500/o 

Stickstoff 2, 10 o/o 

Phosphat 3,250/0 

Ganz trocken ist er geruchlos ; da er aber sehr hygroskopisch 
ist, entwickelt er bald einen eigenthtimlichen Geruch. Die Wir- 
kung dieses Düngers tritt im ersten Jahre nicht besonders hervor, 
in dem folgenden um so mehr. 

Der sogenannte „Taffo" wird aus Fäcalstoffen bereitet, denen 
Abfallstoffe aller möglichen Art zugesetzt werden. Die Fabrication 
ist folgende: Die breiigen concentrirten Fäcalmassen werden mit 
250/0 ihres Gewichtes an Abfallstoffen vermischt. Diese Mischung 
wird zwischen zwei gerippten Walzen gemahlen, dann in einem 
Rührwerk noch weiter gemengt und kann später noch einen Zusatz 
von anderen Pflanzennährstoffen, z. B. von schwefelsaurem Ammo- 
niak, Superphosphat oder Alkalien erhalten. In letzterem Falle 
nennt man das Fabrikat „angereicherten", eventuell „ Phospho-Taffo ". 
Dann wird die Masse auf einer Presse zu Ziegeln geformt. 
Die gewöhnlichen Ziegelmaschinen eignen sich hierzu nicht, weil 
die Masse sehr schmierig ist und sich sehr leicht an den Kolben 
setzt. Man bedient sich eines Apparates, der nach Art eines lie- 
genden Thonschneiders construirt ist, aber statt der gewöhnlichen 
schraubenförmigen Messer eine vierseitige Walze mit vertieften 
Seiten eingefügt enthält. 

Die Analyse dieser Fabrikate ergab: 

Einfacher Angereicherter Phospho- 
Taffo Taffo taffo. 

Wasser 18,40 21,00 12,01 

Organische Substanzen . . . 45,80 44,90 36,51 

Phosphorsaurer Kalk , . . 9,50 11,60 37,80 

Kali 1,35 0,78 nicht bestimmt 

Alkalien 1,80 1,22 „ 

Andere düngende Substanzen . 23,15 20,50 13,59 

100,00 100,00 100,00 

Stickstoff in der organ. Substanz 3,60 5,92 5,10 

Hie und da hat man wohl versucht, die festen Excremente 
von dem Urin zu sondern und beide separat zu verarbeiten, jedoch 
ohne sonderlichen Erfolg. Wird der Urin von den Excrementen 



Ansammlung, Behandlung uud Verwerthung der menschlichen Excrete. 409 

getrennt 7 so entbehrt der aus den letzteren bereitete Dünger sehr 
viel Stickstoff und Phosphorsäiire und wird der Urin allein, so z, B. 
aus den Pissoirs grösserer Städte zu sogenannten „üraten" be- 
nützt, so ist bei deren Fabrication der bedeutende Wassergehalt 
störend. Die Urate stellt man meist dadurch her, dass man durch 
Urin gelöschtes Kalkmehl (3/4 Urin und 1/4 Kalk) zusetzt. Die 
Analyse eines mit Urin übersättigten Kalkes ergab: 

Organische Substanz exclus. Stickstoff 23,25 0/0 

Stickstoff 1,450/0 

Phosphorsäure 0,88 "^/o 

Alkalien 0,700/o 

Kalk 38,950/0 

Andere Substanzen 17,8 7 0/0 

Zuweilen wird statt des Kalkes auch Gyps zum Eintrocknen 
verwendet. 

2. Die Spülung und Canalisation ist unter gewissen 
Verhältnissen ohne Zweifel ganz am Platze. Das Haupthinderniss 
bei der Verwerthung ist die in Folge der Wasserspülung zu starke 
Verdünnung des Kloakeninhaltes (sewage). 

Den verdünnten Kloak^inhalt leitet man entweder in grosse 
Bassins zur Klärung und Ausfällung der in der Flüssigkeit fein 
vertheilten Fäcalmassen oder man benützt ihn direct zur Berieselung 
der Felder. Ueber letzteres Verfahren, wie es in Groydon, Rugby 
und Edinburg , dann in Danzig , Berlin, Brüssel, in Genvilliers bei 
Paris und anderen Orten eingehalten wurde und wird , soll später 
ausführlicher gesprochen werden. Ersterwähntes Verfahren, welches 
in Asnieres bei Paris, in Tottenham in England und anderwärts im 
Grossen und theilweise mit Erfolg angewendet wurde , erfordert 
einmal colossale Bassins, die nicht überall anzubringen sind, und 
dann ein entsprechendes Fällungsverfahren. 

Bewährt hat sich in dieser Beziehung das von Forbes und 
Price. Es besteht darin, dass man ein Thonerde-Phosphat (von 
Alta Vela, einer kleinen Insel in Westindien stammend), welches 
durch Behandlung mit Schwefelsäure löslich gemacht , also in ein 
Superphosphat umgewandelt wurde, dem Kloakeninhalt in den 
Bassins zusetzt und mit demselben mengt, worauf man durch Zusatz